Rabenflug
Kapitel 2
In den Bäumen zeterten die Elstern, Krähen krächzten lautstark, während es auf der Parkbank für einige Minuten still blieb. »Wie wird es nun mit euch beiden weitergehen?« »Ich habe keine Ahnung«, gab Laurin zu. »Ich hoffe, dass Justus inzwischen die Wohnung verlassen hat. Ich will ihn nicht mehr sehen.« Ein freudloses Lächeln zuckte um seine Lippen. »Sie gehört mir und fast ... Ich hatte vorgehabt, ihn als Miteigentümer eintragen zu lassen. Ich hatte wirklich vorgehabt, alles mit ihm zu teilen. Ich wollte mein ganzes Leben mit ihm teilen.« Trauer überschwemmte ihn, trieb weitere Tränen in seine Augen.
»Ich weiß, dass es sich in diesem Moment schrecklich anfühlt. Dein Vertrauen wurde missbraucht. Jemand hat deine Zuneigung ausgenutzt«, sagte sie leise, verständnisvoll, wodurch sich nur die Eindringlichkeit ihrer Worte vertiefte. »Ich weiß, dass es dir gerade echt mies geht. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten. Außerdem war Justus nicht gut für dich«, setzte sie nach kurzem Zögern hinzu.
»Wie meinst du das?« Erstaunt hob Laurin den Blick, sah Emma aufmerksam an.
»Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll«, begann sie und zog nachdenklich die Stirn in Falten. »Ich hatte kein gutes Gefühl bei ihm. Aber ich war glücklich, dich glücklich zu sehen.« »Warum hast du nie etwas gesagt?«
»Hättest du mir geglaubt?«, entgegnete Emma. »Und außerdem war es nur ein übles Bauchgefühl, sobald ich Justus gesehen hatte. Es hätte genausogut eine schlechte Verdauung oder ein verquerer Pups gewesen sein.«
»Du hast recht. Ich hätte dir nicht geglaubt.« »Sag ich doch!«, erklärte Emma und tätschelte seine Hände. »Es schmerzt trotzdem«, sagte er. »So sehr ich versuche, es mir schönzureden. Für einige Augenblicke funktioniert es, aber dann ... dann kommt alles wieder zurückgeschwappt und ich fühle mich nur noch enttäuscht und verzweifelt. Justus war drei Jahre lang ein Teil meines Lebens gewesen und die guten Zeiten haben bei Weitem überwogen. Und die schlechten ... Wir haben uns aneinander gewöhnt, haben uns gegenseitig zu selbstverständlich genommen.« »Der Kerl betrügt dich und du suchst die Schuld bei dir selbst?«, fragte sie verständnislos. »Du stellst dich gerade mit diesem Kerl auf eine Stufe. Oder nein: Du stellst dich unter ihm. Er ist der Missverstandene, der arme Mann, der sich Zuneigung woanders suchen musste, weil du es ihm ...«
»So war das keinesfalls!«, zischte Laurin. »Wie war es dann?«, verlangte Emma zu wissen. »Ich habe ihn geliebt!«
»Und das gibt ihm das Recht, mit jemand anderem ins Bett zu steigen? Wie tief muss ein Mensch sinken, dass er einen solchen Vertrauensmissbrauch zu entschuldigen versucht?« Für einen Moment wandte Laurin sich ab. Er fühlte sich von Emmas Worten angegriffen und wusste zugleich, dass sie Recht hatte. Am liebsten würde er aufspringen, schreien, vielleicht sogar mit den Fäusten auf den Baumstamm einschlagen, um seiner Wut freien Lauf zu lassen. Stattdessen suchte er nach Worten, nach Entschuldigen. Für sich. »Ich hatte das Gefühl, ihm nicht gerecht zu werden«, brachte er schließlich hervor.
