Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter: Zweites Bändchen

Sehr unerwartet.

So verliefen acht volle Wochen wie eben so viele Stunden. Ich war ganz heimisch in dem Kreise dieser lieben Menschen geworden, und so häuslich und ökonomisch; beinahe wußte ich nicht mehr, wie unsere Dollars und Banknoten aussahen. Alles ging hier wie spielend zu; dabei war eine Aufrichtigkeit, eine Herzlichkeit und Sympathie zwischen den siebzig bis achtzig Gliedern dieses kleinen Patriarchats zu bemerken, daß man leicht der Welt mit allen ihren Leiden und Freuden vergessen konnte. Und ich vergaß ihrer wirklich; ganze Stöße Zeitungen lagen ungelesen, und ich wurde jeden Tag mehr Hinterwäldler. Des Morgens schlüpfte ich in meine weißleinenen Pantalons und Jacke, warf einen Strohhut auf den Kopf, und folgte Monsieur Menou in seine Felder und Cottonpresse. Der Nachmittag verging im Durchsehen von Rechnungen oder Colonel Stones und Major Noahs[9] Seiten- und Querhieben, und den Abend schloß Tag für Tag ein Impromptu, Tanz, oder ein rasches, munteres Geplapper.

[9]: C o l o n e l S t o n e und M a j o r N o a h, die Eigenthümer der bekannten Zeitungen: der

Morgen-Courier und die commercielle Zeitung.

Eines Abends, wir setzten uns so eben zum Souper, machte uns Monsieur Menou den Vorschlag zu einer nächtlichen Hirschjagd. Ich war dessen ganz zufrieden, und er erließ sofort die nöthigen Weisungen. Die zwei Mexikaner baten gleichfalls, uns begleiten zu dürfen, als die Dame mit halbem Entsetzen dazwischenfuhr. Don Lop—! rief sie, hielt jedoch inne; das Wort schien ihr auf der Zunge zu ersterben. Ich bitte dich, fuhr sie in spanischer Sprache fort, nur diesmal nicht. Es war etwas so Weiches, Zartes in ihrem edlen, scheuen Wesen, das uns Alle für einen Augenblick hinriß. Ihr Mann bat sie, sich zu beruhigen, und versprach zu bleiben; es schien ihn jedoch Mühe zu kosten. Ich versicherte sie, es sei keine Gefahr. — »Keine Gefahr?« wiederholte sie in ihrer sonoren kastilianischen Sprache, »keine Gefahr? — Doch, Sie haben nirgends von Ihrem Vorhaben etwas verlauten lassen?« wandte sie sich an Menou. »Gewiß nicht,« erwiederte dieser. — Nun erst fiel es mir auf, daß die zwei Eheleute sich während ihres ganzen langen Hierseins auch nicht ein einziges Mal im Freien ergangen hatten. Mein Auge fiel wieder auf den jungen Mann; er hatte ausgezeichnet schöne Züge, eine bleiche, aber nicht ungesunde Gesichtsfarbe, und eine hohe Stirne. Die Augen waren besonders schön; es blitzte ein Feuer in diesen Augen, das wahrlich nicht bestimmt zu sein schien, hier am Red-River zu verglühen. Sein ganzes Wesen drückte, so viel er sich auch Mühe gab, es zu verbergen, etwas militairisch Gebietendes aus. Es war eben dieses gebietende Wesen, das mich bewogen hatte, den jungen Mann, der etwa dreißig sein mochte, ein wenig kalt zu behandeln. Wir erlauben nicht leicht, oder vielmehr nie, Fremden, sich in unserm Lande airs zu geben; die Ergebung jedoch in den leise ausgesprochenen Willen seines herrlichen Weibes hatte den übeln Eindruck einigermaßen verwischt. Ich achte den Mann, der sein Weib liebt.

