Sechs Jahre in Surinam, oder Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse
Sechster Abschnitt. Abreise nach der Marowyne. Seekrankheit. Haferey. Posten Prinz Willem Frederik. Erste Beschäftigungen. Umgebung des Postens. Stranden der Catharina Jakoba. Raubsucht der Matrosen. Ueberfluss auf dem Posten. Interessante Soirée. Abholen der Güter von Bord. Brodtrunkenheit der Sold
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Andere kleine Körbe, welche zur Aufbewahrung von Krabben, Maniokwurzeln und dergleichen bestimmt sind, nennt man Kurikuri und sind ebenfalls aus Warimbo geflochten. Bogen, Pfeile, Corjaals und Pagait werden ausschliesslich von den Männern gemacht, die trotz ihrer unvollkommenen Werkzeuge in der Verfertigung sehr behend sind.
Die Bogen werden aus 6' langen Stöcken eines harten Holzes, meist Letter oder Konordeppi, geschnitzt. Sie haben in der Mitte etwa 1¼" Durchmesser, sind halbrund und laufen von der Mitte aus allmählig spitzig zu. Die meist schlaffe Bogensehne ist aus Bromelienflachs gedreht. Die etwa 3' langen Pfeile werden aus einer Art Schilfrohr gemacht; am einen Ende sind zwei durchschlitzte Federn, um den Flug zu regeln, am andern aber ist die, etwa 1½' lange, aus sehr hartem Holze gemachte Spitze. Pfeilspitzen für grössere Fische sind von Eisen, und werden aus alten Reifen, zerbrochenen Hauern und Messern gefeilt. Sie haben zwei Widerhaken und werden Tokosi genannt. Man bindet sie an die hölzerne Verlängerung des Pfeils mit Bromelienflachs, den man mit einer Pechart, Mani, dem Harze des Manibaumes (Symphonia coccinea) bestreicht, Pfeile für Tiger, Pakire und grosses Wild sind ebenfalls von Eisen, aber stärker, während die Pfeile für Vögel und kleinere Fische verschiedene, auseinander laufende Spitzen von Palmholz haben.
Die Pfeile, welche beinahe so lange als die Bogen sind, werden mit demselben in einer Hand getragen, während das Jagdmesser im Gürtel steckt. Auf der Jagd gehen die Indianer so geräuschlos, dass man sie kaum hört, und Gehör und Geruch sind so fein, dass sie beim geringsten Geräusch im Gesträuch oder auf den Bäumen augenblicklich wissen, welches Thier dasselbe verursachte. Ich habe diess mit Verwunderung manchmal beobachtet. Nie, wie sehr ich auch meine Augen anstrengte, konnte ich die Fische bemerken, auf welche sie schossen, und wenn auch nicht immer, doch meistens trafen.
Sehr selten ist es, dass ein Indianer ohne Beute von der Jagd nach Hause geht. Findet er auch kein Wild, so bringt er doch Eidechsen, Anamueier (vom Pesus serratus) oder Kabbiswürmer in seinem Jagdsacke, und er ist doch nicht genöthigt, ohne Wild die unentbehrliche Pfeffersauce zu essen. Aber meistens sind sie zum Jagen zu faul und bleiben tagelang zu Hause, wo sie sich mit Kindereien beschäftigen und meistens in der Hängematte liegen.
Wie bei den Weibern die Verfertigung einer Hängematte vor allen andern Beschäftigungen hervorgehoben zu werden verdient, so ist bei den Männern der Bau einer Corjaal das wichtigste Geschäft, und Hängematten und Corjaalen werden daher nur im dringenden Falle verfertigt.
Der Indianer, welcher sich entschlossen hat, eine Corjaal zu bauen, sucht einen schönen, geraden, so dicht als möglich am Wasser stehenden Wanabaum. In der Nähe desselben wird nun eine temporäre Hütte errichtet und der Baum gefällt. Ist derselbe gesund, ohne Risse und Höhlungen, so wird das tauglichste Stück in derjenigen Länge abgeschnitten, welche die Corjaal erhalten soll. Die Werkzeuge, deren sie sich dabei bedienen, sind ein Beil und eine Hohlaxt. Der Baum wird nun von aussen so zugehauen, wie die Corjaal werden soll. Ist man mit der äussern oder untern Seite fertig, so wird der ganzen Länge nach Holz heraus ausgehauen, und wenn eine genügende Höhlung entstanden ist, Feuer darin angemacht. Nun sorgt man, dass die Seiten der Corjaal, noch ehe sie auseinandergetrieben werden, die nöthige Dicke erhalten. Ist diese Arbeit alle gethan, über welcher manchmal mehrere Wochen, ja Monate hingehen, so werden die Seiten der Corjaal, welche bis jetzt noch einer zugespitzten Walze gleicht, durch Stöcke, welche man quer über hineinzwängt, auseinandergetrieben. Damit nun durch das gewaltsame Auseinandertreiben der Seiten keine grossen Risse entstehen, wird in und unter derselben immer Feuer unterhalten. Es werden nun immer längere Stöcke hineingetrieben, so lange, bis die Corjaal ihre gehörige Weite hat. Diess letztere Geschäft erfordert grosse Aufmerksamkeit und Sorgfalt; denn obwohl alle Corjaalen dabei Risse erhalten, so kann ein Sachkundiger es doch so einrichten, dass diese auf Stellen fallen, wo sie weniger nachtheilig sind.
Ist das letzte Geschäft gethan und das Boot so weit vollendet, dass es in's Wasser gebracht werden kann, so wird ein Weg bis zu dem Fluss oder der Kreek geebnet, runde Stöcke oder Rollen werden auf ihn gelegt, und dann wird die Corjaal von einer gehörigen Anzahl Indianer in's Wasser geschafft. Die Risse werden mit Bienenwachs oder Mani bestrichen, und Bänke, Querstangen u. s. w. mit Lianen befestigt.
Hat nun eine Familie sich einen Vorrath von Schüsseln, Krügen, Pagaals u. s. w. verfertigt, und ist sie im Besitze eines Boots, so wird eine Reise nach Paramaribo oder den Pflanzungen unternommen. Da diese meist über See geht, so werden an der Corjaal lange, dünne Bretter, die aus dem weichen Holz des Trompetenbaumes (Cecraphia peltata) gehauen sind, an beiden Seiten befestigt, um dieselbe dadurch ein wenig höher zu machen und die überschlagenden Wellen abzuhalten. Diese Brettchen sind so lange als die Corjaal und 6-12" breit, durch Lianen und Querhölzer an diese befestigt. Die Fugen zwischen den Brettern und der Corjaal werden mit harzigen Fasern, die man aus einer gewissen Baumrinde schabt, und welche die Stelle des mit Theer getränkten Werges vertreten, ausgefüllt.
Segel werden verfertigt, indem man die Blattstiele der Mauritia trocknen lässt, den äussern Bast abzieht und die markige Substanz mittelst eines Bindfadens in ¼" dicke, 1½" breite und 4' bis 6' lange Latten schneidet. Diese, mit Bindfaden aus Bromelienflachs so dicht als möglich aneinander befestigt, geben ein gutes und leichtes Segel von beliebiger Länge, das man leicht zusammenrollen kann.
Indessen der Mann für die Ausrüstung des Fahrzeuges sorgt, beschäftigen sich die Weiber mit der Zubereitung von Kost und Getränke. Kassavekuchen werden in Menge gebacken und in der Sonne getrocknet. Ausgepresster Maniok (Madappi) wird in Körbe verpackt und mehrere Püllen (grosse steinerne Krüge) werden mit Tapana und Cosiri gefüllt.
Eine Hauptsache aber darf bei einer Seereise nicht fehlen, das ist Sacura, eine Art Mus, das aus gekautem Cassavebrod, gekochtem Yams und dergleichen besteht. Man mengt hievon eine Hand voll unter eine Kalabas Wasser, das der Indianer beinahe nie ohne Beimischung trinkt, und bereitet auf diese Weise eine Art Suppe, welche zu kosten ich nie über's Herz bringen konnte.
