Old Surehand II

Karl May · Kapitel 2 von 4 · Teil 2/6

PDF-Seiten

Old Surehand II

Zweites Kapitel: Der Koenigsschatz

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

Als die Frau diese Eröffnung vernahm, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus und fiel in Ohnmacht. Ihr zweiter Mann war der Mörder des ersten.

»Nun sollt ihr die "stehlende Hand" sehen,« sagte der Apatsche. »Folgt mir!«

Joseph blieb bei seiner besinnungslosen Mutter zurück, welcher wir die Besinnungslosigkeit wohl gönnten. Salters und ich folgten dem Indianer zu der großen Platane. Dort lag Rollins an der Erde unter einem der wohl drei Fuß im Durchmesser haltenden Hauptäste, welcher auf ihn gefallen war und ihm die Beine bis herauf an den Leib vollständig zermalmt hatte.

»Hier liegt er,« sagte der Apatsche. »Ich wollte mir seinen Skalp holen; aber der große Geist hat ihn gerichtet. Ich nehme nur den Skalp eines Mannes, den ich besiegt habe. -Diesen hier hat der Zorn des gerechten Manitou erschlagen, an demselben Orte, an welchem er den Mord beging. Verstehest du nun die Schrift, welche ich dir zu lesen gab?«

»Vollständig,« antwortete ich.

»"Brennende Pfeife" kann nicht schreiben. Er hat die Schrift von dem großen Häuptling Intschu tschuna machen lassen, dem er alles erzählte. Du bist der Bruder dieses berühmten Kriegers, und darum will ich dir die Schrift schenken. Siehe, der Elende öffnet die Augen. Vielleicht kannst du noch mit ihm sprechen. Ich aber gehe; er ist der Mörder meines Vaters; ich hätte ihn getötet, aber sein Wimmern mag ich nicht hören. Der rote Mann hat auch ein Herz, gerade wie das weiße Bleichgesicht; er will schnell strafen, aber nicht langsam martern.«

Er kehrte zu Joseph und dessen Mutter zurück. Wir aber hatten noch eine schlimme Viertelstunde zu überstehen, die Sterbeminuten des Mörders. Das Bewußtsein kehrte ihm zurück; er fühlte, daß der Tod ihm nahe sei, und gestand alles. Zwar fehlte ihm die Kraft zur zusammenhängenden Rede, aber er konnte unsere Fragen doch mit ja oder Nein beantworten. So erfuhren wir, was wir uns eigentlich selbst schon ergänzen konnten.

Er hatte bemerkt, daß die ihn verfolgende "brennende Pfeife" die Nuggets nicht bei sich führte, sie also vergraben hatte. Er führte den Indianer irre und kehrte nach dem Schauplatz des Ueberfalles zurück. Dort machte er unter vieler Mühe ein Loch für die Leichen, damit der Mord ein Geheimnis bleibe. Einige Tage später schoß er auch noch den Bruder des Ermordeten nieder, um sich bei der Frau als willkommener Beschützer einführen zu können. Dann konnte er mit aller Bequemlichkeit nach dem Golde suchen. Es gelang alles, nur die Hauptsache nicht; er konnte die Nuggets nicht finden. Der Durst nach dem Golde und die Qualen seines Gewissens brachten ihn dem Wahnsinn nahe. Er litt keinen Fremden, damit ja nicht durch irgend einen Zufall etwas entdeckt werde. So waren Will und ich abgewiesen worden, und so hatte er auch den "kleinen Hirsch" fortgejagt, welcher sich lahm stellte, um unter diesem Vorwande bei ihm Eintritt zu erhalten.

Gott richtete ihn nach seiner Allgerechtigkeit. Gerade jetzt lag der Mörder auf der Stelle im Sterben, unter welcher die Gebeine der von ihm Verscharrten lagen, und noch in seinen letzten Augenblicken mußte er von uns erfahren, daß das so lange vergebens gesuchte Gold gefunden worden sei und in die Hände des von ihm gehaßten Knaben komme.

Und doch verfuhr der Barmherzige noch gnädig mit ihm: Die zermalmten Glieder verursachten ihm keine Schmerzen; er schlief ein, ohne einen Seufzer auszustoßen.

Wir meldeten seinem Weibe das Geschehene. Sie mochte ihn nicht sehen und that recht daran. Wir zwei haben ihm das Grab gemacht und ein Vaterunser über demselben gebetet.

Der "kleine Hirsch" ritt bald von dannen. Er ließ sich nicht halten. Und als die schwer geprüfte Frau ihm einen Teil des Goldes anbot, sagte er stolz:

»Behalte deinen Staub. Der Apatsche weiß, wo Gold in Menge zu finden ist, aber er sagt es keinem Menschen und verachtet es. Der große Geist hat den Menschen erschaffen, nicht daß er reich, sondern daß er gut werde. Möge er dir von nun an soviel Glück geben, wie du bisher Leid erfahren hast!«

Er stieg auf und ritt von dannen.

Am andern Vormittag verließen auch wir die Gegend, Joseph und seine Mutter mit uns nehmend. Der alte Gaul trug das Gold und das übrige wenige Eigentum von Mutter und Sohn, der Fuchs die Lady und mein Brauner den Knaben; Will und ich schritten nebenher.

Im nächsten Settlement, wo Mutter und Sohn eine bessere Reisegelegenheit abwarten konnten, nahmen wir Abschied von ihnen, denen die Windhose so schlimme Aufklärung, dafür aber auch die Mittel zu einer besseren Existenz gebracht hatte.« - -

Schon während der vorigen Erzählung, welche von dem Ueberfalle des Zuges und der Trappergesellschaft Sam Fire-guns handelte, war ein Herr aus einer Stube getreten, welche an den großen Gastraum stieß, und hatte sich an dem nächsten Tische niedergelassen. Diese Nebenzimmer sind gewöhnlich zum Aufenthalte für bessere Gäste bestimmt, woraus ich schloß, daß dieser Herr entweder kein gewöhnlicher Mann oder ein bevorzugter Bekannter der Wirtin sei. Es war ihm anzusehen, daß ihn die Erzählung herbeigezogen hatte, denn er schenkte ihr eine ganz ungewöhnliche Aufmerksamkeit. Dabei nickte ihm Mutter Thick zuweilen in sehr bezeichnender Weise zu, winkte, ihn dabei anblickend, bei gewissen Stellen der Erzählung mit der Hand nach dem Tische hin, an welchem der Erzähler saß, und ließ mich durch dieses Nicken und Winken vermuten, daß der betreffende Herr zu den Personen oder Ereignissen, von denen erzählt wurde, in irgend welcher Beziehung stehe. Ich wurde in dieser Ansicht dadurch bestärkt, daß er der darauf folgenden kürzeren Geschichte viel weniger Aufmerksamkeit als der vorhergehenden schenkte, auch hatte er einmal die Finger an den Mund gelegt, um der Wirtin still zu sagen, daß sie schweigen möge. Er wurde mir dadurch so interessant, daß ich ihn beobachtete, was aber selbstverständlich in einer solchen Weise geschah, daß er es nicht bemerkte. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt und von der Sonne tief gebräunt, als hätte er sich im wilden Westen oder überhaupt nur im Freien bewegt; dennoch hielt ich ihn nicht für einen eigentlichen Westmann, denn seine durchgeistigten Züge, seine mehr nach innen gerichteten Augen und die Denkerfalten über der Nasenwurzel ließen auf einen andern Beruf als denjenigen eines Trappers schließen. Er war mir darum ein Rätsel, denn es giebt sehr wenig Berufsarten, welche neben geistiger Arbeit auch ein Herumstreifen in Prairie und Urwald erfordern, und selbst dann pflegt es weniger Beruf als vielmehr Liebhaberei zu sein, wie zum Beispiel bei dem Ethnographen, welcher die letzte Geschichte erzählt hatte.

OceanofPDF.com

Als er damit zu Ende war, fügte er an sie die Bemerkung.

