Rabenflug
Kapitel 4
Sein Chef, Doktor Klaus, ein hochgewachsener Mann mittleren Alters, mit kurzem Haar und grauen Schläfen, erwartete Laurin bereits. Mit einem entschuldigenden Blick händigte Laurin ihm den Krankenschein aus. »In zehn Tagen werden die Fäden gezogen«, sagte er. »So lange bin ich krankgeschrieben, eventuell sogar länger, wenn es noch zu Komplikationen kommen sollte.« »Das lässt sich nun einmal nicht ändern«, erklärte Doktor Klaus. Im Grunde war er absolut nicht begeistert über die Entwicklung der Dinge. »Emma wird auch für einige Tage ausfallen. Mit den Verletzungen an beiden Händen kann ich sie nicht arbeiten lassen«, setzte er mit einem schweren Seufzen hinzu. »Ich werde die Praxis für die Zeit schließen müssen.«
»Das tut mir leid«, sagte Laurin.
»Ach, Quatsch!«, erwiderte der Doktor abwinkend. »Das Tier war verletzt. Jeder hätte versucht, ihm zu helfen. Und dass ihr angegriffen werdet, konnte niemand voraussehen.« Nachdenklich blickte Laurin auf seine Hände. Sollte er von dem seltsamen Verhalten der Vögel erzählen? »Du willst bestimmt dem Verursacher des ganzen Desasters einen Besuch abstatten«, vermutete der Tierarzt, nahm ihm damit die Wahl ab, etwas zu sagen. Er wartete keine Zustimmung ab, sondern erhob sich von seinem Stuhl. »Ich musste den Raben isolieren, da er mitten in der Nacht einen solchen verdammten Lärm veranstaltet hatte, dass er damit die anderen Tiere aufgeweckt und verschreckt hatte«, erzählte Doktor Klaus, während er voraus in den Hinterhof ging. »In der Nacht zuvor war er schon sehr unruhig, aber was er gestern veranstaltet hatte, ging auf keine Kuhhaut. Er hat alles zusammen geschrien. Ich musste ihn von den anderen Tieren isolieren.«
Der Tierarzt öffnete die Tür zu einem Nebengebäude und ließ Laurin in den gefliesten Vorraum eintreten. Ein Arbeitstisch an der einen Längsseite sowie eine Reihe verschlossener Schränke an der anderen Seite waren zu sehen. Von hier aus kam man in einen größeren Raum, den der Tierarzt zur Isolation nutzte. In der Mitte des Raumes stand ein Behandlungstisch, daneben ein fahrbarer Käfig, in dem der Rabe auf einer Stange hockte. Den Kopf hatte der Vogel zwischen die Schultern gezogen, rührte sich nicht, sondern blinzelte nur, als die Männer den Raum betraten. »Sieh dir den Lümmel an! Nun tut er so, als könnte ihn kein Wässerchen trüben«, sagte der Tierarzt, dessen Stimme hohl im gefliesten Raum widerhallte. »Und dabei schreit er alles zusammen. Antibiotika und Schmerzmittel hat er bekommen. Die ganze Zeit war er erstaunlich ruhig. Aber er zeigte keine Anzeichen, dass er einen Schock hätte. Wäre er ein Mensch, dann würde ich ihn als voll zurechnungsfähig und ansprechbar einschätzen. Er ließ alles mit sich machen, als wüsste er, dass ihm geholfen wird.« Der Arzt seufzte unzufrieden. »Ich werde gucken müssen, dass ich ihn in eine Auffangstation geben kann, wo er seine Wunden ausheilen lassen kann.«
Laurin war neben ihn getreten, betrachtete den Vogel, dessen Flügel mit einer breiten weißen Bandage am Körper fixiert worden waren. Weiß auf schwarz.
»Kann man ihn nicht hier pflegen, bis er geheilt ist?« Der Arzt schüttelte den Kopf. »Er benötigt Hilfe von jemandem, der sich mit Wildvögeln auskennt. Ich weiß, wie er behandelt werden kann, aber ich weiß nicht, wie sich ein solcher Vogel am wohlsten fühlt. Das wissen nur Leute vom Fach.«
Dicht trat Laurin an den Käfig heran, glaubte, sein Abbild im Schwarz der Augen erkennen zu können.
