Peter Camenzind
Kapitel VI
Viel schlimmer war mein anderes Laster. Ich hatte wenig Freude an den
Menschen, lebte als Einsiedler und war gegen menschliche Dinge stets mit Spott
und Verachtung zur Hand.
Im Beginn meines neuen Lebens dachte ich daran noch gar nicht. Ich fand es
richtig, die Menschen einander zu überlassen und meine Zärtlichkeit, Hingabe
und Teilnahme allein dem stummen Leben der Natur zu schenken. Auch erfüllte
diese mich im Anfang ganz.
Nachts, wenn ich zu Bett gehen wollte, fiel mir etwa plötzlich ein Hügel, ein
Waldrand, ein einzelner Lieblingsbaum ein, den ich lange nicht mehr besucht
hatte. Nun stand er in der Nacht im Wind, träumte, schlummerte vielleicht,
stöhnte und regte die Zweige. Wie mochte er aussehen? Und ich verließ das
Haus, suchte ihn auf und sah seine undeutliche Gestalt im Finstern stehen,
betrachtete ihn mit erstaunter Zärtlichkeit und trug sein dämmerndes Bild in mir
davon.
Ihr lacht darüber. Vielleicht war diese Liebe verirrt, doch nicht vergeudet.
Aber wie sollte ich von hier den Weg finden, der zur Menschenliebe führte?
Nun, wo ein Anfang gemacht ist, kommt immer das Beste von selber nach.
Immer näher und möglicher schwebte mir die Idee meiner großen Dichtung vor.
Und wenn mein Liebhaben mich dahin bringen würde, einmal als Dichter die
Sprache der Wälder und Ströme zu reden, für wen geschähe das dann? Nicht nur
für meine Lieblinge, sondern doch vor allem für die Menschen, denen ich ein
Führer und ein Lehrer der Liebe sein wollte. Und gegen diese Menschen war ich
rauh, spöttisch und lieblos. Ich empfand den Zwiespalt und die Nötigung, das
herbe Fremdsein zu bekämpfen und auch den Menschen Brüderlichkeit zu
zeigen. Und das war schwer, denn Vereinsamung und Schicksale hatten mich
gerade auf diesem Punkt hart und böse gemacht. Es genügte nicht, daß ich
daheim und im Wirtshaus mich mühte weniger herb zu sein und daß ich etwa
unterwegs einem Begegnenden freundlich zunickte. Übrigens sah ich schon
hierbei, wie gründlich ich mir das Verhältnis zu den Leuten versalzen hatte, denn
man kam meinen Freundlichkeitsversuchen mißtrauisch und kühl entgegen oder
nahm sie für Hohn auf. Das Schlimmste war, daß ich das Haus jenes Gelehrten,
das einzige meiner Bekanntschaft, fast ein Jahr lang gemieden hatte, und ich sah ein, daß ich vor allem dort wieder anklopfen und mir irgend einen Weg in die
hiesige Art von Geselligkeit suchen müsse.
Nun, hier half mir meine eigene verhöhnte Menschlichkeit erklecklich. Kaum
hatte ich wieder an jenes Haus gedacht, so sah ich auch im Geist Elisabeth,
schön wie sie vor Segantinis Wolke gewesen war, und merkte plötzlich, wie sehr
sie an meiner Sehnsucht und Schwermut teil hatte. Und es geschah, daß ich zum
erstenmal ernstlich daran dachte, ein Weib zu freien. Bisher war ich von meiner
völligen Unfähigkeit zur Ehe so überzeugt gewesen, daß ich mich darein mit
bissiger Ironie ergeben hatte. Ich war Dichter, Wanderer, Trinker, Einspänner!