»Und ist wirklich keine Gefahr?« fragte mich das Engelsköpfchen, die Donna nämlich. Ich versicherte sie, daß keine sei. Sie flüsterte ihm einige Worte zu, und er, ihre Hand küssend, bat nochmals, uns begleiten zu dürfen. Die zwei sonderbaren Leutchen hatten sich auch bei Tische beinahe ausschließlich nur mit einander beschäftigt, und es schien ihm gewissermaßen eine Anwandlung von Eifersucht aufzusteigen, wenn die Donna sich mit Julien oder Louisen länger unterhielt. Ihr Gefährte war eine unbedeutende Person, die mit einer Art abgöttischer Verehrung an dem Paare zu hängen schien. Sie hatten sechs Diener bei sich.

Wir erhoben uns etwas früher von der Tafel, warfen uns in unsere Wolldecken-Röcke, nahmen unsere Gewehre, und bestiegen die für uns bereit gehaltenen Pferde. Sechs Neger mit Pechpfannen und eine Koppel Hunde waren vorausgegangen. Die Glocke schlug zehn, als wir aufbrachen. Es war eine finstere, schwüle Nacht; der Donner rollte her von Süden, und verkündete den herannahenden Sturm, unsere tägliche Abendmusik in dieser Weltgegend; die Atmosphäre war in den ersten zehn Minuten unseres Rittes beinahe zum Ersticken gewesen; dann erhob sich jedoch ein säuselnder Luftzug in den Baumwipfeln; der Donner brüllte stärker vom mexikanischen Busen herauf, die ganze Atmosphäre schien sich wälzend zum gewaltigen Elementenkampfe zu rüsten. Dann und wann schoß ein zackigter Blitz aus dem schwarzen Firmamente heraus durch die Bäume hin, und der ganze Wald loderte für einige Sekunden in einer Zauberflamme auf. Wieder kam ein langer leuchtender Strahl, und näher und näher rollte der Donner, aber ein Donner, gegen welchen der des Nordens ein bloßer Paukenschlag ist. Selbst unsere Hunde fingen an zu winseln, und preßten sich so nahe an die Pferde, als sie nur konnten. Wir hatten ein dichtes Lorbeergebüsche betreten, und der Leithund war stehen geblieben und spitzte die Ohren. Sofort stiegen wir von den Pferden und traten an die Hunde heran; zwischen uns die Neger mit ihren Pechpfannen, und vor uns in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten vier leuchtende winzige Feuerballen, — es waren die Hirsche, die mit rollenden Augen das ungewohnte Schauspiel anstarrten. Wir legten an; der Creole und ich nahmen den ersten, die zwei Mexikaner den zweiten. Wir schossen auf ein gegebenes Losungswort, hörten ein rasselndes Niederschmettern, ein lautes Krachen, und gleich darauf ein Sacré! und Damn ye! und Diablo! und San Jago! Die sechs Pechpfannen waren zu und auf unsern Füßen; der Creole war zur Seite gesprungen, die Neger lagen vor Schreck auf dem Boden, und die beiden Dons neben ihnen.

Santa Vierge! rief Don Pablo; Maledito Gojo, Senor Don Lopez. Und sich aufraffend, stürzte er sich auf den jungen Mann: Maledito Gojo! Nuestro libertador Santa Anna! — »Callate!« rief ihm die heilige Anna zu.

Monsieur Menou hatte sich vorsichtig mit seinen Negern beim ersten Anschein von Gefahr zu Boden geworfen; der junge Mexikaner hingegen, weniger erfahren in diesem zuweilen gefährlichen Nacht-Zeitvertreibe, war stehen geblieben, und von dem aufgeschreckten Hirschen über den Haufen gerannt worden. Ich zog den heulenden Senor Pablo von seinem Gefährten, und untersuchte mit Menou, ob er Schaden gelitten. Sein Ueberrock war zerrissen, und aus beiden Schenkeln begann Blut zu fließen; sie waren durch die Geweihe des Hirsches aufgeschlitzt. Glücklicher Weise war die Wunde nicht tief; sonst dürfte ihn sein Fehlschuß theuer zu stehen gekommen sein. Wir hoben ihn auf den Rücken des Pferdes, und traten wieder den Heimweg an.

