Romeo und Julia

William Shakespeare · Kapitel 13 von 22

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Romeo und Julia

Sechste Szene

Wo ist denn Eure Mutter?

WÄRTERIN

Jemine!

Seid Ihr so hitzig? Seht doch! Kommt mir nur!

Ist das die Bähung für mein Gliederweh?

Geht künftig selbst, wenn Ihr 'ne Botschaft habt.

JULIA

Das ist 'ne Not! Was sagt er? Bitte, sprich!

WÄRTERIN

Habt Ihr Erlaubnis, heut zu beichten?

JULIA

Ja.

WÄRTERIN

So macht Euch auf zu Eures Paters Zelle,

Da harrt ein Mann, um Euch zur Frau zu machen. Nun steigt das lose Blut Euch in die Wangen,

Gleich sind sie Scharlach, wenns was Neues gibt. Eilt Ihr ins Kloster; ich muß sonst wohin,

Die Leiter holen, die der Liebste bald

Zum Nest hinan, wenns Nacht wird, klimmen soll. Ich bin das Lasttier, muß für Euch mich plagen,

Doch Ihr sollt Eure Last zur Nacht schon tragen. Ich will zur Mahlzeit erst; eilt Ihr zur Zelle hin!

JULIA

Zu hohem Glücke, treue Pflegerin!

(Beide ab.)

 

SECHSTE SZENE

(Bruder Lorenzos Zelle)

(Lorenzo und Romeo.)

 

LORENZO

Der Himmel lächle so dem heilgen Bund,

Daß künftge Tag' uns nicht durch Kummer schelten!

ROMEO

Amen! So sei's! Doch laß den Kummer kommen, So sehr er mag; wiegt er die Freuden auf,

Die mir in ihrem Anblick eine flüchtge

Minute gibt? Füg unsre Hände nur

Durch deinen Segensspruch in eins, dann tue

Sein Äußerstes der Liebeswürger Tod;

Genug, daß ich nur mein sie nennen darf.

LORENZO

So wilde Freude nimmt ein wildes Ende

Und stirbt im höchsten Sieg, wie Feur und Pulver Im Kusse sich verzehrt. Die Süßigkeit

Des Honigs widert durch ihr Übermaß,

Und im Geschmack erstickt sie unsre Lust.

Drum liebe mäßig; solche Lieb ist stet;

Zu hastig und zu träge kommt gleich spät.

(Julia tritt auf.)

Hier kommt das Fräulein, sieh,

Mit leichtem Tritt, der keine Blume biegt.

Sieh, wie die Macht der Lieb und Wonne siegt!

(Julia tritt auf.)

JULIA

Ehrwürdger Herr, ich sag Euch guten Abend.

LORENZO

Für mich und sich dankt Romeo, mein Kind.

JULIA

Es gilt ihm mit, sonst wär sein Dank zuviel.

ROMEO

Ach Julia! Ist deiner Freude Maß

Gehäuft wie meins und weißt du mehr die Kunst, Ihr Schmuck zu leihn, so würze rings die Luft

Durch deinen Hauch; laß des Gesanges Mund

Die Seligkeit verkünden, die wir beide

Bei dieser teuern Näh im andern finden.

JULIA

Gefühl, an Inhalt reicher als an Worten,

Ist stolz auf seinen Wert und nicht auf Schmuck. Nur Bettler wissen ihres Guts Betrag;

Doch meine treue Liebe stieg so hoch,

Daß keine Schätzung ihre Schätz erreicht.

LORENZO

Kommt, kommt mit mir, wir schreiten gleich zur Sache. Ich leide nicht, daß ihr allein mir bleibt,

Bis euch die Kirch einander einverleibt.

(Alle ab.)