Rabenflug

AnnSophie Frind · Kapitel 3 von 6

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Rabenflug

Kapitel 3

Bis auf eine langgezogene Wunde, die sich vom Nacken bis fast zum rechten Schulterblatt hinzog, waren es zum Glück nur leichtere Schnittwunden. Die Kopfverletzung, die Laurin vermutlich von einem Schnabelhieb erhalten hatte, wurde nur geklebt, wogegen die Verletzung auf der Schulter genäht werden musste. »Vorsorglich«, hatte der Arzt gesagt. »Außerdem heilt sie dann schneller.« Als Laurin von den Kopfschmerzen berichtete, wiegte der Arzt den Kopf. »Vermutlich Gehirnerschütterung.« Im nächsten Moment gab er Anweisungen, dass Laurin zur Beobachtung auf die Station kommt. Vorsorglich.

»Geben Sie mir nur etwas gegen die Schmerzen«, hatte Laurin widersprochen. »Es sind doch nur Kopfschmerzen.« »Eine Nacht tut Ihnen nicht weh«, erklärte der Arzt, womit für ihn die Diskussion erledigt war.

»Na super!«, murrte Laurin.

»Das passiert, wenn man Held spielt«, sagte die Schwester mit einem Augenzwinkern, die dem Arzt gerade einige Unterlagen zum Unterschreiben reichte.

»Ja, Held der Tiere.«

Emma war vorhin kurz bei ihm gewesen, nachdem er sie über den derzeitigen Stand seiner Dinge informiert hatte. Das hatte sie sich nicht nehmen lassen.

»Du hast es ja richtig gemütlich hier!«, stellte sie fest, als sie das Zimmer betrat und sich umsah. Dabei fiel ihr Blick auf das andere Bett, das leer und mit einer Folie abgedeckt war. »Bist du Privatpatient?«, fragte sie amüsiert. »Naja, zumindest musst du kein Schnarchen ertragen oder wer weiß, was für Macken der Bettgenosse sonst hätte.« Gleich darauf stellte sie eine Sporttasche auf Laurins Bett ab.

»Als Erstes: Ich habe nicht viel Zeit, da Henri im Parkverbot steht«, sagte sie, während sie die Tasche öffnete und begann, den Inhalt einen der schmalen Patientenschränke einzusortieren. Zuerst wanderte Laurins Jacke, mit der er den Vogel gefangen hatte auf einen Kleiderbügel. »Dem Raben geht es soweit gut. Der Chef hatte sich gleich um ihn gekümmert«, berichtete sie. »Beide Flügel sind gebrochen. Am linken der Oberarmknochen und am rechten die Speiche. Aber der Doktor hat es stabilisiert und fixiert. Zwei bis drei Wochen sagte er, dann müssten sie zusammengewachsen sein.« »So schnell?«, hakte Laurin erstaunt nach. »Jupp«, machte Emma und verschwand im Bad, in einer Hand eine schwarze Waschtasche, in der anderen ein Handtuch. »Heilt schnell bei Vögeln, sagt er.«

»Was wird mit dem Raben passieren?«

Emma schloss die Badtür hinter sich, zuckte unbestimmt mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vermutlich muss er in eine Auffangstation. Aber das muss der Chef entscheiden.« Wieder trat sie an die Tasche, nahm Weiteres daraus. »Ganz wichtig: Ladekabel für dein Handy«, verkündete sie. »Überlebenswichtig!«, stimmte Laurin grinsend zu. »Die Sachen, wie T-Shirts, Socken und Unterhosen sind von Henri, aber alles noch ungetragen«, betonte Emma. »Vermutlich werden dir die Sachen etwas zu groß sein. Und sag Bescheid, wenn du noch irgendetwas benötigst oder wir dich abholen können.« »Am liebsten würde ich sofort mitfahren«, hatte Laurin erwidert und nach Emmas Hand gegriffen, auf deren Rücken nur noch ein großes Pflaster zu sehen war. Behutsam nahm er sie in seine. »Ich danke dir. Für alles.«

Emma winkte ab. »Nicht der Rede wert.« Dann war sie gegangen, hatte ihn mit seinen Gedanken allein gelassen, wie es schön hieß. Seufzend lehnte sich Laurin in das Kissen zurück, das ihn mehr an einen Stein erinnerte, weil es viel zu fest war. Das beste wäre, wenn er den Tag aus dem Kalender und auch aus seinem Gedächtnis streichen würde. Alles war schief gelaufen. Das einzig Positive war, dass er nun nicht mehr auf Justus treffen konnte. Zumindest nicht an diesem Abend, in dieser Nacht. Er hatte Zeit, Abstand zu dem Mann zu nehmen. Abstand zu dem Geschehenen, dem innerlichen Schmerz.

