Old Surehand II

Karl May · Kapitel 2 von 4 · Teil 6/6

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Old Surehand II

Zweites Kapitel: Der Koenigsschatz

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.

Er war klug gewesen und zunächst nicht über die Pallisaden gestiegen; er hatte ja nicht die geringste Lust, sein Leben und seine Glieder den feindlichen Schüssen preiszugeben. So hockte er hinter den Pallisaden und wartete den Erfolg des Angriffes ab. Es war nicht der erwartete, sondern ein ganz anderer. Die Comantschen flohen. In diese Flucht hinein hörte er die Stimme des Apatschen.

»Ah,« murmelte er. »Vielleicht kann ich mich rächen.«

Er sah, daß Bärenherz dem Comantschen nachsprang, und folgte ihnen. Als sie nun im Kampfe waren, sprang er hinzu und schlug mit dem Kolben seines Gewehres den Apatschen von hinten So auf den Kopf, daß er niederstürzte. Der Comantsche zog sofort sein Messer, um den Betäubten vollends zu töten und ihm den Skalp zu nehmen; aber Alfonzo wehrte ab.

»Halt!« sagte er. »Er verdient einen andern Tod.«

»Du hast Recht!« sagte der schwarze Hirsch. »Schnell zu den Pferden!«

»Zu den Pferden? - Die sind ja fort!«

»Fort?« fragte der Häuptling erschrocken.

»Ja. Man hat sie mit Feuerwerk erschreckt.«

»Uff! Komm', komm', sonst wird es zu spät!«

Sie faßten den Apatschen an beiden Armen, und sprangen, ihn an der Erde schleifend, davon.

Es war die höchste Zeit für sie. Als Büffelstirn aus seinem Fenster bemerkte, daß der Apatsche dem feindlichen Führer nacheilte, erkannte er, daß dieser sich in die höchste Gefahr begab; darum holte er so rasch wie möglich die Besatzung des Hauses zusammen, um einen Ausfall zu machen. Sie fanden den Hof bereits verlassen; nur tote Comantschen lagen noch da.

»Ihnen nach!« rief er.

Das Thor wurde geöffnet, und die tapferen Verteidiger stürzten hinaus in das Freie, wo sich noch an vielen Stellen ein hitziger Einzelkampf entspann, bei welchem die Wilden gewöhnlich den kürzeren zogen. Büffelstirn schlug noch manchen nieder. Er eilte rundum die Hacienda herum, soweit die Feuer leuchteten; aber er sah von dem Apatschen keine Spur. - -

Stunden waren vergangen, als der Häuptling Bärenherz aus seiner tiefen Ohnmacht erwachte. Er öffnete die Augen und erblickte zunächst ein Feuer und sodann eine Anzahl wilder, roter Gestalten, welche um dasselbe saßen. Er selbst war gefesselt; zu seiner Rechten saß der schwarze Hirsch und zu seiner Linken Graf Alfonzo. Als er seine Augen zum Himmel erhob, sah er an den Sternen, daß es nicht mehr weit bis zum Anbruch des Morgens sein könne.

Alfonzo hatte bemerkt, daß er die Augen aufschlug.

»Er erwacht!« sagte er.

Sofort richteten sich die Blicke sämtlicher Comantschen auf ihn. Sie alle hatten von ihm gehört; sie kannten seinen Ruhm, aber die wenigsten hatten ihn schon einmal gesehen.

Er nahm seine Gefangenschaft mit der äußeren Ruhe auf, welche dem Indianer eigen ist. Sein Kopf schmerzte von dem Hiebe; aber er besann sich sofort auf alles, was geschehen war.

»Der furchtsame Frosch der Apatschen ist gefangen,« sagte der schwarze Hirsch.

Bärenherz lachte verächtlich; er sah ein, daß ein stolzes Schweigen hier nicht das Richtige sei.

»Der Löwe der Comantschen lief vor diesem Frosch davon!« sagte er.

»Hund!«

»Schakal!«

»Bärenherz, der Häuptling, ließ sich besiegen von dem schwarzen Hirsch!«

»Du lügst!«

»Schweig!«

»Nicht du besiegtest mich und auch nicht ein andrer. Dieser Feigling, der ein Graf der Bleichgesichter ist, schlug mich heimtückisch nieder. Das ist es, was ich sage, und weiter hört ihr kein Wort. Bärenherz verachtet die Krieger, welche wie Flöhe davonspringen, wenn der Tapfere sich zeigt!«

»Du wirst schon sprechen, wenn die Marter beginnt.«

Der Apatsche antwortete nicht. Er hatte seine Meinung ausgesprochen, und nun war er der eisenfeste Mann, der sich nicht beschämen ließ. Das sahen die andern ein und darum sagte der Häuptling der Comantschen:

»Der Tag beginnt; unsres Bleibens ist hier nicht. Laßt uns zu Gericht sitzen über diesen Mann, der sich einen Häuptling nennt.«

Es wurde schweigend ein Kreis gebildet, und dann erhob sich der schwarze Hirsch, um in einer langen Rede die Verbrechen des Apatschen aufzuzählen.

»Er hat den Tod verdient,« sagte er am Schlusse.

Die andern stimmten ein.

»Wollen wir ihn mit in die Wigwams der Comantschen nehmen?« fragte er.

Auch hierüber wurde beraten, und das Resultat war, daß er hier getötet werden solle, da man unterwegs noch mannigfaltigen Zufälligkeiten ausgesetzt sein konnte.

»Aber welchen Tod soll er sterben?« fragte der Häuptling.

Auch darüber wurde beraten, aber man kam hier nicht so schnell zu einem Entschlusse, da solch ein seltener Gefangener auch ungewöhnliche Martern erleiden sollte. Da erhob sich Graf Alfonzo, der bisher noch gar nichts dazu gesagt hatte.

»Darf ich mit meinen roten Brüdern sprechen?« fragte er.

»Ja,« sagte der Hirsch.

»Habe ich Anteil an diesem Apatschen oder nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Du hast ihn uns versprochen.«

»Wer hat ihn niedergeschlagen?«

»Du.«

»Habt ihr erfüllt, was ihr mir verspracht?«

»Nein. Wir konnten nicht.«

»Nun, so sind also die gegenseitigen Versprechen aufgehoben, und dieser Gefangene gehört nur dem, der ihn niedergeschlagen hat. Beratet darüber!«

Es entspann sich eine kurze, aber lebhafte Debatte, deren Ergebnis war, daß der Apatsche dem Spanier zuerteilt wurde.

»Er ist mein?« fragte der letztere.

»Ja.«

»Und ich habe also über sein Schicksal zu bestimmen?«

»Ja.«

»Nun gut, so soll es dasselbe sein, welches ich erleiden sollte. Wir binden ihn an diesen Baum und lassen ihn von den Krokodilen fressen. Er soll dieselben Höllenqualen erleiden, welche ich durchkostet habe!«

Auf diese Worte erhob sich ringsum ein beistimmendes Jubelgeschrei, und aller Augen richteten sich nach dem Apatschen, um den Eindruck dieses Entschlusses in seinem Gesichte zu lesen; aber dieses Gesicht war wie aus Erz gegossen; keine Wimper zuckte, und keine Silbe der Bitte kam über seine Lippen.

»Haben wir Lassos genug?« fragte der Graf.

»Ja. Hier liegen noch dieselben, an denen du hingst, und wer von den Comantschen ein Pferd eingefangen hat, besitzt auch den Lasso.«

Es war nämlich einigen der Indianer gelungen, eines ihrer umherirrenden Pferde zu fangen.

»Gut, so binden wir ihn gerade so, wie er mich gebunden hat!« sagte Alfonzo.