Es war Mitternacht, als wir mit dem todten Hirschen und dem verwundeten Don vor dem Gitter des Parkes anlangten. Eine weiße Gestalt im Fenster des Mexikaners verkündete, daß seine Gattin seiner noch warte. War es Vorgefühl oder gewöhnliche Weiberangst, sie kam die Stiegen herabgeflogen, und mit dem Ausrufe: Perdito! fiel sie beinahe ohnmächtig vor der Hausthüre nieder.

Um Gotteswillen! rief eine zweite weibliche Stimme, ein Unglück! Ist's Howard? — Es war Louise, die athemlos im Schrecken und im Nachtröckchen aus ihrem Zimmer stürzte.

Mein Gott, es ist nur der Mexikaner! Gott sei Dank! lispelte sie.

Dank, liebe Louise, für Ihre Unbarmherzigkeit; sie macht mich glücklich! Mit diesen Worten schloß ich das Mädchen in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.

Bösewicht! rief sie, ins Haus zurückeilend.

Ich folgte nun dem Zuge in die Zimmer des Mexikaners. Die bleiche Marmorgestalt seines Weibes hing über dem Verwundeten regungs-, bewußtlos. Es kostete Menou Mühe, sie von ihm zu bringen; doch der wohlthätige Creole war schnell. Wo er seine Chirurgie gelernt hat, weiß ich nicht; aber die Sicherheit, mit der er die Wunden ausschnitt, ausbrannte und auswusch, flößte wirklich Vertrauen ein. Sie waren nicht gefährlich, hätten es aber leicht bei der Hitze der Temperatur, der Thermometer schwankte zwischen 85 und 87, und dem Umstande, daß sie von Hirschgeweihen herrührten, werden können. Nach einer halben Stunde trat er vor die bewußtlose Donna Isabelle, und verkündete ihr im zuversichtlichsten Tone, daß ihr Mann in wenigen Tagen wieder hergestellt sein würde. Ich hatte während der Operation eines der Lichter gehalten und konnte nicht umhin, die schöne Gestalt anzuschauen. Als ihr nun Menou die tröstende Nachricht verkündete, richtete sie ihre Augen mit einem so wahrhaft katholischen Blicke zum Himmel, daß ich wahrlich den Heiligen beneidete, dem sie dankte. Als ich das Licht auf den Tisch stellte, fiel mein Auge auf ein herrliches Miniaturgemälde, das sie selbst vorstellte; daneben lagen Briefe an Don Senor Lopez S— A—, Mariscal di Campo; zwei oder drei hatten die Aufschrift: Lieutenant-General. Das war denn der berühmte Heerführer Mexiko's, der zweite Würdige unter dem Generalgesindel dieser sein wollenden Republik. Ich ging gedankenvoll meinem Schlafzimmer zu; allmälig drängte sich Louise aus dem Hintergrunde meiner Phantasie hervor; das liebliche Mädchen hatte denn gewacht, unruhig gewacht; auch sie hatte nicht schlafen können; auf das erste dunkle Gerücht von einem Unglücke hatte ihre beflügelte Furcht den Namen erpreßt, den sie im Herzen trug. Ich hatte während meines ganzen Hierseins gar nicht an Liebe gedacht; Alles war so geschäftig in diesem Hause, so rührig, so beweglich; man hatte gar nicht Zeit, auf sentimentale Gedanken zu kommen, — nun kamen sie aber doch. Es thut einem acht und zwanzigjährigen Hagestolz, der so viele Körbe bekommen hat, daß er damit einen mäßigen Handel treiben könnte, so wohl, sich im Herzen eines siebzehnjährigen Kindes gebettet zu wissen.