Jetzt glaubte ich mein Schicksal zu erkennen, das mir in der Möglichkeit einer
Liebesehe die Brücke zur Menschenwelt schlagen wollte. Alles sah so
verlockend und sicher aus! Daß Elisabeth mir Teilnahme schenkte, hatte ich
gespürt und gesehen; auch daß sie ein empfängliches und edles Wesen besaß. Ich
dachte daran, wie bei der Plauderei über San Clemente und dann vor dem
Segantini ihre Schönheit lebendig geworden war. Ich aber hatte seit Jahren aus
Kunst und Natur einen reichen inneren Besitz gesammelt; sie würde von mir das
überall schlummernde Schöne sehen lernen und ich würde sie so mit Schönem
und Wahrem umgeben, daß ihr Gesicht und ihre Seele alle Trübungen vergäße
und sich zur Blüte ihrer Fähigkeiten entfalten könnte. Seltsamer Weise empfand
ich das Komische meiner plötzlichen Verwandlung gar nicht. Ich Einsamer und
Sonderling war über Nacht ein verliebter Fant geworden, der von Eheglück und
von der Einrichtung eines eigenen Hauswesens träumt.
Eiligst suchte ich denn das gastliche Haus auf und ward mit freundlichen
Vorwürfen empfangen. Ich ging mehrmals hin und nach einigen Besuchen traf
ich Elisabeth dort wieder. O, sie war schön! Sie sah aus wie ich sie mir als meine
Geliebte vorgestellt hatte: schön und glücklich. Und ich genoß eine Stunde lang
die frohe Schönheit ihrer Gegenwart. Sie begrüßte mich gütig, sogar herzlich
und mit einer vertrauten Freundschaftlichkeit, die mich glücklich machte.
Erinnert ihr euch noch des Abends auf dem See, im Boot, des Abends mit den
roten Papierlampen, mit der Musik, mit meiner im Keim erstickten
Liebeserklärung? Es war die traurige und lächerliche Geschichte eines verliebten
Knaben.
Lächerlicher — und trauriger ist die Geschichte des verliebten Mannes Peter
Camenzind.
Ich erfuhr so beiläufig, Elisabeth sei seit kurzem Braut. Ich gratulierte ihr, ich
machte die Bekanntschaft ihres Verlobten, der sie abzuholen kam, und ich
gratulierte auch ihm. Den ganzen Abend lag ein wohlwollendes Gönnerlächeln auf meinem Gesicht, mir selber lästig, wie eine Maske. Nachher lief ich weder in
den Wald noch ins Wirtshaus, sondern saß auf meinem Bett, sah der Lampe zu,
bis sie stank und erlosch, erstaunt und verdonnert, bis endlich mein Bewußtsein
wieder erwachte. Da breiteten noch einmal der Schmerz und Verzweiflung ihre
schwarzen Flügel über mich, daß ich klein und schwach und zerbrochen lag und
daß ich schluchzte wie ein Knabe.
Darauf packte ich meinen Rucksack, ging morgens zur Bahn und reiste nach
Haus. Ich hatte Sehnsucht wieder am Sennalpstock zu klettern, an meine
Kinderzeit zu denken und nachzusehen, ob mein Vater noch lebe.
Wir waren uns fremd geworden. Der Vater sah völlig grau, ein wenig gebückt
und ein wenig unscheinbar aus. Er behandelte mich sanft und mit Scheu, fragte
nach nichts, wollte mir sein Bett abtreten und schien durch meinen Besuch nicht
weniger in Verlegenheit gebracht als überrascht zu sein. Er hatte das Häuschen
noch, die Matten und das Vieh aber verkauft, bezog einen kleinen Zins und tat
hier und dort ein wenig leichte Arbeit.
Als er mich allein ließ, trat ich an die Stelle, wo früher meiner Mutter Bett
gestanden hatte, und das Vergangene lief wie ein breiter, ruhiger Strom an mir
vorbei. Ich war kein Jüngling mehr und dachte daran, wie schnell die Jahre
weitergehen würden, dann wäre auch ich ein gebücktes und graues Männlein
und legte mich zum bittern Sterben hin. In der fast unveränderten, ärmlichen
alten Stube, wo ich klein gewesen war, wo ich Latein gelernt und den Tod der
Mutter gesehen hatte, hatten diese Gedanken eine ruhebringende Natürlichkeit.
Mit Dank erinnerte ich mich an allen Reichtum meiner Jugend, dabei fiel der
Vers des Lorenzo Medici mir ein, den ich in Florenz gelernt hatte:
Quant’ è bella giovinezza,
Ma si fugge tuttavia.
Chi vuol esser lieto, sia:
Di doman non c’è certezza.
und zugleich wunderte ich mich, Erinnerungen aus Italien und aus der
Geschichte und aus dem weiten Reich des Geistes in diese alte heimatliche Stube
zu tragen.
