Sechs Jahre in Surinam, oder Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Sechster Abschnitt. Abreise nach der Marowyne. Seekrankheit. Haferey. Posten Prinz Willem Frederik. Erste Beschäftigungen. Umgebung des Postens. Stranden der Catharina Jakoba. Raubsucht der Matrosen. Ueberfluss auf dem Posten. Interessante Soirée. Abholen der Güter von Bord. Brodtrunkenheit der Sold

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Die grosse Bucht, an welcher der Posten liegt, lag vor uns. Die zahllosen Klippen, Bänke und Inseln, welche dieselbe ausfüllen, waren alle überschwemmt und während die vielen Cascaden und Fälle in der Trockenzeit ein betäubendes Getöse verursachen, hörte man nun nichts, als das sachte Murmeln des mit reissender Schnelligkeit dahinströmenden Wassers.

Etwas unterhalb ist der Landungsplatz der für den Posten bestimmten Güter und ein breiter Weg führt in einer halben Stunde nach Armina. In der Trockenzeit, wenn die Klippen bloss liegen und Cascaden und Wasserfälle die Fahrt nach Armina hemmen, wird Alles hier ausgeladen und dann weiter gerollt oder getragen. Jetzt war selbst der Weg überschwemmt und wir fuhren bis zum Posten, den wir gegen Mittag erreichten.

Die Haushälterin empfing mich und meine Riechfläschchen sehr artig und ich fand bei ihr einen kleinen Laden eingerichtet, in dem gar manche Gegenstände zur Schau stunden, die man mir oder den Soldaten auf dem Posten abgeschwatzt hatte.

Von allen Soldaten, die übrigens an jedem Kommandanten, und wäre es unser Herrgott selbst, etwas auszusetzen haben, hörte ich klagen über den hier herrschenden Handelsgeist; die den Soldaten unnöthigsten Dinge und Leckereien, die allemal noch vom Strandsegen übrig waren, wurden auf Krämerweise angepriesen. So wurden getrocknete Zwetschgen und Aepfel für den Fall einer Krankheit für 2 fl. die Flasche den Soldaten angeschwatzt, die natürlich der Käufer in einer halben Stunde mit dem besten Appetit aufass. Ja man verkaufte selbst Nachtgeschirre, ein Luxusartikel, den mancher erst bei dieser Gelegenheit gebrauchen lernte.

Man muss sich freilich wundern über den Leichtsinn der Soldaten, die für solche unnöthige Bagatellen ihren Sold ausgeben, den der Kommandant jeden Monat für seine gelieferten Waaren einstrich, während mancher im Besitze eines Nachttopfes war, oder seinen Sold für holländische Leckereien oder kölnisches Wasser, das einige nur desswegen kauften, um es als S c h n a p s zu trinken, missen musste, und dabei beinahe keine Hosen hatte, um auf die Wache zu ziehen.

Das ganze Detachement stand freilich auf einer sehr niederen moralischen Bildungsstufe, und die Behandlungsweise des Kommandanten war nicht geeignet, dieselbe zu heben.

Arbeit, auf welche der frühere Kommandant, das Gegentheil vom jetzigen, so sehr gesehen hatte, wobei der Soldat Feldfrüchte aller Art im Ueberfluss baute, seinen Sold sparen und seine Kiste mit Kleider füllen konnte, war ganz aus der Mode gekommen; denn man konnte ja Alles bei dem Kommandanten oder der Haushälterin kaufen. War nun ein leichtsinniger Kerl dem Kommandanten seinen Sold von drei und vier Monaten voraus schuldig, so wollte man natürlich nicht mehr borgen. Gleichwohl befürchtete man unangenehme Raisonnements und schickte desswegen solche zur Gesundheit nach meinem Posten, wo sie zerlumpt ankamen und bei ihrer kärglichen Ration Noth gelitten haben würden, wenn ich ihnen nicht hätte Gelegenheit bieten können, sie für Rechnung von Mana (davon später) etwas verdienen zu lassen.

Wegen der grossen Menge Vampyrs war man genöthigt, die ganze Nacht Licht in der Kaserne brennen zu lassen. Die Kerzen hiezu, welche das Gouvernement zum Dienste der Wachen liefert, verkaufte man dem Detachement, das gemeinschaftlich diese Auslage bestritt, um von dem Ungeziefer nicht gebissen zu werden. Daher war es kein Wunder, dass ein kleiner Aufruhr ausbrach, der den Kommandanten nöthigte, vier der ärgsten zu Lande nach dem Posten Gouverneurslust abzuschicken, wo sie vom Flügelkommandanten bestraft wurden. Ich besuchte, da sich das Wetter etwas aufheiterte, den grossen Mamabum und fuhr des andern Tages um 9 Uhr mit einigen Boschen Bananen von Armina ab.

Mit reissender Schnelligkeit ging die Fahrt stromabwärts. Da das Wetter hell war, so sah ich im Süden die Gebirge, welche am Tapanahoni liegen und wie ein blauer Dunst über die Wälder hervorragten.

Nachts 9 Uhr kam ich, ganz durchnässt von heftigen Regengüssen, wieder auf meinem Posten an.

Den 6. Mai kam der Schooner mit den erwünschten Lebensmitteln und der Kommandant reiste, nachdem er diese in Empfang genommen hatte, wieder nach Armina zurück.

Die vier Eigenthümer des Wracks luden alles Eisen, Kupfer, Tauwerk u. s. w., was noch von einigem Werthe für sie war, auf den Schooner und fuhren mit demselben nach Paramaribo ab. Mir boten sie das entmastete Wrack zum Kaufe an und gleichsam zum Spass wurden wir um 8 fl. handelseinig.

Jetzt glaubte ich für einige Zeit Ruhe zu haben; denn die Lebensmittel waren für sechs Monate zugleich gekommen und das geleerte Wrack konnte meinen Kommandanten nicht mehr reizen, mich mit Extrabesuchen zu beehren. Wiewohl ich das Wrack eigentlich nur zum Spasse gekauft hatte, hoffte ich dennoch nach näherer Besichtigung Vortheil daraus zu ziehen.

Unter den Soldaten hatte ich einen alten Kupferschmied, der, obwohl ein Erztrunkenbold, durch sein Handwerk doch von grossem Nutzen für mich war.

Gleich beim ersten Besuche an Bord fanden wir das Steuerruder, von dem wir die metallenen Nägel und Ringe, sowie die grossen gegossenen Hacken abschlugen. Blei und Eisen wurde ebenfalls nicht verachtet und um letzteres zu bekommen, steckten wir das Vordertheil des Schiffes in Brand, wodurch wir mehrere Centner Nägel und Stäbe erhielten, welche zu Hause gereinigt wurden.

Täglich gingen wir zu Viere an Bord, arbeiteten während der Ebbe und fuhren nach Hause, wenn das Wasser wieder zu hoch stieg. Dabei bekam jeder der mir Helfenden 50 Cents und zwei Schnäpse für die Reise, und ich hatte alle Ursache, mit ihrem Eifer zufrieden zu seyn.

Schon längst hatte ich gehört, dass auf der französischen Seite eines benachbarten kleinen Flusses ein Etablissement und ein Nonnenkloster wären, auch gleich in der ersten Zeit meines Hierseyns der Aebtissin geschrieben und sie um die Erlaubniss gebeten, ihr meine Aufwartung machen zu dürfen. Kurze Zeit darauf bekam ich auch eine förmliche Einladung, von welcher ich Gebrauch gemacht hätte, wenn nicht die Menge von Waaren, welche ich zu beaufsichtigen hatte, und die immerwährenden Besuche vom Kommandanten mich davon abgehalten hätten. Da alle diese Schwierigkeiten beseitigt waren, miethete ich zwei Indianer und fuhr in meiner kleinen Corjaal, die ich mit einigen Fässchen Butter und anderen Kleinigkeiten zum Verkauf beladen hatte, dahin ab.

