Meleons magische Schokoladen
Ein neuer Duft
Der Laden war ganz plötzlich da. Buchstäblich über Nacht musste jemand die Schaufenster dekoriert und die Preistafeln angebracht haben, denn am Tag zuvor hatte noch nichts auf neue Mieter hingewiesen. In goldenen Lettern stand Meleon auf der Scheibe der Tür, über der ein goldenes Glöckchen hing.
Das Glas spiegelte in der Morgensonne und so konnte man von den Auslagen wenig erkennen. Es war der Duft, der dafür sorgte, dass sich Köpfe drehten und Passanten andächtig schnupperten.
Isabell sah das Glöckchen blitzen und ging über die Straße, um festzustellen, was in dem neuen Geschäft verkauft wurde, da trug der Wind den zarten Geruch auch bis zu ihr und sie lächelte unwillkürlich. Wie von Zauberhand öffnete sich die Tür. Ein schlanker, dunkel gekleideter Mann hielt sie auf und verneigte sich.
Isabell blieb vor den makellos geputzten Vitrinen stehen, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollte.
„Vielleicht möchten Sie einiges probieren…“
Er reichte ihr ein kleines Tablett mit Pralinen über die Theke.
Seine Augen waren vom Braun feinster dunkler Schokolade. Isabell wandte schnell den Blick ab und nahm das erste, das ihr in die Finger kam. Es war eine Kugel mit glattem Überzug und cremigem Inneren, das nach Vanille und Sahne schmeckte.
„Versuchen Sie noch eine!“
Diesmal geriet Isabell an etwas, das ihr im ersten Moment zu stark und alkoholisch schien, das aber in so weichen Nuancen ausklang, dass sie den Geschmack schon vermisste, ehe er sich ganz verflüchtigt hatte.
„Köstlich.“
„Dann trinken Sie doch bitte ein Schlückchen Kaffee und versuchen Sie noch das eine oder andere aus meinem Sortiment.“
Im Handumdrehen stand ein Tässchen mit dem goldenen Schriftzug Meleon vor Isabell auf einem Tisch.
Ehe sie es sich versah, hatte sie ein halbes Dutzend Pralinen probiert und zwei Tütchen voll gekauft. Ein wenig verwirrt, ja fast benommen, verließ sie den Laden mit einer Papiertasche, auf deren samtigem Braun goldglänzend der Name Meleon prangte.
Zu Hause verteilte sie von ihren Neuerwerbungen. Ihr Vater war besonders angetan von den Cognactrüffeln und ihre Mutter bat sie, für den kommenden Sonntag von den zierlichen Schokoladeneclairs zu kaufen.
Fast unvermeidlich führte Isabell ihr Weg am folgenden Tag wieder bei Meleon vorbei.
Der junge Mann öffnet ihr die Tür, das Glöckchen schlug an, Isabell trat über die Schwelle und verließ eine Viertelstunde später den Laden mit weiteren 250 Gramm Pralinen. Kurz darauf kehrte sie um, und das Glöckchen bimmelte ein weiteres Mal.
„Ich habe die Schokoladeneclairs vergessen. Meine Tante kommt am Sonntag und meine Mutter möchte ihr unbedingt davon vorsetzen.“
Während Meleon die Eclairs in kleine Manschetten setzte, fiel Isabells Blick auf eine Geschenkschachtel mit Schokoladentieren, die geöffnet auf einem der beiden Marmortischchen stand. Fasziniert betrachtete sie die detailliert gestalteten Fabelwesen, darunter Greifen, Einhörner und anderes, was ihr ganz und gar phantastisch erschien.
„Was kosten sie?“
Der junge Mann sah von den Eclairs auf.
