Sebastian im Traum

Georg Trakl · Kapitel 1 von 1

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Sebastian im Traum

Sebastian im Traum

Georg Trakl

 

Inhalt

 

Im Park

Untergang

An den Knaben Elis

Elis

Nachts

Stundenlied

Unterwegs

Kindheit

Sebastian im Traum

Landschaft

Am Moor

Ruh und Schweigen

Im Frühling

Abend in Lans

Am Mönchsberg

Hohenburg

Kaspar Hauser Lied

IM PARK

 

 

Wieder wandelnd im alten Park,

O! Stille gelb und roter Blumen.

Ihr auch trauert, ihr sanften Götter,

Und das herbstliche Gold der Ulme.

Reglos ragt am bläulichen Weiher

Das Rohr, verstummt am Abend die Drossel. O! dann neige auch du die Stirne

Vor der Ahnen verfallenem Marmor.

 

UNTERGANG

 

An Karl Borromäus Heinrich

 

Über den weißen Weiher

Sind die wilden Vögel fortgezogen.

Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.

Über unsere Gräber

Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht. Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.

Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.

Unter Dornenbogen

O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.

 

AN DEN KNABEN ELIS

 

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft, Dieses ist dein Untergang.

Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

Laß, wenn deine Stirne leise blutet,

Uralte Legenden

Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht, Die voll purpurner Trauben hängt,

Und du regst die Arme schöner im Blau.

Ein Dornenbusch tönt,

Wo deine mondenen Augen sind.

O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Dein Leib ist eine Hyazinthe,

In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht. Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt

Und langsam die schweren Lider senkt.

Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

ELIS

 

1.

Vollkommen ist die Stille dieses goldenen Tags. Unter alten Eichen

Erscheinst du, Elis, ein Ruhender mit runden Augen.

Ihre Bläue spiegelt den Schlummer der Liebenden. An deinem Mund

Verstummten ihre rosigen Seufzer.

Am Abend zog der Fischer die schweren Netze ein. Ein guter Hirt

Führt seine Herde am Waldsaum hin.

O! wie gerecht sind, Elis, alle deine Tage.

Leise sinkt

An kahlen Mauern des Ölbaums blaue Stille, Erstirbt eines Greisen dunkler Gesang.

Ein goldener Kahn

Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel.

 

2.

Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis' Brust Am Abend,

Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

Ein blaues Wild

Blutet leise im Dornengestrüpp.

Ein brauner Baum steht abgeschieden da;

Seine blauen Früchte fielen von ihm.

Zeichen und Sterne

Versinken leise im Abendweiher.

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.

Blaue Tauben

Trinken nachts den eisigen Schweiß,

Der von Elis' kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt

An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.

 

NACHTS

 

Die Bläue meiner Augen ist erloschen in dieser Nacht, Das rote Gold meines Herzens. O! wie stille brannte das Licht. Dein blauer Mantel umfing den Sinkenden; Dein roter Mund besiegelte des Freundes Umnachtung.

 

STUNDENLIED

 

Mit dunklen Blicken sehen sich die Liebenden an, Die Blonden, Strahlenden. In starrender Finsternis Umschlingen schmächtig sich die sehnenden Arme.

Purpurn zerbrach der Gesegneten Mund. Die runden Augen Spiegeln das dunkle Gold des Frühlingsnachmittags, Saum und Schwärze des Walds, Abendängste im Grün; Vielleicht unsäglichen Vogelflug, des Ungeborenen Pfad an finsteren Dörfern, einsamen Sommern hin Und aus verfallener Bläue tritt bisweilen ein Abgelebtes.

Leise rauscht im Acker das gelbe Korn.

Hart ist das Leben und stählern schwingt die Sense der Landmann, Fügt gewaltige Balken der Zimmermann.

Purpurn färbt sich das Laub im Herbst; der mönchische Geist Durchwandelt heitere Tage; reif ist die Traube Und festlich die Luft in geräumigen Höfen. Süßer duften vergilbte Früchte; leise ist das Lachen Des Frohen, Musik und Tanz in schattigen Kellern; Im dämmernden Garten Schritt und Stille des verstorbenen Knaben.