Irgendwann hatte Laurin das Licht gelöscht und war eingeschlafen. Der Tag hatte ihm Einiges abverlangt, doch trotzdem schlief er unruhig. Immer wieder wachte er auf, was er auf die ungewohnte Umgebung schob und auch darauf, dass hin und wieder eine Schwester hereinkam, um zu prüfen, ob mit ihm alles in Ordnung wäre. Aber kaum dass er sich auf die andere Seite gedreht und die Augen geschlossen hatte, schlief er auch schon wieder. Der Schlaf war von Träumen durchzogen, nicht mehr als kurze Sequenzen. Schwarze Flügel, die nach ihm schlugen, blutbenetzte Krallen. Eine einzelne Feder, die der Wind davon trieb. Augen wie schwarze Perlen verfolgten ihn, ein heiserer Schrei, der ihn ein weiteres Mal aufschreckte.

Die Nacht war die Hölle. Auf eine weitere konnte er sehr gut verzichten.

Dazu kam es zum Glück auch nicht, da der Arzt bei der Visite der Entlassung zustimmte. Laurin musste nur noch auf die fertigen Unterlagen warten.

»Oh, Gott!«, meldete sich Emma sofort am Telefon. »Ich dachte schon, dass du doch noch in den OP geschoben wurdest oder bereits im Koma liegst. Hättest du dich nicht früher melden können?«

»Gerade war Visite«, erklärte Laurin entschuldigend. »Der Arzt macht noch die Entlassungsunterlagen fertig und dann darf ich von hier verschwinden. Ich hocke quasi auf gepackten Koffern. Und nun ist meine Frage, ob du mich abholen kannst? Oder Henri? Die lassen mich nur mit einer Aufsichtsperson raus, wie sie sagen. Wie im Kindergarten. Es reicht, bis vors Tor, von dort aus fahre ich mit den Öffentlichen nach Hause.«

Für einige Sekunden war Stille am anderen Ende der Leitung. »Ich frage mich gerade, was du inhaliert hast. Oder phantasierst du? Am liebsten würde ich dir gerade die Hammelbeine langziehen. Dein Glück, dass du so weit weg bist und ich es wegen der verbundenen Hände nicht machen kann. Übrigens: Henri macht sich gerade fertig.«

»Danke«, erwiderte Laurin schlicht.

Keine halbe Stunde später erschien Henri auf der Station. »Startklar?«, fragte er. »Alles zusammengepackt?« Laurin nickte. »Ja und gerade habe ich die Entlassungspapiere erhalten. Am Montag muss ich zum Hausarzt.«

Henri nahm die Tasche, die auf einem Stuhl stand, während Laurin in seine Jacke schlüpfte.

Tief atmete Laurin durch, als er vor die Tür des Krankenhauses trat und sie leise hinter ihm zuschwang. »Bin ich froh, wieder raus zu sein!«, murmelte er. »Ich weiß gar nicht, warum die so ein Theater veranstalten. Eigentlich sollten sie froh sein, wenn die Patienten auf eigenen Füßen die Klinik verlassen und sich nicht auch noch darum kümmern, wie. Als hätten sie nicht ausreichend zu tun.« »Nun bist du ja draußen!«, stellte Henri lakonisch fest. »Ja. Zum Glück«, stimmte Laurin zu. »Danke, dass du mich herausgeholt hast. Dort drüben hält der Bus. In fünf Minuten müsste der nächste fahren, den ich nehmen kann.« »Vergiss es, Laurin!«, widersprach Emmas Mann, ergriff Laurin am Arm. »Ich musste heute mit Emmas pinkfarbener Knutschkugel fahren, weil meiner in der Werkstatt ist. Wenn ich wegen dir leiden muss, dann wirst du gefälligst mit mir leiden. Verstanden? Außerdem haut mir Emma das Fett von den Ohren, wenn ich dich nicht nach Hause fahren sollte.«

Wie konnte sich Laurin einer solchen Bekanntgabe entziehen? Gar nicht. Im Grund war er zufrieden, dass er nicht mit den Öffentlichen fahren musste. Trotz eines Schmerzmittels dröhnte ihm schon wieder der Kopf und in der Schulter ziepte es. Müde lehnte er sich in den Sitz, schloss für einen Moment die Augen. »Ich freu mich auf zu Hause«, murmelte er. Als Laurin sie wieder aufschlug, fand er sich vor dem Haus wieder, in dem er eine gemütliche Drei-Raum-Wohnung hatte. Sie war ihm vor einigen Jahren günstig angeboten worden und mit Hilfe seiner Eltern und der Großeltern hatte er sie gekauft.