»Ihr werdet jetzt zugeben, daß es schon vor Winnetou bei den Apatschen intelligente und achtenswerte Leute gab. Oder war das Benehmen dieses roten Knaben etwa nicht achtenswert? Und zugleich ist meine Geschichte auch wieder ein Beweis dafür, daß es Weiße giebt, die viel schlimmer sind als der schlimmste Indianer. Es befinden sich unter diesen Weißen oft Personen, die nach Stand und Bildung jedem andern ein gutes Beispiel geben sollten, anstatt dessen aber wahre Muster der Ruchlosigkeit und Niederträchtigkeit sind. Habe zum Beispiel da kürzlich von einem spanisch-mexikanischen Grafen erzählen hören, der sich mit den wilden Comantschen zum Ueberfalle seiner eigenen Hazienda und zur Ermordung von deren Bewohnern verbunden hatte. Wenn da nicht der Apatschenhäuptling Bärenherz und der Häuptling der Miztecas Büffelstirn gewesen wären, so hätten alle Weißen dort in das Gras beißen müssen.«

»Kennt Ihr diese Geschichte?« wurde er gefragt.

»Ausführlich nicht. Ich hörte nur so einige Andeutungen. Es kam auch ein berühmter weißer Jäger dabei vor, dessen Name, wenn ich nicht irre, Donnerpfeil war.«

»Und ein Graf spielte den Halunken, ein wirklicher Graf?«

»Ein wirklicher Graf, dessen Vater einer der vornehmsten und reichsten Männer des Landes war.«

»Wie hieß denn dieser Kerl?«

»Graf von Roderig --- Rod --- Rod --- habe den Namen vergessen; kann mich nicht mehr auf ihn besinnen.«

Da ertönte es von einem der entfernteren Tische her:

»Graf von Rodriganda, meint Ihr wohl, Sir?«

»Ja, ja, so war es, Graf von Rodriganda. Ihr kennt also den Namen?«

»Sehr gut.«

»Habt die Geschichte gehört?«

»Nicht nur gehört. Ich kenne den Grafen und alle Personen, die darin vorkommen; ich kenne auch die Hacienda, von welcher Ihr spracht, und die ganze Umgegend derselben, denn ich muß Euch sagen, daß ich dort wohne und der Rechtsanwalt von Sennor Arbellez bin, auf den es damals abgesehen war.«

»Was? Sein Rechtsanwalt? Da werden Euch die Ereignisse allerdings sehr bekannt sein.«

»So bekannt, als hätte ich sie selbst mitgemacht.«

»Wie kommt es aber, daß Ihr diese Gegend verlassen habt und über den großen Fluß gegangen seid?«

»Geschäftssache, Sir. Ich bin eines Prozesses wegen hier in den Staaten.«

»So! Wenn die Rechtsanwälte nicht die dumme Gewohnheit hätten, sich jedes Wort, welches sie sprechen, teuer bezahlen zu lassen, so hätte ich eine Bitte an Euch.«

»Hm! Ihr scheint keine gute Meinung von uns zu haben!«

»Das will ich nicht grad sagen; ich habe nur gemeint, daß diese Herren sehr wohl wissen, was ein Dollar zu bedeuten hat.«

»Das weiß ich freilich auch; dennoch giebt es bei mir Zeiten, in denen ich gut gelaunt bin und mich nicht bezahlen lasse.«

»Wirklich?«

»Ja!«

»Wie steht es da wohl jetzt? Seid Ihr bei guter Laune?«

»Bei sehr guter.«

»So darf ich vielleicht mit meiner Bitte herausrücken?«

»Versucht es wenigstens einmal!«

»Well! Ich möchte nämlich gern, daß die Gentlemen, welche hier sitzen, die Geschichte vom Grafen Rodriganda auch hören. Wollt Ihr sie erzählen?«

»Bin gar nicht abgeneigt. Aber sie ist nicht so kurz wie die Eurige; haben die Gentlemen Zeit?«

»Warum sollten sie keine haben? Bei Mutter Thick hat jedermann Zeit, so viele Gläser zu trinken und so lange zu bleiben, wie es ihm beliebt, zumal, wenn es gilt, etwas Interessantes anzuhören. Bitte, kommt her an unsern Tisch, damit Ihr Eure Stimme nicht zu sehr anzustrengen braucht!«

»Das will ich gern thun. Habe Eure Erzählungen angehört, die mir nicht übel gefallen haben, und ich will Euch zum Dank dafür nun auch einen Beweis zu Eurer Behauptung liefern, daß es weiße Schurken giebt, an deren Schlechtigkeit kein Roter heranreicht.«

Der Sennor, welcher durchaus mexikanisch gekleidet war, kam mit seinem Glase herbei, nahm den ihm angebotenen Platz ein, zündete sich die unvermeidliche Cigarette an und begann:

»Auf den Fluten des Rio Grande schwamm langsam ein leichtes Kanoe hinab. Es war aus langen Baumrindenstücken gebaut, die mit Pech und Moos verbunden waren, und trug zwei Männer, welche verschiedenen Rassen angehörten. Der eine führte das Steuer, und der andre saß sorglos im Buge, indem er damit beschäftigt war, aus Papier, Pulver und Kugeln Patronen für seine schwere Doppelrifle zu drehen.

Derjenige von den beiden, welcher das Steuer führte, hatte die scharfen, kühnen Züge und das durchdringende Auge eines Indianers, und auch ohne dies hätte man an seiner Kleidung sofort gesehen, daß er zur amerikanischen Rasse gehöre. Er trug nämlich ein wildledernes Jagdhemd, dessen Nähte phantastisch ausgefranst waren, ein Paar Leggins, deren Seitennähte mit den Kopfhaaren der von ihm erlegten Feinde geschmückt waren, und Mokassins, welche doppelte Sohlen zeigten. Um seinen nackten Hals hing eine Schnur von den Zähnen des grauen Bären, und sein Haupthaar war in einen hohen Schopf geflochten, aus welchem drei Adlerfedern hervorragten, ein sicheres Zeichen, daß er ein Häuptling sei. Neben ihm im Kanoe lag ein fein gegerbtes Büffelfell, welches ihm beim Gehen als Mantel diente. In seinem Gürtel stak ein glänzender Tomahawk, ein zweischneidiges Skalpmesser und der Pulver- und Kugelbeutel. Auf dem Büffelfelle lag eine lange Doppelflinte, deren Kolben mit silbernen Nägeln verziert war und in dessen Schaft man viele eingeschnittene Kerben bemerkte, um die Zahl der Feinde zu bezeichnen, welche er bereits erlegt hatte. An der Bärenzahnschnur war das Kalumet befestigt, und außerdem sah man aus einer Tasche seines Jagdhemdes die Kolben von zwei Revolvern hervorblicken. Diese beiden bei den Indianern so seltenen Waffen waren ein sicheres Zeichen, daß er mit der Civilisation in eingehende Berührung gekommen sei.

Das Steuer in der Rechten, schien er seinem Begleiter zuzuschauen und sich um weiter gar nichts zu bekümmern; ein aufmerksamer Beobachter aber hätte bemerkt, daß er dennoch unter den tief gesenkten Wimpern hervor die Ufer des Flusses sehr scharf mit jenem eigentümlichen, maskierten Blicke beobachtete, welcher dem Jäger eigen ist, der in jedem Augenblicke einen Angriff auf sein Leben erwarten kann.

Der andre, welcher im Vorderteile saß, war ein Weißer. Er war lang und zwar schlank, aber doch ungemein kräftig gebaut und trug einen blonden Vollbart, der ihn außerordentlich gut kleidete. Auch er hatte Lederhosen an, die in den hoch heraufgezogenen Schäften schwerer Aufschlagestiefel steckten. Eine blaue Weste und ein ebensolches Jagdwams bedeckten seinen Oberkörper; der Hals war frei und nackt, und auf dem Kopfe saß einer jener breitkrempigen Filzhüte, die man im fernen Westen stets zu sehen bekommt. Sie haben die Farbe und Form verloren.

Die beiden Männer mochten in dem gleichen Alter von vielleicht achtundzwanzig Jahren sein, und beide trugen anstatt der Sporen scharfe Fersenstachel, ein sicherer Beweis, daß sie beritten gewesen waren, ehe sie sich das Kanoe bauten, um den Rio Grande hinabzufahren.

