Old Surehand II
Zweites Kapitel: Der Koenigsschatz
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 6 Teile geteilt.
»Ihr sollt fünfhundert haben, wenn ich mit euch zufrieden bin!«
»Hurra, das klingt gut! Sennor, verlaßt Euch auf uns; wir gehen für Euch durchs Feuer!«
»Das hoffe ich. Hier ist übrigens eine kleine Aufmunterung zur Treue! Verteilt es unter euch.«
Er zog eine Geldrolle aus der Tasche und gab sie dem Kapitano. Dann ritt er davon.
Als der Hufschlag seines Pferdes verklungen war, wartete der vorsichtige Anführer noch ein Weilchen; dann öffnete er die Rolle.
»Gold!« sagte er. »Blankes, gelbes Gold!«
»Der ist splendid!« bemerkte einer.
»Hm!« meinte der Kapitano, »da darf man seine Gedanken haben!«
»Was werden wir transportieren?«
»Niemand soll es wissen!«
»Auch wir selbst nicht!«
»Nur die beiden Diener zieht er ins Vertrauen!«
So gingen die Fragen und Meinungen herüber und hinüber. Einer meinte gar:
»Vielleicht ist es Menschenfleisch, was er verbergen will!«
»Oder Gold aus einer Bonanza.«
»Oder ein vergrabener Schatz der Aztekenkönige!«
Der Anführer winkte zur Ruhe und meinte:
»Jungens, zerbrecht euch die Köpfe nicht! Er zahlt So gut, daß das, was wir zu transportieren und zu verteidigen haben, sicher nichts Gewöhnliches ist. Wir werden ihm zunächst in allen Stücken gehorsam sein, dann aber seid mir ein klein wenig neugierig, und wenn wir das, was wir geladen haben, auch gebrauchen können, so ist ein Graf ebenso gut eine Kugel wert wie ein gräflicher Diener oder zwei solche Kerls. Jetzt schlaft und seid still!«
Es wurde um das Feuer ruhig, obgleich mancher von den Männern nicht wirklich Schlief, sondern zu erraten suchte, welcher Art die Last sei, die ihnen anvertraut werden sollte.
Das also waren die Leute, welche der Graf engagiert hatte, die Schätze nach der Hauptstadt zu transportieren! Lumpen und Banditen, die nur von dem Ertrage ihrer Waffen lebten. Wenn sie den Inhalt der Kisten und Säcke erfuhren, so war es um sein Leben geschehen; das hatte der leichtsinnige Mann nicht bedacht.
Am andern Morgen hatte sich Helmers kaum vom Lager erhoben, als der Haciendero bei ihm eintrat, um ihm einen guten Morgen zu wünschen. Trotz der kurzen Zeit ihres Beisammenseins hatte er den Deutschen herzlich liebgewonnen.
»Ich komme eigentlich mit einer Bitte,« sagte er.
»Die ich erfüllen werde, wenn ich kann,« meinte Helmers.
»Sie können es. Sie befinden sich hier in der Einsamkeit, wo Sie Ihre Bedürfnisse gar nicht befriedigen können, während ich von allem einen Vorrat habe, da ich die Meinigen mit dem, was sie brauchen, versehen muß. Wollen Sie sich mit Wäsche und einer neuen Kleidung versehen, so hoffe ich, daß Sie mit meinen Preisen zufrieden sein werden.«
Helmers wußte gar wohl, wie es gemeint war, aber einesteils konnte er den guten Haciendero doch nicht gut beleidigen, und andernteils befand sich sein alter Jagdanzug in einem sehr tragischen Zustande. Er überlegte sich die Sache also kurz und sagte:
»Gut, ich nehme Ihr Anerbieten an, Sennor Arbellez, vorausgesetzt, daß Ihre Preise nicht gar zu hoch sind, denn ich bin, offen gestanden, das, was man einen armen Teufel nennt.«
»Hm, eine Kleinigkeit muß ich mir doch auch verdienen, obgleich die Zahlung nicht gerade gleich heute notwendig ist. Kommen Sie, Sennor; ich werde Ihnen meine Vorratskammer zeigen!« sagte Arbellez lachend.
Als eine Stunde später Helmers vor dem Spiegel stand, kam er sich selbst ganz fremd und vornehm vor. Er trug eine unten aufgeschlitzte, goldverbrämte mexikanische Hose, leichte Halbstiefel mit ungeheuren Rädersporen, ein schneeweißes Hemde, darüber eine kurze, vorn offene Jacke, die mit Gold- und Silberstücken besetzt war, auf dem Kopfe einen breitkrempigen Sombrero und um die Taille einen Shawl von chinesischer Seidengaze. Das Haar war verschnitten, der Bart ausrasiert und zugestutzt, und so erkannte er sich in dieser kleidsamen, reichen Tracht kaum selbst wieder.
Als er zum Frühstück in den Speisesaal trat, fand er Emma bereits anwesend. Sie errötete vor Entzücken, als sie die Veränderung bemerkte, die mit ihm vorgegangen war. So männlich und so schön hatte sie sich ihn doch nicht ganz gedacht. Auch Karja, die Indianerin, schien erst jetzt zu sehen, welch ein Mann der Deutsche war. Vielleicht stellte sie Vergleiche zwischen ihm und dem Grafen an. Die beiden Indianerhäuptlinge thaten natürlich, als bemerkten sie diese Veränderung gar nicht. Einer aber ärgerte sich fürchterlich darüber.
Das war der Graf. Die Hoffnung, bald in den Besitz des Schatzes zu gelangen, mochte ihn nachgiebig stimmen; er erschien zum Frühstück, wäre aber fast wieder umgekehrt, als er Helmers erblickte. Kein Mensch sprach ein Wort. Er knirschte heimlich mit den Zähnen und nahm sich vor, diesen Menschen unschädlich zu machen.
Als Helmers nach dem Frühstück hinaus auf die Weide kam, fand er den Häuptling der Miztecas, der während der Nacht einen guten, freundlichen Entschluß gefaßt hatte. Als er die neue Kleidung des Deutschen sah, sagte er:
»Mein Bruder Donnerpfeil darf so ein Gewand tragen, denn er ist ein reicher Mann.«
»Oh, das ist ein Geschenk von Sennor Arbellez; ich bin noch ebenso arm wie bisher.«
»Nein,« sagte der Indianer ernst; »du bist reich, denn du hast die Karte zur Höhle des Königsschatzes.«
Der Deutsche trat erstaunt einen Schritt zurück.
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß es! Darf ich die Karte sehen?«
»Ja!«
»Sogleich?«
»Komm!«
Er führte ihn in sein Zimmer und legte ihm das alte abgegriffene Papier vor. Tecalto warf einen Blick in die Ecke des Planes und sagte:
»Ja, du hast sie! Das ist das Zeichen von Toxertes, welcher der Vater meines Vaters war. Er mußte das Landverlassen und kehrte nie wieder zurück. Du hast ihm Gutes gethan und bist nicht arm. Willst du die Höhle des Königsschatzes sehen?«
»Kannst du mir sie zeigen?«
»Ja.«
»Wem gehört der Schatz?«
»Mir und Karja, meiner Schwester. Wir sind die einzigen Abkömmlinge der Könige der Miztecas. Soll ich dich führen?«
»Ich gehe mit!«
»So sei bereit, heut zwei Stunden nach Mitternacht. Dieser Weg darf nur im Dunkel der Nacht angetreten werden.«
»Wer darf davon wissen?«
»Niemand. Aber der Tochter des Haciendero magst du es anvertrauen.«
»Warum ihr?«
»Weil sie weiß, daß du den Schatz suchest.«
»Ah, woher weißt du das?«
»Ich habe jedes Wort gehört, welches ihr gestern im Garten geredet habt. Du hattest die Karte und wolltest dennoch nichts nehmen. Du wolltest erst forschen, ob der Erbe vorhanden sei. Du bist ein ehrlicher Mann, wie es unter den Bleichgesichtern wenige giebt. Darum sollst du den Schatz der Könige sehen.«
Und eine Stunde später zur Zeit des Mittagsmahles, als die andern beim Nachtische saßen, schlüpfte die Indianerin in das Zimmer des Grafen.