Ist nun endlich die ganze Haushaltung: Menschen, Affen, Hunde, Papagayen, Hühner und Schildkröten im Boote, so setzt sich der Eigenthümer desselben gravitätisch an's Steuer, und die Männer blasen auf ihren Pfeifen, dass man Ohrenweh bekommt; alsdann fährt man ab.
Da man die Zeit sehr wenig schätzt, so gehen solche Reisen manchmal sehr langsam von statten. Ist es stilles Wetter, so schiessen die Männer auf jeden auftauchenden Fisch, und an der ersten besten, günstigen Stelle wird angehalten und gekocht. Da die Küste sehr nieder ist und mit jeder Fluth überschwemmt wird, so sind sie häufig genöthigt, ihre Mahlzeiten im Boot zu bereiten. Man holt dann grosse Stücke schlammigen Lehms aus dem Wasser, breitet dieselbe in der Corjaal aus, und macht hierauf das Feuer an.
Manchmal werden auch in den niedrigen Zweigen der Parcagesträuche Holz und Lehm so hoch aufgethürmt, dass sie das Wasser nicht erreichen kann; kommt nun die Fluth, so geschieht es nicht selten, dass eine Welle Feuer und Topf fortspült, und man mit hungrigem Magen weiter ziehen muss. Daraus macht sich aber der Indianer nichts, und man muss sich darüber wundern, dass Hunger und Durst ihn wenig aus seiner guten Laune bringen. Ich bin manchmal mit Indianern gereist, die 12 Stunden hintereinander kräftig pagaiten, während dieser Zeit nichts genossen, und doch immer lustig und aufgeräumt waren. Bei den stärksten Drohungen würde ein Neger diess nicht thun, und man findet selten Neger, welche eine Fluth (6 Stunden) rudern, ohne etwas genossen zu haben.
Hat man nun die Pflanzungen erreicht, so wird beinahe Alles für Branntwein vertauscht, und selten bringen sie nützliche Dinge, als: Zeuge, Beile, Messer u. s. w. in ihre Heimath zurück. In Paramaribo verweilen sie bloss einige Tage, begaffen das ihnen Ungewohnte ohne besondere Theilnahme und laufen meist betrunken in der Stadt herum.
Mit Dram, Melassin und etwas Salz betreten sie den Rückweg, der, weil ihnen nun Wind und Strömung entgegen sind, viel schwieriger ist, als die Herreise. Hier hilft nun kein Segel, man muss pagaien und fährt desshalb auch meist nach Mitternacht, wenn der Wind sich gelegt hat und die See stiller ist. Den Tag über liegt man an einer ruhigen Stelle vor Anker, d. h. an einem in den Boden befestigten Stock. Das Ankertau ist gedreht aus dem Baste des zum Geschlecht der Hibiscus gehörigen Strauches Maho, der am sandigen Ufer wächst; es entspricht seinem Zweck auf kürzere Zeit vollkommen.
Ist man des Pagaiens müde, so laufen die Männer wohl halbe Tage lang im Wasser und ziehen die Corjaal fort. Hat man das sandige Ufer der Mündung erreicht, so wird bei Ebbe das Fahrzeug an einem langen Tau durch zwei oder drei Männer gezogen, während einer am Steuer sitzt und dafür Sorge trägt, dass das Fahrzeug sich nicht zu sehr dem Lande nähert.
Bei der Ankunft im Dorfe wird natürlich bestialisch getrunken; doch finden sich noch immer einige im Dorfe, die abwechselnd nüchtern sind.
Man sieht dann allenthalben tolle Lustbarkeiten und Schlägereien, und es ist für einen Nüchternen allerdings interessant, den Einfluss des Drams auf die verschiedenen Gemüther zu beobachten. Man sieht häufig in derselben Hütte die Weiber sich an den Haaren herumzerren und mit Feuerbränden das Fell vergerben, Männer mit Hauern sich oft gefährliche Wunden schlagen, total Betrunkene auf dem Boden liegen, und Halbbetrunkene in ihren Hängematten ein Lied auf der Flöte herheulen.
Zu dieser Musik kommt noch das Geschrei der Betrunkenen (denn so stille und geräuschlos der Indianer im nüchternen Zustand ist, so lärmend und polternd macht ihn die Betrunkenheit), das Zetergeschrei der Kinder, das Gekreisch der Papagayen, das Gekläff der Hunde, die aus einem Winkel in den andern flüchten, und das Gewinsel der Affen. Da jedes männliche Individuum, das die Reise mitmachte, seine Waaren selbst vertauscht und nichts gemeinschaftlich hat, so traktirt nun auch jeder seine Freunde insbesondere, so dass der Vorrath von Dram, sey er auch noch so gross, in wenigen Tagen getrunken ist.
Im Rausche vorgekommene Injurien und Schlägereien werden, wenn sie auch von noch so arger Art waren, nachher nicht mehr beachtet und bleiben vergessen auf die einfache Entschuldigung hin: Ich war betrunken; damit ist allem Processiren ein Ende gemacht.
Ein anderes Vergnügen eigenthümlicher Art sind ihre Tänze, bei welchen man sie recht in ihrer Nationalität, unvermischt mit andern Sitten, beobachten kann. Diese Tanz- oder vielmehr Trinkbelustigungen werden theils von einzelnen Familien, die einen ziemlichen Vorrath an Cassave haben, oder vom ganzen Dorfe, wobei dann jede Familie das Ihrige beiträgt, veranstaltet. Ist der Tag, an welchem ein Tapanafest begangen werden soll, bestimmt, so wird durch die Weiber eine hinlängliche Menge Maniokwurzeln vom Acker geholt. Diese werden nun auf Brettchen, welche Simari heissen, und in welche spitzige, harte Steinchen dicht nebeneinander eingeschlagen sind, so dass sie die Stelle der
Reibeisen vertreten, zerrieben [1].
Der hierdurch entstandene Brei wird in einem Madappi ausgepresst, und das nun von seinem giftigen Safte befreite Mehl etwa zollhoch auf grossen, runden,
eisernen Platten, unter welchen ein Feuer brennt, ausgebreitet [2]. Das noch etwas feuchte Mehl klebt durch die Hitze zusammen und es entsteht ein Kuchen, welcher umgedreht wird, wenn er auf der einen Seite gebacken ist. Zum gewöhnlichen Gebrauch werden diese Kuchen bei mässigem Feuer gebacken, um das Anbrennen zu verhüten; zum Tapanatranke aber werden sie absichtlich der Hitze so lange ausgesetzt, bis sie auf beiden Seiten verbrannt sind.
Der Saft der Maniokwurzel, der, wie ich schon früher bemerkte, giftig ist, wird etwa auf die Hälfte eingekocht und dadurch unschädlich gemacht. Man vermischt diese Brühe mit den schwarzgebrannten Broden und lässt das Ganze ein bis zwei Tage lang gähren. Inzwischen haben nun die Männer in die beste und grösste Hütte des Dorfes eine sauber gewaschene Corjaal gebracht, und sie mit Wasser angefüllt, damit in ihr das köstliche Getränk gebraut werden kann.
Es wird nun eine Menge Cassavebrod an Gross und Klein im Dorfe vertheilt, und Alt und Jung ist damit beschäftigt, dasselbe zu kauen und in Kalabassen auszuspucken, welche sie zu diesem Zweck bei sich haben. Sind diese voll, so wird das appetitliche Mus in die Corjaal geleert, und von Neuem mit dem Kauen fortgefahren, bis die ausgegebene Quantität zweimal die Kinnladen des Volkes in Bewegung gesetzt hat, um als Trank noch zweimal dieselben zu passiren.
Ist Alles fertig, so wird die Corjaal mit Palmblättern dicht verschlossen, um so schnell als möglich die Gährung zu bewirken.
So eckelhaft auch diese Zubereitung ist, so angenehm und erfrischend schmeckt der fertige Trank, der beinahe den Geschmack von saurer Rührmilch hat, sich aber nicht lange hält, und in grosser Menge genossen ebenso trunken macht, wie das Bier.
Am Morgen des Trinktages sind die Männer meistens mit der Ausbesserung der Wege, welche zu ihrem Dorfe führen, oder mit der Verrichtung sonstiger gemeinnütziger Arbeiten beschäftigt. Gegen Mittag beginnt das Fest.
