Meleons magische Schokoladen

Ann-Merit Blum · Kapitel 3 von 23

PDF-Seiten

Meleons magische Schokoladen

Phineas

 

Meleon hatte vieles zu lehren.

Unter seiner Anleitung faltete Isabell Papiermanschetten, klebte vorgefalzte Pappe zu Pralinenschachteln und wusch Abtropfgitter. Gemeinsam verlasen sie Rosinen, dörrten Birnen und kandierten Zitronenschale. Isabell füllte Konfekt in Tütchen. Sie schnitt Früchtebrot in akkurate Scheiben, bestäubte noch warmes Gebäck hauchfein mit Puderzucker und arrangierte es auf silbernen Platten.

Schokolade durfte sie nicht verarbeiten, ehe der Oktober schon beinahe vorüber war. Als Erstes hatte sie Schokoladenlocken von der Marmorplatte abzuziehen, wo die Masse sofort nach dem Auftragen fest wurde. Diese Locken wurden in Papiertüten gefüllt und in dieser Form als Rohstoff für die Pralinenfertigung verwendet. Meleon gab in seinen Rezepten alle Mengen in Tüten, Bechern und Löffeln an.

„Eine Waage braucht man nur, um Gift zu mischen oder Sekoy zu machen“, sagte er stets, wenn Isabell etwas abwiegen wollte.

Also lernte sie, Zutaten aus dem Handgelenk zu dosieren und sich auf ihr Augenmaß zu verlassen.

Meleon hatte Isabells Französischlehrerin einen Besuch abgestattet, vorgeblich, um bestelltes Konfekt auszuliefern. Die würdige Dame war danach bereit, zu beschwören, dass Isabell dreimal wöchentlich zu ihr kam, um Verben zu konjugieren und den Gebrauch der Präpositionen zu üben, auch wenn sie in dieser Zeit in Wirklichkeit in Meleons Küche stand.

Ihre Eltern waren damit fürs Erste befriedet und sie konnte sich ganz der Kunst der Pralinenherstellung widmen.

Über ihre wundersame Verwandlung in eine große Katze hatte sie mit Meleon nicht wieder gesprochen. Sie zog es vor, die Sache als Halluzination zu betrachten, obwohl das Loch in der Hintertür eindrucksvoll Zeugnis von dem Vorfall ablegte. Meleon trug auch immer noch die Spuren der scharfen Krallen, die er jedermann gegenüber als Verletzungen bei einem Sturz ausgab.

Der November rückte heran. Das Wetter wurde unleidlich und Isabell war jedes Mal froh, in den gemütlichen Laden zu kommen, ihre Tasse Kaffee zu trinken und sich dann in der angenehm temperierten Küche ans Werk zu machen, während draußen kalter Regen fiel.

Sie lernte, Schokolade zu schmelzen, mit dem Handrücken zu prüfen, ob die Schüssel über dem Wasserbad nicht zu heiß geworden war, und so das gefürchtete Gerinnen der Masse zu verhindern. Aber sie arbeitete immer noch mit bereits vorbereiteter Schokolade, die jenen zarten Schmelz besaß, den nur Meleon seinen Kunden zu bieten wusste.

Sie drängte ihn häufig, das Geheimnis dieser wunderbaren Konsistenz preiszugeben, doch er lächelte jedes Mal und schüttelte den Kopf.

„Noch nicht“, sagte er.

Einmal kam sie abends in die Küche und fand einen offenen Kasten mit Sekoy auf dem Tisch. Weiße Kachmar und braune Dashân saßen nebeneinander in den Vertiefungen und verströmten einen Duft, bei dem ihr buchstäblich das Wasser im Mund zusammenlief.

Eine braune Schokoladenkatze fehlte.

Isabell schob die Schachtel fort, um nicht in Versuchung zu geraten. Sie rief nach Meleon, doch er antwortete nicht. Niklas stand vorne im Laden und bediente die letzte Kundin des Tages, die offenbar nicht so leicht zufrieden zu stellen war, und ihn bereits eine Viertelstunde über die Öffnungszeiten hinaus beschäftigt hielt.