Dies geschah; dann fragte der schwarze Hirsch den Gefangenen:

»Hat der Häuptling der Apatschen noch eine Bitte?«

Bärenherz blickte die Männer der Reihe nach an; es waren nur ihrer sechzehn, welche sich hier zusammengefunden hatten. Gleich als er, aus seiner Betäubung erwachend, bemerkt hatte, daß er an dem Teiche auf dem Berge El Reparo liege, hatte er gewußt, welches Schicksal seiner harre; darum war er auch nicht erschrocken, als er sein Urteil vernahm. Jetzt blickte er im Kreise umher, als ob er sich die Züge eines jeden eingraben wolle, und dann sagte er:

»Der Häuptling der Apatschen bittet nicht. Das Messer wird alle fressen, welche hier versammelt sind. Bärenherz hat gesprochen; er wird nicht heulen und schreien, wie es der Graf der Bleichgesichter gethan hat. Howgh!«

Das letzte Wort ist bei den Indianern ein Ausruf der Bekräftigung, ungefähr wie unser Amen, Sela oder Basta!

Jetzt kletterte ein kräftiger Comantsche am Baume empor; der Apatsche wurde nachgeschoben und schwebte nach zwei Minuten über dem Wasser, wo die Krokodile ganz dasselbe gräßliche Schauspiel boten, wie es bereits beschrieben worden ist.

Die Comantschen sahen eine Zeitlang zu, wie der Apatsche mit dem kältesten Gleichmute sich bestrebte, seine Füße vor dem Rachen der Ungeheuer zu bewahren, dann wandten sie sich ihren Angelegenheiten wieder zu.

»Kehren meine Brüder in ihre Jagdgründe zurück?« fragte Alfonzo.

»Erst müssen sie sich rächen,« antwortete der Häuptling finster.

»Wollen sie mir folgen, wenn ich sie zur Rache führe?«

»Wohin?«

»Das werde ich später sagen, wenn wir gesehen haben, ob wir die einzigen sind, welche übrig geblieben sind.«

»Das müssen wir jetzt bereits wissen,« behauptete der Anführer. »Wir haben mit unserm weißen Bruder kein Glück.«

»Und ich mit meinen roten Brüdern auch nicht. Sie mögen sich zerstreuen und die ihrigen suchen, welche noch umher irren. Dann, wenn sie versammelt sind, werde ich ihnen sagen, wie sie Rache nehmen können.«

»Wo versammeln wir uns?«

»Hier, an dieser Stelle.«

»Gut, wir wollen thun, was mein weißer Bruder sagt. Vielleicht bringt uns sein zweites Wort mehr Glück, als sein erstes.«

Die Comantschen gingen fort, um nach den Ueberresten ihrer Truppe zu suchen. Der Graf blieb zurück, weidete sich einige Zeit lang an dem Anblicke, welchen die nach dem Apatschen schnappenden Krokodile boten, und ging dann auch. Er wollte vor allen Dingen einmal hinunter nach dem Bache schleichen, um zu sehen, was Büffelstirn gestern mit seinen Indianern dort vorgenommen hatte. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb er die Comantschen veranlaßt hatte, sich zu entfernen.

Kaum war der Schall seiner Schritte verklungen, so zuckte es freudig über das Gesicht des Apatschen und ein leises »Uff!« ertönte von seinen Lippen. Der Lasso war ihm unter den Armen hindurchgezogen. Er machte einen Aufschwung, gerade wie beim Turnen am Reck, am Trapez oder an den Schwingen; dadurch kamen seine Beine empor, und er hing mit dem Kopfe nach unten, so daß ihn die Krokodile nun nicht mehr erreichen konnten.

Die Arme waren ihm zwar zusammen-, aber glücklicherweise nicht angebunden. Ein Riemen, der um das Fußgelenk ging, hielt ihm die Füße zusammen, aber er konnte doch die Kniee bewegen und auseinander machen. Darauf hatte er seine Hoffnung, sich zu retten, gebaut. Er war stark und gewandt, weit mehr als der Graf, der an eine Rettung gar nicht gedacht hatte, als er am Baume hing.

Es gelang Bärenherz, den Lasso zu ergreifen und auch, zwei Fuß weiter oben, mit den Knieen zu erfassen. Indem er nun den Körper zusammenbog und abwechselnd mit den Händen und Knieen weitergriff, wozu allerdings eine ungewöhnliche Stärke gehörte, turnte er sich an dem Lasso empor, bis er, vor Anstrengung schwitzend, oben bei dem Aste anlangte und nun, indem er sich quer über denselben legte, eine Minute lang ausruhte. Er hatte während der ganzen Prozedur mit dem Kopfe nach unten gehangen und war ganz schwindlig geworden.

Für den Augenblick war er jetzt den Krokodilen entgangen, aber seine Lage war noch eine höchst gefährliche. Kam jetzt einer der Comantschen, oder gelang es nicht, die Fesseln zu lösen, so war er trotzdem verloren.

Er lag mit dem Rücken quer auf dem Aste, gerade so, wie man sich auf das Reck legt, um die Rückenwelle zu machen. Er bog die Kniee so weit wie möglich, und dadurch brachte er es fertig, mit den herabhängenden Händen hinten den Riemen zu erreichen, der seine Füße zusammenhielt. Er fand den Knoten und versuchte, ihn zu lösen. Es dauerte lange, sehr lange, aber endlich gelang es ihm, und nun waren die Beine frei. Er bog das eine seitwärts über den Ast herauf und erhob nun den Oberkörper. Dadurch kam er auf den Ast zu sitzen, und zwar so, daß er mit den über dem Rücken gefesselten Händen die Stelle erreichen konnte, an welcher das obere Lasso-Ende am Aste befestigt war. Nach langer Anstrengung, wobei ihm die Fingerspitzen zu bluten begannen, kam er endlich damit zustande, den Riemen zu lösen, und nun galt es nur noch, mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen am Baume hinabzuklettern. Dies wäre sicher ganz unmöglich gewesen, wenn der Baum gerade emporgestanden hätte, zum Glücke aber war er sehr schief über das Wasser gewachsen.

Der Apatsche ritt am Aste hin, bis er den Stamm erreichte. Er schlang die Beine um denselben und ließ den Oberkörper fallen. Dadurch hing er am Baume, mit dem Kopfe niederwärts. Indem er nun die Beine lockerte und schnell wieder um den Stamm preßte, rutschte er in einzelnen kurzen Rucken abwärts und erreichte den Boden glücklich, aber bis auf das äußerste abgemattet. Er war - gerettet.

»Uff!«

Nur diese eine Silbe stieß er hervor, es war der einzige Jubelton, den er sich erlauben durfte. Er warf einen Blick auf die Krokodile, welche jetzt am Uferrande im Wasser lagen und ihn unter dem Auf- und Zusammenklappen ihrer Kinnbacken begierig betrachteten, und eilte dann zwischen die Bäume, um im Walde Sicherheit zu finden.

Nun galt es nur noch, die Hände frei zu bekommen. Indem er zwischen Busch und Fels dahinglitt, blickte sein Auge forschend umher, und endlich fand er, was er suchte, ein Felsstück, dessen Kante scharf genug war, um den Riemen zu zerschneiden. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kante, und scheuerte nun an derselben die Fessel so lange auf und nieder, bis das Leder zersägt war. Jetzt nun war er vollständig frei und wieder ganz sicher. -

Der Kampf, welcher zuerst innerhalb der Verpallisadierung der Hacienda gewütet hatte, war dann außerhalb derselben im freien Felde fortgesetzt worden; dort hatte er sich zum Einzelkampfe gestaltet, der sich weit von der Wohnung fortgezogen und über eine Stunde in Anspruch genommen hatte.

Dann hatte Büffelstirn die Besatzung der Hacienda zusammengerufen. Die erlegten Indianer lagen in einem weiten Bogen um die Hacienda zerstreut umher, und es war bereits jetzt während der Dunkelheit anzunehmen, daß ihrer weit über hundert gefallen seien.