Jedes hat sich hiezu nach seinem Geschmack und Vermögen herausgeputzt. Die Männer sind, wie ich oben bemerkte, mit Rocou und Tapuriba bemalt und haben ihre längsten und besten Camisen umhängen. Bogen und Pfeile, sowie eine viereckige Keule aus hartem Holze, Abadou genannt, dürfen dabei nicht fehlen. Hiezu kommen noch Colliers von Pakir-, Affen- oder Kaimanszähnen, Federkronen in allen möglichen Farben und eine Unzahl Glasperlen.
Die Weiber und besonders die jungen Mädchen haben sich prächtig herausgeputzt. Ihre Lippen stecken voll Nadeln, die kohlschwarzen Haare sind sorgfältig gekämmt und anstatt der Pommade mit Capatöl beschmiert. Rothe Flecken und Streifen geben den Gesichtern etwas tigerähnliches, und der durch Tapouriba schwarzgefärbte Leib sticht grell gegen die feuerfarbenen, mit Rocu gewichsten Waden ab. Dabei sind sie mit Glaskorallen von allen Grössen und Farben behangen, und nicht selten zieren sie ihren Hals mit Ketten, worin sich alle Arten Silbergeld eingefädelt finden. Ich habe an einer solchen über 100 Franken gezählt.
An den Seiten der Hütte sind lange, plump aus Cedernholz geschnitzte Bänke angebracht, deren Ende Krokodil- oder Tigerköpfe vorstellen. Auf diesen Bänken nehmen nun die Familienhäupter Platz, und die Weiber kredenzen den köstlichen Trank in Kalabassen oder irdenen Schüsseln. Mehrere Weiber und Mädchen umfassen sich mit den Armen und bilden einen Halbkreis um den, welchem sie den Trank bringen. Nach einem jämmerlichen Gesang biegen sie taktmässig die Kniee und den Oberleib, ohne übrigens von der Stelle zu kommen, und singen nun in einem wehklagenden Ton einige Dutzend Male denselben Vers. Hat der damit Beehrte getrunken, so kommt die Reihe an einen andern. Grosse Trommeln, mit Hirsch- oder Pakirfellen überzogen, hängen an langen Schnüren von der Decke herab, und werden von jungen Männern nach dem Takte ihrer Lieder, welche ganz dieselbe Melodie, wie die der Weiber haben, geschlagen. Auch sie bewegen sich auf dieselbe Weise, ohne vom Platze zu kommen.
Es ist unglaublich, welche Menge dieses Trankes bei einer solchen Tanzparthie getrunken wird. Sowohl das damit angefüllte Boot, als auch die Töpfe sind des Abends gewöhnlich ausgetrunken. Sind bei einem solchen Gelage hundert Personen, die Kinder mitgerechnet, anwesend, so bin ich überzeugt, dass mehr als zehn Fässer, je 320 Flaschen enthaltend, verbraucht werden.
Hat der Indianer so viel getrunken, dass er die von den Weibern dargebotene Schüssel nicht mehr leeren kann, so erbricht er sich, um aufs Neue trinken zu können. Dieses Vomiren geschieht nicht heimlich; es gehört gewissermasen zum Feste selbst; denn er erhebt sich nicht einmal von seinem Sitze. Der Boden des Tanzhauses gleicht alsdann einer Pfütze, in welcher man bis um die Knöchel im Tapana herumwatet.
Ausser den angeführten Tänzen sah ich bei dieser Gelegenheit einen andern, welchen zwei Männer ausführen. Jeder hat ein aus Thon gemachtes, rothbemaltes Blasinstrument, das zwei aufeinandergesetzten Trichtern gleicht und auf beiden Seiten eine kleine Oeffnung hat, in welche hineingeblasen wird. Unter den sonderbarsten Wendungen und Verdrehungen des Körpers, indem sie sich bald entfernen, bald nähern, auf den Bauch legen, oder auf allen Vieren herumlaufen, endigt sich diese Scene nach etwa einer Viertelstunde unter dem Gelächter der Uebrigen.
Des Nachts ist zwar das Fest beendigt, aber am andern Morgen thut man sich mit dem Ueberrest gütlich, wenn ein solcher noch vorhanden ist.
Einen andern Tanz sah ich mehrere Jahre nachher.
Der Piaiman T h o m a s war auf einer Reise nach den Pflanzungen plötzlich gestorben, und seine Wittwe gab zur Erinnerung ein Jahr nach seinem Tode eine Tanzparthie.
Ich sah wohl im Hause derselben Cassave backen, Tapana und Casiri zubereiten, aber weitere Vorbereitungen fanden nicht statt. Der Tag wurde wie gewöhnlich beschlossen; einer nach dem andern legte sich in die Hängematte, und man sah nirgends das mindeste Zeichen einer Festlichkeit.
In der grössten Hütte des Dorfes hingen die Hängematten der ledigen Personen in die Kreuz und Quere, und nur beim Schein des Feuers, das unter jeder brannte, konnte man sich zurechtfinden.
Auf einmal hörte ich aus einer Ecke der Hütte ein jämmerliches Geheul und Wehklagen. Ich lief dahin und fand die Wittwe, welche wie eine Schildwache unbeweglich stand und in der Hand Bogen und Pfeile, sowie einen alten Strohhut ihres verstorbenen Mannes hatte. Mit einem Feuerbrand beleuchtete ich sie auf allen Seiten, was sie aber keineswegs irre machte; denn sie heulte ihren wehklagenden Gesang unter beständigem Schluchzen und einer Fluth von Thränen.
Die Indianer erklärten mir den Inhalt ihrer Worte so: Es ist nicht gut, dass du uns verlassen hast, dein Knabe ist noch zu jung, um für mich zu jagen und
Fische zu fangen u. s. w. [3].
Nachdem dieses Geheul beinahe eine halbe Stunde ohne Unterbrechung gedauert hatte, trat eine kleine Pause ein, und in einer andern, ebenso dunkeln Ecke erschien ein anderes altes Weib, das ein so jammervolles Geheul anhub, als wäre der Verstorbene ihr Mann oder nächster Anverwandter gewesen. Nachdem dieses Geheul ebenso lang, wie das der noch unbeweglich in ihrem Winkel stehenden Wittwe gedauert hatte, heulten beide miteinander wie Schlosshunde, so dass ich es beinahe nicht mehr in der Hütte aushalten konnte. Da übrigens jedes Ding sein Ende hat, so war endlich auch der Thränenquell beider Weiber gänzlich versiegt, und man schritt zu einem neuen ganz besondern Tanze, zu welchem sich nach und nach mehrere Weiber und Kinder eingefunden hatten. Alle bildeten einen Kreis, wobei sie sich um den Hals schlangen; ein Lied wurde wieder auf ihre eigenthümliche Weise angestimmt, die Kniee und der Oberleib hin- und hergebogen, und endlich rasch hintereinander der Kreis umlaufen. Es herrschte hiebei eine tolle Fröhlichkeit, und auch die Worte schienen nichts Trauriges zu enthalten, obgleich ich den Sinn derselben nicht verstand.
Meiner selbst wurde in diesem Gesange mehrere Male gedacht; auch schloss ich mich dem Kreise an und tanzte zur allgemeinen Belustigung mit. Während des Tanzes, welcher beinahe bis zum Morgen währte, machte man Gebrauch von den bereiteten Getränken.
In den Lebensmitteln vegetabilischer und animalischer Art, welche Gewässer und Wälder liefern, sind die Caraiben nicht sehr wählerisch, indem sie beinahe Alles, nur wenige Thiere ausgenommen, essen. Schlangen und grosse Seeschildkröten sind zwar von ihrer Tafel verbannt; dagegen werden aber wieder Pipa-Kröten, Laubfrösche, Wespenlarven, Ameisenweibchen, die Larven verschiedener Rüsselkäfer, sowie die Käfer, welche die Blumen der Wasserlilie zerfressen, und alle Arten Eier mit grossem Appetit verspeist.
