Old Surehand II

Karl May · Kapitel 2 von 4 · Teil 3/6

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Old Surehand II

Zweites Kapitel: Der Koenigsschatz

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

Man ritt immer nach Süden zu. Der Tag neigte sich zu Ende; sie hatten nur noch eine Stunde bis zum Hereinbruche des Abends und befanden sich am Rande einer weiten Ebene, welche nun hinter ihnen lag, als der Apatsche sein Pferd anhielt und hinter sich zeigte:

»Uff!« rief er.

Die andern drehten sich um, die Ebene zu durchmustern.

»Ich sehe nichts,« sagte der Majordomo.

»Wir auch nicht,« erklärten die Vaqueros, trotzdem sie Augen besaßen, welche gewohnt waren, in weite Fernen zu spähen.

»Was giebt es?« fragte Emma.

»Auch Sie sehen nichts?« antwortete Helmers.

»Nein. Siehst du etwas, Karja?«

»Nicht das mindeste,« erklärte die Indianerin.

»Der Häuptling der Apatschen kann doch nicht den Trupp wilder Pferde meinen, den man dort erblickt?« fragte der Majordomo.

»Uff!« sagte der Apatsche mit geringschätziger Miene.

»Gerade den meint er,« sprach der Deutsche.

»Was gehen uns die Mustangs an?«

»Sind sie wirklich so gleichgültig, Sennor Majordomo?«

»Ja. Wir sind ja mit Pferden versehen!«

»Seht sie Euch genauer an!«

Ungefähr zwei englische Meilen hinter ihnen galoppierte eine Herde von Pferden mit erhobenen Schwänzen und wehenden Mähnen einher. Sie kam immer näher. Kein Reiter, kein Sattel oder Bügel, kein Zügel, nicht die dünnste Schnur ließ sich sehen.

»Es sind Mustangs!« sagte der Majordomo nochmals.

»Uff!« rief der Apatsche zum zweitenmal, jetzt aber wirklich verächtlich.

Er lenkte sein Pferd wieder herum und ritt im Galopp vorwärts. Die andern mußten folgen. Emma drängte ihr Pferd wieder zu Helmers heran und fragte:

»Was hat der Apatsche?«

»Er ärgert sich.«

»Worüber?«

»Ueber die Dummheit des Majordomo.«

»Dummheit? Sennor Helmers, unser Majordomo ist ein sehr erfahrener Mann!«

»In zahmen Angelegenheiten vielleicht.«

»O nein. Er ist ein tüchtiger Reiter und Schütze, ein Pfadfinder, der seinesgleichen sucht; man kann sich in jeder Beziehung auf ihn verlassen.«

»Ein Pfadfinder? Hm!« Jetzt blickte der Deutsche verächtlich drein. »Ja, ein Pfadfinder in den Straßen einer Stadt oder auf den Gassen eines Dorfes. Zu einem Rastreador, zu einem wirklichen, tüchtigen Pfadfinder gehört mehr. Sie sagen, daß man sich in jeder Beziehung auf ihn verlassen könne, und doch wären Sie verloren, wenn Sie jetzt nur allein auf seine Erfahrung und seinen Scharfsinn angewiesen wären.«

»Ah! Wieso?«

»Weil diese Pferde keine wilden Mustangs sind.«

»Was sonst?«

»Es sind die Comantschen, die uns verfolgen.«

»Die Comantschen? Man sieht doch nur die Pferde!«

»Ja, aber die Roten sind dennoch dabei. Sie haben einen Riemen um Hals und Leib der Pferde gezogen, und in diesen Riemen hängen sie mit dem linken Arme und dem rechten Beine. Sahen Sie nicht, daß uns nur die rechten Flanken der Pferde zugekehrt waren, trotzdem sie grade hinter uns herreiten? Sie lassen ihre Tiere in schiefer Körperstellung galoppieren. Eine solche schiefe Haltung ist stets das sicherste Zeichen, daß ein Indianer sich hinter dem Pferde verbirgt.«

»Heilige Madonna! So werden sie uns abermals angreifen?«

»Entweder sie uns oder wir sie. Ich ziehe das letztere vor. Der Apatsche ist ganz meiner Meinung. Sehen Sie, wie er nach beiden Seiten späht!«

»Was sucht er?«

»Einen Versteck für uns, von welchem aus wir die Comantschen fassen können. Ueberlassen wir ihm alles. Er ist die tüchtigste und wackerste Rothaut, die ich kenne, und auf ihn allein verlasse ich mich lieber, als auf Tausende von Ihren Majordomos, so erfahren sie auch sind!«

»Gut! Verlassen wir uns auf ihn und auf noch einen!«

»Auf wen?«

»Auf Sie.«

»Ah, wollen Sie das wirklich?« fragte er mit einem freudigen Aufleuchten seiner Augen.

»Von ganzem Herzen!« antwortete sie. »Sie loben nur den Apatschen, aber Sie vergessen, zu sagen, daß man Ihnen wenigstens ebenso vertrauen kann, als ihm.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Ja. Ich habe Sie beobachtet. Sie sind kein gewöhnlicher Jäger, und ich glaube sicher, daß auch Sie einen Ehrennamen tragen, den Ihnen die Trapper und Indianer gegeben haben.«

Er nickte.

»Sie erraten es.«

»Und welches ist Ihr Jägername?«

»O bitte, nennen Sie mich immer Antonio oder Helmers.«

»Sie wollen ihn mir nicht sagen?«

»Jetzt nicht. Wenn man ihn einmal zufällig nennen wird, werde ich mich zu erkennen geben.«

»Ah, Sie sind eitel! Sie wollen incognito sein wie ein Fürst.«

»Ja,« lachte er. »Ein guter Jäger muß ein klein wenig eitel sein, und Fürsten sind wir alle, nämlich Fürsten der Wildnis, des Waldes und der Prairie.«

»Fürsten! Ja, das ist richtig!«

Während dieses Gespräches hatte man im Galoppe den Weg fortgesetzt. Die offene Prairie lag hinter ihnen, und sie ritten nun durch ein Hügel- und Felsengewirr, welches ganz geeignet war, ein Versteck zu bieten. Dies hatte der Apatsche gewollt, denn plötzlich bog er rechts ein und schlug einen schnellen, aber weiten Bogen, so daß sie nach bereits zehn Minuten eine Stelle erreichten, an welcher sie vorher vorbeigekommen waren.

Diese Stelle war von Bärenherz sehr vorsichtig gewählt worden. Die Truppe hielt nämlich auf einer von drei Seiten geschützten Anhöhe, welche steil in die Schlucht niederfiel, durch welche sie vorhin gekommen waren und welche also auch die Comantschen passieren mußten, wenn sie die Verfolgung wirklich fortsetzten.

Der Apatsche stieg vom Pferde und pflockte dasselbe an. Die andern thaten ebenso.

»Jetzt die Gewehre zur Hand!« gebot Helmers. »Wir werden nicht lange warten müssen.«

Die andern gehorchten diesem Gebote; sogar die beiden Mädchen ergriffen die erbeuteten Büchsen. Sie schritten vor bis an den Rand und legten sich dort auf die Lauer.

»Pst, Sennor!« winkte der Deutsche dem Majordomo. »Den Kopf zurück, damit wir nicht bemerkt werden. Diese Comantschen haben scharfe Augen.«

»Späher vorüber lassen!« sagte der Apatschenhäuptling in seiner kurzen Weise.

»Was meint er?« fragte einer der Vaqueros.

»Das ist doch sehr einfach,« antwortete der Deutsche. »Die Comantschen werden natürlich vermuten, daß wir auf den Gedanken kommen, ihnen aufzulauern. Daher werden sie wohl einen oder zwei Kundschafter voranreiten lassen, um sich zu überzeugen, ob wir einen Hinterhalt gelegt haben; sie kommen dann in sicherer Entfernung nach. Wir lassen also die Späher vorüber, welche unsrer Fährte weiter folgen werden, und warten, bis die andern kommen. Aber wir schießen nicht aufs Geratewohl, sondern in der Reihenfolge, wie wir liegen, damit keine Kugel verschwendet werde. Der erste von uns schießt auf den ersten Comantschen, der zweite auf den zweiten und so weiter. Verstanden?«

Die Vaqueros nickten zustimmend, und nun entstand eine Pause der Erwartung.