»Hast du das Papier geschrieben?« fragte sie.
»Kannst du lesen?« erkundigte er sich.
»Ja,« antwortete sie stolz.
»Hier ist es.«
Er gab ihr einen Bogen Papier, auf welchem folgende Zeilen zu lesen waren:
»Ich erkläre hiermit, daß ich nach Empfang des Schatzes der Könige der Miztecas mich als Verlobten von Karja, der Nachkömmlingin dieser Könige, betrachten und sie als meine Gemahlin heimführen werde.
Alfonzo Graf de Rodriganda y Sevilla.«
»Ist es so recht?« fragte er.
»Die Worte sind gut, aber das Siegel fehlt!« »Das ist ja nicht notwendig!« »Du hast es mir versprochen.«
»Gut, so magst du es haben,« sagte er, seinen Unwillen verbergend.
Er brannte den Wachsstock an und drückte sein Siegel über die Worte.
»Hier, Karja! Und nun halte auch du dein Wort!«
»Ich halte es.«
»Nun? Wo ist der Schatz versteckt?«
»Kennst du den Berg El Reparo?«
»Ja. Er liegt vier Stunden von hier gegen Westen.«
»Er sieht fast aus wie ein langgezogener, hoher Damm.«
»Das stimmt.«
»Von ihm fließen drei Bäche in das Thal. Der mittelste ist der richtige. Sein Anfang bildet keinen offenen Quell, sondern er tritt gleich voll und breit aus der Erde heraus. Wenn du in das Wasser steigst und da, wo er aus dem Berge kommt, dich bückst und hineinkriechst, so hast du die Höhle vor dir.«
»Ah, das wäre doch recht einfach!«
»Sehr einfach!«
»Braucht man Licht?«
»Du wirst Fackeln rechts vom Eingang finden.«
»Das ist alles, was du mir zu sagen hast?«
»Alles.«
»Und der Schatz befindet sich wirklich noch vollständig dort?«
»Vollständig.«
»So habe Dank, mein gutes Kind! Du bist jetzt meine Verlobte und wirst nun bald mein Weibchen sein. Jetzt aber geh. Man könnte uns hier überraschen!«
Sie steckte das Dokument ein und ging. Sie hatte ein Opfer gebracht, aber dieses Opfer lag ihr mit Zentnerschwere auf der Seele.
Inzwischen hatte sich Bärenherz, der Häuptling der Apatschen, eines der halbwilden Pferde der Hacienda eingefangen und war spazieren geritten. Er hatte Zeit und nahm bei der Heimkehr nicht etwa den geradesten und bequemsten Weg, sondern er folgte den Thälern, Schluchten und Gründen, wie sie ihm gerade in die Richtung kamen, bis er, in einer Vertiefung reitend, plötzlich zankende Stimmen vernahm. Gleich darauf ertönte ein Schuß und ein Schrei.
Ein solches Vorkommnis ist verdächtig, besonders einem vorsichtigen Indianer. Er stieg ab, band sein Pferd an, griff zur Büchse und birschte sich vorsichtig der Gegend zu, in welcher der Schuß gefallen war. Es war nicht weit. Er kroch eine Böschung empor, deren Höhe mit wilder Myrte besetzt war. Als er diese Büsche erreichte, erblickte er zwischen diesen hindurch ein kleines, aber tiefes Thälchen, in welchem sich um ein abgebranntes Feuer herum achtzehn Männer und zwei Leichen befanden. Dabei lagen eine Menge Kisten, Säcke und Packsättel auf einem Haufen. Einer der Männer hatte ein Pistol in der Hand, welches er lud.
»Es bleibt dabei,« sagte er; »wer widerspricht, der wird einfach erschossen.«
»Werden uns die Schüsse nicht verraten?« fragte ein anderer schüchtern.
»Schwachkopf, wer wird sich an uns wagen!«
Bärenherz verstand das Gemisch von Spanisch und Indianisch, welches an der Grenze gesprochen wird, sehr gut; diese Leute hier aber redeten rein Spanisch, welches er nicht verstand. Er hielt diese Leute für eine Jagdtruppe, deren Mitglieder untereinander in Streit geraten waren und aufeinander geschossen hatten. Das kommt in Mexiko häufig vor, ohne daß es groß beachtet wird. Er zog sich also leise wieder zurück, bestieg sein Pferd und ritt nach der Estanzia.
Der Graf ließ sich während des ganzen Tages nicht sehen. Er wußte nun, was er hatte wissen wollen, und ließ durch seine beiden Diener seine Sachen packen. Nach dem Abendessen ging er zu Arbellez und erklärte ihm, daß er abreisen werde. So auffallend dies erscheinen mochte, der Haciendero fragte ihn nicht nach dem Grunde und versuchte auch nicht, ihn zu halten. Als Rodriganda von da aus in sein Zimmer zurückkehrte, begegnete er Karja. In der Ueberzeugung, nun am Ziele zu sein, beging er zufolge seines dadurch eingetretenen Uebermutes die Unklugheit, zu ihr zu sagen:
»Soeben habe ich Arbellez gesagt, daß ich abreise.«
»Wohin?« fragte sie.
»Nach Mexiko.«
»Und der Schatz?«
»Den hole ich mir natürlich vorher. Ich habe eine ganze Menge von Arrieros mit Maultieren bereit gehalten, mit denen ich jetzt nach dem Berge El Reparo reite, um die Schätze aufzuladen. Von dort aus geht es sofort nach Mexiko.«
»Wann kommst du wieder?«
»Nie.«
»Nie?« fragte sie erstaunt. »So wirst du mich von hier abholen lassen?«
»Nein.«
»Auch nicht? So soll ich dich in der Hauptstadt aufsuchen?«
»Das müßte ich mir sehr verbitten. Hast du denn wirklich geglaubt, Gräfin von Rodriganda werden zu können? Hast du mich wirklich für So albern, für so wahnsinnig gehalten, daß ich eine Indianerin, eine Rote, zu meiner Frau mache?«
Sie sah ihn erschrocken an und fragte stammelnd:
»So - - so - - hast du - - mich betrogen?«
»Das ist ein Ausdruck, den ich ernstlich zurückweisen muß. Ein Graf betrügt nie; ich habe dich nur ein wenig überlistet. Der Schatz ist mein, und wenn du einen Mann haben Willst, so suche ihn dir unter deinesgleichen!«
Nach diesen in höhnisch stolzem Tone gesprochenen Worten entfernte er sich. Karja stand eine ganze Weile starr und stumm und wankte dann ganz fassungslos nach ihrem Zimmer. Es dauerte lange, lange, ehe sie richtig zu denken vermochte. Er hatte sie betrogen und war jetzt fort, um die Schätze zu holen! Er durfte sie nicht bekommen, nein, nein, nein! Sie mußte ihn hindern; aber wie? Der richtige Weg war, ihrem Bruder alles zu gestehen; der mußte sofort nach dem Berge aufbrechen und den Raub unmöglich machen. So schwer ihr dieses Geständnis werden mußte, sie zögerte nicht. Der Graf war ein Betrüger, ein Halunke; er hatte ihr durch Lügen das Geheimnis entlockt; es mußte aber gerettet und gewahrt bleiben, und das war durch seinen Tod möglich. Ja, sterben mußte er! Jetzt war sie nur noch Indianerin, eine betrogene Indianerin, die ihr Herz für ewig zum Schweigen bringt und nun weiter nichts als nur die Rache kennt. Sie sprang blitzenden Auges von ihrem Sitze auf und eilte fort, um den Bruder zu suchen. Sie lief durch den Hof in den Garten, hinaus auf die Weide; sie suchte in allen Räumen des Hauses, die ihm zugänglich waren - vergebens. Da wurde ihr himmelangst, und sie kehrte in den Speisesaal zurück, wo Arbellez mit Emma und dem Apatschen saß. Auf ihre erregte Frage bekam sie von dem Haciendero die Antwort:
»Ich weiß nicht, wo er ist. Aber was hast du, was ist mit dir? Du bist ja ganz außer dir!«
»Es steht ein Unglück bevor, ein großes Unglück! Mein Bruder muß augenblicklich fort.«
»Wohin?«
»Nach El Reparo!«
»Warum?«
»Der Graf ist hin, um zu stehlen!«
»Zu stehlen?« fragte da Emma betroffen. »Etwa den Königsschatz?«
»Ja,« antwortete Karja, ohne daran zu denken, daß sie damit ihr Geheimnis verriet.