Darauf gab ich meinem Vater etwas Geld. Am Abend gingen wir ins
Wirtshaus und dort war alles wie damals, nur daß jetzt ich den Wein bezahlte
und daß der Vater, als er vom Sternwein und Champagner sprach, sich auf mich
berief, und daß ich jetzt mehr als der Alte vertragen konnte. Ich fragte nach dem
greisen Bäuerlein, dem ich damals den Wein über seinen Kahlkopf gegossen
hatte. Er war ein Witzbold und Kniffgenie gewesen, aber nun war er längst tot
und über seine Schnurren begann Gras zu wachsen. Ich trank Waadtländer, hörte
den Gesprächen zu, erzählte ein wenig, und da ich mit dem Vater durch den
Mondschein nach Hause ging und er im Rausche weiter redete und gestikulierte,
war mir so sonderbar verzaubert zu Mute wie noch nie. Fortwährend umgaben
mich die Bilder der früheren Zeit, Onkel Konrad, Rösi Girtanner, die Mutter,
Richard und die Aglietti und ich sah sie an wie ein schönes Bilderbuch, bei dem
man sich wundert, wie schön und wohlbeschaffen alle Dinge darin aussehen, die
in der Wirklichkeit nicht halb so köstlich sind. Wie war das alles an mir
vorbeigerauscht, vergangen, fast vergessen und stand nun doch klar und reinlich
in mir ausgezeichnet: ein halbes Leben, ohne meinen Willen vom Gedächtnis
aufbewahrt.
Erst als wir nach Hause kamen und als mein Vater spät verstummte und
entschlief, dachte ich wieder an Elisabeth. Noch gestern hatte sie mich begrüßt,
hatte ich sie bewundert und hatte ihrem Bräutigam Glück gewünscht. Es schien
mir eine lange Zeit seither vergangen zu sein. Aber der Schmerz erwachte,
vermischte sich mit der Flut der aufgestörten Erinnerungen und rüttelte an
meinem selbstsüchtigen und schlecht verwahrten Herzen wie der Föhn an einer
zitternden und baufälligen Almhütte. Ich hielt es nicht im Hause aus. Ich stieg
durchs niedere Fenster, ging durchs Gärtchen an den See, machte den
verwahrlosten Weidling los und ruderte leise in die blasse Seenacht. Feierlich
schwiegen umher die silbrig umdünsteten Berge, der fast völlige Mond hing in
der bläulichen Nacht und ward beinahe von der Spitze des Schwarzenstocks
erreicht. Es war so still, daß ich den fernen Sennalpstock-Wasserfall leise
brausen hören konnte. Die Geister der Heimat und die Geister meiner Jugendzeit
berührten mich mit ihren bleichen Flügeln, erfüllten meinen kleinen Nachen und deuteten flehentlich mit ausgestreckten Händen und schmerzlichen,
unverständlichen Geberden.
Was hatte nun mein Leben bedeutet und wozu waren so viele Freuden und
Schmerzen über mich hinweggegangen? Warum hatte ich Durst nach dem
Wahren und Schönen gehabt, da ich heute noch ein Dürstender war? Warum
hatte ich in Trotz und Tränen um jene begehrenswerten Frauen Liebe und
Schmerzen gelitten — ich, der ich heute wieder das Haupt in Scham und Tränen
um eine traurige Liebe neigte? Und warum hatte der unbegreifliche Gott mir das
brennende Heimweh nach Liebe ins Herz getan, da er mir doch das Leben eines
Einsamen und wenig Geliebten bestimmt hatte?
Das Wasser gurgelte dumpf am Bug und tröpfelte silbern von den Rudern, die
Berge standen ringsum nahe und schweigend, über die Nebel der Schluchten
wandelte das kühle Mondlicht. Und die Geister meiner Jugendzeit standen
schweigsam um mich her und blickten mich aus tiefen Augen still und fragend
an. Mir war, ich sähe unter ihnen auch die schöne Elisabeth, und sie hätte mich
geliebt und sie wäre mein geworden, wenn ich zur rechten Zeit gekommen wäre.