Indem sie so von dem Wasser des Flusses abwärts getragen wurden, vernahmen sie plötzlich das Wiehern eines Pferdes. Die Wirkung dieses Lautes war eine blitzschnelle, denn noch war der Ton nicht ganz verklungen, so lagen die beiden Männer bereits auf dem Boden des Kanoe, so daß sie von außen nicht gesehen werden konnten.

»Tkli - ein Pferd!« flüsterte der Indianer in der Sprache der Apatschen.

»Es steht weiter abwärts,« meinte der Weiße.

»Es hat uns gewittert. Wer mag der Reiter sein?«

»Ein Indianer nicht und ein guter, weißer Jäger auch nicht,« sagte der Weiße.

»Warum?«

»Ein erfahrener Mann läßt sein Pferd nicht so laut wiehern.«

»Was thun wir?«

»Rudern wir an das Ufer. Wir steigen aus und schleichen uns hin.«

»Und das Kanoe bleibt liegen?« fragte der Indianer. »Wenn es nun Feinde sind, welche uns an das Ufer locken und töten wollen?«

»Pshaw, wir haben auch Waffen!«

»So mag wenigstens mein weißer Bruder den Kahn bewachen, während ich die Gegend untersuche.«

»Gut, ich bin einverstanden!«

Sie leiteten das Kanoe an das Ufer, wo der Indianer ausstieg, während der Weiße mit den Waffen in der Hand sitzen blieb, um seine Rückkehr zu erwarten. Nach einigen Minuten bereits sah er ihn in aufrechter Stellung kommen, das war ein Zeichen, daß keine Gefahr vorhanden sei.

»Nun?« fragte der Weiße.

»Ein weißer Mann schläft dort hinter dem Busche.«

»Ah! Ein Jäger?«

»Er hat nur ein Messer.«

»Ist weiter niemand in der Nähe?«

»Ich habe niemand gesehen.«

»So wollen wir hin!«

Er sprang aus dem Fahrzeuge und band dieses fest; dann ergriff er seine schwere Rifle, zog die beiden Revolver, welche auch er besaß, halb hervor, um kampfbereit zu sein, und folgte dem Indianer. Sie erreichten bald die Stelle, an welcher der Schläfer lag. Neben ihm stand ein Pferd angebunden, welches auf mexikanische Weise gesattelt war.

Der Mann trug jene nach unten weiter werdenden mexikanischen Hosen, ein weißes Hemd und eine blaue, nach Husarenart um die Schultern hängend getragene Jacke.

Hemd und Hose wurde durch ein gelbes Tuch zusammengehalten, welches er wie einen Gürtel um die Hüften gewunden hatte. In diesem Gürtel stak außer einem Messer keine einzige Waffe. Der gelbe Sombrero lag über seinem Gesichte, um dasselbe gegen die warmen Strahlen der Sonne zu schützen. Der Mann schlief so fest, daß er das Nahen der beiden andern gar nicht hörte.

»Holla, Bursche, wach auf!« rief der Weiße, ihn am Arme schüttelnd.

Der Schläfer erwachte, sprang empor und zog das Messer. »Verdammt, was wollt ihr?« rief er schlaftrunken.

»Zunächst nur wissen, wer du bist.«

»Wer seid ihr denn?«

»Hm, mir scheint, du hast Angst vor dem roten Mann. Das ist nicht nötig, alter Junge. Ich bin ein deutscher Trapper, Namens Helmers, und stamme aus der Gegend von Mainz, und dieser hier ist Shosh-in-liett, der Häuptling der Jicarillas-Apatschen.«

»Shosh-in-liett?« fragte der Fremde. »O, dann habe ich keine Sorge, denn dieser große Krieger der Apatschen ist ein Freund der Weißen.«

Shosh-in-liett heißt zu deutsch Bärenherz.

»Nun, und du?« fragte der Weiße, der sich Helmers genannt hatte.

»Ich bin Vaquero (* Vaquero = Rinderhirte.) « antwortete der Mann.

»Wo?«

»Jenseits des Flusses.«

»Bei wem?«

»Beim Grafen de Rodriganda.«

»Und wie kommst du herüber?«

»Alle Teufel, sagt mir lieber, wie ich hinüberkomme! Ich werde verfolgt.«

»Von wem?«

»Von den Comantschen.«

»Das scheint sich nicht zu reimen. Du wirst von Comantschen verfolgt und legst dich in aller Gemütsruhe hier schlafen!«

»Der Teufel schlafe nicht, wenn man so müde ist!« »Wo trafst du auf die Comantschen?«

»Grad im Norden von hier, nach dem Rio Pecos zu. Wir waren fünfzehn Männer und zwei Frauen, sie aber zählten über sechzig.«

»Donnerwetter! Habt ihr gekämpft?«

»Ja.«

»Weiter, weiter!«

»Was weiter? Sie überfielen uns, ohne daß wir von ihrer Gegenwart etwas ahnten; darum machten sie die Mehrzahl von uns nieder und nahmen die Frauen gefangen. Ich weiß nicht, wie viele noch außer mir entkommen sind.«

»Wo kamt ihr her, und wohin wolltet ihr?«

Der Vaquero war nicht gesprächig; er ließ sich jedes Wort abkaufen; er antwortete:

»Wir waren nach Forte del Quadeloupe geritten, um die beiden Damen abzuholen, welche dort zu Besuch gewesen waren. Der Ueberfall geschah auf dem Heimwege.«

»Wer sind die Damen?«

»Sennorita Arbellez und Karja, die Indianerin.«

»Wer ist Sennorita Arbellez?«

»Die Tochter unsers Inspektors.«

»Und Karja?«

»Sie ist die Schwester von Tecalto, dem Häuptling der Miztecas.«

Da horchte Bärenherz auf.

»Die Schwester von Tecalto?« fragte er.

»Ja.«

»Er ist mein Freund. Wir haben die Friedenspfeife miteinander geraucht. Die Schwester seines Herzens sollte nicht gefangen bleiben. Gehen meine weißen Brüder mit, sie zu befreien?«

»Ihr habt doch keine Pferde!« sagte der Vaquero.

Der Indianer warf ihm einen geringschätzigen Blick zu und antwortete:

»Bärenherz hat ein Pferd, wenn er eins braucht. In einer Stunde wird er den Hunden von Comantschen eins genommen haben.«

»Verdammt, das wäre stark!«

»Nein, das versteht sich ganz von selbst,« sagte der Weiße.

»Wie so?«

»Wann seid ihr gestern überfallen worden?«

»Am Abend.«

»Und wie lange hast du hier geschlafen?«

»Wohl kaum eine Viertelstunde.«

»So werden die Comantschen bald hier sein.«

»Alle Teufel!«

»Sicher!«

»Warum?«

»Du bist ein Vaquero und kennst die Gebräuche der Wilden nicht? Was für eine Absicht denkst du wohl, daß sie mit den Damen haben werden? Haben sie dieselben wohl wegen eines Lösegeldes gefangen genommen?«

»Nein, sicherlich nicht. Sie werden sie mitnehmen, um sie zu ihren Weibern zu machen, denn beide sind jung und schön.«

»Ja, ich habe gehört, daß die Mädchen der Miztecas wegen ihrer Schönheit berühmt sind. Wenn also die Comantschen die beiden Damen nicht wieder herausgeben wollen, so müssen sie dafür sorgen, daß man den Aufenthaltsort derselben nicht entdecken kann; sie müssen ihre Spur verbergen. Infolgedessen dürfen sie also auch keinen von euch entkommen lassen, und darum haben sie sich ganz gewiß aufgemacht, um dich zu verfolgen, damit du keine Kunde nach Hause tragen kannst.«

»Das leuchtet mir ein!« sagte der Vaquero.