„Sie sind unverkäuflich.“ Er lächelte verbindlich. „Ich bin noch nicht zufrieden damit.“
Die restliche Woche über musste sich Isabell förmlich zwingen, Meleon keinen weiteren Besuch abzustatten. Sie ging zweimal daran vorbei und beide Male war das Geschäft gut besucht. Mit der Zeit kamen kleine Ergänzungen dazu, wie ein hübsches, glänzendes Schild mit den Öffnungszeiten, eine auf zimtfarbenes Papier gedruckte Liste der verwendeten Zutaten und neue, kunstvoll gefaltete Papierschachteln mit hübschen Schleifen.
Am Sonntag zeigte sich Isabells Tante entzückt von den Eclairs.
„Wer sind diese Leute? Ich habe den Namen nie zuvor gehört. Könnten sie Franzosen sein? Hugenotten?“
„Ich weiß es nicht. Der Inhaber sieht nicht wie ein Franzose aus.“
„Bemerkenswert. Aber wie auch immer: schreibe mir gleich die Adresse auf, damit ich jemand nach ein wenig Konfekt für deinen Onkel schicken kann! Du weißt ja, was für ein Schleckermaul er ist.“
Über Tante Maries Freundinnen und Bekannte verbreitete sich der Ruf des neuen Geschäfts dann schnell in dem kleinen Städtchen Hilligenhain.
In der dritten Woche entdeckte Isabell ein neues Gesicht hinter der Ladentheke. Ein schmächtiger Junge half dem Inhaber, Pralinen zu verpacken und auf den Silbertellern aufzutürmen.
„Allein werde ich mit dem Andrang nicht fertig“, erklärte Meleon. „Darf ich Ihnen bei der Gelegenheit gleich etwas Neues anbieten?“ In der feinen, cremigen Füllung verbarg sich etwas Knuspriges.
„Was ist das?“
„Nun, was meinen Sie selbst?“
„Kandierte Rosenblätter, nicht wahr?“
„So ist es. Sie sind eine Kennerin!“
Ohne Grund errötete sie. Mit ihren Einkäufen verließ sie den Laden, während der neue Junge ihr die Tür aufhielt.
Bald wusste sie, dass der junge Mann tatsächlich Meleon hieß und seine Kreationen in der geräumigen Küche hinter dem Laden selbst anfertigte. Sie war es bereits gewöhnt, den Jungen mit Niklas anzureden und jede neue Sorte als erste zu kosten, ehe Meleon das Konfekt für würdig erachtete, über seinen Ladentisch zu gehen. Und bei alldem nahm sie wundersamer Weise nicht zu.
„Ich weiß gar nicht, wie du das machst“, sagte ihre Mutter. „Der Posten für Schokolade und Konfekt nimmt sich in unserem Haushaltsbuch geradezu ungehörig aus. Trotzdem, wenn du zu Meleon kommst, bring mir bitte ein Tütchen Hanselnusscanache mit.“
Es war Isabell ganz recht, Aufträge dieser Art auszuführen, denn so hatte sie immer wieder einen Anlass, Herrn Meleon einen Besuch abzustatten.
Der Tag war windig und kühl, die Schwalben hatten sich längst auf ihre Reise nach Süden gemacht, und Isabell genoss den Kaffee, den ihr Niklas servierte. Die Ladenglocke schlug an. Meleon kam von hinten. Vor der Ladentheke stand der Vorsteher der örtlichen Verwaltung, den Binder fest unterm Kinn geknotet, die Miene ernst. Er verneigte sich höflich vor Isabell und fasste dann Meleon ins Auge.
„Ich habe von Ihren Patisseriekünsten gehört. Ihr Ruf verbreitet sich in Windeseile.“
„Herzlichen Dank.“
„Allerdings, Herr Meleon, gäbe es da einiges zu klären. Es geht ordentlich zu, in unserem kleinen Gemeinwesen. Und so sehr wir uns freuen, ein Talent wie das Ihre unter uns zu wissen, müssen die vorgeschriebenen Wege doch eingehalten werden.“ Er gab Meleon seine Karte. „Ich muss Sie bitten, sich um die ordnungsgemäße Anmeldung Ihres Gewerbes zu bemühen und bei der Innung vorzusprechen.“
Meleon lächelte. Er schnippte mit dem Zeigefinger von unten gegen seinen Mittelfinger. Isabell meinte, ein winziges Fünkchen fliegen zu sehen. Der Gemeindevorsteher rieb sich die Augen. Sekundenlang sah er mit leerem Blick auf die Auslagen.
