Old Surehand II
Zweites Kapitel: Der Koenigsschatz
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.
»Mein Bruder hat die Weisheit der alten Häuptlinge. Aber andre lieben das Gold. Dieser Graf wollte den Schatz der Miztecas besitzen.«
»Ugh!«
»Er kam mit achtzehn Dieben, um ihn zu rauben.«
»Wer hat ihm den Weg zum Schatze gezeigt?«
»Karja, die Tochter der Miztecas.«
»Karja, die Schwester Büffelstirns? Ugh!«
»Ja,« sagte dieser traurig. »Ihre Seele war finster, denn sie traute diesem weißen Lügner. Er versprach ihr, sie zu seinem Weibe zu machen; aber er wollte sie verlassen, sobald er den Schatz hatte.«
»Er ist ein Verräter!«
»Was verdient ein Verräter?«
»Den Tod.«
»Und was verdient ein Verräter, der zugleich ein Mörder ist?«
»Den doppelten Tod.«
»Mein Bruder hat recht gesprochen.«
Es entstand wieder eine Pause des Schweigens. Diese beiden Häuptlinge bildeten einen fürchterlichen und unerbittlichen Gerichtshof, gegen dessen Urteil es keine Berufung gab. Büffelstirn wäre auch allein mit Alfonzo fertig geworden, aber er hatte den Apatschen mitgenommen, um seiner Rache ein gerechtes Urteil zu unterbreiten. Die beiden hielten eines jener sogenannten Prairie-Gerichte, vor welchen die Verbrecher der Wildnis so große Angst haben.
Sie sprachen in dem Idiom der Apatschen, welches Alfonzo nicht verstand; aber er ahnte, daß man über ihn entscheide. Er bebte vor Furcht; denn er dachte an die Krokodile, von denen Büffelstirn gesprochen hatte. Hier war der Teich, und gerade an dem Orte, wo sie saßen, ragte ein schief gewachsener Cedernstamm weit hinaus über das Wasser, und seine Zweige senkten sich beinahe bis auf den Spiegel desselben herab. Es schwamm dem Spanier vor den Augen, wenn er seinen Blick dorthin richtete.
Da begann Büffelstein wieder:
»Weiß mein Bruder, wo der doppelte Tod zu finden ist?«
»Der Häuptling der Miztecas mag es mir sagen!«
»Dort!«
Er deutete hinaus auf das Wasser. Der Apatsche warf keinen Blick hinaus, sagte aber, als ob sich das von selbst verstehe:
»Das Krokodil wohnt dort?«
»Ja. Du sollst es sehen.«
Er trat an das Wasser, streckte die Arme aus und rief:
»Yim-eta - kommt!«
Auf diesen Ruf begann es im Wasser zu rauschen. Neun oder zehn Furchen bildeten sich von verschiedenen Richtungen her, und ebenso viele Krokodile schossen herbei. Sie blieben am Ufer halten und streckten die häßlichen, nach Moschus stinkenden Köpfe heraus. Es waren teils Brillen-, teils Hecht-Kaimans, und keiner hatte eine Länge unter vierzehn Fuß. Ihre Leiber glichen schlammbedeckten Baumstämmen; ihre Köpfe boten den häßlichsten und zugleich Furcht erweckendsten Anblick, den man sich denken kann, und während sie die langen Schnauzen aufrissen und zuklappten, um ihren Hunger zu zeigen, sah man ganze Reihen fürchterlicher Zähne, welche gewiß nichts frei ließen, was sie einmal gefaßt hatten.
Ein Schrei des Entsetzens erscholl. Alfonzo hatte ihn ausgestoßen.
Die beiden Indianer warfen ihm einen verächtlichen Blick zu. Der Indianer zuckt selbst unter den fürchterlichsten Qualen mit keiner Wimper. Er glaubt, daß einer, der am Marterpfahl einen einzigen Klageton ausstößt, nicht in die ewigen Jagdgründe komme, welche den Himmel der Rothäute bilden. Darum werden die Kinder bereits an das Ertragen der Schmerzen gewöhnt, und die Weißen werden meist auch deshalb von ihnen verachtet, weil sie eine feinere Konstitution besitzen und gegen alle Arten des Schmerzes empfindlicher sind als die Indianer.
»Siehst du sie?« sagte Büffelstirn. »Es sind wackere Tiere, unter denen keines unter zehnmal zehn Sommer alt ist. Und siehst du auch die Lassos, welche ich mitgebracht habe? Ich nahm sie den Mexikanern ab, welche wir erschossen.«
»Ich verstehe meinen Bruder,« sagte der Apatsche kurz.
»Wie hoch denkst du, daß ein Krokodil aus dem Wasser springen kann?«
»Es kann die Schnauze höchstens vier Fuß weit aus dem Wasser bringen, wenn der Grund tiefer ist als sein Leib.«
»Und wenn es den Grund mit dem Schwanze berühren kann?«
»So schießt es noch einmal soweit hervor.«
»Nun wohl. Der Grund ist tief. Die Füße dieses Mannes sollen also vier Fuß über dem Wasser hängen. Wer soll auf diesen Baum klettern? Du oder ich?«
»Ich will es thun,« sagte der Apatsche.
Beide erhoben sich von ihren Sitzen und traten zu Alfonzo. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken und zogen ihm einen Lasso doppelt unter den Armen hindurch. Dadurch wurde dieser Lasso so stark, daß er unzerreißbar genannt werden konnte. An ihm wurden wieder zwei andere Lassos befestigt, deren Enden der Apatsche in seine Hände nahm, um an dem Baume emporzuklettern.
Jetzt endlich merkte der Graf, daß man Ernst machte. Der Angstschweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirne, und vor den Ohren begann es ihm zu rauschen wie im Sturmwind.
»Gnade, Gnade!« bat er jammernd.
Die beiden Rächer hörten nicht darauf.
»Gnade!« wiederholte er. »Ich will alles thun, was ihr wollt; nur hängt mich nicht für diese Krokodile auf!«
Auch dieses Flehen fand keine Antwort. Büffelstirn faßte ihn und zog ihn nach dem Baume hin.
»Thut es nicht, thut es nicht! Ich will euch alles geben, meine Grafschaft, meine Besitzungen, ganz Rodriganda. Ich verzichte auf alles, was ich habe, nur schenkt mir das Leben!«
Jetzt endlich antwortete der Häuptling der Miztecas.
»Was ist Rodriganda?« sagte er. »Was ist deine Grafschaft, und was sind deine Besitzungen! Du hast die Schätze der Miztecas gesehen, die ich nicht mag, und du bietest mir deine Armut an! Bleibe ein Graf, und stirb! Sieh diese Tiere, die noch nie einen weißen Grafen gefressen haben. Du wirst vier oder fünf Tage am Baume hängen und deine Füße emporwerfen, wenn sie nach ihnen schnappen; sobald du aber schwach und müde wirst, werden sie dir dieselben abreißen. Dann verblutest du dich und stirbst. Und wenn nachher dein Leib verfault, so stürzt er herab und wird von ihnen verzehrt. Das ist das Ende eines weißen Grafen, der eine verachtete Indianerin betrügen wollte.«
»Gnade, Gnade!« flehte der Graf abermals in höchster Todesangst.
»Gnade? Hast du Gnade gehabt, als du den Freund der Häuptlinge mit der Keule erschlugst? Hast du Gnade gehabt, als du mich in die Hände der Mexikaner gabst? Hast du Gnade gehabt, als du das Herz in der Brust der Indianerin tötetest? Und sind dies deine einzigen bösen Thaten gewesen? Wahconta hat dem Menschen versagt, alles zu wissen; ich kenne dein Leben nicht, aber wer so Böses thut wie du, der hat bereits vorher viel Böses gethan. Wir rächen es mit dem zu gleicher Zeit, was du an uns gethan hast. Die Krokodile werden dich fressen, aber du bist noch schlimmer als eines dieser Tiere. Wahconta hat sie geschaffen, um Fleisch zu fressen, den Menschen aber hat er geschaffen, damit er gut sein soll. Deine Seele ist böser als die ihrige!«
Er schob ihn näher an das Wasser hin. Alfonzo wehrte sich nach Kräften. Er hatte die Beine frei und stemmte sich mit verzweifelter Anstrengung auf dem Boden fest. Da schlang ihm der Mizteca einen Riemen um die Füße und band dieselben zusammen, so daß er nun völlig wehrlos war.