»Die Comantschen waren natürlich zu Pferde?«

»Ja.«

»Sie werden dich also auch zu Pferde verfolgen; sie werden auf deiner Spur reiten und Pferde haben, wenn sie hier ankommen.«

»Verdammt, das ist sehr leicht zu denken, obgleich ich nicht daran gedacht habe!«

»Ja, ein sonderlicher Scharfsinn scheinst du nicht zu sein! Dachtest du dir denn nicht, daß man dich verfolgen würde?«

»Natürlich!«

»Warum legtest du dich da zum Schlafen?«

»Ich war zu müde von der Anstrengung der Flucht.«

»Du mußtest wenigstens erst über den Fluß gehen!«

»Er ist hier zu breit, und das Pferd zu angegriffen.«

»Danke Gott, daß wir keine Comantschen sind! Du wärst hier eingeschlafen und dann im Paradiese ohne Kopfhaut erwacht. Hast du Hunger?«

»Ja.«

»So komm mit nach dem Kahne, führe aber zunächst dein Pferd weit hinter die Büsche, damit man es von weitem nicht sehen kann!«

Dieses Gespräch war nur von Helmers und dem Vaquero geführt worden. Bärenherz hatte sich nach dem Kanoe zurückbegeben, wo er ruhend auf der Büffelhaut lag. Der Vaquero erhielt Fleisch; Wasser gab es im Flusse; so war für alles gesorgt.

Nachdem er sich satt gegessen hatte, fragte ihn Helmers nach seinen näheren Verhältnissen. Als einige Zeit vergangen war, verließ Helmers den Kahn, um das etwas erhöhte Ufer zu erklettern und Ausguck zu halten. Er hatte die Höhe kaum erreicht, als er einen Ruf der Ueberraschung ausstieß:

»Holla, sie kommen! Bald hätten wir die rechte Zeit versäumt.«

Der Indianer stand im Nu bei ihm und schaute nach den Comantschen aus.

»Sechs Reiter!« sagte er.

»Kommen auf jeden drei.«

Der deutsche Trapper schien gar nicht daran zu denken, daß der Vaquero auch einen der Feinde auf sich nehmen könne.

»Wer nimmt das Pferd?« fragte Bärenherz.

»Ich,« antwortete der Deutsche.

Der Indianer nickte und sagte dann:

»Von diesen Comantschen darf kein einziger entkommen!«

»Das versteht sich ganz von selbst,« meinte Helmers. Dann wandte er sich an den Vaquero: »Du hast nur dein Messer?«

»Ja.«

»So kannst du uns bei dieser Sache gar nichts nützen. Du bleibst im Kanoe liegen, und ich nehme einstweilen dein Pferd.«

»Aber wenn es erschossen wird!« sagte der Mann ängstlich.

»Dummheit, so bekommen wir sechs andre dafür!«

Der Mexikaner mußte dieser Anordnung Folge leisten. Er versteckte sich in das Kanoe, während die beiden andern sich nach dem Orte begaben, an welchem sie ihn gefunden hatten. Sie stellten sich neben das hinter den Büschen des Ufers versteckte Pferd und warteten.

Die Reiter, welche Helmers zuerst als sechs dunkle Punkte in der Ferne erkannt hatte, kamen schnell näher. Man konnte bereits ihre Bekleidung und Bewaffnung erkennen.

»Ja, es sind die Hunde der Comantschen,« sagte Bärenherz.

»Sie haben sich mit den Kriegsfarben bemalt, geben also keinen Pardon,« bemerkte Helmers.

»Sie sollen selbst keinen erhalten!«

»Die beiden Hintersten müssen zuerst daran glauben; die Vordersten bleiben uns dann gewiß.«

»Ich nehme die Hintersten,« sagte der Apatsche.

»Gut!«

Die Comantschen waren jetzt auf einen halben Kilometer herangekommen; sie ritten noch immer im schnellsten Galopp. In einer Minute mußten sie sich im Bereiche der Büchsen befinden.

»Wie dumm sie sind!« lachte der Deutsche.

»Diese Comantschen haben kein Hirn; sie vermögen nicht zu denken!«

»Sie könnten doch wenigstens vermuten, daß der Vaquero sich hier versteckt hat und auf sie wartet! Aber jedenfalls meinen sie, daß er sofort über den Strom geritten ist.«

»Ugh!« sagte der Apatsche.

Mit dieser Aufforderung zur Aufmerksamkeit erhob er seine Büchse. Helmers that dasselbe. Zwei Schüsse krachten und noch zwei. Vier der Comantschen wälzten sich am Boden. Im nächsten Augenblicke saß Helmers auf dem Pferde des Vaquero und brach mit demselben durch die Büsche. Die beiden übrig gebliebenen Comantschen stutzten und hatten gar nicht Zeit, ihre Pferde zu wenden, so war der Deutsche schon bei ihnen. Sie erhoben ihre Tomahawks zum tödlichen Schlage, er aber hielt den Revolver bereit. Zweimal drückte er ab, und auch diese zwei stürzten von den Pferden.

Dieser Sieg war in weniger als zwei Minuten Zeit errungen. Die Pferde der Gefallenen wurden mit leichter Mühe eingefangen.

Jetzt kam der Vaquero herbei. Er hatte vom Kanoe aus alles beobachtet.

»Verdammt!« meinte er, »das war ein Sieg!«

»Pah!« lachte der Deutsche. »Sechs Comantschen, was ist das weiter. Man sollte eigentlich mit Menschenblut sparsamer umgehen, denn es ist der köstlichste Saft, den es giebt; aber diese Comantschen verdienen es nicht anders.«

Man nahm den Toten ihre Waffen ab und warf sie in das Gras, nachdem Bärenherz den beiden, die er getötet hatte, die Skalpe löste, um sie sich an den Gürtel zu hängen. Der Weiße nahm keinen Skalp.

»Was nun?« fragte der Deutsche. »Brechen wir sofort auf?«

»Ja,« antwortete der Apatsche. »Die Schwester meines Freundes soll nicht vergebens auf Hilfe rechnen.«

»Nehmen wir den Vaquero mit?«

Bärenherz musterte diesen und sagte dann:

»Thue, was du willst!«

»Ich gehe mit!« erklärte der Mexikaner.

»Ich glaube nicht, daß wir dich brauchen können,« meinte Helmers.

»Warum?«

»Ein Held bist du nicht.«

»Ich hatte ja keine Waffen jetzt!«

»Aber bei dem gestrigen Ueberfalle bist du doch auch geflohen.«

»Nur, um Hilfe herbei zu holen.«

»Ach! So! Nun, wirst du den Platz wiederfinden können, an welchem ihr überfallen wurdet?«

»Ja.«

»So magst du uns begleiten.«

»Darf ich mir von den Waffen der Indianer nehmen?«

»Ja. Nimm dir auch ein Pferd von ihnen. Das deinige lassen wir frei; es ist zu sehr abgetrieben und würde uns nur hinderlich sein.«

Die drei besten Pferde wurden bestiegen und die übrigen frei gelassen; dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung.

Es ging nach Norden immer dem Rio Pecos zu. Der Weg führte zunächst durch offene Prairie, dann erhob sich eine Sierra vor ihnen, deren Berge mit Wald bestanden waren; sie ritten durch Thäler und Schluchten und gelangten gegen Abend auf eine Höhe, von welcher aus man eine kleine Savanna überblicken konnte.

»Ugh!« rief der Apatsche, welcher voranritt.

»Was giebt es?« fragte der Deutsche.

»Siehe!«

Bärenherz streckte die Hände aus und deutete nach unten. Dort lagerte ein Trupp Indianer, in dessen Mitte man die Gefangenen erblickte. Der Deutsche nahm ein kleines Fernrohr aus der Tasche, stellte es, hob es an das Auge und blickte hindurch.

»Was sieht mein weißer Bruder?« fragte der Apatsche.

»Neunundvierzig Comantschen.«

»Pshaw!« sagte der Apatsche geringschätzend.

»Und sechs Gefangene.«

»Sind die Frauen mit dabei?«

»Ja, zwei.«

»Wir werden sie befreien!«

Diese Worte sagte der Häuptling mit so großer Seelenruhe, daß man glauben mußte, es verstehe sich ganz von selbst, er nähme es ganz allein mit einem Schock Comantschen auf.

»Am Abend?« fragte der Deutsche.

»Ja,« nickte der Apatsche.