Emma sagte dazu nichts, sondern stieß die Luft aus. »Du hast dir wegen diesem Kerl extreme Minderwertigkeitsgefühle eingeredet?«, hakte sie schließlich ungläubig nach, schüttelt dann jedoch in Unverständnis den Kopf. »Dir ist echt nicht zu helfen. Aber eines kann ich dir sagen: Sei froh, dass du diesen Kerl los bist.« »Ich weiß es«, erwiderte Laurin leise. »Vielleicht ist es wirklich am besten so, wie es gelaufen ist.« Seine Worte waren kaum über das Gezeter, Gekrächze und Gekreische der Vögel zu hören, so dass Emma dicht an ihn heranrutschen musste, um ihn zu verstehen. »Viele Mütter haben hübsche und sogar liebe Söhne«, stimmte sie ihm zu. »Da wird sich auch einer für dich finden.« »Meinst du?«
Wie unglaublich verzweifelt und zugleich hoffnungsvoll das klang, so dass Emma unwillkürlich die Arme um Laurins Schultern schlang. »Davon bin ich felsenfest überzeugt!«, erklärte sie und fühlte, wie Laurin die Umarmung erwiderte. Für einige Minuten saßen sie so, bevor sich Emma aus Laurins Armen löste. »Es wird Zeit«, sagte sie entschuldigend. »Henri wird sonst eine Vermisstenanzeige aufgeben.«
»Kein Problem«, erwiderte Laurin. »Und vielen Dank, dass du mir zugehört hast.«
»Unter Freunden sollte ein offenes Ohr immer vorhanden sein. Es tut mir nur leid, dass ich dich verlassen muss ...« Emma zögerte. »Begleitest du mich zurück? Mein Auto steht noch bei der Praxis.« Lautes Zetern über ihnen lenkt Laurin ab, dem das Geräusch von knackenden Ästen folgte. Beunruhigt sahen Emma und er nach oben, wo sich ihnen ein seltsames Bild bot. Aufgeregt flatterten die Elstern, sprangen von Ast zu Ast, während sich mehrere Raben und Krähen balgten. Mit Schnäbel, Krallen und Flügel schlugen sie aufeinander ein und hin und wieder schienen sogar die weiß-schwarzen Vögel einzugreifen. Ein Knäuel aus schwarzem Gefieder bewegte sich in der Baumkrone, fiel herab und stieg wieder hinauf. Sie schien um ein Zentrum zu kreisen, dessen Mitte Laurin nicht erkennen konnte, da sie so schwarz war, wie das Außen. Um besser sehen zu können, traten Emma und er unter dem Baum hervor, gingen auf Abstand, um so mehr erkennen zu können. »Das ist kein Revierkampf mehr«, stellte Emma fest. »Egal, was es ist: Aber irgendetwas wird angegriffen.«
In der Sekunde lösten sich drei Krähen aus dem Kampf, standen für mehrere Flügelschläge über dem Getümmel in der Luft, bevor sie sich wieder hineinstürzten. Schwarze Federn segelten zu Boden. »Es ist ein Rabe, den sie angreifen«, stellte Laurin fest. »Ein Kolkrabe.«
»Woher willst du das wissen?«, wollte Emma wissen, die die Augen gegen die tiefstehende Sonne beschattet hatte. »Ich sehe nur Schwarz.«
»Er ist größer als die anderen.«
Ungläubig starrte Emma ihn an. »Und das kannst du erkennen?« Unbestimmt zuckte Laurin mit den Schultern. »Ja.« In dem Moment ließ ihn ein metallisches Kreischen zusammenzucken und er wandte den Blick dem Kampf wieder zu. Ein großes Federbündel hatte sich aus dem Knäuel gelöst, fiel, wurde von den biegsameren Ästen und Zweigen der Linde abgefangen, bis es mit einem dumpfen Ton auf dem Rasen aufschlug. Über ihnen standen die Krähen und Elstern flügelschlagend in der Luft, schienen den Fall ihres Gegners zu beobachten. Ein einzelner krächzender Schrei war zu hören und Laurin hätte darauf schwören können, dass es in gewisser Weise zufrieden klang.
»Ohgottohgottohgott!«, hörte Laurin Emma murmeln, während sie zurück zur Linde rannten.
Vor dem bewegungslosen Vogel blieb er kurz stehen, sah unschlüssig auf ihn herab. Er lag auf dem Rücken, die Flügel in einem seltsamen Winkel ausgebreitet und der kräftige Schnabel war leicht geöffnet. Wie vermutet, war es ein Rabe. Blutverklebte Federn an den Krallen bewiesen, wie sehr er sich gegen seine Angreifer gewehrt haben muss.