Feinschmecker sind die Indianer eben nicht, und wenn sie auch gewisse Gerichte vorziehen, so ist es ihnen ziemlich gleichgültig, ob z. B. das Fleisch halb oder ganz gar, versalzen oder ohne Salz gekocht ist. Wenn es nur den Magen füllt und mit den Zähnen zerrissen werden kann. Zu ihren vorzüglichen Delicatessen gehört besonders der Leguan. Ich habe mich oft darüber gewundert, wie sie dieses Thier auf den dichtbelaubtesten Bäumen entdeckten und mich häufig geärgert, wenn sie meiner Bitten und Drohungen ungeachtet Jagd auf dieses harmlose Thier machten, und dadurch die Reise verzögerten, ungeachtet Fleisch und Fisch in Ueberfluss im Boote war.
Eine andere Leckerei sind Haifische, die an seichten Stellen der See geschossen werden, und kleine Kaimans, welche entweder am Ufer der Flüsse und Kreeken liegen, oder die Schnauze aus dem Wasser strecken. Die Indianer bedienen sich beim Fischfang nie der Netze, sondern immer der Angeln; auch schiessen sie die Fische, oder betäuben dieselbe mit dem Stinkholz, Nekko.
Kleine Fische werden auf gewöhnliche Weise mit Angelruthen gefangen; grosse Fische aber mit Wurfleinen, etwa 100' langen, aus Bromelienflachs geflochtenen, starken Schnüren, an deren Ende ein Stück Blei ist, und nahe bei demselben drei bis vier kürzere Schnüre sind, an welchen die Angeln sitzen.
Das Tau wird vom Boote oder Lande ausgeworfen, und das andere Ende so lange in der Hand behalten, bis man merkt, dass ein Fisch angebissen hat. Eine andere Art von Angeln sind die Springangeln, bei welchen ein starker, elastischer Stock im Wasser befestigt wird, an welchem ein langes Tau mit der Angel hängt. Dieser Stock wird nach unten gespannt und durch ein klammerförmiges Hölzchen, das in der Mitte des Taues sitzt, in dieser Spannung erhalten. Schnappt der Fisch nach der Angel, so springt die Klammer los und der Stock schnellt in seine natürliche Lage zurück; zugleich zieht er den Fisch halb aus dem Wasser. Oft findet daher der Fischer blos die Köpfe, weil auf das Gezappel des Fisches die Kaimans und besonders die gefrässigen Pirais herbeikommen, und so viel abbeissen, als sie bekommen können. Die Art und Weise, wie der Fischfang mit Maschoas betrieben wird, habe ich schon früher beschrieben, den mit Stinkholz aber sah ich zuerst an der Marowyne. Die Indianer gebrauchen dreierlei mir bekannte Pflanzen, durch deren Saft die Fische betäubt werden.
Die erste und gewöhnliche ist eine, im Hochwald wachsende, manchmal schenkeldicke Liane, welche zum Geschlechte der Papilionaceen (Lonchocarpus) gehört. Die zweite ist eine Syanthere, der Conamistrauch, der um die Häuser gepflanzt wird, und dessen Blätter und Blüthen zu einem Brei gestampft werden. Die dritte ist das Bäumchen Gunapalu, eine Euphorbiacee mit herzförmig zugespitzten Blättern, die wahrscheinlich mit den Jatrophas verwandt ist. Auch diese wird um die Häuser gepflanzt, und ich bin nicht gewiss, ob sie hier einheimisch ist. Die sehr milchigen Blätter und Zweige werden ebenfalls zerstampft, und wie die der Conami mit dem Wasser vermischt.
Zur Zeit der Fluth, die sich in der untern Marowyne 8-10' erhebt, ziehen die Flussfische in die Buchten und Kreeken, wo sie, bis die Ebbe eintritt, ihrer Nahrung nachgehen, die theils in Baumfrüchten, welche ins Wasser gefallen sind, theils in Würmern und andern Fischen besteht.
Will man nun mit Stinkholz, oder den zwei andern betäubenden Pflanzen fischen, so wird, sobald die Fluth ihre grösste Höhe erreicht hat, eine geschickte Kreek abgeschlossen, so dass den Fischen der Rückweg in den Strom abgeschnitten ist. Diess geschieht mit einem sogenannten Paarl, der aus etwa 8' hohen Stäben aus Palmblattstielen besteht, welche mit Lianen so an einander befestigt sind, dass zwischen jedem Stab eine Oeffnung von etwa 1" Breite gebildet wird und eine Art spanischer Wand entsteht, durch welche das Wasser ungehindert ablaufen kann.
Ist nun das Wasser bedeutend gefallen, so begeben sich einige Männer mit grossen Stücken Stinkholz, das man zuvor durch Schlagen mit harten Stücken Holz zerfetzt und locker gemacht hat, an das obere Ende der Kreek, wo man durch beständiges Reiben und Schlagen im Wasser alle giftigen Theile der Pflanze demselben mittheilt.
Nach wenigen Minuten bemerkt man bereits die Wirkungen an den Wasserbewohnern. Kleine Fischchen schwimmen auf dem Bauche herum, Krabben und Krebse suchen ans Land zu flüchten und wackeln wie besoffen hin und her und es schnellt bald da, bald dort ein Fisch aus dem Wasser oder streckt die Schnauze hervor.
Die ganze Mannschaft ist längs der Kreek vertheilt und schiesst mit Pfeilen auf die auftauchenden. Weiber und Kinder waten im Schlamm umher, um die berauschten Fische herauszuziehen. Alles, was Leben hat, stirbt in dem vergifteten Wasser und wird eine Beute der Indianer. Diese sagen, dass in einer solchen Kreek lange nicht mehr gefischt werden könne, weil sich der giftige Geruch den im Wasser liegenden Baumstämmen und selbst dem Schlamme mittheile, auch nur langsam wieder verliere.
Beim Fischen mit Conami und Gunapalu wird der Brei mit dem Wasser vermischt und hat ganz denselben Erfolg. Das Fischen auf diese Weise heisst man Ponsen; es ist jedenfalls sehr schädlich, weil auch eine Menge Laich und Brut dadurch zu Grunde geht.
Beim Beginn der Regenzeit, wenn die Buschfische aus den Strömen und grösseren Kreeken in kleinere Bäche und Sümpfe ziehen, dämmt man diese gewöhnlich mit Paarls und Pinablättern ab.
Die dadurch in ihrem Lauf aufgehaltenen Fische suchen über das Hinderniss wegzuspringen und fallen dabei in eine, zu diesem Zweck dahinter gelegte Corjaal. Wenn die Fische recht im Zug sind, kann man des Morgens Hunderte derselben in der Corjaal finden.
Ist der Fischfang so ergiebig, dass man auf mehrere Tage Vorrath hat, so werden die Fische gebarbakot (geräuchert). Man nimmt dabei bloss die Eingeweide heraus und legt sie ungesalzen auf eine Art Rost, der aus Stöcken gemacht ist. Unter demselben unterhält man so lange Feuer, bis die Fische gebraten und getrocknet sind. Ebendesswegen halten sie sich auch bloss einige Tage und wimmeln häufig von Würmern, die aber dem Indianer seinen Appetit nicht benehmen. In der Regenzeit (Mai, Juni) legen die rothen Ibise, hier fälschlich Flamingos genannt, sowie andere reiherartige Vögel ihre Eier in die Gebüsche am niederen Seestrande und brüten.
Eier und junge Vögel werden von den Indianern besonders geschätzt, und sie scheuen daher die Reise nach den Legeplätzen nicht.
Zwei grosse Corjaalen meiner Nachbarn kamen eines Tages an den Posten, um auf eine solche Eierexpedition auszugehen. Man gelobte mir, nachdem ich die Mannschaft mit Branntwein erquickt hatte, auch einen Korb voll Eier mitzubringen.