Auch war mir als wäre es am besten, ich sänke still in den bleichen See und es
würde mir von niemand nachgefragt. Aber dennoch ruderte ich schneller, als ich
merkte, daß der schlechte alte Nachen Wasser zog. Mich fror plötzlich und ich
eilte, nach Haus und zu Bett zu kommen. Dort lag ich müd und wach und sann
über mein Leben nach und suchte zu finden, was mir fehle und was mir nötig
wäre, um glücklicher und echter zu leben und näher an das Herz des Daseins zu
kommen.
Wohl wußte ich, daß aller Güte und Freude Kern die Liebe sei und daß ich
beginnen müsse, trotz meines frischen Schmerzes um Elisabeth die Menschen
ernstlich liebzuhaben. Aber wie? Und wen?
Da fiel mir mein alter Vater ein und ich merkte zum erstenmal, daß ich ihn nie
in der rechten Weise lieb gehabt hatte. Als Knabe hatte ich ihm das Leben sauer
gemacht, dann war ich fortgegangen, hatte ihn auch nach der Mutter Tod allein
gelassen, mich oft seiner geärgert und ihn schließlich fast ganz vergessen. Ich
mußte mir vorstellen, er läge auf dem Totenbett und ich stünde allein und
verwaist daneben und sähe seine Seele entrinnen, die mir fremd geblieben war
und um deren Liebe ich mich nie bemüht hatte.
So begann ich denn die schwere und süße Kunst, statt an einer schönen und
bewunderten Geliebten, an einem greisen, ruppigen Trinker zu lernen. Ich gab
ihm keine groben Antworten mehr, beschäftigte mich nach Möglichkeit mit ihm,
las ihm Kalendergeschichten vor und erzählte ihm von den Weinen, die in
Frankreich und Italien wachsen und getrunken werden. Sein bischen Arbeit
konnte ich ihm nicht abnehmen, da er ohne das verwahrlost wäre. Auch gelang es mir nicht ihn daran zu gewöhnen, daß er seinen Abendschoppen mit mir zu
Hause statt in der Kneipe trank. Ein paar Abende versuchten wir es. Ich holte
Wein und Cigarren, und gab mir Mühe dem alten Mann die Zeit zu vertreiben.
Am vierten oder fünften Abend war er still und trotzig und klagte endlich, als ich
ihn fragte was ihm fehle: „Ich glaube, du willst deinen Vater nimmer ins
Wirtshaus lassen.“
„Keine Rede,“ sagte ich, „du bist der Vater und ich der Bub und wie’s
gehalten werden soll, ist deine Sache.“
Er blinzelte mich prüfend an, dann nahm er vergnügt seine Mütze und wir
marschierten selbander zum Wirtshaus.
Es war deutlich zu sehen, daß meinem Vater ein längeres Zusammenbleiben
zuwider gewesen wäre, obwohl er nichts darüber sagte. Auch trieb es mich,
irgendwo in der Fremde die Beruhigung meines zwiespältigen Zustandes
abzuwarten. „Was meinst du, wenn ich dieser Tage wieder abreiste?“ fragte ich
den Alten. Er kratzte sich den Schädel, zuckte die schmalgewordenen Achseln
und lächelte schlau und abwartend: „Je, wie du willst!“ Ehe ich reiste, suchte ich
einige Nachbarn sowie die Klosterleute auf und bat sie, ein Auge auf ihn zu
haben. Auch benützte ich noch einen schönen Tag zur Besteigung des
Sennalpstocks. Von seiner halbrunden, breiten Kuppe überschaute ich Gebirg
und grüne Tale, blanke Wasser und den Dunst entfernter Städte. All dies hatte
mich als Knaben mit mächtigem Verlangen erfüllt, ich war ausgezogen mir die
schöne weite Welt zu erobern, und nun lag sie wieder vor mir ausgebreitet, so
schön und so fremd wie je, und ich war bereit aufs neue hinüberzugehen und
noch einmal das Land des Glückes zu suchen.
Meinen Studien zuliebe hatte ich längst beschlossen, einmal für längere Zeit
nach Assisi zu gehen. Ich fuhr nun zunächst nach Basel zurück, besorgte das
Nötigste, packte meine paar Sachen ein und schickte sie nach Perugia voraus.
