Rabenflug
Kapitel 1
AnnSophie Frind
Rabenflug
Fantasy
Kapitel 1
Wütend stürmte Laurin aus der Tür. Krachend fiel sie hinter ihm ins Schloss.
»Dieser Arsch!«, zischte er wütend, während er die Treppe hinunter rannte. »Dieses verfluchte Arschloch!«
Gern wäre er so schnell gerannt, wie er das Gesehene hinter sich lassen wollte. Doch stolperte er, hatte eine Stufe verfehlt. Im letzten Moment griff er nach dem Treppengeländer, fing sich ab, atmete tief durch, bevor er seinen Weg hinunter eilig fortsetzte. Irgendwo über ihm wurde eine Tür aufgerissen, es polterte und ein verhaltener Fluch war zu hören.
»Laurin!« Es war Justus, der seinen Namen rief. »Wir können darüber reden!«
Atemlos blieb Laurin auf dem nächsten Treppenabsatz stehen. Zögerte, bevor er sich leicht über das Geländer lehnte, um im Treppenhaus nach oben sehen zu können. Zwei Absätze über ihm entdeckte er Justus, der zu ihm herabsah. »Was willst du mir erzählen?«, spie Laurin wütend. Speichel tropfte ihm von den Lippen, benetzte sein Kinn. Zornig wischte er ihn weg. »Wie willst du mir erklären, dass du deinen Schwanz in einen anderen Arsch geschoben hast? Du bist ein verlogenes Stück Scheiße!«
Trotz der schlechten Treppenhausbeleuchtung konnte Laurin deutlich sehen, wie Justus Wangen sich rot färbten. »Wie oft hast du dir schon andere ins Bett geholt, während ich arbeiten war? In unser Bett?«
In einer hilflos wirkenden Geste fuhr sich Justus durch das perfekt gestylte Haar und trat einen Schritt vom Geländer zurück, als bräuchte er einen Moment, um sich zu beruhigen. »Komm hoch, Hase«, erwiderte er. »Wir können doch darüber reden.« »Reden?«, zischte Laurin. »Du hast mich nach Strich und Faden verarscht! Ich frage mich sowieso, warum ich mich mit dir noch unterhalte.«
»Weil wir etwas miteinander teilen.«
Bei Justus weich klingender Stimme krempelten sich Laurins Zehennägel nach oben. Er musste über sich selbst den Kopf schütteln. Warum war ihm nie aufgefallen, was für ein Arsch sein Partner war?
»Wir HATTEN etwas miteinander geteilt«, stellte er richtig. »Aber ich bin mir absolut nicht mehr sicher, ob wir von dem Gleichen reden.« Laurin wandte sich von Justus ab und wieder den Stufen zu. »Lass es uns noch einmal probieren«, bettelte nun Justus und am liebsten hätte Laurin laut gelacht. Der Macher bettelte. »Während dein neuester Fick noch immer in UNSEREM Bett liegt und darauf wartet, dass du ihn wieder besteigst?«, höhnte er, stieg die nächste Treppenstufe hinab. Nun langsamer. »Du hast echt Nerven!«
»Nein! Ich werfe ihn raus!« Hoffnung klang in Justus Stimme mit. »Wir reden miteinander, sprechen uns aus.« »Und danach soll alles wieder gut sein? Denkst du, dass es dann wie zuvor sein wird?« Fassungslos schüttelte Laurin den Kopf, trat aber wieder an das Geländer heran. »Du bist ein absoluter Blödmann, der seinen Schwanz in jedes Loch stecken muss. Und nun kommst du nicht damit klar, dass es irgendwann mal auffliegt? Du bist eine hirnlose Kröte. Es tut mir nur leid, dass ich durch deine Schule gehen musste.«
Auch über die Entfernung konnte Laurin erkennen, wie sich Justus Augen verengten. Die Kiefer presste er so fest aufeinander, dass sich die Wangenmuskeln wölbten. Deutlich sah er den Zorn, den Justus zu beherrschen versuchte.
»Pack deine Sachen«, forderte Laurin. »Wenn ich zurückkomme, will ich dich nicht mehr sehen.«
»Das kannst du nicht machen!«, widersprach Justus. »Ich ...« »Ich kann das sehr gut machen und das weißt du!«, erwiderte Laurin. »Nutz mal die Zeit sinnvoll und dein Fick kann dir beim Packen helfen. Vier Hände schaffen mehr als zwei.« Über ihm im Treppenhaus fluchte Justus anhaltend. Erstaunlich, wie viele Schimpfworte er für Laurin hatte und jedes einzelne schnitt in dessen Herz. Es raubte Laurin die Kraft.
