Meleons magische Schokoladen

Ann-Merit Blum · Kapitel 13 von 23

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Meleons magische Schokoladen

Morgendämmerung

 

Meleon packte Isabell und schleuderte sie hinter die Theke. Sie prallte mit Wucht in ein Regal und ging in einem Regen aus Pralinenschachteln zu Boden. Vor der Theke blitzte es.

Isabell schmeckte ihr eigenes Blut, rappelte sich benommen auf und kroch auf allen Vieren vorwärts, bis sie um die Ecke der Theke lugen konnte.

Vor der Tür war ein Schatten.

Ein Schatten, der schwärzer schien als die umgebende Nacht.

Die Luft sang, als würde sie gewaltsam zusammengepresst. In der Auslage züngelten Flammen, erfassten die Dekorationen und fauchten wie angriffslustige Katzen, als sie das nächste Regal ansprangen.

Isabell kam auf die Beine, überklettere die Theke und riss alles aus den Fächern. Schmerz schoss ihr in die Hände, als sie schon leise kokelnde Schachteln ins Fenster schleuderte. Rücksichtlos rupfte sie auch die Bretter von ihren Aufhängungen und warf sie nach draußen. Die Luft war heiß und flirrte. Es roch beißend nach schwelendem Holz und angebrannter Schokolade.

Meleon stand fest eingestemmt und schien etwas aus dem Laden hinaus zwingen zu wollen, das sich ihm widersetzte.

Dann sprangen dicht hintereinander mehrere Panther durch die zerborstene Scheibe des Ladens. Einer streifte das scharfkantige Glas und schrie. Blut spritzte. Isabell drosch dem vordersten ein Regalbrett auf den Kopf. Der zweite riss sie um.

Ehe er sie packen konnte, hatte Meleon eine Hand zur Seite ausgestreckt und eine gewaltige Entladung fegte Isabell, Panther und ein kleines Tischchen gegen die Wand. Isabell fühlte sich hochgehoben und hing plötzlich dicht unter der Decke. Die Panther schüttelten sich ein paar Mal und begannen dann, nach ihr zu springen. Einer stand schon oben auf der Theke und stieß sich ab, da sirrten dicht hintereinander mehrere Lichtkugeln heran. Es gab ein hässliches Geräusch. Katzenleiber zuckten. Entladungen in allen Farben ließen gespenstische Lichter über die Wände tanzen.

Dann lagen vier schlaffe Pantherkörper am Boden. Die fünfte Raubkatze rettete sich mit einem Satz durch die Auslagen, doch holten drei Kugeln sie ein, sie maunzte noch in Angst und Wut, dann lag auch sie still.

Die beiden Magier standen einander immer noch gegenüber.

Isabell sank so langsam zu Boden wie ein Löwenzahnsamen an seinem Schirmchen und kam sanft auf. Es war ihr unangenehm, über die toten Panther hinweg zu steigen, umso mehr, als sie wusste, dass es in Wirklichkeit Menschen waren, die dort reglos lagen.

Meleon hatte eine Hand gehoben und verharrte so. Das Dunkle vor der Ladentür sah wie sein Schatten aus, doch weit bedrohlicher, größer und erschreckend gesichtslos.

Der Himmel hellte schon ein wenig auf, was den lauernden Schatten noch schwärzer wirken ließ.

Isabell fiel nichts ein, was sie tun konnte, um Meleon zu helfen. Die Flammen in der Auslage hatten sich erschöpft und waren zusammengefallen. Alles sah elend und schmutzig aus.

Die Kugeln hingen in der Luft und sirrten leise, bereit herabzustoßen, sollte es jemand wagen, Isabell anzugreifen. Mit dieser Gewissheit ging sie Richtung Küche. Sofort folgten ihr zwei der Sphären.

Die Hintertür war verrammelt. Am Fenster kauerte Rochas, das Schwert in der Hand und beobachtete den Hof.

Er drehte kurz den Kopf, als er Isabell hörte.

„Wo sind denn alle?“, fragte Isabell.