Ich selber fuhr nur bis Florenz und pilgerte von dort langsam und behaglich zu
Fuße südwärts. Dort unten braucht man zum freundschaftlichen Verkehr mit dem
Volke keinerlei Künste zu verstehen; das Leben dieser Leute liegt stets an der
Oberfläche und ist so simpel, frei und naiv, daß man von Städtchen zu Städtchen
sich mit einer Menge von Leuten harmlos befreundet. Ich fühlte mich wieder
geborgen und heimisch und beschloß, auch später in Basel die wärmende Nähe
menschlichen Lebens nicht wieder in der Gesellschaft, sondern unter dem
schlichten Volke zu suchen.
In Perugia und Assisi bekam meine historische Arbeit wieder Interesse und
Leben. Da auch das tägliche Dasein dort eine Lust war, begann mein schadhaft
gewordenes Wesen bald wieder zu gesunden und neue Notbrücken zum Leben
zu schlagen. Meine Hauswirtin in Assisi, eine redselige und fromme Gemüsehändlerin, schloß auf Grund einiger Gespräche über den Santo eine
innige Freundschaft mit mir und brachte mich in den Geruch eines strammen
Katholiken. So unverdient diese Ehre war, brachte sie mir doch den Vorteil, mit
den Leuten intimer umgehen zu können, da ich frei vom Verdacht des
Heidentums war, der sonst jedem Fremden anhaftet. Die Frau hieß Annunziata
Nardini, war vierunddreißig Jahr alt und Witwe, von kolossalem Körperumfang
und sehr guten Manieren. Sonntags sah sie in einem geblümten, fröhlich
farbigen Kleid wie der leibhaftige Festtag aus, dann trug sie außer den Ohrringen
auch noch eine goldene Kette auf der Brust, an welcher eine Reihe von
Medaillen aus Goldblech läutete und leuchtete. Auch schleppte sie dann ein
silberbeschlagenes, schweres Brevier mit sich herum, dessen Gebrauch ihr
jedenfalls schwer gefallen wäre, und einen schönen schwarzweißen Rosenkranz
mit Silberkettchen, den sie desto gewandter handhaben konnte. Wenn sie dann
zwischen zwei Kirchgängen in der Loggetta saß und den bewundernden
Nachbarinnen die Sünden abwesender Freundinnen aufzählte, lag auf ihrem
runden, frommen Gesicht der rührende Ausdruck einer mit Gott versöhnten
Seele.
Ich hieß, da mein Name den Leuten unmöglich auszusprechen war, einfach
Signor Pietro. An den schönen, goldigen Abenden saßen wir beisammen in der
winzigen Loggetta, Nachbarn, Kinder und Katzen dabei, oder im Laden
zwischen den Früchten, Gemüsekörben, Samenschachteln und aufgehängten
Rauchwürsten, erzählten einander unsre Erlebnisse, besprachen die
Ernteaussichten, rauchten eine Cigarre oder sogen jeder an einem
Melonenschnitz. Ich berichtete vom heiligen Franz, von der Geschichte der
Portiunkula und der Kirche des Santo, von der heiligen Klara und von den ersten
Brüdern. Ernsthaft hörte man zu, stellte tausend kleine Fragen, lobte den
Heiligen und ging zur Erzählung und Erörterung neuerer und sensationeller
Ereignisse über, unter welchen Räubergeschichten und politische Fehden
besonders beliebt waren. Zwischen uns spielten und balgten sich die Katzen,
Kinder und Hündlein. Aus eigener Lust und um meinen guten Ruf aufrecht zu
erhalten, durchstöberte ich die Legende nach erbaulichen und rührenden
Geschichten und freute mich, neben wenigen andern Bücher auch Arnolds
„Leben der Altväter und anderer gottseliger Personen“ mitgebracht zu haben,
dessen treuherzige Anekdoten ich mit kleinen Variationen in ein vulgäres
Italienisch übertrug. Vorübergehende blieben ein Weilchen stehen, hörten zu,
plauderten mit, und oft wechselte so die Gesellschaft an einem Abend drei, vier
mal, nur Frau Nardini und ich waren seßhaft und fehlten nie. Ich hatte meinen
Rotwein im Fiasko neben mit stehen und imponierte dem armen und mäßig