Da endlich hörte man den vorsichtigen Hufschlag zweier Pferde. Zwei Comantschen kamen langsam durch das Felsengewirr. Ihre scharfen Augen suchten jeden Quadratzoll der Umgegend ab, wurden aber getäuscht, da die Spur der Mexikaner weiter führte. Daß diese seitwärts einen Bogen geschlagen hatten und zurückgeritten waren, das wußten die Wilden nicht. Sie ritten vorüber und verschwanden hinter den Steinen.

Nach einigen Minuten hörte man erneutes Pferdegetrappel. Die übrigen kamen. Sie ritten unbesorgt heran, da sie ihre Kundschafter vor sich wußten. Als der letzte von ihnen in der Schlucht erschienen war, streckte der Apatsche sein Gewehr vor.

»Feuer!« kommandierte der Deutsche.

Die Büchsen krachten, diejenigen des Deutschen und des Apatschen zweimal, und ebenso viele Feinde stürzten von den Pferden. Die andern stockten einige Augenblicke. Sie wußten nicht, sollten sie fliehen oder den verborgenen Feind angreifen. Sie blickten rings umher und gewahrten da endlich den Pulverdampf oben auf der Höhe.

»Nlate tki - dort sind sie!« rief einer, mit der Hand empor deutend.

So kurz diese Pause war, die Unentschlossenheit der Wilden hatte den Weißen doch Zeit gegeben, schnell wieder zu laden. Ihre Schüsse krachten von neuem, und die Zahl der Gefallenen verdoppelte sich. Nun gab es für die wenigen Verschonten kein Halten mehr. Sie rissen ihre Pferde herum und flohen im gestreckten Galopp davon.

»Der Comantsche ist ein Feigling!« meinte der Apatsche stolz.

Er stieg langsam die Steilung nieder, um sich die Skalpe der vier von ihm erschossenen Feinde zu holen. Auch die andern folgten, um sich der Waffen und reiterlosen Pferde zu bemächtigen. Nach einem Aufenthalte von einer Viertelstunde konnte der Weg wieder fortgesetzt werden.

»Nun werden wir für alle Zeiten sicher sein,« meinte Emma.

»Glauben Sie das nicht, Sennorita!« sagte Helmers.

»Nicht? Ich dächte, die Lehre, die wir ihnen gegeben haben, sei hart genug!«

»Gerade deshalb werden sie auf Rache sinnen. Sehen Sie, daß der Apatsche da links hinüber blickt?«

»Ja. Was will er?«

»Dorthin führt die Fährte der beiden Späher, welche geflohen sind gleich den andern. Sie werden die Uebriggebliebenen treffen und uns folgen, bis sie wissen, wo wir sind und wo wir bleiben. Dann kehren sie um und holen genug Krieger, um die Hacienda zu überfallen.«

»O, die Hacienda ist fest. Sie ist eine kleine Festung.«

»Ich kenne diese Art von Meiereien oder Gutshöfen. Sie sind aus Stein gebaut und gewöhnlich mit Pallisaden umgeben. Was aber hilft das gegen einen Feind, der unvermutet kommt?«

»Wir werden wachen.«

»Thun Sie das!«

»Und Sie mit. Ich will doch hoffen, daß Sie unser Gast sein werden!«

»Ich muß sehen, was Bärenherz sagt. Von ihm kann ich mich nicht trennen.«

»Er wird bleiben!«

»Er ist ein Freund der Freiheit. Er hält es in einem Gebäude nie längere Zeit aus.«

Es ging in munterer Schnelligkeit vorwärts, bis sie einen breiten Wasserlauf erreichten. Der Apatsche folgte demselben, bis das Flüßchen einen Bogen bildete. Hier hielt er an.

»Hier sicher?« fragte er Helmers in seiner kurzen Weise.

Der Gefragte musterte mit prüfendem Blicke die Umgebung und nickte dann zustimmend.

»Hier ist's gut,« sagte er. »Von drei Seiten schützt uns der Fluß, und die vierte können wir recht gut bewachen. Steigen wir also ab!«

Sie sprangen alle von den Pferden und richteten das Lager vor. Innerhalb des Dreiviertelkreises, welchen der Fluß bildete, und hart an dem Ufer desselben kamen die Pferde zu stehen; dann kam das Feuer, um welches sich die Gesellschaft lagerte, und die vierte, die Landseite, wurde von Büschen abgeschlossen, in welche man eine Wache legte.

Helmers richtete für Emma aus Zweigen und Laub ein weiches Lager vor; Bärenherz that dasselbe mit der Indianerin. Es war dies von seiten des Apatschen eine ganz und gar ungewöhnliche Auszeichnung, denn kein Wilder läßt sich herbei, eine Handreichung zu leisten, welche die Frau oder das Mädchen selbst thun könnte.

Nachdem man die Ereignisse des Tages ausführlich besprochen hatte, wozu jedoch der Apatsche kein Wort sagte, legte man sich zur Ruhe. Es war die Anordnung getroffen, daß ein jeder drei Viertelstunden wachen sollte. Bärenherz und Helmers hatten die letzten Wachen übernommen, da die Zeit kurz vor Beginn des Tages die gefährlichste ist, weil da die Wilden ihre Angriffe am liebsten zu unternehmen pflegen.

Doch verging die Nacht ohne alle Störung, und man brach am Morgen mit erneuten Kräften auf. Während des Weiterrittes ließen sich die Comantschen nicht wieder sehen; man kam nach und nach in kultiviertere Gegenden und erreichte am Nachmittage das Ziel.

Unter einer Hacienda versteht man eine Meierei; doch sind diese mexikanischen Haciendas sehr oft mit unsern größten Rittergütern zu vergleichen, da zu ihnen zuweilen ein Länderkomplex von der Größe eines deutschen Fürstentums gehört.

Die Hacienda del Erina war ein fürstlicher Besitz. Das massive Gebäude war aus Bruchsteinen erbaut und von Pallisaden umgeben, welche gegen räuberische Ueberfälle einen starken Schutz gewährten. Das Innere des einem Schlosse gleichenden Herrenhauses war auf das feinste ausgestattet und zeigte eine solche Geräumigkeit, daß Hunderte von Gästen da Wohnung finden konnten.

Umgeben wurde das Haus von einem großen Garten, in welchem die prachtvollste tropische Vegetation in den strahlendsten Farben schimmerte und die üppigsten Düfte verbreitete. Hieran schloß sich auf der einen Seite der dichte Urwald, auf der andern ein ausgedehnter Feldwuchs, und auf den beiden übrigen sah man große Weiden sich ausdehnen, auf welchen sich Herden tummelten, deren Stückzahl viele Tausende betrug.

Bereits als die Kavalkade an den Weiden vorüber ritt, kamen mehrere Vaqueros mit lautem Jubel herbeigesprengt, um die Kommenden zu begrüßen. Der Jubel aber wurde sehr bald zum Zornesausbruch, als sie erfuhren, daß so viele ihrer Kameraden unter den Händen der Comantschen gefallen seien. Sie baten sofort, einen Rachezug gegen die Roten zu veranstalten.

Der Majordomo ritt der Kavalkade voran, um sie anzumelden. Darum stand, als die Reiter an der Hacienda anlangten, der alte Petro Arbellez bereits unter dem Thore, um seine Tochter und deren Begleiter zu begrüßen. Thränen der Freude standen ihm in den Augen, als er sie vom Pferde hob.

»Sei willkommen, mein Kind,« sagte er. »Du mußt auf dieser gefährlichen Reise viel gelitten haben, denn du bist anders beritten und siehst sehr angestrengt aus.«

Emma umarmte und küßte ihn innig und antwortete:

»Ja, mein Vater, ich war in einer Gefahr, welche größer ist als Lebensgefahr.«

»O Gott, in welcher?« fragte er, indem er auch die Indianerin freundlich bewillkommnete.

