Peter Camenzind

Hermann Hesse · Kapitel 2 von 12

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Peter Camenzind

Kapitel I

 

Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder,

Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in jedes

Kindes Seele täglich wieder.

Wie der See und die Berge und die Bäche meiner Heimat hießen, wußte ich

noch nicht. Aber ich sah die blaugrüne glatte Seebreite, mit kleinen Lichtern

durchwirkt, in der Sonne liegen und im dichten Kranz um sie die jähen Berge,

und in ihren höchsten Ritzen die blanken Schneescharten und kleinen, winzigen

Wasserfälle, und an ihrem Fuß die schrägen, lichten Matten, mit Obstbäumen,

Hütten und grauen Alpkühen besetzt. Und da meine arme, kleine Seele so leer

und still und wartend lag, schrieben die Geister des Sees und der Berge ihre

schönen kühnen Taten auf sie. Die starren Wände und Flühen sprachen trotzig

und ehrfürchtig von Zeiten, deren Söhne sie sind und deren Wundmale sie

tragen. Sie sprachen von damals, da die Erde barst und sich bog und aus ihrem

gequälten Leibe in stöhnender Werdenot Gipfel und Grate hervortrieb. Felsberge

drängten sich brüllend und krachend empor, bis sie ziellos vergipfelnd knickten,

Zwillingsberge rangen in verzweifelter Not um Raum, bis einer siegte und stieg

und den Bruder beiseite warf und zerbrach. Noch immer hingen von jenen

Zeiten her da und dort hoch in den Schlüften abgebrochene Gipfel,

weggedrängte und gespaltene Felsen, und in jeder Schneeschmelze führte der

Wassersturz hausgroße Blöcke nieder, zersplitterte sie wie Glas oder rannte sie

mit mächtigem Schlage tief in weiche Matten ein.

Sie sagten immer dasselbe, diese Felsberge. Und es war leicht sie zu

verstehen, wenn man ihre jähen Wände sah, Schicht um Schicht geknickt,

verbogen, geborsten, jede voll von klaffenden Wunden. „Wir haben

Schauerliches gelitten,“ sagten sie, „und wir leiden noch.“ Aber sie sagten es

stolz, streng und verbissen, wie alte unverwüstliche Kriegsleute.

Jawohl, Kriegsleute. Ich sah sie kämpfen, mit Wasser und Sturm, in den

schauerlichen Vorfrühlingsnächten, wenn der erbitterte Föhn um ihre alten

Häupter brüllte und wenn die Bachstürze frische, rohe Stücke aus ihren Flanken

rissen. Sie standen mit trotzig gestemmten Wurzeln in diesen Nächten, finster,

atemlos und verbissen, streckten dem Sturm die zerspaltenen Wetterwände und

Hörner entgegen und spannten alle Kraft in trotzig geduckter Sammlung zusammen. Und bei jeder Wunde ließen sie das grausige Rollen der Wut und

Angst vernehmen, und durch alle fernsten Rüfenen klang gebrochen und zornig

ihr schreckliches Stöhnen wieder.

Und ich sah Matten und Hänge und erdige Felsritzen mit Gräsern, Blumen,

Farnen und Moosen bedeckt, denen die alte Volkssprache merkwürdige,

ahnungsvolle Namen gegeben hatte. Sie lebten, Kinder und Enkel der Berge,

farbig und harmlos an ihren Stätten. Ich befühlte sie, betrachtete sie, roch ihren

Duft und lernte ihre Namen. Ernster und tiefer berührte mich der Anblick der

Bäume. Ich sah jeden von ihnen sein abgesondertes Leben führen, seine

besondere Form und Krone bilden und seinen eigenartigen Schatten werfen. Sie

schienen mir, als Einsiedler und Kämpfer, den Bergen näher verwandt, denn

jeder von ihnen, zumal die höher am Berge stehenden, hatte seinen stillen, zähen

Kampf um Bestand und Wachstum, mit Wind, Wetter und Gestein. Jeder hatte

seine Last zu tragen und sich festzuklammern, und davon trug jeder seine eigene

Gestalt und besondere Wunden. Es gab Föhren, denen der Sturm nur auf einer

einzigen Seite Äste zu haben erlaubte, und solche, deren rote Stämme sich wie

Schlangen um überhängende Felsen gebogen hatten, sodaß Baum und Fels eins

das andere an sich drückte und erhielt. Sie sahen mich wie kriegerische Männer

an und erweckten Scheu und Ehrfurcht in meinem Herzen.

Unsere Männer und Frauen aber glichen ihnen, waren hart, streng gefaltet und

wenig redend, die besten am wenigsten. Daher lernte ich die Menschen gleich

Bäumen oder Felsen anschauen, mir Gedanken über sie zu machen und sie nicht

weniger zu ehren und nicht mehr zu lieben als die stillen Föhren.

Unser Dörflein Nimikon liegt auf einer dreieckigen, zwischen zwei

Bergvorsprünge geklemmten schrägen Fläche am See. Ein Weg führt nach dem

nahen Kloster, ein zweiter nach einem viereinhalb Stunden entfernten

Nachbarort, die übrigen am See gelegenen Dörfer erreicht man zu Wasser.

Unsere Häuser sind im alten Holzstil erbaut und haben kein bestimmtes Alter, es

kommen fast niemals Neubauten vor und die alten Häuslein werden je nach

Bedürfnis stückweise repariert, dies Jahr die Diele, ein andermal ein Stück am

Dach, und mancher halbe Balken und manche Latte, die früher einmal etwa zur

Stubenwand gehört haben, findet man jetzt als Sparren im Dach und wenn sie

auch dazu nimmer dienen und doch noch zu gut zum Verbrennen sind, so

kommen sie das nächste mal beim Flicken des Stalls oder Heubodens oder als

Querlatte an der Haustüre zur Verwendung. Ähnlich ist es mit den darin

Wohnenden selber; jeder spielt so lang er kann seine Rolle mit, tritt dann

zögernd in den Kreis der Unbrauchbaren und taucht schließlich ins Dunkel unter,

ohne daß viel Aufsehens davon gemacht würde. Wer nach jahrelanger Fremde zu

uns heimkehrt, findet nichts verändert, als daß ein paar alte Dächer erneuert und ein paar neuere alt geworden sind; die Greise von ehemals sind zwar dahin, aber

es sind andere Greise da, welche die gleichen Hütten bewohnen, die gleichen

Namen tragen, dasselbe dunkelhaarige Kindervolk bewachen und an Gesicht und

Gebahren sich von den indessen Weggestorbenen kaum unterscheiden.