»Ist er tot?«, fragte Emma, zögernd trat sie näher. Laurin ging er vor dem Raben in die Hocke, betrachtete ihn prüfend aus der Nähe. »Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Sie haben aber das arme Tier ganz schön zerrupft!« Er streckte eine Hand aus, um über das blauschwarz schimmernde Gefieder an der Brust des Vogels zu streichen.
Erschrocken sprang er auf, als plötzlich Leben und Bewegung in das Tier kam. Wild schlug der Rabe mit den Flügeln um sich, kam dabei auf die Füße. Doch taumelte er und gleichzeitig versuchte er, mit dem Schnabel nach dem Mann zu hacken. »Fang ihn!«, hörte Laurin Emma sagen. »Sieh dir nur die Flügel an! Gebrochen! Er wird damit die Nacht nicht überleben.« Laurin hatte schon den Reißverschluss seiner Jacke geöffnet, zog sie eilig aus, bemüht, so ruhige Bewegungen wie nur möglich zu machen. Dabei ließ er den Vogel keinen Moment aus den Augen. Mit beiden Händen hielt er die Jacke ausgebreitet vor sich, näherte sich dem Raben vorsichtig einen Schritt. Laut krächzend wich das Tier daraufhin zurück.
»Langsam!«, flüsterte Emma hinter ihm.
»Er beobachtet mich«, erwiderte Laurin ebenso leise. »Er weiß genau, dass ich ihn fangen will.«
Eine Berührung an der Schulter ließ Laurin vom Raben aufblicken und sich zu Emma umwenden. »Sieh nur!«, sagte sie, sah auf den Rasen, jenseits der Linde hinaus. »Sie beobachten uns.«
Ungläubig folgte Laurin ihrem Blick und entdeckte fünf Krähen, die in ihrem grau-schwarzen Gewand auf dem Gras hockten. Schwarze Augen schienen jede Bewegung von Laurin und Emma zu beobachten.
»Wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden«, murmelte Laurin, dem ein eisiger Schauer den Rücken hinab jagte. »Das ist unheimlich.«
»Wie bei Hitchcock«, stimmte Emma zu. »Das macht mir Angst.« Der Rabe schien sich keinen Millimeter bewegt zu haben. Die Flügel hatte er an den Körper gelegt, doch lagen sie nicht dicht an und die Federspitzen strichen über den Boden. Den Kopf hatte er abgewandt und schien seinerseits die Saatkrähen zu beobachten. Ein Geräusch im Geäst über ihnen ließ den Vogel zusammenzucken, sich ducken. Die beiden Elstern saßen im Baum über ihnen, blickten auf sie herab. Schienen sie zu belauern.
Laurin hob wieder seine Jacke, zugleich neigte er sich leicht herab, wollte nicht, dass der Rabe ihn als Bedrohung ansah und die Flucht ergriff. »Schhhhh...«, machte er dabei leise, beruhigend. »Ganz ruhig ...«
Im nächsten Moment warf er die Jacke über den Vogel, der aufgeschreckt mit den Flügeln schlug. »Ganz ruhig, mein Schöner!«, murmelte Laurin, als er mit dem Stoff der Jacke auch den Vogel ergriff. Eilig wickelte er ihn in den Stoff, versuchte darauf zu achten, dass die Flügel am Vogelkörper anlagen. Über ihnen kreischten die Elstern aufgeregt, zeterten, als würden sie darüber schimpfen, dass Laurin ihren Gegner entführen würde. Zugleich hatten sich die Krähen erhoben, kreisten über den Wipfeln der Bäume.
»Wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden!«, drängte Emma, warf dabei einen Blick auf die Vögel. »Die Sache wird immer unheimlicher.« Angstvoll, zupfte an Laurins Ärmel. Das Bündel fest an seinen Körper gepresst, folgte Laurin seiner Kollegin den Weg zurück. Bis zum Hauptweg kamen sie unbehelligt, erst dann schien die Hölle über sie hereinzubrechen. Fast gleichzeitig stießen die Krähen auf sie herab, hackten nach ihnen, schlugen mit Flügel und Krallen nach ihnen. Es war schmerzhaft und fast augenblicklich spürte Laurin, wie es ihm warm an der Schläfe herabrann.
Emma neben ihm schrie schmerzerfüllt auf, hatte die Arme schützend um den Kopf geschlungen. Auch sie blutete aus einer Wunde an der Wange. Ihre Hände waren zerkratzt, die Ärmel ihrer wattierten Jacke fast schon zerfetzt.