»Aber wie?«

»Wie ein Häuptling der Apatschen!« sagte Bärenherz stolz.

»Ich bin dabei. Diese neunundvierzig Comantschen können nicht hundert Wachen aufstellen.«

»Wir wollen uns verbergen.«

»Warum?« fragte der Vaquero.

»Willst du dich etwa sehen lassen?« antwortete Helmers.

»Nein. Aber hier können sie uns ja gar nicht sehen.«

»Es können ja auch noch andre außer dir entkommen sein. Die hat man gewiß auch verfolgt, und wenn die Verfolger zurückkehren, können sie uns sehr leicht bemerken. Halte die Pferde. Wir beide wollen zunächst dafür sorgen, daß unsre Fährte ausgewischt wird.«

Er kehrte mit Bärenherz eine Strecke weit auf dem Wege, den sie gekommen waren, zurück, um die Hufspuren unsichtbar zu machen; dann wurde im dichtesten Gebüsch der Anhöhe ein Versteck ausgesucht und auch gefunden, worin sie sich mit ihren Tieren verbargen.

Die Sonne ging unter, und es wurde Abend. Die finstere Nacht brach an, und noch regte sich nichts in dem Verstecke. Die beste Zeit zum Ueberfalle war kurz nach Mitternacht.

»Nun, hast du dir ausgesonnen, wie es zu machen ist?« fragte der Deutsche den Apatschen.

»Ja,« antwortete dieser.

»Wie?«

»Wie es tapfere Männer machen. Kannst du eine Wache töten, ohne daß sie einen Laut von sich giebt?«

»Ja.«

»Gut! So schleichen wir uns hinzu, töten die Wachen, schneiden die Fesseln der Gefangenen durch und entfliehen mit ihnen.«

»Natürlich mittels der Pferde?«

»Ja.«

»So wird es Zeit, zu beginnen, denn das Anschleichen ist eine langweilige Sache.«

»Aber dieser Vaquero bleibt zurück?« fragte der Apatsche.

»Ja; er hat die Pferde zu halten.«

»Wo erwartet er uns?«

»Da, wo wir die Comantschen zuerst erblickten. Wir müssen dort vorüber, da wir doch jedenfalls nach dem Rio Grande zurückkehren.«

»So laß uns beginnen!«

Die beiden mutigen Männer ergriffen ihre Gewehre und schritten, nachdem sie dem Vaquero die nötigen Instruktionen erteilt hatten, davon.

Unten im Thale brannte ein einziges Wachtfeuer; rund um dasselbe lagen die schlafenden Comantschen und bei ihnen die gefesselten Gefangenen. Die Wachtposten waren jedenfalls außerhalb dieses Kreises zu suchen. Als die beiden das Thal erreichten, sagte Bärenherz:

»Ich gehe links, und du gehst rechts.«

»Gut. Auf alle Fälle befreien wir zunächst die beiden Frauen.«

Sie trennten sich.

Helmers umschritt das Lager nach der rechten Seite hin. Natürlich geschah dies nicht in aufrechter Stellung, sondern in der Weise, wie sie in der Prairie gebräuchlich ist. Man legt sich auf den Boden nieder und schiebt sich wie eine Schlange langsam und vorsichtig weiter. Man darf dabei weder gehört noch gesehen werden, auch muß man dafür sorgen, daß die Pferde keine Witterung bekommen, weil sie sonst durch ihr ängstliches Schnauben die Nähe des Feindes verraten.

So that es Helmers. Erst einen weiten Bogen schlagend, machte er denselben allmählich enger, bis er eine dunkle Gestalt erblickte, welche langsam auf und nieder schritt. Das war eine Wache. Er schlich sich mit der größten Vorsicht heran. Es war ein Glück, daß die Nacht finster war und das Feuer nicht mehr leuchtete. Er kam der Wache bis auf fünf Schritte nahe, dann schnellte er sich plötzlich auf dieselbe zu, packte sie von hinten mit der Linken bei der Kehle, schnürte diese so fest zu, daß ein Laut unmöglich war, und stieß ihr mit der Rechten das lange Bowiemesser in die Brust. Der Mann sank nieder, ohne ein Wort zu sagen oder das leiseste Geräusch machen zu können.

So gelang es ihm, nach vielleicht einer Viertelstunde, eine zweite Wache unschädlich zu machen; dann stieß er mit Bärenherz zusammen, welcher auf ganz dieselbe Weise auch zwei Comantschen getötet hatte.

»Nun die Frauen!« flüsterte der Indianer.

»Vorsicht!« bat der Deutsche.

»Pshaw! Der Apatsche ist mutig, aber auch vorsichtig. Vorwärts!« war die Antwort.

Sie wandten sich vollständig unhörbar durch das ziemlich fußhohe Gras nach dem Feuer hin. Die Frauen waren an der hellen Farbe ihrer Kleidung leicht zu unterscheiden. Helmers erreichte sie zuerst und näherte seine Lippen dem Ohre der einen. Dabei sah er trotz der Dunkelheit, daß sie die Augen offen hielt und ihn beobachtet hatte.

»Erschrecken Sie nicht und halten Sie sich still!« flüsterte er. »Erst wenn ich auch Ihrer Freundin die Fesseln durchschnitten habe, eilen Sie zu den Pferden hin.«

Sie verstand ihn. Die Frauen lagen nebeneinander. Sie waren an Händen und Füßen gefesselt. Der Deutsche durchschnitt die Riemen, die ihnen in das Fleisch gedrungen waren.

Sobald der Apatsche bemerkte, daß der Deutsche sich der beiden Damen annahm, suchte er die männlichen Gefangenen auf. Es waren ihrer vier, und sie lagen in der Nähe. Er kroch zu ihnen heran. Auch sie schliefen nicht. Er nahm das Messer zur Hand, um auch ihre Riemen zu durchschneiden. Schon hatte er dies bei zweien gethan, da erhob sich ganz plötzlich in der Nähe einer der Indianer empor. Er hatte die Bewegungen des Apatschen im halben Schlafe gehört. Zwar erhob Bärenherz sofort sein Messer und stieß es ihm in die Brust, aber der zum Tode Getroffene fand dennoch Zeit, einen lauten Warnungsruf auszustoßen.

»Vorwärts, zu den Pferden! Mir nach!« rief der Apatsche, indem er blitzschnell die Banden der übrigen zwei löste.

Sie sprangen empor und stürzten zu den Pferden.

»Schnell, schnell, um Gotteswillen!« rief auch der Deutsche.

Er ergriff hüben und drüben eine der Damen und riß sie zu den Pferden hin; aber ihre Hand- und Fußgelenke waren von den Fesseln so eingeschnürt gewesen, daß sie kaum gehen konnten.

»Bärenherz!« rief der Deutsche in höchster Angst.

»Hier!« ertönte die Stimme des Apatschen.

»Schnell herbei!«

Im nächsten Augenblicke war der Häuptling da. Er ergriff eine der Frauen, hob sie empor und eilte mit ihr zu den Pferden. Helmers that es mit der andern ebenso. Sie sprangen auf, zogen die Frauen zu sich auf das Pferd, schnitten die Lassos durch, an denen die Tiere angepflockt gewesen waren, und jagten davon.

Das alles war unter lauter Angst, aber auch mit der Schnelligkeit des Blitzes geschehen, aber keinen Augenblick zu früh, denn gerade in dem Momente, an welchem sie ihre Tiere in Bewegung setzten, krachten hinter ihnen die Schüsse der Comantschen.

Diese hatten gar nicht an die Möglichkeit eines Ueberfalles gedacht und darum fest geschlafen. Jetzt sprangen sie empor und griffen zu den Waffen. Sie bildeten ein wirres Durcheinander und merkten erst dann, was geschehen war, als die Gefangenen bereits davonsprengten.

Nun warfen auch sie sich auf die noch übrigen Pferde und jagten den Entflohenen nach.

Helmers und der Apatsche ritten an der Spitze. Sie kannten den Weg, und jeder von ihnen hatte ein Mädchen vor sich liegen. Oben auf der Höhe wartete der Vaquero auf sie. Als er sie kommen hörte, stieg er auf und nahm die beiden andern Pferde am Zaum.