 

UNTERWEGS

 

Am Abend trugen sie den Fremden in die Totenkammer; Ein Duft von Teer; das leise Rauschen roter Platanen; Der dunkle Flug der Dohlen; am Platz zog eine Wache auf. Die Sonne ist in schwarze Linnen gesunken; immer wieder kehrt dieser

vergangene Abend.

Im Nebenzimmer spielt die Schwester eine Sonate von Schubert. Sehr leise sinkt ihr Lächeln in den verfallenen Brunnen, Der bläulich in der Dämmerung rauscht. O, wie alt ist unser Geschlecht.

Jemand flüstert drunten im Garten; jemand hat diesen schwarzen Himmel

verlassen.

Auf der Kommode duften Äpfel. Großmutter zündet goldene Kerzen an.

O, wie mild ist der Herbst. Leise klingen unsere Schritte im alten Park

Unter hohen Bäumen. O, wie ernst ist das hyazinthene Antlitz der Dämmerung.

Der blaue Quell zu deinen Füßen, geheimnisvoll die rote Stille deines

Munds,

Umdüstert vom Schlummer des Laubs; dem dunklen Gold verfallener

Sonnenblumen.

Deine Lider sind schwer von Mohn und träumen leise auf meiner Stirne.

Sanfte Glocken durchzittern die Brust. Eine blaue Wolke Ist dein Antlitz auf mich gesunken in der Dämmerung.

Ein Lied zur Gitarre, das in einer fremden Schenke erklingt, Die wilden Holunderbüsche dort, ein lang vergangener Novembertag,

Vertraute Schritte auf der dämmernden Stiege, der Anblick gebräunter

Balken,

Ein offenes Fenster, an dem ein süßes Hoffen zurückblieb -- Unsäglich ist das alles, o Gott, daß man erschüttert ins Knie bricht.

O, wie dunkel ist diese Nacht. Eine purpurne Flamme Erlosch an meinem Mund. In der Stille

Erstirbt der bangen Seele einsames Saitenspiel. Laß, wenn trunken von Wein das Haupt in die Gosse sinkt.

 

KINDHEIT

 

Voll Früchten der Holunder; ruhig wohnte die Kindheit In blauer Höhle. Über vergangenen Pfad, Wo nun bräunlich das wilde Gras saust,

Sinnt das stille Geäst; das Rauschen des Laubs

Ein gleiches, wenn das blaue Wasser im Felsen tönt. Sanft ist der Amsel Klage. Ein Hirt

Folgt sprachlos der Sonne, die vom herbstlichen Hügel rollt.

Ein blauer Augenblick ist nur mehr Seele. Am Waldsaum zeigt sich ein scheues Wild und friedlich Ruhn im Grund die alten Glocken und finsteren Weiler.

Frömmer kennst du den Sinn der dunklen Jahre, Kühle und Herbst in einsamen Zimmern;

Und in heiliger Bläue läuten leuchtende Schritte fort.

Leise klirrt ein offenes Fenster; zu Tränen Rührt der Anblick des verfallenen Friedhofs am Hügel, Erinnerung an erzählte Legenden; doch manchmal erhellt sich die Seele,

Wenn sie frohe Menschen denkt, dunkelgoldene Frühlingstage.

 

SEBASTIAN IM TRAUM

 

Für Adolf Loos

 

Mutter trug das Kindlein im weißen Mond, Im Schatten des Nußbaums, uralten Holunders, Trunken vom Safte des Mohns, der Klage der Drossel; Und stille

Neigte in Mitleid sich über jene ein bärtiges Antlitz

Leise im Dunkel des Fensters; und altes Hausgerät Der Väter

Lag im Verfall; Liebe und herbstliche Träumerei.