»Sie haben eine fürchterliche Lehre erhalten und werden nicht so leicht wiederkommen,« meinte Arbellez, der sich seines Sieges freute.

»Seht diese Haufen, Sennor,« sagte der alte Franzesco, indem er auf die vor dem Portale hoch über einander liegenden Indianer deutete, »das ist das Werk meiner Kanone. Dieses zerhackte Eisen und Blei und diese Glassplitter wirken schrecklich. Die Körper sind förmlich zerrissen.«

»Wir sind noch nicht fertig,« meinte Büffelstirn.

»Was ist noch zu thun?« fragte der Haciendero.

»Wir müssen den Rest der Comantschen auch vertilgen.« »Wo sind sie denn zu finden?«

»Habt Ihr nicht bemerkt, daß keine der Leichen jenseits des Baches liegt?«

»Ja, sie liegen alle diesseits.«

»Nun, das läßt schließen, daß sie bei der Flucht eine ganz bestimmte Richtung eingehalten haben. Wir wissen, wo sie sich vor dem Ueberfall befanden.«

»Auf dem El Reparo.«

»Ja. Die Leichen liegen nur nach dieser Richtung hin, und darum ist anzunehmen, daß die Comantschen den Befehl hatten, dort wieder zusammenzutreffen. Wir müssen sie also dort aufsuchen. Vertraut Ihr mir zwanzig von Euren Vaqueros an, Sennor?«

»Gern!«

»Wo mag der Apatsche sein?« fragte Franzesco.

»Gefangen,« antwortete der Häuptling der Miztecas.

»Nicht doch!« rief der Haciendero erschrocken.

»Gewiß!« sagte der erstere.

»Warum glaubst du das?«

»Weil er nicht da ist.«

»Er wird noch auf der Verfolgung sein!«

»Nein. Er weiß, daß er die Comantschen am Tage sicherer hat als jetzt.«

»So ist er tot oder verwundet!«

»Nein. Wir hätten ihn dann sicher gefunden. Er eilte dem schwarzen Hirsche nach. Die Comantschen, welche ihren Häuptling in Gefahr sahen, werden sich auf den Apatschen geworfen haben. Es waren ihrer zu viele; er wurde überwältigt.«

»So müssen wir ihn befreien!« sagte Franzesco.

»Wir werden ihn befreien,« sagte Büffelstirn zuversichtlich. »Ich nehme ihm seine Büchse mit, damit er sogleich Waffen erhält. Steigt zu Pferde!«

Zwanzig Männer saßen auf und ritten im Galopp davon. Sie machten, um von keinem sich auf der Flucht befindlichen Comantschen bemerkt zu werden, einen Umweg, indem sie in einem Bogen den südlichen Abhang des Berges zu erreichen suchten. Sie kamen dort an, als der Morgen dämmerte.

»Absteigen!« kommandierte Büffelstirn.

»Warum?« fragte Franzesco, der mit dabei war.

»Weil uns die Pferde hindern, die Feinde unbemerkt zu beschleichen. Sanchez mag bei ihnen hier zurückbleiben.«

So geschah es. Der genannte Vaquero blieb als Wache bei den Tieren zurück, während die andern den Berg unter dem Schutze der Bäume bestiegen. Als sie das Plateau betraten, war es vollständig hell geworden. Sie rückten mit möglichster Vorsicht gegen die Ruinen vor. Eben glitten sie über eine kleine, freie Lichtung hinweg, als seitwärts von ihnen ein Ruf erscholl:

»Ugh!«

Sie blickten nach dieser Richtung hin und gewahrten einen unbewaffneten Indianer, welcher auf sie zugeeilt kam.

»Bärenherz!« rief einer der Vaqueros.

»Ja, er ist's! Es ist der Apatsche!« sagte Büffelstirn mit freudiger Stimme.

»So war er also nicht gefangen.«

»Er war gefangen,« behauptete Büffelstirn. »Seht ihr nicht, daß er keine Waffen trägt! Er war gefangen und ist wieder entkommen.«

Der Apatsche kam wie ein Pfeil über die Lichtung herüber geglitten und blieb vor ihnen halten.

»Uff!« begrüßte ihn der Mizteca. »Mein Bruder Bärenherz war gefangen?«

»Ja,« nickte der Gefragte.

»Es waren der Feinde zu viele, die ihn bewältigten?«

»Nein. Ich kämpfte mit dem schwarzen Hirsche. Da kam das verräterische Bleichgesicht von hinten, ohne daß ich es merkte, und schlug mich mit dem Kolben seiner Flinte nieder.«

»Welches Bleichgesicht?«

»Der Graf.«

»Ah! Er lebt! Die Krokodile haben ihn nicht verzehrt?« fragte der Mizteca erstaunt.

»Er lebt. Die Hunde der Comantschen haben ihn gefunden und errettet.«

»Und er hat sie nach der Hacienda geführt?«

»Ja. Er hat an ihrer Seite gegen uns gekämpft.«

»Gegen seine eigne Besitzung! Gegen seine eignen Leute! Wir werden seine Kopfhaut nehmen! Wo ist er?«

»Er ist in den Bergen. Er wird wieder zum Teich der Krokodile kommen, um die Comantschen dort zu treffen.«

»Ah, so habe ich recht gedacht! Sie versammeln sich beim Teiche?«

»Sie waren bereits dort. Sie sind in die Ebene gegangen, um ihre zerstreuten Krieger zu suchen; aber sie werden wiederkehren.«

»Weiß mein Bruder dies genau?«

»Ich weiß es, denn ich habe es gehört, als ich am Baume hing.«

»An welchem Baume?«

»Am Baume der Krokodile.«

Büffelstirn machte eine Bewegung des Schreckes.

»Bärenherz hat über den Krokodilen gehangen?« fragte er.

»Ja.«

»Gerade so, wie der Graf?«

»Gerade so. Der Graf sprach das Urteil, und ich wurde an die Lassos geknüpft.«

»Aber wie ist mein Bruder wieder frei gekommen?«

Bärenherz antwortete im geringschätzigsten Tone:

»Der Häuptling der Apatschen fürchtet sich nicht vor den Comantschen und nicht vor den Krokodilen. Er wartete, bis die Feinde fort waren, und machte sich dann frei.«

»Bärenherz ist ein Liebling des großen Manitou (* Gott.)« sagte Büffelstirn. »Er ist ein starker und kluger Krieger; ein andrer hätte sich nicht befreien können. Wann kommen die Comantschen an den Teich zurück?«

»Sie haben es nicht gesagt. Wir werden uns dort verstecken und sie erwarten.«

»So dürfen wir unsre Spuren nicht bemerken lassen. Hier ist das Gewehr meines Bruders; ich habe es ihm mitgebracht.«

»Die andern Waffen hat der schwarze Hirsch genommen,« grollte der Apatsche. »Er wird sie mir wiedergeben und die seinigen dazu. Meine Brüder mögen mir Pulver und Kugeln geben, und dann werde ich sie führen.«

Er erhielt das Verlangte, und dann glitten die Männer lautlos durch den Wald, immer ihre Spuren sehr sorgfältig hinter sich verbergend, bis sie den Saum des Forstes erreichten, welcher den Teich umkränzte. Sie sahen, daß keiner der Comantschen zurückgekehrt war, und versteckten sich so gut, daß sie den Platz beherrschten, ohne bemerkt zu werden.

Als ein jeder seine Instruktion erhalten hatte, wie er zu schießen habe, ohne daß zwei Kugeln auf einen Feind kämen, trafen die beiden Häuptlinge wieder zusammen.

»Aber, was thun wir noch?« sagte Büffelstirn. »Die Comantschen werden sehen, daß der Häuptling der Apatschen entronnen ist. Sie werden ahnen, daß er Hilfe herbeiholen wird.«

»Sie werden es nicht sehen,« antwortete der Apatsche.