Die Hand immer am glatten Holz des Geländers stützte ihn, hielt ihn bei jedem Schritt aufrecht. Sobald er den letzten Absatz erreicht hatte, wurde über ihm die Tür zugeschlagen, dass es durch das ganze Haus dröhnte.
Geblendet von der Nachmittagssonne schloss Laurin für einen Moment die Augen, als er aus dem Haus trat. Irgendwo war die Sirene einer Feuerwehr zu höhren und aus einem offenen Fenster Musik und Kinderlachen. Es war ein schöner Tag. Mitten im März, der warm wie ein Sommertag war. Ein Frühlingstag, voller Leben und die Bäume am Straßenrand zeigten noch zögerlich das erste zarte Grün.
Unschlüssig blieb Laurin einen Moment stehen, bevor er sich nach links wendete, in die Richtung, aus der er gekommen war. Erst zehn Minuten waren vergangen, wie ihm ein Blick auf sein Handy verriet. So wenig Zeit. Aber ausreichend, um ein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen.
Laurin ging die Straße hinunter, die Hände tief in die Jackentaschen vergraben. Am Bäcker vorbei, bei dem er vorhin Kuchen gekauft hatte, und beim Floristen. Dort war er zuvor, hatte eine einzelne Rose erstanden. Nun lag sie auf dem Küchentisch, neben dem Kuchenpaket und einem kleinen würfelförmigen Päckchen mit einer viel zu großen Schleife aus rotem Samt.
Tränen brannten in seinen Augen, verwischten den Blick, doch ihm war es egal, wohin er ging. Nur fort, weit weg. »Was machst du denn schon wieder hier?« Erschrocken sah Laurin sich um und fand sich vor der Kleintierpraxis wider, in der er arbeitete. Die Rollläden waren heruntergelassen und der Parkplatz vor dem Haus leer.
Seine Kollegin Emma trat gerade aus dem Seitentor und sah ihn erstaunt an. »Ich dachte, dass du mit Justus im Bett liegst und ihr euer Dreijähriges feiert.«
Für einen Moment schloss Laurin die Augen, nickte dann zustimmend, verhalten. »Ja, so war es geplant.« Langsam trat Emma näher, sah ihn prüfend an. »Was ist geschehen?«, fragte sie sorgenvoll. »Ist etwas mit Justus?« »Er hatte es vorgezogen, mit jemand anderem zu feiern.« Spöttisch lachte Laurin auf, überspielte die Träne, die ihm gerade in dem Moment über die Wange lief. »Wer weiß, wie viele er sich bereits ins Bett geholt hatte, während ich arbeiten war.«
»Ach mein Lieber!« Im nächsten Moment wurde er in eine fest Umarmung gezogen. Hände strichen tröstend über seinen Rücken. »Das tut mir leid.«
Beton lässig zuckte Laurin mit einer Schulter und löste sich wieder von Emma. Obwohl er es nicht wollte, rann ihm nun eine weitere Tränen über die Wange. Mit einer ungehaltenen Bewegung wischte er sie weg. »Es muss dir nicht leidtun«, erklärte er. »Es ist vielleicht ganz gut, dass es so gekommen ist. Wer weiß, wie lange er diesen Scheiß schon abgezogen hat.«
»Das war nicht das erste Mal?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht ... Aber ich hoffe nicht.« Wieder zuckte Laurin mit den Schultern. »Ich habe ihn rausgeschmissen.« Nachdenklich sah Emma auf ihre Armbanduhr. Im nächsten Moment griff sie entschlossen nach Laurins Hand. »Erzähl mir alles der Reihe nach«, forderte sie ihn auf. »Ich lade dich zu einem Kaffee ein oder noch besser: Zu einem Eis im Park.« »Musst du nicht los?«, wendete Laurin ein. »Die Kinder und ...« »Ich sag Henri Bescheid«, lehnte sie seinen Einwand ab und kramte in der Handtasche, zog schließlich mit einem triumphierenden Lächeln ihr Handy hervor. »Er kann auch mal die beiden Racker aus der Kita holen.«
Der Park war gut besucht, da viele Einwohner der Stadt die warmen Sonnenstrahlen genießen wollten. Das zarte Grün der Bäume leuchtete, schien wie ein feiner Nebel in den Zweigen zu hängen, und Laurin glaubte, den süßen Duft des Frühlings riechen zu können. Es roch nach Sonnenschein auf kühler Erde, erwachendes Leben, Kinderlachen und Vanilleeis. Unmöglich, es riechen zu können, aber er tat es. Es war eine Erinnerung aus seiner Kindheit, die nur in besonderen Momenten wiederbelebt werden konnte. Und gerade einen solchen Augenblick erlebte er, als er neben Emma vor der kleinen Eisdiele stand und sie überlegte, welche der Eissorten sie ausprobieren sollte.