Unsrer Gemeinde mangelte eine häufigere Zufuhr frischen Blutes und Lebens

von außen her. Die Bewohner, ein leidlich rüstiges Geschlecht, sind fast alle

untereinander aufs engste verschwägert und reichlich drei Viertel tragen den

Namen Camenzind. Er füllt die Seiten des Kirchenbuchs und steht auf den

Kirchhofkreuzen, prangt an den Häusern in Ölfarbe oder in derber Schnitzarbeit

und ist auf den Wagen des Fuhrhalters, auf den Stalleimern und auf den

Seebooten zu lesen. Auch über meines Vaters Haustür stand gemalt: „Dieses

Haus haben gebauen Jost und Franziska Camenzind,“ doch ging das nicht

meinen Vater, sondern dessen Ahn, meinen Urgroßvater an; und wenn ich auch

vermutlich einmal sterben werde ohne Kinder dazulassen, so weiß ich doch, daß

wieder ein Camenzind das alte Nest besiedeln wird, wenn anders es bis dorthin

noch steht und ein Dach über hat.

Ungeachtet der scheinbaren Eintönigkeit gab es dennoch in unsrer

Bürgerschaft Böse und Gute, Vornehme und Geringe, Mächtige und Niedrige

und neben manchen Klugen eine ergötzliche kleine Sammlung von Narren, die

Kretins gar nicht mitgerechnet. Es war wie überall ein kleines Abbild der großen

Welt und da Große und Kleine, Schlaumeier und Narren unlöslich untereinander

verwandt und vervettert waren, traten sich strenger Hochmut und bornierter

Leichtsinn oft genug unter demselben Dach auf die Zehen, so daß unser Leben

für die Tiefe und Komik des Menschlichen hinreichenden Raum bot. Nur lag ein

ewiger Schleier von verheimlichter oder unbewußter Bedrücktheit darüber. Das

Abhängigsein von den Naturmächten und die Kümmerlichkeit eines

arbeitsvollen Daseins hatten im Verlauf der Zeiten unsrem ohnehin alternden

Geschlecht eine Neigung zum Tiefsinn eingegeben, der zu den scharfen,

schroffen Gesichtern zwar nicht übel paßte, sonst aber keinerlei Früchte zeitigte,

wenigstens keine erfreulichen. Eben darum war man froh an den paar Narren,

welche zwar noch still und ernsthaft genug waren, aber doch einige Farbe und

einige Gelegenheit zu Gelächter und Spott hereinbrachten. Wenn einer von ihnen

durch einen neuen Streich von sich reden machte, ging ein frohes Wetterleuchten

über die faltigen, braunen Gesichter der Söhne Nimikons und zur Lust am Spaße

selber kam noch als feine pharisäische Würze der Genuß der eigenen

Überlegenheit, welche vor Vergnügen schnalzte im Gefühl, vor solchen Irrungen

oder Fehltritten sicher zu sein. Zu jenen Vielen, die in der Mitte zwischen

Gerechten und Sündern standen und von beiden gern das Annehmliche

mitgenossen hätten, gehörte auch mein Vater. Es wurde kein Narrenstreich reif, der ihn nicht mit seliger Unruhe erfüllt hätte, und er schwankte alsdann zwischen

der teilnehmenden Bewunderung für den Anstifter und dem feisten Bewußtsein

der eigenen Makellosigkeit possierlich hin und wider.

Zu den Narren selbst gehörte mein Oheim Konrad, ohne daß er deshalb etwa

meinem Vater und anderen Helden an Verstand etwas nachgegeben hätte.

Vielmehr war er ein Schlaukopf und ward von einem ruhelosen Erfindungsgeist

umgetrieben, um den die andern ihn ruhig hätten beneiden dürfen. Aber freilich

glückte ihm nichts. Daß er, statt darüber den Kopf hängen zu lassen und tatlos

tiefsinnig zu werden, immer wieder Neues begann und dabei ein merkwürdig

lebhaftes Gefühl für das Tragikomische seiner eigenen Unternehmungen hatte,

war gewiß ein Vorzug, wurde ihm aber als lächerliche Sonderbarkeit

angeschrieben, kraft welcher man ihn zu den unbesoldeten Hanswürsten der

Gemeinde zählte. Meines Vaters Verhältnis zu ihm war ein dauerndes hin und

her zwischen Bewunderung und Verachtung. Jedes neue Projekt seines

Schwagers versetzte ihn in eine gewaltige Neugierde und Aufregung, die er

vergebens hinter lauernd ironischen Fragen und Anspielungen zu verstecken

trachtete. Wenn dann der Oheim seines Erfolges sicher zu sein glaubte und den

Großartigen zu spielen begann, ließ er sich jedesmal hinreißen und schloß sich

dem Genialen in spekulierender Brüderlichkeit an, bis der unvermeidliche

Mißerfolg da war, über den der Oheim die Achseln zuckte, während der Vater im

Zorn ihn mit Hohn und Beleidigung übergoß und monatelang keines Blickes und

Wortes mehr würdigte.

Konrad war es, dem unser Dorf den ersten Anblick eines Segelboots

verdankte, und meines Vaters Nachen hat dazu herhalten müssen. Das Segel-

und Seilwerk war vom Oheim nach Kalenderholzschnitten sauber ausgeführt

und daß unser Schifflein für ein Segelboot zu schmal gebaut war, ist am Ende

nicht Konrads Schuld gewesen. Die Vorbereitungen dauerten wochenlang, mein

Vater wurde vor Spannung, Hoffnung und Angst schier zu Quecksilber und auch

das übrige Dorf sprach von nichts soviel wie von Konrad Camenzinds neuestem

Vorhaben. Es war ein denkwürdiger Tag für uns, als das Boot an einem windigen

Spätsommermorgen zum erstenmal in See gehen sollte. Mein Vater, in scheuer

Ahnung einer möglichen Katastrophe, hielt sich fern und hatte auch mir zu

meiner großen Betrübnis das Mitfahren verboten. Der Sohn des Bäckers Füßli

begleitete den Segelkünstler allein. Aber das ganze Dorf stand auf unserem

Kiesplatz und in den Gärtchen und wohnte dem unerhörten Spektakel bei.

