Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter: Zweites Bändchen

Zweites Capitel. Wie Christophorus Bärenhäuter zur Meeting gegangen und geritten, und wie Jemima O' Dougherty vom großen Roß geworfen worden.

Zweites Capitel.

 

Wie Christophorus Bärenhäuter zur Meeting gegangen und geritten, und

wie Jemima O' Dougherty vom großen Roß geworfen worden.

Christophorus Bärenhäuter hatte sein ein und zwanzigstes Jahr noch nicht völlig zurückgelegt, als sein Honigmond mit der achtzehnjährigen Jemima begann, und zur Ehre Toffels sei es gesagt, er übernahm sich nicht bei der Feier desselben. In Saus und Braus zu leben, war ohnehin seine Art nicht, wie wohl bekannt; er hatte daher auch keine Anwandlung, Mistreß Bärenhäuter in die gute Gesellschaft zu Saratoga einzuführen, und bei dieser Gelegenheit die zwei blauen Strümpfe zu leeren. Nein, Toffel hatte fleißig auf seinem Hofe vor der Hochzeit gehaust, und er fuhr fort, dasselbe auch nach derselben zu thun; seine Aecker gingen ihm über Alles, und diese gehörig zu traktiren, verstand er so gründlich wie irgend einer; ja gründlicher, — Dank sei es der heilsamen Erziehung und den heilsameren Lehren und Ermahnungen und handgreiflichen Argumenten, die ihm alle Tage seines Lebens, und noch am Sterbebette von Zebediah Bärenhäuter waren beigebracht worden. Am ersten März sprach dieser mit zitternder Stimme: »Vergiß nicht, Toffel, auf deinen Zucker, und bohre nicht zu tief in die Ahornbäume; am ersten Mai soll dein Wälschkorn im Grunde, am ersten Juli dein Heu aufgeschobert, am ersten August muß dein Waizen und Roggen in der Scheune, dein Buchwaizen eingesäet sein. Nächstes Jahr, stotterte der arme Sterbende, gedenk an mich und heiße mich etwas, wenn die hessische Fliege nicht in's Getreide kommt. Du kennst das Recept; und gegen den Wurm im Herbst: Camphor und gran — — Hier verließ ihn seine Stimme; nochmals raffte er sich auf, und stieß ein abgebrochenes spirit — aether — heraus, dann schnappte er nach Athem; es erfolgte jedoch eine Pause, und zwar eine lange Pause — der werthe Zebediah Bärenhäuter hatte ausgeathmet. Toffel wischte sich eine Thräne vom Auge, und fing an, statt alles überflüssigen Trauerns, wozu er ohnehin keine Zeit gehabt hätte, die Lehren seines Vaters auf seine eigene Faust hin zu praktiziren, und da er sie oft genug gehört und angewandt gesehen, so gelang ihm dieses auch über alle Maßen, und er war, obgleich noch jung, ein tüchtiger Landwirth geworden, der nicht selten von alten Nachbarn um Rath gefragt wurde.

Was nun Mistreß Bärenhäuter betrifft, so war sie im Grunde kein unebnes Mädchen gewesen; sie konnte daher auch kein gerade schlechtes Weib sein; im Gegentheile. Immer hatte sie jedoch ein Item, und ein böses Item war dieses, eine Espece von irischer Teufelei, die sie nie ruhen ließ, bis der arme Toffel ihren Willen gethan, und, was schlimmer war, wenn der arme Toffel ihn gethan hatte, dann war es wieder nicht recht, daß er ihn gethan; mit einem Worte, daß er keinen eigenen Willen hatte. Es half nichts, wenn er sie anstarrte und zu brummen anfing, falls ihr irisches Züngelchen zu geläufig wurde; sie kehrte sich nicht im geringsten nach ihm, noch an seine weit- und breitschweifigen deutschen Epithete: Verflucht! Schwere Noth! Kreuzsapperment! Teufelsweib! — sie hatte in der That die H—n an. Nach seiner eigenen Weise lebte jedoch unser Paar so ziemlich glücklich; sie trank ihren Thee, er seinen Whisky und saure Milch; sie machte Butter und Käse, er Zäune, schor die Schafe, pflügte und säete, und zog Kälber und Füllen auf, und nach Verlauf von zwölf Monaten band er einen dritten blaugestrickten Strumpf, mit Silberdollars angefüllt, an beiden Enden zu. Ein junger Bärenhäuter hatte seine Aufwartung gleichfalls gemacht, ein glorreiches Specimen der teuto-hibernischen Brut; mit einem Worte, Toffel hatte, Alles zusammengenommen, immer Ursache, sich zu seinem rothen Kolben zu gratuliren. Er liebte sein Weib wahrhaftiglich, und nach seinen Rossen behauptete sie unbezweifelt den ersten Rang in seinem Herzen, seine Dollars erst den zweiten, oder, von seinen Rossen an gerechnet, den dritten.