»Es ist ein schönes Tier«, sagte der Arzt leise neben ihm. »Und das erste Mal, dass ich einen Raben in Behandlung habe.« »Ich möchte ihn in Pflege nehmen. Es gibt für mich nichts zu tun. Ich hätte viel Zeit, mich um ihn zu kümmern.« Laurin zuckte mit den Schultern und spürte augenblicklich, dass die saloppe Bewegung im Grunde zu viel für die verletzte Schulter war. Ein stechender Schmerz schoss durch die Schulter. Es fühlte sich an, als würde die genähte Wunde zerrissen. Im gleichen Moment hob der Vogel den Kopf, streckte den Hals und stieß einen spitzen Schrei aus. Das feine Gefieder an Kopf und Hals waren gesträubt, ebenso wie der Rabenbart an der Kehle des Vogels.
Es war nur dieser eine Ton, den der Rabe ausgestoßen hatte und der noch Sekunden später im Raum widerhallte. Als wäre nichts geschehen, sank wieder sein Kopf herab. Der Vogel schien wieder in sich zusammenzusinken.
»Ungefähr so hatte er in der Nacht auch geschrien«, berichtete der Doktor mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Nur war es wesentlich ausdauernder.«
»Ich nehme ihn in Pflege«, wiederholte Laurin seine Worte. »Bevor ich mich langweile ...«
»Du sollst dich ausruhen und dich nicht um den Vogel kümmern müssen«, unterbrach ihn sein Chef brummig. »Wegen mir müssen Sie die Praxis für eine Woche schließen«, wandte Laurin ein. »Außerdem habe ich nichts weiter zu tun.« »Was ist mit deinem Freund? Wird er nichts dagegen haben, dass du einen Raben anschleppst? Der Vogel wird kein ruhiger Zeitgenosse sein und vielleicht sogar das ganze Haus zusammen schreien, wie er es hier versucht hat.«
»Es wird niemanden stören, wenn er Krach macht. Justus ist weg.« Fast körperlich spürte Laurin den Blick seines Chefs. Sorgenvoll. »Ich habe ihn rausgeschmissen«, setzte er hinzu, weil er das Mitleid nicht fühlen wollte, das der andere ihm mit offenen Armen offerieren wollte. »Er hatte seine Sachen packen müssen und ist nun verschwunden.«
Es fühlte sich gut an, die Worte zu sagen, nicht wie eine Entschuldigung für sein eigenes Versagen. Wahrscheinlich würde Emma ihm den Kopf dafür abreißen, dass er die Schuld für Justus Handeln schon wieder bei sich selbst suchte, eine Entschuldigung für ihn finden wollte.
Aber im Moment kämpfte er komischerweise nicht damit, sondern eher mit der Vorfreude, dass der Vogel bei ihm einziehen könnte. Er fühlte sich von einem Augenblick zum anderen irgendwie voller Tatendrang. Zuversichtlich. Das musste am Sonnenschein liegen, der durchs Fenster fiel und sich auf dem Fliesenboden brach. Frühling bedeutete Neuanfang. Vielleicht auch für ihn? Bestimmt. Die Hände auf die Hüften gestützt, sah Laurin auf den Raben. Ruhig erwiderte der seinen Blick, den Kopf schräg gelegt, interessiert und neugierig.
»Ich bräuchte nur einen Käfig«, sagte er. »Das wäre kein Problem. Das würden wir schon irgendwie hinkriegen. Und alles andere würde ich dir auch zur Verfügung stellen«, stimmte der Arzt nach kurzem Überlegen zu. »Aber das eigentliche Problem ist, dass ich ihn noch nicht zum Fressen hatte bringen können«, sagte er und deutete auf einen Napf mit Futter und einen weiteren mit Wasser. »So lange der Rabe nichts frisst, bleibt er hier.«
Dicht trat Laurin an den Käfig heran. Vorsichtig legte er eine Hand an die Stäbe des Vogelkäfigs. »Hast du gehört? Du musst fressen, damit ich dich mitnehmen kann«, flüsterte er. Der schwarze Rabenkopf bewegte sich, der Schnabel hob sich. Nachtschwarze Augen schienen Laurins Finger skeptisch zu betrachten, bevor der Vogel langsam, geradezu zögernd den Hals streckte, bis er mit der Schnabelspitze durch die Stäbe reichte und über Laurins Handfläche strich.