„Wie dumm von mir“, sagte er und betastete die Tasche, die er unter dem Arm trug. „Ich habe ja schon alles hier. Vergessen Sie, was ich gesagt habe, Herr Meleon. Und geben Sie mir bitte ein Viertelpfund Konfekt für meine Frau mit!“
„Wenn ich meine Kirschtrüffel empfehlen darf…“ Mit einer silbernen Zange arrangierte Meleon die Trüffel in silberne Konfekthütchen, stapelte sie in eine blass-gelbe Verpackung und schlang eine zartgrüne Schleife darum. „Mit besten Empfehlungen an die Frau Gemahlin“, sagte er und hielt dem Gemeindevorsteher die Tür auf. Das Glöckchen klimperte.
Isabell sah Meleon forschend an.
„Das war sonderbar.“
„Ja. Die Leute in der Verwaltung sind ungeheuer vergesslich. Mir ist das schon häufiger aufgefallen. Darf ich Ihnen heute die neuen Pflaumenhütchen zum Probieren anbieten?“
Isabell hätte den Vorfall wahrscheinlich vergessen, wenn nicht eine Woche später ein ganz ähnlicher Besuch ihre Erinnerung aufgefrischt hätte.
„Kampling“, sagte der junge, gut gekleidete Mann, der forsch den Laden betreten hatte. „Georg Kampling.“
„Sehr erfreut, Herr Kampling. Was kann ich für Sie tun?“
Kampling reckte das Kinn.
„Sie können mir erklären, mein Herr, wie es kommen mag, dass Sie sich hier in diesem Laden eingerichtet haben. Dieses Haus gehört meiner Tante, Emma Kampling…“
Meleon nickte. Wieder schnippte sein Zeigefinger vom Daumen gegen die Unterseite des Mittelfingers. Ein Fünkchen schien Kampling ins Auge zu geraten. Er betupfte die Augenwinkel mit einem veilchenfarbenen Taschentuch.
„Tante hat wahrscheinlich vergessen, uns zu sagen, dass sie einen Mieter gefunden hat. Wie nachlässig von ihr.“
„Ihre Tante ist betagt. Und seien Sie doch bitte so freundlich, ihr von mir diese Schachtel feinster Obstkonfekte zu überreichen. Ich weiß, dass sie ihre Streuobstwiesen so gerne hat. Es muss deprimierend sein, wenn man immer zu Hause bleiben muss. Vielleicht bringt das Konfekt Erinnerungen zurück. Vielleicht sogar den Wunsch, wieder ein wenig nach draußen zu gehen und die wunderbare Luft in diesem schönen Ort zu atmen.“
„Das ist sehr aufmerksam von Ihnen, Herr Meleon. Ich werde Tante das Konfekt bringen und ihr sagen, dass wir froh sind, einen so passenden Mieter für unser altes Haus gefunden zu haben.“
Meleon verneigte sich, während er die Tür aufhielt. Sein Lächeln wirkte versonnen.
„Arme, alte Frau Kampling“, sagte er zu Isabell. „Schon an die neunzig, habe ich mir sagen lassen. Darf ich Ihnen noch ein Tässchen Kaffee bringen?“
„Das wäre nett.“
Isabell forschte sekundenlang in Meleons dunklen Augen. Er blinzelte nicht und wandte den Blick auch nicht ab. Dann ging er hinter den Ladentisch und schickte Niklas nach dem Kaffee.