Mit diesen Worten verließ er das Gebüsch und trat hinaus zu der Ceder, an welcher er gehangen hatte. In der Nähe des Stammes lagen noch die Lassos, an welche er gebunden gewesen war. Er nahm einen scharfen Stein und schlitzte mit demselben die unteren Enden der Riemen so auf, daß es ganz den Anschein hatte, als ob sie zerrissen worden seien. Dann kletterte er empor und schlang die oberen Enden genau so wieder um den Ast, wie sie an demselben befestigt worden waren. Nun hatte es ganz den Anschein, als ob der daran Hängende von den Krokodilen herabgerissen worden sei.

Als er von dieser kurzen Arbeit zurückkehrte, sagte Büffelstirn:

»Mein Bruder hat sehr gut gehandelt. Nun werden die Comantschen nicht glauben, daß er den Tieren entkommen ist.«

Sie lagen nun still in dem Verstecke und warteten. Es verging eine geraume Weile, da vernahmen sie den Hufschlag zweier Pferde. Es kamen zwei Comantschen.

»Uff!« rief der eine, als er sah, daß der Apatsche nicht mehr am Baume hing.

»Er ist fort!« rief der andre. »Er ist entflohen!«

»Nein,« sagte der erstere. »Der Lasso ist zerrissen. Die Krokodile haben ihn.«

»Er wird nicht in die ewigen Jagdgründe kommen, denn er wurde von den Tieren gefressen,« stimmte der andre nun bei. »Seine Seele wird bei den unglücklichen Schatten wandeln, die sich vor Kummer und Unmut verzehren. Der Apatsche ist verflucht in diesem und im andern Leben!«

»Wir sind die ersten. Steigen wir ab, um auf die Brüder zu warten!«

Sie sprangen von ihren Pferden und machten Anstalt, ihre Tiere anzupflocken.

»Wollen wir sie nehmen?« fragte der Apatsche leise.

»Ja. Aber mein Bruder hat kein Messer,« antwortete der Mizteca.

»Pshaw! Ich werde mir das Messer dieses Comantschen holen!«

Er lehnte sein Gewehr an den Baum und glitt vorwärts. Büffelstirn folgte ihm. Als sie den Rand des Gebüsches erreicht hatten, schnellten sie wie zwei Tiger mit weiten Sätzen auf die beiden Wilden zu, die einen Angriff gar nicht vermuteten. Bärenherz ergriff den einen von hinten bei der Kehle, riß ihm das Messer aus dem Gürtel und stieß es ihm in das Herz. Zwei Minuten später hatte er ihm den Skalp genommen. Büffelstirn hatte ganz dasselbe mit dem andern gethan. Die beiden Comantschen waren gar nicht einmal dazu gekommen, den geringsten Laut auszustoßen.

»Was thun wir mit den Leichen?« fragte der Mizteca.

»Wir geben sie den Krokodilen.«

Diese Tiere hatten das Nahen von Menschen bemerkt. Sie waren aus dem Grunde empor getaucht und lagen nun in der Nähe des Ufers, halb im Wasser und halb an der Erde, wartend, ob ihnen etwas zufallen würde. Die beiden Häuptlinge nahmen die Waffen der Besiegten und ihre Skalpe zu sich und warfen die Leichen dann den Alligatoren zu. Hei, wie diese mit offenem Rachen sich auf die Beute stürzten! In weniger als einer Minute waren die Erstochenen zerrissen und verschlungen. Nichts blieb von ihnen übrig, als das Stück einer Hand mit zwei Fingern. Die von den Tieren gepeitschten Wellen hatten diesen Rest an das Ufer geworfen, wo er liegen blieb. Uebrigens hatten die Häuptlinge dafür gesorgt, daß kein Blut auf dem Rasen vergossen wurde, und dann auch ihre eigenen Fußstapfen sorgfältig verwischt.

Jetzt kehrten sie wieder in ihr Versteck zurück.

Sie hatten da noch nicht lange gewartet, so hörten sie wieder den Hufschlag von Pferden. Es kam ein Trupp von wohl dreißig Comantschen, an ihrer Spitze der schwarze Hirsch. Es ging genau wieder so wie vorhin. Er sah, daß der Apatsche verschwunden war, und hegte zunächst Mißtrauen.

»Uff!« rief er. »Der Apatsche ist fort!«

Er ritt bis hart an das Wasser heran und gewahrte die dort liegende Hälfte der Hand. Im Nu war er abgestiegen, nahm sie empor und betrachtete sie.

»Uff! Sie haben ihn gefressen. Das ist ein Stück seiner linken Hand. Betrachtet die Lassos!«

Man gehorchte seinem Befehle und fand, daß der Apatsche von den Krokodilen herabgerissen worden sei.

»Er ist in das Reich der Finsternis gegangen. Es wird ihn keiner seiner erschlagenen Feinde bedienen,« sagte der Häuptling und warf die Hand in das Wasser, wo sie von einem der Alligatoren sofort verschlungen wurde.

Nun stiegen auf seinen Wink auch die andern vom Pferde und lagerten sich an das Wasser.

Es kamen noch mehrere Nachzügler, so daß der Trupp bis fast auf fünfzig Männer anwuchs. Man gab sich gar nicht die Mühe, den benachbarten Teil des Waldes zu durchsuchen, und das war ein sicheres Zeichen, daß der schwarze Hirsch nicht die Absicht hatte, sich hier lange zu verweilen, Er hatte während dieser Zeit in würdevollem Schweigen dagesessen, jetzt aber hörte man seine Stimme:

»Wer hat das Bleichgesicht gesehen?«

»Das Bleichgesicht, welches ein Graf ist?« fragte einer.

»Ja.«

Es stellte sich heraus, daß keiner der Indianer ihn bemerkt hatte.

»Man suche seine Spur!«

Sie erhoben sich alle, um zu suchen.

»Das wird gefährlich!« flüsterte der Apatsche.

Büffelstirn nickte zustimmend und sagte:

»Hier haben wir unsre Fährte verwischt; aber, wenn sie weiter fortgehen, so werden sie dieselbe finden. Wir müssen beginnen. Ich gebe das Zeichen.«

Er hustete laut. Dies war nicht etwa eine Unvorsichtigkeit, sondern es hatte zwei gute Gründe. Erstens sollten die Vaqueros bemerken, daß es jetzt losgehe, und zweitens sollten die Feinde dadurch in eine Stellung gebracht werden, in der sie ein gutes, sicheres Ziel darboten.

Es gelang; denn kaum war der scharfe Laut erklungen, so streckten sich die Läufe der zwanzig Büchsen der Vaqueros durch die Büsche, und sämtliche Comantschen richteten sich in eine horchende Stellung empor, wobei sie sich nach den Büschen herumdrehten.

»Feuer!«

Auf dieses Wort des Mizteca krachten zweiundzwanzig Schüsse, noch zwei aus den Doppelbüchsen der Häuptlinge.

Es stürzten ebenso viele Comantschen, alle zum Tode getroffen. Die übrigen sprangen von ihren Sitzen empor und eilten zu ihren Pferden. Es entstand ein Augenblick der größten Verwirrung, während dessen die Vaqueros rasch wieder luden.

Die Comantschen sahen über zwanzig der Ihrigen fallen; sie mußten annehmen, daß eine noch größere Anzahl Weißer in den Büschen stecke; darum versuchten sie gar keinen Angriff, sondern sie warfen sich auf ihre Pferde und jagten davon. Viele von ihnen hatten in der Eile das erste beste Pferd besteigen wollen, der eigentliche Besitzer hatte es streitig gemacht, und dadurch war ein Aufenthalt entstanden, der ihnen verderblich wurde. Es ertönte eine zweite Salve aus den Büchsen der Vaqueros, die beinahe ebenso verderblich wurde, wie die erste.