So waren, wie gesagt, zwölf Monden verstrichen. Es trug sich nun nach Verlauf dieser Zeit zu, daß ein Missionair in die Niederlassung kam, in der löblichen Absicht, den guten Leuten einen nähern und gewissern Weg zur Himmelspforte zu zeigen, als der sein sollte, welchen sie bisher unter der Leitung des ehrwürdigen Caspar Ledermaul gewandelt waren, vorausgesetzt, sie würden ihre Ohren und, was nicht minder wichtig, ihre Hände nicht halsstarrig seinen eindringlichen Ermahnungen verschließen. Um seinem preiswürdigen Vorhaben den gehörigen Impuls zu geben, so hatte er eine Meeting[28] angekündigt, nachdem er sich zuvor bei der in solchen Angelegenheiten stimmführenden Partei, den Damen, Raths erholt hatte.

[28]: M e e t i n g , Versammlung, wird jede Zusammenkunft genannt, sie mag nun

politischer oder religiöser Natur sein.

Mistreß Bärenhäuter war natürlich zuerst um ihre Beistimmung und ihr Patronat ersucht worden, da sie ohne Widerrede als die Stimmführerin des Geschlechtes angesehen werden konnte. Als Erwiederung des schmeichelhaften Komplimentes hatte Madame beschlossen, daß der jüngere Bärenhäuter vom ehrwürdigen Kandidaten für die Predigerstelle, Gott weiß welcher Denomination, getauft, und daß der ältere seinen Stammhalter auf seinen Armen in die Versammlung transportiren sollte.