Seeabwärts blies ein flotter Ostwind. Zu Anfang mußte der Beck rudern, bis das

Boot in die Bise geriet, sein Segel blähte und stolz davonjagte. Wir sahen es

bewundernd um den nächsten Bergvorsprung entschwinden und richteten uns

darauf ein, den schlauen Oheim bei seiner Heimkehr als Sieger zu begrüßen und uns unserer höhnischen Aftergedanken zu schämen. Als jedoch in der Nacht das

Boot zurückkehrte, hatte es kein Segel mehr, die Schiffer waren mehr tot als

lebendig und der Bäckerssohn hustete und meinte: „Ihr seid um ein

Hauptvergnügen gekommen, leichtlich hätte es auf den Sonntag zwei

Leichenschmäuse geben können.“ Mein Vater mußte zwei neue Planken in den

Nachen basteln, und seither hat sich nie wieder ein Segel in der blauen Fläche

gespiegelt. Dem Konrad rief man noch lange, so oft er irgend etwas eilig hatte,

nach: „Mußt Segel nehmen, Konrad!“ Mein Vater fraß den Ärger in sich hinein

und lange Zeit, so oft der arme Schwager ihm begegnete, sah er beiseite und

spuckte in großen Bogen aus, zum Zeichen unaussprechlicher Verachtung. Das

dauerte so lang, bis Konrad eines Tags mit seinem feuersicheren

Backofenprojekt bei ihm vorsprach, welches dem Erfinder unendlichen Spott auf

den Hals brachte und meinen Vater auf vier bare Taler zu stehen kam. Wehe

dem, der ihn an diese Viertalergeschichte zu erinnern wagte! Lange später, als

einmal wieder Not im Hause war, sagte die Mutter einmal so beiläufig, es wäre

doch gut wenn jetzt das sündlich verdubelte Geld noch da wäre. Der Vater wurde

dunkelrot bis an den Hals, aber er bezwang sich und sagte nur: „Ich wollt’, ich

hätt’ es an einem einzigen Sonntag versoffen.“

Am Ende jedes Winters kam der Föhn mit seinem tieftönigen Gebrause, das

der Älpler mit Zittern und Entsetzen hört und nach welchem er in der Fremde

mit verzehrendem Heimweh dürstet.

Wenn der Föhn nahe ist, spüren ihn viele Stunden voraus Männer und Weiber,

Berge, Wild und Vieh. Sein Kommen, welchem fast immer kühle Gegenwinde

vorausgehen, verkündigt ein warmes, tiefes Sausen. Der blaugrüne See wird in

ein paar Augenblicken tinteschwarz und setzt plötzlich hastige, weiße

Schaumkronen auf. Und bald darauf donnert er, der noch vor Minuten unhörbar

friedlich lag, mit erbitterter Brandung wie ein Meer ans Ufer. Zugleich rückt die

ganze Landschaft ängstlich nah zusammen. Auf Gipfeln, die sonst in entrückter

Ferne brüteten, kann man jetzt die Felsen zählen und von Dörfern, die sonst nur

als braune Flecken im Weiten lagen, unterscheidet man jetzt Dächer, Giebel und

Fenster. Alles rückt zusammen, Berge, Matten und Häuser, wie eine furchtsame

Herde. Und dann beginnt das grollende Sausen, das Zittern im Boden.

Aufgepeitschte Seewellen werden streckenweit wie Rauch durch die Luft

dahingetrieben, und fortwährend, zumal in den Nächten, hört man den

verzweifelten Kampf des Sturmes mit den Bergen. Eine kleine Zeit später redet

sich dann die Nachricht von verschütteten Bächen, zerschlagenen Häusern,

zerbrochenen Kähnen und vermißten Vätern und Brüdern durch die Dörfer.

In Kinderzeiten fürchtete ich den Föhn und haßte ihn sogar. Mit dem

Erwachen der Knabenwildheit aber bekam ich ihn lieb, den Empörer, den Ewigjungen, den frechen Streiter und Bringer des Frühlings. Es war so herrlich,

wie er voll Leben, Überschwang und Hoffnung seinen wilden Kampf begann,

stürmend, lachend und stöhnend, wie er heulend durch die Schluchten hetzte,

den Schnee von den Bergen fraß und die zähen alten Föhren mit rauhen Händen

bog und zum Seufzen brachte. Später vertiefte ich meine Liebe und begrüßte nun

im Föhn den süßen, schönen, allzureichen Süden, welchem immer wieder

Ströme von Lust, Wärme und Schönheit entquellen, um sich an den Bergen zu

zersprengen und endlich im flachen, kühlen Norden ermüdet zu verbluten. Es

gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süße Föhnfieber, das in der

Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich die Frauen überfällt, den

Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. Das ist der Süden, der sich dem

spröden, ärmeren Norden immer wieder stürmisch und lodernd an die Brust wirft

und den verschneiten Alpendörfern verkündigt, daß jetzt an den nahen,

purpurnen Seen Welschlands schon wieder Primeln, Narzissen und

Mandelzweige blühen.

Alsdann, wenn der Föhn verblasen hat und die letzten schmutzigen Lawinen

zerlaufen sind, dann kommt das Schönste. Dann recken sich berghinan auf allen

Seiten die beblümten gelblichen Matten, rein und selig stehen die Schneegipfel

und Gletscher in ihren Höhen und der See wird blau und warm und spiegelt

Sonne und Wolkenzüge wieder.

Alles dieses kann schon eine Kindheit und zur Not auch ein Leben erfüllen.

Denn alles dieses redet laut und ungebrochen die Sprache Gottes, wie sie nie

über eines Menschen Lippen kam. Wer sie so in seiner Kindheit vernommen hat,

dem tönt sie sein Leben lang nach, süß und stark und furchtbar, und ihrem Bann

entflieht er nie. Wenn einer in den Bergen heimisch ist, der kann jahrelang

Philosophie oder historia naturalis studieren und mit dem alten Herrgott

aufräumen, — wenn er den Föhn wieder einmal spürt oder hört eine Laue

durch’s Holz brechen, so zittert ihm das Herz in der Brust und er denkt an Gott

und ans Sterben.