Wenige Tage nachher kamen beide Corjaalen wieder zurück, vollgeladen mit Eiern und einer Menge junger, sehr mager aussehender Vögel. Ich bekam nun etwa hundert von diesen Eiern, welche grün und schwärzlich gedupft und von der Grösse kleiner Hühnereier waren. Sogleich machte ich mich daran, einen Eierkuchen zu backen, fand aber zu meinem Verdruss, dass nur ein frisches Ei dabei war. Alle übrigen waren entweder halbbebrütet und stinkend oder enthielten schon beinahe reife Vögel, welche sich noch bewegten. Desshalb glaubte ich, dass man wirklich dieses Geschenk für mich ausgelesen habe. Da ich nun aber durchaus Eierkuchen essen wollte, so fuhr ich sogleich in meiner Corjaal nach dem Dorfe, wo ich in jeder Hütte die Weiber mit dem Kochen der Eier beschäftigt antraf. Diese waren aber ebenso, wie die meinigen. In einer Brühe von stinkenden Dottern schwammen Vögel von allen Brutprocessen, reichlich mit spanischem Pfeffer gewürzt, und dieses Mahl wurde mit wahrem Heisshunger verzehrt.
Man würde bei einer solchen Lebensweise sich nicht verwundern, wenn gefährliche Krankheiten entständen; es ist diess aber nicht der Fall, und nur selten findet man kränkliche Personen.
Ausser den, mit den hier zu Lande herrschenden entsetzlichen Krankheiten, als Lepra und Elephantiasis heimgesuchten Personen, findet man höchst selten Gebrechliche, weder Krüppel noch Krumme, und wenn man an den nackten Leibern Wunden oder Narben wahrnimmt, so sind es immer ehrenvolle Zeichen eines Kampfes oder eines, in der Trunkenheit geschehenen Falles. Zeitenweise kommt es vor, dass Dissenterie unter ihnen grassirt, auch sind Wechselfieber häufig. Sie kennen übrigens eine Menge vegetabilischer Arzneien, welche meist von guter Wirkung sind. Ist die Krankheit ernsterer Natur, so wird ein geschickter Doctor oder Piaiman zu Rathe gezogen. Dem Kranken wird in seiner Hütte eine Art Zelt aus Camisen und anderen Tüchern zurechtgemacht und seine Hängematte darin aufgehangen. In einem andern ähnlichen Zelte sitzt der Piaiman, der die unentbehrliche Maraka (eine runde, hohle, kugelförmige Kalabas, durch deren Mitte ein Stock geht, dessen oberes Ende mit Rabenfedern geziert ist, und welche runde Quarzkörner oder Marowynesteine enthält), bei sich hat. Er bespricht sich in seinem Zelte mit dem bösen Geiste, der die Krankheit verursacht. Sein Gespräch ist bald flehend, bald drohend, jetzt brüllend, dann wieder mit Schluchzen und Weinen vermischt.
Je schwerer die Krankheit ist, um so mehr gibt sich der Piaiman Mühe, durch seine Drohungen dem Geiste Furcht einzujagen.
Man muss beinahe bezweifeln, dass e i n e Person im Stande ist, so verschiedene Stimmen nachahmen zu können; denn auf Alles, was der Piaiman dem bösen Geiste vorsagt, antwortete er selbst mit veränderter Stimme. Dabei tönt unaufhörlich die Maraca, deren Laut dem Gerassel von Erbsen in einer trockenen Blase gleichkommt.
Das Piaien dauert Nächte lang ununterbrochen fort, nur dass von Zeit zu Zeit der Doctor dem Kranken Tabaksrauch ins Gesicht bläst, oder seine Beschwörungen an der Hängematte selbst vornimmt. Als Hauptgenesungsmittel in äusserst schwierigen Fällen dient der Saft des Dakinibaumes, welcher sehr selten zu seyn scheint. Um diesen zu bekommen, hat der Piaiman erst die Erlaubniss der den Baum bewohnenden Geister nöthig, und erst nach manchen Unterredungen mit ihnen haut er die Oeffnung, aus welcher der Saft fliessen soll, in den Baum. Der Patient trinkt nun denselben als letztes Mittel, und es versteht sich von selbst, dass bei einer so wichtigen Kur der Piaiman die ganze Nacht bei dem Kranken zubringt und die Geister beschwört. Diese schweigen aber auch nicht still, sondern lassen sich in verschiedenen Stimmen, bald als Poweesen, Agamis, bald als Affen und Tiger hören.
Diesen Kuren habe ich noch nie beigewohnt, aber schon manche Nacht auf den Dörfern zugebracht, in der mich der Piaiman am Schlafen hinderte.
Auf Arzneien der Europäer setzen die Indianer wenig Vertrauen; sie gebrauchen dieselben zuweilen, nehmen aber, wenn nicht gleich ein günstiger Erfolg erzielt wird, sogleich ihre Zuflucht wieder zu ihren Hausmitteln. Chinin übrigens, das so schnell vom Fieber hilft, hat ihnen grosse Achtung eingeflösst. In dem Charakter des Indianers sind nicht viele Laster, aber auch wenige Tugenden vereinigt. Der Hauptzug, den die Caraiben mit den Arowacken gemeinschaftlich besitzen, ist Gleichgültigkeit. Der Augenblick regiert ihn und sein Interesse berücksichtigt er nur dann, wenn seine Laune hiezu gestimmt ist. Wie ein Kind wünscht er bald dieses, bald jenes zu besitzen, und scheut keine Mühe, um in den Besitz desselben zu gelangen. Vom Worthalten hat er keine Idee, und man kann sich desswegen nie auf ihn verlassen. Ebenso wenig weiss er, was Wahrheit ist, und lügt, wenn es sein Interesse erfordert.
Bei ihren wenigen Bedürfnissen achten sie auf ihr Eigenthum wenig; wenn sie z. B. Monate lang sich damit abgemüht haben, ein langes Stück Salemporis (blaugefärbter Baumwollenzeug) zu verdienen, so wird dieses entweder als Segel gebraucht, wenn sie kein anderes haben, oder in Fetzen zerrissen, um die Corjaalen damit zu stoppen.
Misstrauen hegen sie keines, verlassen Tage lang ihre Hütten, ohne ihr Eigenthum zu verbergen; die Diebstähle kommen selten vor; doch sind Getränke und Esswaaren vor ihnen nicht sicher, auch lassen sie wohl andere Gegenstände, die ihnen anstehen, mitspazieren. Im Allgemeinen sind sie faul und man findet desshalb wenige, die bemittelt sind.
Ihre Wanderlust ist sehr gross und wegen der unbedeutendsten Vorfälle machen sie grosse Reisen. Früher pflegten sie aus dem Lande der Makusis am Rupununi und Maho im Innern Guyana's Sklaven zu holen; doch scheint diess nicht mehr vorzukommen. Ich kannte noch ein solches Sklavenmädchen, welches Christian gehörte.
Ihre Leidenschaften sind, die Liebe zum Trunk ausgenommen, viel gemässigter, als die der Nordamerikaner; daher bezweifle ich auch, dass die Civilisation grosse Fortschritte bei ihnen machen wird.
Es wird freilich von uns gar nichts gethan, um sie auf eine höhere Stufe sittlicher Bildung zu bringen. Aber auch bei unsern Nachbarn, den Franzosen, welche sich die Bildung der Indianer sehr angelegen seyn und sie in Schulen unterrichten lassen, bemerkt man keine grössere Fortschritte. Der einzige Magnet, der sie anzieht, ist leider der Branntwein, und die Schnapsflasche darf nie leer werden, wenn sie Dienste leisten sollen. Wer ihnen einschenkt, ist ihr Freund. Für andere Dienste und Wohlthaten sind sie gefühllos; Dankbarkeit ist ihnen fremd. Auch Beleidigungen werden vergessen, und nie habe ich bemerkt, dass Händel oder Thätlichkeiten vorfielen, wenn der allgemeine Friedensstörer, der Branntwein, die Gemüther nicht erhitzt hatte.
Obgleich ihre Sinneswerkzeuge so ausgebildet und fein wie die der Nordamerikaner seyn mögen, so scheinen sie diesen doch im Allgemeinen nachzustehen, wozu freilich auch das milde Klima viel beiträgt, das bei so leichter Mühe alle Bedürfnisse befriedigt, während der Nordamerikaner bei ungleich rauherer Witterung sich alle Bedürfnisse erringen muss.