Isabell hängte Hut und Mantel fort und ging nach oben.

Meleons Kleider lagen am Boden verstreut.

Auf seinem Bett stand eine äußerst große, dunkelbraune Katze.

Ein Dashân.

Isabell erschrak. Einen Augenblick lang sah sie die schreckliche Szene vor sich, wie irgendjemand die Schokoladenkatze aus dem Kasten nahm, aufaß, sich verwandelte, und Meleon in Stücke riss.

Aber die Kleider waren nicht zerfetzt, sondern heil. Das Zimmer sah ordentlich aus wie immer. Und die riesenhafte, bedrohliche Katze gab so etwas wie ein Schnurren von sich.

„Meleon?“, fragte sie vorsichtig.

Der Dashân gähnte, streckte sich und sprang vom Bett. Bernsteinaugen sahen zu Isabell auf.

„Schöne Katze“, sagte sie und der Dashân purrte. Dann war er mit zwei geschmeidigen Sätzen an der Tür und die Treppe hinunter. Isabell hörte, wie die Hintertür geöffnet und wieder geschlossen wurde.

Als sie nach unten kam, drehte Niklas gerade den Schlüssel.

„Was bedeutet das?“, fragte Isabell. „War das Meleon?“

Niklas nickte. Er klappte den Deckel über den Sekoy zu.

„Er verwandelt sich selbst?“, vergewisserte sich Isabell.

„Manches vertraut man anderen nicht gerne an. Geht er selbst, ist es gefährlich und äußerst wichtig.“

Isabell setzte Wasser auf und nahm eine Dose aus dem Schrank, um Kaffee zu kochen, wie jeden Abend.

„Hast du den Laden abgeschlossen?“

„Habe ich. Ich gehe wieder nach vorne, um alles fortzuräumen und auszufegen.“

Kaum war er durch den dunklen Gang verschwunden, klopfte es an der Hintertür. In der Erwartung, Meleon sei noch einmal umgekehrt, öffnete Isabell und stand plötzlich Phineas gegenüber. Im Reflex wollte sie die Tür zuschlagen, doch schon hatte er die Schuhspitze in den Spalt geschoben und drückte sich nach drinnen, nicht ohne sich gleichzeitig vor ihr zu verbeugen.

„Ich wünsche einen guten Abend! Der Herr des Hauses ist abwesend?“

„Niklas“, rief Isabell.

Phineas zuckte nur mit den Achseln.

„Ich fürchte mich nicht vor einem vierzehnjährigen Zauberschüler.“

„Was wollen Sie?“, fragte Isabell.

„Die Gelegenheit nutzen, um mit Ihnen zu reden.“

„Dann reden Sie!“

Phineas bediente sich ungefragt an den Pralinen, die noch auf dem Gitterrost trockneten. Als er die Hand danach ausstreckte, sah er, wie sich Isabells Augen erschrocken weiteten, klappte den Kasten auf und starrte die Sekoy an, als könnten sie sich im nächsten Augenblick auf ihn stürzen.

„Finger weg!“, fauchte Isabell. „Haben Sie denn nicht die geringste Erziehung?“

Phineas packte den Kasten, machte zwei schnelle Schritte und riss die Ofenklappe auf. Isabell bekam ihn an der Jacke zu fassen und riss ihn rückwärts, doch es war zu spät. Flammen zuckten.

Isabells flache Hand klatschte Phineas mitten ins Gesicht.

„Gehen Sie!“, sagte sie. „Sofort!“

Er hielt sich die Wange, auf der sich ihre Finger sichtbar abzeichneten.

„Ich gehe, sobald ich Sie gewarnt habe.“

„Wovor?“

„Nun, vor Meleon. Er ist ein gefährlicher Mann und umso gefährlicher, wenn es um Frauen geht.“

„Ich weiß nicht, was Sie mir damit zu verstehen geben wollen. Ihre Worte sind geschmacklos und ich bedarf Ihrer Warnung nicht.“

„Da irren Sie sich leider. Meleon versteht es, Eindruck zu machen. Doch darf man eben nicht vergessen, dass er ein mächtiger Zauberer ist. Er umgarnt Sie, benutzt Sie, und dann…“

Isabell schlug ihre Röcke enger um ihre Beine.