Das Wetter war still und trübe und wir waren mit anbrechendem Tage an der französischen Seite der Marowyne. Eine wohl drei Stunden lange Schlammbank, die bei Ebbe trocken wird, erstreckt sich bis an die Mündung des Amanabo, an dessen linkem Ufer zwei Stunden aufwärts das Etablissement sich befindet. Vom rechten Ufer dieses Flusses aus erstreckt sich ebenfalls eine Bank weit in die See und beide bilden auf diese Weise einen schmalen Canal, durch welchen nicht tief gehende Schiffe einlaufen können. Wir fuhren ganz nahe am Ufer, da man ungeachtet der Fluthzeit die Wirkung derselben beinahe nicht verspürte. An beiden Seiten bildet der Mangrove einen schützenden Wall gegen das Schlagen der Wellen und an seinen zahllosen Zweigen und Ausläufern findet man bei der Ebbe eine Menge der köstlichsten Austern. Aber man muss diesen Genuss durch die Stiche von Millionen Mosquittos theuer erkaufen.

Etwa eine halbe Stunde flusseinwärts fuhren wir unter einem überhängenden Baume durch, auf dem ein prächtiger Jaguar lag, den wir an seinem herabhängenden Schwanze leicht in die Corjaal hätten ziehen können. Ohne sich von der Stelle zu rühren, sah uns das schöne Thier aufmerksam an und wir störten es auch nicht weiter, weil ich kein Gewehr hatte und die Indianer bloss mit Fischpfeilen versehen waren. Erst nachdem wir uns etwa 50 Schritte entfernt hatten, verliess auch er seine Stelle. Endlich gegen 10 Uhr erblickten wir das Zuckerfeld des Klosters und kurz darauf stiegen wir nahe am Jungfernzwinger ans Land.

Die Aebtissin und mehrere Herren kamen mir entgegen, empfingen mich wie einen alten Bekannten und da man gerade am Essen sich befand, das ganz klösterlich excellent war, so liess ich es mir köstlich schmecken.

Ma chère mère, so titulirte man die Aebtissin, war trotz ihres Alters eine sehr lebhafte Dame, so dass ich anfangs Mühe hatte, ihre schnelle Sprache zu begreifen und gehörig zu beantworten. Sie war die Stifterin des Ordens des soeurs de St. Joseph de Cluny, einer Congregation, die aus Nonnen besteht, welche sich meist dem weiblichen Unterrichte widmen und theils in Frankreich selbst, theils in den französischen Besitzungen in Ost- und Westindien und in Afrika zu diesem Zwecke sich aufhalten. Dieses Etablissement hiess Mana und war früher von freien Negern bewohnt, die aber meist durch Verrath und Krankheit weggerafft wurden.

Das französische Ministerium hatte diejenigen Neger, welche nach Schliessung des Tractats wegen Abschaffung des Sklavenhandels noch aus Afrika in Cayenne eingeführt wurden, frei erklärt, um sie aber von der Sklavenbevölkerung zu trennen, nach dem abgelegenen Mana gebracht, wo sie der Leitung dieser Madame J a v o u h e y , Generaläbtissin, übergeben wurden. Ansehnliche Summen waren zu diesem Zweck bewilligt worden und das Etablissement Mana war gewissermaasen eine für sich selbst bestehende und von Cayenne beinahe unabhängige Colonie. Die Neger, etwa 600-700 Köpfe stark, bauten das Land und lieferten ihre Produkte, die in Erdfrüchten, als: Reis und Maniok bestanden, ins Magazin des Klosters ab, wo man sie ihnen theils mit Waaren, die sie nöthig hatten, theils mit Geld bezahlte. Ein grosser Theil der männlichen Bevölkerung fällte für Rechnung der Congregation Bau- und Möbelholz, das an den Ufern des Amanabo leicht und von vorzüglicher Güte zu bekommen war.

Ausser der schwarzen Bevölkerung befanden sich hier mehrere weisse Handwerker, ein Doctor, einige Intendanten, zwei Priester und etwa eilf Nonnen. Letztere mussten verschiedene Geschäfte verrichten; einige waren in der Kirche, andere im Hospital angestellt. Einige gaben den Kindern Unterricht, während andere im Garten, in der Bäckerei oder Zuckermühle die Aufsicht führten.

Das Kloster selbst hat bedeutende Aecker, die mit Zucker, Caffee, Bananen u. s. w. bepflanzt sind und von den Negern unter Aufsicht der Damen bearbeitet werden. Ein grosses Magazin, das mit Allem, was die Bevölkerung betraf, reichlich versehen ist, zieht so zu sagen Alles an sich, was die Neger verdienen und scheint der Congregation mehr abzuwerfen, als das ganze Etablissement dem französischen Ministerium. Die Nonnen sind meist bejahrte Damen und geborne Französinnen. Wiewohl sie in einer kirchlichen Uniform stecken, denken sie doch tolerant und ich zweifle, ob man etwaige Sünderinnen einmauern würde.

Ein Militär-Posten lag früher auf Mana, wurde aber eingezogen, weil Nonnen und Soldaten nicht gut harmoniren konnten.

Das Etablissement liegt am linken Ufer des Flusses auf einer sandigen Fläche, die bis an die Marowyne sich ausdehnt und grosse Sümpfe enthält, die selbst in den grossen Trockenzeiten schwer zu passiren sind. Die Häuser sind von Holz, und die Zwischenräume der Balken werden mit einem in Latten gespaltenen und sehr biegsamen Holze (bois golette) verflochten, sodann mit Lehm beworfen, auf welchen Kalk aufgetragen wird. Die Dächer sind wie in Surinam mit Schindeln bedeckt. So zweckmässig diese Bauart auch ist, so stehen doch die Häuser auf Mana den unsrigen an Zierlichkeit und Bequemlichkeit bei weitem nach. Ein grosser Hauptfehler, den man einem so gebildeten Volke gar nicht verzeihen kann, ist der Mangel an Abtritten. Man geht ganz ungenirt ins Freie, legt ab, was man nicht mehr tragen will, ob Leute in der Nähe sind oder nicht. Man denke sich nun die Verlegenheit eines Fremden, der in einer so ungraziösen Sitzung von einer Klosterfrau überrascht wird und doch aus Höflichkeit »bon jour ma soeur« sagen und mit der Hand die Mütze ziehen muss! Selbst in Cayenne herrscht dieser Mangel; doch hat man da eigene Kübel in der Küche, dem passendsten Orte, den man in einem so heissen Klima hiezu auswählen kann! Auch das Innere der Häuser ist sehr einfach und lässt sich mit dem der unsrigen nicht vergleichen. Die Küche ist überall excellent und da man isst, was der liebe Gott für die Flinte schickt und die lächerlichen Vorurtheile Surinams nicht kennt, so fehlt es beinahe nie an frischem Fleisch. Affenfricassées und Faulthiercarminaden werden von Jedem gegessen und sind wirklich excellente Speisen. Die Mahlzeiten werden um 10 und 4 Uhr gehalten; Wein und Brod darf dabei nicht fehlen.

So wie die gesammte Bevölkerung Surinams beinahe ausschliesslich von Bananen lebt und diese jeder andern Kost vorzieht, so ist hier das Mehl des Maniok, Qouak oder Tapioca genannt, das Hauptnahrungsmittel. Die Bereitung dieser nährenden und sehr zweckmässigen Speise, die viele Aehnlichkeit mit Sago hat, ist sehr einfach. Die Wurzel wird zerrieben und ausgepresst, die noch etwas feuchte Masse zerbröckelt und durch ein Menari oder Sieb auf eine kesselartig eingemauerte, heisse eiserne Platte gestreut, unter welcher Feuer unterhalten wird. Dieses Mehl wird nun einige Male umgerührt, um nicht festzubacken, und weggenommen, wenn es sich bräunt; dann wird anderes an seine Stelle gethan. Um den Qouak zu essen, wird er mit Fischbrühe oder andern Saucen befeuchtet, wodurch er wie das Cassavebrod anquillt.