»Gnade! Erbarmen!« wimmerte und stöhnte er.
Es half ihm nichts. Der riesenstarke Häuptling trug ihn nach dem Baum, und der Apatsche kletterte hinauf, die Enden des Lassos zwischen den Zähnen. Oben angekommen, setzte er sich fest und ließ die nun zehnfach zusammengeflochtenen Riemen über einen starken Ast laufen. Nun zog er den Grafen mit den Lassos am Stamme empor. Büffelstirn schob; es ging langsam, aber sicher.
»O, laßt mich los, laßt mich los!« rief der zu einem so fürchterlichen Tode Verurteilte. »Ich will euch dienen und gehorchen als der geringste von euren Knechten!«
»Ein Graf hat Knechte, ein freier Indianer aber nicht!« lautete die Antwort.
Der Anblick der Alligatoren war jetzt entsetzlich. Die Lache war zu klein für sie, sie fanden keine Nahrung mehr in derselben. Sie hatten Jahre lang gehungert, und nun sahen sie, daß sie Speise bekommen sollten. Sie hatten aus Mangel an Nahrung bereits sich selbst angefressen; dem einen fehlte ein Fuß und dem andern irgend ein Stück seines Leibes. Jetzt drängten sie sich gerade unter dem Baume zu einem scheußlichen Klumpen zusammen. Ihre furchtbaren Schwänze peitschten das Wasser zu Schaum; ihre kleinen, tückischen Augen schossen giftige, begehrende Blitze, und ihre geöffneten Rachen schlugen mit einem Geräusche zusammen, welches gerade so klang, als ob man zwei starke Bretter zusammenschlage. Diese zehn Ungeheuer bildeten einen Knäuel, den man für einen einzigen gräßlichen Drachen mit zehn Rachen und ebenso vielen Schwänzen halten konnte.
Der Gefangene sah das und schauderte.
»Laßt mich frei, ihr Ungeheuer!« brüllte er.
»Mein Bruder mag kräftiger ziehen!«
Diese Aufforderung an den Apatschen war die einzige Antwort Büffelstirns.
»So seid verflucht und vermaledeit in alle Ewigkeit!«
Diese Worte kreischte der Graf, indem seine blutunterlaufenen Augen vergebens nach Rettung suchten.
»Es ist genug,« sagte der Mizteca, der mit den Augen eines Kenners die Entfernung des Astes vom Wasser mit der jetzigen Länge des Lassos verglich. »Mein Bruder schlinge den Lasso um den Stamm des Baumes und mache einen festen Knoten!«
Der Apatsche folgte diesem Gebote. Büffelstirn hatte jetzt mit einer Hand sich am Baume gehalten, während er mit der anderen den Gefangenen gepackt hielt. Es gehörte eine riesige Körperstärke dazu. Wäre die Ceder nicht so stark gewesen, so hätte sie bei ihrer schrägen Lage unter der Last der drei Männer brechen müssen. Jetzt war der entscheidende Augenblick gekommen. Alfonzo sah und fühlte das und rief mit beinahe unartikulierten Lauten:
»Seid ihr denn keine Menschen, seid ihr Teufel?«
»Wir sind Menschen, die einen Teufel richten,« antwortete der Mizteca. »Fahre hin!«
Ein gräßlicher, weithin tönender Schrei erscholl. Der Sprecher hatte Alfonzo losgelassen und ihm noch dazu einen kräftigen Stoß gegeben. Dieser Stoß schleuderte den Gefangenen vom Ikume herab und über die Wasserfläche hinaus. Er schwang am Lasso hin und her, und allemal, wenn er während dieser Pendelbewegungen dem Wasser nahe kam, schossen die Krokodile empor, um ihn zu packen.
»Es ist gut. Mein Bruder komme herab!«
Der Apatsche folgte dieser Aufforderung Büffelstirns und stieg mit diesem vom Baume. Sie standen am Ufer und sahen diesem grauenhaften Schauspiele zu, bis die Schwingungen immer kleiner wurden und der Verurteilte endlich von dem Aste grad herniederhing.
Jetzt zeigte es sich, daß der Mizteca ein sehr gutes Augenmaß gehabt haben mußte. Alfonzo hing so, daß die aus dem Wasser emporschnellenden Krokodile gerade noch seine Füße packen konnten. Dadurch war er gezwungen, dieselben emporzuziehen, sobald eines der Tiere darnach schnappte. Ging ihm die Kraft zu dieser Bewegung aus, so war er verloren. Er hatte viel gesündigt, aber dieser Tod und diese Todesangst wog viele, vielleicht alle seine Sünden auf.
»Es ist vollbracht. Wir wollen gehen,« sagte der Apatsche, welchen es selbst schauderte.
»Ich folge meinem Freunde,« stimmte Büffelstirn bei.
Sie stiegen auf und ritten davon, noch lange verfolgt von dem Angstgeheul des Grafen.
Sie konnten jetzt schneller reiten als bergaufwärts, wo der Gefangene am Pferdeschwanze gehangen hatte. Als sie unten am Bache ankamen, fanden sie bereits mehrere Indianer vor. Sie alle gehörten zu dem dem Untergange geweihten Stamme der Miztecas und waren von Karja herbeigeschickt worden. Ihr Häuptling wandte sich an den Apatschen:
»Ich danke meinem Bruder, daß er mir geholfen hat, das Bleichgesicht zu richten und zu bestrafen. Er kann nun nach der Hacienda zurückkehren und nach der Wunde Donnerpfeils sehen. Ich kann erst morgen nachkommen, denn ich habe hier noch vieles zu thun.«
Bärenherz ritt sofort davon. Der Mizteca winkte die Indianer zu sich, welche einen Kreis um ihn bildeten, um seine Befehle zu vernehmen. Er blickte ernst umher und begann:
»Wir sind die Söhne eines Stammes, welcher sterben muß. Die Bleichgesichter geben uns den Tod. Sie trachteten nach unsern Schätzen, aber sie haben sie nicht erhalten. Eure Väter haben den meinigen geholfen, diese Schätze zu verbergen, und keiner von ihnen hat den Ort verraten, wo sich dieselben befinden. Würdet auch ihr so schweigsam sein?«
Sie alle senkten bejahend die Köpfe, und der älteste von ihnen antwortete in aller Namen:
»Verflucht sei der Mund, welcher einem Weißen den Ort verraten könnte!«
»Ich glaube euch. Ich habe gewußt, wo sich die Schätze befinden, aber ein Bleichgesicht hat sie entdeckt. Dieses Bleichgesicht hat einen Teil derselben gefunden, und dieser Teil muß nun an einem andern Orte verborgen werden. Wollt ihr mir helfen?«
»Wir helfen.«
»So schwört bei den Seelen eurer Väter, eurer Brüder und Kinder, daß ihr das neue Versteck nicht verraten und auch den geringsten Teil der Schätze niemals antasten wollt?«
»Wir schwören es!« erklang es im Kreise.
»So sorgt zunächst für eure Pferde, und dann kommt!«
Nachdem den Pferden gehörige Weide gegeben worden war, verschwanden die roten Gestalten im Eingange zur Höhle, in welcher nun ein geheimnisvolles Regen und Treiben begann. Nur ein einziger blieb im Freien zurück, um über die Sicherheit der Pferde und des Unternehmens zu wachen.
Diese Arbeit dauerte den vollen Tag und die ganze Nacht hindurch, und erst als der nächste Tag anbrach, kamen die Miztecas einer nach dem andern aus der Höhle gekrochen. Ein jeder brachte eine Last mit, welche sie alle auf einen gemeinschaftlichen Haufen legten. Es waren die größten Nuggets und Goldbrocken nebst dem Geschmeide, welches Helmers sich ausgewählt hatte.