Anfang Oktober begann Isabells Mutter Einwände gegen die häufigen Besuche bei Meleon zu machen.
„Natürlich. Diese Sachen sind schier unwiderstehlich. Aber es geht nicht an, dass eine junge, unverheiratete Frau täglich einen alleinstehenden Ladeninhaber besucht.“
„Ich besuche ja nicht ihn, sondern seinen Laden.“
„Das mag sein, Kind. Aber in den Augen der Leute ist es nicht recht. Du verbringst unangemessen viel Zeit dort.“
„Aber der Gehilfe ist immer da: Niklas …“
„Isabell! Bitte sei so gut, und reduziere deine Einkäufe bei Meleon. Deinem Vater ist es schon in der Praxis zu Ohren gekommen, dass du bei Meleon aus und ein gehst. Er hat mich gefragt, ob du deinen Klavierunterricht nicht wieder aufnehmen möchtest. Oder dein Französisch ein wenig polieren.“
„Ich will nichts dergleichen. Und es ist lächerlich. Der Laden fasziniert mich nun einmal, und da außer Klavier und Französisch ja nichts in Frage kommt…“
„Bitte quäle mich nicht wieder mit deinen Ideen, dich in der Medizin zu betätigen!“
„Ich könnte Papa doch so viel helfen!“
„Unsinn, Isabell! Es kommt nicht in Frage. Punktum. Ab Donnerstag kannst du wieder zweimal wöchentlich deinen Französischunterricht nehmen. Ich hatte den Eindruck, du hast noch Mühe mit den Präpositionen.“
„Habe ich nicht“, murmelte Isabell, aber sie wusste, dass es zwecklos war, mit ihrer Mutter diskutieren zu wollen.
In denkbar schlechter Laune verließ sie das Haus, um zu tun, wovon ihr gerade so dringlich abgeraten worden war. In den Straßen brannten schon die Laternen. Der Wind war alles andere als angenehm.
Das Licht in Meleons Auslagen war bereits gelöscht. Isabell sah zögernd zu einem Turm aus Nougatstäben auf vergoldetem Spitzenpapier und wollte schon umdrehen, da bemerkte sie, dass die Tür nur angelehnt war. Ein Tässchen stand auf dem Marmortisch. Und daneben ein offener Kasten Pralinen.
Vielleicht war es als Einladung gemeint, vielleicht wollte sie es nur so empfinden, jedenfalls schob sie die Tür auf, und das Glöckchen gab einen ganz leisen Ton von sich.
„Herr Meleon? Niklas? Ist jemand hier?“
Sie ging bis zum Tisch. Der Duft des frisch gebrühten Kaffees stieg ihr in die Nase und hatte etwas so Heimeliges, dass sie fast sicher war, dass die kleine Tasse für sie hier stand. Ihr Blick fiel auf den Kasten. Er war mit Samt ausgeschlagen. In den flachen Vertiefungen saßen elf Katzen von Körperform und Haltung ganz wie Panther, aber in tiefem Dunkelbraun und cremigem Weiß.
Isabell betrachtete die Schokoladenfiguren, rief noch einmal nach Meleon, und als sie keine Antwort bekam, griff sie in den Kasten und nahm einen der cremeweißen Panther heraus. Er duftete weithin nach der feinen, weißen Schokolade und nach frisch gemahlenem Mohn. Sie sog den Geruch ein und konnte nicht länger widerstehen.
Die Füllung war schwarz, aromatisch, köstlich.
Dann kam Meleon aus dem dunklen Gang zur Küche.
Sein Blick fiel auf die Tasse, auf den Kasten, er machte einen schnellen Schritt, riss den Kasten hoch und starrte auf die leere Stelle, wo der helle Panther gesessen hatte.
Isabell meinte, Funken in seinen Pupillen tanzen zu sehen und konnte vor Schreck nichts sagen. Er packte sie am Arm, zerrte sie hinter sich her in die Küche und zog mit einem schnellen Ruck die Fensterläden vor. Sie sah ihn nur im Halbdunkel.