lebenden Völklein durch meinen stattlichen Weinverbrauch. Allmählich wurden auch die scheuen Mädchen der Nachbarschaft zutraulicher und beteiligten sich
am Gespräch von der Türschwelle aus, ließen sich Bildchen schenken und
begannen an meine Heiligkeit zu glauben, da ich weder zudringliche Scherze
machte noch überhaupt mich um ihre Vertraulichkeit zu bemühen schien. Unter
ihnen waren einige großäugige, träumerische Schönheiten, welche aus Bildern
des Perugino zu stammen schienen. Ich hatte sie alle gern und freute mich ihrer
gutmütig schalkhaften Gegenwart, doch war ich nie in eine von ihnen verliebt,
denn die hübschen unter ihnen glichen einander so sehr, daß ihre Schönheit mir
stets nur als Rasse und nie als persönlicher Vorzug erschien. Öfter stellte sich
auch Mattheo Spinelli ein, ein junges Bürschchen, Sohn des Bäckermeisters, ein
geriebener und witziger Kerl. Er konnte eine Menge Tiere nachahmen, wußte
über jeden Skandal Bescheid und stak zum Bersten voll von frechen und
schlauen Unternehmungen. Wenn ich Legenden erzählte, hörte er mit einer
Frömmigkeit und Demut ohne gleichen zu, machte sich nachher aber über die
heiligen Väter in naiv vorgebrachten boshaften Fragen, Vergleichen und
Vermutungen lustig, zum Entsetzen der Obstfrau und unverhohlenen Entzücken
der meisten Zuhörer.
Häufig saß ich auch allein bei Frau Nardini, hörte ihre erbaulichen Reden an
und hatte meine unheilige Freude an ihren zahlreichen Menschlichkeiten. Ihr
entging kein Fehler und Laster an ihren Nächsten, sie wies ihnen im voraus
peinlich abschätzend ihre Plätze im Fegefeuer an. Mich aber hatte sie ins Herz
geschlossen und vertraute mir die kleinsten Erlebnisse und Beobachtungen offen
und umständlich an. Sie fragte mich nach jedem kleinen Einkauf, wieviel ich
bezahlt habe, und wachte darüber, daß ich nicht übervorteilt würde. Sie ließ sich
die Lebensläufe der Heiligen erzählen und machte mich dafür mit den
Geheimnissen des Obstkaufs, des Gemüsehandels und der Küche bekannt. Eines
Abends saßen wir in der gebrechlichen Halle. Ich hatte zum rasenden Entzücken
der Kinder und Mädchen ein Schweizerlied gesungen und einen Jodler
losgelassen. Sie wanden sich vor Lust, imitierten den Klang der fremden
Sprache und zeigten mir, wie komisch mein Kehlkopf beim Jodeln auf und
nieder gestiegen sei. Da begann jemand von der Liebe zu sprechen. Die
Mädchen kicherten, Frau Nardini verdrehte die Augen und seufzte sentimental,
und schließlich ward ich bestürmt, meine eigenen Liebesgeschichten zu
erzählen. Ich schwieg über Elisabeth, erzählte aber meine Kahnfahrt mit der
Aglietti und meine verunglückte Liebeserklärung. Es war mir sonderbar, diese
Geschichte, von der ich außer Richard niemandem je ein Wort anvertraut hatte,
nun meiner neugierigen umbrischen Gesellschaft zu erzählen, angesichts der
südlich schmalen steinernen Gassen und der Hügel, über welchen der rotgoldene
Abend duftete. Ich erzählte ohne viel Reflexion, nach Art der alten Novellen, und doch war mein Herz dabei und ich hatte heimlich Furcht, die Zuhörer
würden lachen und mich necken.
Aber als ich zu Ende war, hingen aller Augen teilnehmend traurig an mir.
„Ein so schöner Mann!“ rief eines der Mädchen lebhaft aus. „Ein so schöner
Mann, und er hat eine unglückliche Liebe!“
Frau Nardini aber fuhr mir mit ihrer weichen, runden Hand vorsichtig übers
Haar und sagte: „Poverino!“
Ein anderes Mädchen schenkte mir eine große Birne und da ich sie bat, den
ersten Biß darein zu tun, tat sie es und sah mich dabei ernsthaft an. Als ich aber
auch die anderen beißen lassen wollte, litt sie es nicht. „Nein, essen Sie selbst!