»O Gott, das giebt allerdings ein Unglück, denn dein Bruder ist mit Sennor Helmers auch hin! Er will ihm den Königsschatz zeigen und hat es ihm erlaubt, es mir zu sagen.«
»Mein Himmel! Da wird es Mord und Totschlag geben!« rief Arbellez.
Es gab eine Aufregung, bei welcher nur der Apatsche kalt blieb. Er besann sich auf seinen heutigen Ritt und sagte:
»Ich habe heut Männer mit Säcken und Kisten gesehen. Sollte das mit dem Schatze zusammenhängen? Vielleicht sollen sie ihn für den Grafen fortschaffen! Woher aber kennt er das Geheimnis des Schatzes?«
»Ich habe es ihm verraten,« gestand Karja in ihrer Angst. »Waren es viele Männer, die du gesehen hast?«
»Ja.«
»Wie viele?«
»Zweimal fünf und acht.«
»Waren sie bewaffnet?«
»Sehr gut. Und sie hatten von den Waffen Gebrauch gemacht, denn zwei von ihnen waren erschossen.«
»O, das ist Gefahr, das ist Gefahr!« rief da die Indianerin. »Der Graf, der Lügner, der Verräter, will den Schatz der Könige stehlen. Er wird Sennor Helmers und meinen Bruder dort finden und sie töten. Sennor Arbellez, blast in das Nothorn. Laßt Eure Vaqueros und Ciboleros kommen. Sie müssen nach der Höhle des Schatzes, um die zwei zu retten!«
Jetzt gab es ein Wirrwarr von Fragen und Antworten, bei dem wieder nur der Apatsche seine Ruhe behauptete. Er hörte die einzelnen Fragen und Entgegnungen, und sagte dann:
»Wer weiß es, wo die Höhle liegt?«
»Ich,« antwortete Karja. »Ich werde Euch führen!«
»Kann man reiten?«
»Ja.«
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»So gebt mir dieses Mädchen und zehn Ciboleros und Vaqueros mit.«
»Ich gehe auch mit!« rief Arbellez.
»Nein!« entschied der Apatsche. »Wer will die Hacienda beschützen? Wer weiß, was hier kommen kann? Man rufe alle Männer, man gebe mir zehn von ihnen. Die andern beschützen die Hacienda.«
Dabei blieb es. Der Haciendero stieß in das Horn, und auf dieses Zeichen kamen die Wächter der Herden und sonstige Bedienstete herbeigesprengt. Der Apatsche suchte sich zehn von ihnen aus; sie wurden bewaffnet. Auch Karja stieg zu Pferde; dann ritten sie ab, während die andern, gut Wache haltend, zurückblieben. Die Verwirrung war schuld, daß bis zum Abreiten der kleinen Truppe doch eine ziemliche Zeit vergangen war. - -
Kurz nach dem Abendessen trat Büffelstirn in das Zimmer des Deutschen.
»Gedenkst du noch deines Wortes?« fragte er.
»Ja,« antwortete Helmers.
»Du reitest mit?«
»Ja.«
»So komme!«
Helmers bewaffnete sich und folgte dem Indianer. Unten standen heimlich bereits drei Pferde bereit, zwei mit Reitsätteln und das dritte mit einem Packsattel.
»Was soll dieses hier?« fragte der Deutsche, auf das letztere zeigend.
»Ich habe gesagt, daß du nicht arm bist. Du hast den Schatz der Könige nicht berauben wollen; darum sollst du dir davon nehmen dürfen so viel, wie ein Pferd zu tragen vermag.«
»Nein. Wo denkst du hin!« rief Helmers erstaunt.
»Rede nicht, sondern steige auf, und folge mir!«
Der Indianer bestieg sein Pferd, nahm das Packtier beim Zügel und ritt fort. Helmers konnte nicht anders, als ihm folgen. Es war finstere Nacht, aber der Indianer kannte seinen Weg genau, und die halbwilden Pferde Mexikos sehen während des Nachts wie die Katzen. Der Deutsche konnte sich der Führung Büffelstirns gut anvertrauen. Schnell freilich kamen sie nicht vorwärts, denn es ging tief zwischen unwegbare Berge hinein.
Büffelstirn sprach kein Wort. Man hörte in der schweigsamen Nacht nichts als den Schritt und das zeitweilige Schnauben der Pferde. So verging eine Stunde, noch eine und noch eine dritte. Da rauschte Wasser; man kam an den Lauf eines Baches, dem man folgte. Dann türmte sich ein wallartiger Berg vor ihnen auf, und als sie denselben beinahe erreicht hatten, stieg der Indianer ab.
»Hier warten wir, bis der Tag kommt,« sagte er.
Helmers folgte seinem Beispiele, ließ sein Pferd grasen und setzte sich neben Büffelstirn auf einem Feisenstücke nieder.
»Die Höhle ist hier in der Nähe?« fragte er.
»Ja. Sie ist da, wo dieses Wasser aus dem Berge kommt. Man steigt in den Bach, bückt sich und kriecht in das Loch, so befindet man sich in einer Höhle, deren Größe und Abteilungen niemand kennt als Büffelstirn und Karja.«
»Ist Karja schweigsam?«
»Sie schweigt!«
Helmers dachte an das, was ihm Emma erzählt hatte, und sagte daher:
»Aber es giebt einen, der das Geheimnis des Schatzes von ihr erfahren will.«
»Wer ist es?«
»Der Graf Alfonzo.«
»Ugh!«
»Du bist mein Freund, und darum darf ich dir sagen, daß sie ihn liebt.«
»Ich weiß es.«
»Und wenn sie ihm nun euer Geheimnis verrät?«
»So ist Büffelstirn da. Der Graf wird nicht den kleinsten Teil des Schatzes erhalten.«
»Ist dieser Schatz groß?«
»Du wirst ihn sehen. Nimm alles Gold, welches Mexiko heut besitzt, zusammen, so reicht es noch nicht an den zehnten Teil dieses Schatzes. Es hat einen einzigen Weißen gegeben, der ihn gesehen hat, und -«
»Ihr habt ihn getötet?«
»Nein. Er brauchte nicht getötet zu werden, denn er ist wahnsinnig geworden, wahnsinnig vor Freude und Entzücken. Der Weiße vermag den Anblick des Reichtums nicht zu ertragen, nur der Indianer ist stark genug dazu!«
»Und mir willst du den Schatz zeigen?«
»Nein. Du wirst nur einen Teil desselben sehen. Ich habe dich lieb, und du sollst nicht auch wahnsinnig werden. Gieb mir deine Hand und zeige mir deinen Puls.«
Er faßte die Hand des Deutschen und prüfte dessen Puls.
»Ja, du bist sehr stark,« sagte er. »Der Geist des Goldes hat dich noch nicht ergriffen; wenn du in die Höhle trittst, so wird dein Blut gehen wie der Fall des Wassers vom Felsen.«
Das Gespräch verstummte nun. Es war dem Deutschen so eigentümlich wie noch nie zu Mute. Da begann sich der Himmel zu färben. Der blasse Schimmer des Ostens wurde stärker, und bald konnte man die einzelnen Gegenstände mit Genauigkeit unterscheiden.
