Peter Camenzind
Kapitel VII
Vor meiner Schriftstellerei hatte ich nach wie vor selber keinen Respekt. Ich
konnte von meiner Arbeit leben, kleine Ersparnisse zurücklegen und
gelegentlich auch meinem Vater etwas Geld senden. Er trug es freudig ins
Wirtshaus, sang dort mein Lob in allen Tonarten und dachte sogar daran, mir
einen Gegendienst zu leisten. Ich hatte ihm nämlich einmal gesagt, daß ich mein
Brot zumeist durch Zeitungsartikel verdiene. Er hielt mich für einen Redakteur
oder Berichterstatter wie die ländlichen Bezirksblätter sie haben, und nun
diktierte er dreimal väterliche Briefe an mich, in welchen er mir Ereignisse
mitteilte, die ihm wichtig schienen und von denen er glaubte, sie würden mir
Stoff geben und Geld einbringen. Einmal war es ein Scheunenbrand, dann der
Absturz zweier Bergtouristen und das dritte mal das Ergebnis einer
Schulzenwahl. Diese Mitteilungen waren schon in einen grotesk tönenden
Zeitungsstil gebracht und machten mir wirkliche Freude, denn es waren doch
Zeichen einer freundlichen Verbindung zwischen ihm und mir und seit Jahren
die ersten Briefe, die ich aus der Heimat erhielt. Sie erquickten mich auch als
ungewollte Verhöhnung meiner Schreiberei; denn ich besprach Monat für Monat
manches Buch, dessen Erscheinen hinter jenen ländlichen Ereignissen an
Wichtigkeit und Folgen weit zurückstand.
Es erschienen damals gerade zwei Bücher von Verfassern, die ich als
extravagante lyrische Jünglinge seinerzeit in Zürich gekannt hatte. Der eine lebte
nun in Berlin und wußte viel Schmutziges aus Cafés und Bordellen der
Großstadt zu schildern. Der zweite hatte sich in der Umgebung von München
eine luxuriöse Einsiedelei erbaut und taumelte zwischen neurasthenischen
Selbstbetrachtungen und spiritistischen Anregungen verächtlich und
hoffnungslos hin und her. Ich mußte die Bücher besprechen und machte mich
natürlich über beide harmlos lustig. Vom Neurastheniker kam nur ein
verachtungsvoller Brief in wahrhaft fürstlichem Stil. Der Berliner aber machte in
einer Zeitschrift Skandal, fand sich in seinem ernsten Wollen verkannt, stützte
sich auf Zola und machte aus meiner verständnislosen Kritik nicht nur mir,
sondern dem eingebildeten und prosaischen Geist der Schweizer überhaupt einen
Vorwurf. Der Mann hatte damals in Zürich vielleicht die einzige einigermaßen
gesunde und würdige Zeit seines Literatenlebens gehabt.
Nun war ich nie ein sonderlicher Patriot gewesen, aber das war mir doch
etwas zu stark berlinert, und ich erwiderte dem Unzufriedenen mit einer langen
Epistel, in der ich mit meiner Geringschätzung der aufgeblasenen
Großstadtmoderne nicht gerade hinterm Berge hielt.
Diese Zänkerei tat mir wohl und nötigte mich, wieder einmal über meine
Auffassung des modernen Kulturlebens nachzudenken. Die Arbeit war mühsam
und langwierig und förderte wenig erquickliche Resultate zu Tag. Mein Büchlein
verliert nichts, wenn ich darüber schweige.
Zugleich aber zwangen mich diese Betrachtungen, über mich selbst und mein
lang geplantes Lebenswerk eindringlicher nachzudenken.
Ich hatte, wie man weiß, den Wunsch, in einer größeren Dichtung den
heutigen Menschen das großzügige, stumme Leben der Natur nahe zu bringen
und lieb zu machen. Ich wollte sie lehren, auf den Herzschlag der Erde zu hören,
am Leben des Ganzen teilzunehmen und im Drang ihrer kleinen Geschicke nicht
zu vergessen, daß wir nicht Götter und von uns selbst geschaffen, sondern
Kinder und Teile der Erde und des kosmischen Ganzen sind. Ich wollte daran
erinnern, daß gleich den Liedern der Dichter und gleich den Träumen unsrer
Nächte auch Ströme, Meere, ziehende Wolken und Stürme Symbole und Träger
der Sehnsucht sind, welche zwischen Himmel und Erde ihre Flügel ausspannt
und deren Ziel die zweifellose Gewißheit vom Bürgerrecht und von der
Unsterblichkeit alles Lebenden ist. Der innerste Kern jedes Wesens ist dieser
Rechte sicher, ist Gottes Kind und ruht ohne Angst im Schoß der Ewigkeit. Alles
Schlechte, Kranke, Verdorbene aber, das wir in uns tragen, widerspricht und
glaubt an den Tod.
Ich wollte aber auch die Menschen lehren, in der brüderlichen Liebe zur Natur
Quellen der Freude und Ströme des Lebens zu finden; ich wollte die Kunst des
Schauens, des Wanderns und Genießens, die Lust am Gegenwärtigen predigen.