Ich habe sie Ihnen geschenkt, weil Sie uns Ihr Unglück erzählt haben.“
„Aber Sie werden nun gewiß eine andere lieben,“ sagte ein brauner
Weinbauer.
„Nein,“ sagte ich.
„O, Sie lieben immer noch diese böse Erminia?“
„Ich liebe jetzt den heiligen Franz und er hat mich gelehrt, alle Menschen
liebzuhaben, euch und die Leute von Perugia und auch alle diese Kinder hier,
und sogar den Geliebten der Erminia.“
Eine gewisse Verwicklung und Gefahr kam in dies idyllische Dasein, als ich
entdeckte, daß die gute Signora Nardini von dem sehnlichen Wunsch beseelt
war, ich möchte endgültig dableiben und sie heiraten. Die kleine Affäre bildete
mich zum listigen Diplomaten aus, denn es war keineswegs leicht, diese Träume
zu zerstören, ohne die Harmonie zu verderben und die behagliche Freundschaft
zu verscherzen. Auch mußte ich an die Rückreise denken. Wäre nicht der Traum
meiner zukünftigen Dichtung und die drohende Ebbe meiner Kasse gewesen, so
wäre ich dortgeblieben. Ich hätte vielleicht auch, gerade der Ebbe wegen, die
Nardini geheiratet. Doch nein, was mich abhielt, war mein noch nicht vernarbter
Schmerz um Elisabeth und das Verlangen sie wiederzusehen.
Die runde Witwe fügte sich wider Erwarten leidlich ins Unabänderliche und
ließ mich ihre Enttäuschung nicht entgelten. Als ich abreiste, fiel mir vielleicht
der Abschied viel schwerer als ihr. Ich verließ viel mehr als ich je in der Heimat
verlassen hatte, und nie war mir bei einer Abreise die Hand so herzlich und von
so vielen lieben Menschen gedrückt worden. Die Leute gaben mir Früchte,
Wein, süßen Schnaps, Brot und eine Wurst mit in den Wagen und ich hatte das
ungewohnte Gefühl von Freunden zu scheiden, denen es nicht einerlei war, ob
ich ging oder blieb. Frau Annunziata Nardini aber gab mir beim Scheiden einen
Kuß auf beide Wangen und hatte Tränen in den Augen.
Früher hatte ich geglaubt, es müsse ein besonderer Genuß sein geliebt zu
werden, ohne selbst zu lieben. Ich hatte jetzt erfahren, wie peinlich eine solche sich darbietende Liebe ist, die man nicht erwidern kann. Und doch war ich ein
wenig stolz darauf, daß eine fremde Frau mich liebte und zum Manne wünschte.
Schon diese kleine Eitelkeit bedeutete ein Stück Genesung für mich. Frau
Nardini tat mir leid und doch wünschte ich die Sache nicht ungeschehen. Auch
sah ich allmählich immer mehr ein, daß das Glück mit der Erfüllung äußerer
Wünsche wenig zu tun habe und daß die Leiden verliebter Jünglinge, so peinlich
sie seien, aller Tragik entbehren. Es tat ja weh, daß ich Elisabeth nicht haben
konnte. Aber mein Leben, meine Freiheit, Arbeit und Denkweise blieb mir
unverkürzt, und aus der Ferne liebhaben konnte ich sie ja nach wie vor, so viel
ich wollte. Diese Gedankengänge und noch mehr die naive Heiterkeit meines
Daseins in den umbrischen Monaten waren mir überaus heilsam gewesen. Von
jeher hatte ich ein Auge für alles Lächerliche und Schnurrige gehabt und mir nur
die Freude daran selber durch Ironie verdorben. Nun ging mir allmählich der
Blick für den Humor des Lebens auf und es schien mir immer möglicher und
leichter, mich mit meinen Sternen zu versöhnen und mir von der Tafel des
Lebens noch den einen oder anderen schönen Bissen zu gönnen.