Das einzige, das Laurin machen konnte, war, den Kopf so tief wie möglich zwischen die Schultern zu ziehen, den Vögeln nur seine Schultern als Angriffsziel zu bieten. Das konnte heilen, ausgehackte Augen nicht.
Und das Bündel in seinen Armen wog mit jedem Schritt immer schwerer.
Von irgendwoher waren plötzlich Stimmen zu hören, übertönten das Krächzen und Kreischen der Vögel. Nur nebenbei bemerkte Laurin, dass jemand mit einem Stock oder Ast nach den Krähen schlug. Normalerweise war er dagegen, dass Tiere so behandelt wurden, doch in dem Moment war er mehr als glücklich. Endlich ließen die Vögel von ihnen ab. Ihr Schimpfen und Zetern wurde leiser, zugleich wurden die Fragen und geäußerten Sorgen der Menschen um sie herum immer drängender.
»Wie konnte das nur geschehen?«
»Das war noch nie gewesen!«
»Was mag nur in die Vögel gefahren sein, dass sie einfache Spaziergänger angriffen?«
»Das war ja wie bei Hitchcock!«
Sirenen näherten sich, Blaulicht auf dem Hauptweg. Weiß-rot gekleidete Sanitäter schoben sich durch den Menschenring, der sich um Laurin und Emma gebildet hatte.
Hände griffen nach ihnen und führten sie fort von den Fragen, dem Mitleid und den Sorgen.
Endlich war Ruhe um Laurin, nur noch die Hände, die ihn untersuchen und ihm das Bündel aus den Armen nehmen wollten. »Nein!«, sagte er, schüttelte geradezu verzweifelt den Kopf. »Sie wollten ihn haben. Ich habe ihn beschützt.« »Schock«, murmelte der Sanitäter, stellte es mehr für sich selbst fest. »Wir müssen Sie untersuchen, falls Sie schlimmere Verletzungen als die Wunde am Kopf haben sollten«, sagte er nun mit einer Spur Anteilnahme oder guter Professionalität, mit der man verletzten Personen begegnet. »Sie können das Bündel hier hinlegen.« Mit der Hand deutete auf den Platz neben Laurin, auf den Papierbezug der Liege, der leise raschelte. »Niemand wird Ihnen das Bündel wegnehmen.«
Wieder schüttelte Laurin den Kopf. »Es geht nicht. Es ist ein Vogel. Er würde sich hier noch mehr verletzen.« Prüfend blickte der Sanitäter ihn an. »Sie wollten ihn zum Tierarzt bringen?«
Ja. Nein. Ich wollte ihm helfen. »Ich arbeite beim Tierarzt, nur fünf Minuten von hier entfernt.«
Verständnisvolles Nicken. Der Mann öffnete die rückwärtige Tür des Krankenwagens, winkte nach jemanden, der in der Nähe stand. Ein Polizist erschien kurz danach in der Tür und sah den Sanitäter fragend an.
Dieser wandte sich wieder Laurin zu. »Geben Sie ihm den Vogel. Er wird auf ihn achten, während ich Ihre Wunden versorge.« Alles in Laurin wehrte sich dagegen, den Raben diesem Mann auszuhändigen - überhaupt den Raben irgendjemandem auszuhändigen. Schließlich nickte er zustimmend, zögernd, während es von einer Sekunde zur anderen in seinem Kopf hämmerte, als wäre dort eine Schar Krähen gefangen.
»Seien sie vorsichtig«, bat er den Polizisten, der in den Wagen gestiegen war und hinter sich die Tür geschlossen hatte. »Er soll sich so wenig wie möglich bewegen. Seine Flügel sind gebrochen und vielleicht noch mehr.«
Vorsichtig wurde Laurin das Bündel abgenommen, aus dem ein leises Krächzen zu hören war. Aufmerksam folgte er den Bewegungen des Polizisten, seinem Griff, mit dem er das Bündel hielt. »Keine Sorge«, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. »Er ist bei mir sicher.«
»Können Sie uns erzählen, was geschehen ist?«, fragte nun der Sanitäter. Er hatte eine kleine Stablampe hervorgezogen, leuchtete prüfend in Laurins Augen.