Also dunkel der Tag des Jahrs, traurige Kindheit, Da der Knabe leise zu kühlen Wassern, silbernen Fischen hinabstieg,

Ruh und Antlitz;

Da er steinern sich vor rasende Rappen warf, In grauer Nacht sein Stern über ihn kam;

Oder wenn er an der frierenden Hand der Mutter Abends über Sankt Peters herbstlichen Friedhof ging, Ein zarter Leichnam stille im Dunkel der Kammer lag Und jener die kalten Lider über ihn aufhob.

Er aber war ein kleiner Vogel im kahlen Geäst, Die Glocke lang im Abendnovember,

Des Vaters Stille, da er im Schlaf die dämmernde Wendeltreppe hinabstieg.

* * * * *

 

Frieden der Seele. Einsamer Winterabend, Die dunklen Gestalten der Hirten am alten Weiher; Kindlein in der Hütte von Stroh; o wie leise Sank in schwarzem Fieber das Antlitz hin. Heilige Nacht.

Oder wenn er an der harten Hand des Vaters Stille den finstern Kalvarienberg hinanstieg Und in dämmernden Felsennischen

Die blaue Gestalt des Menschen durch seine Legende ging, Aus der Wunde unter dem Herzen purpurn das Blut rann. O wie leise stand in dunkler Seele das Kreuz auf.

Liebe; da in schwarzen Winkeln der Schnee schmolz, Ein blaues Lüftchen sich heiter im alten Holunder fing, In dem Schattengewölbe des Nußbaums; Und dem Knaben leise sein rosiger Engel erschien.

Freude; da in kühlen Zimmern eine Abendsonate erklang, Im braunen Holzgebälk

Ein blauer Falter aus der silbernen Puppe kroch.

O die Nähe des Todes. In steinerner Mauer Neigte sich ein gelbes Haupt, schweigend das Kind, Da in jenem März der Mond verfiel.

* * * * *

 

Rosige Osterglocke im Grabgewölbe der Nacht Und die Silberstimmen der Sterne,

Daß in Schauern ein dunkler Wahnsinn von der Stirne des Schläfers sank.

O wie stille ein Gang den blauen Fluß hinab Vergessenes sinnend, da im grünen Geäst Die Drossel ein Fremdes in den Untergang rief.

Oder wenn er an der knöchernen Hand des Greisen Abends vor die verfallene Mauer der Stadt ging Und jener in schwarzem Mantel ein rosiges Kindlein trug, Im Schatten des Nußbaums der Geist des Bösen erschien.

Tasten über die grünen Stufen des Sommers. O wie leise Verfiel der Garten in der braunen Stille des Herbstes, Duft und Schwermut des alten Holunders, Da in Sebastians Schatten die Silberstimme des Engels erstarb.

LANDSCHAFT

 

 

Septemberabend; traurig tönen die dunklen Rufe der Hirten Durch das dämmernde Dorf; Feuer sprüht in der Schmiede. Gewaltig bäumt sich ein schwarzes Pferd; die hyazinthenen Locken der Magd

Haschen nach der Inbrunst seiner purpurnen Nüstern. Leise erstarrt am Saum des Waldes der Schrei der Hirschkuh Und die gelben Blumen des Herbstes

Neigen sich sprachlos über das blaue Antlitz des Teichs. In roter Flamme verbrannte ein Baum; aufflattern mit dunklen Gesichtern

die Fledermäuse.

 

AM MOOR

 

Wanderer im schwarzen Wind; leise flüstert das dürre Rohr In der Stille des Moors. Am grauen Himmel Ein Zug von wilden Vögeln folgt;

Quere über finsteren Wassern.

Aufruhr. In verfallener Hütte

Aufflattert mit schwarzen Flügeln die Fäulnis; Verkrüppelte Birken seufzen im Wind.

Abend in verlassener Schenke. Den Heimweg umwittert Die sanfte Schwermut grasender Herden, Erscheinung der Nacht: Kröten tauchen aus silbernen Wassern.