Es war ein seltsames Gefühl, die Härte des Schnabels an der Hand zu spüren, kühl und glatt, dem Laurin nachspürte, als er langsam die Finger zurückzog.
»Mach das nicht noch einmal!«, forderte der Tierarzt neben ihm leise. »Ich dachte schon, dass der Vogel dir in die Hand hacken will. Dann hättest du gleich wieder zum Arzt fahren können.« »Ich will es versuchen«, sagte Laurin eindringlich, ging nicht weiter auf die Forderung des Arztes ein, als hätte er sie nicht gehört. »Ich habe das Gefühl, dass ich es schaffe, ihn zum Fressen zu bewegen.«
Doktor Klaus sah zwischen Laurin und dem Raben hin und her, war unschlüssig. »Dann versuche dein Glück. Weniger als jetzt kann er nicht fressen«, gab er schließlich nach und deutete mit einem Nicken in Richtung des Vorraumes. »Im vorderen Schrank findest du Beofutter und frische Mehlwürmer. Bedien dich! Wenn du es schaffst, dass er frisst, kannst du ihn am Ende der Woche mitnehmen.«
»Und wenn nicht?«
»Dann tut es mir leid. Wenn er das Futter verweigert, muss er auf jeden Fall so schnell wie möglich in eine Auffangstation. Dort kann man sich richtig um ihn kümmern und wird er seiner Art entsprechend gehalten.«
Am liebsten hätte Laurin zornig mit dem Fuß aufgestampft, wie er es manchmal als kleiner Junge getan hatte, wenn man ihm etwas nicht zutrauen wollte. »Ich werde mich gut um ihn kümmern! Versprochen!«, sagte er stattdessen ruhig, bestimmt, voller Vertrauen.
Der Tierarzt zog für einen Moment die Augenbrauen zusammen. »Das streitet niemand ab. Aber er ist ein Wildtier. Auch wenn er munter ist und auf äußere Reize reagiert, muss das nicht viel heißen.«
»Ich weiß.«
Mehr sagte Laurin nicht. Ruhig erwiderte er den Blick des Arztes, bis der Ältere mit einem leichten Nicken seine endgültige Zustimmung gab. »Ich will nur nicht, dass du dir falsche Hoffnungen machst«, setzte er noch hinzu. »Dass du enttäuscht bist.« »Ich denke nicht, dass man von einem Tier enttäuscht werden kann. Sie lügen nicht, spielen dir nichts vor. Anders als die Menschen.« Der Arzt legte Laurin kurz eine Hand auf den Arm. »Ich werde euch beiden nun allein lassen. Ich habe Termine, die ich einhalten muss, auch wenn weder Emma noch du mir zur Hand gehen können. Die Arbeit muss gemacht werden.« An der Tür blieb er noch einmal stehen. »Wegen des Käfigs oder einer Voliere reden wir später, wenn ...«
»Wenn er etwas gefressen hat«, setzte Laurin den Satz fort. »Schon verstanden.«
Nur Sekunden später klappte die Tür hinter dem Tierarzt zu und Laurin war mit dem Vogel allein.