»So!« sagte Büffelstirn, indem er den Haufen betrachtete. »Schlagt es in die Decken, und ladet es auf das Pferd. Dies ist das Geschenk der Miztecas an den einzigen Weißen, der die Schätze der Könige gesehen hat, weil ich es ihm erlaubte. Möge er durch dasselbe glücklich werden!«
Als das Packpferd, welches er gestern früh mit dem Deutschen mitgebracht hatte, beladen war, kehrte er noch einmal in das Innere der Höhle zurück. Die vorderste Abteilung derselben, welche Helmers und Alfonzo gesehen hatten, war jetzt vollständig leer und ausgeräumt. Büffelstirn blickte sich noch einmal um, dann trat er in eine Ecke, wo eine Zündschnur aus der Erde ragte. Er brannte sie mit seiner Fackel an und verließ dann schleunigst die Höhle.
Draußen zogen sich alle weit zurück und warteten. Es vergingen einige Minuten; dann ließ sich ein dumpfes Krachen vernehmen; die Erde bebte, ein dunkler Qualm stieg aus der vordern Seite des Berges auf; die Felsen barsten; die Erde senkte sich langsam, und dann brach sie mit einem rollenden Getöse zusammen. Der Eingang zur Höhle und der vorderste Teil derselben war verschüttet. Der Bach schäumte über die Trümmer, erst wild und kämpfend, bald aber hatte er sich einen Weg nach seinem Bette gebahnt- der Zugang zu den Schätzen der Könige der Miztecas war verschlossen.
»Reicht euch die Hände, und schwört noch einmal, daß ihr schweigen wollt bis zum Tode!« gebot Büffelstirn seinen Leuten.
Sie leisteten den Schwur, und es war jedem einzelnen anzusehen, daß er lieber sterben als seinen Schwur brechen werde. Noch einen letzten Blick warfen sie auf die Stätte, die während der letzten vierundzwanzig Stunden so Ungewöhnliches gesehen hatte, dann ritten sie davon. -
Als der Apatsche vom Berge El Reparo, wo er Büffelstirn verlassen hatte, nach der Hacienda zurückkehrte, fand er die Bewohner derselben in tiefer Trauer. Der Haciendero hatte sofort einen seiner besten Reiter auf dem schnellsten Pferde nach Monclova geschickt, um einen erfahrenen Arzt herbeizurufen. Als er den Häuptling der Apatschen vom Pferde steigen sah, kam er herbeigeeilt, um sich zu erkundigen. Er bequemte sich dabei dem Gebrauche der Wilden an, indem er ihn "Du" nannte.
»Du kommst allein?« fragte er. »Wo ist Tecalto?«
»Noch am Berg El Reparo.«
»Was thut er dort?«
»Er sagte es mir nicht.«
»Ich hörte, daß er sich Indianer hat schicken lassen. Wozu?«
»Ich fragte ihn nicht.«
»Und wo ist Graf Alfonzo?«
»Ich sage es nicht.«
Der Haciendero trat einen Schritt zurück und meinte unmutig:
»Er sagte es mir nicht - ich fragte ihn nicht - ich sage es nicht! Solche Antworten wünscht man nicht!«
Der Apatsche machte eine abwehrende Handbewegung und sagte:
»Mein Bruder mag mich nicht nach Dingen fragen, über welche ich nicht sprechen kann. Der Häuptling der Apatschen liebt die Thaten, aber nicht die Worte.«
»Aber wissen möchte ich doch, was da draußen am Berge geschehen ist.«
»Die Tochter der Miztecas wird es dir sagen.«
»Auch diese schweigt.«
»So wird Büffelstirn kommen und es erzählen. Mein Bruder führe mich an das Lager Donnerpfeils, damit ich dessen Wunde sehe!«
»So komm!«
Als sie das Zimmer des Deutschen betraten, fanden sie die beiden Mädchen am Lager desselben, in schweigende Trauer gehüllt. Der Kranke wälzte sich in seinem Bette hin und her. Er hatte sicher Schmerzen auszustehen, hielt aber die Augen geschlossen und gab keinen Laut von sich. Als Bärenherz den Kopf betastete, zog der Patient sein Gesicht in schmerzhafte Falten, blieb aber stumm.
»Wie steht es?« fragte der Haciendero.
»Er wird nicht sterben,« antwortete der Häuptling. »Man lege immer neues Wundkraut auf.«
»Morgen wird der Arzt kommen.«
»Das Kraut Oregano ist klüger als der Arzt. Hat mein Bruder einen Vaquero, der ein guter Reiter und Jäger ist?«
»Mein bester Jäger und Schütze ist der alte Franzesko.«
»Man hole ihn und gebe ihm ein gutes Pferd!«
»Wozu?«
»Er soll mich begleiten.«
»Wohin?«
»Zu den Comantschen.«
»Zu den Comantschen? O Gott, was wollt ihr bei denen?«
»Kennt mein Bruder die Comantschen nicht? Wir haben ihnen die Gefangenen abgenommen; wir haben viele ihrer Krieger getötet. Sie werden kommen, um Rache zu nehmen!«
»Nach der Hacienda?«
»Ja.«
»So weit?«
»Der rote Mann kennt keine Entfernung, wenn er sich rächen und den Skalp seines Feindes holen will. Die Comantschen werden sicher kommen.«
»Und warum wollt ihr ihnen entgegen?«
»Um sie zu sehen und zu erfahren, wann und auf welchem Wege sie kommen.«
»Ist es nicht besser, du bleibst hier, und wir stellen Posten aus?«
»Der Häuptling der Apatschen sieht lieber mit eignen Augen als mit den Augen andrer. Donnerpfeil, mein Bruder, wollte den Hunden der Comantschen entgegengehen. Nun ist er krank, und ich thue es an seiner Stelle.«
»So reitet in Gottes Namen. Ich will Franzesko rufen lassen.«
In Zeit einer Viertelstunde war der Vaquero zur Stelle. Man sah es seinem ganzen Habitus an, daß er die geeignete Persönlichkeit zu einem solchen Ritte sei. Als er hörte, um was es sich handele, gab er freudig seine Bereitwilligkeit zu erkennen, den Apatschen zu begleiten. Sie versahen sich also mit dem, was zu einem solchen Kundschafterritte notwendig ist, und brachen dann auf.
Die mexikanischen Pferde sind von einer sehr großen Ausdauer und Schnelligkeit. Bärenherz und der Vaquero flogen auf ihren Tieren wie der Wind dem Norden zu. Sie erreichten noch vor Abend die Stelle, wo sie bei der Rückkehr von der Reise mit den beiden Damen ihr letztes Nachtlager gehalten hatten. Sie rasteten nicht und verfolgten den Weg immer fort, den sie damals gekommen waren.
Da, der Abend begann bereits heranzubrechen, hielt der Apatsche plötzlich sein Tier an und blickte zu Boden. Der Vaquero that dasselbe.
»Was ist das hier?« fragte der letztere. »Das sind ja Spuren!«
»Von vielen Reitern!« nickte der Apatsche.
»Sie kommen von Norden her!«
»Und sind nach West eingebogen.«
»Sehen wir sie genauer an!«
Sie stiegen ab und untersuchten die Hufeindrücke sehr sorgfältig.
»Es sind viele,« sagte der Apatsche.
»Wohl zweihundert,« fügte der Vaquero hinzu.
Der andere nickte zustimmend und deutete dann auf einen Hufeindruck, dessen Kanten noch ganz scharf gezeichnet waren.
»Ja,« sagte der Vaquero mit besorgter Miene. »Wir haben von Glück zu sagen. Sie sind vor kaum einer Viertelstunde hier gewesen.«
Der Apatsche richtete sich unter einem schnellen Entschlusse rasch vom Boden auf.
»Vorwärts! Ich muß sie sehen!«
Sie bestiegen ihre Pferde wieder und folgten der Fährte. Sie führte tief in die Sierra hinein, und gerade, als das letzte Licht des Tages verglomm, erblickten sie auf dem Kamm einer vor ihnen liegenden Höhe eine dunkle Schlangenlinie, welche aus lauter Reitern bestand.
»Comantschen!« sagte Bärenherz.