»Wir wurden von den Comantschen gefangen.«

»Heilige Mutter Gottes! Sind die jetzt am Rio Pecos?«

»Ja. Hier diese beiden Männer sind unsre Retter.«

Sie nahm den Deutschen und den Apatschen bei der Hand und führte sie dem Vater zu.

»Dieser hier ist Sennor Antonio Helmers aus Deutschland, und dieser ist Shosh-in-liett, der Häuptling der Apatschen. Ohne sie hätte ich die Squaw eines Comantschen werden müssen, und die andern hätte man am Pfahle zu Tode gemartert.«

Dem alten braven Verwalter trat bereits vom bloßen Gedanken daran der Angstschweiß auf die Stirn.

»Mein Gott, welch' ein Unglück, und doch zugleich auch wieder welch' ein Glück! Willkommen, Sennores, von ganzem Herzen willkommen! Ihr sollt mir alles erzählen, und dann will ich sehen, wie ich euch dankbar sein kann. Kommt herein, und seid die Herren dieses Hauses!«

Das war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Empfang. Ueberhaupt machte der Anblick des alten Mannes den Eindruck von Ehrlichkeit und Biederkeit; man mußte ihn sofort lieb haben.

Die Gäste kamen durch das Pallisadenthor, übergaben ihre Pferde einigen Knechten und traten in das Gebäude. Während der Majordomo mit den Vaqueros in dem Vorraume zurückblieb, führte der Haciendero die beiden andern mit den Damen nach dem Empfangzimmer, wo Platz genommen wurde, bis Emma in großen Umrissen ihr Abenteuer berichtet hatte.

»Mein Jesus,« klagte der Haciendero; »was müßt ihr gelitten haben, ihr beiden Mädchen! Aber Gott hat diese beiden Sennores gesandt, um euch zu retten. Ihm und ihnen sei Dank gesagt. Was wird der Graf und was wird Tecalto sagen, wenn sie es hören!«

»Tecalto?« fragte die Indianerin erfreut. »Ist Büffelstirn, mein Bruder, da?«

»Ja, er ist gestern angekommen.«

»Und der Graf auch?« fragte Emma.

»Ja, bereits eine Woche.«

»Ah, da ist er!«

Die Thür zu dem nebenan liegenden Speisesaale öffnete sich, und Graf Alfonzo trat heraus. Er trug einen rotseidenen, persisch in Gold gestickten Schlafrock, eine Hose vom feinsten, weißen, französischen Linnen, blaue Sammet-Hausschuhe und einen türkischen Fez auf dem Kopfe. Er verbreitete einen solchen Odeur um sich, daß man hätte meinen können, in einer Parfümeriehandlung zu sein. Die offen gebliebene Thür erlaubte, einen Blick in den Speisesalon zu thun. Die Ausschmückung desselben war mehr als fein, war luxuriös, und an der Serviette, welche der Graf in der Hand trug, bemerkte man, daß er beschäftigt gewesen sei, in den Genüssen und Delikatessen Mexikos zu schwelgen.

»Man nannte meinen Namen,« sagte er. »Ah, die schönen Damen sind es! Glücklich wieder zurückgekehrt, Sennoritas?«

Bei seinem Anblicke war die Indianerin blutrot geworden, was dem scharfen Auge des Apatschen nicht entging; Emma aber blieb sich vollständig gleich. Sie antwortete kalt, wenn auch höflich:

»Wie Sie sehen, Graf! Bald jedoch wären wir nicht wieder zurückgekehrt.«

»Ah! Warum? Ich hoffe doch nicht, daß ein Unfall -«

»Und doch war es ein kleiner Unfall, welcher uns betraf. Die Comantschen nahmen uns nämlich ein wenig gefangen.«

»Donnerwetter!« rief er. »Ich werde sie züchtigen lassen!«

»Das wird nicht sehr leicht sein,« meinte sie spöttisch. »Uebrigens sind wir ja gut davongekommen. - Hier unsre Lebensretter!«

»Ah!« sagte er.

Er trat einige Schritte zurück, setzte den Zwicker auf die Nase, betrachtete sich die beiden »Retter,« zog ein sehr enttäuschtes Gesicht und sagte:

»Wer sind diese Leute?«

»Dieser ist Sennor Helmers aus Deutschland, und der andre ist Bärenherz, der Häuptling der Apatschen.«

»Ah, ein Deutscher und ein Apatsche! Das gehört allerdings zusammen. Wann reisen diese Sennores wieder ab? Doch sogleich?«

»Sie sind meine Gäste und werden bleiben, so lange es ihnen beliebt,« sagte der Haciendero.

»Aber Arbellez, wo denkt Ihr hin!« rief der Graf. »Seht Euch diese Männer an. Ich und sie unter einem Dache! Sie riechen nach Wald und Sumpf. Ich würde sofort abreisen!«

Der Haciendero richtete sich auf. Sein Auge flammte vor Zorn.

»Ich kann Ew. Erlaucht nicht halten,« sagte er. »Diese Sennores haben das Leben und das Glück meines Kindes gerettet; sie sind mir hoch willkommen.«

»Ah! Ihr widersteht mir?« sagte der Graf.

»Ja,« antwortete Arbellez fest.

»Wißt Ihr, daß ich hier der Gebieter bin?«

»Das weiß ich nicht!«

»Nicht?« zischte Alfonzo. »Wer sonst?«

»Ihr Herr Vater, Graf Ferdinando. Ihr seid hier nur als Gast anwesend. Uebrigens hätte selbst Graf Ferdinando keine Stimme in dieser Angelegenheit. Ich bin Pächter auf Lebenszeit. Wer will mir befehlen, wen ich bei mir empfangen soll oder nicht!«

»Verdammt, das ist stark!«

»Nein, stark war Ihre Unhöflichkeit und Rücksichtslosigkeit gegen meine Gäste. Wenn Ihnen der Wald- und Sumpfgeruch nicht angenehm ist, von dem allerdings ich ganz und gar nichts merke, so weiß ich hingegen nicht, ob diese Sennores nicht Ihre Parfüms auffällig finden, die ich recht gut bemerke. Ich werde meine Gäste jetzt in den Speisesaal führen und überlasse es Ihnen, weiter zu speisen oder nicht.«

Er öffnete die Thüre des Saales noch weiter und bat die beiden mit der höflichsten Verbeugung, Zutritt zu nehmen. Der Indianer hatte wie völlig teilnahmlos dagestanden; kein Blick seines Auges hatte den Grafen getroffen, und fast schien es, als ob er auch kein Wort desselben verstanden habe. Er schritt stolz und wortlos in den Saal. Helmers dagegen wandte sich vorher zum Grafen:

»Sie sind Graf Alfonzo de Rodriganda?«

»Ja,« antwortete der Gefragte erstaunt, daß ihn der Jäger anzureden wagte.

»So! Sennor Arbellez hatte vergessen, Sie auch uns vorzustellen. Sie sind der Geforderte. Was wählen Sie? Degen, Pistolen oder Kugelbüchsen?«

»Sie wollen sich mit mir schlagen?« fragte er, noch viel erstaunter als vorher.

»Versteht sich! Hätten Sie mich draußen vor der Hacienda beleidigt, so hätte ich Sie niedergeschlagen wie einen dummen Jungen; da es aber unter dem Dache meines Gastfreundes geschah, so nahm ich Rücksicht auf ihn und auf die Gegenwart dieser Damen. Nun ich jedoch höre, daß Sie in diesem Hause eigentlich keinen Pfifferling gelten, so biete ich Ihnen die Wahl der Waffen an.«

»Schlagen? Mit Euch? Gott, wer seid Ihr denn? Ein Jäger, ein Herumläufer! Pah!«

»Also nicht? So seid Ihr ein Lump, ein Feigling, ein ganz erbärmlicher Wicht! Laßt Ihr auch diese Prädikate auf Euch sitzen, so seid Ihr gerichtet auf alle Zeit! Thut, was Euch beliebt!«

Er schritt dem Apatschen nach. Der Graf stand ganz perplex.

»Arbellez, das leidet Ihr?« fragte er den Haciendero.