„Was Sie Warnungen nennen, Herr Phineas, sind nichts als Unverschämtheiten. Ich lasse mich nicht umgarnen und schon gar nicht benutzen, und es wirft ein trauriges Licht auf Ihren Charakter, dass Sie es wagen, so mit einer Dame zu sprechen.“

„Sie missverstehen mich. Ich meine es vollkommen ernst. Es gehört zu seinen Zauberkräften, sich andere gefügig zu machen und sie für seine Zwecke einzusetzen. Er kennt keine Skrupel und entledigt sich jener, die er nicht mehr benötigt. Meleon ist ein dunkler Magier, der letzte von vier Zauberern des Königs, ausgebildet, um zu binden und zu unterwerfen…“

„Mach den Mund zu, Phineas!“ Niklas war von vorne gekommen, den Besen noch in der Hand. „Du beschmutzt mit deinen Worten ein Wesen, gegen das du nichts als Abschaum bist. Und du würdest dich nicht über die Schwelle wagen, wenn er hier wäre.“

„Geh kehren, Junge“, erwiderte Phineas und wandte sich wieder Isabell zu. „Bitte, schlagen Sie meinen Rat nicht in den Wind! Meleon hat finstere Pläne und man weiß nicht, welche Rolle Sie darin spielen. Doch eines beweist die Erfahrung: Er nimmt sich, was er haben will, ganz gleich, ob es sich um Macht, Gold oder Frauen handelt…“

Isabell wies zur Tür.

„Hinaus mit Ihnen! Kommen Sie ein andermal wieder, um mit Herrn Meleon selbst zu solche Nettigkeiten zu tauschen, und verschonen Sie mich jetzt und künftig vor Ihrer unangenehmen und ungezogenen Person!“

Niklas hob drohend den Besen und Phineas trat den Rückzug an.

Die Tür fiel zu. Niklas schloss ab, sank an der Tür herab und brach in Tränen aus. Er stammelte Worte in einer fremden Sprache und ließ sich nur mühsam beruhigen. Isabell drückte ihm ein Küchenhandtuch in die Hand, kochte Kaffee und schnitt zwei Scheiben Früchtebrot ab.

Niklas widerstand dem Duft nicht lange, schnäuzte sich ins Geschirrtuch und warf es dann in den Wäschekorb.

„Ich hasse ihn“, sagte er wild. „Ich hasse ihn. Er neidet Meleon das edle Blut, sein Wissen und ja – seine Macht! Weil er selbst eine Ratte aus der Gosse ist, die alles annagt und bepinkelt, um es anderen widerwärtig zu machen…“

„Niklas, achte auf deine Sprache“, sagte Isabell.

Er entschuldigte sich.

„Dieser Phineas treibt mir die Galle hoch. Meleon würde mich tadeln, denn wir sind erhaben, oder sollten es doch sein. Doch wenn er solche Sachen zu Ihnen sagt…“

„Ich vermag mich selbst zu wehren. Iss nun deinen Kuchen. Und dann verrate mir, wann wir Meleon zurückerwarten können. Ich möchte dich ungern heute Nacht allein hier lassen, wenn Herr Phineas vielleicht noch in der Nähe ist.“

„Die Sekoy…“, begann Niklas, sah, dass der Kasten fehlte und schlug entsetzt die Hand vor den Mund.

„Phineas hat sie in den Herd geworfen. Ich konnte ihn nicht mehr rechtzeitig zu fassen bekommen.“

Niklas blähte die Backen und ließ ganz langsam die Luft entweichen.

„Und ich dachte schon, er hätte sie mitgenommen. Aber das wagt er dann doch nicht. Meleon wird böse sein. Elf Sekoy vernichtet! Ein Vermögen! Und so viel Arbeit.“

„Sind sie teuer?“, fragte Isabell, da sie ja einen Kachmar gegessen hatte.

Niklas nickte. Er kontrollierte die Verriegelung der Fensterläden und lief dann nach oben, um sie auch dort vorzulegen. Isabell folgte ihm in den ersten Stock und hob Meleons Kleider auf.