»Uns nach!« rief Helmers ihm zu, der ihn halten sah.

So ging die wilde Jagd bei voller Dunkelheit jenseits wieder in das Thal hinab, voran die Flüchtlinge und hinter ihnen die Comantschen, welche ohne Aufhören die Gewehre luden und abschossen, ohne doch jemand zu treffen. Da endlich erreichte man die freie Prairie, und nun endlich konnte man an eine Gegenwehr denken.

»Können Sie reiten, Sennora?« fragte Helmers seine Dame.

»Ja!«

»Hier ist der Zügel! Immer grad aus!«

Er sprang ab und stieg auf sein Pferd, welches der Vaquero am Zügel führte. Der Apatsche that ganz dasselbe. Sie bildeten nun die Nachhut und hielten mit ihren vortrefflichen Büchsen die Indianer im Schach. So ging es fort, bis der Morgen graute, und da zeigte es sich, daß die Comantschen weit zurückgeblieben waren, teils aus Vorsicht, teils wohl auch deshalb, weil sie ihre Tiere jetzt noch nicht so antreiben wollten, wie die Flüchtigen.

»Wollen wir langsamer reiten?« fragte der Vaquero.

»Nein,« antwortete der Deutsche. »Immer fort, so schnell wie möglich, damit wir den Strom zwischen uns und die Comantschen bringen.«

Er konnte jetzt die beiden befreiten Frauen deutlich sehen und also genauer betrachten. Die eine war eine Spanierin und die andere eine Indianerin, aber jede schön in ihrer Art.

»Können Sie den Ritt noch aushalten, Sennorita?« fragte er die erstere.

»So lange, als Sie wollen,« antwortete sie.

»Wie soll ich Sie nennen?«

»Mein Name ist Emma Arbellez. Und der Ihrige?«

»Ich heiße Helmers.«

»Helmers? Das klingt deutsch.«

»Ich bin auch wirklich ein Deutscher. Wir müssen bald über den Fluß, Sennorita.«

»Wird uns das gelingen?«

»Ich hoffe es. Leider sind nur drei von uns bewaffnet; doch liegen dort am Rio Grande noch die übrigen Waffen, welche wir gestern den Comantschen abgenommen haben.«

»Sie haben schon gestern gekämpft?«

»Ja. Wir trafen den Vaquero und hörten von ihm das Nähere. Wir erlegten seine Verfolger und beschlossen, auch Sie zu befreien.«

»Zwei Männer! Gegen so viele!« wunderte sie sich.

Als die fliehende Truppe den Rio Grande erreichte, hatte sie die Verfolger so weit hinter sich gelassen, daß man sie ganz aus den Augen verloren hatte, Die Waffen der erschossenen Indianer lagen noch hier und wurden unter diejenigen verteilt, welche keine Waffen hatten. Die vier männlichen Geretteten waren drei Vaqueros und ein Majordomo oder Hausmeister.

»Was thun wir?« fragte der letztere. »Erwarten wir die Indianer hier, um ihnen einen Denkzettel zu geben? Wir haben jetzt acht Gewehre.«

»Nein, wir setzen über. Drüben haben wir den Fluß als Verteidigungslinie vor uns. Die Damen nehmen im Kanoe Platz,« sagte Helmers.

So geschah es. Der Majordomo ruderte die Damen hinüber, während die andern zu Pferde in das Wasser gingen. Es ging alles ganz glücklich von statten. Und als man drüben anlangte, wurde das Kanoe versenkt und Anstalt zur Verteidigung getroffen. Dabei hielt sich Emma Arbellez, immer an der Seite des Deutschen.

»Warum reiten wir nicht sofort weiter, Sennor?« fragte sie.

»Die Klugheit verbietet uns das,« antwortete er. »Wir haben einen Feind hinter uns, der uns an Zahl bedeutend überlegen ist.«

»Aber acht Gewehre!« meinte sie mutig.

»Gegen fünfzig, die der Feind hat. Bedenken Sie, daß wir Damen zu beschützen haben!«

»So meinen Sie, wir wollen uns hier belagern lassen?«

»Nein. Die Comantschen glauben sicher, daß wir nach unsrem Uebergang sofort weiter geritten sind. Sie werden also auch sogleich in das Wasser gehen, und wenn ihrer genug im Flusse sind, so können wir ihre Zahl derart lichten, daß sie von der Verfolgung ablassen müssen.«

»Wenn sie nun aber vorsichtig sind?«

»Inwiefern?«

»Erst Kundschafter herüberschicken?«

»Hm, wahrhaftig, es ist möglich, daß sie das thun!«

»Welche Maßregeln werden Sie dagegen treffen?«

»Wir reiten weiter und kehren auf einem Umwege zurück. Vorwärts also, ehe sie kommen!«

Man stieg wieder zu Pferde und sprengte in vollster Carriere in die jenseitige Ebene hinein. Dort schlug man einen Bogen und kehrte zurück. Man erreichte den Fluß etwas oberhalb der Stelle, an welcher man übergesetzt hatte. Das war kaum geschehen, so ließ sich drüben lauter Hufschlag hören.

»Sie kommen!« sagte der Majordomo.

»Haltet den Pferden die Nüstern zu, damit sie nicht wiehern!« gebot Helmers.

Das kluge Mädchen hatte doch richtig geahnt. Die Comantschen suchten drüben die Spuren ab, und dann ritten zwei von ihnen vorsichtig in den Fluß. Sie kamen herüber, suchten auch hier und fanden die Fährte, welche weiter fortführte.

»Ni-uake, mi ua o-o, ni esh miushyame - hier sehen wir sie; ihr könnt kommen!« riefen sie hinüber.

Auf diese Aufforderung ging der ganze Trupp, ein Mann nach dem andern, in das Wasser. Der Fluß war so breit, daß der erste der Comantschen das eine Ufer noch nicht erreicht hatte, als der letzte das andre verließ. Die Flüchtlinge staken im Gebüsch versteckt. Jetzt war es Zeit für sie.

»Wohin zielen wir?« fragte der Majordomo.

»Auf die ersten im Wasser. Die beiden, welche bereits hüben halten, sind uns sicher!«

»Nur nicht zwei auf einen Mann schießen!« warnte der Apatsche. »Zählt allemal acht ab. Wir schießen so auf sie in der Reihe, wie wir hier in der Reihe stehen.«

»Gut, vortrefflich!« sagte Helmers. »Fertig?«

»Ja,« flüsterte es siebenfach die Antwort.

»So, Feuer!«

Die acht wohlgezielten Schüsse krachten in einem und demselben Augenblicke; ein einziger Kanonenschlag, und die acht vordersten Comantschen versanken im Wasser. Der Deutsche und der Apatsche hatten Doppelbüchsen; Sie drückten ihre zweiten Läufe ab und ließen noch zwei Feinde versinken.

»Schnell wieder laden!« rief Helmers.

Es war wunderbar, ja fast lächerlich anzusehen, welche Wirkung die Salve auf die Ueberlebenden hervorbrachte. Die Comantschen rissen ihre Pferde herum und schwammen wieder dem entgegengesetzten Ufer zu. Viele glitten vorsichtig von den Tieren herab und schwammen neben denselben, um sich durch sie decken zu lassen. Die zwei aber, welche bereits am diesseitigen Ufer waren, zeigten sich als die besorgtesten, aber auch - unvorsichtigsten. Sie rissen ihre Büchsen herab und kamen im Galopp herbeigesprengt. Sofort zog der Deutsche den Revolver und schlich ihnen hinter dem Buschwerk entgegen. Sie sahen ihn nicht, und eben, als sie an der Stelle, wo er sich befand, vorüber wollten, drückte er zweimal ab. Sie stürzten tot vom Pferde.

»Holla, noch zwei geladene Gewehre!« rief Helmers.

»Die sind für uns!« antwortete Emma Arbellez.