»Na, Schlafmütze«, grinste Henri und stieß die Fahrertür auf. Kalte Luft schwappte ins Innere des Autos.

»Ja, die Schwestern haben mich nicht schlafen lassen«, erwiderte er mit einem schiefen lächeln und stieg ebenfalls aus. Für einen Moment blieb er stehen, sah die Fassade hoch zu den Fenstern, die zu seiner Wohnung gehörten. »Soll ich mit hinauf kommen?« Henri war neben ihn getreten und Laurins Blick gefolgt.

»Hat dir Emma davon erzählt?«, fragte er statt einer Antwort, deutete mit dem Kinn nach oben.

»Ja.« Schlüssel klapperten und gleich darauf schnappte die Autoverriegelung des grellfarbenen Autos zu. »Wir schauen nach. Notfalls haben wir eine sehr bequeme Couch in der Stube zu stehen.«

Stumm nickte Laurin, zögerte. »Ich habe Angst«, flüsterte er. »Ich habe Angst davor, was er gemacht haben könnte.« »Ich bin bei dir. Schlimmer als das, was du gestern alles erlebt hast, kann es nicht mehr werden. Denke ich.«

Laurin stieß zitternd die Luft aus. Er tat den ersten Schritt. Aus vier Stockwerken, wurden gefühlte zehn. Die Treppen dehnten sich aus, wurden immer länger und jede weitere Stufe wurde beschwerlicher zu ersteigen, als die vorherige. Neben sich spürte Laurin den Mann seiner besten Freundin. Er gab ihm in dem Moment den Rückhalt, den er benötigte, um den nächsten Schritt zu machen.

Endlich langten sie vor Laurins Wohnungstür an. Seine Finger zitterten so sehr, dass ihm das Schlüsselbund entglitt. Beim dritten Mal nahm Henri es ihm aus der Hand und öffnete die Tür. Auf dem Flur lagen Laurins Schuhe durcheinander, als hätte jemand sie weggekickt.

Vorsichtig stieß Laurin die Küchentür auf, ungewiss, was er erwarten sollte. Doch alles war unauffällig. »Ich habe erwartet, dass er ausrasten würde«, murmelte er.

Henri war Laurin in die Küche gefolgt. »Du solltest nachschauen, ob er tatsächlich nur seine Sachen mitgenommen hat.« Laurin wandte sich um, unsicher sah er sich um, ungewiss, wo er anfangen sollte und was ihn noch erwarten könnte. »Es ist seltsam, jemanden zu kontrollieren, dem man über Jahre hinweg vertraut hat.«

»Es geht nicht um Kontrolle. Es geht darum, dass es einen Unterschied zwischen Eigentum und Eigentum gibt. Und das weißt du sehr gut. Außerdem weißt du gleich, woran du bist«, widersprach Henri, trat an Laurin vorbei in die Küche. Auf dem Tisch lag noch immer die Rose, welk. Daneben das Kuchenpaket, unberührt. Nur das kleine Päckchen mit der viel zu großen Schleife war berührt worden. Die Schleife lag daneben, das Papier war entfernt und die würfelförmige Schachtel geöffnet worden. Der Deckel stand offen und erlaubte einen Blick auf den goldenen Ring, der dort eingebettet war. Das eingravierte Muster schimmerte im Licht wie Diamantensplitter, blendete Laurin, trieb ihm die Tränen in die Augen.

Eilige trat er einen Schritt vor, schlug den Deckel zu, schloss das Gleißen ein.

»Wir gucken, wie es in den Zimmern aussieht, dann suchst du einige Sachen zusammen und kommst mit zu uns«, sagte Henri, berührte ihn leicht am Arm.