Tief atmete Laurin die Luft ein, hob das Gesicht der Sonne entgegen und für eine kurze Zeit war das Geschehene vergessen. Der Augenblick zählte, das Gefühl der Erinnerung und der Wiederkehr dieses Moments, der sich anfühlte, als gäbe es ihn nur einmal im Leben.
»Ich habe ganz vergessen, wie Erdbeereis schmeckt«, verkündete Emma. »Oder Schoko. Aber Mango ist auch lecker – glaub ich.« Sonnenstrahlen fielen durch die kahlen Zweige der Linde, unter der sie standen, ließen zarte Schatten und helles Licht auf ihrem Gesicht tanzen und Laurin wunderte sich, warum sie den Moment nicht ebenso wie er empfunden hat.
Schließlich entschied sich seine Kollegin für eine Kugel von einem türkis-blauen Eis, das angeblich nach Kaugummi schmecken soll. »Das lieben meine Kinder«, erklärte sie Laurin, den es schon bei der schreienden Farbe schüttelte. Er selbst verzichtete auf das angebotene Eis. Nach dem Erlebten hatte er einfach keinen Appetit. Vermutlich war er ihm bis in das nächste Jahrhundert vergangen. Entgegen ihrer sonstigen Art drang Emma nicht in ihn, dass er sich etwas aussuchen soll.
»Selber Schuld«, murmelte Emma sie nur. »Das erste Eis im Frühling ist das Beste des ganzen Jahres.« Zufrieden schleckte Emma an ihrer Kugel, während sie langsam den Sandweg entlang schlenderten. Immer weiter in den Park hinein. Sie folgten zuerst dem Hauptweg und schließlich einem abzweigenden Weg, von dem noch weitere und noch schmalere Wege abgingen. Hier waren nicht mehr so viele Besucher unterwegs, die Parkbänke nicht von Sonnenhungrigen bevölkert. Die Rasenflächen wirkten hier nicht so gepflegt, als im vorderen Bereich des Parks, die Bäume und Büsche weniger gestutzt. Alles mehr naturbelassen. »Hier gibt es einige schöne Ecken, wo wir es uns gemütlich machen können«, erzählte Emma, die inzwischen ihr Eis verspeist hatte. »Du kannst mir von deinem Pro...«
»Es ist doch keine gute Idee, dass ich dich mit meinen Problemen belaste«, unterbrach Laurin sie und blieb stehen. »Ich sollte gehen.« »Vergiss es, mein Lieber«, hielt Emma ihn zurück, als er sich gerade abwenden wollte. »Ich kenne dich länger als Justus dich. Ich habe dich erlebt, als du ihn kennengelernt hast und nun will ich wissen, was dieser ›Traum von einem Mann‹ dir angetan hat, dass er dir damit das Herz gebrochen hat.«
Laurin sah die Hand, die ihm Emma entgegen streckte. Offen und einladend war sie. Er muss nur nach ihr greifen und sich Emma anvertrauen. Die Entscheidung lag bei ihm. »Traum von einem Mann« hatte Emma gesagt. Nur mühsam konnte er ein spöttisches Lachen unterdrücken. Das war Justus nun nicht mehr, aber auch kein Alptraum. Trotzdem zögerte Laurin, sich jemandem anzuvertrauen. Es fühlte sich falsch an, als würde er Justus hintergehen, ihn verraten. Aber dabei war er es doch, der ihn hintergangen hatte.
Laurin schloss für einen Moment die Augen, als Enttäuschung in ihm wie eine Welle hoch schwappte und weitere Tränen in die Augen trieb. Als er sie wieder öffnete, sah er noch immer die Hand, die ihm einladend gereicht wurde.
»Dort drüben, hinter der Ligusterhecke stehen Bänke. Dorthin verirrt sich kaum einer der Parkbesucher. Zu abgelegen und versteckt«, lockte Emma. »Du weißt, dass du mir vertrauen kannst.« Schließlich gab er dem Wunsch nach Zuversicht nach und legte seine Hand in Emmas. Warme Finger schlossen sich um seine. Nebeneinander folgten sie dem Weg, der inzwischen kaum mehr als ein Pfad war. Er führte um eine im Halbrund gepflanzte Hecke herum, in deren Zentrum sich eine alte Linde erhob. »Im Sommer ist es hier wie ein Zimmer im Park«, erzählte Emma und deutete auf den Baum, dessen Zweige weit über die grüne Mauer hinausreichten. »Sein Laub wird zu einem dichten Dach und mit jedem Jahr wird es hier schöner.«
Das Holz der Bank war warm, aufgeheizt von den Sonnenstrahlen, die zwischen den Zweigen hindurchsickerten. »Es ist schön hier«, bestätigte Laurin, hob das Gesicht der Wärme entgegen. »Manchmal ist es komisch, dass man in einer Stadt geboren ist und erst andere Menschen müssen kommen, um auf die schönen Ecken hinzuweisen.«
»Schlimmer wäre, wenn man sie überhaupt nicht entdecken würde«, gab Emma zu bedenken. Bequem hatte sie sich auf der Bank zurückgelehnt. »So lässt es sich aushalten!«, sagte sie mit einem zufriedenen Seufzen. »Keine Kinder und kein Mann in der Nähe. Nichts, was die Ruhe stört - bis auf diese Vögel dort oben.« Laurin folgte ihrem Blick zu zwei Elstern, die in den Zweigen einer unweit stehenden Eiche hockten und lautstark zeterten. »Streit im Vogelparadies«, murmelte er und deutete auf einige Krähen, die über dem Baum kreisten. »Revierstreitigkeiten vermutlich.« »Eigentlich schade, dass es überall Streit geben muss«, sagte sie. »Es könnte ein so friedlicher Ort sein, wenn dieses Mein, Dein und Unser nicht wäre.«
»Es war falsch, Justus als MEIN Partner anzusehen?«, hakte Laurin nach.