An meines Vaters Häuschen grenzte ein umzäunter, winziger Garten. Es

gedieh dort ein herber Salat, Rüben und Kohl, außerdem hatte die Mutter eine

rührend schmale, dürftige Rabatte für Blumen angelegt, in welcher zwei

Monatrosenstöcke, ein Georginenbusch und eine Handvoll Reseden

hoffnungslos und kümmerlich verschmachteten. An den Garten stieß ein noch

kleinerer, kiesiger Platz, welcher bis zum See reichte. Dort standen zwei

beschädigte Fässer, einige Bretter und Pfähle, und unten im Wasser lag unser

Weidling angebunden, welcher damals noch alle paar Jahre neu geflickt und

geteert wurde. Die Tage, an denen dies geschah, sind mir fest im Gedächtnis

geblieben. Es waren warme Nachmittage im Vorsommer, über dem Gärtchen taumelten die schwefelgelben Citronenfalter in der Sonne, der See war ölglatt,

blau und still und leise schillernd, die Berggipfel dünn umdünstet, und auf dem

kleinen Kiesplatz roch es gewaltig nach Pech und Ölfarbe. Auch nachher duftete

der Nachen noch den ganzen Sommer hindurch nach Teer. So oft ich, viele Jahre

später, irgendwo am Meere den eigentümlich aus Wassergeruch und Teerbrodem

gemischten Duft in die Nase bekam, trat mir sogleich unser Seeplätzlein vor’s

Auge, und ich sah wieder den Vater in Hemdärmeln mit dem Pinsel hantieren,

sah die bläulichen Wölkchen aus seiner Pfeife in die stillen Sommerlüfte steigen

und die blitzgelben Falter ihre unsicheren, scheuen Flüge tun. An solchen Tagen

zeigte mein Vater eine ungewöhnlich behagliche Laune, pfiff Triller, was er

vortrefflich konnte, und gab vielleicht sogar einen einzelnen kurzen Jodler von

sich, diesen jedoch nur halblaut. Die Mutter kochte alsdann etwas Gutes auf den

Abend und ich denke mir jetzt, sie tat es in der stillen Hoffnung, Camenzind

möchte diesen Abend nicht ins Wirtshaus gehen. Er ging aber doch.

Daß die Eltern die Entwicklung meines jungen Gemütes sonderlich gefördert

oder gestört hätten, kann ich nicht sagen. Die Mutter hatte immer beide Hände

voll Arbeit und mein Vater hatte sich gewiß mit nichts auf der Welt so wenig

beschäftigt als mit Erziehungsfragen. Er hatte genug zu tun, seine paar

Obstbäume kümmerlich im Stand zu halten, das Kartoffeläckerlein zu bestellen

und nach dem Heu zu sehen. Ungefähr alle paar Wochen aber nahm er mich

abends, ehe er ausging, bei der Hand und verschwand stillschweigend mit mir

auf den über dem Stall gelegenen Heuboden. Dort vollzog sich alsdann ein

seltsamer Straf- und Sühneakt: ich bekam eine Tracht Prügel, ohne daß der Vater

oder ich selbst genauer gewußt hätte wofür. Es waren stille Opfer am Altar der

Nemesis und sie wurden ohne Schelten seinerseits oder Geschrei meinerseits

dargebracht, als schuldiger Tribut an eine geheimnisvolle Macht. Immer wenn

ich in späteren Jahren einmal vom „blinden Schicksal“ reden hörte, fielen diese

mysteriösen Szenen mir wieder ein und schienen mir eine überaus plastische

Darstellung jenes Begriffs zu sein. Ohne es zu wissen, befolgte mein guter Vater

dabei die schlichte Pädagogik, die das Leben selbst an uns zu üben pflegt, indem

es uns hie und da aus heiteren Lüften ein Donnerwetter sendet, wobei es uns

überlassen bleibt nachzusinnen, durch was für Missetaten wir eigentlich die

oberen Mächte herausgefordert haben. Leider stellte dies Nachsinnen bei mir

sich nie oder nur selten ein, vielmehr nahm ich jene ratenweise Züchtigung ohne

die wünschenswerte Selbstprüfung gelassen oder auch trotzig hin und freute

mich an solchen Abenden stets, nun wieder meinen Zoll entrichtet und ein paar

Wochen Strafpause vor mir zu haben. Viel selbständiger trat ich den Versuchen

meines Alten, mich zur Arbeit anzuleiten, entgegen. Die unbegreifliche und

verschwenderische Natur hatte in mir zwei widerstrebende Gaben vereinigt: eine ungewöhnliche Körperkraft und eine leider nicht geringere Arbeitsscheu. Der

Vater gab sich alle Mühe einen brauchbaren Sohn und Mithelfer aus mir zu

machen, ich aber drückte mich mit allen Chikanen um die mir auferlegten

Arbeiten und noch als Gymnasiast hatte ich für keinen der antiken Heroen so

viel Mitgefühl wie für Herakles, da er zu jenen berühmten, lästigen Arbeiten

gezwungen ward. Einstweilen kannte ich nichts Schöneres als mich auf Felsen

und Matten oder am Wasser müßiggängerisch herumzutreiben.

Berge, See, Sturm und Sonne waren meine Freunde, erzählten mir und

erzogen mich und waren mir lange Zeit lieber und bekannter als irgend

Menschen und Menschenschicksale. Meine Lieblinge aber, die ich dem

glänzenden See und den traurigen Föhren und sonnigen Felsen vorzog, waren

die Wolken.