Laurin schüttelte den Kopf. »Es wäre gut, wenn du dabei bist, wenn ich durch die Zimmer gehe. Aber ich werde hier bleiben«, erklärte er, straffte die Schultern. »Ich kann mich nicht von Justus aus meiner eigenen Wohnung vertreiben lassen.«

»Okay«, stimmte Henri zu, doch war überdeutlich die Skepsis zu hören. »Dann lass es uns gemeinsam angehen. Je eher, umso schneller hast du es hinter dich gebracht.« Im Bad waren sämtliche Artikel von Justus entfernt worden. Nichts wies darauf hin, dass er jemals hier gelebt hatte. Auch in der Wohnstube war alles dort, wo es sein sollte. »Erstaunlich, wie wenig er hier hatte«, stellte Laurin mehr für sich selbst fest. In der Schlafzimmertür blieb er stehen, betrachtete das Chaos, das hier herrschte. Es war falsch, ebenso wie das Bild, das sich ihm wieder vor Augen schob, die Geräusche, der Geruch, der auch jetzt noch in der Luft zu hängen schien. Die Türen des großen Kleiderschrankes standen weit offen, Fächer und Schübe waren geleert worden, vereinzelte Kleidungsstücke lagen auf dem Fußboden, die Laurin als seine eigenen erkannte. Das war eine Seite, die er überhaupt nicht von Justus kannte. Diese Rücksichtslosigkeit. Aber vielleicht hatte er nur immer die Augen davor verschließen wollen?

Seine Beine drohten nachzugeben. Gerade noch rechtzeitig erreicht er einen Hocker, der in einer Ecke stand und den er für das Ablegen von Sachen nutzte, die er am nächsten Tag wieder anzuziehen gedachte. Ordentlich. Nun wischte er die Kleidung mit der Hand zur Seite.

»Viel hatte dein Freund ja nicht hier gehabt«, stellte Henri fest. »Nach drei Jahren hätte ich gedacht, dass er den halben Hausrat mitnehmen würde.«

»Ja. Er hatte einen großen Teil meines Lebens bestimmt und doch so wenig Raum eingenommen«, erwiderte Laurin, spürte, wie ihn die Trauer wieder überrennen wollte.

Henri trat näher an den Schrank heran, schloss die Türen und Schubfächer. »Es gibt halt Menschen, die nicht viel benötigen. Ihnen reichen die Sachen, die sie besitzen. Mehr brauchen sie nicht.« »Du hast Recht«, erwiderte Laurin nach einigen Sekunden. »Er hatte damals nicht viel, als er eingezogen war. Und so war es wohl geblieben.«

»Warum sollte er sich etwas anschaffen, wenn er doch eigentlich in ein gemachtes Bett gefallen war?« Wie zur Bestätigung breitete Henri die Arme aus, als wolle er die gesamte Wohnung umfassen. »Etwas Besseres konnte ihn doch kaum passieren.« Nachdenklich kaute Laurin auf seiner Unterlippe herum. »Hatte dir Emma erzählt, dass ich ihn als Miteigentümer eintragen lassen wollte?«

»Als Miteigentümer der Wohnung?«, hakte Henri nach, ungläubig. Traurig lächelnd nickte Laurin. »Ja. Da kannst du mal sehen, was für ein Trottel ich bin.«

»Nein. Das bist du nicht, Laurin. Justus ist ein Trottel. Du hast ihn geliebt und er hätte alles haben können. Er hat es verspielt. Sieh es so: Er ist selbst daran Schuld, dass er sich nun eine neue Bleibe suchen muss.«

»Der Kerl ist so gut, dass er wahrscheinlich schon heute Nacht wieder in einem warmen Bett schlafen kann«, erwiderte Laurin mit einem schiefen Grinsen, obwohl ihm die Tränen in den Augen brannten.

»Ja, vermutlich«, stimmte Henri zu. »Solche Leute kommen immer mit dem Arsch an die Wand. – Aber nun zu etwas Anderem: Ich vermute, dass der Arzt angeordnet hat, dass du ausreichend Ruhe hast und die Schmerztabletten nimmst. Also zieh dir etwas Bequemes an und mach dir den Fernseher an. Schalte einfach ab und ich mach dir erst einmal eine schöne Tasse Kaffee.« Wenig später war aus der Küche leises Klappern zu hören und das Rauschen von Wasser, das in ein Gefäß gefüllt wird. Vermutlich die Kanne der Kaffeemaschine.