„Herr Meleon, es tut mir leid. Es war sehr unhöflich von mir, einfach zuzugreifen…“
„Es war unweise. Äußerst unweise. Der Narr muss die Tür offen stehen gelassen haben. Wie dem auch sei…“ Er rief Niklas, der durch die Hintertür geschlüpft kam. „Räume die Pralinenschachtel fort und dann komm her!“
„Ich sollte nun gehen. Es ist spät…“, begann Isabell.
„Ja, ein wenig. Gibt es eine passende Ausrede, die man der Frau Mama präsentieren könnte? Eine liebe Freundin? Eine Bekannte?“
„Wie?“, fragte Isabell perplex.
Als Niklas zurückkam, sagte Meleon zu ihm: „Du gehst zum Haus, in dem Fräulein Isabell wohnt, und richtest dort aus, dass Fräulein Isabell bei ihrem Vater in der Praxis ist. Dann gehst du zur Praxis und sorgst dafür, dass er dort noch über seinen Aufzeichnungen sitzen bleibt!“
Niklas neigte den Kopf und huschte wieder durch die Hintertür davon.
„Was soll das bedeuten?“, fragte Isabell.
„Es bedeutet, dass es zu einem unerwünschten Zwischenfall gekommen ist, den wir jetzt so gut wie möglich beheben müssen.“
„Was könnte ich Ihnen dabei schon helfen? Ich werde nun nach Hause aufbrechen und Ihnen den Kasten Pralinen natürlich bezahlen“, sagte Isabell, die Meleons Auftreten inzwischen intolerabel fand.
Meleon lachte.
Es war wie das Fauchen einer großen Katze.
„Ich bin untröstlich. Und ich wäre der Letzte, der bestreiten würde, dass man diese Schokoladen einfach nicht liegen lassen kann. Ihr Duft ist verlockend, die Form erfreulich, der Glanz appetitlich. So mache ich sie und so wirken sie.“
„Nun, was also?“, fragte Isabell zornig. „Ich muss mich wundern, dass Sie wegen einer kleinen Katze aus Schokolade die Grenzen des guten Benehmens so erheblich überschreiten.“
„Aus kleinen Katzen werden große Katzen. Und es ist das zweite Mal, dass Sie mit Schokoladen liebäugeln, die nicht für Sie bestimmt sind. Das ist ohne Zweifel meine höchst eigene Schuld. Ich bin in Ihrer Gegenwart nachlässig. Und die Folgen müssen nun wir beide tragen.“
„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen“, sagte Isabell kalt. „Und Sie werden nun bitte so freundlich sein, mich zur Tür zu begleiten.“
„Ich werde so freundlich sein, wie ich kann.“ Meleon zog eine Taschenuhr aus seiner Westentasche und ließ sie aufklappen. „Drei Minuten noch etwa. Da werden einige einleitende Worte nicht verschwendet sein.“
Bevor er jedoch mehr sagen konnte, wurde die Hintertür aufgerissen und schlug gegen die Wand. Ein sehr korrekt gekleideter Mann stürmte herein, zu dessen perfekt gebügelten Hosen und strengem Kragen die Peitsche in seiner Hand mehr als verschroben aussah. An der Peitschenschnur hingen drei kleine Metallkugeln, die durch ihren Glanz Isabells Blick auf sich zogen.
„Du wirst sie gehen lassen, Meleon!“
„Oh, Phineas, der edle Ritter. Es wundert mich, dass du nicht hoch zu Ross hier erscheinst, um deinem Auftritt noch mehr von jenem Flair zu verleihen, das dem Auftritt des Helden ansteht.“
„Es würde nicht durch die Tür passen. Und nun lässt du die junge Dame hinaus!“
„Das wäre sehr unklug und daher werde ich es nicht tun. Was dich angeht…“
„Willst du den Kampf, Meleon? Das kann ich mir nicht vorstellen. Das würde dein Inkognito hier schnell platzen lassen.“
„Wenn die Herren ihre Unterhaltung beendet haben, würde ich gerne gehen“, sagte Isabell.
