Meleons magische Schokoladen
Grabmal mit Panthern
Am folgenden Tag lud Meleon alle Einwohner der Stadt zur feierlichen Beisetzung der Minister ein. Schwalben überbrachten jedem Haushalt ein Kärtchen mit schwarzem Trauerrand und silberner Schrift.
Gegen Mittag versammelte man sich auf dem Marktplatz, der mit samtenen Bannern geschmückt war. Jeder erschien im besten Festtagsstaat und erwartungsfroh, denn die Einladung hatte auch einen Leichenschmaus angekündigt.
Die bedeutendsten Honoratioren der Stadt trugen die Särge, eine Blaskapelle intonierte einen Trauermarsch aus Halaîn und noch vor den beiden Prinzen ging Meleon an der Spitze des Leichenzuges, gekleidet in die Gewänder eines Magiers und mit ernster Miene.
Isabell war in aller Eile ein tiefviolettes Trauerkleid angemessen worden und ihr streng geschnürtes Korsett ließ sie mit äußerst steif gehaltenem Rücken hinter den Särgen her schreiten. Der König war wegen seines Gesundheitszustandes im Haus geblieben, beschützt von Rochas und seinem zweiten verbliebenen Minister.
„Ich habe um ihn herum einen schwierigen, aber wirksamen Abwesenheitszauber gewirkt“, hatte Meleon erklärt. „Niemand außer Rochas, Lord Meredis, dir und mir wird unseren Herrscher innerhalb der nächsten drei Stunden bemerken, selbst wenn er tobt und brüllt. Länger kann der Zauber nicht aufrecht erhalten werden, ohne dass der Betreffende tatsächlich zu verschwinden beginnt, um schließlich für jedermann unauffindbar zu werden, sogar für sich selbst. Ein außerordentlich schlimmes Schicksal. Aber drei Stunden genügen unserem Vorhaben und stellen unterdessen sicher, dass Noshar den König weder verletzen noch töten kann.“
Und so vermochte sich Meleon ganz der Durchführung der Trauerfeier zu widmen, bei der ein katholischer Priester und der Pastor der reformierten Kirche in nie gesehener Eintracht die Toten segneten und beifällig zu Meleons ganz und gar unchristlichen Trauerriten nickten. Meleon hob beide Hände auf Schulterhöhe, rief in seiner Sprache unbekannte Mächte an, und mitten auf dem Marktplatz, unweit des Brunnens, erschien ein wunderschön gestaltetes Mausoleum aus weißem Marmor mit Säulenzier und griechischen Knabenfiguren, die ihre Fackeln zum Boden senkten, um an die Vergänglichkeit zu erinnern.
Die Menge stöhnte ergriffen.
Meleon hielt eine kurze, aber prägnante Trauerrede, in der er die ungeheure Anmaßung des Feindes beklagte, der heimlich meuchelnd hoffte, den Kampf für sich zu entscheiden, und der doch würde scheitern müssen, weil die beherzten Einwohner der Stadt durch ihre Treue und Unbeugsamkeit dem Feind Einhalt gebieten würden.
Es gab tosenden Beifall.
„Für den König“, intonierte die Menge und niemandem schien aufzufallen, dass diese Treue und Beherztheit bisher dem deutschen Kaiser vorbehalten gewesen waren.
Die Särge wurden nacheinander ins Mausoleum getragen und die Panther zu Füßen der Toten niedergelegt. Eine unsichtbare Orgel spielte ein Requiem, das nicht wenige Einwohner der Stadt laut schluchzen ließ, die Pforten des Prunkbaus schlossen sich, und wie aus dem Nichts erschienen lange Bankett-Tische mit den erlesensten Leckerbissen rund um den Brunnen.
Am Nachmittag trat dann der Kriegsrat zusammen.
Isabell war überrascht, dass sie gebeten wurde, dort einen Platz neben Lord Rochas einzunehmen. Unbehaglich sah sie zu Prinz Florindel, der die ganze Zeit mit seinem Kaffeelöffel herumspielte und sich gelangweilt gab. Wahrscheinlich befürchtete er, jemand würde ihn auffordern, in vorderster Linie zu kämpfen. Lord Meredis hatte sich noch nicht soweit erholt, dass er an der Sitzung teilnehmen konnte und statt seiner waren Isabells Vater, der Bürgermeister und der Hauptmann der Truppen geladen. Prinz Finyon gab sich alle Mühe, staatsmännisch und kriegserfahren zu wirken, überzeugte damit aber wohl niemanden, denn schließlich wurde alles zwischen Meleon und den Honoratioren der Stadt ausgehandelt.