Helmers erblickte den Berg El Reparo vor sich, dessen schroffer Hang zumeist mit Eisenbäumen bestanden war. Ganz am Fuße desselben trat ein Wasser aus dem Felsen, welches sofort wenigstens drei Fuß breit und vier Fuß tief war.
»Dies ist der Eingang?« fragte er.
»Ja,« antwortete Büffelstirn. »Aber noch treten wir nicht hinein. Wir wollen erst die Pferde verstecken. Der Besitzer eines Schatzes muß vorsichtig sein.«
Sie führten die Pferde längs des Berges hin, bis der Indianer ein Gebüsch auseinanderbog. Hinter demselben befand sich eine enge, niedrige Schlucht, wo die Tiere Platz fanden. Dann kehrten sie an den Bach zurück, wo sie nach Indianerart ihre Spuren verwischten, bis sie an den Felsen gelangten, aus dessen Oeffnung das Wasser floß.
»Nun komm!« sagte Büffelstirn.
Mit diesen Worten stieg er in das Wasser, zwischen dessen Oberfläche und dem Felsen ein Fuß tief Raum war, so daß man mit dem Kopfe hindurch gelangen konnte. Die Kleider wurden freilich naß. Sie kamen nun in einen dunklen Raum, dessen Luft trotz des Baches außerordentlich trocken war.
Reiche mir deine Hand!« sagte der Indianer.
Er führte ihn aus dem Wasser heraus auf das Trockene und befühlte dann seinen Puls.
»Dein Herz ist sehr stark,« sagte er. »Ich darf die Fackel anbrennen.«
Er ging einige Schritte von Helmers fort. Ein matter, phosphorischer Blitz durchzuckte den Raum, ein lautes Prasseln ertönte, und dann flammte eine Fackel auf.
Aber, was ging nun vor! Nicht die eine, sondern tausende von Fackeln schienen zu brennen. Als befände sich der Deutsche inmitten einer ungeheuren, Gold und Demant blitzenden Sonne, so strahlten Millionen von Lichtern und Reflexen in sein geblendetes Auge, und in dieses unendliche Schimmern, Schillern und Brillieren hinein erklangen die Worte des Indianers:
»Das ist die Höhle des Königsschatzes! Sei stark, und halte deine Seele fest!«
Es verging eine geraume Zeit, ehe der Deutsche seine Augen an diese Pracht gewöhnen konnte. Die Höhle bildete ein sehr hohes Viereck von vielleicht sechzig Schritten in der Länge und Breite, durch welches der mit Steinplatten bedeckte Bach floß. Sie war vom Boden an bis hinauf an die gewölbte Decke angefüllt mit Kostbarkeiten, deren Glanz allerdings die Sinne auch des nüchternsten Menschen verwirren konnte.
Da gab es Götterbilder, welche mit den kostbarsten Edelsteinen geschmückt waren, besonders die Bilder des Luftgottes Quetzalcoatl, des Schöpfers Tetzkatlipoka, des Kriegsgottes Huitzilopochtli und seiner Gemahlin Teoyaniqui, nebst seines Bruders Tlakahuepankuexkotzin, der Wassergöttin Chalchiukueja, des Feuergottes Ixcozauhqui und des Weingottes Cenzontotochtin. Hunderte von Hausgötterfiguren standen auf Wandbrettern; sie waren entweder aus edlen Metallen getrieben oder in Krystall geschliffen. Dazwischen standen goldene Kriegspanzer von ungeheurem Werte, goldene und silberne Gefäße, Schmucksachen in Demant, Smaragden, Rubinen und andern Edelsteinen, Opfermesser, deren Griffe, die funkelnden Steine gar nicht gerechnet, nur einen Altertumswert nach Hunderttausenden hatten, Schilde von starken Tierhäuten, die mit massiven Goldplatten besetzt waren. Von dem Mittelpunkte der Decke hing gleich einem Lüstre eine Königskrone herab; sie hatte die Gestalt einer Mütze, war aus massivem Golddraht gefertigt und ganz ausschließlich nur mit Diamanten besetzt. Ferner sah man da ganze Säcke voll Goldsand und Goldstaub, Kisten, die mit Nuggets (* Goldkörnern.) angefüllt waren, welche die Größe einer Erbse bis zu der eines Hühnereies hatten. Man sah ganze Haufen gediegenes Silber, gleich in großen Stücken aus an zu Tage getretenen Adern gebrochen. Auf köstlichen Tischen standen leuchtende Modelle der Tempel von Mexiko, Cholula und Teotihuakan, der prachtvollen Mosaiken von Muscheln, Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen gar nicht zu denken, welche am Boden und in den Ecken lagen.
Der Anblick dieser Reichtümer brachte auf den Deutschen einen wahrhaft berauschenden Eindruck hervor. Es war ihm, als sei er ein Märchenprinz aus »Tausend und eine Nacht«. Er gab sich Mühe, ruhig zu bleiben, aber es gelang ihm nicht. Er fühlte das Blut an seinen Schläfen pochen, und es war ihm, als ob große Feuer- und leuchtende Demanträder vor seinen Augen wirbelten. Es kam eine Art von Rausch über ihn, und in demselben sah er ein, daß solche Reichtümer eine Macht ausüben, ein wahnsinniges Verlangen erwecken können, welches selbst vor dem fürchterlichsten Verbrechen nicht zurückschrecken würde.
»Ja, das ist die Höhle des Königsschatzes,« wiederholte der Indianer. »Und dieser Schatz gehört nur allein mir und meiner Schwester Karja.«
»So bist du reicher als irgend ein Fürst der Erde!« antwortete Helmers.
»Du irrst! Ich bin ärmer als du und jeder andre. Oder willst du den Enkel eines Herrschers beneiden, dessen Macht vergangen ist und dessen Reich in Trümmern liegt? Die Krieger, welche jene Rüstungen, Schilde und Waffen trugen, wurden von ihrem Volke geliebt und verehrt; ein Wort von ihnen gab Leben oder Tod. Ihre Schätze sind noch vorhanden, aber die Stätte, wo man ihre Gebeine niederlegte, ist von den Weißen entweiht und zertreten worden, und ihre Asche wurde in alle Winde zerstreut. Ihre Enkel irren durch die Wälder und Prairien, um den Büffel zu töten. Der Weiße kam; er log und trog; er mordete und wütete unter meinem Volke um dieser Schätze willen. Das Land ist sein, aber es liegt verödet, und der Indianer hat die Schätze dem Dunkel der Erde übergeben, damit sie dem Räuber nicht in die Hände fallen. Du aber bist nicht wie die andern; dein Herz ist rein vom Verbrechen. Du hast meine Schwester aus den Händen der Comantschen errettet; du bist mein Bruder, und darum sollst du von diesen Schätzen so viel haben, wie ein Pferd zu tragen vermag. Doch nur zweierlei steht dir zu Gebote. Hier sind Goldkörner, ganze Säcke voll, und hier sind Ketten, Ringe und andrer Schmuck; wähle dir aus, was dir gefällt. Das andre aber ist heilig; es soll nie wieder beschienen werden von der Sonne, die den Untergang der Miztecas gesehen hat.«
Helmers sah die Nuggets und das Geschmeide, ihm wurde fast schwindelig.
»Ist dies dein Ernst?« fragte er.
»Ich scherze nicht.«
»Aber das sind ja Hunderttausende von Dollars, die du mir schenkst!«
»Nein; es werden sogar Millionen sein.«
»Ich kann es nicht annehmen!«
»Warum? Willst du die Gabe des Freundes verachten?«
»Nein, aber ich kann nicht dulden, daß du dich meinetwegen beraubst!«
Der Indianer schüttelte stolz den Kopf.