„Oben“, erwiderte Rochas. „Sie haben sich verschanzt, um dort dem Angriff zu trotzen, falls Meleon fallen sollte.“

„Meleon fällt nicht!“

„Das habe ich ihnen auch gesagt. Aber natürlich müssen sie einen schützenden Kordon um den König ziehen. Was ist dort vorne los?“

Isabell erzählte von Noshars unerwartetem Erscheinen und den Panthern.

„Oh. Also steht Noshar schon vor unserer Tür?“, fragte Rochas.

„Ja. Ist er immer… schattenhaft?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

„Was können wir tun, um Meleon zu helfen?“

Rochas zuckte die Achseln.

„Nichts. Wir sind keine Magier. Und wenn ich hier weggehe, entblöße ich unsere Front nach hinten. Kehren Sie also lieber nach vorne zurück. Wenn die Sidari glauben müssten, dass Noshar Sie angreift, würden sie ihn attackieren. Ziehen Sie seine Aufmerksamkeit auf sich! Die Sidari sind ein mächtiger Schutz. Sie könnten Noshar vielleicht sogar in die Flucht schlagen.“

„Meinen Sie damit die Kugeln?“

Rochas nickte ungeduldig.

„Ja, Sidari genannt. Sie sind halbintelligente Schutzwesen, die nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen geschaffen werden können – Voraussetzungen, die Noshar ganz sicherlich nicht mitbringt. – Einmal ins Leben gerufen, sind sie kaum mehr aus der Welt zu schaffen. Versuchen Sie also, die Sidari gegen Noshar zu wenden. Wenn er schlau ist, nimmt er die Provokation nicht an. Aber niemand weiß so genau, wie klug er wirklich ist.“

Isabell warf den beiden Kugeln, die über ihr in der Luft dümpelten, einen zweifelnden Blick zu. Dann ging sie nach vorne.

Meleon war fort. Noshars dunkler Schatten ebenfalls.

Voller Panik stieg Isabell durch den Rahmen der zerstörten Ladentür und sah sich um. Der tote Panther lag immer noch mitten auf der Straße.

„Könnt ihr Meleon finden?“, fragte Isabell die Lichtkugeln, die sich nun alle fünf um sie versammelt hatten.

Die Sphären regierten nicht. Isabell versuchte noch mehrmals, eine davon auszuschicken, doch entweder hörten sie nicht auf Isabell, konnten sie nicht verstehen, oder ließen sich nicht aussenden. Es war nun schon so hell, dass sie bis zur nächsten Straßenecke sehen konnte.

Nichts.

In der Gewissheit, dass die Kugeln sie schützen würden, begann sie zu rennen. Sie lief bis zur Einmündung der Gasse, aus der schon zweimal Panther gekommen waren und sie angegriffen hatten. Doch jetzt rührte sich dort nichts.

Überhaupt schien die Stadt merkwürdig still, so als wären die Bewohner fort gegangen. Natürlich war es noch sehr früh am Morgen. Trotzdem wurde es Isabell immer unheimlicher. Sie wäre gern umgekehrt, um wenigstens Rochas in ihrer Nähe zu haben, aber sie musste Meleon finden!

Als sie die nächste Straßenecke erreichte, sah sie sich plötzlich einer unordentlich aufgehäuften Straßensperre aus Ladenschildern, Bänken, umgedrehten Stühlen und allerlei Gerümpel gegenüber.

Gewehrläufe richteten sich auf sie.

Dann gab jemand einen Befehl und man räumte ihr einen Durchgang frei, der sofort wieder hinter ihr geschlossen wurde.

Ihr Vater riss sie in seine Arme.

„Ich bin ja so froh, Kind“, rief er. Er trug seine Uniform als Offizier der Reserve und war umringt von anderen Männern in Waffenröcken. „Meleon hat befohlen, alle Männer im wehrfähigen Alter auszuheben. Er ist nun gerade beim Bürgermeister, um die Verteidigung der Stadt mit ihm zu besprechen.“

„Hast du ihn gesehen? Geht es ihm gut?“

Ihr Vater nickte.