Der König räumte unterdessen schweigend zwei Geschenkkästlein und eine Tüte mit Pralinen leer und betrachtete dann stirnrunzelnd das Zettelchen, das ihm aus der Tüte entgegen fiel. Meleon blinzelte überrascht und sagte zu Isabell: „Seine Majestät hat soeben das Los des 23. Dezember gezogen. Wärst du so gut, ihm den Gewinn hier nach oben zu holen? Es ist die zartgelbe Schachtel links unter der Kasse.“
Isabell fand sie sofort, konnte sich aber nicht zurückhalten, den Deckel zu lüpfen und den Duft einzuatmen, der aus dem Kästchen aufstieg. Danach fühlte sie sich ruhig, fast beseelt und ihre Welt roch minutenlang nach dem allerzartesten Birnenlikör.
Der König nahm die Schachtel entgegen, rupfte den Deckel ab, starrte die Praline an und sagte: „Bei Maruk! Ihr seid nicht großzügiger geworden, Meleon. Eine einzige Praline als Preis einer Verlosung?“
„Kostbares ist nicht in Mengen zu haben“, erwiderte Meleon mit einer leichten Verneigung. „So wie es nur einen König geben kann, so enthält diese Verpackung nur eine, aber eine erlesene Schokoladenköstlichkeit.“
Der König griff zu und stopfte sich die Praline in den Mund.
Kurz darauf schossen ihm Tränen in die Augen. Isabell befürchtete schon einen erneuten Anschlag mit Gift, da begann der Herrscher von Halaîn zu lächeln.
„Wie weise von Euch, Meleon, bester aller Hofzauberer“, sagte er und die beiden Prinzen setzten sich alarmiert aufrechter.
„Was war es?“, fragte Prinz Finyon.
„Feinster Birnengeist“, sagte Meleon. „Und nun wollen wir die Details der Befestigung der Stadttore bedenken!“
Der König nickte.
„Ja, das wollen wir. Wir müssen den strebsamen und tapferen Bürgern dieses kleinen Städtchens alle Mittel zur Verteidigung an die Hand geben, nachdem sie so großherzig sind, uns in unserem gerechten Kampf beizustehen…“
Florindel verschluckte sich an seinem Kaffee und er hustete minutenlang. Finyon starrte auf die leere Pralinenschachtel.
„Hier stimmt doch was nicht“, sagte er laut.
Der König beäugte ihn missfällig.
„In der Tat. Und ich sage dir auch, was nicht stimmt! Meine Söhne sind hirnlose Verschwender, deren Erziehung ich leider viel zu lange vernachlässigt habe. Du insbesondere, Finyon, hast ein Vermögen verschleudert, mit dem man Straßen bauen und die arme Bevölkerung hätte versorgen können. Und du, Florindel…“
Meleon hob die Hand.
„Verzeiht, Majestät, aber das wollen wir später besprechen. Jetzt ist es dringlicher, die Verteidigung zu planen, denn der Feind wird spätestens morgen früh vor unseren Toren stehen.“
„Das ist wahr“, sagte der König. „Fahrt fort, ich bitte Euch, Lord Meleon!“
Nach einer dreistündigen Beratung war man sich schließlich einig, Miliz auszuheben, die Stadttürme mit den wenigen guten Schützen zu besetzen, die Hilligenhain aufzubieten hatte, und das Rathaus als Rückzugsort für Frauen und Kinder zu öffnen. Meleon würde die Verteidiger auf der Stadtmauer und den Türmen mithilfe von dreizehn magischen Tauben über alle Vorkommnisse unterrichten. Dazu wurden halbwüchsige Knaben ausersehen, die je eine Taube aus weißer Schokolade mit einer Füllung aus Sahne und Trester zu Sekoy machen würde: pfeilschnell, von unten her an einem blauen Himmel schwer auszumachen und mit menschlicher Sprache begabt.