Gebirge, Meere und grüne Inseln wollte ich in einer verlockend mächtigen
Sprache zu euch reden lassen und wollte euch zwingen zu sehen, was für ein
maßlos vielfältiges, treibendes Leben außerhalb eurer Häuser und Städte täglich
blüht und überquillt. Ich wollte erreichen, daß ihr euch schämet von
ausländischen Kriegen, von Mode, Klatsch, Literatur und Künsten mehr zu
wissen als vom Frühling, der vor euren Städten sein unbändiges Treiben entfaltet
und als vom Strom, der unter euren Brücken hinfließt und von den Wäldern und
herrlichen Wiesen, durch welche eure Eisenbahn rennt. Ich wollte euch erzählen,
welche goldene Kette unvergeßlicher Genüsse ich Einsamer und Schwerlebiger
in dieser Welt gefunden hatte und wollte, daß ihr, die ihr vielleicht glücklicher
und froher seid als ich, mit noch größeren Freuden diese Welt entdecket.
Und ich wollte vor allem das schöne Geheimnis der Liebe in eure Herzen legen. Ich hoffte euch zu lehren, allem Lebendigen rechte Brüder zu sein und so
voll Liebe zu werden, daß ihr auch das Leid und auch den Tod nicht mehr
fürchten, sondern als ernste Geschwister ernst und geschwisterlich empfangen
würdet, wenn sie zu euch kämen.
Das alles hoffte ich nicht in Hymnen und hohen Liedern, sondern schlicht,
wahrhaftig und gegenständlich darzustellen, ernsthaft und scherzhaft, wie ein
heimgekehrter Reisender seinen Kameraden von draußen erzählt.
Ich wollte — ich wünschte — ich hoffte —, das klingt nun freilich komisch.
Auf den Tag, an welchem dies viele Wollen einen Plan und Umriß bekäme,
wartete ich noch immer. Aber ich hatte wenigstens viel gesammelt. Nicht nur im
Kopf, sondern auch in einer Menge von schmalen Büchlein, die ich auf Reisen
und Märschen in der Tasche trug und von denen alle paar Wochen eines voll
wurde. Da hatte ich knapp und kurz Notizen über alles Sichtbare in der Welt
aufgeschrieben, ohne Reflexionen und ohne Verbindungen. Es waren
Skizzenhefte wie die eines Zeichners und sie enthielten in kurzen Worten lauter
reale Dinge: Bilder aus Gassen und Landstraßen, Silhouetten von Gebirgen und
Städten, erlauschte Gespräche von Bauern, Handwerksburschen, Marktweibern,
ferner Wetterregeln, Notizen über Beleuchtungen, Winde, Regen, Gestein,
Pflanzen, Tiere, Vogelflug, Wellenbildungen, Meerfarbenspiel und
Wolkenformen. Gelegentlich hatte ich auch kurze Geschichten daraus bearbeitet
und veröffentlicht, als Natur- und Wanderstudien, doch alles ohne Beziehungen
zum Menschlichen. Mir war die Geschichte eines Baumes, ein Tierleben oder
die Reise einer Wolke auch ohne menschliche Staffage interessant genug
gewesen.
Daß eine größere Dichtung, in welcher überhaupt keine Menschengestalten
auftreten, ein Unding sei, war mir schon öfters durch den Kopf gegangen, doch
hing ich jahrelang an diesem Ideal und hegte die dunkle Hoffnung, es möchte
vielleicht einmal eine große Inspiration dies Unmögliche überwinden. Nun sah
ich endgültig ein, daß ich meine schönen Landschaften mit Menschen bevölkern
müsse und daß diese gar nicht natürlich und treu genug dargestellt werden
könnten. Da war unendlich viel nachzuholen, und ich hole heute noch daran
nach. Bis dahin waren die Menschen insgesamt ein Ganzes und im Grunde
Fremdes für mich gewesen. Neuerdings lernte ich, wie lohnend es ist, statt einer
abstrakten Menschheit Einzelne zu kennen und zu studieren, und meine
Notizbüchlein und mein Gedächtnis füllte sich mit ganz neuen Bildern.
Der Anfang dieser Studien war ganz erfreulich. Ich trat aus meiner naiven
Gleichgültigkeit heraus und gewann Interesse an mancherlei Leuten. Ich sah, wie
viel Selbstverständliches mir fremd geblieben war, aber ich sah auch, wie das
viele Wandern und Schauen mir die Augen geöffnet und geschärft habe. Und da von jeher eine Vorliebe mich zu ihnen gezogen hatte, gab ich mich besonders
gerne und häufig mit Kindern ab.
Immerhin war das Beobachten der Wolken und Wellen erfreulicher gewesen
als das Menschenstudieren. Mit Erstaunen nahm ich wahr, daß der Mensch von
der übrigen Natur sich vor allem durch eine schlüpfrige Gallert von Lüge
unterscheidet, die ihn umgibt und schützt. In Kürze beobachtete ich an allen
meinen Bekannten dieselbe Erscheinung — das Ergebnis des Umstandes, daß
jeder eine Person, eine klare Figur vorzustellen genötigt wird, während doch
keiner sein eigenstes Wesen kennt. Mit sonderbaren Gefühlen stellte ich an mir
selber dasselbe fest und gab es nun auf, den Personen auf den Kern dringen zu
wollen. Bei den meisten war die Gallert viel wichtiger. Ich fand sie überall auch
schon an den Kindern, welche stets, bewußt oder unbewußt, lieber eine Rolle
mimen als sich ganz unverhüllt und instinktiv kundgeben.