Ein Schooner, der ebenfalls den Schwestern gehört, bringt die Erzeugnisse Manas monatlich nach Cayenne und holt dort alle anderen Lebensmittel und Bedürfnisse ins Magazin.

Die von mir mitgebrachten Sachen hatte ich gegen Hemde und Hosen, die wir alle sehr nöthig hatten, vertauscht.

Ein paar Backsteine und Ziegel, deren das Wrack noch 70,000 inne hatte, zeigte ich zur Probe der Aebtissin, in der Hoffnung sie werde mir das Wrack abkaufen. Hiezu schien sie auch nicht abgeneigt zu seyn; denn sie versprach mir, einen Sachkundigen zu schicken, der untersuchen solle, ob sich die Ziegel ausladen und transportiren liessen.

Abends 5 Uhr fuhr ich wieder ab. Das Wetter war trübe und kein Lüftchen kräuselte die Oberfläche des Flusses, dessen Mündung wir schon mit dem Dunkel erreichten. Der junge Indianer, den ich bei mir hatte, war eingeschlafen und sein Vater steuerte. Es war so finster, dass wir das Land nicht sahen, besonders auch, weil wir wegen der Bank weit von demselben entfernt bleiben mussten. Erst am Sandgrund, über den wir fuhren, erkannten wir, dass wir nahe an der Marowyne wären. Die Soldaten, welche mich zurückerwarteten, hatten als Leuchte für mich ein grosses Feuer unterhalten, das wie ein Stern über den breiten Strom schimmerte und uns die Richtung zeigte. Wir konnten desshalb nicht irren und langten wohlbehalten zu Hause an.

Gleich den andern Tag setzten wir unsere Arbeit am Wrack fort und glücklicherweise gelang es uns, die Poort (eine Art Thüre von 3' Breite und Höhe, wodurch man Holz und andere lange Stücke einladet und die, wenn das Schiff geladen ist, sorgfältig verschlossen und verstopft wird) zu öffnen und so mit der Corjaal ins Schiff selbst hineinfahren zu können.

Alles, was uns im Wege lag, wurde auf diesem Wege hinausgeschafft. Die Rudera von unzähligen Kisten und Erdäpfelkörben, nebst leeren Fässern bedeckten bald die umliegenden Sandbänke und wurden mit der Fluth in die Nähe unseres Postens gespült, wo sie uns zur Unterhaltung von Wachtfeuern dienten.

Wenige Tage nach meiner Zurückkunft von Mana kamen zwei Franzosen mit vier Negern an, um im Auftrag der Aebtissin das Wrack zu besehen. Wir fuhren zusammen dahin. Es war gerade sehr niedere Ebbe, daher die Zeit geschickt, den Schlamm im Schiff zu durchsuchen. Einer der Soldaten, der ein geschickter Taucher war, hatte ein schweres Fässchen entdeckt, das wir mit Mühe aus dem Schlamm hervorholten. Es war ein werthvoller Fund; denn es enthielt Nägel, die besonders auf Mana sehr gesucht waren. Unter dem ersten lag ein zweites, und nach und nach brachten wir deren 17 ans Tageslicht, von denen jedes 50 Pfund wog. Da wir nur einen kleinen Theil der gefundenen Fässchen mitnehmen konnten, so legten wir die übrigen auf den höchsten Theil des Wracks, die Cajütskappe, welche selbst bei einer Springfluth nicht ganz unter Wasser gesetzt wurde.

Mittags reisten die Franzosen wieder nach Mana zurück, nachdem sie mich versichert hatten, dass die Aebtissin mir das Wrack abkaufen werde. Diess war in der That auch für sie höchst vortheilhaft; denn bei eifriger Arbeit konnte man noch viele Bretter und Balken abbrechen und Steine und Kalk waren bei niederer Ebbe ganz leicht zu bekommen. Weil nun überdiess um diese Jahreszeit wenig Wind wehte, so war auch Alles leicht nach Mana zu transportiren. Alles dieses sah die Aebtissin eben so gut ein, als ich, und es währte desshalb auch keine zwei Tage, bis das Boot von Mana wieder zurückkam. Mit diesem kamen der Neffe der Aebtissin und der Intendant des Etablissements, um den Kauf mit mir abzuschliessen. Wir kamen dahin überein, dass ich um die Summe von 500 Frcs. das Wrack an die Congregation überliess, dass aber Alles, was ich bis jetzt abgeholt hatte, nicht im Kaufe eingeschlossen sey, sondern noch besonders bezahlt werden müsse. Einer der Herren, welche früher das Wrack untersucht hatten, blieb nun bei mir, um die Arbeiten der Neger und den Transport zu beaufsichtigen.

Ich hatte nun wieder mit einem verständigen Manne zu thun, der mir um so angenehmer war, als ich mich im Französischen tüchtig üben konnte. Hr. M., so hiess mein Gast, war ein Mann von 40 Jahren, sehr lebhaften Temperaments und kein Weinverächter. Er war verheirathet, seine Familie blieb aber auf Mana zurück. Es fand jetzt eine ununterbrochene Verbindung mit diesem Platze statt.

Einige Neger waren beständig damit beschäftigt, bei der Ebbe die Backsteine und Kalkfässer aus dem untern Raume aufs Verdeck zu bringen, während grössere Boote sie nach Mana brachten. Alles, was von Metall am Wrack war, wurde abgebrochen und sammt den noch brauchbaren Balken und Brettern mitgenommen.

Da man bloss periodisch arbeiten konnte, so hatten die Leute viel freie Zeit und ich fand an Hrn. M. einen angenehmen Gesellschafter. Leider aber wurde ihm seine Arbeit durch viele unangenehme Nachrichten aus Mana entleidet. Die Aebtissin, welcher die Arbeiten zu lange dauern mochten, machte ihm Vorwürfe darüber, und Zeichen von Misstrauen, die sie verschiedene Male gegeben hatte, erregten seinen Unwillen aufs Höchste. Er beschloss desshalb, selbst nach Mana zu gehen, um sich persönlich zu vertheidigen. Da ich weder Lieutenant noch Schooner zu erwarten hatte, so entschloss ich mich, ihn dahin zu begleiten, und wir fuhren den 20. Juni, an einem Sonntag, dahin ab.

Im Canot sass ausser ihm und mir noch ein Soldat meines Postens und ein Neger.

Ermüdet und von der Sonne verbrannt, kamen wir Abends nach 6 Uhr auf Mana an.

Die Aebtissin spazierte mit zwei Nonnen am Flusse auf und ab, und kam, als sie unser Boot bemerkte, an den Landungsplatz, um uns zu bewillkommen. Kaum aber hatte Hr. M. sie erblickt, als er, ohne ihren freundlichen Gruss zu erwidern, seinen Pagaal aus dem Canot nahm und ihr denselben vor die Füsse warf mit den Worten: Sehen sie nun selbst, ob etwas von dem Wracke Gestohlenes darin ist. Die Dame, dadurch höchst indignirt, fasste sich augenblicklich über diesen unerwarteten und brutalen Gegengruss und sagte: Wenn Sie, Hr. M., auch meinen Rang nicht achten, so wären Sie doch meinem Alter mehr Höflichkeit schuldig. So sprechend, grüsste sie mich freundlich, und setzte dann ihren Spaziergang fort.

Es that mir leid, Zeuge dieser Scene gewesen zu seyn, da ich eine traurige Figur dabei spielte. Später erfuhr ich, dass dergleichen Complimente auf Mana gar nichts Seltenes wären. M., der im Dienste der Aebtissin stand, verständigte sich am andern Morgen wieder mit ihr.