„Er wirkte… ungehalten. Was ja nicht verwundern mag, wenn man bedenkt, dass man uns mit Krieg überzieht, ohne vorher eine Kriegserklärung überbracht zu haben. Das gehört sich nun wirklich nicht! Meleon hat übrigens gesagt, du mögest dir keine Sorgen machen, er käme bald zum Laden zurück.“

Isabell fühlte sich zwar erleichtert, aber die Aufregung der letzten Stunden ließ sich nicht vertreiben. Sie meinte, ihren Magen zittern zu spüren. Plötzlich wurde ihr in der spätherbstlichen Luft kalt. Bisher hatte sie gar nicht gemerkt, dass sie ohne Mantel unterwegs war.

„Ich gehe zurück, damit Meleon mich findet, wenn er kommt“, sagte sie zu ihrem Vater und er ließ ihr noch einmal eine Gasse öffnen.

Auf dem Rückweg ging sie langsamer und musterte die Häuser. Aus den Schornsteinen stieg Rauch. Also waren die Einwohner der Stadt nicht geflohen oder ermordet worden, wie sie schon befürchtet hatte. Es öffnete sich aber auch keine Haustür, keine Stufen wurden gefegt und die allmorgendliche Anlieferung von Milch schien eingestellt, denn vor den Eingängen standen noch die leeren Kannen, und kein Leiterwagen ratterte über das Kopfsteinpflaster, wie sonst um diese Uhrzeit.

Auf halbem Weg kam ihr Rochas entgegen, sein Schwert gezückt und sichtlich erhitzt.

„Hat die List gewirkt?“, fragte er atemlos. „Ist Meleon in der Nähe? Seine Majestät wünscht dringend, ihn zu sehen.“

„Wohl kaum dringender als ich“, sagte Isabell, die nichts mehr wollte, als irgendwo anzukommen, die Schuhe auszuziehen, Kaffee und Schokolade zu genießen und zu hören, dass Noshar besiegt und Meleon unverletzt war.

Rochas bot ihr den Arm und sie liefen bis zum Laden, der nun einfach erbärmlich aussah. Oben am Fenster drängte sich das Kabinett und schrie ihr schon Fragen entgegen. Sie ignorierte die hohen Herren, ging in die Küche, sank auf einen Stuhl, stand aber sofort wieder auf und fragte besorgt nach Niklas.

„Er döst vor sich hin“, sagte Rochas. „Ihr Vater hat ihm wohl ein wenig Opiumtinktur gegeben. Um ihn mache ich mir im Augenblick weniger Sorgen. Seine Majestät hingegen ist hochrot im Gesicht und keucht wie nach schwerem Lauf. Ich fürchte, das ist ernst. Noshar zu sehen, hat ihn außerordentlich beindruckt.“

„Was heißt Noshar zu sehen? War er im Haus?“

„Nein“, sagte Rochas schockiert. „Natürlich nicht. Seine Majestät sah ihn von oben, als er durchs Fenster nach der Ursache des Radaus Ausschau halten wollte.“

Isabell betrachtete prüfend die Hintertür. Das Schloss schien intakt.

„Helfen Sie mir, vorne aufzuräumen und das Fenster zu vernageln?“, fragte sie. „Wir können doch nicht alles offen lassen.“

Rochas versicherte ihr, es sei ihm eine Ehre, aber sie hatte den Eindruck, dass er es nicht gewohnt war, auf Händen und Knien herum zu kriechen, Scherben aufzulesen, Gebäckbrösel aufzufegen und schwere Katzenkörper nach draußen zu hieven.

Im Laden wurde es empfindlich kühl und Isabell begann um die Schokoladen zu fürchten, die weder zu viel Wärme noch Kälte vertrugen. Sie schnupperte an einem Butterplätzchen, das nicht zerbrochen war. Wie befürchtet, hatte es den Brandgeruch angenommen. Sie warf es in den Müll und sonderte dann nach und nach fast alles Gebäck aus.