Freilich, wenn man von Italien heimreist, ist es immer so. Man pfeift auf
Prinzipien und Vorurteile, lächelt nachsichtig, trägt die Hände in den
Hosentaschen und kommt sich als durchtriebener Lebenskünstler vor. Man ist
eine Weile im wohlig warmen Volksleben des Südens mitgeschwommen und
denkt nun, das müsse zu Hause so weitergehen. Auch mir war es bei jeder
Rückkehr aus Italien so gegangen und damals am meisten. Als ich nach Basel
kam und dort das alte steife Leben unverjüngt und unveränderlich antraf, stieg
ich von der Höhe meiner Heiterkeit eine Stufe um die andere kleinlaut und
ärgerlich herab. Aber etwas von dem Erworbenen keimte doch weiter und seither
trieb mein Schifflein durch klare und trübe Wasser nie mehr ohne wenigstens
einen kleinen farbigen Wimpel frech und zutraulich flattern zu lassen.
Auch sonst hatten sich meine Anschauungen langsam verändert. Ich fühlte
mich ohne großes Bedauern den Jugendjahren entwachsen und den Zeiten
entgegenreifen, da man das eigene Leben als eine kurze Wegstrecke betrachten
lernt und sich selbst als Wanderer, dessen Gänge und schließliches Verschwinden
die Welt nicht groß erregen und beschäftigen. Man behält ein Lebensziel, einen
Lieblingstraum im Auge, aber man kommt sich nimmer unentbehrlich vor und
gönnt sich unterwegs des öfteren Muße, um ohne Gewissensbisse eine
Tagesstrecke zu versäumen, sich ins Gras zu legen, einen Vers zu pfeifen und der
lieben Gegenwart ohne Hintergedanken froh zu werden. Bisher war ich, ohne
daß ich jemals zu Zarathustra gebetet hatte, doch eigentlich ein Herrenmensch
gewesen und hatte es weder an Selbstverehrung noch an der Mißachtung
geringerer Leute fehlen lassen. Nun sah ich allmählich immer besser, daß es keine festen Grenzen gibt und daß im Kreise der Kleinen, Bedrückten und
Armen das Dasein nicht nur ebenso mannigfalt, sondern zumeist auch wärmer,
wahrhaftiger und vorbildlicher ist als das der Begünstigten und Glänzenden.
Übrigens kam ich gerade rechtzeitig nach Basel zurück, um an der ersten
Abendgesellschaft im Hause der inzwischen verheirateten Elisabeth
teilzunehmen. Ich war vergnügt, noch frisch und braun von der Reise, und
brachte eine Menge lustiger kleiner Erinnerungen mit. Die schöne Frau beliebte
mich durch eine feine Vertraulichkeit auszuzeichnen und ich freute mich den
ganzen Abend meines Glückes, das mir seinerzeit die Blamage einer verspäteten
Werbung erspart hatte. Denn trotz meiner italienischen Erfahrung hatte ich
immer noch ein leises Mißtrauen gegen die Frauen, als müßten sie an den
hoffnungslosen Qualen der in sie verliebten Männer ihre grausame Freude
haben. Zur lebhaftesten Veranschaulichung eines solchen entehrenden und
peinlichen Zustandes diente mir eine kleine Erzählung aus dem
Kinderschulleben, die ich einst aus dem Mund eines fünfjährigen Knaben
vernommen hatte. In der Kinderschule, die er besuchte, herrschte folgender
merkwürdige und symbolische Brauch. Hatte ein Knabe sich einer allzu starken
Unart schuldig gemacht und es sollten ihm dafür die Höslein gespannt werden,
so wurden sechs kleine Mädchen beordert, den Widerstrebenden in der zu jener
Züchtigung erforderlichen peinlichen Lage auf der Bank festzuhalten. Da dies
Festhaltendürfen als Hochgenuß und große Ehre galt, wurden nur jeweils die
sechs artigsten Mädchen, die zeitweiligen Tugendausbünde, der grausamen
Wonne teilhaftig. Die spaßige Kindergeschichte gab mir zu denken und hat sich
sogar ein paar mal in meine Träume geschlichen, so daß ich wenigstens aus
Traumerfahrung weiß, wie elend einem in solcher Lage ums Herz ist.