Zeigt mir in der weiten Welt den Mann, der die Wolken besser kennt und mehr

lieb hat als ich! Oder zeigt mit das Ding in der Welt, das schöner ist als Wolken

sind! Sie sind Spiel und Augentrost, sie sind Segen und Gottesgabe, sie sind

Zorn und Todesmacht. Sie sind zart, weich und friedlich wie die Seelen von

Neugeborenen, sie sind schön, reich und spendend wie gute Engel, sie sind

dunkel, unentrinnbar und schonungslos wie die Sendboten des Todes. Sie

schweben silbern in dünner Schicht, sie segeln lachend weiß mit goldenem

Rand, sie stehen rastend in gelben, roten und bläulichen Farben. Sie schleichen

finster und langsam wie Mörder, sie jagen sausend kopfüber wie rasende Reiter,

sie hängen traurig und träumend in bleichen Höhen wie schwermütige

Einsiedler. Sie haben die Formen von seligen Inseln und die Formen von

segnenden Engeln, sie gleichen drohenden Händen, flatternden Segeln,

wandernden Kranichen. Sie schweben zwischen Gottes Himmel und der armen

Erde als schöne Gleichnisse aller Menschensehnsucht, beiden angehörig —

Träume der Erde, in welchen sie ihre befleckte Seele an den reinen Himmel

schmiegt. Sie sind das ewige Sinnbild alles Wanderns, alles Suchens, Verlangens

und Heimbegehrens. Und so wie sie zwischen Erde und Himmel zag und

sehnend und trotzig hängen, so hängen zag und sehnend und trotzig die Seelen

der Menschen zwischen Zeit und Ewigkeit.

O, die Wolken, die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein unwissendes

Kind und liebte sie, schaute sie an und wußte nicht, daß auch ich als eine Wolke

durch’s Leben gehen würde — wandernd, überall fremd, schwebend zwischen

Zeit und Ewigkeit. Von Kinderzeiten her sind sie mir liebe Freundinnen und

Schwestern gewesen. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so nicken wir

einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug’ in Auge. Auch

vergaß ich nicht, was ich damals von ihnen lernte: ihre Formen, ihre Farben, ihre

Züge, ihre Spiele, Reigen, Tänze und Rasten, und ihre seltsam irdisch-himmlischen Geschichten.

Namentlich die Geschichte der Schneeprinzessin. Ihr Schauplatz ist das

mittlere Gebirg, im Vorwinter, bei warmem Unterwind. Die Schneeprinzessin

erscheint mit kleinem Gefolge, aus gewaltiger Höhe kommend, und sucht sich

einen Rastort in weiten Bergmulden oder auf einer breiten Kuppe aus. Neidisch

sieht die falsche Bise die Arglose sich lagern, leckt heimlich gierend am Berg

empor und überfällt sie plötzlich wütend und tosend. Sie wirft der schönen

Prinzessin zerfetzte schwarze Wolkenlappen entgegen, höhnt sie, krakehlt sie an,

möchte sie verjagen. Eine Weile ist die Prinzessin unruhig, wartet, duldet, und

manchmal steigt sie kopfschüttelnd, leise und höhnisch wieder in ihre Höhe

zurück. Manchmal aber sammelt sie plötzlich ihre geängsteten Freundinnen um

sich her, enthüllt ihr blendend fürstliches Angesicht und weist den Kobold mit

kühler Hand zurück. Er zaudert, heult, flieht. Und sie lagert sich still, hüllt ihren

Sitz weitum in blassen Nebel, und wenn der Nebel sich verzogen hat, liegen

Mulden und Kuppel klar und glänzend mit reinem, weichem Neuschnee bedeckt.

In dieser Geschichte war so etwas Nobles, etwas von Seele und Triumph der

Schönheit, das mich entzückte und mein kleines Herz wie ein frohes Geheimnis

bewegte.

Bald kam auch die Zeit, daß ich mich den Wolken nähern, zwischen sie treten

und manche aus ihrer Schaar von oben betrachten durfte. Ich war zehn Jahr alt,

als ich den ersten Gipfel erstieg, den Sennalpstock, an dessen Fuß unser Dörflein

Nimikon liegt. Da sah ich denn zum erstenmal die Schrecken und die

Schönheiten der Berge. Tiefgerissene Schluchten, voll von Eis und

Schneewasser, grüngläserne Gletscher, scheußliche Muränen, und über allem

wie ein Glocke hoch und rund der Himmel. Wenn einer zehn Jahre lang

zwischen Berg und See geklemmt gelebt hat und rings von nahen Höhen eng

umdrängt war, dann vergißt er den Tag nicht, an dem zum erstenmal ein großer,

breiter Himmel über ihm und vor ihm ein unbegrenzter Horizont lag. Schon

beim Aufstieg war ich erstaunt, die mir von unten her wohlbekannten Schroffen

und Felswände so überwältigend groß zu finden. Und nun sah ich, vom

Augenblick ganz bezwungen, mit Angst und Jubel plötzlich die ungeheure Weite

auf mich herein dringen. So fabelhaft groß war also die Welt! Unser ganzes

Dorf, tief unten verloren liegend, war nur noch ein kleiner heller Fleck. Gipfel,

die man vom Tale aus für eng benachbart hielt, lagen viele Stunden weit

auseinander.

Da fing ich an zu ahnen, daß ich nur erst ein schmales Blinzeln, noch kein

gediegenes Schauen von der Welt gehabt hatte und daß da draußen Berge stehen

und fallen und große Dinge geschehen konnten, von denen auch nicht die

leiseste Kunde je in unser abgetrenntes Bergloch kam. Zugleich aber zitterte etwas in mir gleich dem Zeiger des Kompasses mit unbewußtem Streben

mächtig jener großen Ferne entgegen. Und nun verstand ich auch die Schönheit

und Schwermut der Wolken erst ganz, da ich sah, in was für endlose Fernen sie

wanderten.

Meine beiden erwachsenen Begleiter lobten mein gutes Steigen, rasteten ein

wenig auf der eiskalten Kuppe und lachten über meine fassungslose Freude. Ich

aber, nachdem ich mit dem ersten großen Staunen fertig war, brüllte vor Lust

und Erregung laut wie ein Stier in die klaren Lüfte hinaus. Das war mein erstes,

unartikuliertes Lied an die Schönheit. Ich war auf einen dröhnenden Widerhall

gefaßt, aber mein Geschrei verklang in die ruhigen Höhen spurlos wie ein

schwacher Vogelpfiff. Da war ich sehr beschämt und hielt mich still.