Phineas hielt ihr sofort hilfsbereit die Hintertür auf, doch ein jäher Luftzug riss sie ihm aus der Hand und sie fiel krachend ins Schloss. Phineas schlug mit der Peitsche nach Meleon. Die Kugeln klackten gegeneinander und blaue Blitze zuckten. Meleon fuhr mit der flachen, nach außen gewandten Hand vor seiner Brust vorbei. Die Blitze sprangen von dort zurück zu Phineas, der sich ducken musste, um ihnen zu entgehen.
„Das ist ein gefährliches Spiel“, sagte Meleon zu ihm. „Besonders für die junge Dame. Hast du immer noch nicht gelernt, Rücksicht zu nehmen? Was soll man von deinen Manieren denken?“
„Was man möchte“, entgegnete Phineas. „Und ich bin es ja nicht, der eine junge Frau gegen ihren Willen hier festhält. Ich wage nicht, mir auszumalen, was du im Schilde führst.“
„Nichts von alldem, was du mir unterstellen möchtest. Und du gehst jetzt, oder zwingst mich, dich auf meine Art vor die Tür zu setzen. Ich habe hier eine dringliche Angelegenheit zu regeln…“
„So kann man es natürlich auch nennen“, sagte Phineas.
Isabell hatte nicht noch einmal versucht, in den Wortwechsel einzugreifen, weil ihr äußerst sonderlich zu Mute war. Sie sah alles schärfer und müheloser, obwohl es in der Küche schon sehr dunkel war. Etwas fuhr über ihren Rücken, als wüchse dort Haar, und ihre Finger streckten sich gegen ihren Willen.
„Verflucht!“, sagte Meleon.
Er schlug mit einer Handfläche gegen die andere und machte dabei eine abstreifende Bewegung. Phineas prallte gegen die Tür. Nach einem zweiten solchen Schlag war Phineas verschwunden. Im nächsten Augenblick hämmerte er allerdings von draußen gegen den Fensterladen.
„Meleon“, brüllte er. „Du Kröte! Mach auf!“
„Nicht jetzt“, murmelte Meleon. „Das Kleid herunter!“, sagte er zu Isabell. „Sonst ist es hin!“
Isabell wollte ihn anschreien, doch es kam so etwas wie ein Maunzen aus ihrer Kehle. Sie starrte auf ihre Hand. Ihre Fingernägel hatten sich zu scharfen Krallen verlängert und ihre Handrücken juckten. Im nächsten Augenblick erschien dort feiner, cremeweißer Haarflaum. Meleon hatte sie herumgerissen und seine Hände lösten die Schnürung ihres Kleides. Isabell langte nach hinten, um nach ihm zu schlagen und streifte dabei ihr Ohr, das sich erschreckend pelzig anfühlte. Ihr Schlag traf Meleon ins Gesicht und als sie sich umdrehte, lief ihm Blut aus tiefen Kratzern. Mit einer Rücksichtslosigkeit, die sie ihm nicht zugetraut hätte, schüttelte er sie mehr oder weniger aus Kleid und Korsett. Kaum lag es am Boden, riss das seidene Hemdchen, das sie darunter trug, denn kräftige Muskeln ließen ihre Oberarme und ihre Schultern einen wesentlich größeren Umfang annehmen. Meleon packte sie um die Taille und befreite sie ohne Einfühlungsvermögen von ihren Stiefeletten. Empört schrie sie seinen Namen und stattdessen kam eine Mischung aus Fauchen und dem Gebrüll einer angriffslustigen Raubkatze heraus. Sie befreite sich aus seinem Griff und als sie ihn ein zweites Mal ohrfeigte, warf es ihn gegen den Arbeitstisch. Blut strömte ihm über Gesicht und Hals.