»Es ist kein Raub. Ich bringe kein Opfer. Was du hier siehst, ist nur ein Teil der Schätze, welche der Berg El Reparo verbirgt. Es gibt hier noch weitere Höhlen, von denen nicht einmal Karja, meine Schwester, etwas weiß. Nur ich kenne sie, und wenn ich einst sterbe, so wird kein menschlicher Gedanke mehr in diese Tiefen dringen. Ich werde jetzt gehen, um die andern Höhlen zu besuchen. Siehe dir die Schätze an, und lege zur Seite alles, was du für dich auswählst. Wenn ich zurückkehre, beladen wir das Pferd damit und reiten heim nach der Estanzia.«
Er steckte die Fackel in den Boden und schritt nach der hintersten Ecke, in welcher er verschwand.
Der Deutsche stand allein inmitten dieser unermeßlichen Reichtümer. Welch ein Vertrauen mußte der Indianer zu ihm haben! Wie nun, wenn Helmers heimlich zurückkehrte, um sich weiter zu bereichern? Wie nun, wenn er den Indianer tötete, um Herr des Ganzen zu werden, von dem er nur einen kleinen Teil erhalten sollte? Aber kein einziger solcher Gedanke kam dem ehrlichen Manne. Er fieberte fast schon darüber vor Wonne, daß er eine ganze Pferdelast Geschmeide und Nuggets mitnehmen durfte. --
Graf Alfonzo war, als er mit seinen beiden Dienern die Hacienda verlassen hatte, nicht direkt nach dem Berge El Reparo, geritten; er hatte vielmehr die Arrieros aufzusuchen. Er ließ sein Tier so rasch ausgreifen, als es bei der Dunkelheit ohne Gefahr möglich war, und minderte diese Schnelligkeit auch nicht eher, als bis er das Thal erreichte, in welchem seine Helfershelfer lagerten.
Er wurde wieder wie gestern angerufen und gab dieselbe Antwort. Nun durfte er an das Feuer treten, welches man schürte, damit man besser zu sehen vermöge.
»Seid ihr fertig?« fragte er.
»Wir sind bereit,« antwortete der Anführer.
»Und Pferde?«
»Die haben wir von den Herden des Sennor Arbellez eingefangen.«
»Wie viele?«
»Achtzehn für uns und dreißig für Sie.«
»Sind sie gesattelt?«
»Ja.«
»So laßt uns aufbrechen!«
Erst jetzt fiel ihm ein, in welcher Verlegenheit er sich befand. Er konnte diese wüsten Menschen doch unmöglich mit in die Höhle nehmen. Sie hätten dieselbe ausgeräumt, nicht für ihn, sondern für sich. Doch hoffte er, daß sich wohl im rechten Augenblicke ein Ausweg finden lassen werde. Die Männer holten ihre Pferde und Maultiere herbei und saßen auf. Er setzte sich mit dem Anführer an ihre Spitze, und man brach auf.
Alfonzo kannte den Berg, welchen die Indianerin ihm genannt hatte, aber von dieser Seite aus hatte er ihn noch nicht besucht. Er war also mit den Einzelheiten des Weges nicht vertraut; er kannte nur die Richtung, und darum kam man bei der Vorsicht, welche geboten war, nur langsam weiter.
Erst als der Morgen zu dämmern begann, konnte man die Pferde besser ausgreifen lassen, und nun dauerte es auch nicht lange, so tauchte die dunkle Masse des El Reparo vor ihnen auf.
Sie erreichten den Berg von seiner Südseite und ritten an seinem östlichen Abhange hin. Der erste Bach wurde überschritten, und als dann Alfonzo merkte, daß der zweite in der Nähe sei, ließ er halten. Bis an die Höhle wollte er sie nicht mitnehmen. Es galt ja überhaupt zunächst, sich von dem Dasein derselben auch wirklich zu überzeugen.
»Was nun?« fragte der Anführer.
»Ihr wartet!«
»Ah, Sie werden uns verlassen?«
»Ja, für kurze Zeit.«
»Was ist es denn eigentlich, was wir zu laden haben?«
»Darum habt ihr euch gar nicht zu kümmern; das ist ja so ausbedungen, wie ihr wißt.«
Er ritt langsam davon. Der Anführer wandte sich leise zu seinen Leuten:
»Jetzt haben wir sein Geheimnis in der Nähe. Was thun wir?«
»Ihn belauschen,« antwortete einer.
»Das ist vielleicht das beste. Wartet hier!«
Er stieg ab und folgte dem Grafen zu Fuße. Es gab Felsen und Buschwerk genug, welches ihm Deckung gewährte, so daß Alfonzo, auch wenn er sich umdrehte, ihn nicht sehen konnte.
So ging es eine Strecke weiter, bis der Graf den Bach erreichte. Hier stieg er ab, band sein Pferd an den Stamm eines Eisenbäumchens und verschwand hinter den Büschen. Der Anführer wartete eine Weile, da der Graf aber nicht zurückkehrte, so eilte er, seine Leute wieder aufzusuchen. Er fand sie noch an derselben Stelle, wo er sie verlassen hatte.
»Er ist im Gebüsch verschwunden,« sagte er, doch so, daß die beiden Diener es nicht hörten. »Dort hat er sein Geheimnis. Was will er thun, wenn wir etwas näher reiten! Vorwärts!«
Sie setzten sich abermals in Bewegung, gegen das Buschwerk zu, welches den Bach besäumte, drangen aber nicht weiter vor, sondern blieben hier halten. Nun befanden sie sich zwar am Bache, aber noch nicht am Austritte desselben aus dem Berge. Zwischen diesem und ihnen gab es noch eine von Buschwerk bestandene Windung, so daß sie den Eingang zur Höhle nicht zu sehen vermochten. Ebenso erblickten sie nicht das Pferd des Grafen, da er es seitwärts von ihrem Standpunkt angebunden hatte.
Er hatte den Austritt des Wassers untersucht und gefunden, daß es möglich sei, hineinzugelangen. Er stieg also in die kalte Flut, bückte sich und kroch hinein. Noch aber hatte er nicht ganz den Punkt erreicht, wo die Höhle sich zu wölben begann, so gewahrte er einen hellen Lichtschein vor sich.
Was war das? War das Fackellicht? Oder war es der Schein des Tages, welcher durch irgend eine Oeffnung der Höhle hereindrang? Es schien das erstere zu sein. An das Zurückweichen dachte der Graf nicht; er schob sich langsam und vorsichtig weiter, jedes Geräusch vermeidend, um nicht bemerkt zu werden.
Da plötzlich brach ein goldenes und diamantenes Blitzen und Flimmern in sein Auge. Er erschrak förmlich und fuhr empor. Er stand innerhalb der Höhle und erblickte die Schätze, welche hier eingeschlossen waren. Er zitterte. Der Teufel des Goldes packte ihn mit aller Macht. Seine Augen verdunkelten und erweiterten sich abwechselnd; er hätte laut aufschreien mögen vor wonnigem Schreck; aber das ging nicht, denn - dort, kaum fünf Schritte vor ihm kniete ein Mann am Boden und ordnete eine Partie kostbares Geschmeide, welches er auf einer Mosaikplatte aufgehäuft hatte. Wer war dieser Mensch? Ah, jetzt bog er sich seitwärts; sein Profil war zu sehen, und der Graf erkannte ihn.
»Der Deutsche!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Wer hat ihm die Höhle verraten? Ist er allein hier, oder hat er Begleitung mit?«
Sein Auge irrte suchend durch den Raum; er sah, daß Helmers allein war; er hatte keine Ahnung davon, daß Büffelstirn sich in einer nebenan liegenden Abteilung befand.
»Ah, es ist niemand hier außer ihm!« dachte er mit grimmiger Freude. »Er soll nicht eine Erbse groß von diesem Golde erhalten. Ich werde Rache nehmen. Er muß sterben!«
Er stieg leise aus dem Wasser. Nicht weit von ihm lehnte eine Kriegskeule. Sie war vom festesten Eisenholze gefertigt und mit spitzgeschliffenen Krystallstücken besetzt, die einen Hieb doppelt gefährlich machten. Er faßte sie an dem mit edlen Steinen geschmückten Griff und schlich sich hinter den Deutschen heran.