»Emma und ich waren spazieren. Wir fanden den Raben und fingen ihn ein. Auf dem Rückweg sind wir von den Vögeln angegriffen worden«, berichtete Laurin, während Finger mit geübten Bewegungen Kopf und Nacken abtasten, sein Hemd öffneten und es ihm von den Schultern schoben. Kühle Luft traf auf gereizte Haut, ließ ihn erschauern.
»Wir werden Sie ins Krankenhaus mitnehmen müssen«, stellte der Sanitäter nach einigen Minuten fest, in denen er damit beschäftigt war, das gesamte Ausmaß der Verletzungen zu begutachten. »Die Vögel haben Sie schlimm erwischt und es sind leider Wunden dabei, die sich der Chirurg ansehen muss.«
»Das geht nicht!«, widersprach Laurin und griff nach seinem Hemd, wollte es sich wieder überstreifen. Doch allein schon die Bewegung ließ ihn schmerzerfüllt aufstöhnen. »Der Vogel muss zum Tierarzt.« »Der Kollege kümmert sich darum«, erklärte der Sanitäter, legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
Laurin zögerte, fühlte sich von den Ereignissen überrannt und zudem wurden die Kopfschmerzen unerträglich, strahlten bis in die Schultern hinab, so dass er kaum wusste, ob die Schmerzen von den Wunden herrührten. »In Ordnung«, stimmte er leise zu. »Können Sie mir sagen, wie es Emma geht?« »Ihre Freundin?«, hakte der Sanitäter nach. »Meine Kollegin«, korrigierte Laurin. Einer Eingebung folgend sah er den Polizisten an. »Wenden Sie sich an sie. Die Praxis ist nur fünf Minuten entfernt.«
»Ich werde nachschauen, wie weit die Sanis mit ihr sind«, stimmte der Polizist zu. Augenblicke später fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Vorsichtig hatte der Sanitäter die Wunden mit einem Tuch abgedeckt und nötigte Laurin gerade, sich auf der Liege auszustrecken, als die Tür wieder geöffnet wurde. Emma schaute herein, sah sich besorgt um und lächelte erleichtert, als sie ihn entdeckte. »Na? Wie geht es dir?«, fragte sie und stieg in das Auto. Ihre Jacke hatte sie locker über die Schultern zu hängen. Laurin sah, dass ihre Hände bis zu den Ellenbogen hinauf verbunden waren. »Es tut mir leid«, flüsterte Laurin. »Es tut mir leid, dass du wegen mir Schmerzen hast.« »Du bist ein Spinner. Ich hatte dir gesagt, dass du den Raben fangen sollst und das weißt du sehr genau«, murrte sie und griff in einer liebevollen Geste nach seiner Hand, um sie zu drücken. »Der Polizist sagte, dass du ins Krankenhaus musst. Melde dich, dann bringe ich dir etwas.«
Abwehrend schüttelte Laurin den Kopf und verfluchte sie dafür, weil der Kopfschmerz sich dadurch nur noch verstärkt. »Kümmere dich um den Vogel. Vielleicht kann Chefchen auf ihn gucken und vor allem: Kümmere dich um dich selbst. Ich komme schon zurecht.« Skeptisch zog Emma eine Augenbraue hoch. »Dein Handy hast du dabei?«, fragte sie.
Laurin verdrehte die Augen. »Ja, Mama. Taschentücher auch und ne saubere Schlipper hab ich auch an.«
Der Sanitäter gab ein amüsiert klingendes Schnauben von sich, während er an irgendwelchen Geräten hantierte, die an der Wand zum Fahrerhaus befestigt waren.
»So genau wollte ich es nicht wissen«, erklärte Emma, überspielte die Sorge mit ihrer Flapsigkeit.
Laurin erwiderte den Druck ihrer Finger. »Es ist alles in Ordnung. Und es wird nicht schlimm sein, wenn ich eine Nacht im Krankenhaus bleiben sollte. Dann muss ich Justus wenigstens heute nicht mehr sehen.«
»Unverbesserlicher Optimist!«, sagte sie. »Okay. Ich schnapp mir den Herrn Polizisten und werde zusehen, dass ich unseren Patienten dem Doktor vorstellen kann.«
»Danke!«, flüsterte Laurin.