Interessiert beobachteten sie sich gegenseitig, zumindest hatte Laurin den Eindruck, als würde der Rabe ihn prüfend betrachten. »Hallo, mein hübscher Schwarzer«, sagte er leise, bemühte sich um einen ruhigen Ton, was in der hallenden und sterilen Umgebung gar nicht so einfach war. »Ich nehme das alte Futter heraus und auch das Wasser«, redete immer weiter, während er die Schälchen aus den Halterungen nahm. Er umschrieb jede Bewegung, die er machte mit seinen ruhigen Worten. Auch als er in den Vorraum ging, um Schalen mit frischem Futter zu befüllen, plapperte er. Ob der Vogel zuhörte, wusste Laurin nicht. Aber zumindest saß er entspannter auf der Stange. Der Kopf war nicht mehr zwischen die Schultern gezogen und die schwarzen Augen schienen jeder Bewegungen von Laurin zu folgen. Neugierde glaubte Laurin in ihnen zu erkennen. Den Napf, in den er schon frisches Futter gefüllt hatte, stellte Laurin auf den Untersuchungstisch ab, daneben eine kleine Schale mit einigen Mehlwürmern. Dies ließ er dort stehen und füllte einen Napf mit frischem Wasser, den er als erstes in die Halterung des Käfigs schob.
Mit dem Futter ließ er sich mehr Zeit, nutzte die Neugierde des Tieres aus, mit der er ihn beobachtete. Übertrieben langsam ließ er die sich windenden Mehlwürmer in die Futterschale gleiten. »Na, mein Schöner? Das sieht doch wirklich lecker aus. Mehlwürmer und süßer Honig und Obst ...« Ebenso langsam und ruhig zählte er auf, was Rabenvögel mochten. Auch wenn sie als Aasfresser verschrien waren, waren sie zugleich regelrechte Leckermäulchen, wie Laurin wusste. Süßes Obst, Nüsse, Honig und Insekten. Mit ruhigen Bewegungen stellte Laurin auch diesen Napf in die Halterung, so dass der Vogel sich bequem davon nehmen konnte und trat vom Käfig zurück.
Bis zur Tür zum Vorraum wich er zurück, lehnte sich dort gegen den Türrahmen. Leise zischte er auf, als wiederholt Schmerz durch seinen Körper schoss. Wie konnte er nur immer wieder vergessen, dass er verletzt war?
Als wäre er durch Laurins Ton beunruhigt oder aufgeschreckt, reckte sich der Rabe, öffnete den Schnabel, doch statt eines Schreis wie zuvor, war nur ein leises Krächzen zu hören. Irgendwie fragend, wie Laurin empfand.
»Es ist alles gut«, beruhigte er den Vogel. »Es tut schon nicht mehr so sehr weh. Alles in Ordnung.«
Skeptisch schien der Rabe den Kopf zu wiegen. Du hast echt eine Meise, Laurin. Du stehst hier und unterhältst dich mit einem Vogel, der darauf auch noch zu antworten scheint! Über sich selbst schüttelte er den Kopf, lachte leise in sich hinein. Seltsame Situation, obwohl er es ja eigentlich gewohnt war, mit Tieren zu sprechen. Egal, ob er die Käfige reinigte oder die tierischen Patienten fütterte. Es war ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen, ihnen etwas zu erzählen. Selbstverständlich reagierten die Tiere auch auf ihn, jedoch nur auf seine Hände und meistens war es mit Interesse, häufig auch mit Angst. Es tat Laurin weh, wenn sie sich vor ihm fürchteten, aber im Grund war nicht er es, sondern das, was er vertrat, das sie ängstigte: Der Schmerz, die fremde Umgebung, das Fehlen eines vertrauten Geruchs. Aber dieser Vogel war anders. Er war neugierig, aufgeweckt, nahm seine Umgebung wahr. So weit es ihm möglich war, bewegte er sich und rutschte auf der Stange ganz dicht an das Käfiggitter heran. Aufmerksam wandte er den Kopf hin und her, schien Laurin mal mit dem einen dann mit dem anderen Auge prüfend zu beobachten. »Willst du nichts essen?«, fragte Laurin den Raben leise, halb amüsiert über dessen Gehabe. »Leckere Mehlwürmer. Hmmmm. Ganz frisch«, erzählte er ruhig weiter. Dabei wandte er den Blick zum großen Fenster, wollte dem Vogel das Gefühl geben, nicht ständig unter Beobachtung zu stehen. »Wenn du frisst, darf ich dich bald mitnehmen. Du hast es gehört. Der Arzt hat es gesagt. Du bekommst einen großen Käfig und wenn deine Flügel geheilt ist, kannst du auch wieder fliegen. Aber ...«
Ein leises Scharren und Knuspern ließ Laurin verstummen, nur einen Moment, bevor ein leichtes Lächeln um seine Lippen spielte. »Aber dafür musst du viel fressen«, erzählte er ruhig weiter, während er einen Blick zum Käfig wagte. Nur aus den Augenwinkel und am liebsten hätte er vor Freude gejubelt. Tatsächlich hockte der Rabe vor dem Napf mit dem Futter, stocherte mit dem Schnabel darin herum. »Ja, friss nur! Viele leckere Sachen sind dabei, die Raben wie du gern mögen!«
Laurin hielt den Atem an, als der Vogel den Kopf hob und eine Nuss im Schnabel hielt. Mit einer schnellen Bewegung verschwand sie in seinem Rachen.