Müde barg Laurin das Gesicht in den Händen, aber nur für eine kurze Zeit, bevor er sich wieder aufrichtete. Irgendwie hatte er das Gefühl, sich gerade jetzt der Welt zeigen zu müssen und »Welt« bedeutete in dem Moment sich selbst. Die Welt bestand nur noch aus ihm ...

»Was magst du auf deine Brote haben?« ... und aus Henri, der in der Küche werkelte ... »Vergiss nicht, Emma anzurufen!«

... und Emma, die wegen ihm verletzt war ... »Sie wird mir sonst die Haut vom Leib reißen!« ... und einer Liebe, die Justus heute zerstört hatte. Seufzend stand Laurin auf und trat an den Kleiderschrank heran. Er öffnete die Tür, hinter der seine Fächer und Schübe waren. Aus einem zog er eine Jogginghose und aus einem anderen ein frisches Shirt.

Als er mit den Sachen in der Hand auf den kleinen Flur trat, wehte ihm der Duft von aufgebrühtem Kaffee entgegen. »Beeil dich!«, forderte Henri, der Laurin wohl bemerkt haben musste. »Ich habe dir ein paar Brote gemacht und der Kaffee ist auch gleich fertig.«

Ein großer Teller mit belegten Broten, sauren Gürkchen und geschnittenem Obst erwartete Laurin auf dem Couchtisch. Daneben eine dampfende Tasse und ein Glas Wasser. »Ich denke, dass du nach dem Krankenhausfraß Hunger hast«, vermutete Henri, der neben Laurin getreten war, ihn prüfend ansah. »Es ist perfekt«, erwiderte er. »Vielen Dank.« »Wo hast du die Tabletten gelassen, die du vom Arzt erhalten hattest?«

»In meiner Jackentaschen«, erwiderte Laurin, bereits mit vollem Mund. Er hätte nach diesem Tag nicht gedacht, dass er einen solchen Hunger hätte. Doch schmeckte das Brot vorzüglich und nicht so, als wäre es bereits zwei Tage alt. »Vorne, an der Garderobe«, fügte er hinzu.

Henri legte die Tabletten neben das Wasserglas. »Vergiss die nicht und auch nicht, Emma anzurufen. Sie wird dir sonst die Hölle heiß machen, weil du dich nicht meldest.«

»Ich werde sie anrufen«, versprach Laurin. »Sobald du losfährst, werde ich mich bei ihr melden.«

Skeptisch zog Henri eine Augenbraue hoch. »Okay«, stimmte er gedehnt zu, noch immer zweifelnd.

Genervt stieß Laurin die Luft aus. »Nun fahre endlich«, sagte er und stand auf. »Du kannst mir ruhig glauben. Ich begleite dich zur Tür und dann rufe ich Emma gleich an. Versprochen.« Endlich gab sich Henri mit der Aussage zufrieden, schlüpfte in Schuhe und Jacke. Grüßend hob er die Hand, bevor er die Tür hinter sich zuzog.

»Hallo, mein Lieber!« Emmas Begrüßung war überschwänglich, als hätten sie sich nicht erst vor einigen Stunden voneinander verabschiedet, sondern in der vergangenen Woche oder im vergangenen Monat oder Jahr. »Wie geht es dir?« Laurin erzählte, versuchte, sich kurz zu halten, was bei Emmas Fragen gar nicht so einfach war. Sie wollte alles ganz genau wissen. Anzahl der Wunden, Anzahl der Stiche, Anzahl der Pfleger und Ärzte, die Laurin attraktiv fand. Enttäuschung von ihrer Seite, dass da niemand war. Als würde sie annehmen, er könnte sich sofort wieder für einen anderen Mann interessieren! Laurin wusste nicht, ob er über so viel »Anteilnahme« an seinem Leben erfreut oder verärgert sein soll. Zumindest war es ihm unangenehm.

»War Justus weg?«

Emmas gefürchtete Frage, die auch seine war. Deren Beantwortung war schlicht. Ja.

»Soweit ich festgestellt habe, hatte er nur seine Sachen mitgenommen«, berichtete Laurin, als wäre es etwas Alltägliches, von dem er erzählte.