So weit wäre nun Alles recht gewesen, und wir haben keine Einwendungen gegen diese Arrangements zu machen, und auch Toffel hatte im Grunde keine; immerhin war jedoch seine Zustimmung nicht von der Art, wie sie der schlichte Deutsche sonst von sich gab. Es war, als ob ihm etwas ahnete, ein gewisses ängstliches Vorgefühl schien in ihm aufzudämmern, als er ihren Ausspruch hörte; er ging offenbar mißmuthig dem Stalle zu, um die Pferde, ihrem Befehle gemäß, zu satteln. Wem galt dieses Vorgefühl? Galt es der Mistreß Bärenhäuter oder seinem gewaltigen Grauschimmel? Eine wichtige Frage; zu wichtig für uns, und deshalb bloß billig, daß wir sie der Gründlichkeit seiner landsmännischen Philosophen überlassen, und zu ihm, unserm Toffel zurückkehren. Mistreß Bärenhäuter nun hatte so viele Vorliebe für den Grauschimmel gezeigt, eine so sonderbare Vorliebe, daß sie absolut kein anderes Pferd besteigen wollte. Freilich waren sie bloße Katzen, verglichen mit dem allgewaltigen Roß, kaum vierzehn Faust hoch; doch waren sie immerhin groß genug für sie, da sie ja selbst keine Riesin war. Die beiden Eheleute waren noch nie im Verlaufe ihres Ehejahres zusammen ausgeritten, und obwohl er jederzeit brummte, wenn sie darauf bestand, den Grauschimmel zu ihrem Besuche beim alten Davy zu haben, so hatte ihr bestimmt ausgesprochenes Wesen ihn nie zu einer Weigerung ermuthigt; dieser Tag jedoch war für ihn von großer Wichtigkeit; die ganze Nachbarschaft kam gewiß zusammen, und das im glänzenden Aufzuge. Toffel war allmälig auch ehrgeizig geworden, und aspirirte zu öffentlichen Aemtern. Man hatte ihm bereits das Wegmeisterthum anvertraut; er dachte nun an etwas Höheres, und sollte er nun auf einer seiner Mähren dahergetrabt kommen, er, der stets seinen Kopf so hoch getragen, wenn er auf seinem Hengste saß? Was wird die Welt von ihm denken? Ohnehin war es bereits umhergeflüstert, daß er ziemlich dem alten Davy in die Fußstapfen getreten sei, käme er nun — — nein, der Gedanke war unerträglich; er sah bereits das Hohnlächeln seiner Bekannten und Bekanntinnen, Freunde konnte er sie seit seiner Heirath kaum mehr nennen; er hörte ihr Wispern und Flüstern. Sein Weib kam gerade aus der Hausthür mit dem Jungen, als er die Pferde aus dem Stalle führte; er wagte es kaum, einen verstohlenen Blick auf sie zu werfen, und dieser verstohlene Blick belehrte ihn, so wenig er Physiognom war, daß nichts, gar nichts für ihn zu hoffen stand. Auf ihrer Stirne saß ganz und gar der unbeugsame irische Trotz, die unausstehliche Keckheit, die seinen Kredit bei seinen Nachbarn für immer zerstören, und ihm das fürchterliche Epithet des größten aller Pantoffelhelden auf ewige Zeiten zu eigen geben sollte. Mit Furcht und Zittern führte er die beiden Gäule dem Hause zu; seine schlimmsten Erwartungen sollten leider nur zu bald gerechtfertigt werden, als Mistreß Bärenhäuter ihm seinen Toffel hinhielt, dann auf den Klotz eines Hickorystammes sprang, mit der einen Hand den Zügel des Grauschimmels erfaßte, und mittelst der andern sich in den Sattel schwang. Da saß sie nun auf dem ungeheuern Thiere, das leibhafte Ebenbild eines schadenfrohen Pavians, der sich so eben anschickt, die Langmuth des geduldigen Dromedars auf eine harte Probe zu stellen. Toffel sah mit offenem Munde und starren Augen zu. Der Rücken dieses Thieres war sein Stolz, sein Thron, sein Alles gewesen, und daneben stand die Mähre, kaum vierzehn Fuß hoch. Er mochte eben so wohl zu Fuße gehen, als sie besteigen; seine langen Beine mußten unfehlbar daneben herschleifen. Toffel war ein geduldiger, herzensguter Junge, der gewaltig viel ertragen konnte; aber bei dieser Gelegenheit wurde ihm der Spaß doch zu rund, und seine praktische Philosophie wollte nicht mehr auslangen. Seine Augenbraunen zogen sich zusammen, und es hatte wirklich das Aussehen, als ob der feste Entschluß in ihm aufkeimte, nicht nachzugeben.

My hard! sprach er nach einem langen Kampfe, während sie das Roß wandte, ohne seinen Jammer auch nur eines Blickes zu würdigen. My hard! wiederholte er, I bray you, däke dat little orse, and let me rite my big one (My heart! I pray you take that little horse and let me ride my big one [29] ).

Toffel! erwiederte seine Ehehälfte im Tone äußersten Erstaunens über seine Verwegenheit, während eine Feuergluth die Wangen roth und das Näschen grün färbte: [30] Toffel, surely you aint such a fool, as to think of that just now!

Yes, erwiederte ihr nur zu geduldiger Ehemann, I am dat fool just now. I am a big body, and if I rite dat Irish heifer, I walk and rite all at once (I am fool just now, I am a big man and if I ride that Irisch heifer I may as well walk as ride [31] ).

[29]: Mein Schatz, ich bitte dich, den kleinen Gaul zu nehmen, und mich meinen großen

reiten zu lassen.

[30]: Toffel, sicherlich bist du nicht ein solcher Narr, auf dieß gerade jetzt zu denken!

[31]: Ich bin dieser Narr, ich bin groß, und wenn ich diese irische Katze reite, so reite und

gehe ich zugleich.