Nach einiger Zeit kam es mir vor, ich mache keine Fortschritte mehr und
verliere mich an spielerische Einzelheiten. Zunächst suchte ich den Fehler bei
mir selbst, doch konnte ich mir bald nicht mehr verhehlen, daß ich enttäuscht
war und daß meine Umgebung mir die Menschen nicht gab, die ich suchte. Ich
brauchte nicht Interessantheiten, sondern Typen. Das bot mir weder das Volk der
Akademiker noch der Kreis der Gesellschaftsmenschen. Mit Sehnsucht dachte
ich an Italien, und mit Sehnsucht an die einzigen Freunde und Begleiter meiner
vielen Fußreisen, die Handwerksburschen. Mit solchen war ich viel gewandert
und hatte unter ihnen viele prachtvolle Burschen gefunden.
Es war vergeblich, die Herberge zur Heimat und einige wilde Pennen
aufzusuchen. Die Menge der unständigen Durchwanderer diente mir nicht. So
stand ich denn wieder eine Weile ratlos, hielt mich an die Kinder und studierte
viel in Kneipen herum, wo natürlich auch nichts zu holen war. Es kamen ein paar
traurige Wochen, da ich mir mißtraute, meine Hoffnungen und Wünsche
lächerlich übertrieben fand, mich viel im Freien umhertrieb und wieder halbe
Nächte beim Wein verbrütete.
Auf meinen Tischen hatten sich damals wieder ein paar Stöße von Büchern
angesammelt, die ich gern behalten hätte, statt sie dem Antiquar zu geben; doch
war kein Raum in meinen Schränken mehr. Um endlich abzuhelfen, suchte ich
eine kleine Schreinerei auf und bat den Meister, zum Ausmessen eines
Bücherschafts in meine Wohnung zu kommen.
Er kam, ein kleiner langsamer Mann mit bedächtigen Manieren, er maß den
Raum aus, kniete am Boden, streckte den Meterstab zur Decke, stank ein wenig
nach Leim und notierte eine Zahl um die andere behutsam mit zollgroßen Ziffern
in sein Notizbuch. Zufällig geschah es, daß er bei seinem Hantieren an einen mit
Büchern beladenen Sessel stieß. Ein paar Bände fielen herunter und er bückte sich, sie aufzuheben. Unter den Büchern war ein kleines Handlexikon der
Handwerksburschensprache. Man findet den kleinen Kartonband fast in allen
deutschen Handwerksburschenherbergen, ein gut gemachtes und ergötzliches
Büchlein.
Der Schreiner, als er das ihm wohlbekannte Bändchen sah, blickte kurios zu
mir herüber, halb belustigt und halb mißtrauisch.
„Was gibt’s?“ frage ich.
„Mit Verlaub, ich sehe da ein Buch, das ich auch kenne. Haben Sie das
wirklich studiert?“
„Studiert hab’ ich die Kundensprache auf der Landstraße,“ erwiderte ich,
„aber man schlägt schon gern einmal einen Ausdruck nach.“
„Wahrhaftig!“ rief er. „Ja sind Sie denn selber einmal auf der Walze
gewesen?“
„Nicht ganz so wie Sie meinen. Aber gewandert bin ich genug und habe in
mancher Penne übernachtet.“
Er hatte unterdeß die Bücher wieder aufgeschichtet und wollte gehen.
„Wo haben Sie sich denn seinerzeit herumgeschlagen?“ fragte ich ihn.
„Von hier bis Koblenz, und später noch auf Genf hinunter. Es war nicht meine
schlechteste Zeit.“
„Haben Sie auch ein paarmal gebrummt?“
„Bloß einmal, in Durlach!“
„Sie müssen mir noch erzählen, wenn Sie wollen. Sehen wir uns einmal bei
einem Schoppen?“
„Nicht gern, Herr. Aber wenn Sie einmal nach Feierabend zu mir
hereinkommen und fragen: wie gehts? wie stehts? ist mirs schon recht. Wenn Sie
nicht bloß Schindluder mit mir treiben wollen.“
Einige Tage später, es war bei Elisabeth offener Abend, blieb ich auf der
Straße stehen und besann mich, ob ich nicht lieber zu meinem Schreiner gehen
sollte. Und ich kehrte um, ließ den Gehrock zu Haus und besuchte den Schreiner.
Die Werkstatt war schon geschlossen und dunkel, ich stolperte durch eine
finstere Hausflur und einen engen Hof, kletterte im Hinterhaus die Treppe auf
und ab und fand schließlich an einer Türe einen geschriebenen Schild mit des
Meisters Namen. Eintretend gelangte ich direkt in eine sehr kleine Küche, wo
ein mageres Weib das Abendessen rüstete und zugleich über drei Kinder zu
wachen hatte, welche den engen Raum mit Leben und erheblichem Getöse
erfüllten. Befremdet führte mich die Frau in die nächste Stube, wo der Schreiner
mit der Zeitung am dämmerigen Fenster saß. Er knurrte bedenklich, da er mich
im Finstern für einen zudringlichen Kunden hielt, dann erkannte er mich und gab
mir die Hand.
Da er überrascht und verlegen war, wandte ich mich den Kindern zu; sie
flohen vor mir in die Küche zurück und ich folgte nach. Da ich dort die Hausfrau
eine Reisspeise bereiten sah, erwachten in mir die Erinnerungen an die Küche
meiner umbrischen Padrona und ich beteiligte mich an der Kocherei. Bei uns
wird meistens der schöne Reis gewissenlos zu einer Art Kleister verkocht,
welcher nach gar nichts schmeckt und widerlich klebrig zu essen ist. Auch hier
war das Unglück schon im Gang und ich konnte eben noch die Speise retten,
indem ich nach Topf und Schaumlöffel langte und mich eiligst der Zubereitung
selber annahm. Die Frau fügte sich und war erstaunt, der Reis gelang leidlich,
wir trugen ihn auf, zündeten die Lampe an und auch ich erhielt meinen Teller.