»Wirst du das Schloss auswechseln lassen?« »Vielleicht. Ich weiß noch nicht. Ich muss erstmal gucken, ob er mir seinen Schlüssel in den Briefkasten geworfen hat.« Stille in der Leitung. »Der Chef lässt dich übrigens grüßen und erwartet, dass du am Montag deinen Krankenschein vorbeibringst und ihm erzählst, was passiert ist.«

»Ich wollte sowieso mal nach dem Raben gucken«, sagte er. »Dann ist es ein Abwasch. Der arme Kerl hat ganz schön etwas abbekommen, was du mir erzählt hast. Aber nun erzähle mal, wie es dir geht«, forderte Laurin, lehnte sich bequem im Polster zurück. Er hatte direkt ein Bild von Emma vor Augen, wie sie abwertend mit einer Schulter zuckte. »Nicht weiter wild. Die Schnitte und Kratzer heilen und die Jacke wird sowieso nicht mehr benötigt. Schließlich ist bald Sommer.«

»Es hätte aber auch ins Auge gehen können.« Laurin hörte Emma leise lachen. »Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.«

»Das ist nicht lustig!«, erklärte er.

»Nein, das ist es nicht«, stimmte Emma zu. Im Hintergrund waren Geräusche zu hören. »Ah, Henri kommt gerade zurück. Wir sehen uns dann am Montag!«

»Ja, bis Montag!«

»Und vergiss die Medis nicht!«

»Nein, Mama!« Dann war nur noch Stille in der Leitung, kein statisches Rauschen und Knacken, wie es manchmal in den alten Leitungen zu hören war. Nur Stille.

Laurin deckte die restlichen Brote mit Folie ab, stellte sie in den Kühlschrank und füllte Kaffee nach.

Mit der Tasse in der Hand blieb er auf dem kleinen Flur stehen. Unschlüssig sah er sich um. Henri war so nett gewesen und hatte die Schuhe wieder ordentlich unter der Garderobe aufgereiht. Es war ein seltsames Gefühl hier zu stehen und zu wissen, dass nichts mehr so war, wie vor 24 Stunden. Zu dem Zeitpunkt hatte er sich noch gefreut, hatte sich ausgemalt, wie er Justus überraschen würde. Schmetterlinge hatten sich in seinem Magen breit gemacht und vor Nervosität war er kaum in der Lage, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Emma hatte ihn schon genervt angeschaut, weil er mit seiner Aufgeregtheit auch die tierischen Pfleglinge aufscheuchte. Wie gern würde Laurin jetzt die Zeit bis zu diesem Moment zurückdrehen, als er sich von Emma verabschiedet hatte und sie ihm mit einem frechen Zwinkern ein schönes Wochenende und eine noch schönere Nacht gewünscht hatte.

Das war nun alles Geschichte. Alles vorbei. Nun musste er nach vorn schauen, auf jeden neuen Tag. Aber wie sollte er es machen, wenn ihn fast alles an Justus erinnerte? Er hatte zwar nicht viel mitgebracht, aber trotzdem hing seine Präsenz noch immer in den Räumen.

Zurück in der Wohnstube stellte er die Tasse auf den Tisch ab und trat an das Fenster, öffnete es weit. Eine Schar Tauben flog gerade über das Nachbarhaus hinweg, zog einen weiten Bogen. Nachdenklich verfolgte er ihren Flug. Es wäre schön, so frei wie ein Vogel zu sein. Ungebunden.

Okay. »Ungebunden« war er, aber gebunden an die Erde. Seufzend schloss er wieder das Fenster. Es war wieder kalt geworden. Über Nacht hatte sich das Wetter leicht geändert und vom blauen Himmel war heute nichts mehr zu sehen. Nur graue Wolken und kühler Wind. Keine Sonne, die ihn erwärmten. Im Nachhinein könnte er nicht mehr sagen, wie er eigentlich den Rest des Wochenendes überstanden hatte. Irgendwie waren die Stunden verstrichen, auch wenn es langsam war. Zum Ausgehen hatte er keine Lust. Wohin auch? Dort, wo er vielleicht hätte hingehen wolle, wäre ihm Justus über den Weg gerannt und darauf konnte er sehr gut verzichten. Außerdem würde er sich sowieso nur überlegen, mit wem der Kerle er schon alles gefickt hatte. Vielleicht sogar in seinem eigenen Bett.

Immer wieder kochte die Erinnerung in Laurin hoch, scharf wie Galle, machte ihm das Atmen schwer und trieb ihm Tränen in die Augen. Seine eigene Reaktion machte ihn wütend. Er schimpfte auf sich selbst, was für ein Waschlappen er sei. Etwas half es, dass er bei seinen Eltern anrief, ihnen davon erzählte, dass er sich von Justus getrennt hätte.