Während er nun seine Geschäfte besorgte und die Aebtissin in der Frühmesse war, ging ich ausserhalb des Dorfes in den Ländereien des Klosters umher. Man hatte hier früher Rockou oder Orlean (bixa orelana) bereitet und eine vierfache Allee dieser Bäume zog sich längs der Kartoffelfelder hin. Sie standen eben in voller Pracht da, mit Blüthen und Früchten bedeckt. Etwa 10' hoch, gleichen sie vollkommen den Aprikosenbäumen. Ihre purpurrothen, mit weichen Stacheln bedeckten Früchte und ihre grossen, weissen Blumen nehmen sich wunderschön aus.

Im französischen Guyana bestehen noch viele Rockou-Pflanzungen und da die Bereitung dieser Farbe einfach ist und wenige Maschinen und Manipulationen dabei nöthig sind, so wäre es auch für unsere Colonie ein Culturzweig, wobei kleinere Effecte besonders gut stehen würden.

Zucker und Caffee wird hier ebenfalls gepflanzt. Ersteres Produkt wird auf einer kleinen, durch Maulesel getriebenen Mühle gemahlen und aus dem Schaume Tafia (Zuckerbranntwein) destillirt.

Für die Caffeebäume scheint hier das rechte Land zu seyn, denn obwohl sie ganz ohne Schatten waren und bei weitem nicht so gut angepflanzt schienen, wie bei uns, brachen sie beinahe unter der Last ihrer Früchte. Der Reis ist, wiewohl nicht so schön weiss, wie der unsrige, viel billiger und von nahrhafterer Sorte.

Der Vormittag ging unter Besuchen und Einkäufen schnell vorbei und wir verliessen gegen Mittag Mana wieder.

Von M. hatte ich einen hübschen Affen zum Geschenke erhalten und die Aebtissin gab mir etwa zwanzig Ananas mit. Ueberdiess war die Corjaal mit allerlei Waaren, als Hemden, Wein, Seife u. s. w. beladen. Da wir auf Wind hofften, hatte ich meine Hängematte an einen kleinen Mast befestigt und so gerüstet fuhren wir ab. Es blieb aber die Luft zu unserem Leidwesen todtstille und die See war spiegelglatt. Durch Pagaien kamen wir jedoch bald an die Mündung der Marowyne. Das Wetter war trübe und schwarze Wolken hingen drohend im Osten. M. meinte, es wäre besser, mit der Ueberfahrt so lange zu warten, bis das Ungewitter vorüber sey; aber da diess lange zu dauern schien, so bestand ich auf alsbaldiger Abfahrt. Ein leichtes Windchen schien uns sehr zu Statten zu kommen; die Hängematte wurde desswegen gut befestigt und wir fuhren ab.

Rasch ging es vorwärts, während das Windchen bald zu einem Sturm anwuchs. Grosse Wellen erhoben sich und pfeilschnell flog die Corjaal über den Strom hin. Leider war aber der Mast zu schwach, um die Gewalt des Sturmes auszuhalten. Er brach und im Nu überschütteten uns die Wellen, so dass das leichte Fahrzeug sich umkehrte und wir mit allem Schwereren sanken.

Da ich nicht schwimmen konnte, so hatte ich den gewissen Tod vor Augen; denn an Rettung vom Posten aus war bei diesem stürmischen Wetter nicht zu denken. Statt aber, wie es sich in diesem kritischen Augenblick geziemt hätte, auf mein geistiges Wohl bedacht zu seyn, erinnerte ich mich meines zu Hause gelassenen Geldes, das etwa 200 fl. betragen mochte und ärgerte mich darüber, welche Freude meine Soldaten bezeugen würden, wenn sie meinen Tod vernähmen und sich in das Geld theilten. Solche Gedanken, in der Todesgefahr gehegt, waren ein Beweis dafür, dass ich noch nicht für den Himmel reif sey und glücklicherweise warf mich auch eine Welle wieder an die Corjaal, die, ihres Inhalts entledigt, wegen ihrer grossen Leichtigkeit nicht gesunken war. Ich klammerte mich daran fest und fand die Andern, welche sich bereits beim Sinken an ihr festgehalten hatten.

Wir wurden von den Wellen schrecklich hin- und hergeworfen; doch glückte es uns, die Corjaal umzukehren und über die Wölbung derselben hinüber zu liegen. Jetzt hatten wir das Aergste überstanden und ich dachte nun auch wieder an meine, von Mana mitgebrachten Waaren, von welchen der grösste Theil um uns herumschwamm. In dieser Inspektion wurde ich durch einen Schreckensruf M's. unterbrochen, der uns auf einen grossen Hai aufmerksam machte, welcher in einiger Entfernung die Ananas auffrass. Er hätte sehr leicht auch an uns kommen können, wurde aber zum Glück durch die immerwährende Bewegung unserer Füsse verscheucht. Auch M's. kleinem Hunde, der gleich uns herumschwamm und gerade einen Bissen für ihn ausgemacht hätte, widerfuhr kein Leid.

Wir hatten etwa eine halbe Stunde in dieser Lage zugebracht und waren durch die immerwährende Anstrengung, uns flott zu erhalten, todtmüde geworden, als wir das grosse Boot von Mana auf uns zukommen sahen. Es war eine Stunde nach uns von Mana abgefahren und gerade an der andern Seite angekommen, als der Wind unser leichtes Fahrzeug umgekehrt hatte. In Folge des schnellen Verschwindens unseres Segels ahnten die Neger unser Unglück. Bald sassen wir gerettet im Boote und auch der grösste Theil der noch herumschwimmenden Gegenstände wurde aufgefischt. Der erlittene Schaden war nicht sehr bedeutend und nur der Affe, welcher an die Corjaal angebunden war, ertrank.

Während unserer Ueberfahrt hatte mein Aufwärter einen enormen Pfannenkuchen von Schildkröteneiern auf das Feuer gethan, um uns bei unserer Ankunft sogleich regaliren zu können. Da man aber unsern Schiffbruch bemerkte, vergass man, die Pfanne vom Feuer zu nehmen und dieses Meisterstück verbrannte zu Kohlen.

Alle halfen mir nun beim Trocknen und da unser Schaden sonst nicht bedeutend war, so waren am Abend durch Wein und Genever wieder alle Gemüther in eine fröhliche Stimmung versetzt.

Kleine Streitigkeiten, welche Hr. M. theils wegen der Arbeiten am Wrack, theils wegen Familiensachen mit der Aebtissin hatte, wurden zwar stets wieder beigelegt, machten ihn aber gleichgültig gegen das ihm aufgetragene Geschäft.

Wenige Tage nach unserer gefährlichen Zurückreise von Mana hätte ich beinahe durch eigene Schuld mein Leben verlieren können. Es erstreckten sich nämlich vom Posten aus grosse, hohe Sandbänke tief in die See hinein. Diese sind vom Posten selbst durch ein etwa 150 Schritte breites, bei niederer Ebbe leicht zu durchwatendes Fahrwasser geschieden. Auf diesen Bänken fand man bei niederem Wasser in Menge eine essbare Muschel, die unterm Sand steckt und deren Daseyn man an zwei kleinen Löchern im Sande bemerkt. Auf diese Sandbänke ging ich eines Morgens bei sehr niederem Wasserstande, um Muscheln zu suchen. Ich fand deren eine solche Menge, dass ich, um sie mitnehmen zu können, meine Hosen auszog, diese unten zuband und dann damit anfüllte. Ganz in mein vortheilhaftes Geschäft vertieft, war ich beinahe eine Viertelstunde vom Posten entfernt, als ich die Fluth bemerkte, die in der Springzeit sehr schnell heraufkommt. Eilig lief ich nun mit meinen Muscheln dem Posten zu, aber das Wasser war schon zu angewachsen, um es durchwaten zu können. So befand ich mich denn in einer verzweifelten Lage auf der Bank, denn auf dem Posten war kein Boot und ich konnte nicht schwimmen. Das Wasser stieg immer höher und es ging mir auf der Bank bereits um die Hüften, als ein Indianer, der in der Nähe des Postens angelte, meine Noth bemerkte. Er rollte ein grosses angeschwemmtes Stück Holz ins Wasser und schwamm mit demselben auf mich zu. Es war die höchste Zeit, denn ich konnte weder vor-noch rückwärts. Ich legte meinen Muschelsack auf das Stück Holz, klammerte mich an dieses an und der Indianer schwamm mit der ganzen Ladung dem Posten zu. So war ich denn wieder um eine Erfahrung reicher. An einem schönen Sonntagsmorgen fuhr ich mit Hrn. M. nach der andern Seite der Marowyne, um auf ein an einer grossen Kreek, die wir die Seekuhkreek nannten, gelegenes Indianerdorf zu kommen. Diese Kreek, bloss eine Stunde von der See entfernt, hat an ihren Ufern hohes, bergiges Land, und soll, wie man mir sagte, in einem grossen Sumpfe ihren Ursprung nehmen.