Sie konnte mich beim Frühstücke gar nicht ansehen; aber ich sah sie desto mehr an. Wo waren doch meine Augen? Julie war allerdings zu corpulent für meinen goût; doch Louise — sie ist ohne Widerrede ein ganz herrliches Mädchen; schlank, mit einer lieblichen Taille, nicht zu üppig, nicht zu bretern, Milch und Blut im Gesichtchen, aus dem Schalkheit, Wohlwollen und Häuslichkeit blicken, ganz vorzüglich schöne Hände, und ein Gestelle — kurz, ich wurde nachdenkend. Muß doch sehen, wie es zu Hause aussieht, dachte ich.

Wollen Sie mir gefälligst Ihren Wagen bis an den Fluß geben? fragte ich den Creolen.

Von Herzen gern. Eine bloße Spazierfahrt, wenn ich fragen darf?

Nein, ein wenig weiter. Ich will sehen, was die Meinigen thun.

Uns verlassen? schrie Louise, und etwas langsamer Julie und die Mama.

Wenn Sie erlauben, so will ich in kurzer Zeit wieder so frei sein, Sie zu besuchen; aber für heute muß ich gehen.

Die Rosen waren von den Wangen Louisens gewichen, sie wandte sich, und ich glaube, eine Thräne perlte ihr in den Augen.

Wir saßen eine Viertelstunde, ohne daß ein Wort über unsere Lippen gekommen wäre. Der Creole sprach endlich: Sie schienen doch recht vergnügt bei uns; hat sich etwas zugetragen?

Etwas für mich sehr Wichtiges; ich muß wirklich sogleich fort, war meine Antwort.

Louise war aus dem Saale geeilt; ich folgte ihr, und fand sie ihrem Zimmer zuschwankend.

Louise! rief ich. Sie weinte.

Ich verlasse Sie heute.

So habe ich gehört.

Um mein Haus zu bestellen.

Mein Bruder thut ja dieses ohnehin, lispelte sie; warum uns verlassen?

Weil ich so bald als möglich ein ganz liebliches Zimmerchen brauche für mich und meine Louise. Wollen Sie mir in dieses als mein geliebtes Weib folgen?

Sprechen Sie den Papa, lispelte sie, mit einem Freudenstrahle im lieblichen Gesichte, und dann ihren zitternd verschämten Blick auf den Boden heftend.

Nehmen Sie sie, lieber Howard, sprach der Papa, der uns auf dem Fuße gefolgt war. Sie werden ein treffliches Weib haben.

Louise sank mir in die Arme, und die nächste Stunde war ich auf dem Wege nach Hause.

So war ich denn nun verpfändet, und mein Hagestolzthum näherte sich dem Ende. Die Wahl war vernünftig, das fühlte ich; Louise ist eines der trefflichsten Mädchen: züchtig, klug, thätig, reizend und munter; unter ihren Händen gedeiht, wächst Alles; die Negerinnen behandelt sie wie Schwestern, die Männer wie Brüder. Alle diese Gründe jedoch waren mir erst nun klar geworden; noch gestern dachte ich des Mädchens so wenig wie des Großsultans; der Gedanke, sie zur Frau zu nehmen, war wie ein Lichtfunke durch mein Gehirn gefahren. Wird mich dieser Lichtfunke nie reuen? Ihre ersten Tage werden wahrlich keine Honigmonde in meiner Wildniß sein. — Es war Nachmittags vier Uhr, als ich anlangte. Beinahe wäre es mir wieder wie das letztemal gegangen; ich kannte meine Pflanzung nicht, wirklich nicht. Die ungeheuern vom Sturm entwurzelten Stämme, die, acht bis zehn Fuß im Durchmesser dick, vor meiner Wohnung chaotisch gelegen, waren verschwunden; mein Garten neuerdings, nur vergrößert, mit einer eleganten Umzäunung versehen; um die Vorderseite des Hauses hatte sich eine Veranda erhoben, an der zwei fremde Schwarze arbeiteten.