Dieser ließ soeben eine köstlich gearbeitete Kette durch seine Finger gleiten.
»Prachtvoll!« sagte er. »Lauter Rubinen! Sie allein bildet einen bescheidenen Reichtum!«
Er ließ sie im Lichte der Fackel flunkern und wollte sie dann fortlegen, kam aber nicht dazu, denn die Keule sauste auf ihn herab und traf seinen Kopf mit solcher Wucht, daß er sofort zusammenbrach. Die Kette glitt aus seiner Hand, deren Finger sich öffneten.
Jetzt stieß der Graf einen wilden, unartikulierten Schrei aus.
»Gesiegt! Alles mein, alles, alles, alles!«
Ein fast wahnsinniges Entzücken bemächtigte sich seiner.
Er sprang vor Freude empor und schlug die Hände zusammen wie ein Sinnloser. Wer ihn draußen so gesehen hätte, der hätte ihn für verrückt gehalten.
Da, was war das? Er stand plötzlich wie gelähmt; er erbleichte, und seine Augen öffneten sich weit, als ob er Gespenster sehe. Aus der hinteren Ecke löste sich eine Gestalt, die ihre Augen erst erstaunt und dann mit einem grimmigen Leuchten auf ihn richtete. Es war Büffelstirn, welcher von seinem Gange zurückkehrte und anstatt des Freundes einen andern erblickte, neben dem der Deutsche regungslos am Boden lag.
Mit zwei tigergleichen Sprüngen stand der Indianer beim Grafen und packte ihn.
»Hund, was thust du hier?« rief er.
Der Gefragte vermochte kein Wort hervorzubringen. Diesem entsetzlichen Indianer war er nicht gewachsen; das wußte er. Er war verloren - aus dem höchsten Entzücken herab in den kalten, starren Tod gestürzt. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, und er zitterte.
»Du hast ihn erschlagen!« sagte Büffelstirn, auf den Deutschen und die am Boden liegende Keule deutend.
Dabei rüttelte er ihn mit einer Gewalt, als ob ein Riese ein kleines Kind gepackt habe.
»Ja,« stöhnte der Graf vor Angst.
»Warum?«
»Diese - diese Schätze sind schuld!« stammelte er.
»Pah! Du bist sein Feind. Sein Tod war dir schon vorher erwünscht. Wehe dir, dreifach wehe!«
Er bückte sich, um den Freund zu untersuchen. Der Graf stand dabei wie eine leb- und bewegungslose Figur. Wie leicht konnte er die Keule erfassen und einen Kampf wenigstens versuchen. Aber er befand sich unter dem Zauber des Schatzes und unter dem Banne dieses berühmtesten der Ciboleros. Es ging ihm, wie die Sage von dem kleinen Vogel erzählt, der auch nicht flieht, wenn die Klapperschlange ihre Augen auf ihn richtet, sondern sich widerstandslos von ihr erwürgen läßt.
»Er ist tot!« sagte Büffelstirn, sich wieder erhebend. »Ich werde Gericht halten über dich, und dein Tod soll ein solcher sein, wie ihn noch keiner hier gestorben ist. Du bist der Mörder des edelsten und besten Jägers, den die Erde trug; ich werde dich tausendfach sterben lassen.«
Er stellte sich mit vor die Brust verschlungenen Armen dem Missethäter gegenüber. Seine riesige Gestalt reckte sich in ihren Muskeln, und sein Auge richtete sich fascinierend auf den Grafen.
»Ah, du bebst!« sagte er verächtlich. »Du bist ein Wurm, eine feige Memme. Wer hat dir den Weg zu dieser Höhle verraten?«
Der Gefragte schwieg. Es war ihm, als sei der jüngste Tag hereingebrochen und er stehe vor dem ewigen Richter.
»Antworte!« donnerte der Cibolero.
»Karja!« hauchte der Graf.
»Karja? Meine Schwester?«
»Ja.«
Die Augen des Indianers funkelten wie glühende Fackeln.
»Sagst du die Wahrheit? Oder lügst du? Du nennst meine Schwester vielleicht nur, um Gnade zu erlangen und der Strafe zu entgehen!«
»Ich sage die Wahrheit; du kannst es mir glauben!«
»Ah, so mußt du teuflische Verführungskünste angewandt haben, um ihr das Geheimnis von El Reparo zu entlocken. Du hast ihr Liebe geheuchelt?«
Der Graf schwieg.
»Rede! Nur die Wahrheit kann dein Schicksal mildern. Weißt du, wie du sterben mußt?«
»Sage es,« bat Alfonzo schaudernd.
»Es giebt da droben am Berge ein Wasserloch; es ist nicht groß, aber es enthält die Abkömmlinge der zehn heiligen Krokodile, in deren Bäuchen die früheren Herrscher dieses Landes die Verbrecher begruben. Die Tiere sind über hundert Jahre alt; sie haben lange Zeit gehungert. Ich werde dich hinaufschaffen und an einen Baum hängen, so daß du lebendig über dem Loche schwebst. Die Krokodile werden emporschnellen nach dir, dich aber nicht ganz erreichen. Sie werden sich um dich zerreißen; du wirst ihren stinkenden Dunst einatmen und lange Tage und Nächte über ihnen hängen, denn der Strick geht dir nicht um den Hals. So wirst du hängen in der Sonnenglut, so wirst du verschmachten, verhungern und verdursten, und dann erst, wenn dein Leichnam zu Aas verfault, wirst du herabstürzen und von Alligatoren gefressen werden.«
Alfonzo hörte diese Worte mit unbeschreiblichem Entsetzen; seine Zunge war bewegungslos; sie lag ihm vor Furcht wie Blei im Munde; er konnte keine Bitte um Gnade aussprechen.
»Nur ein offenes Geständnis kann dieses Schicksal mildern,« fuhr der Indianer fort. »Also rede! Hast du meiner Schwester das Geheimnis entlockt?«
»Ja,« stieß der Gefragte hervor.
»Wo hattest du deine Zusammenkünfte mit ihr?«
»Bei den Oliven am Bache, hinter der Hacienda.«
»Wann hat sie dir das Geheimnis verraten?« war die fernere Frage des Indianers.
»Gestern abend,« lautete die Antwort.
»Bist du allein hier?«
»Nein, ich bin von achtzehn Mexikanern begleitet.«
»Ah, sie sollten dir helfen, diese Schätze fortzuschaffen, und du hast ihnen das Geheimnis mitgeteilt?«
»Sie wissen nicht, was sie transportieren sollten, und kennen auch die Höhle nicht.«
»Wo sind sie?«
»Sie halten eine Strecke von hier, deren Entfernung unbedeutend ist.«
»Gut! Dieser Mann hier bleibt jetzt liegen; du aber wirst mir folgen. Ich binde und fessele dich nicht, denn du kannst mir nicht entgehen. Du bist ein Wurm, den ich mit einem einzigen Griffe zermalme. Komm, und folge mir!«
»Was wirst du mit mir thun?« fragte Alfonzo voller Angst.
»Das wirst du erfahren!«
»Töte mich lieber gleich hier!«
»Pah! Du hast die Tochter der Miztecas getäuscht; du wirst das sühnen müssen.«
»Wodurch?«
»Dadurch, daß du sie zum Weibe machst.«
»O, das werde ich thun!« rief Alfonzo schnell.
»Ah!« lachte der Indianer grimmig. »Du hältst dich für gerettet! Täusche dich nicht. Du wirst Karja zum Weibe nehmen; sie wird Gräfin de Rodriganda de Sevilla werden; aber du wirst sie nicht anrühren dürfen. Komm, und folge mir!«
Er faßte ihn beim Arme und zog ihn nach dem Ausgange. Dort ging er mit ihm in das Wasser und schob ihn, ohne die Faust von ihm zu lassen, an das Tageslicht.
Es war, als ob durch das erneute Wasserbad und durch den Eindruck des Morgenlichtes der Bann von Alfonzo vertrieben werde. Er atmete tief und leichter auf und fragte sich im stillen, ob er nicht vielleicht doch noch Hoffnung hegen dürfe.
