Rabenflug
Kapitel 6
Laurin fühlte sich beobachtet. Egal, was er machte. Ob er nun in der Küche werkelte und das Essen für den Raben vorbereitete oder einfach nur auf dem Sofa lag und las. In den ersten Tagen war es noch schlimm, aber dann hatte er sich daran gewöhnt. Hin und wieder war es nur nervig, dass der Rabe anfing, nervtötend zu kreischen, wenn er im Bad oder im Schlafzimmer war und die Tür geschlossen hatte. Solange der Vogel sah, wo Laurin sich in der Wohnung aufhielt, war er ruhig.
»Was ist, wenn du einkaufen bist?«, hatte Emma gefragt. Sie stand am Mittwochnachmittag vor seiner Tür, in der Hand ein Kuchenpaket und hatte sich einfach zum Kaffee bei ihm eingeladen. Nun saßen sie gemütlich im Wohnzimmer, tranken Kaffee, während der Rabe still im Käfig auf der Stange hockte und nur leicht den Kopf neigte, um die Besucherin zu beäugen.
»Das ist ja das Seltsame!«, erwiderte Laurin hilflos. »Dann ist er nämlich ruhig.«
»Das klingt doch super«, stellte Emma mit einem Schulterzucken fest. »Das heißt, dass du arbeiten gehen kannst, ohne dir wegen Lärmbelästigung der Nachbarn Gedanken zu machen.« »Ja, das stimmt schon. Aber ist es überhaupt möglich, dass ein Vogel so auf einen Menschen geprägt sein kann?« Nachdenklich hatte Emma die Stirn in Falten gelegt. »Enten fallen mir spontan ein. Oder Adler und Papageien, die von Hand aufgezogen wurden.«
»Aber keine Vögel, die ausgewachsen sind. Sie alle wurden als Schlüpfling oder als Küken auf den Menschen geprägt.« »Vielleicht hat er einige Gene von einem Hündchen?«, warf Emma amüsiert ein. »Manche von den kläffenden Fußhupen können auch lieb und leise sein, wenn sie allein sind und erst, wenn Herrchen nach Hause kommt, drehen sie auf und rücken ihm nicht mehr von der Pelle.«
Mit gespielter Ernsthaftigkeit überdachte Laurin Emmas Anmerkung, schließlich schüttelte er den Kopf. »Er wedelt nicht mit dem Schwanz«, erwiderte er mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie seine Kollegin. »Und er bellt nicht.«
»Dann bring es ihm bei!«, forderte Emma lachend, wandte sich zum Käfig um, um einen Blick auf den Raben zu werfen. »Hast du gehört, Schwarzfeder? Gib Laut fürs Herrchen!«
»Ich werde ihm beibringen, wie er dir einen Vogel zeigen kann«, sagte Laurin. »Oder einen Rabenfuß mit Stinkefinger.« Lachend wischte sich Emma Tränen aus den Augenwinkeln. »Das muss ein Bild für Götter sein«, vermutete sie. »Das würde ich wirklich gern sehen.« Kurz schnaufte sie, wohl um sich von ihrem Lachanfall zu erholen. »Und nun erzähle, wie es dir geht.« »Mir fällt die Decke auf den Kopf«, sagte er und verdrehte genervt die Augen. »Morgen früh muss ich noch einmal zum Arzt. Dann werden die Fäden gezogen und wenn alles klappt, bin ich ab Montag wieder in der Praxis.«
Emma nickte verständnisvoll. »Und der Vogel? Bringst du ihn?« »Doktor Klaus kommt am Freitag nach der Sprechstunde vorbei und guckt ihn sich an«, erwiderte Laurin. »Wenn alles klappt, dann wird in der nächsten Woche die Bandage entfernt.« »Vogel müsste man sein. Dann würden Knochenbrüche ebenso schnell heilen«, murmelte Emma. Dem konnte sich Laurin nur anschließen. Doch blieb er stumm.