RUH UND SCHWEIGEN

 

 

Hirten begruben die Sonne im kahlen Wald. Ein Fischer zog

In härenem Netz den Mond aus frierendem Weiher.

In blauem Kristall

Wohnt der bleiche Mensch, die Wang' an seine Sterne gelehnt; Oder er neigt das Haupt in purpurnem Schlaf.

Doch immer rührt der schwarze Flug der Vögel Den Schauenden, das Heilige blauer Blumen, Denkt die nahe Stille Vergessenes, erloschene Engel.

Wieder nachtet die Stirne in mondenem Gestein; Ein strahlender Jüngling

Erscheint die Schwester in Herbst und schwarzer Verwesung.

 

IM FRÜHLING

 

Leise sank von dunklen Schritten der Schnee, Im Schatten des Baums

Heben die rosigen Lider Liebende.

Immer folgt den dunklen Rufen der Schiffer Stern und Nacht;

Und die Ruder schlagen leise im Takt.

Balde an verfallener Mauer blühen

Die Veilchen, Ergrünt so stille die Schläfe des Einsamen.

 

ABEND IN LANS

 

Wanderschaft durch dämmernden Sommer An Bündeln vergilbten Korns vorbei. Unter getünchten Bogen, Wo die Schwalbe aus und ein flog, tranken wir feurigen Wein.

Schön: o Schwermut und purpurnes Lachen. Abend und die dunklen Düfte des Grüns

Kühlen mit Schauern die glühende Stirne uns.

Silberne Wasser rinnen über die Stufen des Walds, Die Nacht und sprachlos ein vergessenes Leben. Freund; die belaubten Stege ins Dorf.

 

AM MÖNCHSBERG

 

Wo im Schatten herbstlicher Ulmen der verfallene Pfad hinabsinkt, Ferne den Hütten von Laub, schlafenden Hirten, Immer folgt dem Wandrer die dunkle Gestalt der Kühle

Über knöchernen Steg, die hyazinthene Stimme des Knaben, Leise sagend die vergessene Legende des Walds, Sanfter ein Krankes nun die wilde Klage des Bruders.

Also rührt ein spärliches Grün das Knie des Fremdlings, Das versteinerte Haupt;

Näher rauscht der blaue Quell die Klage der Frauen.

HOHENBURG

 

 

Es ist niemand im Haus. Herbst in Zimmern; Mondeshelle Sonate

Und das Erwachen am Saum des dämmernden Walds.

Immer denkst du das weiße Antlitz des Menschen Ferne dem Getümmel der Zeit;

Über ein Träumendes neigt sich gerne grünes Gezweig,

Kreuz und Abend;

Umfängt den Tönenden mit purpurnen Armen sein Stern, Der zu unbewohnten Fenstern hinaufsteigt.

Also zittert im Dunkel der Fremdling,

Da er leise die Lider über ein Menschliches aufhebt, Das ferne ist; die Silberstimme des Windes im Hausflur.

 

KASPAR HAUSER LIED

 

Für Bessie Loos

 

Er wahrlich liebte die Sonne, die purpurn den Hügel hinabstieg, Die Wege des Walds, den singenden Schwarzvogel Und die Freude des Grüns.

Ernsthaft war sein Wohnen im Schatten des Baums Und rein sein Antlitz.

Gott sprach eine sanfte Flamme zu seinem Herzen: O Mensch!

Stille fand sein Schritt die Stadt am Abend; Die dunkle Klage seines Munds:

Ich will ein Reiter werden.

Ihm aber folgte Busch und Tier,

Haus und Dämmergarten weißer Menschen Und sein Mörder suchte nach ihm.

Frühling und Sommer und schön der Herbst Des Gerechten, sein leiser Schritt

An den dunklen Zimmern Träumender hin. Nachts blieb er mit seinem Stern allein;

Sah, daß Schnee fiel in kahles Gezweig

Und im dämmernden Hausflur den Schatten des Mörders.

Silbern sank des Ungebornen Haupt hin.

Tag der Veröffentlichung: 27.09.2011

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