Wenn Ihr es leidet!« antwortete dieser. »Komm, Emma; komm, Karja! Unser Platz ist da drinnen bei den Ehrenmännern.«

»Ah, welche Niederträchtigkeit! Das werde ich Euch eintränken, Arbellez!«

»Versucht es!«

Der wackere Alte ging in den Saal, die beiden Damen mit ihm. Als jedoch Emma an dem Grafen vorüberschritt, sagte sie mit verächtlich gekräuselten Lippen und funkelnden Augen:

»Das war niederträchtig - das war armselig!«

Die Indianerin folgte ihr mit niedergeschlagenen Augen; es widerstrebte ihr, den Grafen zu verachten, und dennoch konnte sie ihm nicht in das Gesicht sehen. Er blieb stehen; er kehrte nicht wieder nach dem Saale zurück. Er warf die Serviette zu Boden, stampfte sie mit den Füßen und knirschte:

»Das sollt Ihr büßen, und bald, bald, bald!«

Nach dieser ohnmächtigen Zornesäußerung suchte er seine Zimmer auf.

Die andern nahmen ein lukullisches Mahl ein. Da gab es große Schnitten von Wassermelonen mit fleischfarbigem Innern, deren wohlschmeckender Saft in rosigen Tropfen auf die silbernen Platten perlte; halb geöffnete Granaten, Früchte des Kerzenkaktus, Orangen, süße Limonen, Grenadillen und alle die Fleisch- und Mehlspeisen, an welchen die mexikanische Küche so überaus reich ist. Während des Essens wurden die Erlebnisse noch ausführlicher besprochen, als es bisher möglich gewesen war; dann bat der Haciendero, den Sennores ihre Zimmer anweisen zu dürfen.

Die beiden Freunde wohnten nebeneinander. Es war dem Deutschen doch unmöglich, lange in dem engen Raum zu bleiben; er verließ ihn und suchte den Garten auf, wo er sich von Wohlgerüchen umduften ließ, bis er hinaustrat in das Freie, um die herrlichen mexikanischen Renner auf der Weide zu beobachten.

Indem er so an den Pallisaden hinschlenderte und um eine Ecke bog, erhob sich plötzlich vor ihm eine Gestalt, deren frappantes Aeußere ihn zum Stehen brachte. Der hohe, starke Mann war vollständig in ungegerbtes Büffelleder gekleidet, so wie die Ciboleros (* Büffeljäger.) sich zu tragen pflegen; aber auf dem Kopfe saß ihm der obere Teil eines Bärenschädels, von welchem einige Streifen Fell bis fast herab zur Erde schleiften. Aus dem breiten Ledergürtel schauten die Griffe von Messern und andern Werkzeugen; von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte herüber hatte er einen fünffach geflochtenen Lasso um den Leib geschlungen, und an der Pallisade lehnte eine jener alten, schmiedeeisernen Büchsen, wie sie vor hundert Jahren in Kentucky gemacht wurden, und die so schwer sind, daß sie ein gewöhnlicher Mann nicht zu handhaben vermag.

»Wer bist du?« fragte Helmers im ersten Augenblicke des Erstaunens.

»Ich bin Büffelstirn, der Indianer,« antwortete der Gefragte.

»Tecalto bist du?«

»Ja. Kennst du mich?«

»Ich sah dich noch nie, aber ich habe viel, sehr viel von dir gehört.«

»Wer bist du?«

»Mein Name ist Helmers; ich bin ein Deutscher.«

Das ernste Gesicht des Indianers klärte sich auf. Er war vielleicht erst fünfundzwanzig Jahre alt und konnte als eine Schönheit des indianischen Typus gelten.

»So bist du der Jäger, welcher Karja, meine Schwester, befreit hat?«

»Der Zufall war mir hold.«

»Nein, das war kein Zufall. Du hast dir die Pferde der Comantschen geholt und bist ihnen nachgeritten. Büffelstirn ist dir vielen Dank schuldig. Du bist so tapfer wie Matava-se, der Fürst des Felsens, der auch ein Deutscher ist.«

»Kennst du die Deutschen?«

»Ich kenne einige. Sie werden von den Amerikanern Dutchmen genannt. Sie sind stark und gut, tapfer und klug, wahr und treu. Ich habe gehört von einem von ihnen, den die Apatschen und Comantschen Itinti-ka, den Donnerpfeil, nennen.«

»Gesehen hast du ihn noch nicht?« fragte der Deutsche.

»Er heißt der Donnerpfeil, weil er schnell und sicher ist, wie der Pfeil, und mächtig und schwer wie der Donner. Seine Büchse fehlt nie ihr Ziel, und sein Auge irrt auf keiner Spur. Ich habe viel von ihm gehört; ich habe ihn bisher noch nie gesehen, aber heute sehe ich ihn.«

»Wo?« fragte Helmers überrascht.

»Hier. Du bist es!«

»Ich? Woran erkennst du mich?«

»Sieh deine Wange an. Donnerpfeil hat einen Bowiemesserstich durch die Wange erhalten, das weiß ein jeder, der einmal von ihm gehört hat. Solche Erkennungszeichen merkt man sich. Habe ich richtig geraten oder nicht?«

Helmers nickte.

»Du hast recht. Man nennt mich allerdings Itinti-ka, den Donnerpfeil.«

»So danke ich Wahkonta (* Gott.), daß er mir erlaubt hat, mit dir zu sprechen. Du bist ein tapferer Mann; reiche mir deine Hand, und sei mein Bruder!«

Sie schlugen ein, und Helmers sagte:

»So lange unsere Augen einander erblicken, soll Freundschaft sein zwischen mir und dir!«

Und der Indianer fügte hinzu:

»Meine Hand sei deine Hand und mein Fuß dein Fuß. Wehe deinem Feinde, denn er ist auch der meinige, und wehe meinem Feinde, da er auch der deinige ist. Ich bin du, und du bist ich; wir sind eins!«

Sie umarmten sich.

Dieser »Büffelstirn« war kein Indianer nach Art der nördlichen Roten. Er war gesprächig und mitteilsam, und doch wohl trotzdem nicht minder furchtbar, als einer jener schweigsamen Wilden, welche es für eine Schande halten, gleich einem Weibe den Gefühlen des Herzens Worte zu verleihen.

»Du wohnest in der Hacienda?« fragte Helmers.

»Nein,« antwortete der Büffeljäger. »Wer mag wohnen und schlafen in der Luft, welche zwischen Mauern gefangen ist. Ich wohne hier.«

Er deutete auf das Rasenstück, auf welchem er stand.

»So hast du das beste Lager auf der ganzen Hacienda. Ich konnte es in der Stube nicht aushalten.«

»Auch Bärenherz, dein Freund, hat die Weide aufgesucht.«

»Er ist hier?«

»Ja. Ich habe bereits mit ihm gesprochen und ihm gedankt. Wir sind Brüder geworden, wie ich und du.«

»Wo ist er?«

»Er sitzt da drüben bei den Vaqueros, welche von dem Ueberfalle der Comantschen erzählen.«

»Laß uns zu ihnen gehen!«

Der Indianer ergriff seine schwere Büchse, warf sie auf die Schulter und führte den Deutschen.

Weit draußen, mitten zwischen halbwilden, weidenden Pferdegruppen saßen die rauhen Vaqueros an der Erde und erzählten sich die Abenteuer ihrer jungen Herrin, die sich sehr schnell herumgesprochen hatten. Bärenherz saß schweigsam dabei. Er sagte kein Wort dazu, obgleich er alles besser und wahrer hätte erzählen können. Die beiden kamen und setzten sich mit zu den anderen, welche sich nicht stören ließen, obgleich nun auch der zweite Held der Erzählung zugegen war. Dieser nahm zuweilen das Wort, und so entwickelte sich nach und nach eine jener fesselnden Unterhaltungen, welche man beim Lagern in der Wildnis zu hören bekommt.

Da drang ein zorniges Schnauben und Röcheln in das Gespräch hinein.

»Was ist das?« fragte Helmers, der sich bei diesem Geräusch schnell umdrehte.