Ich stieg aus; der junge Menou kam mir zufrieden lächelnd entgegen. Ich schüttelte ihm die wackere Hand, und wies mit Verwunderung auf die Reformen. »Das sind Kleinigkeiten; aber ihre Cottonpresse kostet uns Arbeit; sie war ganz hin.«

Aus dieser tönte der Chorus von vierzig Stimmen im melancholischen Talla-i-hoe herüber.

Und wie haben sie diese Wunder alle ausführen können? fragte ich erstaunt.

Nun, Sie haben uns ja fünfzehn Leute gesandt, Vater lieh mir noch zehn der Unsrigen, und so konnten wir schon etwas Tüchtiges leisten.

Ich ging mit dankbewegtem Herzen durch die Geländer der Umzäunung der Veranda zu. Sie war im elegantesten Geschmacke errichtet; die Jalousien liefen acht Fuß hoch auf der Ost-, Süd- und Westseite des Hauses herum; die Nordseite war, wie gewöhnlich, frei geblieben. Der Saal war mit glänzend-blaßgelben Matten belegt; in der Einrichtung, meinte jedoch der junge Mann, hatte Papa nicht vorgreifen wollen; nur was zwei Zimmer betrifft, machten wir eine Ausnahme. Ich näherte mich voll Erwartens meinem Schlafzimmer. Prachtvoll! Ein allerliebstes Bette, und zwar ein doppeltes, als wenn sie die Katastrophe vorausgesehen hätten, mit allem Nöthigen versehen; ein fünfzehnjähriges schwarzes Mädchen arbeitete noch an den Moschetto-Vorhängen. Das ganze Haus war wie durch einen Zauberschlag umgewandelt. — »Und wer hat den Plan zur Einrichtung dieses Zimmers gegeben?«

Das Mädchen ist Louisens Kammerzöfchen, lachte Menou; sie wird wohl vom Geiste ihrer Gebieterin inspirirt sein.

Die alte Sibylle kam mittlerweile an der Spitze meiner Unterthanen, die frisch, munter und jubelnd einhertanzten. Es waren zehn Bursche und fünf Mädchen darunter, die ich noch nicht kannte. Der junge Menou führte sie mir nun als die Meinigen vor; sein Vater hatte sie für mich, der ich das Sklavenhandeln verabscheue, durch einen bewährten Freund einkaufen und hieher überschiffen lassen. Sie waren noch sammt und sonders, so wie die Mädchen, ledig.

Ich blickte Menou bedenklich an. Die Creolen erlauben ihren Negern gewisse Freiheiten, die unserm strengen sittlichen Gefühle schnurstracks entgegen sind. Jedes meiner Paare war verheirathet, und selbst in meiner tollen Wanderschaft hatte ich streng auf Zucht und Sitte gesehen. Der junge Mann beschwichtigte meine Zweifel; die Mädchen waren unterdessen in der ehemaligen Wohnung Mister Bleaks untergebracht, und die Bursche in zwei Häuserchen, die er bereits erbaut; acht andere waren im Baue begriffen. — So waren denn alle meine Wünsche erreicht, und ich stand im wohnlichsten Hause am Red-River. Ich segnete den Blitzesfunken.

Ah! sprach der junge Mann, es sind mehrere Briefe an Sie eingelaufen, die ich ganz im Drange der Geschäfte vergessen habe, Ihnen zu senden.

Ich erbrach sie. Es waren Briefe von Richards, der mich dringend bat, ihm sogleich das Vergnügen meines Besuches zu gewähren. In einem andern war er noch dringlicher, und schien ganz verwundert, daß ich so häuslich geworden; in einem dritten war mir angekündigt, daß die schöne Emilie als Mistreß Doughby zurückgekehrt, und als Postscriptum beigefügt, daß sie eine der Zierden Bostons, eine Cousine mit sich gebracht.