Mein Detachement, das aus dem Bäcker und zwei schwarzen Soldaten bestand, wurde abermals abgelöst und durch vier Weisse ersetzt, zu welchen der Bäcker den fünften ausmachte. Die Besatzung war desshalb wieder auf dem alten Fusse.
Ich hatte mir bis jetzt alle Mühe gegeben, von den Indianern eine Corjaal zu kaufen, um selbst kleine Wasserfahrten machen zu können. Sie hatten aber, so viel ich auch um eine bot, keine überflüssige für mich. Endlich fand ich zufälligerweise eine schöne, 18' lange Corjaal von Cedernholz, die von irgend einem Indianerdorfe vom Strom mitgeführt und durch die Fluth an den Strand war geworfen worden. Sie hatte ihrer ganzen Länge nach drei ungeheure Risse, und es kostete desshalb viele Mühe, bis das Fahrzeug von seinen Schäden kurirt war. Doch gelang diess nach zwei Tagen anhaltender Arbeit vollkommen. Die Risse hatte ich durch mit Werg umwundene Stöcke ausgefüllt, diese verpicht und darüber der ganzen Länge nach oben und unten lange Streifen Eisenblech genagelt. Meine Probefahrt nach der andern Seite des Flusses überzeugte mich von der Vortrefflichkeit meiner Arbeit.
Zu Ende März schrieb mir der Kommandant von Armina, dass der Schooner abermals unterwegs sey, um den Rest der geretteten Güter abzuholen, und dass er damit seine Frau (Haushälterin) erwarte. Zugleich ersuchte er mich, diese Dame freundlich zu behandeln und ihn von ihrer Ankunft sogleich in Kenntniss zu setzen. Ich hatte dieses Frauchen noch nie gesehen und erwartete desshalb in ihr eine Mulattin oder Mestizin, welche meistens die Haushaltung lediger Unteroffiziere führen, dieselben nach den Posten begleiten und sich manchmal mehr Autorität anmasen, als eine rechtmässige Frau.
Solche Missis verkauften (ich rede da von längstvergangenen Zeiten) gewöhnlich auf den Posten Alles, was der Soldat in seiner Junggesellenwirthschaft nöthig hat, als: Zucker, Caffee, Tabak, Butter, Käse, Saife u. s. w. an denselben auf Credit. Der Betrag wurde aber, wenn die Soldgelder von Paramaribo kamen, davon vom Kommandanten abgezogen. Geht ein Fahrzeug nach der Stadt, so hat der mitgehende Corporal tausend Commissionen in Paramaribo zu bestellen und ist er nicht eifrig genug, so weiss die Missi es ihm später schon einzubrocken. Oft geht aber die Dame selbst mit, um bekannte Pflanzungen heimzusuchen, und sich dort mit Zucker, Caffee, Dram u. s. w. zu versehen und in der Stadt recht billig einzukaufen. Der grösste Theil des Soldes wandert dann, besonders wenn sie noch unter der Hand Schnaps verkauft, was aber der Kommandant natürlich nicht wissen darf, in ihre Geldbüchse. Eine solche Dame dachte ich ebenfalls auf dem Schooner zu finden, und fuhr aus grosser Galanterie demselben entgegen.
Ich bewillkommte den Schatz meines Kommandanten auf negerenglisch, das ich in dieser Zeit zum Entzücken schlecht sprach. Die Dame gab sich mir aber sogleich als Holländerin zu erkennen, und enthob mich desshalb der Verlegenheit, in der armseligen Creolensprache mich auszudrücken.
Sogleich schrieb ich an den Kommandanten, dass seine Haushälterin (welches Wort ich aber bei reiflicher Erwägung zu anstössig fand und in Madame umwandelte) nebst dem Doctor angekommen sey. Um die glückliche Ankunft dem Lieutenant so schnell als möglich zu melden, sandte ich die ganze Besatzung bis auf den Bäcker weg. Da ich aber bloss einen einzigen Pagai im Vermögen hatte, so mussten drei der mitgehenden Soldaten bis zum nächsten Arowackendorfe mit den Samenkapseln der Maripapalme rudern; dort konnten sie von meiner Freundin, dem Oberhaupte des Dorfes, drei Pagais entlehnen.
Vier Tage später kam der Kommandant von Armina an, um seine Liebste abzuholen. Diese hatte unter Anderem ein ungeheures Fass ordinären Blättertabaks, von dem das Pfund 16-20 Cents kostet, mitgebracht, und das Detachement konnte es für Geld in Rauch verwandeln. Leider hatte sie auch Verschiedenes in Paramaribo gekauft, das durch den reichlichen Strandsegen entbehrlich geworden war und desswegen dem Kommandanten manchen Seufzer auspresste.
Das Fass Tabak, so erzählte die Haushälterin, wäge über 700 Pfd. und wenn sie das Pfund zu 1 fl. 50 kr. verkaufe, so geschehe diess mehr den Soldaten zu lieb, als des Nutzens wegen.
Kommandant, Doctor und Haushälterin segelten mit gutem Winde nach Armina und ich hatte gottlob wieder längere Zeit vor derlei Besuchen Ruhe.
Der Schooner hatte den Rest der geretteten Güter eingeladen und es blieb also nichts mehr übrig, als das Wrack, das sich bei der Fluth mit Wasser füllte und in dem Haie, Lumpen und andere Raubfische die verfaulten Kartoffel-, Zwiebel-und Käsereste durchschnoberten.
Jetzt war die Legezeit der grossen Seeschildkröten, die Nachts längs des sandigen Seestrandes ihre schwerfälligen Promenaden ausführten und an dem erhöhten Ufer, das über dem höchsten Wasserspiegel der Fluth lag, ihre Eier verscharrten.
Meist beim Mondlicht und in der Zeit des ersten und letzten Viertels kriechen diese schwerfälligen Thiere herauf, wühlen im Sand einen Platz von manchmal 200□' um, graben dabei die dicksten Wurzeln und Gesträuche aus, bis sie eine günstige Stelle gefunden haben.
Mit den Hinterfüssen wird sodann ein beinahe 2' tiefes und 8" weites Loch gegraben, und in dieses etwa 100-200 runde, mit einer pergamentartigen Haut überzogene Eier von der Grösse einer kleinen Billardkugel gelegt. Das Loch wird mit Sand ausgefüllt und das Thier geht in die See zurück. Die Spur der Füsse und des Schwanzes, welche durch das Auf- und Abkriechen entsteht, ist tief im Sande eingegraben und wellenförmig.
Ueberrascht man eine Schildkröte beim Legen, so schnaubt und bläst sie, setzt aber ihr Geschäft ruhig fort, es sey denn, dass man versucht, sie auf den Rücken zu legen, in welchem Falle sie dann wüthend um sich schlägt. Ein kräftiger Mann kann bei einiger Erfahrung leicht eine auf den Rücken werfen, obschon sie manchmal gegen 500 Pfund schwer sind. Umgedreht schlagen sie mit allen Vieren auf den Brustschild und wären wohl im Stande, den Unvorsichtigen schwer zu verletzen. Man bindet ihnen sodann die Vorderfüsse fest und ladet sie in die Corjaal.
Sie haben ein sehr zähes Leben und die Indianer, welche sie häufig zum Verkauf nach den Pflanzungen bringen, lassen sie manchmal 14 Tage auf dem Rücken liegen; es darf aber alsdann keine Sonne auf sie scheinen. Wenn schon Herz und Eingeweide herausgenommen sind, so zappeln sie noch stundenlang und das Schlachten derselben ist ein blutiges Gemetzel.
Gewöhnlich haben sie ausser den gelegten Eiern noch ganze Kübel voll Dotter bei sich und viele sind so fett, dass man aus einer 2-3 Gallons Oel ausschmelzen kann. Das Fett ist bekanntlich grün und das Fleisch liefert die berühmten Schildkrötensuppen, die man in London und andern Seeplätzen so theuer bezahlt. In Surinam ist es nicht geachtet und ich finde ebenfalls nichts Leckeres daran; denn es ist grob und faserig und das Fett hat einen eigenthümlichen, thranigen Geruch. Nur die Eier sind gut zu gebrauchen und sie waren während der Legezeit eine Hauptspeise auf unserem Küchenzettel. Das Weisse dieser Eier, das nie hart wird, wirft man weg.