Als sie die Regalbretter wieder in ihre Aufhängungen setzte, kam Meleon.

Seine Kleider verbreiteten einen Geruch nach kalter Asche und trugen schwarze Schlieren, ebenso sein Gesicht. Er riss Isabell an sich, ehe sie das Brett wegstellen konnte, das sie gerade hielt.

Sein fester Griff presste ihr den Atem ab. Vielleicht waren es aber auch Freude und Erleichterung, die ihr die Luft abschnürten.

Rochas tat, als sei er davon in Anspruch genommen, Schachteln an ihren Platz zurück zu räumen.

„Wo ist Noshar?“, fragte Isabell.

„Wen interessiert das jetzt?“, fragte Meleon dagegen und küsste sie so fest, dass sie ihn mit beiden Armen wegdrückte.

„Mich. Schließlich hat er uns schon einmal in einem ähnlichen Augenblick unterbrochen.“

„Das ist wahr“, gab er zu, doch wirkte er selbstzufrieden und alles andere als besorgt. „Diesmal erscheint er nicht unverhofft vor unserer Ladentür. Er hat sich auf einen Rückzug begeben. Wir werden hier aufräumen und dann…“

„Der König ist bei seinem Anblick zusammengebrochen. Es könnte sein, sein Leben ist in Gefahr“, unterbrach ihn Rochas. „Das solltest du wissen, ehe du weitere Pläne machst.“

Meleon fluchte in seiner Sprache, küsste Isabell auf die Stirn und hastete nach oben in sein Schlafzimmer. Sie folgte ihm, weniger aus Neugier, als aus Sorge, Florindel könne die Lage nutzen, um die Macht an sich zu reißen.

Damit lag sie gar nicht so falsch, wie sich herausstellte.

Der König lag auf Meleons Bett, den Kragen lose um den Hals und eine Kompresse auf der Stirn. Einer seiner Minister fühlte ihm den Puls.

Meleon zog ein Augenlid seines schnaufenden Herrschers nach oben und forderte ihn dann sehr höflich auf, die Zunge zu zeigen. Seine Majestät reagierte nicht. Also öffnete ihm Meleon mit dem gekrümmten Zeigefinger den Mund, befühlte die Zunge und seufzte.

„Ist es wahr?“, fragte Prinz Florindel, als habe er schon viel zu lange darauf gewartet, diese Frage stellen zu können. „Liegt er im Sterben?“

„Ist es ernst?“, fragte Prinz Finyon dazwischen.

„Er liegt nicht im Sterben“, sagte Meleon. „Und ich wäre allen Anwesenden verbunden, wenn sie solche Erörterungen nicht in Gegenwart eines Kranken anstellen würden.“

„Welch Glück!“, sagte Prinz Finyon. „Wir waren schon auf das Schlimmste gefasst.“

Meleon beachtete ihn nicht. Er zog die Truhe mit seinen Kleidern unter dem Bett hervor, entnahm ihr eine Blechdose mit dem goldenen Schriftzug Meleon, wählte sehr sorgfältig drei Pralinen und legte sie Isabell in die Handfläche.

„Geh nach unten und löse sie rasch in ein wenig heißer Milch auf! Dann schlage Cognac und ein Eigelb hinein und bringe alles in dem silbernen Becher nach oben, der hinten im Schrank bei den Gläsern steht! Achte darauf, dass die Milch nicht so heiß ist, dass es gerinnt. Ich habe nur diese drei Pralinen.“

Unter anderen Umständen wäre sie gekränkt gewesen, denn solche Fehler unterliefen ihr schon lang nicht mehr, aber die scheinheiligen Fragen der Prinzen waren ein guter Grund, auf Achtsamkeit zu dringen. Er rief ihr noch nach, auch einen silbernen Löffel mitzubringen, da hatte sie schon den nächsten Topf aus dem Schrank gerissen und schüttete Milch hinein.

Als sie nach wenigen Minuten mit dem schaumigen Getränk nach oben kam, standen die beiden Königssöhne ernst wie Leidtragende neben dem Bett und warfen einander feinselige Blicke zu.