Bärenherz hatte sich den Häuptling, den schwarzen Hirsch, für sich vorbehalten, darum war von den andern nicht auf ihn gezielt worden. Jetzt sprengte derselbe mit den Uebriggebliebenen davon. Da aber trat der Apatsche aus den Büschen heraus und erhob seine Büchse. Er wollte den Comantschen lebendig haben, darum zielte er nur auf das Pferd desselben. Der Schuß knallte, und das Tier ward zum Tode getroffen. Es überschlug sich und warf seinen Reiter ab. Der Apatsche schnellte in weiten Sätzen hinzu und stand bei dem Gestürzten, ehe dieser sich empor gemacht hatte.

Keiner der Comantschen hatte einen Schuß gethan, darum war auch das Gewehr ihres Häuptlings noch geladen. Dieser sprang vollends auf, riß sein Gewehr von der Schulter und legte auf den Apatschen an.

»Hund, du lebst!« rief er. »Stirb!«

Bärenherz schlug ihm den Lauf des Gewehres zur Seite, so, daß der Schuß fehlging.

»Der Häuptling der Apatschen stirbt nicht von der Hand eines feigen Comantschen,« antwortete Bärenherz; »ich aber werde deine Seele von dir nehmen, daß sie in den ewigen Jagdgründen mich bedienen soll!«

Mit diesen Worten versetzte er dem Comantschen einen Kolbenschlag, der diesen betäubte; dann faßte er ihn, um ihn zurückzutragen nach dem Orte, wo die Indianer vorher gesessen hatten. Dort wartete er ruhig, bis ihm die Besinnung wiederkehrte.

Die Vaqueros hatten die wenigen Comantschen nicht verfolgt, weil sie dieselben nun für unschädlich hielten. Sie machten sich über die Gefallenen her, um ihnen ihre Waffen und Munition abzunehmen. Die beiden Häuptlinge saßen neben dem schwarzen Hirsch und bekümmerten sich nicht um die Beute.

Der Comantsche wurde gefesselt, wobei ihm die Besinnung zurückkehrte.

»Will der schwarze Hirsch seinen Todesgesang anstimmen?« fragte Bärenherz. »Er soll diese Gnade haben, ehe er stirbt.«

Der Gefragte antwortete nicht.

»Die Comantschen singen wie die Krähen und Frösche; darum lassen sie sich nicht gern hören,« spottete Büffelstirn.

Auch jetzt antwortete der Gefangene nicht.

»So wird der Häuptling der Comantschen ohne Todesgesang sterben,« erklärte der Apatsche.

Jetzt erst sprach der schwarze Hirsch:

»Ihr wollt mich an den Baum hängen?«

»Nein,« antwortete Bärenherz. »Ich will dich nicht martern; aber die Krokodile sollen dich dennoch fressen, weil du mich ihnen zum Fraße vorgehangen hast. Zuvor aber werde ich dir den Skalp nehmen, um den tapferen Söhnen der Apatschen bei meiner Rückkehr zu zeigen, welch ein Feigling der schwarze Hirsch gewesen ist. Gieb mir das Messer und den Tomahawk, den du mir genommen hast!«

Er nahm die beiden Gegenstände aus dem Gürtel des Gefangenen.

»Du willst mich wirklich skalpieren?« fragte dieser voller Angst.

»Ja. Deine Haut gehört mir.«

»Bei lebendigem Leibe?«

»Wie anders! Soll ich mir den Skalp aus dem Magen eines Krokodiles holen, nachdem es dich verschlungen hat?«

»Töte mich erst,« bat er.

»Ah, der Comantsche hat Furcht! Nun soll er keine Gnade finden!«

Er ergriff sein Messer, faßte mit der Linken den Haarschopf des Gefangenen, that mit der Rechten die drei kunstgerechten Skalpschnitte und zog dann den Schopf mit einem kräftigen Ruck vom Kopfe. Er hatte den Skalp in der Hand.

Der schwarze Hirsch stieß ein Gebrüll des Schmerzes aus.

»Uff! Der Comantsche ist ein Feigling! Er schreit!« sagte Bärenherz.

»Wirf ihn ins Wasser,« meinte Büffelstirn. »Aber nimm den Fuß dazu, denn er ist nicht wert, daß deine Hand ihn berührt!«

»Mein Bruder hat recht! Ich werde ihn den Krokodilen hinwälzen, wie ein verfaultes Aas, welches man nicht mit der Hand angreift. Der tapfere Häuptling der Comantschen hat geheult wie ein altes Weib. Er soll kein Grabmal haben, weder auf der Spitze eines Berges noch in der Tiefe eines Thales. Die Seinen sollen nicht zu ihm pilgern können, um seine Thaten zu rühmen, sondern er soll begraben sein in dem Magen der Alligatoren, und ich will einen Steinhaufen errichten, auf welchem geschrieben stehet: Hier wurde Tokvi-tey, der Feigling der Comantschen, von den Krokodilen gefressen, gefangen von der Hand Bärenherzens, des Häuptlings der Apatschen.«

Es ist die größte Ehrensache eines Indianers und zumal eines Häuptlings, weder Furcht und Angst zu zeigen, noch selbst beim größten Schmerze einen Laut auszustoßen. Der Comantsche aber hatte im höchsten Grade verächtlich gehandelt. Bärenherz stieß ihn mit dem Fuße in das Wasser, wo die Alligatoren sofort über ihn herfielen.

Dann mußten die Vaqueros dem Apatschen helfen, den Steinhaufen zu errichten. In den größten der Steine grub er die Inschrift ein, von welcher er gesprochen hatte; dann kehrten sie zu den Pferden zurück, die sie nach der Hacienda tragen sollten. Der Apatsche hatte sich mit einem Pferde der Comantschen beritten gemacht. -

Als Graf Alfonzo vorhin den Krokodilenteich verlassen hatte, war er den Berg hinabgestiegen, um zur Höhle des Königsschatzes zu gelangen. Als er den Ort erreichte, fand er einen wüsten Trümmerhaufen, in welchem er mehrere Stunden in fieberhafter Aufregung umhersuchte, aber vergebens. Es war unmöglich, eine Spur der Schätze zu finden, und er nahm zuletzt an, daß sie vollständig fortgeschafft worden seien.

Mit einem wilden Fluche auf den Lippen verließ er die Trümmer, um die Comantschen nicht auf sich warten zu lassen. Er stieg den nördlichen Abhang des Berges hinan, als er den Hufschlag von Pferden hörte und dann acht Comantschen erblickte, welche an dem Orte, wo er sich schnell versteckt hatte, vorüber wollten. Er trat hervor.

»Wohin wollt ihr?« fragte er.

»Uff! Das Bleichgesicht!« sagte einer. »Wir reiten nach dem Thale.«

»Warum? Die Eurigen sind doch oben!«

»Sie sind tot!« knirschte der Sprecher.