Man kocht sie im Wasser mit Salz und isst ihren Dotter mit Pfeffer und Zitronensaft; auch lassen sich gute Pfannenkuchen daraus backen.
Um sie längere Zeit aufzubewahren, räuchert man sie, wobei aber das Eiweiss ganz eintrocknet. Die Begattungszeit fällt in den Februar; die Thiere bleiben alsdann Tage lang aneinander hängen und werden so häufig durch die Brandung auf den Strand geworfen, wodurch ihr angenehmes Geschäft unterbrochen wird.
Die Indianer schwimmen, wenn sie zwei solche Liebende erblicken, mit einem Strick auf sie zu und schieben den Vorderfuss des Männchens in eine Schlaufe, was von diesem erst bemerkt wird, wenn man es ans Boot zieht, wobei es dann unter wüthendem Gezappel seine Ehehälfte loslässt.
Die Männchen sind meistens fetter, als die Weibchen und haben dieselbe Grösse; nur ist ihr Schwanz bei 2' lang. Sie gehen nie ans Land und werden daher selten gefangen.
Die ersten Eier findet man in der Mitte Februars; im Mai werden die meisten gelegt und zu Ende Juli kommen die Jungen heraus. Diese kriechen meist Nachts in die See. Aus einem Nest kommen manchmal 30-40. Die anderen Eier verderben. Sie haben übrigens viele Feinde und besonders sind die Aasgeier auf sie erpicht. Auf der Stelle, wo eine Schildkröte gelegt hat, sticht man mit einem Pfeil oder glatten Stabe auf dem umgewühlten Platze an verschiedenen Stellen in den Sand. Findet man eine Stelle, wo der Pfeil leicht und ohne Widerstand eindringt, so gräbt man nach und findet die Eier.
Bereits sitzen auch mehrere Aasgeyer in der Nähe und warten nur, bis man weg ist, um die mit dem Pfeil durchstochenen Eier, welche man liegen lässt, zu fressen. Sobald sie damit fertig sind, fliegen sie voran zu einem neuen Haufen, um auch da ihren Finderlohn wegzuschnappen.
Im Mai und Juni kommen kleinere Seeschildkröten von einer andern Gattung, welche man Varana nennt, hervor. Diese werden bloss 80-100 Pfund schwer und legen kleinere, aber schmackhaftere Eier. An mondhellen Abenden laufen sie zu Dutzenden am Seestrande herum und, wie es scheint, nicht bloss um Eier zu legen, sondern auch zu ihrem Vergnügen. Sie sind bei weitem nicht so phlegmatisch, wie die grossen, lassen sich aber auch nicht so lange beim Leben erhalten.
Zuweilen, aber sehr selten, kommt auch die Carettschildkröte ans Ufer. Sie ist kleiner als die Riesenschildkröte und man erkennt ihre Spur am Zeichen des Kopfes, den sie im Sande zu schleppen scheint.
Die Seeschildkröten werden ausser dem Menschen bloss von dem Jaguar angegriffen, der mit seinen scharfen Krallen sie geschickt auszuhöhlen weiss. Die zwei mir bekannten Arten leben von Tangen und Seegras.
Die sonderbare Matamatta (Chelys infibriata) ist in Surinam nicht zu Hause, kommt aber häufig am Oyapok vor und wird von da nach Cayenne auf den Markt gebracht.
Die grosse Regenzeit war angebrochen und obgleich an der See die Regengüsse bedeutend schwächer sind, als im Innern des Landes, so war sie doch für uns desswegen höchst unangenehm, weil in den gewöhnlich stillen Nächten die Mosquittos in ungeheurer Menge alle lebenden Geschöpfe plagten. Wir schleppten den Tag über grosse Stücke Holz, welche die See anspülte, zusammen, und machten des Abends davon ein grosses Feuer, zu dem manchmal mehrere Klafter verbraucht wurden. Um dieses lagerten wir uns so, dass der Rauch uns bestrich, und meine Ziegen, welche sehr wohl merkten, was gegen die Mosquittosstiche schütze, drängten sich so dicht als möglich an uns an. Man unterhielt sich bei diesem Wachtfeuer mit Soldatengeschichten, die wohl überall über denselben Leist geschlagen sind. Wenn das Feuer erlosch und man zu schlafen versuchte, so ging's ans Fluchen und Lamentiren. Jedes Mittel wurde versucht; ja einige gruben sich förmlich in den Sand ein und liessen nur eine kleine Oeffnung zum Athemholen, bloss um einige Stunden Ruhe zu geniessen.
War das Wetter hell, so liefen wir stundenweit längs des Seestrandes hin und trieben unsere Spässe mit den Seeschildkröten. Manchmal sassen wir zu dreien auf eine, welche dennoch mit uns in die See lief. Fanden wir eine in der Nähe des Postens, so schlachteten wir sie zuweilen; mit weiter entfernten aber gaben wir uns keine weitere Mühe.
Eines Abends sass ich in meiner Kammer; auf einmal hörte ich ein starkes Klopfen an meiner Schwelle. Da auf meinen Ruf Niemand antwortete, so öffnete ich die Thüre und fand eine grosse Seeschildkröte, welche damit beschäftigt war, unter die Schwelle ein Nest zu graben. Ich wälzte sie auf den Rücken und wir schlachteten sie am andern Morgen.
Kamen wir von unsern nächtlichen Promenaden nach Hause, so war man so matt und müde, als hätten wir drei Tage lang nicht geschlafen. Der ganze Körper war auf einem solchen Marsche in fortwährender Bewegung, und man war gleichsam in einer Atmosphäre von Mosquittos, wo man immerwährend zu klopfen und zu wehren hatte. An Ruhen oder Sitzen war nicht zu denken, und wenn wir einen Augenblick ruhen wollten, so liefen wir gewöhnlich in die See und streckten bloss den Kopf aus dem Wasser. Kam nun der Morgen, so beeilte sich jeder, nach dem Frühstück die entbehrte Nachtruhe in der Hängematte nachzuholen. Wir konnten aber weder bei Nacht noch bei Tag ruhig schlafen; denn sobald es warm wurde, fand sich eine ganz besondere Art dreieckiger Fliegen oder Bremsen ein, die in den übrigen Kolonien nicht zu finden waren, und durch ihre Stiche die Schlafenden auf eine solche unbarmherzige Weise weckten, dass diese oft den Posten und sich vor Zorn in den Abgrund der Hölle wünschten.
Gegen das Ende des April kam unser Kommandant abermals, um die Lebensmittel fürs zweite Quartal, welche alle Tage erwartet wurden, in Empfang zu nehmen.
Fast zu gleicher Zeit kam aus Paramaribo ein Fischerboot mit vier Weissen, welche bei der Auction, wobei die vom Schiffe abgeholten Güter verkauft wurden, das Wrack um 100 fl. erstanden hatten. Sie kamen in Begleitung von vier Negern, mit deren Hülfe sie Alles abbrechen und nach der Stadt zum Verkauf bringen wollten. Sie hofften am Schiffsinventarium noch eine gute Beute zu machen, fanden sich aber in ihren Erwartungen getäuscht.
Vierzehn Tage waren sie unterwegs gewesen, hatten durch Sturm und Regen viel gelitten und kamen, von Allem entblösst, bei uns an.
Sie gingen nun mit Eifer ans Werk, untersuchten das Wrack und arbeiteten in den Zeiten der Ebbe, um Alles, was an Kupfer, Blei u. s. w. noch von einigem Werth war, auf den Posten zu bringen. Ihr Eifer erkaltete aber schon nach einigen Tagen; denn ausserdem, dass der Regen sie an ihrer Arbeit hinderte, sah man sie beinahe alle Tage betrunken und unter sich in Streit und Schlägereien gerathen.