Dieser Tag hatte irgend ein Eis in meinem Leben gebrochen. Denn nun kam

ein Ereignis um das andere. Zunächst nahm man mich des öfteren auf

Bergfahrten mit, auch auf schwierigere, und ich drang mit sonderbar

beklommener Wollust in die großen Geheimnisse der Höhen ein. Darauf ward

ich zum Gaishirten ernannt. An einer von den Halden, wohin ich gewöhnlich

meine Tiere trieb, gab es einen windgeschützten Winkel, von kobaltblauem

Enzian und hellrotem Steinbrech überwuchert, das war mir der liebste Platz in

der Welt. Das Dorf war von dort aus unsichtbar und auch vom See war nur über

Felsen weg ein schmaler, blanker Streifen zu erblicken, dafür brannten die

Blumen in lachend frischen Farben, der blaue Himmel lag wie ein Zeltdach auf

den spitzigen Schneegipfeln und neben dem feinen Geläut der Ziegenglocken

tönte ununterbrochen der nicht weit entfernte Wasserfall. Dort lag ich in der

Wärme, staunte den weißen Wölklein nach und jodelte halblaut vor mich hin, bis

die Gaisen meine Trägheit bemerkten und sich allerlei verbotene Streiche und

Lustbarkeiten leisten wollten. Es gab dabei gleich in den ersten Wochen einen

herben Riß in meine Phäakenherrlichkeit, als ich mit einer verlaufenen Gais

zusammen in eine Klamm abstürzte. Die Gais war tot und mir tat der Schädel

weh, außerdem ward ich jämmerlich geprügelt, lief meinen Alten davon und

ward unter Beschwörungen und Wehklagen wieder eingebracht.

Leichtlich hätten diese Abenteuer meine ersten und letzten sein können. Dann

wäre dies Büchlein ungeschrieben und manche andere Mühe und Torheit

ungeschehen geblieben. Ich hätte vermutlich irgend eine Base geheiratet oder

läge vielleicht auch irgendwo beiseit ins Gletscherwasser gefroren. Es wäre auch

nicht übel. Aber alles kam anders und es steht mir nicht zu das Geschehene mit

Ungeschehenem zu vergleichen.

Mein Vater tat jeweils ein wenig kleinen Dienst im Welsdörfer Kloster. Nun

war er einstmals krank und befahl mir ihn dort abzusagen. Das tat ich indessen

nicht, sondern entlehnte beim Nachbar Papier und Feder und schrieb einen manierlichen Brief an die Klosterbrüder, gab den der Botenfrau mit und ging auf

eigene Faust in den Berg.

Nächste Woche komme ich eines Tags nach hause, da sitzt ein Pater und

wartet auf denjenigen, der den schönen Brief geschrieben hat. Mir ward etwas

bänglich, aber er lobte mich und suchte meinen Alten zu bereden, daß er mich

bei ihm lernen lasse. Der Oheim Konrad war dazumal gerade wieder in Gunst

und wurde befragt. Natürlich war er sofort dafür entflammt, daß ich lernen und

später studieren und ein Gelehrter und Herr werden müsse. Der Vater ließ sich

überzeugen, und so gehörte nun auch meine Zukunft zu den gefährlichen

Oheimsprojekten, gleich dem feuersicheren Backofen, dem Segelschiff und den

vielen ähnlichen Phantastereien.

Es ging sogleich an ein gewaltiges Lernen, zumal in Lateinisch, biblischer

Geschichte, Botanik und Geographie. Mir machte das alles vielen Spaß und ich

dachte nicht daran, daß das welsche Zeug mich vielleicht Heimat und schöne

Jahre kosten könne. Das Lateinische allein tats auch nicht. Mein Vater hätte mich

zum Bauer gemacht, wenn ich auch die ganzen viri illustres vorwärts und

rückwärts auswendig gekonnt hätte. Aber der kluge Mann hatte mir auf den

Grund meines Wesens gesehen, wo als Schwerpunkt und Kardinaluntugend

meine unbesiegbare Trägheit hauste. Ich entrann, wo es nur gehen wollte, der

Arbeit und lief statt dessen den Bergen oder dem See nach oder lag seitwärts

versteckt an der Halde, las, träumte und faulenzte. In dieser Erkenntnis gab er

mich schließlich weg.

Dies ist eine Gelegenheit, ein kurzes Wort über meine Eltern zu sagen. Die

Mutter war ehedem schön gewesen, davon war aber nur der feste, grade Wuchs

und die anmutigen, dunklen Augen übrig geblieben. Sie war groß, überaus

kräftig, fleißig und still. Obwohl sie reichlich so klug wie der Vater und an

Körperkraft ihm überlegen war, herrschte sie doch nicht im Hause, sondern ließ

das Regiment ihrem Manne. Er war mittelgroß, hatte dünne und fast zarte

Glieder und einen hartnäckigen, schlauen Kopf mit einem Gesicht, das von

heller Farbe und ganz voll von kleinen, ungemein beweglichen Falten war. Dazu

kam eine kurze, senkrechte Stirnfalte. Sie verdunkelte sich, so oft er die Brauen

bewegte, und gab ihm ein grämlich leidendes Aussehen; es schien dann, als

versuche er sich auf etwas sehr Wichtiges zu besinnen und sei selber ohne

Hoffnung je darauf zu kommen. Man hätte eine gewisse Melancholie an ihm

wahrnehmen können, aber niemand achtete darauf, denn die Bewohner unsrer

Gegend sind fast alle von einer stetigen, leichten Trübe des Gemüts befangen,

dessen Ursache die langen Winter, die Gefahren, das mühselige

Sichdurchschlagen und die Abgeschlossenheit vom Weltleben sind.

Von beiden Eltern habe ich wichtige Stücke meines Wesens übernommen. Von der Mutter eine bescheidene Lebensklugheit, ein Stück Gottvertrauen und ein

stilles, wenig redendes Wesen. Vom Vater hingegen eine Ängstlichkeit vor festen

Entschließungen, die Unfähigkeit mit Geld zu wirtschaften und die Kunst viel

und mit Überlegung zu trinken. Letzteres zeigte sich aber an mir in jenem zarten

Alter noch nicht. Äußerlich hab ich vom Vater die Augen und den Mund, von

der Mutter den schweren, dauerhaften Gang und Körperbau und die zähe

Muskelkraft. Vom Vater und von unserer Rasse überhaupt bekam ich ins Leben

zwar einen bauernschlauen Verstand, aber auch das trübe Wesen und den Hang

zu grundloser Schwermut mit. Da mir bestimmt war mich lange außerhalb der

Heimat bei Fremden herumzuschlagen, wäre es schon besser gewesen, statt

dessen einige Beweglichkeit und etlichen frohen Leichtsinn mitzubringen.

