Romeo und Julia

William Shakespeare · Kapitel 6 von 22

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Romeo und Julia

Vierte Szene

GRÄFIN CAPULET

Sag kurz, fühlst du dem Grafen dich geneigt?

JULIA

Gern will ich sehn, ob Sehen Neigung zeugt;

Doch weiter soll mein Blick den Flug nicht wagen, Als ihn die Schwingen Eures Beifalls tragen.

(Ein Diener kommt.)

DIENER Gnädige Frau, die Gäste sind da, das Abendessen auf dem Tisch; Ihr werdet gerufen, das Fräulein gesucht, die Amme in der Speisekammer zum Henker gewünscht, und alles geht drunter und drüber. Ich muß fort, aufwarten; ich bitte Euch, kommt unverzüglich!

GRÄFIN CAPULET

Gleich!—

(Der Diener geht ab.)

Paris wartet; Julia, komm geschwind!

WÄRTERIN

Such frohe Nacht auf frohe Tage, Kind!

(Alle ab.)

 

VIERTE SZENE

(Eine Straße)

(Romeo, Mercutio, Benvolio mit fünf oder sechs Masken, Fackelträgern und anderen.)

 

ROMEO

Soll diese Red uns zur Entschuldgung dienen?

Wie? Oder treten wir nur grad hinein?

BENVOLIO

Umschweife solcher Art sind nicht mehr Sitte.

Wir wollen keinen Amor, mit der Schärpe

Geblendet, der den bunt bemalten Bogen

Wie ein Tatar geschnitzt aus Latten trägt

Und wie 'ne Vogelscheuch die Frauen schreckt;

Auch keinen hergebeteten Prolog,

Wobei viel zugeblasen wird, zum Eintritt.

Laßt sie uns nur, wofür sie wollen, nehmen,

Wir nehmen ein paar Tänze mit und gehn.

ROMEO

Ich mag nicht springen; gebt mir eine Fackel!

Da ich so finster bin, so will ich leuchten.

MERCUTIO

Nein, du mußt tanzen, lieber Romeo.

ROMEO

Ich wahrlich nicht! Ihr seid so leicht von Sinn

Als leicht beschuht; mich drückt ein Herz von Blei Zu Boden, daß ich kaum mich regen kann.

MERCUTIO Ihr seid ein Liebender; borgt Amors Flügel und schwebet frei in ungewohnten Höhn.

ROMEO

Ich bin zu tief von seinem Pfeil durchbohrt,

Auf seinen leichten Schwingen hoch zu schweben. Gewohnte Fesseln lassen mich nicht frei;

Ich sinke unter schwerer Liebeslast.

MERCUTIO

Und wolltet Ihr denn in die Liebe sinken?

Ihr seid zu schwer für ein so zartes Ding.

ROMEO

Ist Lieb ein zartes Ding? Sie ist zu rauh,

Zu wild, zu tobend; und sie sticht wie Dorn.

MERCUTIO

Begegnet Lieb Euch rauh, so tut desgleichen!

Stecht Liebe, wenn sie sticht; das schlägt sie nieder.

(Zu einem andern aus dem Gefolge.)

Gebt ein Gehäuse für mein Antlitz mir:

(Eine Maske aufsetzend.)

'ne Larve für 'ne Larve!

(Bindet die Maske vor.)

Nun erspähe

Die Neugier Mißgestalt: was kümmerts mich?

Erröten wird für mich dies Wachsgesicht.

BENVOLIO

Fort! Klopft, und dann hinein! Und sind wir drinnen, So rühre gleich ein jeder flink die Beine!

ROMEO

Mir eine Fackel! Leichtgeherzte Buben,

Die laßt das Estrich mit den Sohlen kitzeln.

Ich habe mich verbrämt mit einem alten

Großvaterspruch: Wer 's Licht hält, schauet zu!

Nie war das Spiel so schön; doch ich bin matt.

MERCUTIO

Jawohl, zu matt, dich aus dem Schlamme—nein, Der Liebe wollt ich sagen—dich zu ziehn,

Worin du leider steckst bis an die Ohren.

Macht fort, wir leuchten ja dem Tage hier.

ROMEO

Das tun wir nicht.

MERCUTIO

Ich meine, wir verscherzen, Wie Licht bei Tag, durch Zögern unsre Kerzen.

Nehmt meine Meinung nach dem guten Sinn

Und sucht nicht Spiele des Verstandes drin.

ROMEO

Wir meinens gut, da wir zum Balle gehen;

Doch es ist Unverstand.

MERCUTIO

Wie? Laßt doch sehen!

ROMEO

Ich hatte diese Nacht 'nen Traum.

MERCUTIO

Auch ich.

ROMEO

Was war der Eure?

MERCUTIO

Daß auf Träume sich

Nichts bauen läßt, daß Träume öfters lügen.

ROMEO

Sie träumen Wahres, weil sie schlafend liegen.

MERCUTIO

Nun seh ich wohl, Frau Mab hat Euch besucht.

[ROMEO

Frau Mab, wer ist sie?

MERCUTIO]

Sie ist der Feenwelt Entbinderin.

Sie kommt, nicht größer als der Edelstein

Am Zeigefinger eines Aldermanns,

Und fährt mit 'nem Gespann von Sonnenstäubchen Den Schlafenden quer auf der Nase hin.

Die Speichen sind gemacht aus Spinnenbeinen, Des Wagens Deck aus eines Heupferds Flügeln, Aus feinem Spinngewebe das Geschirr,

Die Zügel aus des Mondes feuchtem Strahl;

Aus Heimchenknochen ist der Peitsche Griff,

Die Schnur aus Fasern; eine kleine Mücke

Im grauen Mantel sitzt als Fuhrmann vorn,

Nicht halb so groß als wie ein kleines Würmchen, Das in des Mädchens müßgem Finger nistet.

Die Kutsch ist eine hohle Haselnuß,

Vom Tischler Eichhorn oder Meister Wurm

Zurechtgemacht, die seit uralten Zeiten

Der Feen Wagner sind. In diesem Staat

Trabt sie dann Nacht für Nacht; befährt das Hirn Verliebter, und sie träumen dann von Liebe,

Des Schranzen Knie, der schnell von Reverenzen, Des Anwalts Finger, der von Sporteln gleich,

Der Schönen Lippen, die von Küssen träumen;

Oft plagt die böse Mab mit Bläschen diese,

Weil ihren Odem Näscherei verdarb.

Bald trabt sie über eines Hofmanns Nase,

Dann wittert er im Traum sich Ämter aus,

Bald kitzelt sie mit eines Zinshahns Federn

Des Pfarrers Nase, wenn er schlafend liegt,

Von einer bessern Pfründe träumt ihm dann;

Bald fährt sie über des Soldaten Nacken,

Der träumt sofort von Niedersäbeln, träumt

Von Breschen, Hinterhalten, Damaszenern,

Von manchem klaftertiefen Ehrentrunk;

Nun trommelts ihm ins Ohr: da fährt er auf

Und flucht in seinem Schreck ein paar Gebete

Und schläft von neuem. Eben diese Mab

Verwirrt der Pferde Mähnen in der Nacht

Und flicht in struppges Haar die Weichselzöpfe, Die, wiederum entwirrt, auf Unglück deuten.

Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt,

Die auf dem Rücken ruhn, und die sie lehrt,

Als Weiber einst die Männer zu ertragen.

Dies ist sie—