»Ja, richtig! Donnerwetter, die haben es auf die Hacienda abgesehen!«
»Sie verbergen sich bis morgen in den Bergen,« nickte der Häuptling.
»Was thun wir?«
»Mein Bruder kehrt zurück, sogleich, um dem Haciendero zu melden, daß der Feind kommt.«
»Und du?«
»Bärenherz bleibt auf der Fährte des Feindes. Er muß wissen, was sie thun.«
Er drehte sich um und ritt weiter, ohne sich darum zu bekümmern, ob der Vaquero seiner Weisung Folge leiste.
»Per Dios!« murmelte dieser. »So ein Indianer ist doch ein eigentümlicher Mensch! Wagt sich an zweihundert Comantschen! Stolz wie ein König. Er sagt, was ich thun soll, und reitet fort, ohne nur Abschied zu sagen oder zu sehen, ob ich ihm auch gehorsam bin.«
Er wandte sein Pferd wieder dem Süden zu und ritt denselben Weg zurück, den er gekommen war.
Es galt, die schlimme Nachricht so bald wie möglich nach der Hacienda zu bringen. Darum strengte er sein Pferd an, und es war kaum Mitternacht, als er die Hacienda erreichte.
Hier lag bereits alles im tiefen Schlafe, und nur Emma wachte am Lager des Kranken. Deshalb wendete sich der Vaquero zunächst an sie. Sie weckte natürlich sogleich ihren Vater, der den alten Franzesko sofort zu sich kommen ließ.
»Ist's wahr, was mir Emma sagte?« fragte Arbellez.
»Was sagte sie?«
»Daß die Comantschen kommen.«
»Ja, das ist wahr, Sennor.«
»Wann? Doch nicht etwa noch heute!«
»Nein, heute sind wir noch sicher.«
»Sind es viele?«
»Wohl zweihundert.«
»Heilige Madonna, welch' ein Unglück! Sie werden die Hacienda verwüsten.«
»Das befürchte ich nicht, Sennor,« sagte der mutige Alte. »Wir haben ja Arme und auch Waffen genug.«
»Aber habt ihr auch richtig gesehen?«
»Das versteht sich!«
»Es scheint mir gar nicht möglich, daß die Kundschafter der Comantschen in so kurzer Zeit eine solche Schar aus ihren Weidegründen können herbeigeholt haben.«
»Das ist auch gar nicht der Fall, Sennor!«
»Was denn?«
»Als Sennor Helmers mit dem Apatschen die Damen befreite und dabei einen Comantschen erstach, begann die Blutrache. Es ist ganz sicher gleich von dort aus ein Bote nach den Weidegründen abgegangen, die ja gar nicht weit vom Rio Pecos liegen. Während die Sennores dann am Rio Grande gegen ihre Verfolger kämpften, waren bereits die zweihundert aufgebrochen. Die späteren Flüchtlinge sind dann zu ihnen gestoßen und haben ihnen erzählt, daß sie abermals geschlagen worden sind. Das hat den Verfolgungsritt beschleunigt.«
»Wie weit entfernt ist der Punkt, an welchem ihr sie sahet?«
»Sechs Stunden bei gewöhnlichem Ritte.«
»Und sie hielten nicht gerade auf die Estanzia zu?«
»Nein. Das fällt ihnen auch gar nicht ein. Sie haben sich in die Berge geschlagen, um nicht entdeckt zu werden, und werden vor morgen nachts sich sicherlich nicht blicken lassen.«
»Wir werden dennoch sofort Vorsichtsmaßregeln treffen. 0, wenn doch Sennor Helmers nicht verwundet wäre!«
»Auf den Häuptling der Apatschen und auf Büffelstirn können Sie sich ebenso verlassen.«
»Büffelstirn ist noch am Berge El Reparo. Ich werde ihn holen lassen.«
»Sogleich?«
»Ja.«
»Soll ich reiten?«
»Du bist ermüdet.«
»Ermüdet?« lachte der Alte. »Mein Pferd wohl, aber nicht ich. Ich nehme ein andres Tier.«
»Weißt du, wo der Häuptling zu finden ist?«
»Nein.«
»Am Auslaufe des mittleren Baches.«
»Gut, ich werde ihn ganz sicher finden. Soll ich jetzt die Leute wecken?«
»Ja, wecke sie. Es ist besser, wir sind bereits heute auf der Hut.«
Der alte Francesko schlug Lärm; dann saß er auf, um nach El Reparo zu reiten, und eine Viertelstunde nach seinem Wegritte brannten rund um die Hacienda mehrere Feuer, welche die Umgebung so erleuchteten, daß es sicher kein Indianer gewagt hätte, dem Hause zu nahen.
Büffelstirn, der Häuptling der Miztecas, war eben mit seinen Indianern von El Reparo aufgebrochen, als der alte Vaquero auf ihn stieß. Er dachte natürlich sofort, daß etwas geschehen sei, und erkundigte sich also durch die schnelle Frage:
»Warum kommst du? Was ist's?«
»Schnell zur Hacienda! Die Comantschen kommen!« rief Franzesko.
Die Augen des Indianers leuchteten vor Vergnügen auf.
»So schnell! Wer sagte es?« fragte er.
»Ich selbst habe sie gesehen.«
»Ah! Wo?«
Franzesko erzählte seinen gestrigen Ritt.
»Ist es so, da haben wir noch Zeit,« meinte Büffelstirn. »Diese Comantschen werden auf der Hacienda del Erina einige Skalps verlieren. Ist Bärenherz hinter ihnen her?«
»Ja.«
»So brauchen wir keine Sorge zu tragen. Sie entgehen uns nicht.«
Es ging im Galopp auf die Hacienda zu, wo sie alles in Eile und Aufregung fanden. Der Haciendero empfing den berühmten Cibolero selbst und fragte ihn nach seiner Meinung. Der Mizteca blickte umher und schüttelte den Kopf, als er die kriegerischen Vorbereitungen erblickte.
»Halten Sie die Comantschen für Diggerindianer?« fragte er.
»Nein,« antwortete Arbellez. »Die Diggers sind dumm.«
»Aber die Comantschen nicht. Warum also diese Vorkehrungen?«
»Heilige Madonna, sollen wir uns vielleicht nicht wehren!« »Wir werden uns wehren, aber anders, Sennor!« »Wie denn?«
»Die Comantschen werden Kundschafter aussenden, um uns zu beobachten.«
»Natürlich!«
»Sie werden uns nicht am Tage überfallen.«
»Das denke ich auch.«
»Wenn wir sie zurückweisen wollen, so dürfen sie nicht ahnen, daß wir wissen, daß sie kommen.«
»Ah, da hast du recht!«
»Wir müssen unsre Vorbereitungen also im stillen treffen. Wie viele Männer haben Sie überhaupt?«
»Vierzig.«
»Das genügt. Jeder hat ein Gewehr?«
»Sie alle haben gute Gewehre.«
»Und Munition ist auch vorhanden?«
»Genug. Ich habe sogar Kanonen.«
»Kanonen?« fragte der Indianer erstaunt.
»Ja, vier Stück.«
»Davon weiß ich nichts. Woher sind sie?«
»Der Schmied hat sie gebaut, als du nicht hier warst.«
Der Häuptling schüttelte ungläubig den Kopf.
»Der Schmied hat sie gebaut! Taugen sie etwas?«
»Ja, wir haben sie probiert. Der Lauf ist vom festesten Eisenholz gebohrt, um welches starke, fünffache Bänder geschmiedet worden sind. Vom Zerspringen ist keine Rede.«
»Dann geht es. Wir schießen mit Glas, Nägeln und altem Eisen; das wirkt furchtbar. Sodann brauchen wir mehrere Feuer.«
»Wozu?«
»Der Ueberfall wird wohl bereits in der nächsten Nacht geschehen. Dabei muß alles dunkel sein, damit die Comantschen uns im tiefsten Schlafe denken. Sobald sie nun kommen, brennen wir die Feuer an und erleuchten die ganze Umgebung der Hacienda, damit wir ein sicheres Zielen haben.«
»So machen wir die Feuer auf dem platten Dache des Hauses.«
»Das ist klug. Es wird an jeder Ecke ein großer Haufen errichtet und mit Oel begossen. Das genügt für den ganzen Platz.«
»Und wohin stellen wir die Kanonen?«
»Wir errichten an jeder Ecke des Hauses, sobald es dunkel geworden ist, eine Verschanzung, hinter welche die Kanonen kommen. Sie müssen so stehen, daß sie zwei Seiten bestreichen können. Während des Tages aber lassen wir uns nichts merken, und ein jeder geht ruhig seiner gewohnten Beschäftigung nach. Ah!«
Dieser letzte Ausruf galt einem Reiter, der auf dampfendem Rosse durch das Thor kam. Es war - der Apatsche.