Das Indianerdorf, etwa eine Viertelstunde von der Mündung der Kreek in die Marowyne gelegen, bestand bloss aus zwei Hütten und lag auf einem etwa 50' hohen Sandhügel, an dessen Fusse eine Quelle ihr reines, süsses Wasser mit dem faulen, trüben Kreekwasser vermischte. Eine ungemein üppige Vegetation ziert die Abhänge des Hügels; Maripa- und Cumu-Palmen mit grossen Heliconien wachsen an den Seiten, während in den feuchten Niederungen grosse Baumfarren und verschiedene Schlingpflanzen ein undurchdringliches Dickicht bilden. Die Ufer der Kreek sind an beiden Seiten mit einer stachlichten Papilionacee, hier Brandi Macca genannt, bewachsen, deren Blätter und junge Zweige sehr gerne von dem Manati gefressen werden. Diese Thiere halten sich desshalb sehr häufig in der Kreek auf, und werden manchmal von den Indianern harpunirt. Das Gesträuch selbst ist so dicht verworren und mit Dornen besetzt, dass beinahe keine Möglichkeit vorhanden ist, sich da durchzuhauen.

Wir fuhren in Begleitung eines Indianers, den wir vom Dorfe mitnahmen, weiter.

Nach einer etwa halbstündigen Fahrt theilte sich die Kreek in mehrere Arme, und weiter aufwärts in eine Menge kleinerer Kreeken, die manchmal kleine Inselchen bildeten, so dass es schwer war, in diesem Labyrinth sich zurecht zu finden.

Die ganze Umgegend hatte hier ein desolates Aeussere und schien sich jedem weitern Vordringen zu widersetzen. Die Seiten der Kreeken waren weit landeinwärts mit der obenerwähnten, stachlichten Papilionacee besetzt, aus denen eine Unzahl ganz mit Stacheln bedeckter Palmen hervorwuchs.

Nach einer etwa dreistündigen Fahrt weigerte sich der Indianer, weiter zu fahren, da, wie er sich ausdrückte, ein böser Geist hier haushalte. Wir kehrten desshalb zurück.

Bei der Mündung der Kreek fanden wir den Strom durch heftigen Wind aufgeregt, und nur unter mühsamem, unausgesetztem Pagaien erreichten wir die andere Seite.

Bei unserer Ankunft Abends 5 Uhr bemerkten wir durch das Fernrohr in der Nähe der Mündung des Amanabo ein Fahrzeug; wegen der grossen Entfernung waren nur die Spitzen der Masten sichtbar. Wir hielten es für das erwartete Boot, das nach der Messe Mana musste verlassen haben. Da M. seine Frau mit demselben erwartete, so zündeten wir Abends ein grosses Wachtfeuer an. Es kam aber nichts. Auch Montag Morgens war noch nichts zu sehen, und wir glaubten uns getäuscht zu haben. M. ging an seine Arbeit auf dem Wracke, nachdem wir zuvor verabredet hatten, dass, wenn je das Boot noch käme, ich die Flagge aufziehen wollte.

Gegen Mittag kamen etwa zwölf Indianer vom Nachbardorfe bei mir an und setzten sich wie gewöhnlich auf Stühle und Kisten, ohne ein Wort zu sprechen. Nachdem ich ihre Zungen erst durch einen Schnaps gelöst hatte, fragte mich einer im gleichgültigsten Tone, ob ich schon wisse, dass das Boot von Mana gestern Abend in Folge des Sturms umgeschlagen sey und alle Neger ertrunken wären? Wir waren, so ergänzte er seine Hiobspost, an der andern Seite mit dem Krabbenfang beschäftigt, und sahen das Boot aus dem Amanabo kommen, und ehe es die Mündung der Marowyne erreichte, umschlagen. Ja, ja, sie sind alle ersoffen, wiederholten die Uebrigen, um die Aussage ihres Kameraden zu bekräftigen.

Wie bestürzt ich bei dieser Nachricht war, kann man sich kaum denken; denn die acht Neger, welche gewöhnlich mit dem Boote kamen, waren brave Kerls und Familienväter, und es konnte dazu noch M's. Frau, welche er erwartete, dabei seyn. Ein hartes Stück Arbeit war nun, ihm diese Nachricht mitzutheilen und das Gejammer dieses leidenschaftlichen Mannes anzuhören. Ich zog eiligst die Flagge verkehrt auf, und kurze Zeit darauf kam M. an. Er zeigte sich, wie ich erwartet hatte, ganz trostlos, und wir brachten den Rest des Tages mit Seufzen und Stöhnen zu.

Noch ehe der Tag anbrach, verliess M. mit einigen Indianern den Posten, um nach Mana zurückzukehren und dort die fatale Nachricht bekannt zu machen, nachdem er mich noch dringend gebeten hatte, die Leichen dieser Unglücklichen zu begraben, wenn sie an den Strand getrieben würden. Ich versprach ihm dieses und ging, nachdem ich mein Frühstück getrunken hatte, wozu es mir nicht an Appetit fehlte, denn ein guter Schlaf hatte meine Traurigkeit sehr vermindert, und überdiess war mir die Sache zweifelhaft, mit zwei Indianern den Seestrand entlang. Wir waren wohl anderthalb Stunden fortgegangen, als wir in der Ferne eine Menge Aasgeyer um einen am Strande liegenden, schwarzen Körper versammelt sahen.

Bis jetzt hegte ich noch immer die Hoffnung, die Indianer hätten sich getäuscht; nun aber schien das Unglück sich gewiss ereignet zu haben, und nicht lüstern nach dem traurigen Anblick, schickte ich die Indianer voraus, während ich ihnen langsam folgte. Kaum waren sie bei dem todten Körper angekommen, so erhoben sie ein Freudengeschrei: Tamanoa, Tamanoa! denn wirklich war es die Leiche eines, wenigstens 8' langen Ameisenfressers (Tamanoa) (Myrmecophaga jubata), der beim Schwimmen über den breiten Strom seinen Tod gefunden hatte, und da angeschwemmt worden war. Die Indianer beraubten ihn seiner Krallen, während die Aasgeyer in der Nähe ruhig warteten, bis wir unsere Reise fortsetzten. Wir fanden auf dem weitern Wege ebenfalls nicht die geringste Spur, und kehrten Abends mit einigen geschossenen Vögeln nach Hause zurück.

Des andern Tages kamen die Indianer, welche M. nach Mana gebracht hatten, mit der frohen Nachricht zurück, dass das gesehene Fahrzeug die von Cayenne zurückkehrende Goelette des Klosters gewesen sey, und dass desshalb das Boot gar nicht von Mana abgegangen wäre. M. blieb aber auf Mana.

