Romeo und Julia

William Shakespeare · Kapitel 16 von 22

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Romeo und Julia

Dritte Szene

Nicht Maß noch Ziel kennt dieses Wortes Tod,

Und keine Zung erschöpfet meine Not.—

Wo mag mein Vater, meine Mutter sein?

WÄRTERIN

Bei Tybalts Leiche heulen sie und schrein.

Wollt Ihr zu ihnen gehn? Ich bring Euch hin.

JULIA

So waschen sie die Wunden ihm mit Tränen?

Ich spare meine für ein bängres Sehnen.

Nimm diese Seile auf.—Ach, armer Strick,

Getäuscht wie ich! Wer bringt ihn uns zurück?

Zum Steg der Liebe knüpft' er deine Bande,

Ich aber sterb als Braut im Witwenstande.

Komm, Amme, komm! Ich will ins Brautbett! Fort! Nicht Romeo, den Tod umarm ich dort.

WÄRTERIN

Geht nur ins Schlafgemach! Zum Troste find ich Euch Romeo: ich weiß wohl, wo er steckt.

Hört, Romeo soll Euch zur Nacht erfreuen;

Ich geh zu ihm; beim Pater wartet er.

JULIA

O such ihn auf! Gib diesen Ring dem Treuen;

Bescheid aufs letzte Lebewohl ihn her!

(Beide ab.)

 

DRITTE SZENE

(Bruder Lorenzos Zelle)

(Lorenzo und Romeo kommen.] Bruder Lorenzo tritt auf.)

 

LORENZO

Komm, Romeo! Hervor, du Mann der Furcht!

Bekümmernis hängt sich mit Lieb an dich,

Und mit dem Mißgeschick bist du vermählt.

(Romeo tritt auf.)

ROMEO

Vater, was gibts? Wie heißt des Prinzen Spruch? Wie heißt der Kummer, der sich zu mir drängt

Und noch mir fremd ist?

LORENZO

Zu vertraut, mein Sohn,

Bist du mit solchen widrigen Gefährten.

Ich bring dir Nachricht von des Prinzen Spruch.

ROMEO

Und hat sein Spruch mir nicht den Stab gebrochen?

LORENZO

Ein mildres Urteil floß von seinen Lippen:

Nicht Leibes Tod, nur leibliche Verbannung.

ROMEO

Verbannung? Sei barmherzig! Sage: Tod!

Verbannung trägt der Schrecken mehr im Blick,

Weit mehr als Tod!—O sage nicht Verbannung!

LORENZO

Hier aus Verona bist du nur verbannt;

Sei ruhig, denn die Welt ist groß und weit.

ROMEO

Die Welt ist nirgends außer diesen Mauern;

Nur Fegefeuer, Qual, die Hölle selbst.

Von hier verbannt ist aus der Welt verbannt,

Und solcher Bann ist Tod. Drum gibst du ihm

Den falschen Namen.—Nennst du Tod Verbannung, Enthauptest du mit goldnem Beile mich

Und lächelst zu dem Streich, der mich ermordet.

LORENZO

O schwere Sünd, o undankbarer Trotz!

Dein Fehltritt heißt nach unsrer Satzung Tod;

Doch dir zulieb hat sie der gütge Fürst

Beiseit gestoßen und Verbannung nur

Statt jenes schwarzen Wortes ausgesprochen.

Und diese teure Gnad erkennst du nicht?

ROMEO

Nein, Folter; Gnade nicht! Hier ist der Himmel,

Wo Julia lebt, und jeder Hund und Katze

Und kleine Maus, das schlechteste Geschöpf,

Lebt hier im Himmel, darf ihr Antlitz sehn;

Doch Romeo darf nicht. Mehr Würdigkeit,

Mehr Ansehn, mehr gefällge Sitte lebt

In Fliegen als in Romeo. Sie dürfen

Das Wunderwerk der weißen Hand berühren

Und Himmelswonne rauben ihren Lippen,

Die sittsam in Vestalenunschuld stets

Erröten, gleich als wäre Sünd ihr Kuß.

Dies dürfen Fliegen tun, ich muß entfliehn;

Sie sind ein freies Volk, ich bin verbannt.

Und sagst du noch, Verbannung sei nicht Tod?

So hattest du kein Gift gemischt, kein Messer

Geschärft, kein schmählich Mittel schnellen Todes, Als dies "Verbannt", zu töten mich? Verbannt!

O Mönch! Verdammte sprechen in der Hölle

Dies Wort mit Heulen aus; hast du das Herz,

Da du ein heilger Mann, ein Beichtiger bist,

Ein Sündenlöser, mein erklärter Freund,

Mich zu zermalmen mit dem Wort Verbannung?

LORENZO

Du kindisch blöder Mann, hör doch ein Wort!

ROMEO

O du willst wieder von Verbannung sprechen!

LORENZO

Ich will dir eine Wehr dagegen leihn,

Der Trübsal süße Milch, Philosophie,

Um dich zu trösten, bist du gleich verbannt.

ROMEO

Und noch verbannt? Hängt die Philosophie!

Kann sie nicht schaffen eine Julia,

Aufheben eines Fürsten Urteilspruch,

Verpflanzen eine Stadt, so hilft sie nicht,

So taugt sie nicht, so rede länger nicht!

LORENZO

Nun seh ich wohl. Wahnsinnige sind taub.

ROMEO

Wärs anders möglich? Sind doch Weise blind.

LORENZO

Laß über deinen Fall mit dir mich rechten!

ROMEO

Du kannst von dem, was du nicht fühlst, nicht reden. Wärst du so jung wie ich und Julia dein,

Vermählt seit einer Stund, erschlagen Tybalt,

Wie ich von Lieb entglüht, wie ich verbannt,

Dann möchtest du nur reden, möchtest nur

Das Haar dir raufen, dich zu Boden werfen

Wie ich und so dein künftges Grab dir messen.

([Er wirft sich an den Boden.] Man klopft draußen.)

LORENZO

Steh auf, man klopft; verbirg dich, lieber Freund!

ROMEO

O nein, wo nicht des bangen Stöhnens Hauch

Gleich Nebeln mich vor Späheraugen schirmt.

(Man klopft.)

LORENZO

Horch, wie man klopft!—Wer da?—Fort, Romeo! Man wird dich fangen.—Wartet doch ein Weilchen!— Steh auf

(Man klopft.)

und rett ins Lesezimmer dich!—

(Man klopft.)

Ja, ja! im Augenblick!—Gerechter Gott,

Was für ein starrer Sinn!—ehn und dich zurückzurufen Mit zwanzighunderttausendmal mehr Freude,

Als du mit Jammer jetzt von hinnen ziehst.

Geh, Wärterin, voraus, grüß mir dein Fräulein;

Heiß sie das ganze Haus zu Bette treiben,

Wohin der schwere Gram von selbst sie treibt;

Denn Romeo soll kommen.

WÄRTERIN

O je, ich blieb hier gern die ganze Nacht

Und hörte gute Lehr. Da sieht man doch,

Was die Gelahrtheit ist!—Nun, gnädger Herr,

Ich will dem Fräulein sagen, daß Ihr kommt.

ROMEO

Tu das und sag der Holden, daß sie sich

Bereite, mich zu schelten.

WÄRTERIN

Gnädger Herr,

Hier ist ein Ring, den sie für Euch mir gab.

Eilt Euch, macht fort, sonst wird es gar zu spät.

(Ab.)

ROMEO

Wie ist mein Mut nun wieder neu belebt!