Seine Mutter schien es mit Erleichterung aufzunehmen. »Er hatte dir nicht gutgetan, mein Junge«, hatte sie gesagt. »Er war von sich zu sehr überzeugt.«

Laurin wusste nicht genau, was er davon halten sollte. Emma hatte Ähnliches wie seine Mutter über Justus gesagt. War etwa seine Menschenkenntnis so miserabel? Vermutlich. Sonst wäre er nicht auf den Mann hereingefallen.

»Komm nach Hause, Laurin«, hatte seine Mutter gesagt und im Hintergrund stimmte sein Vater ihren Worten zu. »Nimm dir einige Tage frei. Hier kommst du bestimmt auf andere Gedanken.«

»Ich muss am Montag zum Arzt«, sagte er und obwohl er es nicht wollte, musste er nun seinen Eltern den Vorfall im Park erzählen. »Oh Gott!«, murmelte seine Mutter. »Das klingt ja wie bei Hitchcock!«

Unwillkürlich musste Laurin grinsen. »Ja, das habe gestern des Öfteren gehört.«

»Dann melde dich sofort, wenn du Näheres weißt«, verlangte seine Mutter.

Sie war erst zufrieden, als er mit einem ergebenen Seufzen ihrem Drängen mit einem »Ja, Mama« nachgab. Mütter können manchmal sehr anstrengend sein, auch wenn sie hundert Kilometer entfernt sind.

Mit der schlimmste Moment an diesem Tag war für Laurin, als er schlafen gehen wollte.

Aus reiner Gewohnheit war er ins Schlafzimmer gegangen, das im Licht der Nachttischlampe genauso wirkte, wie die Monate und Jahre zuvor. Heimelig und gemütlich. Nur das Wissen machte das Gefühl absurd.

Es war seltsam auf die Seite, auf der immer Justus geschlafen hatte, zu sehen. Das Bett war zerwühlt, wie am Morgen, wenn sie zusammen aufgestanden waren ... Aber nein. Es war anders. Ein anderer hatte in diesem Bett gelegen, in seinem Bett. Laurin wünschte sich aus tiefstem Herzen, wieder den Zorn spüren zu können wie gestern, als er Justus gesehen hatte und am Nachmittag. Stattdessen hatte er wieder das Bild vor Augen, als Justus hinter dem anderen gekniet hatte. Er hatte dessen Haut gestreichelt und irgendetwas davon gefaselt, wie gut er wäre, wie süß und zart ...

Die gleichen Worte, die Justus auch zu ihm gesagt hatte, während er sich in ihm bewegte. Genau die gleichen Worte, der gleiche samtige Tonfall.

Und Laurin hatte ihm jedes Wort geglaubt. Zufrieden spürte Laurin, wie die Wut wieder in ihm zu brodeln begann. Das war besser, als die Enttäuschung und Trauer zu spüren. Wesentlich besser als Verzweiflung. Ohne einen Blick zurück drehte sich Laurin um, verließ das Zimmer, das er mit einem anderen Justus geteilt hatte, einem Justus, den er nicht mehr kannte. Er gehörte der Vergangenheit an. Dem Gestern. Er schloss die Tür hinter sich, ging zurück in die Wohnstube und machte es sich so gut wie möglich auf dem Sofa bequem. Es dauerte eine Weile, bis er die richtige Position gefunden hatte, in der ihm Schultern und Rücken nicht schmerzten, er nicht das Gefühl hatte, als würden die Wunden unter Spannung stehen und sich wieder öffnen.

Flügelschlag schwarzer Federn in der Nacht, Augen wie Obsidian, und ein Schnabel, öffnete sich zum Schrei ... Erschrocken setzte sich Laurin auf. Sein Herzschlag jagte genauso wie gestern im Park, als die Vögel Emma und ihn angegriffen hatten und noch immer schien der Schrei im Raum zu hängen, herüber genommen aus dem Traum.

»Verfluchte Krähen!«, murmelte er, während er sich durch die dunkle Stube tastete. Mussten die ihn sogar bis in den Schlaf verfolgen? Schon wieder.

Im Bad spritzte er sich etwas Wasser ins Gesicht, was die letzten Fetzen des Traumes vertrieb.

Es war gerade drei Uhr, wie ihm ein Blick auf seine Uhr verriet. Zu früh, um wach zu bleiben.