»Bärenherz!« rief der Haciendero. »Wo kommt Ihr her?«
»Von den Comantschen,« antwortete dieser, vom Pferde springend.
»Wo sind sie?«
»Auf dem El Reparo.«
»Auf dem El Reparo?« fragte Büffelstirn. »Halten sie dort ihr Lager?«
»Ja. Ich bin ihnen bis auf den Berg gefolgt. Sie erreichten ihn erst nach Mitternacht.«
»Auf welcher Seite lagerten sie?«
»Auf der Seite nach Mitternacht.«
»Uff! Wenn sie - -« er unterbrach sich und fügte leise hinzu, so daß ihn nur der Apatsche hören konnte: »Wenn sie den Grafen finden!«
»Den werden die Krokodile gefunden haben,« sagte der Apatsche ebenso leise.
Diese Annahme war nun allerdings nicht richtig.
Die Comantschen zählten wirklich zweihundert Mann. Sie wurden angeführt von einem ihrer berühmtesten Häuptlinge, welcher Tokvi-tey, der schwarze Hirsch, hieß. Ihm zur Seite ritten zwei Kundschafter, von denen der eine die Gegend um die Hacienda genau kannte, während der andre zu denen gehört hatte, welche von den Mexikanern unter Anführung des Deutschen und des Apatschen besiegt worden waren. So konnten sie sich in der Richtung nach der Estanzia gar nicht irren.
Sie ritten, ohne zu ahnen, daß sie von dem berühmten Apatschenhäuptling verfolgt wurden, nach indianischer Weise über die Berge, nämlich immer einer hinter dem andern, und gelangten schließlich an den nördlichen Fuß des El Reparo, dessen Abhang sie erstiegen, um dann unter den dichten Bäumen des Waldes Halt zu machen.
»Weiß mein Sohn hier einen Ort, an dem wir uns während des Tages verbergen könnten?« fragte der schwarze Hirsch den einen der Führer, welcher die hiesige Gegend kannte.
Der Gefragte sann nach und antwortete dann:
»Ich weiß einen.«
»Wo?«
»Auf der Höhe des Berges.«
»Was ist es für ein Ort?«
»Es ist die Ruine eines alten Tempels, dessen Vorhöfe Platz für tausend Krieger haben.«
»Kann man da verborgen sein?«
»Ja, wenn kein Auge uns kommen sieht.«
»Weiß mein Sohn den Ort genau?« »Ich werde nicht irren.«
»Und glaubt mein Sohn, daß wir ihn erst auskundschaften müssen?«
»Es ist besser und sicherer so.« »So werden wir beide gehen, während die andern warten.«
Sie stiegen von ihren Pferden, nahmen die Waffen zur Hand und drangen in den Wald ein.
Der Indianer besitzt für Oertlichkeitsverhältnisse einen angeborenen Instinkt und einen so gut geübten Scharfsinn, daß er sich fast nie verirren kann. Der Führer strich mit einer bewundernswerten Sicherheit gerade auf die Ruine zu durch den nächtlich stockfinsteren Wald. Der Häuptling folgte ihm. Trotz der Schwierigkeiten, welche die Dunkelheit bot, erreichten sie die verfallenen Mauern des Tempelwerkes und begannen, dasselbe zu durchsuchen.
Sie fanden nicht die mindeste Spur von der Anwesenheit eines Menschen und hegten schon die Ueberzeugung, daß sie sicher seien, als sie plötzlich anhielten und lauschten. Es war ein Schrei erklungen, ein Schrei, welcher aus keiner menschlichen Kehle zu stammen schien.
»Was war das?« fragte der schwarze Hirsch.
»Ein Schrei, aber von wem?« »Es klang fast wie der Todesschrei eines Pferdes.«
»Ich habe einen solchen Laut noch nie gehört,« erklärte der Führer.
Da erklang der Schrei abermals, lang gezogen und gräßlich. »Ein Mensch!« sagte der Häuptling.
»Ja, ein Mensch,« stimmte der Führer jetzt bei.
»In Todesangst!«
»In tiefster Verzweiflung!«
»Wo war es?«
»Ich weiß es nicht. Das Echo täuscht.«
»Man muß diese Mauern verlassen.«
Sie kletterten über das Trümmerwerk hinaus in das Freie, und als der markerschütternde Ruf nun abermals erscholl, hörten sie, welches die Richtung war.
»Grad vor uns,« sagte der Führer.
»Ja, grad vor uns. Wir wollen sehen, was es ist!«
Sie schlichen sich vorsichtig weiter und gelangten an den Rand des Teiches, dem sie entlang gingen, bis der Schrei grad vor ihnen ausgestoßen wurde. Die Wilden konnten sich eiserner Nerven rühmen, aber sie erschraken doch, als diese fürchterliche Stimme so in ihrer unmittelbaren Nähe erscholl.
»Hier ist es,« sagte der Führer, »im Wasser.«
»Nein, über dem Wasser ist es,« verbesserte der Häuptling.
»Horch!«
»Das plätschert und klappt, als seien es Krokodile.«
Ein phosphorescierender Schein ging von dem Wasser aus, welches durch die Tiere bewegt wurde.
»Sieht mein Sohn diesen Schimmer?« fragte der Häuptling.
»Ja.«
»Es sind Krokodile.«
»Und der Mensch unter ihnen? Unmöglich!«
»Nein, der Mensch über ihnen, auf diesem Baume.«
Er deutete dabei auf die Ceder, an welcher sie standen.
»So muß er angebunden sein!«
»Sicher!«
Nun erschallte der Schrei abermals, und sie hörten, daß er aus der Luft kam, zwischen dem Wasser und der Krone des Baumes »Wer ruft?« fragte da der Häuptling mit lauter Stimme.
»Oh!« antwortete es im Tone des Entzückens.
»Wer ist es?«
»Hilfe!«
»Wo bist du?«
»Ich hänge am Baume.«
»Uff! Ueber dem Wasser?«
»Ja. Kommt schnell.«
»Wer bist du?«
»Ein Spanier.«
»Ein Spanier, ein Bleichgesicht,« flüsterte der schwarze Hirsch seinem Begleiter zu. »Er soll hängen bleiben!«
Dennoch aber fragte er weiter:
»Wer hat dich aufgehängt?«
»Meine Feinde.«
»Wer sind sie?«
»Zwei Rothäute.«
»Uff!« flüsterte der Häuptling. »Er hängt zur Rache hier.«
Dann fragte er, welche Rothäute es gewesen seien.
»Ein Mizteca und ein Apatsche. O kommt, helft! Ich kann nicht mehr; die Krokodile werden mich zerreißen!«
»Ein Apatsche und ein Mizteca,« sagte der Häuptling leise »Das sind unsre Feinde. Er soll vielleicht gerettet werden Zuerst aber muß ihn das Feuer beleuchten.«
Er ging zu einem Gestrüpp, von welchem er vorhin beim Hindurchschlüpfen bemerkt hatte, daß es dürr und trocken sei, riß es aus und trug den Haufen an das Ufer. Dann zog er sein Punks (* Prairiefeuerzeug.) hervor und zündete den Haufen an. Das Feuer loderte hell empor und beleuchtete die ganze Scene: Von dem Baum herab hing ein Bleichgesicht bis nahe über das Wasser und schwang die Füße hoch empor, sobald eines der Krokodile nach ihnen schnappte.