Isabell sah noch einmal auf ihre Hand, die zu einer cremeweißen Pranke mit sichelförmigen Krallen geworden war, die Blutspritzer trug. Dann stand sie plötzlich auf vier Beinen und schlug sich selbst einen langen Schwanz um die Ohren. Am meisten verwirrte sie die angespannte Kraft ihrer Muskeln. Sie starrte zu Meleon auf, der sich ein Küchentuch gegen den Hals presste.
Dann flog die Tür ein zweites Mal auf. Phineas wollte hereinstürmen, sah Isabell in ihrer Katzengestalt, machte einen Satz rückwärts und schlug die Tür von außen zu.
„Ein wahrer Held“, spottete Meleon. „Furchtlos im Angesicht der Gefahr und niemals bereit, die Flucht zu ergreifen.“
Doch im nächsten Augenblick hatte Phineas den Fensterladen aufgehebelt und kam durchs Fenster, die Peitsche zum Schlag gehoben.
„Willst du die Dame nun prügeln, die du eben noch retten wolltest?“, erkundigte sich Meleon, der blutüberströmt am Waschbecken lehnte.
Phineas blieb auf dem Tisch unter dem Fenster in der Hocke und sah auf Isabell hinab.
„Also hast du Sekoy geschaffen! Sogar hier.“
„Und?“, fragte Meleon und spuckte sein eigenes Blut in das tiefe Küchenwaschbecken.
„Ich warne dich, Meleon! Wir wissen nun, wo du dich aufhältst. Glaube nicht, dass irgendeiner deiner Pläne aufgehen wird!“
„Dann kannst du ja nun gehen. Wir sind hier auch ohne deine Gegenwart hinreichend beschäftigt.“
Phineas warf einen Blick auf Meleons Gesicht, auf den Boden, wo sich eine rote Pfütze gebildet hatte, und auf Isabell, die steifbeinig dastand, weil sie nicht recht wusste, wie sie ihr Gewicht auf vier Beine verteilen sollte. „Ich sehe, was du meinst. Du hast meine Warnung, Meleon. Ich lasse dich also mit dem Desaster allein, das du dir selbst zuzuschreiben hast.“
Er kroch rückwärts durchs Fenster nach draußen und man hörte ihn schwer auf dem Kopfsteinpflaster aufkommen.
Meleon schloss das Fenster hinter ihm.
„Ich muss mich für diesen ganzen Aufruhr und Phineas´ Auftritt entschuldigen“, sagte er zu Isabell. „Ohne sein Auftauchen hätte ich noch versuchen können, etwas zu erklären. Sie müssen mich für ein wenig sonderbar halten. Aber natürlich gibt es für alles logische und nachvollziehbare Erklärungen. Nur fehlt uns dafür nun die Zeit. Ich fasse mich also kurz: Ein Sekoy muss einen Auftrag erfüllen, ehe er rückverwandelt werden kann. Erfüllt er ihn nicht, muss er in der Gestalt verbleiben, die er angenommen hat. Ich werde Sie also bitten, eine ganz einfache Handlung auszuführen, damit die Rückverwandlung einsetzen kann. Seien Sie bitte so freundlich, über die Innenseite der Tür zu kratzen!“
Isabell hätte dazu einiges zu sagen gehabt. Da ihr im Augenblick aber offenbar kein großes Vokabular zur Verfügung stand, zog sie es vor, Meleons Aufforderung zu folgen. Sie stolperte über ihre eigenen Beine, erreichte die Tür, fuhr die Krallen aus und drosch die Pranke gegen das Holz. Holzsplitter flogen. Danach hatte die Tür in Kniehöhe ein faustgroßes Loch.
Meleon nickte.
„Ich betrachte den Auftrag damit als erfüllt.“
Damit sank er in die Knie und zur Seite.
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