»Es ist der Rapphengst,« antwortete einer der Vaqueros.

»Was ist mit ihm?«

»Er soll verhungern, wenn er nicht gehorcht.«

»Verhungern? - Warum?«

»Er ist unzähmbar.«

»Pah!«

»Pah? Sennor, zweifelt ja nicht! Wir haben uns alle Mühe mit ihm gegeben. Wir haben ihn schon dreimal im Corral gehabt, um ihn zu zähmen, aber wir mußten ihn immer wieder freigeben. Er ist ein Teufel.

Wir alle sind Reiter, das könnt Ihr glauben, aber alle hat er abgeworfen, außer einen.«

»Wer ist dieser Eine?«

»Büffelstirn hier, der Häuptling der Mizticas. Er allein wurde nicht abgeworfen, aber dennoch hat er ihn nicht bezwungen.«

»Unmöglich! Wer nicht abgeworfen wird, der muß doch Sieger bleiben!«

»So dachten auch wir. Aber der Teufel von einem Rapphengst ist mit ihm in das Wasser gegangen, um ihn herabzutauchen, und als dies nicht fruchtete, hat er ihn in den dichtesten Wald getragen und einfach abgestreift.«

»Donnerwetter!« rief Helmers.

»Ja,« nickte Büffelstirn. »Es ist eine Schande, aber es ist wahr. Und ich darf mich doch rühmen, daß ich schon manches Pferd tot gemacht habe, welches nicht gehorchen wollte.«

Der Vaquero fuhr fort:

»Es sind viele berühmte Reiter und Jäger hier auf der Hacienda gewesen, um ihre Kraft und Gewandtheit zu versuchen, aber immer vergebens. Sie alle sagen, daß es nur Einen giebt, der den Hengst bezwingen kann.«

»Wer sollte das sein?«

»Das ist ein fremder Jäger, da oben am Red-River, der selbst den Teufel in die Hölle reiten würde. Dieser Mann ist mitten in wilde Pferdetrupps geraten und von Kopf zu Kopf über die Tiere hinweggelaufen, um sich das beste herauszuholen.«

Helmers lächelte belustigt und fragte:

»Hat er einen Namen?«

»Das versteht sich!«

»Welchen?«

»Wie er eigentlich heißt, das weiß ich nicht, aber die Roten nennen ihn Itinti-ka, den Donnerpfeil. Es haben viele Jäger, die aus dem Norden kamen, von ihm erzählt.«

Helmers ließ es sich nicht merken, daß von ihm selbst die Rede sei, auch Bärenherz und Büffelstirn zuckten mit keiner Miene. Der erstere aber fragte:

»Wo ist das Pferd?«

»Dort hinter jener Truppe liegt es.«

»Gefesselt?«

»Natürlich.«

»Alle Teufel, das ist ein Unrecht!«

»Pah! Sennor Arbellez hält große Stücke auf seine Pferde, aber dieses Mal hat er doch geschworen, daß der Rappe gehorchen oder verhungern soll.«

»So habt ihr ihm auch das Maul verbunden?«

»Versteht sich!«

»Zeigt mir ihn!«

»So kommt, Sennor!«

Eben, als sie sich vom Boden erhoben, sahen sie den alten Arbellez mit seiner Tochter und Karja herbeigeritten kommen. Es war der gewöhnliche Inspektionsritt, den er vor der Nacht zu unternehmen pflegte. Die Vaqueros ließen sich nicht stören und führten Helmers zu dem Hengste.

Dieser lag, an allen vieren gefesselt und mit einem Korbe vor dem Maule am Boden. Die Augen waren ihm vor Wut und Anstrengung mit Blut unterlaufen, jede einzelne Ader war zum Zerplatzen geschwollen, und aus dem Maulkorbe troff der Schaum in großen Flockentrauben.

»Alle Wetter, das ist ja die reine Sünde!« rief Helmers.

»Macht es anders, Sennor,« meinte der Vaquero, kaltblütig die Achseln zuckend.

»Das ist Tierquälerei! Das darf man nicht leiden! Auf diese Weise wird das edelste Pferd vollständig umgebracht!«

Er hatte sich ganz in Ekstase hineingeredet. Da kam Arbellez mit den Mädchen an.

»Was giebt es, Sennor Helmers, daß Ihr Euch so ereifert?« fragte er.

»Ihr bringt den Hengst um!« antwortete dieser.

»Das will ich auch, wenn er nicht gehorchen lernt!«

»Er wird gehorchen lernen, so aber nicht.«

»Wir haben alles vergebens versucht.«

»Gebt ihm einen tüchtigen Reiter auf den Rücken!«

»Hilft nichts!«

»Pah! Darf ich es versuchen, Sennor?«

»Nein.«

Helmers sah ihn erstaunt an.

»Warum nicht?« fragte er.

»Weil mir Euer Leben zu lieb ist.«

»Pah! Ich will lieber sterben, als dieses länger mit ansehen. Ein guter Pferdemann hält das nicht aus. Also, darf ich den Rappen reiten? Bitte, Sennor!«

Da drängte Emma besorgt ihr Pferd heran.

»Vater, erlaube es ihm nicht!« bat sie ängstlich. »Der Rappe ist zu gefährlich.«

Der Deutsche fragte sie sehr ernst:

»Sennora, hassen Sie mich?« »Hassen? Mein Gott, warum sollte ich das?«

»Oder verachten Sie mich?«

»Das ja noch viel weniger!«

»Nun, warum beleidigen Sie mich in dieser Weise? Nur ein Knabe unternimmt, was er nicht auszuführen vermag. Ich sage Ihnen, daß ich den Schwarzen ganz und gar nicht fürchte.«

»Sie kennen das Tier nicht, Sennor,« mahnte Arbellez. »Es sind viele hier gewesen, welche behaupten, daß nur Itinti-ka, der Donnerpfeil, es bändigen könne.«

»Kennen Sie diesen Itinti-ka?«

»Nein, aber er ist der beste Rastreador (* Spanisch: Pfadfinder.) und Reiter, der zwischen den beiden Meeren lebt.«

»Und dennoch bitte ich um den Hengst!«

»Ich warne Sie!« sagte der Haciendero.

»Ich bleibe bei meiner Bitte!«

»Nun wohl, ich muß sie Ihnen gewähren, denn Sie sind mein Gast; aber es thut mir leid um die Folgen. Zürnen Sie mir später nur nicht!«

Da stieg Emma schnell vom Pferde und trat auf Helmers zu.

»Sennor Helmers,« bat sie, seine Hand ergreifend, »wollen Sie nicht doch um meinetwillen von dem Pferde ablassen? Mir ist so angst!«

»Sennorita,« sagte er, »sprechen Sie aufrichtig- Ist es eine Ehre oder eine Schande für mich, wenn ich erst behaupte, daß ich mich nicht fürchte, und dann doch zurücktrete?«

Sie senkte den Kopf; sie sah ein, daß er recht hatte, daß er vor den andern, die ja alle gute Reiter waren, gar nicht zurück konnte. Darum fragte sie kleinlaut:

»Sie wollen es also wirklich wagen?«

»O, Sennorita Emma, für mich ist das kein Wagnis!«

Er blickte ihr dabei mit einer so offenen, heiteren Zuversichtlichkeit in die Augen, daß sie zurücktrat und an die Möglichkeit des Gelingens glaubte.

»Wohlan, nun gilt's!«

Mit diesen Worten trat er an den Hengst heran. Er wies die Vaqueros zurück, welche ihm helfen wollten, die Fesseln abzunehmen. Das Tier wälzte sich noch immer schnaubend und stöhnend am Boden. Er nahm ihm den Korb ab und zog das Messer. Nur das Ende eines alten Lasso war dem Pferde noch um das Maul gebunden. Helmers nahm diesen Riemen in die Linke, schnitt mit dem Messer schnell die Fesseln erst der Hinter-, dann auch der Vorderbeine durch und saß, als der Rappe nun emporschnellte, wie angegossen auf dessen Rücken.