»Entschuldige, mein Lieber. Ich habe mich blöd ausgedrückt«, sagte Emma erschrocken. Sie hatte eine Hand auf seinen Arm gelegte. »Ich meinte die Vögel dort oben. Aber manchmal ist es schon erschreckend, wie viel ein Mensch von einem Tier in sich hat«, setzte sie hinzu. »Aber das Prinzip der Liebe kennen sie nicht. Wie sollten sie auch?«
»Das ist vielleicht ganz gut so.« Nachdenklich sah Laurin auf seine Hände, die in seinem Schoß lagen. »Ihnen kann nicht das Herz gebrochen werden.«
Tröstend strich Emma über den Stoff seiner Jacke. »Es kommen auch wieder andere Zeiten«, erklärte sie zuversichtlich. »Irgendwann wirst du dich wieder verlieben. Du wirst schon sehen. Irgendwann steht der Richtige vor deiner Tür.«
»Ja. Vielleicht«, stimmte Laurin zu. »Ich muss nur die Tür zum richtigen Zeitpunkt öffnen. Zu doof nur, wenn ich es verpasse. Aber im Moment bleibt sie sowieso zu. Ich habe noch keine Ahnung, wie es weitergehen wird – ob es irgendwie weitergeht.« »Du bist ein elender Pessimist«, verkündete Emma, knuffte gegen seine Schulter.
»Nein. Ich bin nur realistisch. Ich weiß, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann und doch wünsche ich es mir gerade. Am liebsten würde ich zu der Zeit zurückspringen, in der ich Justus kennengelernt habe, oder, als ich mich dazu entschlossen hatte, heute früher Feierabend zu machen.«
»Was sollte es dir bringen?«, verlangte Emma zu wissen. Müde ließ Laurin den Kopf hängen. »Vermutlich nichts, da ich vermutlich die gleichen Fehler machen würde. Ich würde mich genauso entscheiden, wie damals. Es liegt halt in meiner Natur.« »Mit deiner Natur hat es wenig zu tun. Es ist dein Herz. Es ist liebevoll. Umsonst arbeitest du nicht in einer Tierarztpraxis.« »Es ist weich. Zu weich vielleicht.« Zittrig holte er Luft, den Blick auf seine Hände gerichtet, die Finger fest ineinander verschlungen. »Ich hatte alles richtig schön geplant. Ganz romantisch. Kuchen hatte ich gekauft und eine Rose. Ich wollte alles vorbereiten, mit Kerzen dekorieren ... Justus einen richtig schönen Empfang bereiten, wenn er von der Arbeit kommt. Zu blöd nur, dass er schon längst da war.« Eine Träne fiel, perlte über seine Hände. »Er war mit einem anderen Mann im Bett. In unserem Bett.« Warme Finger umschlossen seine Hände, hielten sie. Trösteten mehr, als es Worte gekonnt hätten. »Ich wollte Justus heute fragen, ob er mich heiraten will«, flüsterte Laurin. »Nach drei Jahren nahm ich an, dass man sich gut genug kennt, um diesen Schritt zu wagen.«
»Liebst du ihn noch immer?«, fragte Emma leise. »Ich weiß es nicht«, gab er schließlich leise zu. »Ich weiß im Moment überhaupt nichts mehr. So, wie es zum Anfang war, war es schon lange nicht mehr. Aber ich habe gedacht, dass es daran lag, dass man sich aneinander gewöhnt hat. Man kennt sich, weiß die Eigenheiten des anderen. Es gibt wenige Überraschungen oder Neues zu entdecken.«
»Nun hast du eine Überraschung erlebt«, warf Emma ein, verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln.
»Ja, aber auf die hätte ich liebend gern verzichten können.«