»Können Sie schießen?«

»Alle beide.«

»Dann schnell!«

Er sprang dahin zurück, wo er seine Doppelbüchse weggelegt hatte, und die beiden Damen ergriffen die Gewehre der zwei Comantschen. Das alles war so schnell gegangen, daß seit der ersten Salve bis jetzt kaum eine Minute vergangen war. Man hatte wieder geladen.

»Feuer!« ertönte der Kommandoruf.

Die Feinde hatten das jenseitige Ufer noch nicht wieder erreicht; sie erhielten jetzt eine Salve aus den einfachen und zwei Doppelgewehren, welche fast alle gut gezielt waren. Mehrere Verwundete waren vom Flusse abwärts getrieben, und mehrere Unverletzte stellten sich tot, um die tapferen Verteidiger zu täuschen, indem auch sie sich abwärts treiben ließen, um so den Kugeln zu entgehen.

»Laßt euch nicht betrügen!« rief Helmers. »Schnell laden, und diesen Schuften längs des Ufers nach! Wer nicht untergeht, der hat noch Leben!«

Man gehorchte seinen Worten, und bald hatten die Comantschen weit über zwanzig Tote verloren. Sie staken nun drüben im Gebüsch und getrauten sich nicht wieder hervor.

»Jetzt mag es genug sein!« sagte der Deutsche.

»Sie werden uns nicht weiter verfolgen,« meinte der Apatsche. »Diese Hunde von Comantschen haben kein Hirn in ihren Schädeln!«

»Ich danke Ihnen für den Beistand, den Sie uns geleistet haben, Sennoritas,« sagte Helmers. »Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie schießen wie ein Westmann.«

»Man ist in unsern einsamen Gegenden gezwungen, diese Fertigkeit sich anzueignen,« sagte Emma. »Denken Sie wirklich, daß wir jetzt nun unbelästigt bleiben?«

»Ich hoffe es!«

»So wollen wir aufbrechen. Dieser Ort, der so viel Leben gekostet hat, ist mir schauerlich, obgleich ich selbst auch zur Waffe gegriffen habe.«

»Dort sind die Pferde der beiden letzten Indianer; nehmen wir sie mit?« fragte Helmers.

»Versteht sich!« antwortete der Majordomo. »Ein indianisch zugerittenes Pferd hat stets einen guten Wert. Meine Vaqueros werden sie am Zügel nehmen.«

Nach einem nur kurzen Verweilen stieg man wieder auf und ritt nun wirklich in die Prairie hinein, in welche man sich bisher nur zum Scheine vertieft hatte. So oft und so scharf die Truppe auch den hinter ihr liegenden Horizont musterte, es zeigte sich doch keine Spur von Verfolgung mehr. So vergingen einige Stunden, und nun erlaubte man den Pferden, einen langsameren Schritt zu gehen, was auch die Unterhaltung erleichterte.

Bärenherz ritt, wie bereits vorher, so auch jetzt wieder an der Seite der Miztecas-Indianerin, während sich der Deutsche zu der Mexikanerin hielt.

»Wir sind nun fast einen Tag beisammen, ohne uns nur im geringsten kennen gelernt zu haben,« sagte dieser letztere zu seiner Dame. »Legen Sie das nicht auf Rechnung meiner Unhöflichkeit, sondern auf Rechnung der außerordentlichen Umstände!«

»O, ich meine doch, daß wir uns gerade im Gegenteile recht gut kennen!« meinte sie lächelnd.

»Inwiefern?«

»Ich weiß von Ihnen, daß Sie für andre Ihr Leben wagen, daß Sie ein kühner und umsichtiger Jäger sind, und Sie wissen von mir, daß - daß - daß ich auch schießen kann.«

»Das ist allerdings etwas, aber nicht viel. Lassen Sie mich wenigstens meinerseits das Notwendigste nachholen!«

»Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, Sennor!«

»Mein Name ist Anton Helmers; ich bin der jüngere von zwei Brüdern. Wir wollten studieren, da aber die Mittel nicht ausreichten und der Vater starb, so ging mein Bruder zur See und ich nach Amerika, wo ich nach vielen Irrfahrten mich schließlich in der Prairie als Waldläufer etablierte.«

»Also Anton heißen Sie? Da darf ich Sie wohl Sennor Antonio nennen?«

»Wenn es Ihnen so beliebt, ja.«

»Aber wie kommen Sie so weit herab nach dem Rio Grande?«

»Hm, das ist eine Sache, von der ich eigentlich nicht sprechen sollte!«

»Also ein Geheimnis?«

»Vielleicht ein Geheimnis, vielleicht auch nur eine recht sehr große Kinderei.«

»Sie machen mich neugierig!«

»Nun, so will ich Sie nicht auf die Folter spannen,« sagte er lachend. »Es handelt sich nämlich um nichts mehr und nichts weniger als um die Hebung eines unendlich reichen Schatzes.«

»Was für eines Schatzes?«

»Eines wirklichen, aus kostbaren Steinen und edlen Metallen bestehenden Schatzes.«

»Und wo soll derselbe liegen?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Ah, das ist unangenehm! Aber wo haben Sie denn von dem Vorhandensein dieses Schatzes gehört?«

»Hoch droben im Norden. Ich hatte das Glück, einem alten, kranken Indianer einige nicht ganz wertlose Dienste zu leisten, und als er starb, vertraute er mir zum Dank dafür das Geheimnis von dem Schatze an.«

»Aber er sagte Ihnen die Hauptsache nicht, nämlich wo er liegt?«

»Er sagte mir, daß ich ihn in Mexiko zu suchen habe, und gab mir eine Karte mit, bei welcher sich ein Situationsplan befindet.«

»Und welche Gegend betrifft diese Karte?«

»Ich weiß es nicht. Die Karte enthält zwar Höhenzüge, Thalbildungen und Wasserläufe, aber keinen einzigen Namen.«

»Das ist allerdings höchst sonderbar. Weiß auch Shoshin-liett, der Häuptling der Apatschen, davon?«

»Nein.«

»Und doch scheint er Ihr Freund zu sein?«

»Er ist das allerdings im vollsten Sinne des Wortes.«

»Und mir, mir teilen Sie das Geheimnis mit, obgleich wir uns erst heute gesehen haben?«

Er blickte ihr mit seinen treuen, ehrlichen Augen voll in das Gesicht und antwortete:

»Es giebt Menschen, denen man es ansieht, daß man kein Geheimnis vor ihnen zu machen braucht.«

»Und zu diesen Personen rechnen Sie mich?«

»Ja.«

Sie reichte ihm die Hand und sagte:

»Sie täuschen sich nicht. Ich werde Ihnen dies beweisen, indem ich ebenso aufrichtig gegen Sie bin und Ihnen eine auf Ihr Geheimnis bezügliche Mitteilung mache. Soll ich, Sennor?«

»Ich bitte Sie sogar darum!« antwortete er mit überraschter Stimme.

»Ich kenne nämlich einen, der auch nach diesem Schatze trachtet.«

»Ah! Wer ist es?«

»Unser junger Prinzipo, der Graf Alfonzo de Rodriganda de Sevilla.«

»Er weiß von dem Schatze?«

»O, wir alle wissen, daß die früheren Beherrscher des Landes ihre Schätze verbargen, als die Spanier Mexiko eroberten. Außerdem giebt es Orte, an denen das gediegene Gold und Silber in Massen zu finden ist. Man nennt solche Orte eine Bonanza. Die Indianer kennen diese Orte, sterben aber lieber, als daß sie einem Weißen ihr Geheimnis anvertrauen.«

»Und diesem Alfonzo de Rodriganda hat es doch einer anvertraut?«

»Nein. Wir bewohnen die Hacienda del Erina, und es geht die Sage, daß in der Nähe derselben sich eine Höhle befindet, in welcher die Herrscher der Miztecas ihre Schätze versteckt haben. Es ist viel nach dieser Höhle gesucht worden; Graf Alfonzo hat sich die meiste Mühe gegeben, aber keiner hat sie gefunden.«

»Wo liegt diese Hacienda del Erina?«

»Etwas über eine Tagereise von hier am Abhange der Berge von Cohahuila. Sie werden sie sehen, denn ich hoffe, daß Sie uns bis dorthin begleiten!«