Stattdessen überlegte er, ob er von dem kleinen Vorfall erzählen sollte, den er zwei Tage zuvor mit dem Raben erlebt hatte. Aber das klang einfach zu albern, wenn er seiner Kollegin erzählen würde, dass er glaubte, den Vogel mit seinen Schmerzen aufgeschreckt zu haben. Er war zu dem Zeitpunkt im Bad, hatte gerade die Duschkabine geputzt, als er mit der Schulter gegen die Abtrennung gestoßen war. Blendend grell war der Schmerz durch seinen Körper geschossen, nahm ihn für Augenblicke den Atem. Zugleich hörte er den Raben im Nebenzimmer laut kreischen, dass es in der kleinen Wohnung widerhallte. Vermutlich hatte der Vogel nur auf den Wehlaut reagiert, den er ausgestoßen hatte. Genau konnte er es nicht mehr nachvollziehen. Eigentlich war es ein seltsamer Zufall, doch erinnerte er ihn an einen ähnlichen Vorfall in der Praxis. »Der Vogel frisst mir aus der Hand«, erzählte Laurin stattdessen und schob die Überlegungen weit von sich. »Ich biete ihm jeden Tag Leckerbissen an. Nach der kurzen Zeit hat er sich schon so sehr an mich gewöhnt, dass er es mir ohne Zögern von der Hand nimmt.« Erstaunt hoben sich Emmas Augenbrauen, bevor sie sich in Besorgnis zusammenzogen. »Ich hoffe nur, dass du dein Herz nicht zu sehr an das Tier hängst.«
»Ich weiß!«, stieß Laurin hervor, was ungehaltener klang, als er beabsichtigt hatte. »Es freut mich nur so sehr, dass er sich wohl zu fühlen scheint«, setzte er gemäßigter hinzu. »Es ist verständlich. Ich mache mir nur Sorgen um dich«, erwiderte Emma und streckte die Hand aus, um Laurin zu berühren. Es war keine tröstende Geste, sondern nur verständnisvoll. »Ich will nicht, dass du zu sehr leidest, wenn er in seine eigene Welt zurückkehren muss.«
Für einen Moment schloss Laurin die Augen. »Du spielst auf die Sache mit Justus an«, stellte er fest. »Der Kerl ist Geschichte. Nichts erinnert mich mehr an ihn.«
»Wirklich alles?«
»Ja«, sagte Laurin, nickte bekräftigend. »Sogar die Schlüssel hatte er mir in den Briefkasten geworfen, ohne dass ich ihn deswegen hätte ansprechen müssen.«
»Du hast nun absolut keinen Kontakt mehr zu ihm?«, erkundigte sich Emma, lehnte sich zufrieden in das Sofapolster zurück, als Laurin zustimmend nickte. »Das ist gut. Nichts ist schlimmer, als wenn der Kerl dir weiterhin auf die Pelle rücken würde.« »Ich habe zwar noch seine Telefonnummer, aber ansonsten: Nein, ic habe absolut keinen Kontakt mehr zu ihm. Er ist aber auch nicht der Typ, der plötzlich vor meiner Tür stehen oder mir das Leben zur Hölle machen würde.«
»Bist du dir da vollkommen sicher?«, fragte Emma und schnalzte abwertend mit der Zunge. »Alle Menschen sind Schauspieler. Manche sind nur bessere Darsteller als andere. Und dann gibt es Schafe, die sogar auf die mieseste Maske hereinfallen.« »Mähhh!«, machte Laurin, lächelte traurig, erhielt dafür eine weitere tröstende Berührung. »Du hast Recht!«, stellte er fest. »Ich bin ein blödes Schaf.«
»Ja, das bist du, wenn du weiterhin deinem Verflossenen hinterher heulst.« Emma hatte sich wieder etwas vorgeneigt. »Ich befürchte, dass du dein Leben auf diesen Raben ausrichtest.« »Ich komme bald wieder zur Arbeit«, erwiderte er ausweichend. »Und du bist der Meinung, dass es ausreichend ist«, vermutete sein Gegenüber, sah ihn eindringlich an. »Ich will nur nicht, dass du dich zu sehr zurückziehst und dabei das Leben an dir vorbeirennt. Das kann viel zu schnell passieren und du bist in einem Altern, in dem du ausnutzen solltest, dass du Single bist!«
»Er ist erst vor zwei Wochen ausgezogen!«, erwiderte Laurin, uneins mit sich selbst, ob er über Emmas Worte ungehalten oder amüsiert sein sollte. »Gib mir etwas Zeit, mich von ihm zu erholen, bevor ich mich in jemand anderen verliebe.«
»Oh, Laurin, mein wundes Herzchen!«, seufzte Emma mitfühlend. »Du wirst mich nicht ändern können.«
»Nein, das will ich auch nicht wollen. Definitiv nicht. Ich vergesse nur immer wieder, wie sehr du an dem Kerl gehangen hattest«, sagte sie entschuldigend. »Aber andere Mütter haben auch hübsche Jungs, die garantiert besser zu dir passen, als dieser ...« »Arsch«, half Laurin aus, als Emma nach dem richtigen Wort suchte. »Ja, genau.«
Emma war nach dem Gespräch bald aufgebrochen. Angeblich wäre ihr Mann nicht in der Lage, für sich selbst das Abendessen zuzubereiten, wie sie schmunzelnd sagte. »Es war schön, dass du vorbei gekommen warst«, sagte Laurin, als er sie zur Tür brachte. Den Dank wischte Emma mit einer lockeren Handbewegung fort.