Meleon schob sich an ihnen vorbei und flößte seinem Herrscher ein halbes Löffelchen von dem Schokoladenelixier ein.

Der König bewegte ein wenig die Zunge, dann die Lippen, runzelte die Stirn und ließ sich ohne weiteres einen zweiten Löffel verabreichen. Nach dem dritten schlug er die Augen auf und sah unstet um sich. Als der Becher leer war, begehrte er, man möge ihm helfen, sich aufzusetzen.

Prinz Finyon machte eine betroffene Miene, während Florindel sich schneller fasste. Er tätschelte seinem Vater die Hand und versicherte ihm, wie wunderbar es sei, ihn schon wieder so kräftig zu sehen.

Isabell beobachtete die Minister und hatte den Eindruck, dass sich hier die Geister schieden. Die einen wirkten aufrichtig erfreut, Zeugen einer solch schnellen Besserung zu sein, die anderen bekamen einen verkniffenen Zug um den Mund und wichen ein wenig vom Bett zurück.

Rochas war nicht bei ihnen. Er hatte es offenbar vorgezogen, den Laden nicht unbehütet zu lassen.

Erst eine Stunde später wagte es Meleon, den König mit den Ministern und den Prinzen allein zu lassen.

„Die passen nun gegenseitig aufeinander auf“, sagte er. „Insofern haben Missgunst und Neid auch ihre Vorteile.“ Dann betrachtete er sich im Spiegel, der über dem kleinen Waschbecken an der Hintertür hing. „Nicht eben das Erscheinungsbild, das man von einem Hofmagier erwarten kann.“ Er schäumte in einer Schüssel Seife mit Wasser auf, kippte sich den Inhalt über den Kopf und schnippte mit den Fingern. Kurz bauschte sich sein Haar. Dann erschien ein nasser Streifen an seinen Schultern und sank Stück für Stück nach unten, bis vom Saum seiner Gewänder schmutziges Wasser zu Boden lief und die Kleider sauber und trocken zurück blieben. Eine lässige Geste ließ das Wasser als Dampf aufsteigen. Ein weiteres Schnippen brachte diese Wolke dazu, über dem Waschbecken abzuregnen.

Trotz ihrer Erschöpfung musste Isabell lachen.

„Machst du das immer so?“, fragte sie.

Er nickte unbekümmert.

„Oft. Ich bin ein Mann, der stets viel auf Reisen war. Und wenn dir meine Gewohnheiten zu junggesellenhaft sind, so musst du es nur sagen. Dann heiraten wir endlich.“

Isabell seufzte.

„Vielleicht sollten wir das wirklich.“

Meleon grinste.

„Oh, welche Begeisterung! Welch schwärmerische Neigung des Herzens. Seid Ihr sicher, Madame, dass Ihr mich wollt?“

Sie gähnte.

„Vergleichsweise sicher. Nur bin ich eigentlich viel zu müde, um solche weitreichenden Fragen zu beantworten. Meinst du, ich könnte einige Stunden schlafen? Oder steht uns schon bald der nächste Angriff bevor?“

„Schlafe“, sagte er und küsste sie aufs Haar.

Er roch nach frisch gewaschenem Stoff und Rosmarinseife und aus irgendeinem Grund vertiefte das ihre Müdigkeit. Vielleicht war es aber auch ein weiterer Zauberer. Jedenfalls sank ihr Kopf gegen seine Schulter. Keine halbe Minute später hob er sie hoch und trug sie nach vorne, wo Rochas schon sehr ordentlich aufgeräumt hatte.

„Sie muss schlafen“, sagte er. „Meinst du, wir könnten dich für zwei oder drei Stunden mit all dem alleine lassen?“

„Wenn du sicher bist, dass Noshar hier so lange nicht auftauchen wird…“

„Das wird er nicht“, erwiderte Meleon. „Denn ich habe ihm den Stein von Aligistra gezeigt. Das zwingt ihn zum Rückzug und wird ihn außerdem ermuntern, noch einmal darüber nachzudenken, ob er den Kampf tatsächlich wagen sollte.“

Rochas starrte ihn an, als suche er nach äußeren Anzeichen dafür, dass Meleon den Stein bei sich hatte.