„Hatte er es eilig?“

„Ja. Ein Brief kam. Er verbrannte ihn, ließ mich die Sekoy holen, nahm einen Dashân heraus, steckte ihn sich sofort in den Mund und musste hier herauf rennen, um die Kleider noch rechtzeitig herunterzubekommen, ehe die Verwandlung einsetzte.“

„Hat er nichts gesagt? Wie lange es dauert, oder wohin er unterwegs ist?“

„Er hat nur gesagt, er könne einige Tage ausbleiben und ich solle den Laden weiterführen.“

„Und was tun wir also?“

Niklas zuckte ein wenig hilflos die Achseln.

„Er hat mich noch nie allein gelassen. Wenn ihm etwas zustößt…“ Er straffte sich. „Was nicht geschehen wird. Er ist weise und mächtig. Wie oft haben sie ihn gejagt und er ist immer entkommen! Sogar an jenem schwarzen Tag…“ Sein Blick richtete sich ins Leere, dann sank sein Kopf und Isabell sah Tränen zu Boden tropfen. „Sie werden uns nicht in Ruhe lassen“, murmelte er. „Niemals.“

Isabell drückte Niklas auf die Bettkante nieder.

„Warum? Warum sind sie so entschlossen? Anscheinend haben sie doch, was sie wollten. Der König ist im Exil…“

„Sie fürchten, dass er zurückkommt. Dass Meleon ihm den Weg ebnet. Dass er furchtbare Rache nimmt.“ Niklas hob den Kopf und sah Isabell an. „Und ich hoffe, er wird es tun! Eines Tages, wenn er bereit ist, wird er sie vernichten. Alle!“

Er schob das Kinn vor und schniefte dabei.

Isabell schnalzte vorwurfsvoll.

„Meleon würde ganz gewiss niemanden vernichten. Schon gar nicht alle, wen auch immer dieses Wort einschließt.“

„Sie kennen ihn nicht. Sie kennen seinen Zorn nicht, wenn er frisch und heiß ist und schon gar nicht, wenn er abgekühlt und dreifach gefährlich ist. Es gibt niemanden, den sie so fürchten, denn sie wissen, was sie ihm angetan haben. Ich war dabei. Ich habe gesehen, wie sie die Herrin die Treppe hinab stürzten, wie sie liegen blieb…“ Diesmal begann er zu schluchzen. „Und Lesla…“ Er brachte die Worte gar nicht mehr heraus. Isabell zog seinen Kopf in ihre Arme und streichelte sein Haar, während er immer haltloser weinte. Irgendwann sah er aus geschwollenen Augen zu ihr auf. „Sie sind alle tot. Außer Meleon und mir.“ Er leckte sich Tränen von den Lippen. „Auch die beiden ganz Kleinen. Und deswegen hoffe ich, dass seine Rache das Schrecklichste wird, das eine Welt jemals gesehen hat.“

Isabell schüttelte den Kopf, holte ein frisches Handtuch, brachte Niklas dazu, sich das Gesicht abzuwaschen und spendete ihm den wirksamsten Trost, den Meleons Kunst bereit hielt: Weiße Kirschtrüffel, wirksam gegen jeden Kummer und sanft beruhigend.

Niklas aß ein halbes Dutzend der perfekt gerundeten Kugeln und saß dann gebeugt wie ein alter Mann am Tisch, tränenlos, aber immer noch mit spürbarer Wut. Gegen Wut kannte Isabell kein ebenso probates Mittel.

„Wohin kann Meleon unterwegs sein?“, fragte sie, um ihn abzulenken.

Niklas hob die Schultern.

„Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, er hat die Schwelle überschritten.“

„Was meinst du damit?“, fragte Isabell beunruhigt.