Die Schreinersfrau verwickelte mich an diesem Abend in so eingehende
Gespräche über Küchenfragen, daß der Mann fast gar nicht zu Worte kam und
wir die Erzählung seiner Wanderabenteuer auf ein andermal verschieben
mußten. Übrigens spürten die Leutlein bald, daß ich nur äußerlich ein Herr,
eigentlich aber ein Bauernsohn und Kind des armen Volkes war, und so wurden
wir schon am ersten Abend befreundet und vertraulich miteinander. Denn wie sie
in mir den Gleichbürtigen erkannten, so witterte auch ich in dem ärmlichen
Hauswesen die Heimatlust der kleinen Leute. Die Menschen hatten hier keine
Zeit zu Feinheiten, zu Posen, zu Komödien, ihnen war das herbe arme Leben
auch ohne das Mäntelein der Bildung und höheren Interessen lieb und viel zu
gut, um es mit schönen Reden zu tapezieren.
Immer öfter kam ich wieder und vergaß bei dem Schreiner nicht nur den
lumpigen Gesellschaftskram, sondern auch meine Traurigkeit und Nöte. Mir
war, ich fände hier ein Stück Kindheit für mich aufbewahrt und setze hier das
Leben fort, welches seinerzeit die Patres abgebrochen hatten, als sie mich auf
Schulen schickten.
Über eine rissige und schweißgelbe Landkarte veralteten Stils gebückt
verfolgte der Schreiner mit mir seine und meine Fahrten und wir freuten uns
über jedes Stadttor und jede Gasse, die wir beide kannten, wir frischten
Handwerksburschenwitze auf und sangen sogar einmal mehrere von den
ewigjungen Straubingerliedern. Wir sprachen von den Sorgen des Handwerks,
vom Haushalt, von den Kindern, von städtischen Dingen und ganz allmählich
geschah es, daß der Meister und ich sachte die Rollen vertauschten und ich der
Dankbare, er der Gebende und Lehrende war. Ich fühlte aufatmend, daß mich
hier statt der Salontöne Realitäten umgaben.
Unter seinen Kindern fiel ein fünfjähriges Mädchen durch seine zarte
Besonderheit auf. Sie hieß Agnes, doch rief man ihr Agi, war blond, blaß und
von schmächtigen Gliedern, hatte schüchterne, weite Augen und eine sanfte
Scheu im Wesen. Eines Sonntags, als ich die Familie zu einem Spaziergang abholen wollte, war Agi krank. Die Mutter blieb bei ihr, wir andere pilgerten
langsam zur Stadt hinaus. Hinter Sankt Margreten setzten wir uns auf eine Bank,
die Kinder liefen Steinen, Blumen und Käfern nach und wir Männer
überschauten die sommerlichen Wiesen, den Binninger Friedhof und den
schönen bläulichen Zug des Jura. Der Schreiner war müde, bedrückt und still
und schien Sorgen zu haben.
„Wo fehlt’s, Meister?“ fragte ich, als die Kinder weit genug weg waren. Er sah
mir verloren und traurig ins Gesicht.
„Sehen Sie’s denn nicht?“ fing er an. „Die Agi will mir sterben. Ich weiß es
schon lang und hab mich gewundert, daß sie nur so alt geworden ist, sie hat ja
immer den Tod in den Augen gehabt. Aber jetzt müssen wir daran glauben.“
Ich fing zu trösten an, doch hörte ich bald von selber auf.
„Sehen Sie,“ lachte er traurig, „Sie glauben ja auch nicht dran, daß das Kind
durchkommt. Ich bin kein Stündler, wissen Sie, und geh auch nur alle Jubeljahr
einmal in die Kirche, aber das spür ich wohl, daß jetzt der Herrgott ein Wörtlein
mit mir reden will. ’s ist ja nur ein Kind, und gesund ist sie nie gewesen, aber
weiß Gott, sie war mir lieber als die andern zusammen.“
Mit Gejodel und tausend kleinen Fragen kamen die Kinder dahergerannt,
umdrängten mich, ließen sich die Namen der Blumen und Gräser von mir sagen
und wollten schließlich Geschichten erzählt haben. Da erzählte ich ihnen von
den Blumen, Bäumen und Büschen, daß sie gleich den Kindern jedes eine Seele
und jedes seinen Engel haben. Auch der Vater hörte zu, lächelte und gab je und
je seine leise Bekräftigung. Wir sahen die Berge blauer werden, hörten
Abendgeläute und gingen heim. Auf den Wiesen lag ein rötlicher Abendhauch,
die fernen Münstertürme ragten klein und dünn in die warme Luft, am Himmel
ging das Sommerblau in schöne grünliche und goldige Farben über, die Bäume
hatten lange Schatten. Die Kleinen waren müd und still geworden. Sie dachten
an die Engel der Mohnblüten, Nelken und Glockenblumen, indeß wir Alten an
die kleine Agi dachten, deren Seele schon bereit war Flügel zu empfangen und
uns kleine bange Schar zu verlassen.