„Woher hast du ihn?“

„Ich habe ihn vom Turm von Aligistra herab geholt.“

„Meleon! Das hättest du nicht tun dürfen!“

Meleon erwiderte den anklagenden Blick ohne Verlegenheit oder Reue.

„Ganz offen gesagt, interessiert mich nicht mehr, was ich darf oder soll – Dinge ausgenommen, die durch den Treueschwur abgedeckt sind – mir ist es auch vollkommen gleichgültig was die Eshary-Ritter darüber denken. Waren sie da, als man sie benötigte? Nur du, Rochas! Einer von Zwölfen. Der Nobelste zwar, aber eben doch nur einer. Und als ich nach Aligistra kam, wen traf ich dort? Du magst es erraten haben: Infedel, der sich inzwischen Noshars Schüler nennen darf, beziehungsweise nennen durfte. Ich habe diesen Zusatz auf seiner Grabtafel vermerkt, denn das wäre ihm wohl wichtig gewesen.“

Rochas nahm eine unversehrte Schachtel feinster Pralinen aus dem Regal und stopfte die neun Halbkugeln binnen Kurzem in sich hinein.

„So, das ist besser“, sagte er. „Wie wenig du dich doch verändert hast, Meleon. Du kannst selbst gestandene Männer aus der Fassung bringen. Du hast Infedel umgebracht und dir den Stein genommen. Sonst noch etwas?“

„Da wäre eine ganze Menge, doch würde ich es vorziehen, dir später davon erzählen. Fürs Erste muss Isabell einen bequemeren Schlafplatz finden als meine Schulter. Und ich selbst wäre auch dankbar für ein wenig Ruhe.“

Isabell drückte die Nase gegen etwas Weiches und erwachte. Das Weiche war schokoladenfarben und erwies sich als Meleons Untergewand. Die weite Robe lag über dem Stuhl neben ihrem Bett.

Meleon schlief.

So war es also, neben ihm in einem Bett zu liegen wie seine angetraute Frau – was sie aber nicht war – so dass sie überlegte, aufzustehen. Aber seine Wärme war zu angenehm. Er atmete tief und vermittelte ihr das Gefühl, sich für diesen Moment sicher zu wissen. Und das war in ihrem Leben nun nicht mehr selbstverständlich. Nichts war mehr selbstverständlich. Nicht die gewohnten Anstandsregeln, nicht die Gewissheit, dass Menschen und Katzen zweierlei waren und zweierlei bleiben würden, egal, was man mit ihnen anstellte.

Isabell betrachtete Meleons Gesicht. Es wirkte zu jugendlich für einen dunklen Magier. Seine Wimpern waren lang und gebogen, wie es sich so manche Frau vergebens wünschte, seine Wangen so glatt, als müsse er sich nicht rasieren, ja es war überhaupt kein Bartschatten zu entdecken.

Sonderbar.

Vielleicht nahm er auch für solche Belange seine magischen Kräfte in Anspruch.

Isabell betrachtete das cremefarbene Obergewand, das über dem Stuhl hing, und fragte sich, wie sie überhaupt hier ins Haus ihrer Eltern gekommen waren. Sie erinnerte sich nicht, mit Meleon hergelaufen zu sein.

Misstrauisch musterte sie ihr eigenes Zimmer, die Decke mit ihren Stuckverzierungen, den Kleiderschrank, das Tischchen am Fenster…

Durfte man sich darauf verlassen, dass die Dinge so bleiben würden, wie man sie kannte? Wenn sich Menschen in Katzen verwandeln konnten, dann mochte demnächst selbst ein Tisch herumlaufen und ein harmloser Parfümzerstäuber Feuer speien. Sie lachte bei dem Gedanken und Meleon schlug die Augen auf.

„So heiter?“, fragte er.