»Tot?« fragte Alfonzo erstaunt. »Wie ist das möglich?«

»Die Bleichgesichter haben uns überfallen.«

»Ah!«

»Es sind viermal zehn getötet worden.«

»Alle Teufel!«

»Und den Häuptling haben die Krokodile gefressen, nachdem der Apatsche seinen Skalp genommen hat.«

»Der Apatsche? - Welcher?«

»Bärenherz.«

»Donnerwetter! Der hing ja am Baume!«

»Er ist wieder los.«

»Hole ihn der Teufel! Wie ist er losgekommen?«

»Die Bleichgesichter, welche sich Vaqueros nennen, werden ihn befreit haben. Wärst du bei ihm geblieben, so hätte es wohl nicht geschehen können.«

»Habt ihr das alles wirklich gesehen?«

»Wirklich! Wir mußten fliehen; da sie uns aber nicht verfolgten, so kehrten zwei von uns heimlich wieder zurück, um sie zu beobachten.«

»Alle Teufel! Nun ist alles aus!« »Alles! Nur die Rache nicht!«

»Ja, die Rache!« sagte er nachdenklich. »Was werdet ihr jetzt thun?«

»Wir kehren in die Jagdgründe der Comantschen zurück.«

»Um neue Krieger zu holen?«

»Ja.«

»Ohne den Skalp eines einzigen Feindes mitzubringen?«

»Der große Geist hat uns gezürnt.«

»Und ohne ein Stück der Beute gefunden zu haben?«

»Wir werden später Skalpe und Beute genug bekommen.«

»Wie nun, wenn ich dafür sorge, daß ihr bereits jetzt viel nützliche und schöne Sachen erhaltet, um sie mitzunehmen?«

»Von wem?«

»Von mir.«

»Von dir? Du hast ja selbst nichts, nicht einmal ein Pferd!«

»Ein Pferd werde ich mir auf den Weideplätzen der Hacienda fangen; dann kehre ich nach Mexiko zurück, und ihr sollt mich begleiten.«

»Nach Mexiko? Warum?«

»Ihr sollt mich beschützen. Es ist für einen einzelnen nicht leicht, eine solche Reise zu machen. Begleitet ihr mich und bringt ihr mich glücklich hin, so sollt ihr große Geschenke erhalten.«

»Welche Geschenke meinest du?«

»Wählt euch selbst!«

»Was hast du?«

»Ich bin ein Graf, ein großer Häuptling, und mein Vater hat alles, was ihr begehrt.«

»Hat er Waffen, Pulver und Blei?«

»So viel ihr wollt, könnt ihr haben.«

»Perlen und Schmuck für unsere Squaws?«

»Auch.«

Das schien sie zu locken.

»So begleiten und beschützen wir dich. Willst du jedem von uns ein Gewehr geben?«

»Ja.«

»Zwei Tornahawks und zwei Messer, sowie soviel Kugeln und Blei, als in unsere Tasche geht?«

»Ihr sollt dies alles haben.«

»Und ebenso viel Schmuck?«

»Ihr sollt Ketten und Ringe und Nadeln und Perlen erhalten, daß ihr zufrieden seid.«

»Howgh! Wir gehen mit dir. Aber zwei müssen sich von uns trennen.«

»Warum?«

»Sie müssen nach unsern Weidegründen gehen, um die Rächer der Comantschen zu holen.«

»Dazu ist später Zeit!«

»Nein. Die Rache darf nicht schlafen.«

»So wählt nur zwei aus. Sechs sind auch genug für mich.«

»Aber werden wir auch wirklich erhalten, was du uns versprochen hast?«

»Ich schwöre es!«

»Wir wollen es glauben. Bedenke, daß du sterben müßtest, wenn du uns belogen hättest!«

Jetzt wurden zwei ausgewählt, und zwar durch das Los, da sich keiner freiwillig erbot. Es war jedenfalls angenehmer, nach Mexiko zu reiten, um sich reiche Geschenke zu holen, als zu den Comantschen zurückzukehren, mit Schande beladen. Die übrigen sechs wählten einen Anführer unter sich; dann trennten sie sich von ihren Gefährten, um zunächst ein Pferd für den Grafen einzufangen.

Die zwei wollten es recht klug machen. Anstatt direkt nach dem Norden zu reiten, wo sie dem unglücklichen Kampfplatze nahe gekommen wären, beschlossen sie, zu ihrer Sicherheit einen Umweg zu machen. Sie bogen also nach dem südlichen Abhang des Berges El Reparo ein, um denselben zu umreiten und dadurch jede feindselige Begegnung zu vermeiden. Sie erreichten dadurch gerade das, was sie vermeiden wollten.

Die Vaqueros hatten die Leichen der getöteten Comantschen ihrer Waffen beraubt und warfen sie dann in den Krokodilteich. Die Alligatoren hatten seit hundert Jahren keine so reichliche Beute erhalten. Dann hatten die Weißen unter Anführung der beiden Häuptlinge ihre Pferde aufgesucht und machten sich nun auf den Weg nach der Hacienda.

Eben als sie den Wald verließen und in die Ebene einbiegen wollten, hielt der Apatsche sein Pferd an.

»Ugh!« sagte er, nach vorwärts deutend.

Sie sahen zwei Indianer gerade auf sich zukommen und kehrten also schnell unter die Bäume wieder zurück.

»Es sind Comantschen!« sagte Büffelstirn.

»Sie werden unser!« fügte der Apatsche hinzu.

»Und zwar lebendig. Nehmt eure Lassos zur Hand!«

Als die Comantschen nahe herangekommen waren, brachen die Vaqueros aus dem Walde hervor. Die Wilden stutzten einen Augenblick, warfen dann aber schnell ihre Pferde herum, um zu fliehen. Es half ihnen aber nichts. Die Verfolger bildeten einen Halbkreis um sie, welcher nach und nach zu einem ganzen Kreise wurde; sie wurden vollständig eingeschlossen.

Nun griffen sie zu ihren Waffen, um ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Sie verwundeten einen der Vaqueros, dann aber schlangen sich die Lassos um ihre Leiber; sie wurden von ihren Pferden gerissen.

Der Apatsche trat vor sie hin und sagte:

»Die Zahl der Comantschen ist sehr klein geworden. Sie werden von den Krokodilen gefressen. Auch euch werden sie lebendig verschlingen, nachdem wir euch die Skalpe genommen haben, wenn ihr nicht unsre Fragen beantwortet.«

Sie schauderten vor dem Tode, den ihr Häuptling erlitten hatte, und der eine fragte:

»Was willst du wissen?«

»Wie viele sind von euch übrig geblieben?«

»Acht.«

»Wo sind die andern sechs?«

»Bei dem Grafen.«

»Wo befindet sich dieser?«

»Wir wissen es nicht.«

Da zog der Apatsche sein Skalpmesser hervor und drohte:

»Wenn ihr nicht die Wahrheit redet, so nehme ich euch den Skalp bei lebendigem Leibe.«

»Und wenn wir bekennen?«

»So sollt ihr eines schnellen Todes sterben.«

»Wirst du uns den Skalp lassen und uns mit unsern Waffen begraben?«

»Ich werde es thun, obgleich die Hunde der Comantschen es nicht verdienen.«

»So frage weiter!«

Die Wilden haben den Glauben, daß, wer ohne Skalp, ohne Waffen und richtiges Begräbnis aus diesem Leben geht, dort nicht in die ewigen Weidegründe gelangen kann.

»Also, wo ist der Graf?« fragte der Apatsche.

»Er ist nach den Weiden der Bleichgesichter, um dort ein Pferd zu stehlen.«

»Und dann?«

»Dann will er nach Mexiko, wohin ihn die sechs Comantschen begleiten sollen, um ihn zu beschützen.«

»Was hat er ihnen dafür geboten?«

»Flinten, Messer, Blei, Pulver und Schmuck für die Squaws.«

Da schüttelte der Mizteca den Kopf.

»Er braucht keinen solchen Schutz,« sagte er. »Er könnte Weiße finden, die ihn begleiten. Entweder ist er feiger, als ich dachte, oder er führt noch heimlich etwas im Schilde. Sagt ihr die Wahrheit?«

»Wir lügen nicht.«

»Welche Richtung hat er nach den Weiden eingeschlagen?«

»Grad nach Ost.«

»Wo habt ihr euch von ihm getrennt?«

»Da wo im Norden der Berg das Thal berührt.«

»Ihr traft ihn, als ihr vor uns die Flucht ergrifft und er vom Thale kam?«

»Ja.«

»Hugh! So weiß ich, wo er gewesen ist. Ich werde seine Spur finden. Ihr habt uns geantwortet und sollt einen raschen Tod haben.«

Der Cibolero erhob seine Doppelbüchse und schoß die beiden Indianer durch den Kopf; sie hatten nicht mit den Wimpern gezuckt, als sie die todbringenden Mündungen auf sich gerichtet sahen; sie waren aber doch als Verräter gestorben.