Wieder legte der Rabe den Kopf schief, schien Laurin anzusehen, irgendwie herausfordernd.
»Du bist ein Schlingel!«, murmelte Laurin grinsend.
»Na? Wie geht es mit unserem Sorgenkind?« Erschrocken zuckte Laurin zusammen. Er hatte weder das Öffnen noch das Schließen der Tür gehört und auch nicht die wenigen Schritte, mit denen Doktor Klaus an ihn herangetreten war. Vermutlich war er zu sehr im Anblick versunken, wie der Vogel sich an dem Futter bediente und dabei in keiner Weise zögerlich oder ängstlich wirkte.
»Er frisst!«, erwiderte er, wandte den Kopf zum Tierarzt, der nun an Laurin vorbei in den Raum trat. »Ich hatte das Futter erneuert und frisches Wasser eingefüllt und keine fünf Minuten später hat er in dem Napf herumgepickt.«
Der Arzt war neben Laurin stehen geblieben. Die Arme vor der Brust verschränkt, sah aus der Entfernung auf den Käfig. Skeptisch hatte er die Lippen verzogen. »Entschuldige, Laurin, aber das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, sagte der Arzt. »Für mich sieht es eher aus, als hätte er sich überhaupt nicht bewegt. Er hockt noch immer an der gleichen Stelle wie zuvor.«
Irritiert sah Laurin zum Vogel und musste feststellen, dass der Arzt recht hatte. Der Rabe saß wieder auf der gleichen Stelle wie zuvor. Nichts schien sich verändert zu haben.
»Ich habe deutlich gesehen, dass ...«, begann er ungläubig und trat er auf den Käfig zu. »Das kann keine Einbildung gewesen sein!«, murmelte er. Im nächsten Moment dreht er sich zum Doktor um, der ihm gefolgt war. »Ich spinne nicht«, murmelte er. »Und ich habe auch nicht geträumt. Der Rabe hat wirklich gefressen!« »Das will ich dir gern glauben«, erklärte der Tierarzt, machte zugleich den Eindruck, nicht mit sich handeln zu lassen. »Der Rabe hockt genauso auf der Stange wie zuvor, als ich euch verlassen hatte.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Tut mir leid. Aber im Moment habe ich das Gefühl, dass du alles dafür tun würdest, den Vogel mitnehmen zu können und das kann ich nicht zulassen.« Eine Hand legte sich schwer auf Laurins Schulter, drückte sie leicht in einer tröstenden Geste.
»Er hatte gefressen«, murmelte er, seufzte dann unzufrieden und strich sich durch die Haare. »Aber du hast Recht. Ich kann nicht beweisen, dass er gefressen hat«, stimmte er zu. »Deine Einwände sind berechtigt.«
»Es tut mir wirklich leid, aber ich muss objektiv bleiben, auch wenn ich weiß, dass der Rabe bei dir in den besten Händen ist.« Noch einmal wurde Laurins Schulter leicht gedrückt, dann wandte sich der Arzt ab. »Wenn sich etwas Neues ergibt, dann sag sofort Bescheid.« Sekunden später klappt die Eingangstür leise zu. »Nun siehst du, was du angestellt hast«, beschwerte sich Laurin bei dem Vogel, der nur wieder den Kopf schief legte. Sein Rabenbart sträubte sich leicht und auch die Nackenfedern. »Wenn du nicht angefangenen hättest, so ein Theater zu veranstalten, könntest du vielleicht sogar morgen schon bei mir einziehen. Nun hast du den Salat!«
Der Rabe streckte sich, versuchte sich zu schütteln, soweit es die fixierten Flügel zuließen. Die gesträubten Kopffedern legten sich wieder an und mit ungelenken Bewegungen hopste er auf den Rand des Futternapfes. Demonstrativ pickte der Vogel im Napf herum, als würde er etwas suchen und hob schließlich einen sich windenden Mehlwurm heraus.
