Romeo und Julia

William Shakespeare · Kapitel 12 von 22

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Romeo und Julia

Fünfte Szene

WÄRTERIN

Jawohl, viel tausendmal!

(Romeo geht ab.)

—Peter!

PETER

Was beliebt?

WÄRTERIN

Peter, nimm meinen Fächer und geh vorauf!

(Beide ab.)

 

FÜNFTE SZENE

(Capulets Garten)

(Julia tritt auf.)

 

JULIA

Neun schlug die Glock, als ich die Amme sandte. In einer halben Stunde wollte sie

Schon wieder hier sein. Kann sie ihn vielleicht

Nicht treffen? Nein, das nicht. Oh, sie ist lahm!

Zu Liebesboten taugen nur Gedanken,

Die zehnmal schneller fliehn als Sonnenstrahlen, Wenn sie die Nacht von finstern Hügeln scheuchen. Deswegen ziehn ja leichtbeschwingte Tauben

Der Liebe Wagen, und Cupido hat

Windschnelle Flügel. Auf der steilsten Höhe

Der Tagereise steht die Sonne jetzt;

Von neun bis zwölf, drei lange Stunden sinds,

Und dennoch bleibt sie aus. O hätte sie

Ein Herz und warmes, jugendliches Blut,

Sie würde wie ein Ball behende fliegen, Es schnellte sie mein Wort dem Trauten zu

Und seines mir.

Doch Alte tun, als lebten sie nicht mehr,

Träg, unbehülflich, und wie Blei so schwer.

(Die Wärterin und Peter kommen.)

O Gott, sie kommt!

(Die Amme und Peter treten auf.)

Was bringst du, goldne Amme?

Trafst du ihn an? Schick deinen Diener weg!

WÄRTERIN

Wart vor der Türe, Peter!

(Peter ab.)

JULIA

Nun, Mütterchen? Gott, warum blickst du traurig? Ist dein Bericht schon traurig, gib ihn fröhlich,

Und klingt er gut, verdirb die Weise nicht,

Indem du sie mit saurer Miene spielst.

WÄRTERIN

Ich bin ermattet; laßt ein Weilchen mich!

Das war 'ne Jagd! Das reißt in Gliedern mir!

JULIA

Ich wollt, ich hätte deine Neuigkeit,

Du meine Glieder. Nun, so sprich geschwind!

Ich bitt dich, liebe, liebe Amme, sprich!

WÄRTERIN

Was für 'ne Hast! Könnt Ihr kein Weilchen warten? Seht Ihr nicht, daß ich außer Atem bin?

JULIA

Wie außer Atem, wenn du Atem hast, Um mir zu sagen, daß du keinen hast?

Der Vorwand deines Zögerns währt ja länger

Als der Bericht, den du dadurch verzögerst.

Gib Antwort: Bringst du Gutes oder Böses!

Nur das, so wart ich auf das Nähere gern.

Beruhge mich! Ists Gutes oder Böses?

WÄRTERIN Ei, Ihr habt mir eine recht einfältige Wahl getroffen; Ihr versteht auch einen Mann auszulosen! Romeo—ja, das ist der rechte!—Er hat zwar ein hübscher Gesicht wie andre Leute; aber seine Beine gehen über alle Beine, und Hand und Fuß und die ganze Positur—es läßt sich eben nicht viel davon sagen, aber man kann sie mit nichts vergleichen. Er ist kein Ausbund von feinen Manieren, doch wett ich drauf, wie ein Lamm so sanft.—Treibs nur so fort, Kind, und fürchte Gott!—Habt Ihr diesen Mittag zu Hause gegessen?

JULIA

Nein, nein! Doch all dies wußt ich schon zuvor.

Was sagt er von der Trauung? Hurtig: was?

WÄRTERIN

O je, wie schmerzt der Kopf mir! Welch ein Kopf! Er schlägt, als wollt er gleich in Stücke springen. Da hier mein Rücken, o mein armer Rücken!

Gott sei Euch gnädig, daß Ihr hin und her

So viel mich schickt, mich bald zu Tode hetzt.

JULIA

Im Ernst, daß du nicht wohl bist, tut mir leid.

Doch, beste, beste Amme, sage mir:

Was macht mein Liebster?

WÄRTERIN Eur Liebster sagt, so wie ein wackrer Herr—und ein artiger und ein freundlicher und ein hübscher Herr und, auf mein Wort, ein tugendsamer Herr.— Wo ist denn Eure Mutter?

JULIA

Wo meine Mutter ist? Nun, sie ist drinnen;

Wo wär sie sonst? Wie seltsam du erwiderst:

Eur Liebster sagt, so wie ein wackrer Herr—