»Wo ist dein Pferd?« fragte Büffelstirn.
»Dort rechts hängt es an einem Eisenbaum.«
»Und wo sind die Mexikaner?«
»Hinter jenem Hügel zurück.«
»So komm zu deinem Pferde!«
Er schritt mit ihm dem Orte zu, welchen Alfonzo angedeutet hatte. Kaum jedoch waren sie zwischen den Büschen hervorgetreten, so erblickten sie die Mexikaner, welche kaum dreißig Schritte entfernt von ihnen zu Pferde hielten.
»Hund, du hast mich belogen!« rief der Indianer, indem er ihn beim Halse packte.
»Zu Hilfe!« schrie Alfonzo, der sich loszumachen versuchte.
»Hier hast du Hilfe!« antwortete der Indianer.
Er schlug ihm die Faust auf den Kopf, daß er zusammenbrach, sah sich aber auch bereits von den Mexikanern umringt, welche allerdings noch nicht zu den Waffen griffen, weil sie überzeugt waren, daß dieser eine Mann ihnen gar nicht entgehen könne.
Darin hatten sie sich nun freilich getäuscht. Er hatte seine Schießwaffen beim Pferde gelassen, weil sie durch das Wasser gelitten haben würden, aber er hatte sein gutes Messer im Gürtel. Mit einem blitzesschnellen Sprunge saß er hinter dem Anführer auf dessen Pferde, zog sein Messer und stieß es ihm in die Brust. Im nächsten Augenblicke flog er von dannen, aber nicht in der Gegend nach der Hacienda zu. Er durfte den Berg des Geheimnisses nicht verlassen, um die Höhle nicht preiszugeben. Darum sprengte er geradeswegs der kleinen Schlucht zu, in welcher die beiden Pferde standen. Sie bot ihm eine Festung, in welcher er vor den Feinden sicher war.
Die Mexikaner hielten da, einige Augenblicke ganz perplex über den unvermuteten und so erfolgreichen Angriff auf ihren Anführer; dann aber erhoben sie ein wildes Geheul und sprengten hinter dem Flüchtigen her. Das war ein unverzeihlicher Fehler von ihnen. Hätten sie in ruhiger Haltung nach ihren Gewehren gegriffen, so konnte er ihren Kugeln nicht entgehen, nun aber schossen sie zwar ihre Gewehre ab, aber sie konnten im Galoppieren nicht sicher zielen, und so gingen die Schüsse verloren.
Da sahen sie, daß sich der Indianer plötzlich vom Pferde warf und links in die Büsche eindrang, während er das Tier laufen ließ.
»Hurra, ihm nach! Rächt den Kapitano!«
So riefen die Mexikaner. Auch sie sprangen von den Pferden und stürmten auf die Büsche zu, hinter denen der Cibolero verschwunden war. Kaum aber hatten die Vordersten ihren Fuß zwischen die Sträucher gesetzt, so krachte ihnen ein Schuß entgegen, noch einer, ein dritter und vierter -vier Männer lagen tot am Boden. Die andern wichen schnell zurück.
»Verdammt!« rief einer. »Er hat vier Gewehre gehabt!«
»Hinein, ehe er wieder ladet!« meinte ein andrer.
»Nein, geht zur Seite!« sagte ein dritter. »Diese Schlucht ist steil; er kann nur hier wieder heraus!«
Während sie seitwärts hielten und berieten, hatte der Indianer Zeit, seine und des Deutschen Büchse wieder zu laden. Er kroch mit den beiden Gewehren so weit wie möglich vor, bis er ein gutes Ziel bekam, dann drückte er los. Ehe die Mexikaner weit genug zurückgewichen waren, hatten sie wieder vier der Ihrigen verloren; es waren also von der Hand des kühnen Cibolero neun gefallen.
Aber es drohte ihnen noch eine andre, ebenso große Gefahr.
Der Apatsche mit seinen zehn Vaqueros und Ciboleros hätte nämlich schon längst hier sein können, aber die Indianerin hatte sich in der Finsternis geirrt. Auf diese Weise war ein nicht unbedeutender Umweg entstanden, so daß der kleine Trupp erst nach Alfonzo und seinen Mexikanern anlangte.
»Hier ist der Bach,« sagte Karja zu Bärenherz. »Wir werden gleich an der Höhle sein.«
Der Apatsche ließ seine Augen aufmerksam umherschweifen.
»Ugh!« rief er aus und deutete nach den Spuren, welche zu sehen waren.
Ein Vaquero sprang ab und suchte am Boden.
»Das waren nicht zwei, sondern das sind viele gewesen,« sagte er.
»Der Graf mit seinen Leuten,« sagte Bärenherz kurz, indem er sein Pferd wieder in Bewegung setzte.
Bald jedoch blieb er wieder halten.
»Ugh!« rief er abermals.
Er deutete vorwärts, wo ein menschlicher Körper lag. Sofort sprangen mehrere der Vaqueros von den Pferden, um denselben anzusehen.
»Der Graf! Graf Alfonzo!« meinten sie überrascht.
»Verwundet?« fragte der Apatsche.
»Man sieht keine Wunde.«
»Tot?«
»Es scheint so!«
Der Apatsche schüttelte geringschätzend den Kopf.
»Nicht tot,« sagte er. »Ein Hieb nur. Bindet ihn!«
Noch waren sie beschäftigt, den Bewußtlosen zu fesseln, als schnell hintereinander vier Schüsse fielen.
»Was ist das?« fragten die Vaqueros.
Bärenherz ritt zwischen die Büsche hinein und überblickte das jenseits des Baches liegende Terrain.
»Ugh!« rief er zum drittenmal.
Schnell waren die andern bei ihm.
»Ah, hier eine Leiche!« sagte ein Vaquero, auf den Körper des Anführers der Mexikaner deutend.
»Und dort noch mehrere,« sagte ein zweiter.
»Acht!« zählte der Apatsche. »Noch neun übrig. Absteigen!«
Er stieg mit den übrigen ab und nahm seine nie fehlende Büchse in die Hand.
»Alle erschießen!« gebot er.
Er zählte mit den Vaqueros und Ciboleros elf Personen. Sie alle legten an und zielten. Zehn Schüsse krachten zu gleicher Zeit; nur er hatte nicht geschossen, und das mit Vorbedacht. Von den neun Mexikanern stürzten sieben; zwei blieben unbeschädigt, und nun erst ließ Bärenherz seine Büchse reden. In zwei Sekunden waren auch die beiden letzten tot.
Nun rannten alle dahin, wo die Gefallenen lagen. Sie hatten den Ort noch nicht erreicht, so trat der Häuptling der Miztecas aus den Büschen heraus.
»Büffelstirn!« riefen die Vaqueros. »Wo ist Donnerpfeil?«
»Tot,« antwortete er.
»Wer hat ihn getötet?« fragte Bärenherz in einem Tone, dem man es anhörte, daß das Schicksal des Mörders bereits eine beschlossene Sache sei.
»Graf Alfonzo.«
»Wo?«
»Das kann ich hier nicht sagen,« antwortete Büffelstirn. »Aber, schnell zurück! Ich muß den Grafen haben!«
»Wir haben ihn!« sagte Bärenherz einfach.
»Wo?«
»Dort bei den Büschen.«
»Ist er gebunden?«
»Ja,« antwortete einer der Vaqueros.
Während die andern den gefallenen Mexikanern ihre Waffen nahmen und sich darein teilten, kehrten Büffelstirn, Bärenherz und Karja an den Ort zurück, an welchem Alfonzo lag. Dieser wurde nun genauer untersucht, und es fand sich, daß der Apatsche recht gehabt hatte: er war nur betäubt, aber nicht tot.
Büffelstirn hatte seine Schwester bis jetzt noch mit keinem Blicke beachtet; jetzt wendete er sich an den Apatschen:
»Will mein Bruder dafür sorgen, daß niemand an den Quell dieses Baches kommt?«
»Ja,« antwortete dieser.