Jetzt begann ein Kampf zwischen Reiter und Pferd, wie ihn noch keiner der sich vorsichtig zurückziehenden Zuschauer gesehen hatte. Der Hengst ging abwechselnd vorn und hinten in die Höhe, bockte zur Seite, schlug und biß, warf sich zu Boden, wälzte sich, sprang wieder empor - immer blieb der Reiter über ihm. Es war zunächst ein Kampf der menschlichen Intelligenz gegen die Widerspenstigkeit eines wilden Tieres, dann aber wurde es ein Kampf allein der menschlichen Muskeln gegen die tierische Kraft. Das Pferd schwitzte förmlich Schaum, es schnaubte nicht, sondern es grunzte, stöhnte; es strengte den letzten Rest seines Willens an, aber der eisenfeste Reiter gab nicht nach; mit stählernem Schenkeldrucke preßte er das Pferd zusammen, daß diesem der Atem auszugehen drohte, und nun erhob es sich zum letzten Male mit allen vieren in die Luft; dann - schoß es davon, über Stock und Stein, über Gräben und Büsche, daß man es mit seinem Reiter in einer halben Minute bereits nicht mehr erblickte.

»Donnerwetter, so etwas habe ich noch nicht gesehen!« gestand der alte Arbellez.

»Er wird den Hals brechen!« sagte einer der Vaqueros.

»Nun nicht mehr,« meinte ein andrer. »Er hat gesiegt!«

»O, es war mir angst!« gestand Emma. »Aber ich glaube nun wirklich, daß keine Gefahr mehr vorhanden ist. Nicht wahr, Vater?«

»Sei ruhig! Wer so fest sitzt und solche Stärke zeigt, der stürzt nicht mehr herab. Das war ja gerade, als ob Teufel gegen Teufel kämpfte! Ich glaube, dieser Itinti-ka könnte es auch nicht besser machen!«

Da trat Büffelstirn heran und sagte:

»Nein, Sennor, er kann es nicht besser machen, sondern ganz genau so.«

»Wie so? Ich verstehe nicht.«

»Dieser Sennor Helmers ist ja Itinti-ka, der Donnerpfeil!«

»Was?« fuhr Arbellez auf. »Er? Der Donnerpfeil?«

»Ja. Fragt hier den Häuptling der Apatschen!«

Arbellez richtete einen fragenden Blick auf den Genannten.

»Ja, er ist es,« sagte dieser einfach.

»Ja, wenn ich das wußte, so hätte ich keine solche Angst ausgestanden,« erklärte der Haciendero. »Es war mir wahrhaftig so, als ob ich selbst auf dem Tiere säße.«

Voller Erwartung blieben alle halten, und keiner ging von dem Platze fort. So verging über eine Viertelstunde; da kehrte er zurück. Der Rapphengst war zum Zusammenbrechen müde, aber der Reiter saß lächelnd und frisch auf seinem Rücken. Emma ritt ihm entgegen.

»Sennor, ich danke Euch!« sagte sie.

Ein anderer hätte gefragt: »Wofür?« Er aber verstand sie und lächelte ihr glücklich zu.

»Nun, Sennor Arbellez,« fragte er, »braucht es denn gerade wirklich nur dieser Itinti-ka zu sein?«

»Natürlich!«

»Na, ich denke, wir können ihn entbehren, denn ich kann es auch.«

»Weil Ihr es seid, ja.«

»Aha, so ist mein Geheimnis verraten!« lachte er.

»Und das Inkognito des Fürsten der Savanna zu Ende,« fügte Emma hinzu.

Es wurde ihm von allen Seiten die lauteste Bewunderung zu teil; er aber wehrte ab und sagte:

»Ich bin noch nicht fertig. Darf ich Sie auf Ihrem Ritte begleiten, Sennor Arbellez?«

»Ist das Pferd nicht zu müde?«

»Es muß; ich will es so!«

»Gut, so kommt!«

Sie ritten nun die weiten Plätze ab, auf denen Pferde, Rinder, Maultiere, Schafe und Ziegen weideten, und kehrten dann nach Hause zurück; der Rapphengst wurde angepflockt. Als Karja, die Indianerin, sich nach ihrem Zimmer begab und an der Thür des Grafen vorüberging, öffnete sich diese und Graf Alfonzo trat für einen Augenblick heraus.

»Karja,« fragte er, »kann ich dich heut sprechen?«

»Wann?« fragte sie.

»Zwei Stunden vor Mitternacht.«

»Wo?«

»Unter den Oelbäumen am Bache.«

»Ich komme!«

Als der Abend hereingebrochen war, versammelte man sich im Speisesaale, wo wahrhaft riesige Vorräte auf die Tische getragen wurden. Auch die beiden Indianerhäuptlinge waren da. Man sprach wieder von den letzten Ereignissen ,und brachte dann die Rede auf die heutige Bändigung des Pferdes. Es wurde Helmers abermals Lob gebracht; er wies es mit den Worten zurück:

»Das ist gar nicht der Rede wert, Sennores. Ich bin nicht der einzige, der so etwas fertig bringt.«

»O, das ist nur Bescheidenheit von Euch!« sagte der Haciendero. »Es giebt keinen zweiten.«

»Doch! Es giebt einen, der es noch viel besser versteht; das ist Old Shatterhand, der Freund Winnetous. An den reiche ich noch lange nicht.«

»Oh! Old Shatterhand! Ja, von dem hat man freilich so viel gehört, daß ich glaube, ihm sei die Bändigung eines wilden Pferdes eine Leichtigkeit. Kennt Ihr ihn, Sennor?«

»Ja, und eben darum kann ich der Wahrheit gemäß sagen, daß ich es ihm noch lange nicht gleich thue.«

Hierauf richtete sich das Gespräch auf diesen berühmten Westmann, und es wurden einige seiner hervorragendsten Thaten erzählt. Der Graf war nicht mit bei Tische erschienen; die heutigen Auftritte ärgerten ihn; er fühlte gar wohl, daß er sich blamiert hatte, und darum kam er nicht. Auf das Duell mit Helmers war er natürlich nur aus Feigheit nicht eingegangen.

Er war ein außerordentlich liederlicher und verschwenderischer junger Edelmann und hatte trotz des Reichtums seines Vaters, der ihn mit einer sehr hohen Jahresrente bedachte, so hohe Schulden gemacht, daß er sich nicht getraute, es ihm mitzuteilen. Seine Gläubiger drückten und quälten ihn, und da er von dem "Schatze der Könige" gehört hatte und von Karja wußte, daß sie das Geheimnis kannte, so wollte er diesen Schatz heben, von dem der tausendste Teil hinreichend war, die Gläubiger zu befriedigen. Er hatte jedes ungesehene Zusammentreffen mit der Indianerin benützt, sich ihr von der vertrauenswertesten Seite zu zeigen, und ihr sogar versprochen, sie zur Gräfin Rodriganda zu machen. Trotzdem sie so harmlos und vertrauensselig war, ihm dies vollständig zu glauben, war sie bisher doch nicht dazu zu bringen gewesen, ihm zu sagen, wo der Schatz zu suchen sei. Jetzt nun war er, von seinen Gläubigern auf das äußerste gedrängt, von der Hauptstadt Mexiko nach der Hacienda mit dem festen Vorsatze gekommen, Karja so zu bearbeiten, daß sie ihm das Geheimnis verraten müsse. Er ging nach den Oelbäumen am Bache und fand sie schon da, seiner wartend. Sie war zornig auf ihn, weil er sich so beleidigend gegen ihre Retter verhalten hatte, doch gelang es seiner Gewandtheit sehr bald, ihren Unmut zu zerstreuen. Dann ging er auf sein Ziel los. Er versprach ihr, sie adeln zu lassen, um sie dann zu seiner Frau machen zu können, denn der Adel sei ihr notwendig, obgleich sie in seinen eignen Augen für vollständig ebenbürtig gelte, weil sie der Abkömmling von Königen sei. Um den Adel zu erhalten, sei aber Geld, sehr viel Geld nötig, was er für sie von seinem Vater nicht erhalten könne; dazu sei der Schatz der Könige nötig, den er auch schon deshalb haben müsse, weil sein Vater ihn wegen Karja enterben und er also arm, ganz arm sein werde. Wenn er aber bereit sei, ihr dieses große Opfer zu bringen, und ihr also beweise, wie gut und ehrlich er es mit ihr meine, dürfe sie nun auch ihrerseits nicht länger zögern, ihm das Geheimnis mitzuteilen. Seine Ueberredungsgabe siegte mit diesen Gründen. Sie versprach, ihm den Ort, wo der Schatz liege, zu sagen, stellte aber die Bedingungen, daß er ihrem Bruder nie verrate, daß sie das Geheimnis nicht gehütet habe, und daß er ihr ein schriftliches und mit Unterschrift und Siegel versehenes Dokument des Inhaltes gebe, daß er sie gegen Auslieferung des Schatzes zur Gräfin von Rodriganda machen werde. Er ging auf diese Bedingung ein und sagte ihr, daß sie sich dieses Dokument morgen persönlich bei ihm holen solle.