So ausgestattet und mit einem neuen Kleide versorgt trat ich die Reise ins

Leben an. Die elterlichen Gaben haben sich bewährt, denn ich ging und stand in

der Welt seither auf eigenen Füßen. Dennoch muß irgend etwas gefehlt haben,

das auch die Wissenschaft und das Weltleben mir nimmer einbrachte. Denn ich

kann heute noch wie je einen Berg zwingen, zehn Stunden marschieren oder

rudern und nötigenfalls einen Mann freihändig erschlagen, zum Lebenskünstler

aber fehlt mir heute noch so viel wie damals. Der frühe einseitige Umgang mit

der Erde und ihren Pflanzen und Tieren hatte wenig soziale Fähigkeiten in mir

aufkommen lassen und noch jetzt sind meine Träume ein merkwürdiger Beweis

dafür, wie sehr ich leider einem rein animalischen Leben zuneige. Ich träume

nämlich sehr oft, ich liege am Meeresstrand als Tier, zumeist als Seehund, und

empfinde dabei ein so gewaltiges Wohlbehagen, daß ich beim Erwachen den

Wiederbesitz meiner Menschenwürde keineswegs freudig oder mit Stolz,

sondern lediglich mit Bedauern wahrnehme.

Ich ward in üblicher Weise mit Freiplatz und Freitisch an einem Gymnasium

erzogen und war zum Philologen bestimmt. Niemand weiß, warum. Es gibt kein

unnützeres und langweiligeres Fach und keines, das mir ferner lag.

Die Schülerjahre gingen mir rasch dahin. Zwischen Balgereien und Schule

kamen Stunden voll Heimweh, Stunden voll frecher Zukunftsträume, Stunden

voll ehrfürchtiger Anbetung der Wissenschaft. Zwischenein trat auch hier meine

angeborene Trägheit hervor, trug mir allerlei Ärger und Strafen ein und wich

dann irgend einem neuen Enthusiasmus.

„Peter Camenzind,“ sprach mein Griechischlehrer, „du bist ein Trotzkopf und

Einspänner und wirst dir noch einmal den harten Schädel einrennen.“ Ich

betrachtete den feisten Brillenträger, hörte seine Rede an und fand ihn komisch.

„Peter Camenzind,“ sprach der Mathematiklehrer, „du bist ein Genie im

Faullenzen und ich bedaure, daß es kein niedrigeres Zeugnis gibt als Null. Ich

schätze deine heutige Leistung auf minus zweieinhalb.“ Ich sah ihn an, bedauerte ihn da er schielte, und fand ihn sehr langweilig.

„Peter Camenzind,“ sagte einmal der Geschichtsprofessor, „du bist kein guter

Schüler, aber du wirst trotzdem einmal ein guter Historiker werden. Du bist faul,

aber du weißt Großes und Kleines zu unterscheiden.“

Auch das war mir nicht extra wichtig. Dennoch hatte ich vor den Lehrern

Respekt, denn ich dachte sie seien im Besitze der Wissenschaft, und vor der

Wissenschaft empfand ich eine dunkle, gewaltige Ehrfurcht. Und obschon über

meine Faulheit alle Lehrer einig waren, kam ich doch vorwärts und hatte meinen

Platz über der Mitte. Daß die Schule und die Schulwissenschaft ein

unzulängliches Stückwerk war, merkte ich wohl; aber ich wartete auf später.

Hinter diesen Vorbereitungen und Schulfuchsereien vermutete ich das reine

Geistige, eine zweifellose, sichere Wissenschaft des Wahren. Dort würde ich

erfahren, was die dunkle Wirrnis der Geschichte, die Kämpfe der Völker und die

bange Frage in jeder einzelnen Seele bedeute.

Noch stärker und lebendiger war eine andere Sehnsucht in mir. Ich wollte gern

einen Freund haben.

Da war ein braunhaariger, ernsthafter Knabe, zwei Jahre älter als ich, namens

Kaspar Hauri. Er hatte eine sichere und stille Art zu gehen und dazusein, trug

den Kopf männlich fest und ernst und sprach nicht viel mit seinen Kameraden.

An ihm blickte ich monatelang mit großer Verehrung empor, hielt mich auf der

Straße hinter ihm her und hoffte sehnlich von ihm bemerkt zu werden. Ich war

auf jeden Spießbürger eifersüchtig, den er grüßte, und auf jedes Haus, in das ich

ihn eintreten oder aus dem ich ihn kommen sah. Aber ich war zwei Klassen

hinter ihm zurück und er fühlte sich vermutlich der seinigen schon überlegen. Es

ist nie ein Wort zwischen uns gewechselt worden. Statt seiner schloß sich ohne

mein Zutun ein kleiner, kränklicher Knabe an mich an. Er war jünger als ich,

schüchtern und unbegabt, hatte aber schöne, leidende Augen und Gesichtszüge.

Weil er schwächlich und ein wenig verwachsen war, stand er in seiner Klasse

viel Unbilden aus und suchte an mir, der ich stark und angesehen war, einen

Beschützer. Bald ward er so krank, daß er die Schule nicht mehr besuchen

konnte. Er fehlte mir nicht und ich vergaß ihn rasch.

Nun war in unserer Klasse ein ausgelassener Blondkopf, ein Tausendkünstler,

Musiker, Mime und Hanswurst. Ich gewann seine Freundschaft nicht ohne Mühe

und der flotte kleine Altersgenosse benahm sich stets ein klein wenig gönnerhaft

gegen mich. Immerhin hatte ich nun einen Freund. Ich suchte ihn in seinem

Stüblein auf, las ein paar Bücher mit ihm, machte ihm die griechischen

Aufgaben und ließ mir dafür im Rechnen helfen. Auch gingen wir manchmal

miteinander spazieren und müssen dann wie Bär und Wiesel ausgesehen haben.

Er war immer der Sprecher, der Lustige, Witzige, nie Verlegene, und ich hörte zu, lachte und war froh einen so burschikosen Freund zu haben.

Eines Nachmittags aber kam ich unversehens dazu, wie der kleine Charlatan

im Schulhausgang einigen Kameraden eine von seinen beliebten komischen

Aufführungen zum Besten gab. Soeben hatte er einen Lehrer nachgemacht, nun

rief er: „Ratet wer das ist!“ und begann laut ein paar Homerverse zu lesen. Dabei

kopierte er mich sehr getreu, meine verlegene Haltung, mein ängstliches Lesen,

meine oberländisch rauhe Aussprache, und auch meine ständige Geberde der

Aufmerksamkeit, das Blinzeln und das Schließen des linken Auges. Es sah sich

sehr komisch an und war so witzig und lieblos als möglich gemacht.