In den zwei nächsten Wochen ging es gut. Das Mädchen schien zu genesen,
konnte für Stunden das Bett verlassen und sah in ihren kühlen Kissen hübscher
und vergnügter aus als je. Dann kamen ein paar fieberige Nächte und nun sahen
wir, ohne mehr davon zu reden, daß das Kind nur noch für Wochen oder Tage
unser Gast sein würde. Nur einmal kam ihr Vater darauf zu sprechen. Es war in
der Werkstatt. Ich sah ihn im Brettervorrat stöbern und wußte von selber, daß er
daran ging die Stücke für einen Kindersarg zusammenzusuchen.
„Es muß doch nächstens geschehen,“ sagte er, „und da mach ich es lieber nach
Feierabend für mich allein.“
Ich saß auf einer Hobelbank, während er an der anderen arbeitete. Als die
Bretter sauber behobelt waren, zeigte er sie mir mit einer Art von Stolz. Es war
ein schönes, gesund gewachsenes, fehlerloses Tannenholz.
„Ich will auch keinen Nagel hineinschlagen, sondern die Teile schon
ineinanderpassen, daß es ein gutes und dauerhaftes Stück gibt. Aber für heute
ist’s genug, wir wollen zur Frau hinauf gehen.“
Die Tage vergingen, heiße, wundervolle Hochsommertage, und ich saß jeden
Tag eine Stunde oder zwei bei der kleinen Agi, erzählte ihr von den schönen
Wiesen und Wäldern, hielt ihr leichtes schmales Kinderhändlein in meiner
breiten Hand und sog mit ganzer Seele die liebe, lichte Anmut ein, die bis zum
letzten Tage um sie her war.
Alsdann standen wir ängstlich und traurig dabei und sahen, wie der kleine
magere Körper noch einmal Kräfte sammelte, um mit dem starken Tode zu
kämpfen, der sie schnell und leicht bezwang. Die Mutter war still und stark; der
Vater lag über der Bettstatt und nahm hundertmal Abschied, streichelte das
Blondhaar und liebkoste seinen toten Liebling.
Es kam die schlichte, kurze Feier der Beerdigung, und die beklommenen
Abende, da die Kinder nebenan in ihren Betten weinten. Es kamen die schönen
Gänge auf den Friedhof, wo wir das frische Grab bepflanzten und ohne zu
sprechen beieinander auf der Bank in den kühlen Anlagen saßen und an die Agi
dachten und mit anderen Augen als sonst die Erde betrachteten, in der unser
Liebling lag, und die Bäume und den Rasen, die darüber wuchsen, und die
Vögel, deren Spiel ungehemmt und fröhlich durch den stillen Friedhof klang.
Daneben ging der strenge Werktag seinen Lauf, die Kinder sangen wieder,
balgten sich, lachten und wollten Geschichten hören, und wir alle gewöhnten uns
unvermerkt daran, unsre Agi nimmer zu sehen und einen schönen, kleinen Engel
im Himmel zu haben.
Über alle dem hatte ich die Gesellschaften des Professors gar nicht mehr und
das Haus Elisabeths nur wenige mal besucht, und dann war mir im lauen Strom
der Gespräche sonderbar ratlos und beklommen zu Mut gewesen. Jetzt suchte
ich beide Häuser auf und fand an beiden geschlossene Türen, da alles längst auf
dem Lande war. Erst jetzt bemerkte ich mit Erstaunen, daß ich die heiße
Jahreszeit und das Ferienmachen über der Freundschaft mit dem Schreinershaus
und über der Krankheit des Kindes ganz vergessen hatte. Früher wäre es mir
ganz unmöglich gewesen, den Juli und August in der Stadt zu bleiben.
Ich nahm für kurze Zeit Abschied und unternahm eine Fußreise durch den
Schwarzwald, die Bergstraße und den Odenwald. Unterwegs war es mir ein
ungewohntes Vergnügen, den Basler Schreinerskindern aus schönen Orten
Ansichtskarten zu senden und überall mir vorzustellen, wie ich ihnen und ihrem Vater später von der Reise erzählen würde.
In Frankfurt beschloß ich, mir noch ein paar Reisetage zu gönnen. In
Aschaffenburg, Nürnberg, München und Ulm genoß ich mit neuer Lust die
Werke der alten Kunst und schließlich machte ich noch ganz harmlos einen Halt
in Zürich. Bisher, in all den Jahren, hatte ich diese Stadt wie ein Grab gemieden,
nun schlenderte ich durch die bekannten Straßen, suchte die alten Kneipen und
Gärten wieder auf und konnte ohne Schmerz der vergangenen schönen Jahre
denken. Die Malerin Aglietti hatte geheiratet und man sagte mir ihre Adresse.
Gegen Abend ging ich hin, las an der Haustür ihres Mannes Namen, sah an den
Fenstern hinauf und zögerte einzutreten. Da begannen die alten Zeiten mir
lebendig zu werden und meine Jugendliebe erwachte halb aus ihrem Schlaf mit
leisem Schmerz. Ich kehrte um und habe mir das schöne Bild der geliebten
welschen Frau durch kein unnützes Wiedersehen verdorben. Weiterschlendernd
besuchte ich den Seegarten, wo die Künstler damals ihr Sommernachtfest
begangen hatten, schaute auch an dem Häuschen hinauf, in dessen Mansarde ich
drei kurze, gute Jahre gehaust hatte, und über alle den Erinnerungen trat mir
unversehens der Name Elisabeth auf die Lippen. Die neue Liebe war doch
stärker als ihre älteren Schwestern. Sie war auch stiller, bescheidener und
dankbarer.