„Heiterkeit ist es wohl nicht“, sagte Isabell. „Eher der Versuch, dem Wahnsinn zu widerstehen.“

„Wahnsinn?“, sagte er, wie um das Wort abzuwägen. „Wahnsinn ist es, zu glauben, du wüsstest, wie die Welt beschaffen ist.“ Er rollte so überraschend herum, dass sie erschrak. Seine dunklen Augen waren ganz nah. „Es gibt aber auch erfreuliche Formen des Wahnsinns. Die Liebe beispielsweise. Die Verzückung. Die Raserei!“ Unter seinem Blick wurde sie rot. Er küsste sie zwischen die Augen, drehte den Kopf und fasste ihr Ohr mit den Zähnen. „Welchen Wahnsinn wählst du?“, murmelte er.

Sie spürte der gar nicht so zarten Berührung nach.

„Welche empfiehlst du?“, fragte sie.

„Die Verzückung“, sagte er und seine Zunge bewegte sich in kleinen Kreisen über ihren Hals, um dann hinter ihrem Ohr zu spielen.

Sie gab einen Protestlaut von sich, oder hoffte jedenfalls, dass es sich danach anhörte, doch Meleon hatte schon wieder ihre Ohrmuschel gepackt und kaute sacht darauf herum.

„Ich bin nicht aus Schokolade“, sagte sie und hörte sein Kichern, das sehr nach Dashân klang.

„Zweifellos bist du eine Cremefüllung mit…“ Er küsste sich am Hals abwärts. „… einem Hauch Muskat… Vanille, … und etwas, hm… lass mich herausfinden, was es ist!“ Er saugte sich kurz fest, dann glitten seine Lippen tiefer, so tief, wie es der Ausschnitt ihres Unterkleides es erlaubte. „Ich meine, es könnte… Zimt sein, abgerundet mit…“ Seine Finger nestelten an den kleinen, bezogenen Knöpfchen. „Wollen wir mal sehen…, vielleicht ist es…“

„Meleon!“

„Nein, nein, das ist es nicht“, sagte er und sie musste lachen.

Seine Zunge tauchte in ihren Ausschnitt und zwischen ihre Brüste. Sie versuchte, ihn wegzudrücken und er umschlang sie mit beiden Armen.

„Ich bin noch nicht fertig“, sagte er. „Bei weitem nicht.“

„Ja, aber…“, begann sie und dachte dann, wie müßig es war, eine Tugend zu verteidigen, die sie in gewisser Weise schon verloren hatte. Sofort überwältigten sie die Erinnerungen an die Nacht, in der sie als Kachmar und Dashân durch Laden und Haus getobt waren, und das drängende Gefühl kehrte zurück. Die Freude, einen Körper zu besitzen, ihn zu spüren, Meleons Hände zu spüren, seine Zunge…

Sie schauderte und krallte alle zehn Finger in seinen Rücken.

Er grinste, biss sie in die Nasenspitze und sagte laut und herausfordernd „Miau!“

Sie lachten, küssten einander, rollten vom Bett zu Boden, und als Isabell sich aufrichten wollte, umklammerte er sie und sie balgten sich, wie sie sich in jener Nacht gebalgt hatten. Von der Kommode regneten Parfümzerstäuber, Haarbürsten und Puderdosen herab, als sie heftig dagegen stießen. Eine Puderwolke hüllte sie ein und beide mussten heftig niesen. Das führte zu noch mehr Gelächter und einem wilden Spiel, bei dem Kissen und Bettdecke durch die Gegend flogen, bis Meleon sie dort, vor dem Bett, niederhielt und die Trauung auf seine Art vollzog.

Als sie dann erschöpft und wund und ein wenig zitternd neben ihm lag, flüsterte er ihr ins Ohr: „Ich meine, es ist Kardamom!“

Isabell lächelte, gähnte, rollte sich in seinem Arm zusammen und meinte tatsächlich, Gewürznelken und gemahlenen Kardamom zu riechen und dazu herbe Schokolade, sehr dunkel und von zartestem Schmelz.

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