„Die Schwelle zu unserer Welt“, präzisierte Niklas. „Ich wünschte, ich könnte schneller lernen. Dann wäre ich schon ein Zauberer und würde ihn begleiten. Wir würden sie zurückschlagen, das Reich wiedererobern und noch einmal glücklich sein. Bis an unser Lebensende.“ Er wischte sich die Nase mit dem Handrücken. „Aber so ist es nicht. Ich bin nicht klug genug und meistere die hohen Künste nur mühsam. Es wird Jahre dauern, ehe ich an seiner Seite kämpfen kann.“

„Darüber immerhin sollten wir froh sein“, sagte Isabell. „Mir gefällt das ganze Gerede über Kampf und Rache nicht. Räum nun fertig auf und lass uns überlegen, wie wir das Haus für die Nacht sichern können!“

Immer noch beunruhigt verließ sie eine halbe Stunde später Meleons Pralinengeschäft und lief durch die nur wenig erhellten Straßen heimwärts. Ihre Eltern würden ungehalten sein, denn sie war über die Zeit ausgeblieben. Sie konnte behaupten, sie habe mit der Französischlehrerin noch ein Schwätzchen gehalten und so ernsteren Tadel vermeiden.

Ganz in Gedanken überquerte sie das Gässchen, das zur Kirche hinauf führte, und erschrak, als sich plötzlich eine dunkle Gestalt aus den Schatten löste und den Hut zog.

„Verzeihen Sie, dass ich mich noch einmal aufdränge…“

„Ich verzeihe nicht!“, schnappte Isabell. „Es ist ganz genau, wie Sie selbst einräumen: Sie drängen sich auf. Verschwinden Sie, oder ich schreie!“

„Oh, bitte“, sagte Phineas. „Ich möchte doch nicht mehr, als Sie sicher nach Hause geleiten und dabei einige Worte mit Ihnen wechseln.“

„Ich hingegen möchte nichts davon!“

„Meleon versteht es, Sie gegen mich einzunehmen und das verüble ich ihm nicht einmal. Aber das befreit mich nicht von der Verpflichtung, Sie vor einer großen Gefahr zu warnen.“

Isabell ging weiter und zwang ihn damit, hinter ihr herzulaufen.

„Hören Sie! Ich kann mir denken, was Meleon Ihnen erzählt hat…“

„Herr Meleon hat mir nichts erzählt“, sagte Isabell und eilte weiter.

„Umso schlimmer.“ Phineas bemühte sich, gleichauf zu kommen, doch das Trottoir war zu schmal und er musste auf die Straße hinunter, was den Größenunterschied ausglich und ihn weniger bedrohlich erscheinen ließ. „Ich möchte Ihnen doch nur helfen.“

Isabell beschleunigte ihre Schritte so sehr, dass sie beinah schon rannte. Phineas hielt mühelos Schritt.

„Bitte, erlauben Sie ihm niemals, Sie beim Vornamen zu nennen! Verbieten Sie ihm…“

Isabell fuhr herum und ihre behandschuhte Hand traf ihn so fest auf den Mund, dass es vernehmlich klatschte.

„Es genügt vollkommen, dass Sie mir gegen meinen Willen folgen. Aber ich dulde nicht länger, dass Sie fortgesetzt unverschämt werden. Ich bin weit davon entfernt, mit Herrn Meleon vertrauliche Anreden zu tauschen, doch selbst wenn es mir in den Sinn käme, wäre das nicht Ihre Sache. Jeder Satz aus Ihrem Mund ist eine Ungeheuerlichkeit. Ich werde bei der Polizei Klage über Sie führen und darauf bestehen, dass man Sie aus meiner Nähe fernhält.“

„Fräulein Fechter…“

Isabell stürmte davon und diesmal blieb er hinter ihr zurück. Keuchend langte sie an der Haustür an und bemühte sich zu Atem zu kommen. Soweit das Licht der Laternen reichte, war niemand zu sehen. Trotzdem zitterten ihr die Hände.

Sie versuchte, ihr Zimmer zu erreichen, doch auf halber Treppe rief sie die Stimme ihrer Mutter zurück.

„Isabell! Darf ich fragen, wo du zu dieser Uhrzeit herkommst?“

Seufzend nahm Isabell den Hut ab und ging wieder in die Halle hinunter, um die Standpauke über sich ergehen zu lassen.

OceanofPDF.com