Kein Wort jedoch wegen der aufgekündigten achttausend Dollars; das ist doch wirklich sonderbar. Richards ist doch nicht so indifferent für zeitliche Güter, da seinen Groll zu verschmerzen, wo es seinen Beutel angreift. »Hier ist ein Punkt,« sprach ich zu dem jungen Manne, dem ich nicht gerne eine Blöße geben wollte, »der meine augenblickliche Rückkehr in Ihres Vaters Haus erheischt.«

Wirklich! rief der junge Creole verwundert aus.

Ja, augenblicklich; ich höre so eben ein Dampfschiff herauf kommen; ich will sogleich fort. — Er blickte mich verlegen an, Sibylle schüttelte den Kopf; aber es lag nun schon einmal in meiner ungeduldigen Natur: schnell oder gar nicht. Ich winkte mit dem Tuche; es war der nämliche Red-River, der mich vor acht Wochen nach Hause gebracht.

Mister Howard! rief der Capitain fröhlich, freut mich, Sie wieder auf meinem Verdecke zu sehen. Ihre Pflanzung sieht doch ganz prächtig seit acht Wochen aus; Sie sind ein wahrer Wundermann.

So halb und halb, versetzte ich bescheidentlich.

Es liegt in unserer amerikanischen Natur etwas gewisses rein Praktisches, das uns von allen Nationen der Welt auszeichnet, ein gewisser gerader, gesunder Menschenverstand, der durch allen Flitter hin auf das Reelle sieht, ein ehrenvoller, unabhängiger Geist, der nur dem Achtung zollt, der sie verdient. Der reichste Müßiggänger, der Hunderttausende in seinem Portefeuille mit sich führt, wird hier vergebens den Tribut erwarten, den ihm die Hälfte seines Reichthums in andern Ländern zu Wege bringt. Kalt und stolz geht die Mehrzahl an ihm vorüber, um dem minder Bemittelten, der seinem Kopfe und seinen Händen sein Emporkommen verdankt, achtungsvoll ihre ächt republikanische Huldigung zu zollen. Es ist dieser freie männliche Sinn, der in den letzten zehn Jahren die so gewaltige Staatsumwälzung zu Stande gebracht, das Joch unserer erbärmlichen Aristokratie abgeschüttelt, und unserer Freiheit eine gründliche Existenz gesichert hat. — Ich, der reisende, als reich geltende Pflanzer war kaum bisher beachtet gewesen; mein Aufseher galt mehr in den Augen meiner Mitbürger, als ich selbst. Die Metamorphose auf meinem Besitzthume hatte eine plötzliche Ideenrevolution hervorgebracht, und man drängte sich um mich herum und horchte jedem meiner Worte, als wäre ich einer unserer großen Reformatoren oder noch größeren Demagogen gewesen. Es that mir ein bischen wohl, das muß ich gestehen.

Auch diesmal langte ich Morgens bei der lieben Familie an; aber der Wagen war vergessen, und ich, der ich die Strecke in raschem Trabe zurückgelegt, dachte mir meines künftigen Schwiegerpapa's Residenz gute zehn Minuten vom Landungsplatze. Es dauerte eine gute Stunde, ehe ich vor dem Hause schweißtriefend zur Verwunderung Aller anlangte. »Und so schnell und so zeitlich zurück? Doch kein Unglück gehabt?«

Nein, erwiederte ich trocken; ich habe etwas vergessen.

Und was mag dieß sein?

Meine Louise! Ja gewiß, fuhr ich gerührt fort, ich fand bei meiner Ankunft meine wüste Einöde in ein so liebliches Paradies verwandelt, daß ich nicht umhin konnte, sogleich zurückzueilen, um mein liebes Mädchen zu bewegen, es mit mir zu theilen. Morgen, so Gott will, gehen wir nach New-Orleans, um bei dem alten Pater Antoine und unserm werthen Rector vorzusprechen.