Nun war ich wieder bei meinen Soldaten und Indianern allein. Die Hauptbeschäftigung war, wie immer, Essen und Trinken, und die grösste Sorge, wie man sich vor den Mosquittos schützen könne. Des Morgens ging einer von uns den Seestrand entlang, um Schildkröteneier zum Frühstück zu holen. Bereits stand der Topf auf dem Feuer, und man bestimmte für den Mann eine Anzahl, die auch den Hungrigsten sättigen konnte. Man ass sie gekocht mit Salz, Citronensaft und spanischem Pfeffer zum Caffee, wozu meine Ziegen die Milch lieferten. Am Mittage paradirten auf der Tafel Fische, oder Schildkrötenfleisch, oder irgend ein Wild, das die Indianer brachten. Schildkrötenpfannenkuchen mit Caffee beschlossen den täglichen Küchenzettel. Ich hatte jedoch immer Leckereien von Mana, und auch noch vom Schiffe war das eine oder andere für magere Zeiten aufbewahrt. Nach der Mittagsmahlzeit legte sich jeder schlafen, um neue Kraft auf den Abend gegen die Anfälle der Mosquittos zu sammeln.

Ausser dieser Plage, die ohne Zweifel die grösste der Tropenländer ist, gibt es noch andere, die ebenfalls viel zu schaffen machen.

Von den Sandflöhen oder Siccas habe ich schon früher gesprochen. Auch hier fanden sie sich in grosser Menge; doch ist Reinlichkeit das beste Mittel gegen

sie [4].

Eine andere Plage, und eigentlich den Schmerzen nach die grösste, sind die Mosquittenwürmer. Sie sind vermuthlich Larven einer grossen Fliege. Ich hatte deren einmal fünf in meiner Haut. Man erkennt sie an kleinen, rothen Punkten, die sich auf der Haut zeigen, und besonders wenn das Insekt sich bewegt, an entsetzlichen Schmerzen. Allmählig wie das Thier wächst, wird die Geschwulst grösser; es zeigt sich eine kleine Oeffnung, durch welche das Thier Athem holt, das man nur durch starkes Zusammenpressen der Haut heraustreiben kann. Manchmal aber nisten sie sich an Stellen ein, wo man diess nicht thun kann, z. B. auf dem Kopfe, und erreichen dann wohl ¾" Länge und die Dicke einer starken Federspule. Durch stundenlanges Anrauchen mit Tabak bringt man sie ebenfalls heraus. Die Thiere werden am meisten von ihnen geplagt: Kühe, Ziegen, Rehe, Hunde, Tiger u. s. w. haben sie manchmal bei Dutzenden in der Haut sitzen, und junge Vögel, besonders Cassicus, die doch in langen, wohlverschlossenen Nestern sitzen, sterben manchmal an dieser Plage.

Während der Trockenzeit, wenn der Seewind wehte, waren wir von der grössten Plage, den Mosquittos, ein wenig befreit; dann aber galt es, sich vor den Fledermäusen in Acht zu nehmen. Beinahe jede Nacht wurde der eine oder andere gebissen, und manchmal so stark, als hätte man zur Ader gelassen. Sie wählen meistens die Zehen, nur selten die Finger oder das Gesicht. Die Wunden, welche sie machen, sind zwar klein, heilen aber langsam. Einer meiner Soldaten wurde acht Nächte hintereinander gebissen, und war durch den Blutverlust so geschwächt, dass er beinahe nicht mehr gehen konnte. Ich hatte ihm schon manchmal angerathen, Strümpfe aus alter Leinwand zusammenzuflicken und seine Füsse damit zu bedecken, aber aus Faulheit hatte er es stets unterlassen. Da ich ihm aber mit Arrest unter dem Flaggenstock drohte, wenn er wieder gebissen würde, so nähte er sich solche Strümpfe zusammen, und war von nun an nicht mehr von den Fledermäusen geplagt. Auf Plätzen, die von blutsaugenden Fledermäusen häufig besucht werden, ist es schwierig, Rindvieh, Pferde, Hühner u. s. w. zu halten. Die Thiere magern ab und gehen bald zu Grunde. Ich habe alle Hühner, die nicht im Hühnerhause schliefen, auf diese Weise verloren, während meine Enten und einige zahme Poweesen nie davon gebissen wurden. Es ist übrigens nicht blos e i n e Art, sondern verschiedene grosse und kleine beissen, sie thun aber diess blos zeitenweise.

Die kleinste, doch gefährlichste Plage waren die Schlangen, die man im Palmdach der Kaserne, in Kisten und Fässern, oder im Hühnerstalle fand. Meist waren es giftige, was um so mehr zu verwundern ist, da man sonst überall vielmehr unschädliche und nur selten eine giftige sieht.

Ich schoss auf dem Posten mit einem Pfeile eine Klapperschlange, die bei einer Länge von 5' armsdick war, 28 Junge im Leib, und eine Klapper mit 12 Ringen hatte.

Die Verbindung mit Mana war seit M's. Abreise nicht mehr so lebhaft; doch kam noch jede Woche ein Boot, um so viel als möglich vom Wrack abzuholen. Die Aebtissin hatte mich ersucht, Kalk, Steine und Ziegel durch die Soldaten ausladen und ans Land bringen zu lassen, wofür jedem per Tag 1 Franc bezahlt wurde. So hatten wir nun wieder vollauf Arbeit, und die Soldaten konnten sich Kleider und Weisszeug kaufen, obgleich sie von ihrem Solde, den der Kommandant für verkaufte Waaren einsteckte, keinen Cent bekamen.

Mit meinen rothen Nachbarn lebte ich in fortdauernder Freundschaft, und wir besuchten einander gegenseitig beinahe alle Tage. Eines Tages kam Thomas, der Piaiman oder Doctor, welcher als ein falscher, streitsüchtiger Mann bekannt war, und schon zwei Weiber ermordet hatte, zu mir. Auch wir bekamen Streit, wobei ich ihn von meinem Rechte dadurch überzeugte, dass ich ihn mit einer Maulschelle beehrte, und zur Thüre hinauswarf. Er ging wider Erwarten geduldig nach Hause, und ich mit drei Soldaten nach dem Wrack, um Ziegelsteine und dergleichen abzuholen.

Als ich Abends zurückkam, fand ich die Thüre meines Magazins aufgebrochen, und statt des Hängeschlosses mit einem alten Lappen zugebunden. Aus einer offenstehenden Kiste waren zwei Flaschen Genever genommen worden. Sogleich hielt ich Untersuchung in der Kaserne, und fand einen der zwei zurückgebliebenen Soldaten betrunken in seiner Hängematte liegen. Ohne weitere Untersuchung liess ich ihn unter den Flaggenstock tragen und schloss ihn in Ermanglung einer Arrestkammer an denselben an. Umsonst betheuerte er, als ihm am Abend die Mosquittos seinen Rausch vertrieben, seine Unschuld, denn ich war zu sehr vom Gegentheil überzeugt.

Am andern Morgen aber kam der Sohn des Oberhauptes zu mir, und erzählte, dass Thomas aus Rache über die ihm angethane Unbill mein Haus aufgebrochen, Genever gestohlen, und mir überdiess noch schreckliche Rache geschworen habe. Er habe sogar gedroht, mich mit Pfeilen todtschiessen zu wollen, wenn ich mich wieder im Dorfe sehen lasse.

Auf diese unerwartete Nachricht hin liess ich sogleich meinen Arrestanten los und vergütete ihm mit einem Schnapse, seine schlaflose Nacht. Ich nahm mir nun vor, die Sache nicht kalt werden zu lassen, sondern den Dieb trotz seiner Drohungen zu arretiren, um in Zukunft meinen Nachbarn Respect vor fremdem Eigenthum einzuflössen.

Um die Sache noch ernster und drohender zu machen, zogen wir, das Erstemal seit sechs Monaten, unsere Uniform an, und ich marschirte, nachdem wir den Bäcker als Besatzung zurückgelassen hatten, mit meinen vier Soldaten dem Dorfe zu. Unserem Anzug fehlte nichts, als Schuhe, sonst war unser Aufzug tadelfrei und rein militärisch. Wie erstaunt waren daher die Indianer ob unserer noch nie gesehenen Pracht, als sie uns durchs Dorf marschiren sahen.