»So werde ich bald zurückkehren.«
Er ging, um die Höhle wieder aufzusuchen. Als er sie erreichte, war die Fackel abgebrannt. Er steckte eine neue an und trat dann zu dem Deutschen. Er bemerkte sofort, daß dieser anders lag, als er ihn verlassen hatte, und beeilte sich infolgedessen, ihn nochmals zu untersuchen. Er fand zu seiner unaussprechlichen Freude, daß der Puls wieder ging. Der Deutsche mußte während dieser Zeit einmal für kurze Zeit zu sich gekommen sein und sich bewegt haben; jetzt aber lag er in vollständiger Lethargie. Der Indianer faßte ihn und schaffte ihn so sorgfältig und leicht wie möglich hinaus ins Freie. Als er ihn dort in das Gras legte, waren die Vaqueros soeben wieder erschienen. Sie alle hatten trotz der kurzen Zeit, welche sich Helmers auf der Hacienda befand, ihn alle lieb gewonnen und klagten laut und aufrichtig über ihn. Der Apatsche schlug mit der Hand auf die emporstehende Mündung seiner Büchse und sagte:
»Wenn mein weißer Bruder stirbt, dann wehe seinem Mörder! Die Vögel des Waldes sollen seinen Leib zerreißen. Shosh-in-liett, der Häuptling der Apatschen, hat es gesagt!«
»Mein Bruder soll mit zu Gerichte sitzen!« sagte Büffelstirn zu ihm.
Der Apatsche beugte sich über den Deutschen und untersuchte seinen Kopf.
»Es ist ein Keulenschlag,« sagte er. »Die Schale des Gehirns ist vielleicht verletzt. Man mache eine Bahre auf zwei Pferden, damit er nach der Hacienda geschafft werden kann.
Ich aber werde gehen, um das Kraut Oregano zu suchen, welches jede Wunde heilt und kein Fieber in dieselbe kommen läßt.«
Während nun die Hirten sich entfernten, um eine Bahre herzustellen und Bärenherz das Wundkraut suchte, blieb Büffelstirn mit seiner Schwester allein zurück.
»Du zürnest mir?« sagte sie leise.
Er blickte sie nicht an, aber er antwortete:
»Der gute Geist ist von der Tochter der Miztecas gewichen!«
»Er ging nur kurze Zeit von ihr,« sagte sie.
»Aber in dieser kurzen Zeit ist viel Trauriges geschehen. Der Graf versprach, dich zu seinem Weibe zu machen?«
»Ja.«
»Und das glaubtest du ihm?«
»Ja. Er gab mir eine Schrift, in welcher er es mir versprach.«
»Uff! Und diese Schrift hast du noch?«
»Sie liegt in meinem Zimmer.«
»Du wirst sie deinem Bruder geben?«
»Nimm sie! Wirst du mir verzeihen?« fragte sie zaghaft.
»Ich werde nur dann verzeihen, wenn du mir gehorchst.«
Ach werde gehorchen. Was soll ich thun?«
»Das wirst du später erfahren. Jetzt besteigest du das Pferd und reitest nach der Hacienda zurück, um mir alle Indianer, welche Kinder der Miztecas sind, hierher zu senden. Du sagst ihnen, daß Tecalto, ihr Fürst, ihrer bedarf. Sie werden alles andre im Stiche lassen und kommen.«
»Ich gehe schon.«
Mit diesen Worten bestieg sie das Pferd und sprengte davon.
Der Häuptling sah, daß dem Grafen die Besinnung zurückgekehrt war. Er blickte ihn mit verächtlichen Augen an und sagte:
»Das Bleichgesicht wird keine Gnade nun finden. Es hat gelogen.«
»Welche Lüge meinst du?« fragte der Gefesselte.
»Daß die Mexikaner hinter jenem Hügel seien.«
»Ich sagte die Wahrheit. Aber sie sind mir gefolgt, ohne daß ich es wußte.«
»Du riefst dann um Hilfe! Du hättest vielleicht Gnade gefunden, nun aber nicht!«
Er wandte sich stolz ab und würdigte den Gefangenen keines Blickes mehr. Bald kehrte Bärenherz zurück, legte die ausgedrückten Kräuter auf den Kopf des Deutschen und verband ihn.
Auch die Hirten waren fertig. Sie hatten aus Aesten und den Decken der getöteten Mexikaner eine sehr weiche und bequeme Tragbahre errichtet, welche auf zwei nebeneinander hergehende Pferde befestigt wurde. Darauf wurde Helmers gelegt.
»Was wird mit dem Grafen?« fragte einer der Vaqueros.
»Der gehört mir!« antwortete Büffelstirn. »Bringt Donnerpfeil nach der Hacienda. Bärenherz wird bei mir bleiben!«
Der Zug rückte ab. Die beiden Häuptlinge standen einige Zeit schweigend nebeneinander; dann löste Büffelstirn die Beinfesseln des Gefangenen, so daß dieser aufstehen konnte. Als dies geschehen war, band er ihn mit einem unzerreißbaren Riemen an den Schwanz seines Pferdes. Dann sagte er zu dem Apatschen:
»Mein Bruder folge mir!«
Beide stiegen auf und ritten davon. Es war für den Grafen keine Kleinigkeit, den beiden Reitern zu folgen; es war vielmehr der qualvollste Weg seines Lebens, den er gegangen war.
Büffelstirn hatte die Leitung übernommen. Er lenkte um den steil abfallenden Hang des Berges herum und dann die Anhöhe hinauf. In Zeit von einer Stunde hatten sie das Plateau des Höhenzuges erreicht, und nun ging es in den dichten Urwald hinein. Mitten in demselben lag, nach allen Seiten von fast undurchdringlichem Gestrüpp umgeben, die Ruine eines alten Aztekentempels. Dieser hatte aus einer abgestumpften Pyramide bestanden, welche von Vorhöfen rund umgeben gewesen war, um welche sich eine hohe Mauer zog. Jetzt lag alles in Schutt und Trümmern.
In einem dieser alten Vorhöfe hatte sich eine tiefe Lache gebildet, in welcher sich die Feuchtigkeit des Waldes sammelte. Dorthin führte der Indianer den Freund und den Gefangenen.
Die Lache war mit der Zeit zu einem Teiche, fast zu einem kleinen See geworden, bis zu dessen Ufer sich hohe Bäume heranzogen. Dort stiegen die beiden Häuptlinge ab. Der Mizteca setzte sich in das hohe Gras und winkte dem Apatschen, neben ihm Platz zu nehmen. Sie saßen nach Indianerart erst eine Weile schweigsam da; dann fragte Büffelstirn:
»Mein Bruder hat den Deutschen lieb, der Donnerpfeil genannt wird?«
»Ich liebe ihn!« antwortete der Apatsche kurz.
»Dieser Weiße wollte ihn töten.«
»Er ist sein Mörder, denn vielleicht stirbt unser Freund.«
»Was verdient ein Mörder?«
»Den Tod.«
»Er soll ihm werden!«
Wieder verging eine Weile in düsterem Schweigen; dann begann Büffelstirn von neuem:
»Mein Bruder kennt das Volk der Miztecas?«
»Er kennt es,« nickte Bärenherz.
»Es war das reichste Volk in Mexiko.«
»Ja, es hatte Schätze, die niemand messen konnte,« stimmte der Apatsche bei.
»Weiß mein Bruder, wohin die Schätze gekommen sind?«
»Er weiß es nicht.«
»Kann der Häuptling der Apatschen schweigen?«
»Sein Mund ist wie die Mauer des Felsens.«
»So soll er wissen, daß Büffelstirn der Hüter dieser Schätze ist.«
»Mein Bruder Büffelstirn mag diese Schätze verbrennen. Im Golde wohnt der böse Geist. Wenn die Erde von Gold wäre, würde Bärenherz lieber sterben als leben!«