Als er das Buch schloß und den verdienten Beifall einstrich, trat ich von

hinten an ihn her und nahm Rache. Worte fand ich nicht, aber ich brachte meine

ganze Entrüstung, Scham und Wut in einer einzigen, riesigen Ohrfeige prägnant

zum Ausdruck. Gleich darauf begann die Lektion und der Lehrer bemerkte das

Wimmern und die rotgeschwollene Backe meines ehemaligen Freundes, welcher

obendrein sein Liebling war.

„Wer hat dich so zugerichtet?“

„Der Camenzind.“

„Camenzind vortreten! Ist das wahr?“

„Jawohl.“

„Warum hast du ihn geschlagen?“

Keine Antwort.

„Hast du keinen Grund dazu gehabt?“

„Nein.“

Also wurde ich energisch bestraft und schwelgte stoisch in der Wonne des

unschuldig Gemarterten. Da ich aber kein Stoiker noch Heiliger, sondern ein

Schulbub war, streckte ich nach erlittener Strafe meinem Feind die Zunge heraus

so lang sie war. Entsetzt fuhr der Lehrer auf mich los.

„Schämst du dich nicht? Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, daß der dort ein gemeiner Kerl ist und daß ich ihn verachte.

Und ein Feigling ist er auch noch.“

So endete meine Freundschaft mit dem Mimen. Er fand keinen Nachfolger

und ich habe die Jahre der reifenden Knabenzeit ohne Freund verbringen

müssen. Aber ob auch meine Anschauung des Lebens und der Menschen seither

sich einige mal verändert hat, jener Ohrfeige erinnere ich mich nie ohne tiefe

Befriedigung. Hoffentlich hat auch der Blonde sie nicht vergessen.

Mit siebzehn Jahren verliebte ich mich in eine Advokatentochter. Sie war

schön und ich bin stolz darauf, daß ich mein Leben lang immer nur in sehr

schöne Frauenbilder verliebt war. Was ich um sie und um andere litt, erzähle ich

ein andermal. Sie hieß Rösi Girtanner und ist heute noch der Liebe ganz anderer Männer, als ich bin, würdig.

Damals brauste mir die ungebrauchte Jugendkraft in allen Gliedern. Ich ließ

mich mit meinen Kameraden in tolle Raufhändel ein, fühlte mich stolz als besten

Ringer, Ballschläger, Wettläufer und Ruderer, und war nebenher beständig

schwermütig. Das hing kaum mit der Liebesgeschichte zusammen. Es war

einfach die süße Schwermut des Vorfrühlings, die mich stärker als andere

anfaßte, so daß ich Freude an traurigen Vorstellungen, an Todesgedanken und an

pessimistischen Ideen hatte. Natürlich fand sich auch der Kamerad, der mir

Heines Buch der Lieder in einer billigen Ausgabe zu lesen gab. Es war eigentlich

kein Lesen mehr, — ich goß in die leeren Verse mein volles Herz, ich litt mit,

dichtete mit und geriet in ein lyrisches Schwärmen hinein, das mir vermutlich zu

Gesichte stand wie dem Ferkel die Chemisette. Bis dahin hatte ich von aller

„schönen Literatur“ keine Ahnung gehabt. Nun folgte Lenau, Schiller, dann

Goethe und Shakespeare, und plötzlich war mir der blasse Schemen Literatur zu

einer großen Gottheit geworden.

Mit süßem Schauder fühlte ich aus diesen Büchern mir die würzig kühle Luft

eines Lebens entgegen strömen, das nie auf Erden gewesen und doch wahrhaftig

war und nun in meinem ergriffenen Herzen seine Wellen schlagen und seine

Schicksale erleben wollte. In meinem Lesewinkel auf der Dachbodenkammer,

wohin nur das Stundenschlagen vom nahen Turmgestühl und das trockene

Klappern der daneben nistenden Störche drang, gingen die Menschen Goethes

und Shakespeares bei mir ein und aus. Das Göttliche und Lächerliche alles

Menschenwesens ging mir auf: das Rätsel unseres zwiespältigen, unbändigen

Herzens, die tiefe Wesenheit der Weltgeschichte und das mächtige Wunder des

Geistes, der unsre kurzen Tage verklärt und durch die Kraft des Erkennens unser

kleines Dasein in den Kreis des Notwendigen und Ewigen erhebt. Wenn ich den

Kopf durch die schmale Fensterluke steckte, sah ich die Sonne auf Dächer und

schmale Gassen scheinen, hörte verwundert die kleinen Geräusche der Arbeit

und Alltäglichkeit verworren heraufrauschen und fühlte das Einsame und

Geheimnisvolle meines von großen Geistern erfüllten Dachwinkels wie ein

sonderbar schönes Märchen mich umgeben. Und allmählich, je mehr ich las und

je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und

Alltag ergriff, tauchte des öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in mir

auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte

auf mich, daß ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier des Zufälligen und

Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft dem Untergang

entreiße und verewige.

Schamhaft fing ich an ein wenig zu dichten und es füllten sich allmählich

einige Hefte mit Versen, Entwürfen und kleinen Erzählungen an. Sie sind untergegangen und waren vermutlich wenig wert, bereiteten mir aber

Herzklopfen und heimliche Wonne genug. Nur langsam folgte diesen Versuchen

Kritik und Selbstprüfung nach, und erst im letzten Schuljahr trat die notwendige

erste, große Enttäuschung ein. Ich hatte schon begonnen mit meinen

Erstlingsgedichten aufzuräumen und meine Schreiberei überhaupt mit Mißtrauen

zu betrachten, als mir durch Zufall ein paar Bände Gottfried Keller in die Hände

fielen, die ich sogleich zweimal und dreimal hintereinander las. Da sah ich in

plötzlicher Erkenntnis, wie fern meine unreifen Träumereien der echten, herben,

wahrhaftigen Kunst gewesen waren, verbrannte meine Gedichte und Novellen

und blickte nüchtern und traurig mit peinlichen Katzenjammergefühlen in die

Welt.