»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?«, flüsterte Laurin ungläubig, beobachtete, wie der Vogel mit einer nachlässig wirkenden Bewegung den Kopf nach hinten warf und dabei den Wurm in seinen Rachen gleiten ließ. Als wäre es selbstverständlich, suchte er nach einem weiteren Wurm im Napf. Fassungslos beobachtete Laurin den Raben. Er hatte gehört, dass die Tiere schlau sind, dass sie schnell lernen und sich ausgezeichnet an veränderte Lebensbedingen anpassen können. Aber davon, dass ein Vogel sich ... Was? Dumm stellt? Einen Menschen verulkt? ... hatte er noch nie gehört. Er wusste nicht, ob er sich über das Tier amüsieren oder es verfluchen soll. Mit vor Aufregung zitternden Fingern zog er sein Handy aus der Hosentasche, wählte die Nummer des Tierarztes. »Er frisst«, sagte er, als sich Doktor Klaus meldete. »Sobald du den Raum verlassen hattest, hat er wieder gefressen.« Für einige Sekunden war es still in der Leitung. »Ich kann hier nicht weg«, hörte er den Arzt sagen. »Und irgendwie habe ich das Gefühl, als würde das Spiel von neuem beginnen, wenn ich dabei bin.« »Das Gleiche befürchte ich auch«, stimmte Laurin zu. »Und nun?« »Hmm ... Mach ein Video«, schlug der Arzt vor. »Und schick es mir.« »Okay«, sagte Laurin, doch am liebsten hätte er sich gegen die Stirn geschlagen. »Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?« »Weil Männer nie auf die einfachsten Ideen kommen«, hörte er Emma sagen. Vermutlich hatte der Arzt die Freisprechfunktion seines Handys aktiviert. »Ich komme gleich mal rüber und probiere aus, ob sich der Vogel auch bei mir verstellt oder nur beim Doc.« »Bring Kaffee mit!«, konnte Laurin noch sagen, dann war die Verbindung getrennt. »Hoffentlich hat sie es gehört«, murmelte er, während er mit seinem Telefon hantierte. Entgegen Freunden und Bekannten, nutzte er nur selten die Möglichkeit, Bilder und Videos mit dem Handy zu machen. Entsprechend lange musste er erstmal die App suchen, da er sie vom Startbildschirm entfernt hatte. Schließlich hatte er sie gefunden und aktiviert und glücklicherweise war der Rabe noch immer mit fressen beschäftigt. Interessiert neigte er den Kopf, bevor er sich wieder dem Napf widmete und etwas in seinem Schlund verschwand.
Schritte waren vor dem Fenster zu hören. Deutlich konnte Laurin sehen, wann der Vogel auf das Geräusch reagierte. Er verharrte. Als die Tür geöffnet wurde, hopste er vom Rand der Schale und tat einige weitere ungelenke Sprünge bis er wieder auf der Stange war, auf der er zuvor gehockt hatte.
»Der Kaffee ist da!«, verkündete Emma hinter Laurin und der Duft des Getränks wehte ihm entgegen.