Wie froh war er, seinen Zweck erreicht zu haben.

Hatte er doch in der Ueberzeugung, zum Ziele zu gelangen, schon Leute mitgebracht, welche die Schätze nach der Hauptstadt transportieren sollten! Das Dokument machte ihm keine Sorgen; die niedrig stehende, verachtete Indianerin war selbst mit einem solchen Schriftstücke vollständig machtlos, ihm, dem hochgeborenen Grafen gegenüber. Aber nur erst die Schätze haben!

Während diese beiden bei den Oliven waren, führte Helmers den Häuptling Tecalto nach seinem Lagerplatze im Grase der Weide. Er war seit langer Zeit die freie Gottesnacht gewöhnt und wollte, ehe er sich im Zimmer schlafen legte, noch eine Lunge voll frischer Luft sammeln. Darum ging er, als er sich von dem Häuptling verabschiedet hatte, noch nicht in die Hacienda zurück, sondern trat in den Blumengarten, wo er sich am Rande des künstlichen Bassins niederließ, in welchem eine Fontäne ihren belebenden Wasserstrahl zur Höhe schoß.

Er hatte noch nicht lange hier gesessen, als er den Schritt eines leisen Fußes hörte. Gleich darauf kam eine weibliche Gestalt langsam den Gang daher geschritten und grad auf die Fontäne zu. Er erkannte Emma und erhob sich, um nicht vielleicht für einen Lauscher gehalten zu werden. Sie erblickte ihn und zauderte, weiter zu gehen.

»Bitte, Sennorita, treten Sie getrost näher,« sagte er. »Ich werde mich sogleich entfernen, um Sie nicht zu stören.«

»Ach, Sie sind es, Sennor Helmers,« antwortete sie. »Ich glaubte, daß es ein andrer sei, und dachte, Sie hätten die Ruhe bereits aufgesucht.«

»Das Zimmer ist mir noch zu unbequem und drückend; man muß sich erst daran gewöhnen.«

»Es ging mir ganz ebenso, darum suchte ich vorher noch den Garten auf.«

»So genießen Sie den Abend ungestört. Gute Nacht, Sennorita!«

Er wollte sich zurückziehen, sie aber nahm ihn bei der Hand, um ihn zurückzuhalten.

»Bleiben Sie, wenn es Ihnen Bedürfnis ist,« sagte sie. »Unser Gott hat Luft und Duft und Sterne genug für uns beide. Sie stören mich nicht.«

Er gehorchte und nahm neben ihr am Rande des Bassins Platz.

Unterdessen hatte sich der Häuptling der Mizticas hart an der Gartenpallisade niedergelegt. Er blickte träumerisch gen Himmel und ließ seine Phantasie hinauf steigen in jene ewigen Welten, wo Sonnen rollen, die von seinen Ahnen verehrt worden waren. Dabei aber hatte er doch einen Sinn für das kleinste Geräusch seiner Umgebung.

Da war es ihm, als ob er im Innern des Blumengartens leise Schritte und dann auch unterdrückte Stimmen vernähme. Er wußte, daß der Graf sich bemühte, so oft wie möglich in die Nähe seiner Schwester zu kommen, und er wußte ebenso, daß diese dem Bestreben des Grafen keinen Widerstand entgegensetzte. Sein Argwohn erwachte. Weder der Graf noch Karja waren seit einer Stunde in der Hacienda zu sehen gewesen; sollten sie ein Stelldichein im Garten verabredet haben? Er mußte das erfahren, das war notwendig für ihn und sie.

Er erhob sich also und schwang sich mit echt indianischer Leichtigkeit über die Pallisaden in den Garten hinüber. Dort legte er sich auf den Boden und schlich mit solcher Unhörbarkeit näher, daß selbst das geschärfte, jetzt aber in Sicherheit gewiegte Ohr des Deutschen nichts vernahm. Er erreichte unbemerkt die andre Seite des Bassins und konnte nun jedes Wort der Unterhaltung verstehen.

»Sennor, ich sollte Ihnen eigentlich zürnen!« sagte Emma soeben.

»Warum?«

»Weil Sie mir heute so große Angst verursacht haben.«

»Wegen des Pferdes?«

»Ja.«

»Sie haben sich umsonst geängstigt, denn ich habe Pferde gebändigt, welche noch viel schlimmer waren. Der Rappe ist nun so fromm, daß ihn jede Dame unbesorgt reiten kann.«

»Ein Gutes hat der Vorgang doch gehabt.«

»Was?«

»Daß Sie Ihr Inkognito aufgegeben haben, Sie eitler Mann!«

»O,« lachte er, »eine eigentliche Eitelkeit war es nicht. Man muß zuweilen vorsichtig sein. Gerade dadurch, daß man mich für einen ganz gewöhnlichen und ungeübten Jäger hielt, habe ich oft die größten Vorteile errungen.«

»Aber mir konnten Sie es doch wenigstens sagen. Sie hatten mir doch bereits ein viel größeres Geheimnis anvertraut.«

»Ein Geheimnis, welches für mich wohl niemals einen Wert haben wird. Ich werde die Höhle des Königsschatzes niemals entdecken, obgleich ich mich hier in der Nähe befinden muß.«

»Ah, woraus schließen Sie das?«

»Aus der Bildung der Berge und dem Laufe der Wasser. Die Gegend, welche wir zuletzt durchritten, stimmt ganz genau mit einem Teile meiner Karte.«

»So haben Sie ja einen Anhalt gefunden und können weiter suchen!«

»Es fragt sich sehr, ob ich dies thue.«

»Warum?«

»Weil ich im Zweifel bin, ob ich ein Recht dazu habe.«

»Sie hätten doch jedenfalls das Recht des Finders. Ich überschätze den Wert des Goldes keinesfalls, aber ich weiß doch auch, daß der Besitz desselben vieles gewährt, nach welchem selbst Tausende vergeblich streben. Suchen Sie, Sennor! Es sollte mich freuen, wenn Sie fänden!«

»Ja, die Macht des Goldes ist groß,« sagte er nachdenklich, »und ich habe in der Heimat einen armen Bruder, der viele Kinder hat und dessen Glück ich vielleicht machen könnte. Aber wem gehört dieser Schatz? Doch wohl den Nachkommen derer, die ihn versteckten.«

»Wissen Sie nicht, von wem Ihre Karte stammt?«

»Von einem alten, kranken Indianer, dem ich einige Dienste geleistet hatte, wie ich Ihnen bereits sagte. Er war verwundet und starb, ehe er mir die notwendigen mündlichen Aufklärungen geben konnte.«

»Und es steht kein Name darauf?«

»Nein. In der einen Ecke befindet sich ein rätselhaftes Zeichen, welches ich nicht zu erklären vermag. Ja, ich nehme es mir vor, ich werde suchen. Aber wenn ich den Schatz wirklich finden sollte, so werde ich ihn nicht berühren, sondern nach den rechtlichen Besitzern desselben suchen. Sollten diese nicht zu finden sein, so ist es noch immer Zeit, sich zu entschließen.«

»Sennor, Sie sind ein Ehrenmann!« sagte die Mexikanerin warm.