»Sanchez und Juanito bleiben hier, um diese Comantschen mit Steinen zu bedecken, denn wir werden das Wort halten, welches wir ihnen gegeben haben,« sagte er. »Wir andern aber folgen der Spur des Grafen, um ihn vielleicht doch noch zu erwischen.«

Sie setzten sich unter Zurücklassung der beiden Genannten in Bewegung. Es gelang den scharfen Augen Büffelstirns und Bärenherzens sehr leicht, die Spuren des Grafen nebst denen seiner sechs Begleiter aufzufinden und zu verfolgen. Sie führten allerdings auf die Weideplätze zu, welche sich jetzt nicht unter Aufsicht befanden, da sämtliche Vaqueros auf der Hacienda waren. Es stellte sich heraus, daß man ein Pferd gefangen und dann eine gerade südliche Richtung eingeschlagen habe. Hier wurde der Fährte noch eine ganze Stunde gefolgt, dann aber gebot Büffelstirn Halt.

»Jetzt nicht weiter,« sagte er. »Wir werden auf der Hacienda gebraucht, und es steht nun wirklich fest, daß der Graf nach Mexiko geht, denn die Spur geht diese Richtung. Er wird uns nicht entgehen, denn wir werden ihn in Mexiko aufsuchen.«

Sie kehrten nach der Hacienda zurück, die sie im Fluge erreichten, da sie jetzt nicht mehr auf Spuren aufzumerken hatten.

Sie fanden dort alles noch in demselben Zustande, in dem sie es verlassen hatten. Die Vaqueros, welche zum Schutze zurückgeblieben waren, schafften die Leichen der Comantschen und die Verschanzungen mit den Kanonen hinweg. Der Haciendero kam ihnen mit einem freudigen Gesichte entgegen.

»Gott sei Dank, daß ihr kommt!« sagte er. »Wir befanden uns bereits in großer Sorge um euch. Wie ist es gegangen?«

»Der schwarze Hirsch ist tot,« antwortete Büffelstirn.

»Tot? Ah, ihr habt ihn besiegt?«

»Mein Bruder Bärenherz hat ihm den Skalp genommen.«

»Und die andern?«

»Auch sie sind tot. Von allen Comantschen sind nur sechs entkommen.«

»Wohin sind diese?«

»Nach Mexiko.«

»Nach Mexiko? Wilde Indianer nach Mexiko? Was wollen sie dort?«

»Sie begleiten den Grafen.«

»Ah! Ihr habt ihn gesehen?«

»Wir sahen ihn. Er hat die Gegend der Hacienda verlassen, aber er wird uns nicht entrinnen.«

»Laßt ihn!. Er ist der Herr dieses Hauses, und ich darf nicht mit ihm rechten.«

Die beiden Häuptlinge blickten ihn erstaunt an.

»Er hat die Comantschen nach der Hacienda geführt!« sagte Büffelstirn.

»Ich bin kein Indianer!« antwortete Arbellez.

»Pshaw! Die Weißen haben kein Blut in ihren Adern! Vergebt ihr dem Grafen; ich habe nichts dawider; aber ich selbst habe ein Wort mit ihm zu sprechen!«

»So glaubt ihr also, daß wir jetzt sicher sind?« fragte Arbellez.

»Ja.«

»So können wir zu unserem friedlichen Leben zurückkehren. Wo aber begraben wir die Leichen?«

Ueber das Angesicht des Mizteca glitt ein unbeschreiblicher Zug.

»Nicht in der Erde,« sagte er.

»Wo sonst?« fragte Arbellez erstaunt.

»Im Bauche der Krokodile.«

»Oh! Das ist nicht christlich!«

»Ich bin kein Christ, und die Comantschen sind auch keine Christen. Sie sind Feinde der Miztecas, und die Alligatoren der Miztecas haben lange Zeit gehungert. Soll die Hacienda mit diesen Leichen verpestet werden?«

»Hm, das ist richtig! Thut also, was ihr wollt!«

»Kann ich meine zwanzig Vaqueros für heute behalten?«

»Wozu?«

»Sie sollen diese toten Comantschen nach dem Teiche der Krokodile bringen.«

»Behalte sie, wenn es sicher ist, daß wir nicht überfallen werden.«

»Wie steht es mit unserm Bruder Donnerpfeil?«

»Er ist endlich aufgewacht.«

»So werden wir ihn einmal sehen.«

Die beiden Häuptlinge traten in das Haus. Der Mizteca führte den Apatschen in das Zimmer seiner Schwester, wo er das Gold und Geschmeide untergebracht hatte, welches für Helmers bestimmt war. Sie fanden Karja dort. Sie lag in einer Hängematte und stierte still vor sich hin. Als sie die beiden Eintretenden bemerkte, sprang sie empor und fragte:

»Ihr kommt! Ihr seid Sieger?«

»Ja.«

»Und er? Haben ihn die Krokodile?«

»Nein,« antwortete Büffelstirn, sie scharf beobachtend.

»Nicht?« Ihr Gesicht verfinsterte sich, und sie fragte: »So habt ihr ihn entkommen lassen, ihn, der meiner Rache verfallen ist?«

Büffelstirn war befriedigt. Er sah, daß sie nur an Rache dachte. Er antwortete:

»Die Hunde der Comantschen haben ihn befreit und meinen Bruder, den Häuptling der Apatschen, an seine Stelle gebunden, damit er von den Krokodilen gefressen werde.«

Die Indianerin blickte den Apatschen erstaunt an. Sie sah mehrere neue Skalpe an seinem Gürtel; sie hatte jetzt zum ersten Male ein Auge für die kriegerisch schöne Erscheinung Bärenherzens, und bei dem Gedanken, daß er von den Krokodilen habe zerrissen werden sollen, überkam sie ein Gefühl, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte. Sie erbleichte.

»Den Häuptling der Apatschen? Aber er steht doch unversehrt hier!« sagte sie.

»Er hat sich selbst befreit und dann die Comantschen besiegt.«

Was in diesen Worten lag, das begriff sie als Indianerin nur zu gut.

»Er ist ein Held!« sagte sie, indem unwillkürlich ihr Blick voll Bewunderung auf den Apatschen fiel. »Und dieser Graf ist also entkommen?«

»Er ist nach Mexiko.«

»Zu seinem Vater?«

»Ja. Es sind sechs Comantschen bei ihm, um ihn zu geleiten.«

Da streckte sie sich empor und fragte:

»Und du lässest ihn unbelästigt reiten? Gieb mir ein Pferd; ich werde ihm folgen und ihn töten!«

Da lächelte Büffelstirn. So gefiel ihm die Schwester.

»Bleibe!« sagte er. »Er entkommt uns nicht. Ich werde ihm folgen.«

»Du tötest ihn, wo du ihn triffst?«

»Ja. Er hat die Tochter der Miztecas beschimpft und soll von meiner Hand fallen.«

»Oder von der meinigen,« sagte der Apatsche ernst.

»Uff! Mein Bruder will mich nach Mexiko begleiten?« fragte der König der Ciboleros.

Bärenherz blickte in das Gesicht der Indianerin und sah, in welchem Lichte der Blick ihres Auges auf ihm ruhte. Er antwortete: »Karja ist die Schwester des Apatschen; sie soll gerächt werden!«

Er hielt beiden zur Beteuerung die Hände entgegen; sie ergriffen dieselben und drückten sie.

»Bärenherz ist wirklich der Bruder und Freund des Häuptlings der Miztecas; er mag mit mir gehen,« sagte Büffelstirn, »sobald ich hier fertig bin. Jetzt aber komme er mit zu unsrem weißen Freunde, den ich besuchen will!«

Er, Bärenherz und Karja nahmen die Decken, in welche die Kostbarkeiten gehüllt waren, und trugen sie nach dem Zimmer des Kranken. Dieser lag zwar mit verbundenem Kopfe, aber offenen und hellen Auges in seinem Bette und streckte ihnen die Hände grüßend entgegen. Der Haciendero und seine Tochter saßen bei ihm.