Thomas, der Unrath witterte, griff sogleich nach Pfeil und Bogen und nahm den Abadu zur Hand. Während er von meinen vier Mann in seiner Hütte bewacht wurde, sprach ich mit dem Oberhaupte und drang auf Auslieferung des Diebes, der sich am Eigenthum des Gouvernements vergriffen hatte, und den ich, da eine solche Frevelthat eclatant bestraft werden müsse, nach Paramaribo senden wolle.

Das Oberhaupt bat mich, die Sache ruhen zu lassen, und versprach mir Vergütung des Gestohlenen; die übrigen Indianer nahmen sich gar nichts um die Sache an und der Piaiman kam endlich selbst, mich heulend um Verzeihung bittend; er ging auch geduldig mit mir und wurde zur Strafe eine halbe Stunde unter den Flaggenstock geschlossen, damit war die Sache abgemacht und wir tranken hierauf neue Freundschaft, die auch bis an seinen Tod im April 1844 währte. Meinen Genever bezahlte er mir mit zwei hübschen Pagaalen.

Schon früher hatte ich mit Hrn. M. abgemacht, gelegenheitlich das Leprosenetablissement des französischen Guyana's, welches nur etwa vier Stunden von Mana entfernt ist, zu besuchen. In der Mitte Augusts fuhr ich desshalb nach Mana und fand M. sogleich bereit, das Reischen mit mir zu unternehmen.

Wir verliessen gegen Mittag das Dorf in meinem kleinen Canot in Begleitung zweier Indianer. Eine kleine Viertelstunde von dem Dorfe entfernt fuhren wir am linken Ufer des Amanabo in die Accarouanykreek, an der das Etablissement liegt. Die hohen Ufer dieser Kreek, welche in grossen Krümmungen von Süden kommt, sind mit prächtigem Hochwalde geziert, worin die Neger von Mana grosse Cederstämme zu Brettern sägen.

Ausser der Leproserie ist sie aber nicht bewohnt. Ihr Ursprung scheint in einem grossen Moraste zu seyn, der ein wahres Chaos von Sumpfpflanzen, Palmen, riesenmässigen Arums bildet, und zwischen dem Amanabo und der Marowyne liegt. Wahrscheinlich entspringt in ihm auch die Seekuhkreek, und es liesse sich daher vielleicht mit wenigen Kosten ein Kanal bilden, durch welchen man aus der Marowyne in den Manabo gelangen könnte, ohne den manchmal so schwierigen Weg über die See machen zu müssen.

Ein durch den Wald gebahnter Weg, der eine grosse Krümmung der Kreek abschneidet, brachte uns in kurzer Zeit nach dem Etablissement, während die Indianer mit der Corjaal viel später ankamen.

Das Dorf der Unglücklichen liegt auf einem Hügel von etwa 80' Höhe, an dessen Fusse die Accarouanykreek eine grosse, hufeisenförmige Bucht bildet. Es besteht aus einigen Strassen, die sich winkelrecht durchschneiden, und durch welche Alleen von Mangos nach dem Abhang des Hügels hin sich ziehen. Diese Häuser sind wie die auf Mana gebaut; eine kleine Kapelle, welche durch eine geistliche Schwester bedient wird, steht am Rande des Berges. Man war gerade oben im Baue zweier Häuser begriffen, von welchen eines für den Director, das andere der Nonne bestimmt war. Einstweilen aber logirten beide friedlich zusammen in e i n e m Gebäude unten an der Kreek. Dieses enthielt drei Zimmer, wovon die Eckzimmer vom Director und der Nonne bewohnt, und allein durch das Speisezimmer (Salon) geschieden waren. Beide empfingen uns sehr freundlich, und die Schwester bedauerte nur, dass man uns aus Mangel an Fischen zum Abendessen keine Pimentade (Fischsuppe) vorsetzen könne. Inzwischen war unsere Corjaal angekommen, und M. präsentirte einen Kaiman, den die Indianer geschossen hatten, und der wegen seiner Grösse uns die Fische reichlich ersetzen konnte. Ma soeur verwunderte sich keineswegs über dieses seltsame Wildprät, sondern übergab den Kaiman dem Kochneger, der die besten Stücke davon abschnitt, und den Rest den Indianern zurückgab.

Bald wurde das Souper aufgetischt, und wir assen von dem Kaiman mit dem grössten Appetit. Der Wein, welcher hiebei nicht gespart wurde, machte gesprächig; und die Nonne machte die Honneurs der Tafel auf recht liebenswürdige Weise. Nach dem Essen präsentirte sie auf Anis gesetzten Tafia, den ich jedoch, weil ich nie dergleichen trank, nicht annahm.

Mein Gläschen war übrigens schon eingeschenkt, und die Nonne trank, indem sie sich darüber verwunderte, dass ich als Soldat nicht trinke, das meinige nebst dem ihrigen aus.

Nachts 11 Uhr verliessen wir L'Accarouany, und kamen um 3 Uhr Morgens auf Mana an.

Als ich des Nachmittags auf meinem Posten ankam, traf ich blos zwei Soldaten zu Hause an. Es waren Indianer aus Paramaribo zurückgekehrt, und ihre Ankunft wurde auf dem Dorfe durch eine Trinkparthie gefeiert, bei der sich wahrscheinlich ungeladen auch meine drei Jäger eingefunden hatten. Sie waren dabei nicht so bescheiden, als ich den Abend zuvor auf L'Accarounay, und kamen nicht sehr nüchtern, und mit einem Kruge des stinkenden Lebenswassers auf dem Posten an. Zwei davon fielen glücklicherweise in meine Hände, und mussten Quartier unter dem Flaggenstock nehmen; der dritte aber lief mit dem Kruge in den Awarrawald und drohte, den Verräther, der auf seinem Posten geblieben und pflichtgetreu mir diess erzählt hatte, todtzuschiessen. Der arme Mann, der die Tücke seines Kameraden im betrunkenen Zustand kannte, sprach kein Wort, sondern brachte die Nacht in meinem Hühnerstall zu, wo ihn die oben sitzenden Hühner über und über marmorirten. Des andern Morgens kam der Weggelaufene, welcher des Nachts die unter dem Flaggenstock Sitzenden mit seinem Kruge gelabt hatte, ganz nüchtern zu mir, und bat um Entschuldigung seines Fehltritts, sowie um seinen Schnaps, der ihm von rechtswegen gebühre, da solcher ein probates Mittel gegen jegliche Art von Katzenjammer wäre.

Einige Zeit nachher kam durch die Wanekreek eine Corjaal mit einem Weissen und vier Negern, die vom Forte New-Amsterdam gesandt waren, uns andere Häuser zu bauen.

Des erbärmlichen Zustandes unserer Wohnungen habe ich gleich Anfangs gedacht, und auf die vielen Klagen und Bitten unseres Kommandanten hatte sich endlich der Major des Genie oder Bauwesens erweichen lassen. Der Weisse war ein Kanonier und liess sich Zimmermann nennen, verstand aber so wenig von der Sache, wie drei seiner Untergebenen, während der vierte einmal Handlanger bei einem Häuserbau gewesen seyn mochte und die schwierige Sache leitete.

Man brach nun mein Haus zuerst ab, was eigentlich ein starker Wind hätte thun können, und errichtete aus Brettern eine temporäre Hütte, welche ohne Fussboden 20' lang und 8' breit war, und deren Gipfel ich in der Mitte mit dem Kopfe berühren konnte. Die ganze Baracke hatte kein einziges Fenster und war mit Brettern bedeckt, die mit einer Presailing (getheertem Segeltuche) überhangen waren. Den Tag über herrschte eine Backofenhitze darin, weil ausser der Thüre keine andere Oeffnung angebracht war. Man arbeitete nun auf die gewöhnliche langsame Weise und hieb die nöthigen Balken in der Umgegend. Die Zimmerneger fuhren beinahe jede Nacht in die Mitte des Stromes, um den Mosquittos zu entfliehen und Fische zu angeln. Manchmal brachten sie über 100 Pfund verschiedene Fische, von denen sich besonders einer durch seine Farbe auszeichnete. Er gehört zum Geschlechte der Welse, ist goldgelb, schuppenlos, und manchmal 50-60 Pfund schwer. Aus dem Kopfe kocht man gute Suppen, und die Schwimmblase, die bei grossen wohl ein Pfund und darüber schwer wird, gibt einen vortrefflichen Leim. Wir nennen diesen Fisch Geelbakker, die Franzosen heissen ihn Majoran.