Um mir die gute Stimmung zu bewahren, nahm ich ein Boot und ruderte
behaglich langsam in den warmen, lichten See. Es wollte Abend werden und am
Himmel hing eine einzige schöne, schneeweiße Wolke. Ich hatte sie fortwährend
im Auge und nickte ihr zu, an die Wolkenliebe meiner Kinderzeit denkend, und
an Elisabeth, und auch an jene gemalte Wolke Segantinis, vor welcher ich
Elisabeth einmal so schön und hingegeben hatte stehen sehen. Die durch kein
Wort und unreines Begehren getrübte Liebe zu ihr hatte ich nie so beglückend
und reinigend empfunden wie jetzt, da ich beim Anblick der Wolke ruhig und
dankbar alles Gute meines Lebens übersah und statt der frühern Wirren und
Leidenschaften nur die alte Sehnsucht der Knabenzeit in mir fühlte — auch sie
reifer und stiller geworden.
Von jeher war ich gewohnt, zum ruhigen Takt der Ruderschläge irgend etwas
zu summen oder zu singen. Ich sang auch jetzt leise vor mich hin und merkte
erst im Singen, daß es Verse waren. Sie blieben mir im Gedächtnis und ich
schrieb sie zuhause auf, als Andenken an den schönen Züricher Seeabend.
Wie eine weiße Wolke
Am hohen Himmel steht,
So licht und schön und ferne
Bist du, Elisabeth.
Die Wolke geht und wandert,
Kaum hast du ihrer Acht,
Und doch durch deine Träume
Geht sie bei dunkler Nacht.
Geht und erglänzt so selig,
Daß fortan ohne Rast
Du nach der weißen Wolke
Ein süßes Heimweh hast.
In Basel fand ich einen Brief aus Assisi für mich daliegen. Er war von Frau
Annunziata Nardini, und voll erfreulicher Nachrichten. Sie hatte nun doch einen
zweiten Mann gefunden! Übrigens tue ich besser, ihn unverändert mitzuteilen.
Hochgeehrter und sehr lieber Herr Peter!
Erlauben Sie Ihrer treuen Freundin die Freiheit, Ihnen einen Brief zu schreiben.
Es hat Gott gefallen mir ein großes Glück zu bescheren, und ich möchte Sie auf
den zwölften Oktober zu meiner Hochzeit einladen. Er heißt Menotti und hat
zwar wenig Geld, doch liebt er mich sehr und hat schon früher mit Früchten
gehandelt. Er ist hübsch, aber nicht so groß und schön wie Sie, Herr Peter. Er
wird auf der Piazza Obst verkaufen, während ich im Laden bleibe. Auch die
schöne Marietta vom Nachbar wird heiraten, jedoch nur einen Maurer aus der
Fremde.
Ich habe jeden Tag an Sie gedacht und vielen Leuten von Ihnen erzählt. Ich
habe Sie sehr lieb und auch den Heiligen, welchem ich vier Kerzen zu Ihrem
Andenken gestiftet habe. Auch Menotti wird sehr froh sein, wenn Sie zur
Hochzeit kommen. Wenn er unfreundlich gegen Sie sein sollte, werde ich es ihm
verbieten. Leider hat sich gezeigt, daß der kleine Mattheo Spinelli wirklich, wie
ich stets gesagt habe, ein Bösewicht ist. Er hat mir oft Citronen gestohlen. Jetzt
ist er hinweggebracht worden, weil er seinem Vater, dem Bäcker, zwölf Lire
stahl und weil er den Hund des Bettlers Giangiacomo vergiftet hat.
Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und des Heiligen. Ich habe große
Sehnsucht nach Ihnen.
Ihre untertänige und treue Freundin
Annunziata Nardini
Nachschrift.
Unsere Ernte war mäßig. Die Trauben standen sehr schlecht, auch Birnen gab
es nicht genug, aber die Limonen waren sehr reichlich, nur mußten wir sie zu
billig verkaufen. In Spello geschah ein schreckliches Unglück. Ein junger
Mensch hat seinen Bruder mit einer Harke erschlagen, man weiß nicht weshalb,
aber gewiß ist er eifersüchtig auf ihn gewesen, obwohl es sein eigener Bruder
war.
Leider konnte ich der verlockenden Einladung nicht folgen. Ich schrieb meinen
Glückwunsch und stellte meinen Besuch aufs nächste Frühjahr in Aussicht.
Dann ging ich mit dem Brief und mit einem mitgebrachten Nürnberger
Geschenk für die Kinder zu meinem Schreinermeister.
Dort fand ich eine unerwartete große Veränderung. Abseits vom Tisch, gegen
das Fenster hin, hockte eine groteske, schiefe Menschengestalt in einem Stuhl,
der wie ein Kindersessel mit einer Brustwehr versehen war. Es war Boppi, der
Bruder der Meistersfrau, ein armer halb gelähmter Verwachsener, für welchen
nach dem kürzlich erfolgten Tod seiner alten Mutter nirgends sich ein Plätzchen
gefunden hatte. Widerstrebend hatte ihn der Schreiner einstweilen zu sich
genommen und die beständige Gegenwart des kranken Krüppels lag wie ein
Schrecken auf dem gestörten Hauswesen. Man hatte sich noch nicht an ihn
gewöhnt; den Kindern graute vor ihm, die Mutter war mitleidig, verlegen und
gedrückt, der Vater offenbar verstimmt.