Mit einem Seufzen beendete er die Videoaufnahme. »Ich hoffe, dass es geklappt hat«, sagte er mehr zu sich selbst. »Ach, wird schon«, erwiderte Emma zuversichtlich. Den Kaffeebecher für Laurin stellte sie auf den Arbeitstisch ab und trat an den Vogelkäfig heran. »Und? Wie ist es gelaufen?« Mehr zur Antwort hob Laurin sein Handy. »Du kannst es dir ansehen. Er hatte dich kommen hören und hat mit dem Fressen aufgehört.«
»Cool!«, sagte Emma. »Ein schlaues Vögelchen!« »Gar nicht so ›cool‹«, erwiderte Laurin brummig. »Hat dir der Doktor gesagt, dass ich ihn gern in Pflege nehmen würde? Wenn er weiterhin solche Zicken macht, geht er in die Auffangstation. Aber das Doofe ist, dass er wirklich sehr intelligent ist. Er reagiert darauf, was ich sage oder tue.«
Nachdenklich sah Emma erst auf den Vogel, bevor sie sich Laurin wieder zuwandte. »Wenn er es darauf angelegt hat, andere zu ärgern, dann war wohl die Abreibung von den Krähen verdient gewesen.«
»Man kann nicht von Menschen auf Tiere schließen«, hielt Laurin dagegen und griff nach seinem Kaffeebecher. »Ja«, seufzte Emma. »Das wäre auch viel zu einfach gewesen.« »Und wie geht es dir?« Mit dem Kinn deutete Laurin auf ihre Hände, die aussahen, als hätte sie fingerlose Handschuhe übergezogen. »Ich habe einen Fingernagel verloren!«, kündete sie und streckte Laurin eine Hand entgegen, an der einer der blau-weiß-silber designten künstlichen Fingernägel fehlte. »Ansonsten sieht alles gut aus. Die Jacke hatte das Meiste abgefangen und mein Arzt ist zufrieden.«
»Schick mir ne Rechnung für die Jacke«, sagte Laurin. »Ich ersetze sie dir.«
Einen Moment schien Emma irritiert. »Du hast tatsächlich eine Macke!«, stellte sie schließlich fest. »Der Chef hatte schon angedeutet, dass du dich für das Desaster schuldig fühlst. Aber dass du mir auch noch die Jacke ersetzen willst ...« Fassungslos schüttelte sie den Kopf. »Du bist echt ein Blödmann, der sich für alles verantwortlich fühlt!«
Laurin spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen schoss. Emmas Worte waren ehrlich und offen und mehr als einmal hatte sie ihm vorgeworfen, ein zu weiches Herz zu haben. »Ich meinte den Fingernagel«, sagte er, versuchte damit, sein Angebot ins Lächerliche zu ziehen. Das einzige, das er damit erreichte, war, dass Emma ihn skeptisch ansah, eine Augenbraue spöttisch hochgezogen.
Ebenso kritisch schien ihn auch der Vogel zu betrachten. »Haha!«, machte Emma. »Wer’s glaubt, wird selig.« Inzwischen war Laurin genervt und kurz davor, sein Handy gegen die Fliesenwand zu schmeißen. Er spürte, wie sich ein Grollen in ihm aufbaute, wie ein Vulkan kurz vor der Eruption. »Ich kriege es mit dem Video einfach nicht hin!«, grummelte er. »Wir sollten hinausgehen«, sagte in dem Moment Emma. »Du bist kurz vor dem Explodieren und das ist nicht gut für deinen Patienten.«
»Oh«, machte Laurin, verwirrt, wusste im ersten Moment nicht, was Emma meinte. Dann ging sein Blick zum Käfig, in dem der Vogel ihn aufmerksam beobachtete. Er schien keineswegs durch Laurins Verärgerung beunruhigt. Auch seine nicht gerade ruhigen Bewegungen, zu denen er neigte, wenn er sich über etwas aufregte, schreckten ihn nicht auf.
Mit einem tiefen Atemzug zwang Laurin sich zur Ruhe und hielt Emma sein Handy entgegen. »Hier, vielleicht kriegst du es hin, unserem Chef das Video zu schicken. Ich bin eindeutig zu bescheuert dafür.«
»Männer und Technik!«, murmelte seine Kollegin kopfschüttelnd und griff nach dem Smartphone. »Erledigt!«, verkündete sie nach einigen Sekunden und reichte das Gerät zurück. »Ich drücke ganz fest die Daumen, dass du ihn bald mitnehmen kannst.«