„Wie wundersame Mittel des Kampfes Sie anzuwenden wissen“, sagte Dr. Fechter anerkennend, während es Isabell die Kehle zuschnürte, weil sie sich vorstellte, wie ein Schuss aus einem Gewehr die Brustfedern einer solchen Taube rot färben würde…
Sie fühlte sich zittrig und wie vor einer schweren Erkältung – vor Angst, wie sie sich eingestand – denn Meleon wirkte so ernst, wie sie ihn bisher nie gesehen hatte. Manchmal ging sein Blick in die Ferne und hielt nichts fest, dann nahm er sich zusammen und antwortete ausgesucht höflich auf die Vorschläge aus der Runde. Irgendwann stand er dann unvermittelt auf und verneigte sich vor dem König.
„Majestät! Wir werden morgen eine alles entscheidende Schlacht schlagen und siegen oder untergehen. Würde Eure Majestät daher erwägen, Dame Isabell und meine Wenigkeit zu vermählen, wie ich es bereits mehrfach gewagt hatte, anzusprechen?“
Der König lächelte.
„Gewiss, Lord Meleon. Wir wollen das heute Abend in einer kleinen Zeremonie begehen, nach der Tradition unserer schönen Welt gekleidet und mit einem kleinen Festschmaus. Doch vorher möchte ich hinaus in dieses schöne Städtchen und einigen dieser mutigen Bürger persönlich die Hand schütteln, ehe sie alle morgen Blut und Leben einsetzen.“
Der Bürgermeister blinzelte Tränen der Rührung weg.
„Eure Majestät sind zu gütig! Wir alle werden morgen beweisen, dass wir dieses Vertrauen wert sind, nicht war, Dr. Fechter?“
Und Isabells Vater nickte, offenbar genauso ergriffen von der königlichen Huld. Man verabschiedete sich und Isabell fühlte ein warnendes Pochen im Magen, obwohl sie sich doch freuen wollte. Endlich würden sie heiraten! Warum wurde ihr auf einmal übel vor Angst und böser Vorahnung?
Und schon kurz darauf geschah es.
Man ging gemeinsam die Treppe hinab, Meleon allen voran, hinter ihm der Bürgermeister und Dr. Fechter. Rochas nahm noch die Notizen der Besprechung vom Tisch und Isabell sammelte die benutzten Tassen ein. Der König betrat kurz vor seinen beiden Söhnen die Treppe…
Isabell hörte ihn noch einen Laut der Überraschung ausstoßen, dann polterte schon etwas schwer die Treppe hinunter. Der Bürgermeister fluchte. Unten stürzte ein Schemel um.
Isabell ließ das Geschirr im Stich.
Der Bürgermeister befreite sich aus den Resten des Schemels. Meleon war eben dabei, seinem Herrscher eine Hand unter die Wange zu schieben und seinen Kopf zum Licht zu drehen. Blut schimmerte.
Isabell drückte sich an den beiden Prinzen vorbei.
Der König lag in Meleons Armen, die Augen geschlossen und atmete schnaufend.
Dr. Fechter klappte seine kalbslederne Arzttasche auf.
„Wie konnte das passieren?“, fragte Isabell und ihr Herz klopfte heftig in doppeltem Schrecken, weil sich ihre Vorahnung so schnell bewahrheitet hatte.
„Keine Ahnung“, sagten die beiden Prinzen im Chor.
Isabell fuhr zu ihnen herum.
Beide trugen eine Unschuldsmiene zur Schau, die Isabell noch misstrauischer machte.
„Er stolperte“, sagte Prinz Florindel.
„Oder rutschte vielmehr“, korrigierte Prinz Finyon, während er sich selbst an den Handlauf klammerte und seine Stirn mit einem Taschentuch betupfte.
„Es ging so schnell!“, sagte Finyon.
„Es gelang keinem von uns, ihn noch zu halten“, ergänzte Finyon.
Meleon warf beiden nur einen einzigen, kühlen Blick zu und widmete sich dann wieder seinem Herrscher, dessen Blut auf den gestärkten Kragen und die Weste tropfte und dort hässliche, sich schnell ausbreitende Flecken hinterließ.
Isabells Vater begann den Schädel des Bewusstlosen abzutasten und fühlte ihm den Puls. Sein Blick zu Meleon verhieß nichts Gutes.
„Er sollte auf ein Lager gebettet werden.“
Meleon nickte grimmig.
„Aber nicht hier.“
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