»Ich werde Sie nicht eher verlassen, als bis ich Sie vollständig in Sicherheit weiß, Sennorita!«

»Sie werden uns auch dann noch nicht verlassen, sondern unser Gast sein, Sennor!«

»Gerade Ihre Sicherheit erfordert, daß ich Sie sofort wieder verlasse.«

»Wieso?«

»Wir haben einige Comantschen getötet, und ich bin vollständig überzeugt, daß uns einige Späher heimlich folgen werden, um zu sehen, wo wir zu finden sind. Sie werden uns, wenn diese Kundschafter nicht unschädlich gemacht werden, überfallen, um sich zu rächen. Darum werde ich bei der Hacienda mit Bärenherz umkehren, um die Späher zu töten.«

Sie warf ihm einen besorgten Blick zu und sagte:

»Sie begeben sich in eine neue Gefahr!«

»Gefahr? Pah! Der Prairiejäger befindet sich stets in Gefahr; er ist an sie gewöhnt. Bleiben wir aber für jetzt bei unserm Thema, dem Schatze des Königs! Es weiß also niemand, wo die Höhle zu suchen ist?«

»Wenigstens kein Weißer.«

»Aber ein Indianer?«

»Ja. Es giebt einen, der den Schatz der Könige ganz sicher kennt, vielleicht sind es auch zwei. Tecalto ist der einzige Nachkomme der einstigen Beherrscher der Miztecas; sie haben das Geheimnis auf ihn vererbt. Karja, welche dort neben dem Häuptling der Apatschen reitet, ist seine Schwester, und es ist nicht unmöglich, daß er es ihr mitgeteilt hat.«

Helmers betrachtete die schöne Indianerin jetzt mit größerem Interesse als vorher.

»Ist sie verschwiegen?« fragte er.

»Ich denke es,« antwortete sie. Dann fügte sie lächelnd hinzu: »Man sagt allerdings, daß Damen nur bis zu einem gewissen Punkte verschwiegen sind.«

»Und welcher Punkt ist dies, Sennora?«

»Die Liebe.«

»Ah! Es ist möglich, daß Sie recht haben,« scherzte er. »Darf ich vielleicht erfahren, ob Karja bereits bei diesem Punkte angekommen ist?«

»Ich halte dies fast für möglich.«

»Ah! Wer ist der Glückliche?«

»Raten Sie! Es ist nicht schwer.«

Die Stirn des Jägers zog sich scharf zusammen.

»Ich vermute es,« sagte er. »Es ist Graf Alfonzo, der ihr auf dem Wege der Liebenswürdigkeiten das Geheimnis entlocken will.«

»Sie raten richtig.«

»Und Sie glauben, daß seine Bestrebungen Erfolg haben?«

»Sie liebt ihn.«

»Und ihr Bruder, der Nachkomme der Miztecas? Was sagt er zu dieser Liebe?«

»Vielleicht weiß er noch nichts davon. Er ist der berühmteste Cibolero (* Büffeljäger.), und kommt nur selten einmal nach der Hacienda.«

»Der berühmteste Cibolero? Dann müßte ich ja seinen Namen kennen! Der Name Tecalto aber ist mir unbekannt.«

»Er wird von den Jägern nicht Tecalto genannt, sondern Mokaschi-motak.«

»Mokaschi-motak, Büffelstirn?« fragte Helmers überrascht. »Ah, den kenne ich allerdings. Büffelstirn ist der bekannteste Büffeljäger zwischen dem Red-River und der Wüste Mapimi. Ich habe sehr viel von ihm gehört und würde mich freuen, ihn einmal zu sehen. Und Karja ist also die Schwester dieses berühmten Mannes? Da muß man sie ja mit ganz andern Augen ansehen, als vorher!«

»Wollen Sie vielleicht Ihre Liebenswürdigkeit auch an ihr versuchen?«

Er lachte und antwortete:

»Ich? Wie kann ein Westmann liebenswürdig sein! Und wie könnte ich mit einem Grafen de Rodriganda in die Schranken treten wollen! Wäre es mir möglich, liebenswürdig zu sein, so würde ich dies bei einer ganz andern versuchen!«

»Und wer wäre diese andre?« fragte sie.

»Nur Sie allein, Sennora!« antwortete er aufrichtig.

Ihr Auge leuchtete ihm glückverheißend zu, als sie antwortete:

»Aber bei mir könnten Sie ja nichts von Ihrem Königsschatze erfahren!«

»O Sennora, es giebt Schätze, welche mehr wert sind, als eine ganze Höhle voll Gold und Silber. In diesem Sinne wünschte ich, einmal ein glücklicher Gambusino (Goldsucher) zu sein!«

»Suchen Sie, vielleicht finden Sie!«

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und als er diese ergriff, war es ihnen beiden, als ob ein elektrisches Flui- Fluidum von dem einen auf das andre niederströme. Sie hatten sich verstanden.

Während dieser Unterredung war hinter ihnen eine andre geführt worden. Da ritt Bärenherz an der Seite der Indianerin. Sein Auge umfaßte die Gestalt seiner Nachbarin, welche mit einer Sicherheit auf dem halbwilden Pferde saß, als habe sie niemals anders als auf einem indianischen Männersattel geritten. Der schweigsame Häuptling war nicht gewohnt, seine Worte zu verschwenden; wenn er aber sprach, so hatte eine jede Silbe das doppelte Gewicht. Karja kannte diese Art und Weise der wilden Indianer, und darum wunderte sie sich auch nicht darüber, daß er wortlos blieb. Doch fühlte sie es förmlich, daß sein Auge durchdringend auf ihr ruhte, und fast erschrak sie, als er sie anredete:

»Zu welchem Volke gehört meine junge Schwester?«

»Zu dem Volke der Miztecas,« antwortete sie.

»Das war einst eine große Nation und ist noch jetzt durch die Schönheit seiner Frauen berühmt. Ist meine junge Schwester eine Squaw (* Frau.) oder ein Mädchen?«

»Ich habe keinen Mann.«

»Ist ihr Herz noch ihr Eigentum?«

Bei dieser direkten Frage, welche ein Weißer sicherlich nicht ausgesprochen hätte, rötete sich ihr dunkles Gesicht, aber sie antwortete mit fester Stimme:

»Nein.«

Sie wußte, daß es hier besser sei, die Wahrheit zu sagen, denn sie kannte die Apatschen. Es veränderte sich kein Zug seines eisernen Gesichtes, und er fragte weiter:

»Ist es ein Mann ihres Volkes, der ihr Herz besitzt?«

»Nein.«

»Ein Weißer?«

»Ja.«

»Bärenherz beklagt seine Schwester. Sie mag es ihm sagen, wenn der Weiße sie betrügt.«

»Er wird mich nicht betrügen!« antwortete sie stolz und zurückweisend.

Ein leises, leises Lächeln zuckte um seine Lippen; er schüttelte den Kopf und entgegnete:

»Die weiße Farbe ist falsch und wird leicht schmutzig. Meine Schwester mag vorsichtig sein!«

Dies war das ganze Gespräch zwischen den beiden, aber es war wenigstens ebenso folgewichtig, wie die Unterredung zwischen dem Deutschen und der Mexikanerin.

Im Verlaufe des Weiterrittes erfuhr Helmers, daß die beiden Frauen oben am Rio Pecos gewesen waren, um eine Tante der Mexikanerin zu besuchen, welche schwer krank darniederlag. Diese Verwandte war die Schwester von Emmas Mutter, also die Schwägerin des alten Petro Arbellez, welcher der Verwalter des Grafen Ferdinando de Rodriganda gewesen war, jetzt aber als Pächter des Grafen auf der Hacienda del Erina lebte. Die Pflege der beiden Frauen hatte den Tod der Tante nicht zu hindern, sondern nur zu verzögern vermocht. Später hatte Arbellez den Majordomo mit den Vaqueros geschickt, um die Tochter abholen zu lassen. Auf dem Rückwege waren sie von den Comantschen überfallen worden und wären ohne die Dazwischenkunft des Deutschen und des Apatschenhäuptlings ganz sicher verloren gewesen.

Weiter: Teil 3 von 6