»So hatte ich wenigstens die Gelegenheit, dir meine Meinung unter die Nase zu reiben«, sagte sie, während sie in ihre Jacke und ihre Schuhe schlüpfte. »Im Moment vergräbst du dich in deinen vier Wänden und das gefällt mir nicht. Henri und ich würden ja gern mit dir um die Häuser ziehen, aber ich fürchte, dass du etwas dagegen hättest, wenn wir dir das Händchen halten.« Die Arme vor der Brust verschränkt beobachtete Laurin, wie seine Besucherin ihre Jacke schloss und sich nach einem kurzen Blick in den schmalen Flurspiegel, die Haare richtete. »Nein, Mama. Darauf kann ich sehr gut verzichten.«
Amüsiert kicherte Emma. »Brav, mein Junge.« Sekunden später war er allein und nur ein leises Krächzen war zu hören.
Der Rest der Woche verlief ereignislos, wenn man von den Besuchen beim Hausarzt und vom Tierarzt absah. Wie bereits erwartet, war der Arzt sehr zufrieden mit der Heilung von Laurins Wunde an der Schulter und hatte die Fäden gezogen. Nun erinnerte nur noch ein großes Pflaster an den Vogelangriff sowie ein leichtes Jucken, das angeblich die gute Heilung bewies. Zumindest meinte das der Hausarzt.
Doktor Klaus war ebenfalls sehr zufrieden, als er den Raben begutachtete. »Eigentlich habe ich ja damit gerechnet, dass er wieder in seine übliche Starre verfällt, sobald er mich sieht«, sagte er amüsiert. »Verdenken kann ich es ihm nicht. Schließlich hatte ich ihm bei unserem ersten Aufeinandertreffen Schmerzen zugefügt.« »Er ist nicht nachtragend«, erwiderte Laurin, woraufhin Doktor Klaus eine Augenbraue hochzog.
»Darauf möchte ich mich nicht verlassen«, sagte er, neigte sich herab, um dem Raben in die Augen blicken zu können. »Ich kann ihn herausnehmen«, bot Laurin an. »Ich kann ihn einfach auf meine Hand nehmen und dann kannst du ihn untersuchen.« Doktor Klaus wandte sich ihm zu, blickte ihn erstaunt an, bevor er wieder den Vogel ansah und wieder zurück. »Du kannst ihn so ganz einfach herausnehmen?«
»Ja«, sagte Laurin gedehnt, unsicher, ob er etwas Falsches gesagt hätte.
»Erstaunlich«, murmelte der Tierarzt. Einen Moment später trat er vom Käfig zurück. »Hebe ihn heraus.«
Seit der vergangenen Woche hatte Laurin den Vogel immer wieder berührt, ihn gestreichelt, nachdem er ihm Leckerbissen angeboten hatte, die er einfach von seiner Hand nahm. Auf der Hand hatte er ihn aber bisher nur einmal. Vor einer Woche. Zuversichtlich trat er an den Käfig, öffnete die Tür und streckte die Hand nach dem Raben aus. Ruhig hielt er sie vor den Rumpf des Vogels, ganz still, so dass er nur einen Schritt von der Stange machen musste.
Statt auf die Hand zu achten, sah der Rabe zu Laurin. »Nun komm!«, lockte er und seufzte erleichtert, als das Gewicht des großen Vogels seinen Arm belastete, ihn leicht zum Schwanken brachte.
»Erstaunlich«, hörte er den Arzt neben sich flüstern. »Er hat Vertrauen zu mir gefasst«, erklärte Laurin, den Vogel aus dem Käfig hebend.
»Nein«, sagte Doktor Klaus, schüttelt leicht den Kopf. »Das ist es nicht nur. Da ist noch mehr.«
Tag der Veröffentlichung: 13.05.2018
https://www.bookrix.de/-haf6685b3fe2865
Sie haben Rabenflug zu Ende gelesen
AnnSophie Frind