»Das ist eine große Rache!« sagte der schwarze Hirsch. »Er soll uns jetzt antworten, ohne die Alligatoren zu fürchten.«
Er kletterte auf den Baum empor, faßte den Lasso und zog den daran Hängenden weiter empor, so daß sich dieser nun vor den Ungeheuern in Sicherheit befand. Das Feuer beleuchtete auch die Indianer, und an ihrer Bemalung sah Alfonzo, daß es Comantschen seien, die sich auf dem Kriegspfade befanden. Er erriet alles und betrachtete sich bereits als halb gerettet.
»Warum hingen dich die roten Männer hier auf?« fragte der Häuptling weiter.
»Weil ich mit ihnen kämpfte, um sie zu töten. Wir waren Feinde.«
»Warum hast du die Hunde nicht getötet? Die Apatschen und Miztecas sind Feiglinge.«
»Es war Bärenherz, der Häuptling der Apatschen.«
»Bärenherz!« rief der Comantsche. »Er war hier?«
»Ja, er und Büffelstirn, der Häuptling der Miztecas.«
»Und Büffelstirn!« rief der Comantsche abermals. »Wo sind sie?«
»Befreie mich, so sollst du sie haben!«
»Schwöre es!«
»Ich schwöre es!«
»So sollst du frei sein!«
Er zog mit aller Anstrengung an dem Lasso und brachte den Grafen auch glücklich so weit empor, daß dieser sich mit dem Oberkörper auf den Ast legen und stützen konnte. Dadurch bekam der Comantsche die Hand frei. Er zog sein Messer und durchschnitt den Lasso und die Banden des Spaniers, der sich nun selbst festzuhalten vermochte.
»Ah!« rief dieser. »Frei! Frei! Frei! Aber nun Rache! Rache! Rache!«
Er brüllte in unendlichem Entzücken diese Worte überlaut in die Nacht hinaus.
»Rache sollst du haben,« sagte der Comantsche, der in ihm einen brauchbaren Verbündeten ahnte. »Aber warum schreist du so? Der Wald hat Ohren. Ist niemand in der Nähe?«
»Kein Mensch! Es befand sich niemand auf dem Berge als nur ich und diese verdammten Krokodile. Mein Leben lang werde ich diese Nacht nicht vergessen!«
»Vergiß sie nicht, und räche dich! Jetzt aber steige mit mir herab!«
Sie kletterten von dem Baume hernieder, und nun erst, als Alfonzo den festen Boden unter sich fühlte, wußte er genau, daß er gerettet sei.
»Ich danke euch!« sagte er. »Verlangt, was ihr wollt, ich werde es thun!«
Sein Entzücken trieb ihn, dieses übermäßige Versprechen zu thun. Der Comantsche sagte ruhig-
Setze dich zu uns, und sage uns, was wir dich fragen!«
Sie setzten sich in das Gras, und der Graf streckte seine gepeinigten Glieder mit einer Wonne aus, welche er in seinem Leben noch niemals gefühlt hatte.
»Ihr seid vom Volke der Comantschen?« fragte er.
»Ja.«
»Du bist ein Häuptling derselben?«
»Ich bin Tokvi-tey, der schwarze Hirsch« antwortete der Comantsche stolz.
»Und ihr befindet euch auf einem Kriegszuge?«
Der Häuptling nickte und fragte:
»Kennst du die Hacienda del Erina?«
»Ich kenne sie.«
»Wie heißt der Mann, welcher dort wohnt?«
»Er heißt Petro Arbellez.«
»Hat er eine Tochter?«
»Ja.«
»Und ist bei dieser Tochter eine Indianerin vom Stamme der Miztecas?«
»Ja. Es ist Karja, die Schwester von Tecalto.«
»Die Schwester Büffelstirns?« fragte der Häuptling überrascht.
»Ja.«
»Uff! Das haben die Söhne der Comantschen nicht gewußt, sonst hätten sie die Tochter der Miztecas fester gehalten. Die beiden Squaws waren unsre Gefangenen.«
»Ich weiß es.«
»Du weißt es?« fragte der schwarze Hirsch.
»Ja, denn sie wohnen bei mir.«
»Bei dir? Deine Stimme spricht in Rätseln! Ich denke, sie wohnen auf der Hacienda?«
»Dies ist auch wahr; denn die Hacienda gehört mir.«
»Dir? So bist du Sennor Petro Arbellez?«
»Nein. Ich bin Graf Alfonzo de Rodriganda y Sevilla. Arbellez ist nur mein Pächter.«
»Uff!« sagte da der Comantsche kalt, indem er sich erhob. »So wirst du wieder über dem Wasser hangen, damit dich die Alligatoren fressen!«
Alfonzo war seiner Sache so sicher, daß er lächelnd antwortete:
»Warum?«
»Weil du der Beschützer der beiden Squaws bist.«
»Setze dich wieder nieder, schwarzer Hirsch. ich bin nicht ihr Beschützer; ich bin ihr Feind und dein Freund. Diese Squaws sind schuld, daß ich hier aufgehängt wurde, du aber hast mich errettet. Ich werde dir danken, indem ich die drei größten Feinde der Comantschen in deine Hände liefere.«
»Wer ist dies?«
»Shosh-in-liett.«
»Bärenherz, der Apatsche?«
»Ja. Ferner Mokaschi-motak.«
»Büffelstirn, der Mizteca?«
»Ja.«
»Und der dritte?«
»Der dritte ist ein Bleichgesicht; die roten Männer nennen ihn Itinti-ka.«
»Donnerpfeil, der große Rastreador?« rief der Comantsche. »Sagst du die Wahrheit?«
»Ja.«
»Wo ist Donnerpfeil?«
»Bei den andern.«
»Wo sind diese?«
Der Comantsche fragte mit leidenschaftlicher Hast. Die Hoffnung, diese drei berühmten Männer in seine Gewalt zu bekommen, brachte ihn um die kalte Ruhe und Selbstbeherrschung, in welcher der Indianer sonst seine Ehre sucht.
»Ich werde es dir sagen, wenn du mir vorher etwas versprichst.«
»Was begehrst du?«
»Du bist gekommen, um die Hacienda zu überfallen?«
»Ja,« gestand der Indianer.
»Wird es dir gelingen?« »Der schwarze Hirsch wurde noch nie besiegt.« »Du hast viele Comantschen mit?« »Zehnmal zehn mal zwei.« »Zweihundert? Das ist genug. Du sollst die drei berühmten Häuptlinge haben, ferner alle Skalpe der Bewohner der Hacienda, auch alles, was in der Hacienda zu finden ist, wenn du des Hauses schonest, da es mein Eigentum ist.«
Der Comantsche sann nach; dann sagte er:
»Es sei, wie du begehrst. Wo also sind die drei Häuptlinge?«
»Sie sind,« sagte der Graf, zufrieden lächelnd, »nirgends anders als eben in der Hacienda.«
»Uff! Du hast mich überlistet!« gestand der schwarze Hirsch.