»Ich habe lange, lange ohne Besinnung gelegen,« sagte er. »Der Keulenhieb muß ein sehr kräftiger gewesen sein. Es ist ein Wunder, daß ich noch lebe oder wieder lebe.«

»Hat mein Bruder große Schmerzen?« erkundigte sich Bärenherz.

»Eigentliche Schmerzen nicht; der Kopf brummt mir sehr; das ist alles. Wie steht es mit den Comantschen, und wie ist es am Teiche der Krokodile gegangen?«

Sie setzten sich und erzählten ihm ausführlich den Verlauf. Dann gaben sie ihm auch ihre Absicht kund, den Grafen zu verfolgen und, wenn nicht schon unterwegs, so doch dann in der Hauptstadt Rache an ihm zu nehmen. Er hörte ihnen aufmerksam zu und fragte dann:

»Ihr wollt ihn also doch noch töten?«

»Ja,« antwortete Büffelstirn; »aber vorher werde ich ihn zwingen, sein Versprechen zu halten.«

»Welches?«

»Karja, meine Schwester, zu seiner Frau zu machen. Sie wird mit uns nach Mexiko gehen.«

»Ah! Ist es so!«

»Ja. Man verlobt sich nicht mit einer Tochter der Miztecas und läßt sie dann im Stiche. Sie stammt von alten Königen ab, gegen welche ein weißer Graf nichts, gar nichts ist.«

»So willst du sie zum Weibe des Grafen und dann sogleich zu seiner Witwe machen?«

»Ja.«

»Das wird mein Bruder nicht thun!«

»Warum nicht? Ich habe es beschlossen und werde es also ausführen.«

»Kennst du die Gesetze der Bleichgesichter?«

»Was gehen mich ihre Gesetze an!«

»In diesem Falle viel, sehr viel. Du würdest keinen Priester finden, der es wagte, diese Ehe zu schließen.«

»Ich zwinge ihn!«

»Da gilt sie nachher nichts. Karja ist keine Christin und kann also nicht das Weib eines Christen werden.«

»Ist das wahr?«

»Ja.«

»Uff, uff! So werde ich diesen Vorsatz aufgeben müssen; aber sterben muß er desto sicherer. Darf ich dir zeigen, was ich dir mitgebracht habe?«

Helmers nickte, und da wurden die Decken aufgerollt. Das Gold und die Kostbarkeiten kamen zum Vorscheine.

»Das ist der Teil des Königsschatzes, den ich dir versprochen habe,« sagte Büffelstirn. »Du konntest ihn nicht selbst nehmen, So habe ich ihn dir mitgebracht.«

»Wirklich, also wirklich? Dein Versprechen war ernst, und all dieser Reichtum soll mir gehören?«

Es war sonderbarerweise kein Blick des Entzückens, den er über die funkelnden Schätze gleiten ließ.

»Er ist dein,« antwortete der Mizteca. »Du bist nun eins der reichsten Bleichgesichter. Aber dein Auge bleibt ruhig, und dein Gesicht erhellt sich nicht! Hast du keine Freude?«

»O, ich freue mich sehr, sehr, zwar nicht um meinetwillen, denn ich will ein Westmann bleiben und lebe als solcher nicht vom Golde, aber um meines Bruders willen. Du wirst durch dieses Geschenk ein Wohlthäter vieler Menschen werden, denn es wird nicht bloß meinem Bruder, sondern auch den Witwen und Waisen, den Armen und Kranken meines deutschen Vaterlandes gehören. Mir hätte es fast das Leben gekostet; das Gold ist ein teures und gefährliches Metall, und ich verstehe es, daß die roten Krieger nichts von ihm wissen mögen. Aber noch kann ich nicht sagen, ob ich dieses Geschenk annehmen oder zurückweisen werde.«

»Warum? Welche Gründe könntest du haben, es zurückzuweisen?« fragte der Mizteca erstaunt.

Der Deutsche strich sich mit der Hand langsam und nachdenklich über das Gesicht, sah seine beiden roten Freunde forschend an und antwortete dann:

»Die beiden Häuptlinge, Bärenherz und Büffelstirn, werden meine Worte vielleicht nicht ganz begreifen, denn sie gehören zu den strengen, roten Kriegern, welche gewöhnt sind, sich nur nach dem Gesetze der Vergeltung zu richten. Ich aber denke anders, weil ich ein Schüler und Freund von Winnetou und Old Shatterhand geworden bin, welche nach den Forderungen der Milde und Verzeihung handeln. Auch ich weiß, daß ein Krieger im Augenblicke, wo es gilt, nicht zaudern darf, den Gegner zu vernichten, und als es sich darum handelte, Karja und Sennorita Emma zu befreien und zu beschützen, habe ich unbedenklich auf die Comantschen geschossen; jetzt aber ist die Gefahr vorüber; die Feinde sind besiegt, und weiteres Blutvergießen würde nicht nur unnötig, sondern sogar unmenschlich sein. Von zweihundert Comantschen haben sich nur einige retten können; ist da nicht Blut genug geflossen? Und selbst die Toten sollen nicht in der Erde, sondern im Magen der Krokodile begraben werden? Ist das nicht streng genug, ist das nicht mehr als streng gehandelt? Hat der Graf euch getötet, euer Blut vergossen? Warum wollt ihr das seinige haben? Waren die Augenblicke, als er über den Krokodilen hing, nicht schlimmer als der Tod? Ich glaube, er hat damit genug gebüßt.«

»Genug gebüßt? ----« fragte der Mizteca.

Er wollte weitersprechen; Helmers aber fiel schnell ein:

»Mein Bruder mag jetzt nichts sagen, sondern mich erst anhören. Wenn der Graf sich weiter gegen euch vergeht, so tötet ihn; ich habe dann nichts dagegen; jetzt aber wünsche ich, daß ihr ihn nicht verfolgt; ich bitte euch darum. Falls ihr mir diesen Wunsch erfüllt, werde ich dein Geschenk annehmen, sonst aber nicht.«

»Wirklich nicht?«

»Nein. Du weißt, daß ich dieses mein Wort halte. Laßt mich nicht lange in Ungewißheit darüber, sondern beratet euch. Mit der Erfüllung meiner Bitte macht ihr mir keine geringere Freude als mit dem Golde, an welchem das Blut so vieler Menschen hängt.«

»Uff! Mein Bruder will es so haben, und so werden wir uns sogleich beraten und dann wiederkommen.«

Er stand auf und ging mit seiner Schwester und dem Apatschen fort. Emma Arbellez reichte dem Deutschen die Hand und sagte:

»Das war edel von Euch, Sennor! Ihr habt mir aus dem Herzen gesprochen, und ich danke Euch! Ich werde diesen drei Leuten jetzt nachgehen, um ihnen dieselbe Bitte auszusprechen. Was zwei wünschen, das wird wohl leichter erfüllt, als was nur einer wünscht.«

Sie ging, und ihr Vater begleitete sie. Schon nach einer Viertelstunde kamen sie alle wieder, und Büffelstirn erklärte dem ihn mit Spannung anblickenden Deutschen:

»Du hast gesiegt, und die Namen Winnetous und Old Shatterhands haben dich dabei unterstützt; auch die Sennorita hat uns gebeten, und so wollen wir die Rache ruhen lassen. Büffelstirn, der Häuptling der Miztecas, hat noch nie etwas, was er thun wollte, unausgeführt gelassen; es geschieht heut zum erstenmal. Es soll kein Blut weiter fließen, und du kannst also das Gold des Königsschatzes von mir annehmen. Willst du das?«

»Ja. Es hängt das Leben vieler Menschen daran; mag es nun noch viel, viel mehr Menschen Glück und Segen bringen. Ich danke euch!«

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