Boppi hatte auf einem häßlichen Doppelhöcker ohne Hals einen großen,
starkzügigen Kopf mit breiter Stirn, starker Nase und schönem leidendem
Munde sitzen, die Augen waren klar, aber still und etwas verängstigt, und die
merkwürdig kleinen und hübschen Hände lagen fortwährend weiß und ruhig auf
der schmalen Brustwehr. Auch ich war befangen und verstimmt über den armen
Eindringling, und zugleich war es mir peinlich, den Schreiner die kurze
Geschichte des Kranken erzählen zu hören, während dieser daneben saß und auf
seine Hände schaute, ohne von jemand angeredet zu werden. Krüppel war er von
Geburt, doch hatte er die Volksschule durchgemacht und konnte jahrelang durch
Strohflechten sich ein wenig nützlich machen, bis ihn wiederholte Gichtanfälle
teilweise lähmten. Seit Jahren lag er nun entweder zu Bett oder saß in seinem
sonderbaren Stuhl zwischen Kissen geklemmt. Die Frau wollte wissen, er habe
früher viel und schön für sich gesungen, doch hatte sie ihn jahrelang nicht mehr
gehört und hier im Hause hatte er noch nie gesungen. Und während all dies
erzählt und besprochen wurde, saß er da und blickte vor sich hin. Mir ward nicht
wohl dabei und ich ging bald wieder weg und blieb die nächsten Tage dem Hause fern.
Mein Leben lang war ich stark und gesund gewesen, hatte nie eine ernste
Krankheit gehabt und die Leidenden, namentlich Krüppel, mit Mitleid, aber auch
ein wenig verächtlich betrachtet; nun paßte es mir durchaus nicht, mein
behaglich heiteres Leben in der Handwerkerfamilie durch die unerquickliche
Last dieser elenden Existenz gestört zu finden. Ich verschob darum einen
zweiten Besuch von Tag zu Tag und sann vergeblich nach, wie ich uns den
lahmen Boppi vom Halse schaffen könnte. Es mußte sich irgend eine
Möglichkeit finden, ihn mit geringen Kosten in einem Spital oder Pfründhaus
unterzubringen. Mehrmals wollte ich den Schreiner aufsuchen, um mit ihm
darüber zu beraten, doch scheute ich mich, ungefragt davon anzufangen, und vor
der Begegnung mit dem Kranken hatte ich ein kindisches Grauen. Es war mir
widerlich, ihn immer zu sehen, ihm die Hand geben zu müssen.
So ließ ich einen Sonntag verstreichen. Am zweiten Sonntag war ich schon im
Begriff, mit einem Frühzug in den Jura auszufliegen, schämte mich dann aber
doch meiner Feigheit, blieb da und ging nach Tisch zu dem Schreiner.
Mit Widerstreben gab ich Boppi die Hand. Der Schreiner war ärgerlich und
schlug einen Spaziergang vor; er war, wie er mir mitteilte, des ewigen Elends
überdrüssig und ich freute mich, ihn meinen Vorschlägen zugänglich zu wissen.
Die Frau wollte dableiben, da bat sie der Krüppel, sie möchte mitgehen, da er
gut allein bleiben könne. Wenn er nur ein Buch und ein Glas Wasser neben sich
habe, könne man ihn einschließen und unbesorgt zurücklassen.
Und wir, die wir uns doch sämtlich für ganz leidliche und gutherzige Leute
hielten, schlossen ihn ein und gingen spazieren! Und wir waren vergnügt, hatten
unsern Spaß mit den Kindern, freuten uns der schönen goldigen Herbstsonne,
und keiner von uns schämte sich und keinem schlug das Herz, daß wir den
Lahmen allein im Hause hatten liegen lassen! Wir waren vielmehr froh, seiner
für eine Weile ledig zu sein, atmeten erleichtert die klare, sonnenwarme Luft und
boten den Anblick einer dankbaren und biederen Familie, die Gottes Sonntag mit
Verstand und Dank genießt.
Erst als wir am Grenzacher Hörnli zu einem Glas Wein eingekehrt waren und
im Wirtsgarten um den Tisch saßen, kam der Vater auf Boppi zu sprechen. Er
klagte über den lästigen Gast, seufzte über die Beengung und Verteuerung seines
Haushalts und schloß lachend mit der Bemerkung: „Na, hier draußen kann man
wenigstens noch eine Stunde vergnügt sein, ohne daß er einen stört!“
Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir,
flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden trachteten
und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und traurig in der
dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, daß es nun bald zu dunkeln beginnen müsse und daß er nicht im stande sein würde, Licht zu machen oder dem Fenster
näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen und im Halbdunkel allein
sitzen müssen, ohne Gespräch oder Zeitvertreib, indes wir hier Wein tranken,
lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir ein, wie ich den Nachbarn in Assisi
vom heiligen Franz erzählt hatte und wie ich geflunkert hatte, er hätte mich
gelehrt alle Menschen liebzuhaben. Wozu hatte ich das Leben des Heiligen
studiert und seinen herrlichen Gesang der Liebe auswendig gelernt und seine
Spuren auf den umbrischen Hügeln gesucht, wenn nun ein armer und hülfloser
Mensch dalag und leiden mußte, während ich davon wußte und ihn trösten
konnte?
Die Hand eines mächtigen Unsichtbaren legte sich auf mein Herz, drückte es
nieder und füllte es mit so viel Scham und Schmerz, daß ich zitterte und
unterlag. Ich wußte, daß Gott jetzt mit mir ein Wort reden wollte.