»Ich thue nur, was ich muß, und unterlasse alles Unrecht.«

»Ihr Bruder ist also arm?«

»Ja. Er ist ein Seemann, der es wohl nie zu einer Selbständigkeit bringen kann, so lange er auf seine eigne Kraft angewiesen ist. Ich selbst besitze nur eine kleine Summe, welche ich aus dem Ertrage meiner Jagdstreifereien gelöst habe.«

»Sie besitzen mehr!« sagte sie.

»Da möchte ich doch fragen!«

»Sollte ein "Donnerpfeil" wirklich so arm sein? Giebt es nicht Reichtümer, welche mit dem Besitze des Goldes nichts zu thun haben? Der Besitz von Gold und Silber macht nicht den Wert des Menschen aus. Die wahren Schätze ruhen im Herzen: der Glaube an Gott, die Liebe zum Nächsten und das Bewußtsein, stets seine Pflicht erfüllt zu haben. Doch kommen Sie; ich muß Vater noch gute Nacht sagen!«

Sie entfernten sich. Da schlich sich Tecalto wieder fort und schwang sich wieder über die Pallisaden. Draußen murmelte er leise vor sich hin:

»Uff, uff! Was habe ich da gehört! Donnerpfeil hat eine Zeichnung unsers heiligen und verborgenen Platzes! Sein Scharfsinn wird ihn zur Entdeckung des Schatzes führen. Ich müßte ihn eigentlich töten; aber er ist mein Freund und Bruder geworden und ein guter, edler Mann. Auch hat er meine Schwester Karja gerettet. Soll ich ihn vernichten, dem ich danken muß? Nein, nein! Ich werde nachdenken, und der große, gute Geist wird mir sagen, was ich machen soll.« - - -

Um diese Zeit saß in einem abgelegenen Thale, vielleicht zwei Stunden von der Hacienda del Erina entfernt, eine Anzahl von vielleicht zwanzig Männern um ein Feuer. Es waren lauter wilde, verwegene Gestalten, deren jedem man zutrauen konnte, daß er einen Mord oder so etwas ähnliches auf dem Gewissen habe. Das Viertel eines Kalbes briet am Spieße, und die Reste des Tieres, welche daneben lagen, bewiesen, daß man bereits seit längerer Zeit ganz tüchtig geschmaust habe.

»Also wie wird's, Kapitano?« fragte einer mit unmutiger Stimme. »Warten wir noch länger?«

Der Gefragte lag neben ihm auf dem Ellbogen. Er hatte ein echtes Banditengesicht, und sein Gürtel strotzte von Waffen.

»Wir warten,« sagte er finster und bestimmt.

»Aber wie lange noch?«

»So lange es mir gefällt.«

»Oho, ich habe es satt!«

»Schweig!«

»Du wirst mir wohl erlauben, zu reden. Wir liegen bereits seit vier Tagen hier und wissen nicht, ob man uns nur für Narren hält.«

»Hältst du dich für einen Narren, so habe ich nichts dagegen. Wie ich mit mir daran bin, das weiß ich glücklicherweise ganz genau.«

»Aber wie wir mit diesem sogenannten Grafen daran sind, weißt du das auch?«

»Auch das weiß ich.«

»Nun, wie denn?«

»Er bezahlt uns gut, und wir warten also, bis er erklärt, was wir thun sollen.«

»Das halte der Teufel aus! Was hätten wir während dieser Zeit thun und verdienen können!«

»Schweig!«

»Oho! Ich bin ein Mann und habe zu reden!«

»Und ich bin der Kapitano und verbiete es dir!«

»Wer hat dich zum Kapitano gemacht? Doch erst wir!«

»Richtig! Und weil ich es nun einmal bin, so weiß ich es auch zu sein. Iß dein Fleisch, und halte dein Maul, sonst kennst du die Gesetze!«

»Du willst drohen?« fragte der andre, indem er an das Messer griff.

»Drohen? Nein, sondern handeln!«

Der Kapitano sagte dies im kalten, gleichgültigen Tone, aber mit einem blitzesschnellen Griffe riß er die Pistole aus dem Gürtel und drückte ab. Der Schuß krachte, und der widersetzliche Sprecher stürzte mit zerschmettertem Kopfe zu Boden.

»So; das gehört dem Ungehorsam. Schafft ihn zur Seite!«

Mit diesen Worten begann der Kapitano seine Pistole gleichmütig wieder zu laden.

Es erhob sich ein leises, mißbilligendes Gemurmel, doch verstummte es sofort, als der Hauptmann den Kopf erhob.

»Wer murrt?« fragte er. »Ich habe noch mehrere Kugeln. Was soll werden, wenn es keinen Gehorsam mehr giebt! Dieser Graf Rodriganda zahlt einem jeden von uns ein Goldstück für den Tag. Ist dies nicht genug? Er läßt uns warten, ja, aber er wird uns schon noch Arbeit bringen, denn eine solche Summe giebt selbst ein Graf nicht umsonst aus!«

Die Leute beruhigten sich, und der Tote wurde zur Seite geschafft. Das Feuer warf seine ungewissen Schatten über die Gruppe. Man verzehrte den Rest des Fleisches, stellte eine Wache aus und hüllte sich dann in die Decken.

Schon begann der Schlaf sich über die Männer zu legen, als man den Hufschlag eines Pferdes hörte. Sofort erhoben sich alle aus ihrer liegenden Stellung. Ein Reiter nahte.

»Wer da?« fragte die Wache.

»Der Richtige!« lautete die Antwort.

»Kann passieren.«

Der Angekommene gab sein Pferd der Wache und kam dann herbei. Es war Graf Alfonzo de Rodriganda.

Er ließ sich neben dem Kapitano nieder, zog seinen Tabak hervor und drehte sich eine Cigarrita. Man sah ihm schweigend zu, als er aber die Cigarrita angebrannt hatte und noch immer schwieg, fragte der Hauptmann:

Bringen Sie uns endlich Arbeit, Don Rodriganda?«

»Ja.«

»Was für welche? Wir thun alles, was uns gut bezahlt wird.«

Er deutete dabei mit einer sprechenden Gebärde auf seinen Dolch. Der Graf schüttelte den Kopf und antwortete:

»Es ist nichts derartiges. Ihr sollt mir nur als Arrieros (* Maultiertreiber.) dienen.«

»Als Arrieros?« sagte der Kapitano. »Sennor, wir sind keine solche Lumpen!«

»Das weiß ich. Hört, was ich euch sage!«

Die Männer rückten neugierig zusammen, und Graf Alfonzo begann:

»Ich habe etwas nach Mexiko zu schaffen, wovon kein Mensch etwas erfahren darf; das ist es. Kann ich auf euch rechnen?«

»Wenn Sie zahlen, ja!«

»Ihr sollt haben, was ihr verlangt. Habt ihr die bestellten Packsättel mit?«

»Ja.«

»Säcke und Kisten?«

»Ja.«

»Gut! Pferde nehmen wir uns von der Estanzia del Erina, so viele wir brauchen. Morgen um diese Zeit bin ich wieder hier, und mit Tagesgrauen brechen wir auf.«

»Wohin?«

»Das weiß ich jetzt selbst noch nicht. Ich werde euch führen.«

»Was ist es, was wir zu transportieren haben?«

»Das geht euch auch nichts an. Ich bringe meine zwei Diener mit, welche euch irgendwo und irgendwann die Säcke und Kisten füllen. Dann geht es unter meiner Aufsicht nach Mexiko, und ihr habt den Transport zu verteidigen, wenn wir dabei vielleicht belästigt werden sollten.«

»Das ist ein geheimnisvolles Ding, Don Rodriganda. Wir werden den Preis danach richten müssen.«

»Thut es! Was verlangt ihr?«

»Drei Goldstücke pro Mann und Tag.«

»Zugestanden!«

»Mir als Anführer aber sechs.«

»Auch das!«

»Die ganze Beköstigung und Verpflegung.«

»Versteht sich!«

»Und wenn wir den Transport glücklich nach Mexiko bringen, dreihundert Goldstücke als Extrabelohnung.«

Weiter: Teil 4 von 6