Aber es ist noch gar nichts gerüstet, keine Ausstattung fertig, nichts in der Welt, fingen hier die Ma und Pa an; lieber Howard, sein Sie doch nicht närrisch.

Unsere Yankeeinnen, lachte ich, wenn sie sechs Hemden und ein und ein halbes Kleid haben, hüpfen ins Brautbette, ohne sich zu bedenken.

Wohl, laßt ihm seinen Willen, sprach Menou; wir wollen schon sorgen, daß er nicht zu kurz kommt.

Apropos, fragte ich, wie ist es doch mit den achttausend Dollars?

Ich habe Sie bloß auf die Probe stellen wollen, ob Sie auch Festigkeit haben, Ihr eigenes Glück zu wollen. Hätten Sie mir dieses verweigert, wahrlich, Louise sollte nicht die Ihrige geworden sein, und wenn Sie alle Pflanzungen am Missisippi gehabt hätten. Ich habe unterdessen das Geld vorgestreckt.

Der Mann wird mit jeder Minute achtbarer. Dieser Abend verging mir, einer der seligsten, die ich noch verlebte.

Am Morgen fuhren wir dem Dampfschiffe zu. Die Mama war zurückgeblieben; Julie, wie es sich von selbst versteht, war zur Brautjungfrau auserkohren. Gerne hätte ich als meinen Assistenten den jungen Menou gebeten; doch der war auf meiner Pflanzung vonnöthen. Wir begrüßten ihn im Vorbeifahren und fuhren dann weiter. Zum ersten Male blickte ich ohne bitteres Gefühl auf das prachtvolle Schauspiel, das die reichen Ufer des gewaltigen Missisippi darbieten; diese herrlichen Wohnsitze der Pracht, so üppig, so friedlich aus den deliciösen Hainen von Feigen-, Orangen- und Citronenbäumen hervorragend, den majestätischen Strom, der, mit Hunderten von Fahrzeugen bedeckt, den entferntesten Zonen unsere Produkte zuführt; die rastlose Thätigkeit von Tausenden, die so friedlich, so verträglich unter der göttlichen Freiheit Banner Glück und Segen sucht und findet. Ja, es ist ein erhebender Anblick, diese Palläste Hunderte von Meilen sich an einander reihen zu sehen, wenn man an die Zeit zurückdenkt, wo das ganze Thal ein endloser Sumpf gewesen. Und diese Zeit habe ich in meinen jungen Tagen gesehen.

Es war ein heiterer Morgen, der uns zwanzig Stunden nach unserer Abfahrt in die Hauptstadt unseres Staates brachte. Wir waren bei der Schwester Menou's abgestiegen. Ich eilte so eben zu dem wahrhaft ehrwürdigen Pater Antoine und dem nicht minder ehrwürdigen Rector, als ich an der Ecke der Kathedrale mich am Arme ergriffen fühlte.

So eben recht, Richards, sprach ich; willst du mich im Merchants-Coffeehouse erwarten? Ich bin in einer kleinen Viertelstunde dort.

Aber warum diese Eile?

Frage nicht und warte.

Wir schieden. Vater Antoine lächelte und der gute Rector auch, als ich sie zu Madame beschied. Ich eilte, um Richards abzuholen.

Weißt du, daß Clara schrecklich mit dir zanken wird; du magst dich nur zusammennehmen. Arthurine Macpherson ist ein ganz herrliches Geschöpf, und sie hält viel auf Clara.

Ja, weißt du, daß ich im Ernst gesonnen bin, mein Hagestolzthum aufzugeben?

Wohl, wir wollen sehen; wenn du dich gut aufführst, so — wollen wir dich ein zweites Mal —

Prellen, dachte ich. — Wir waren an der Thürschwelle angekommen. Mein alter Freund sah ein wenig betroffen darein, als er Louisen erblickte, und Vater Antoine und der Reverend ihre Glückwünsche begannen. Ich lächelte ein wenig boshaft, und in wenig Minuten war ich der glückliche Gatte Louisens.