»Aber ich habe dein Wort!«
»Der Häuptling der Comantschen bricht sein Wort niemals. Das Haus ist dein. Die drei Feinde, die Skalpe und alles, was das Haus enthält, gehören aber den Söhnen der Comantschen. Ist die Hacienda von Stein erbaut?«
»Von festen Steinen, und mit Pallisaden umgeben. Aber ich kenne alle Schliche; ich werde euch führen. Ihr werdet euch im Innern des Hauses befinden, während die Bewohner alle noch fest schlafen. Sie werden nur erwachen, um unter euren Messern und Tomahawks zu sterben.«
»Hat der Haciendero viele Waffen?«
»Er hat genug Waffen, aber sie werden ihm nichts nützen.«
»Wie viele Männer besitzt er?«
»Vielleicht vierzig.«
»Viermal zehn? Das macht siebenmal zehn, denn jeder der drei Häuptlinge ist zehn wert.«
»Donnerpfeil darf nicht gerechnet werden.«
»Warum?«
»Er ist verwundet oder bereits schon tot. Ich traf ihn mit der Keule auf den Kopf.«
»Uff! Du hast mit Donnerpfeil gekämpft?«
»Warum nicht?«
»Wer mit ihm kämpft, muß ein tapfrer Krieger sein.«
»Ich bin kein Feigling, obgleich du mich als Gefangenen getroffen hast.«
»Ich werde es sehen, wenn du uns zur Hacienda führst. Meinst du, daß sie ahnen, daß die Krieger der Comantschen kommen, um Rache zu nehmen?«
»Ich glaube es nicht. Ich habe nicht gehört, daß davon gesprochen worden ist.«
»Ich werde einen Kundschafter senden.«
»Er mag sich nicht sehen lassen!«
»Uff! Er wird gerade in die Hacienda gehen.«
»So ist er verloren!«
»Er ist nicht verloren. Er ist kein Comantsche, sondern ein christlicher Indianer von dem mexikanischen Stamme der Opatos. Man wird ihm nicht mißtrauen, und er wird genau sehen, ob man sich auf einen Kampf mit den Kriegern der Comantschen vorbereitet hat. Jetzt aber weiß ich alles. Mein Sohn mag gehen, um die Krieger nach den Ruinen zu führen, wohin ich jetzt mit diesem Manne gehe, der ein Graf der Bleichgesichter ist.«
Der Führer eilte davon, und der Häuptling schritt mit Alfonzo den Tempelruinen zu. Vorher aber warf der letztere noch einen Blick auf den kleinen See, über dessen Wassern er die schrecklichsten Stunden seines Lebens zugebracht hatte. Die Alligatoren lagen am Ufer und glotzten mit weit aus der Flut hervorragenden Köpfen das Opfer an, welches ihnen entgangen war. - -
Am andern Morgen ging der Häuptling mit dem Grafen und dem Führer durch den Wald, um zu rekognoscieren. Sie kamen dabei auch an den Rand des Bergplateaus, von welchem aus man in die Ebene hinabblicken konnte. Da ertönte unter ihnen ein dumpfer Knall.
»Was war das?« fragte der schwarze Hirsch.
»Ein Schuß,« meinte der Führer.
»Aber kein Büchsen-, sondern ein Sprengschuß,« erklärte Alfonzo, welcher sogleich vermutete, was da unten vorgegangen war.
Sie traten so weit wie möglich an den Felsenabhang heran und blickten zu dem Bache hinab. Da sahen sie Büffelstirn mit seinen Indianern davon reiten. Alfonzo gewahrte das Lastpferd; er sah die Decken, welche es trug, und ahnte, daß darinnen ein Teil der Schätze verborgen sei.
»Was für Männer sind dies?« fragte der Häuptling.
»Es sind Miztecas,« antwortete der Graf.
»Miztecas, die sterben und verdorren werden,« sagte der andre verächtlich.
»O, sie haben noch Kraft genug. Siehe einmal ihren Anführer!«
»Er ist ein Riese. Es ist ein Cibolero?«
»Ja, freilich ist er ein Cibolero, ein Büffeljäger, aber der kühnste von allen. Rate einmal, wie sein Name lautet!«
»Sage es!«
»Nun, es ist Büffelstirn, der König der Ciboleros!«
»Uff! Das - das ist Büffelstirn,« sagte der Comantsche, indem er den Mizteca da unten mit finsterem Auge betrachtete. »Es wird nicht lange währen, so stirbt er an dem Marterpfahle im Lager der Comantschen.«
Als sie nach der Ruine zurückkehrten, wurde der Kundschafter abgesandt. Er trug die Kleidung eines civilisierten Indianers, erhielt eine schlechte Flinte und das schlechteste Pferd, welches vorhanden war. Auch erhielt er den Befehl, einen Umweg zu machen, damit es scheine, daß er nicht von Norden, sondern von Süden komme.
Er umritt also die hintere Seite und den südlichen Abhang des El Reparo und ritt dann von Mittag her auf die Hacienda zu.
Büffelstirn stand mit dem Haciendero und Bärenherz am Fenster, als er in den Hof ritt.
»Uff!« sagte der Apatsche mit höhnischem Lächeln.
»Was?« fragte Arbellez.
»Unser Freund will sagen, daß dies der erwartete Kundschafter ist,« erläuterte Büffelstirn den Ausruf des Apatschen.
»O, das ist kein Comantsche!« meinte Arbellez.
»Nein, es ist ein Majo oder Opato, aber jedenfalls ein Ueberläufer.«
»Wie soll ich ihn behandeln?«
»Freundlich. Er darf nicht ahnen, daß wir an Kampf und Feindseligkeit denken.«
Der Haciendero ging hinab, wo der Indianer gerade im Begriff stand, nach der Gesindestube zu gehen. Er grüßte höflich und fragte:
»Das ist die Hacienda del Erina?«
»Ja,«
»Wo Sennor Arbellez gebietet?«
»Ja.«
»Wo ist der Sennor?«
»Ich bin es selbst.«
»O, Verzeihung, Don Arbellez, daß ich dies nicht wußte! Darf ich bei Euch einkehren?«
»Thut dies in Gottes Namen. Es ist mir jeder Gast willkommen. Wo kommt Ihr her?«
»Ich komme von Durango über die Berge herüber.«
»Das ist weit.«
»Ja. Ich war einige Jahre dort, aber das Fieber hat mich vertrieben. Hier scheint es besser zu sein. Braucht Ihr keinen Vaquero, Sennor?«
»Nein.«
»Auch keinen Cibolero?«
»Auch nicht.«
»Ist Euch nicht sonst ein Mann nötig?«
»Ich habe jetzt Leute genug; aber Ihr könntet trotzdem bleiben und Euch ausruhen, so lange es Euch gefällt.«
»Ich danke. Da Ihr niemand braucht und Eure Hacienda die letzte ist gegen die Grenze hin, so werde ich sehen, wie es sich als Gambusino leben läßt. Wenn nur die Wilden nicht wären!«
»Fürchtet Ihr Euch vor einem Indianer?«
»Vor einem nicht, aber vor fünf oder zehn. Man hört, daß die Comantschen Lust haben, über die Grenze zu kommen.«
»Da hat man Euch falsch berichtet. Sie werden sich hüten, herüber zu kommen, denn sie wissen, daß sie eine tüchtige Lehre erhalten würden. Also bleibt; ruht Euch aus, und eßt und trinkt in der Leutestube so viel, wie Ihr wollt.«
Er ging weiter und ließ den Indianer mit der festen Gewißheit zurück, daß auf der Hacienda del Erina kein Mensch daran denke, daß Indianer in der Nähe sein könnten. Der Kundschafter schien der Ruhe nicht sehr zu bedürfen, denn er schweifte auf der Hacienda und in ihrer nächsten Umgebung unermüdlich herum und setzte sich am Nachmittage auf sein Pferd, um weiter zu reiten.
Natürlich wandte er sich nicht nach der Grenze hin, sondern er kehrte auf einem Umwege zu den Comantschen zurück, wo sein Bericht mit Spannung erwartet wurde. Als er dem Häuptling erzählte, was er gesehen hatte, nickte dieser mit einem blutdürstigen Lächeln und sagte:
»Die Hacienda wird schrecklich aus dem Schlafe erwachen, und die Söhne der Comantschen werden mit Beute und vielen Skalpen heimkehren in ihre Wigwarns.«
Er ließ sich von dem Grafen und dem Kundschafter die Lage und Beschaffenheit des Gebäudes genau beschreiben, und dann wurde großer Kriegsrat gehalten.
Das Ergebnis desselben war, daß man mit Einbruch der Dunkelheit aufbrechen wolle. Um Mitternacht langte man in der Nähe der Hacienda an. Diese sollte von allen vier Seiten umschlossen werden; dann sollten die Comantschen auf ein Zeichen ihres Häuptlings über die Pallisaden steigen und innerhalb des Hofes das Haus umzingelt halten. Fünfzig Mann sollten durch eines der Fenster steigen, um sich im stillen durch die Gänge zu verbreiten; dann könne das Morden losgehen.
Während dies in den Ruinen des Tempels besprochen wurde, wurde auf der Hacienda ein ähnlicher Kriegsrat gehalten.
»Ist Feuerwerk da?« fragte Büffelstirn.