„Du Dichter!“ sagte er, „du Schüler des Umbriers, du Prophet, der die
Menschen Liebe lehren und beglücken will! Du Träumer, der in Winden und
Wassern meine Stimme hören möchte!“
„Du liebst ein Haus,“ sagte er, „wo man freundlich zu dir ist, wo du
angenehme Stunden hast! Und am selben Tag, da ich dies Haus meiner Einkehr
würdige, läufst du davon und sinnst darauf mich zu vertreiben! Du Heiliger! Du
Prophet! Du Dichter!“
Mir war genau so zu Mute, als würde ich vor einen reinen, untrüglichen
Spiegel gestellt und ich erblickte mich darin als einen Lügner, als einen
Maulhelden, als einen Feigling und Wortbrüchigen. Das tut weh, das ist bitter,
peinigend und schrecklich; aber was in diesem Augenblick in mir zerbrach und
Qualen litt und sich verwundet bäumte, das war des Zerbrechens und
Untergehens wert.
Gewaltsam und eilig nahm ich Abschied, ließ den Wein im Glase stehen und
das angebrochene Brot auf dem Tische liegen und ging in die Stadt zurück. In
meiner Erregung wurde ich von unausstehlicher Angst gepeinigt, es möchte ein
Unglück geschehen sein. Es konnte Feuer ausbrechen, der hilflose Boppi konnte
aus dem Stuhl gefallen sein und leidend oder tot am Boden liegen. Ich sah ihn
daliegen, ich glaubte dabei zu stehen und den stillen Vorwurf im Blick des
Krüppels sehen zu müssen.
Atemlos erreichte ich die Stadt und das Haus, stürmte die Treppe hinan und
erst jetzt fiel mir ein, daß ich ja vor verschlossener Türe stehe und keinen
Schlüssel besaß. Doch legte sich sogleich meine Angst. Denn ehe ich noch die
Tür der Küche erreicht hatte, hörte ich drinnen Gesang. Es war ein sonderbarer
Augenblick. Mit Herzklopfen und ganz außer Atem stand ich auf dem dunklen
Absatz der Treppe und horchte, indem ich langsam wieder ruhig ward, auf das Singen des eingeschlossenen Krüppels. Er sang leise, weich und ein wenig
klagend ein volkstümliches Liebeslied, vom „Blüemli wiß und rot.“ Ich wußte,
daß er lang nicht mehr gesungen hatte, nun rührte es mich ihn zu belauschen,
wie er die stille Stunde benützte um in seiner Weise ein wenig froh zu sein.
Es ist nun einmal so: Das Leben liebt es neben ernste Ereignisse und tiefe
Gemütsbewegungen das Komische zu stellen. So empfand ich denn auch
sogleich das Lächerliche und Beschämende meiner Lage. In meiner plötzlichen
Angst war ich eine Stunde weit über Feld herbeigerannt, um nun ohne Schlüssel
vor der Küchenpforte zu stehen. Entweder mußte ich wieder abziehen oder dem
Lahmen meine guten Absichten durch zwei geschlossene Türen hindurch
zuschreien. Auf der Treppe stand ich mit meinem Vorsatz, den Armen zu trösten,
ihm Teilnahme zu zeigen und die Stunden zu verkürzen, und er saß ahnungslos
drinnen, sang und wäre ohne Zweifel nur erschrocken, wenn ich mich durch
Schreien oder Klopfen bemerklich gemacht hätte.
Es blieb mir nichts übrig als wieder fortzugehen. Ich bummelte eine Stunde
durch die sonntäglich belebten Gassen, dann fand ich die Familie heimgekehrt.
Es kostete mich diesmal keine Überwindung, Boppi die Hand zu drücken. Ich
setzte mich neben ihn, knüpfte ein Gespräch an und fragte, was er gelesen habe.
Es lag nahe, ihm Lektüre anzubieten, und er war dankbar dafür. Als ich ihm
Jeremias Gotthelf empfahl, zeigte es sich, daß er dessen Schriften fast alle
kannte. Doch war ihm Gottfried Keller noch fremd und ich versprach ihm dessen
Bücher zu leihen.
Am nächsten Tag, als ich die Bücher brachte, fand ich Gelegenheit mit ihm
allein zu sein, da die Frau eben ausgehen wollte und der Mann in der Werkstätte
war. Da bekannte ich ihm, wie sehr ich mich schäme ihn gestern allein gelassen
zu haben und daß ich froh wäre, manchmal bei ihm sitzen und sein Freund sein
zu dürfen.
Der kleine Krüppel wendete seinen großen Kopf ein wenig zu mir herüber,
sah mich an und sagte „Danke schön.“ Das war alles. Aber dies Wenden des
Kopfes hatte ihm Mühe gemacht und war so viel wert als zehn Umarmungen
eines Gesunden, und sein Blick war so hell und kindlich schön, daß mir vor
Beschämung das Blut ins Gesicht stieg.
Nun war noch das Schwerere übrig, mit dem Schreiner zu reden. Es schien
mir am besten, ihm meine gestrige Angst und Scham geradeheraus zu beichten.
Leider verstand er mich nicht, doch ließ er mit sich darüber reden. Er nahm es
an, den Kranken als gemeinsamen Gast mit mir zu behalten, so daß wir die
geringen Kosten seiner Erhaltung teilten und mir die Erlaubnis blieb, nach
Belieben bei Boppi ein und aus zu gehen und ihn wie einen eigenen Bruder
anzusehen.
Der Herbst blieb ungewöhnlich lange schön und warm. Darum war das erste,
was ich für Boppi tat, ihm einen Fahrstuhl zu besorgen und ihn täglich, meist in
Begleitung der Kinder, ins Freie zu führen.