Des Nachts liessen ihnen die Mosquittos keine Ruhe, ihre Neger waren abwechslungsweise krank; Bananen und Reis, was sie vom Kommandanten erhalten hatten, war bald genug aufgezehrt und unsere kargen Rationen mit diesen acht Menschen noch zu theilen, war nicht möglich. Der Lieutenant beschloss desshalb, von Armina, wohin das Boot zurückgekehrt war, noch einige Dutzend Boschen Bananen kommen zu lassen. Weil ich nun wünschte, den Strom, welchen ich noch nie befahren hatte, zu sehen, so ging ich mit meiner Corjaal, zwei Negern und einem Indianer, welchen ich auf eigene Kosten mitnahm, dahin ab. Vorher aber rieth mir der Kommandant, seiner Liebsten einige Dutzend Fläschchen Pomade und Riechwasser, welche er mit seinen Luchsaugen in meiner Kiste entdeckt hatte, als Geschenk mitzunehmen, obgleich sie weit über die Jahre hinaus war, in welchen diese Toilettmittel mit Erfolg angewendet werden.
Mit einem Segel auf meiner leichten Corjaal, fuhr ich am zweiten Mai mit gutem Winde ab und bald hatten wir die erste Inselgruppe, welche aus fünf mit Hochwald und niedrigem Gesträuch bewachsenen Inseln besteht, erreicht, und landeten am ersten Arowackendorf auf holländischer Seite, das Woman Contry (Weiberdorf) genannt wurde.
Das Oberhaupt war eine alte Frau, Saantje, welche mich, nachdem ich ihr eine Flasche Genever, den sie sehr liebte, gegeben hatte, mit Cosiri, Cassave und Ananassen beschenkte.
Auf der andern Seite des Stromes lag ein Caraibendorf, dessen Oberhaupt ebenfalls eine Frau war, welche Anna hiess.
Der Fluss, welcher oberhalb der ersten Insel sich auf die Hälfte seiner früheren Breite vermindert und bloss noch eine halbe Stunde breit ist, bildet beinahe ohne jede Krümmung eine acht Stunden lange Bucht, in welcher eine Menge Inseln liegen und deren südliches Ende sich wieder ganz in Wasser zu verlieren scheint.
Ein hoher Hügelzug ist aus der Ferne sichtbar; die beiderseitigen Ufer sind mit den schönsten Bäumen geziert, deren verschiedene Blüthen gegen das dunkle Grün der mannigfaltig geformten Blätter wunderschön abstechen. Besonders fällt die herrliche Caracalla, caraibische Knopojorogorli (Naranthea guianensis) mit ihren scharlachrothen, 1-2' langen, ährenförmigen Blüthen ins Auge. In gleicher Farbe glänzen die Blüthentrosse des Manibaumes (Symphonia coccinea), aus welchem die Indianer ein pechartiges Harz zu gewinnen wissen.
Auf beiden Seiten sieht man mehrere Indianerdörfer; der Boden, auf dem sie gebaut sind, ist meistens eine rothe, eisenhaltige Erde.
Wir übernachteten in einem dieser Dörfer, dessen Oberhaupt, Jan, sich längere Zeit in Cayenne aufgehalten hatte und desswegen gebildeter als die andern war.
Das immerwährende Klaffen der Hunde, denen ich fremd war und der Schall der Trommeln, durch welchen der böse Geist Jorka sollte verscheucht werden, liessen mich beinahe zu keinem Schlaf kommen. Man behauptet irgendwo, die südamerikanischen Hunde bellen nicht. Ich habe davon zur Genüge das Gegentheil erfahren; denn auf Buschneger- und Indianerdörfern sind die Hunde bei der Ankunft eines Fremden nicht zum Schweigen zu bringen. In der Frühe verliessen wir unser Nachtquartier und fuhren bis nach Kibido-County, einem Karaibendorfe, das auf der Südspitze einer langen Insel liegt. Hier kochten wir während eines heftigen Regens unser Mittagessen. Da die Fluth auf dem durch häufige Regengüsse angeschwollenen Strome nicht mehr wirkte, so miethete ich noch einen jungen Indianer.
Eine kleine Stunde weiter aufwärts liegt das letzte Caraibendorf. Hier trafen wir eine Menge Buschneger, die von Armina gekommen waren und nach Paramaribo gingen, und da ich ärgerliche Scenen befürchtete, so wollte ich ungeachtet der Bitten meiner Neger und Indianer hier nicht übernachten, wiewohl sie mich versicherten, dass in der Nähe kein Kamp mehr wäre und wir desshalb im freien Walde übernachten müssten. Da ich dergleichen Ausreden und Ausflüchte zu schätzen wusste, so liess ich mich nicht beschwatzen und sie fuhren mit Widerwillen weiter.
Das Ufer beider Seiten erhebt sich steil und bildet kleine Berge, welche sich ununterbrochen bis Armina hinziehen.
Der Abend brach an und das Geschrei der Papageyen, die meistens auf den Strominseln schlafen und, wenn es zuvor geregnet hat, ein wahrhaft höllisches Concert aufführen, war verstummt. Grosse Fledermäuse und Nachtschwalben umflatterten uns, und in der Dämmerung konnte man nur noch schwach die Umrisse einer kleinen Insel unterscheiden, auf welcher Hütten stehen sollten und der wir nun voll Hoffnung zusteuerten.
Wir erreichten bei Dunkel die Mündung der Siparawini, welche von Osten her in die Marowyne sich ergiesst und es kostete die angestrengtesten Kräfte von uns Allen, die reissende Strömung dieser Kreek zu überwinden und ihr südliches Ufer zu erreichen. Gerade vor dieser Mündung lag die kleine Insel, auf welcher wir zu schlafen gedachten; aber zu unserem grössten Verdruss fanden wir Alles unter Wasser stehend und bloss die Dächer ragten daraus hervor.
Jetzt war guter Rath theuer und ich bereute nun, nicht im letzten Dorfe geblieben zu seyn; denn eine Nacht, und wäre es auch die schönste, so enggepresst in einer kleinen Corjaal sitzen zu müssen, die bei der geringsten Bewegung rechts und links umzuschlagen droht, ist höchst mühsam und beschwerlich. Die Nacht war wirklich herrlich, der Himmel voll funkelnder Sterne und kein Lüftchen bewegte die Oberfläche des Wassers.
In dem dunkeln Wald sah man die grossen Leuchtkäfer, die sich im Innern des Landes aufhalten und in ihrem rothen und grünen Lichte wie Irrlichter herumschwärmen. Man hörte bloss das Gepfeife der Cicaden und zuweilen den melancholischen, einer Tonleiter ähnlichen Gesang einer Nachtschwalbe.
Die Neger sangen aus Verdruss, und der ältere Indianer, welcher in dieser Gegend nicht bekannt war und bei den Buschnegern unterwegs zu viel getrunken hatte, fluchte in allen Sprachen. Der jüngere war total betrunken und schlief.
Wegen der vielen Klippen, welche sich am Ufer des Stromes befinden, waren wir genöthigt, in der Mitte desselben zu fahren; auch hatten wir alle Hoffnung, noch unter Dach zu kommen, aufgegeben. Endlich hatte der Kleine seinen Rausch ausgeschlafen; er betrachtete die Ufer, zu deren Erkennung ein Paar Eulenaugen nöthig waren, und versicherte uns, dass nicht weit von hier auf der holländischen Seite ein paar Hütten oder Kampen sich befänden. Wir pagaiten munter darauf los und sahen bald durchs Gesträuch den Schein von Feuer blinken. Der Kleine blies, worauf wir sogleich durch geblasene Antwort erfuhren, dass zufälligerweise Indianer, welche nach Armina wollten, ihr Nachtquartier hier aufgeschlagen haben.
Bald erreichten wir die Hütten, nachdem wir vorher wohl hundert Schritte hatten durch den überschwemmten Wald fahren müssen. Ich war jetzt von Herzen froh, traktirte reichlich mit Schnaps, wofür der beste Platz einer Hängematte mir eingeräumt wurde.
So schliefen wir herrlich; mehrere aber wurden von Fledermäusen gebissen.
Des Morgens fuhren wir nun in Gesellschaft zusammen, immer das holländische Ufer entlang, und hatten wegen der reissenden Strömung eine langsame und beschwerliche Fahrt. Das Wetter war trübe. Gegen 10 Uhr erreichten wir die Ecke, welche der Strom dadurch bildet, dass sein südwestlicher Lauf plötzlich ein nordwestlicher wird.