»Ja, genug. Die Vaqueros können sich keinen Festtag ohne Feuerwerk denken,« sagte der Haciendero. »Warum?«
»Die Hauptsache ist, den Comantschen die Pferde zu nehmen, damit sie nicht so schnell entkommen können. Man muß sehen, wo sie ihre Tiere lassen, und im geeigneten Augenblick Feuerwerk unter sie werfen.«
»Das soll besorgt werden!«
»Aber es gehören kühne und vorsichtige Leute dazu!«
»Die habe ich. Wann fangen wir an, die Schanzen zu bauen?«
»Eigentlich war bestimmt, die Dunkelheit abzuwarten; da aber der Kundschafter so sehr befriedigt davongeritten ist, so glaube ich nicht, daß wir noch weiter beobachtet werden. Wir können also anfangen.«
Nun begann eine rege Geschäftigkeit zu herrschen. Es befand sich bei Anbruch des Abends kein Vaquero auf der Weide, wie zu anderer Zeit, sondern alle waren innerhalb der Pallisaden bemüht, die Verteidigung des Hauses vorzubereiten.
So verging der Abend in lebhafter Erwartung, und eine Stunde vor Mitternacht brach der Apatsche auf, um auf Kundschaft zu gehen. Er nahm zwei wohlbewaffnete Knechte mit, welche genug Feuerwerkskörper trugen, um eine Pferdeherde von tausend Stück in alle Winde zu zersprengen.
Der Häuptling kam sehr bald zurück, aber allein.
»Kommen Sie?« fragte der Haciendero.
»Ja.«
»Wo sind sie?«
»Abgestiegen. Sie umzingeln die Pallisaden; die Pferde stehen draußen am Bache.«
»Sind viele Wächter bei ihnen?« fragte Büffelstirn.
»Nur drei.«
»Uff! Unsre beiden Männer werden ihre Schuldigkeit thun.«
Jetzt begab sich der Haciendero nach der Krankenstube, wo die beiden Mädchen bei dem Kranken saßen. Sie waren bleich, aber gefaßt.
»Kommen sie?« fragte Emma.
»Ja. Schläft der Patient?«
»Fest.«
»So könnt ihr an euren Posten gehen. Nehmt die Lunten.«
Sie zündeten ihre Lunten an und begaben sich hinauf auf die Plattform des Hauses, wo an jeder Ecke ein großer, mit Oel getränkter Holzhaufen lag. Auch mächtige Steine und einige geladene Gewehre gab es da, um den Frauen Gelegenheit zu geben, bei der Verteidigung mitzuwirken.
Die Nacht war still. Nur das Murmeln des Baches ließ sich vernehmen, oder es drang das Schnaufen eines Pferdes von der Weide herüber. Und dennoch gab es so viele Herzen, welche jetzt schneller schlugen in der Erwartung des Kampfes.
Da erklang der volle, grunzende Ton eines Ochsenfrosches. Er war so täuschend nachgemacht, daß er unter anderen Umständen sicherlich gar nicht beachtet worden wäre, jetzt aber wußten sämtliche Bewohner der Hacienda sofort, daß es das Zeichen des Angriffes sei.
Der alte Vaquero Franzesco hatte sich die Bedienung derjenigen Kanone auserbeten, welche die vordere Front des Hauses zu verteidigen hatte. Sie war mit Glas, Nägeln und gehacktem Eisen geladen, und unter der Serape (* Decke.), welche er übergeworfen hatte, glimmte die Lunte, mit welcher der Schuß gelöst werden sollte. So kauerte er hinter der kleinen Verschanzung und lauschte auf das leiseste Geräusch.
An dem Parterrefenster rechts von dem Portale stand der Apatsche und an demjenigen links der Häuptling der Miztecas. Beide hatten ihre Büchsen in der Hand und durchforschten die Finsternis mit ihren scharfen Augen, die an die Dunkelheit gewöhnt waren. Da erschallte, wie schon erwähnt, die Stimme des Ochsenfrosches, und in demselben Augenblicke wurde es auf den Pallisaden lebendig. Zweihundert Köpfe erschienen über ihnen, und zweihundert dunkle, behende Gestalten sprangen in den Hof herab. Eben traten die fünfzig, welche durch die Fenster eindringen sollten, eng zusammen, da streckte der Apatsche seine Doppelbüchse heraus.
»Shne ko - gebt Feuer!« rief er.
Seine Büchse krachte, und dieses Zeichen hatte eine Wirkung, welche ebenso schnell wie wunderbar war. Kaum erscholl seine Stimme, so steckten die Mädchen oben auf der Plattform ihre Lunten in das Pulver, und im Nu loderten vier hohe Feuer auf, welche den ganzen Umkreis mit Tageshelle beleuchteten. Die Indianer standen erschrocken still.
Beim Scheine der Feuer erblickte der alte Franzesco die fünfzig eng beisammenstehenden Comantschen; sie befanden sich kaum fünfzehn Ellen von ihm entfernt. Sein Schuß krachte und war bei dieser Nähe von einer fürchterlichen Wirkung. Der ganze Haufen schien zusammenzubrechen; es entstand ein wirrer Knäul von am Boden ringenden Gestalten, dessen Auflösung so lange Zeit dauerte, daß Francesco Zeit erhielt, wieder zu laden. Sein zweiter Schuß hatte ganz dieselbe Wirkung. Auch die anderen Kanonen krachten; aus jedem Fenster des Hauses und auch von der Plattform herab blitzten Schüsse, und da - von der Plattform aus konnte man es deutlich sehen - da draußen prasselte plötzlich ein leuchtendes Feuerwerk empor; dazwischen hinein erscholl das hundertstimmige Wiehern und Schnauben der erschreckten Pferde, welche sich losrissen und davonflogen, daß unter dem Stampfen ihrer Hufe die Erde zitterte.
Dazwischen hinein erscholl das Wutgeheul der Wilden. Sie alle waren hell erleuchtet und boten ein sicheres Ziel, die Zimmer aber waren dunkel; so daß die Comantschen keinen sicheren Schuß bekommen konnten, selbst wenn sie bei der allgemeinen Panik, von welcher sie überfallen worden waren, sich zu einem ruhigen Schusse Zeit genommen hätten. Sie hatten einen solchen Empfang nicht erwartet; in den ersten zwei Minuten bereits hatten sie die Hälfte ihrer Leute verloren, und jetzt begannen sie zu fliehen.
Nur einer stand fest, nämlich der schwarze Hirsch. Er feuerte die Seinigen an, auszuhalten; aber es half ihm nichts. Er hatte sich bisher an der Seite des Hauses befunden, jetzt aber eilte er nach der Vorderfront, um zu sehen, wie der Kampf dort stehe. Hier stand es noch schlimmer; Franzesco hatte mit seinen gut gezielten Schüssen den Platz rasiert; Indianerleiche lag an Indianerleiche; der Häuptling erkannte, daß alles vorüber sei und sprang über die Pallisade hinaus.
In dem Augenblicke, als er auf der Pallisade hing, erblickte ihn der Apatsche.
»Tokvi-tey, der schwarze Hirsch!« rief er.
Er erkannte den Comantschen, konnte ihn aber nicht töten, da er eben seine Büchse abgeschossen hatte.
»Der schwarze Hirsch!« rief er abermals, indem er die Büchse fortwarf und den Tomahawk aus dem Gürtel zog. »Wendet der schwarze Hirsch dem Feinde den Rücken?«
Er sprang aus dem Fenster, stürzte über den Hof hinüber und schwang sich über die Pallisaden hinweg. Da, vor ihm floh der Comantsche.
»Der schwarze Hirsch halte an! Hier kommt Bärenherz, der Häuptling der Apatschen. Will der Häuptling der Comantschen vor ihm fliehen?«
Als der Comantsche diesen Namen hörte, stand er still.
»Du bist Bärenherz? So komm heran!« rief er. »Ich werde deine Eingeweide den Geiern zu fressen geben!«
Die beiden Häuptlinge gerieten aneinander; sie nahmen nur den Tomahawk zur Waffe, und dies ist die fürchterlichste, welche es giebt. Bärenherz war dem Comantschen überlegen; das zeigte sich sofort; aber da schnellte sich eine Gestalt heran, mit der Büchse in der Hand; es war Alfonzo.