Ein anderer, etwas kleinerer Fisch, ebenfalls ein Wels, ist grau und ungemein fett; er heisst bei den Arowacken Lau Lau, bei den Caraiben Pasisi. Das Geschlecht der Welse ist im Süss- und Salzwasser vorherrschend, und die Anzahl der Schuppenfische, wiewohl an Individuen reicher, ist an Gattungen ärmer.

Anfangs Oktober war mein Haus fertig, kunstreich zusammengeflickt aus den noch brauchbaren alten und einigen neuen Balken, die man in der Umgegend gehauen hatte. Es war kleiner als das frühere, mit Palissaden beschlagen und mit Pinablättern gedeckt. Auch hatte es einen Fussboden, und wurde von mir, nachdem es mit einigen Flaschen Genever eingeweiht war, sogleich bezogen. Man fing nun an der Kaserne an, deren Stützen man nur wegzuziehen brauchte, um sie über den Haufen zu werfen. Die Soldaten zogen indessen in meine Wohnung.

Wenige Tage nach unserem Einzug fühlte ich mich krank. Kolik, Schlaflosigkeit und Mangel an Appetit hielten mich mehrere Tage im Bett gefesselt, und weder meine, noch die von Mana geschickten Arzneien verbesserten meinen Zustand. Meine Krankheit ward auf allen Dörfern bekannt. So lag ich denn hoffnungslos auf meinem Lager, und Sterbegedanken, die mich sonst noch nicht viel beunruhigt halten, erfüllten meine Seele. Da besuchte mich etwa am achten Tage meines Uebelbefindens ein altes caraibisches Weib, und erkundigte sich genau nach allen Umständen meiner Krankheit. Sie versprach mir, am andern Morgen einen Trank zu bringen, der Kopf und Magen wieder ins rechte Geleis bringen sollte.

Der Trank, den sie mir auch wirklich brachte, war ein Decoctum aus einer Rinde, die einen bittern, aromatischen Geschmack hatte, und Aehnlichkeit mit der Samarubo hat. Die Caraiben nennen sie Sibiru; der Baum wächst im höhern Lande.

Kaum hatte ich diesen Trank, den sie mir in einer schmutzigen Calabasse brachte, im Leibe, als meine Leibschmerzen nachliessen und ich in einen, wohl fünf Stunden dauernden, erquickenden Schlaf fiel. Des Abends verschlang ich mit wahrem Heisshunger den köstlichen Blaff, den mein Aufwärter zubereitet hatte. Kurz gesagt, ich war vollkommen genesen und erlangte in wenigen Tagen meine Kräfte wieder.

Dass ich das alte Weib freigebig belohnte, versteht sich von selbst; nie ging sie an meiner Thüre vorüber, ohne dass ich ihr einen Labetrunk aus der Schnapsflasche gereicht hätte.

Anfangs October stellte sich der Kommandant und der Doctor wieder bei mir ein, um die Lebensmittel, welche man alle Tage erwartete, in Empfang zu nehmen.

Wir lebten auf die gewohnte Weise; der Kommandant sorgte für das Essen, dessen Zubereitung er meisterhaft verstand. Der Doctor und ich machten kleine Ausflüge nach den benachbarten Indianerdörfern, oder gingen auf die Jagd. Eines Morgens kamen zwei Indianer zu mir und erzählten, dass eine schöne Papa- oder Abgottschlange nicht weit vom Posten in einer Awarapalme verschlungen liege, und sich vielleicht lebendig fangen lassen würde.

Ich eilte schnell dahin und fand das wunderschöne Thier, das ruhig in den stachlichten Blättern verschlungen dalag, und seinen Kopf hart an den Stamm angeschmiegt hatte. Ihr Leib von der Dicke eines Mannsleibes, und ihre Länge mochte 10-14' betragen. Ich stand eine Weile unentschlossen da und liebäugelte mit der Schlange, die in träger Ruhe uns ganz gleichgültig begaffte. Da ich auf die Hülfe der Indianer nicht rechnen konnte, so war ich auf meine eigenen Kräfte angewiesen; aber der Wunsch, die schöne Schlange lebend zu bekommen, siegte über meine Bedenklichkeiten.

Ich holte nun vom Posten ein neues, ziemlich starkes Seil, woraus ich eine Schlinge machte. Aus der Schnur eines indianischen Bogens drehte ich eine kleinere und steckte den Kopf der Schlange ganz behutsam darein. Um den Stamm und den Leib befestigte ich die grosse Schlinge, welche mir ein Indianer, jedoch mit grossem Widerwillen hielt. Jetzt zogen wir, und ich fasste sogleich den Kopf, während der Leib sich langsam aus der Schlinge zog und sich mir um den Arm wickelte. Unterdessen lief ich mit der Schlange nach dem etwa 300 Schritte entfernten Posten, wo ein Guide mir das Thier vom Arm und der Hand abwickelte, um welche beide sie sich so fest geschlungen hatte, dass ich grosse Schmerzen empfand.

Ich warf sie nun in eine leere Weinkiste, wo sie einige Zeit betäubt lag. Jetzt erst fing sie an zu zischen und liess sieben Stunden lang einen Ton hören, der vollkommen dem Geräusche des aus einer Dampfmaschine strömenden Dampfes glich.

Ich liess eine passendere Kiste von Cedernholz für sie machen, in welcher man durch ein Gitter das Thier recht gut beobachten konnte, setzte die Kiste nun unter die Gallerie und war glücklich bei dem Gedanken, so wohlfeilen Kaufs in den Besitz eines so schönen Thieres gekommen zu seyn. Wie gross war daher mein Schrecken, als man mich in der ersten Nacht mit der Nachricht weckte, die Schlangenkiste wäre offen, und das Thier entflohen. Ein Soldat, der ohne Zweifel über mein Glück neidisch war, hatte die Kiste aufgemacht. Mein Jammer war gross! Aber ungeachtet alles Suchens mit Lichtern und Laternen in der Savanne und am Strand, fand man keine Spur von ihr. Auch als der Tag anbrach, und Kisten und Fässer weggerollt werden konnten, fand man keine Spur, bis man sie zufällig im Giebel des Hauses entdeckte, wo sie, in den Palmblättern verschlungen, ruhig dalag.

Bald darauf machte ich eine Reise nach Mana, wo ich gegen Mehl Seife und Wein für den Kommandanten eintauschte. Es war diess die letzte, denn am 29. Oktober kam der Schooner mit den Lebensmitteln und einem Korporal, der mich ablösen sollte. Man hatte mich zum Fourier gemacht, und ich musste desshalb in die Garnison zurück.

Schwerer, als von meinem Kommandanten, der mir wiederholt betheuerte, wie leid ihm meine Abreise thue, fiel mir der Abschied von meinen Indianern. Die Meisten derselben hatten sich am Ufer versammelt, und ich bekam noch von den Weibern eine Menge Wasserkrüge als Geschenk.

Bepackt mit meinen sieben Sachen, worunter eine Schlange, ein Kwatta und ein Eichhörnchen, bestieg ich den Schooner und verliess nicht ohne heimliche Thränen die mir so liebe Marowyne. Fest stand mein Vorsatz, nach Ablauf meiner Dienstzeit an ihren Ufern mich festzusetzen, um in reizender Abgeschiedenheit, ganz unabhängig in der freien Natur leben zu können.

Ich habe jetzt, indem ich die Blätter überlese, und manche wahre Bemerkung wegstrich, weil sie Anstoss hätte geben können, meinen Wunsch erreicht, aber nach wie vielen Mühen und Gefahren, Entbehrungen und Missgeschicken!