Seine Worte, sein Blick machten die Dame stutzen; es war Empörung gegen ihre oberherrliche Gewalt darin zu lesen, ihre ganze künftige Pantoffelgewalt hing von ihrem gegenwärtigen Entschlusse ab. So mochte sie sich einbilden, und in dieser Einbildung löste sich ihre Zunge; ihre Stimme stieg einen Ton höher, und sie überschüttete unsern armen Toffel mit einem solchen Schwalle irischer Lobreden, daß der arme Ehemann, seinen Hengst aufgebend, sich über Hals und Bein in die Stube retirirte. Nie in seinem Leben hatte der arme Junge sich so gedemüthigt gefühlt, als wie er sie, mit dem Ausdrucke der tiefsten Verachtung in ihren Zügen, dem Rosse einen Hieb geben sah, der die Reiterin in zwei Sätzen aus dem Hof und durch das Gatter brachte. Toffel starrte ihr einen Augenblick mit offenem Munde nach, und bestieg dann seufzend sein Kalb, seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen.

Und hier können wir nicht umhin, ein Wort zum Besten all der unter dem weiblichen Regimen stehenden Ehemänner um so mehr einzuschalten, als selbes gar nicht übel gemeint ist. Nein, wir sind weit entfernt, uns in eine häusliche, oder, was noch schlimmer ist, in eine öffentliche Angelegenheit einzumischen, maßen wir fest überzeugt sind, daß eine derlei Vermittlung es keiner Partei recht thun könnte. Hätte aber Toffel seine Mähre ganz ruhig in den Stall zurückgeführt, und Mistreß Bärenhäuter mit allgemeinem deutschen Phlegma bedeutet, sie könne allein zur Versammlung reiten, er aber und der junge Toffel würden zu Hause bleiben: wir wetten zehn gegen eines, die liebenswürdige Dame würde den Ehrenpunkt aufgegeben, und noch immer Mistreß — — Doch nein, es geht nimmermehr, wenn die Frau den Herrn spielt und den lieben Gemahl zur Zielscheibe des nachbarlichen Witzes zu machen sich nicht entblödet. Merkt euch das, meine schönen Leserinnen, besonders ihr, deren Näschen mit dem unserer Heldin in einer und derselben Constellation stehen.

Toffel hatte seine Mähre bestiegen, und folgte schweren Herzens, den jungen Toffel auf dem Arme. Und wahrlich, vom Reiten war gar keine Rede; seine Beine, wollte er sie nicht in rechte Winkel schließen und so beim ersten Seitensprunge seines Pferdes den Boden küssen, mußten sich gefallen lassen, auf der Erde mit fortzuwandeln; und der Weg war noch dazu so heillos schlüpfrig, da es die Nacht zuvor geregnet hatte. Fürwahr, seine Position war nicht beneidenswerth. Langmüthig wie er war, hatte ihn die letzte Discussion nichts weniger als in eine kirchengehende Laune versetzt, und er murmelte noch immer verschiedene Phrasen, als da sind: Kreuzschwere Noth! Sapperment! Verflucht! und würde wahrscheinlich noch länger in seinem Monolog fortgefahren sein, wenn er nicht in dieser trostreichen Unterhaltung durch einen lauten Hülferuf unterbrochen worden wäre, der von oben herab kam. Toffel sah sich um, schaute aufwärts, doch nichts war zu sehen noch zu hören, und doch war es die durchdringend gellende Stimme seines Weibes gewesen, das war gewiß. Wer konnte es sonst sein? Sie war hundert Schritte voraus galloppirt, und die Windungen des durch die Berge kreisenden Weges hatten sie seinen Blicken verborgen. Der Grauschimmel hat sie sicher abgeworfen, dachte der ehrliche Junge, und kaum war der Gedanke in ihm aufgestiegen, so kam auch das tolle Roß in gewaltigen Sätzen den Berg herabgalloppirt. Dem Armen wurde angst und bange; mit beiden Füßen warf er sich von der Mähre, sprang dem wilden Rosse entgegen, und dieses, seinen Meister erkennend, blieb geduldig stehen, bis er es des Sattels entledigt und sich mit seinem Sprößlinge auf dessen Rücken verpflanzt hatte.

Und nun trabte er aus Leibeskräften den Berg hinan zum Beistand seiner Ehehälfte, um die, nach solchem Treiben, ein Anderer keinen Schuß Pulver mehr gegeben hätte; Toffel war jedoch eine gute deutsche Haut, und so vergaß er denn alle so eben gethanen Eingriffe in seine angeborenen Souverainetätsrechte, über Hals und Kopf dem verhängnißvollen Orte zueilend, wo seine Ehehälfte ihre Lagerstätte aufgeschlagen haben mußte. Nochmals hörte er ihr gellendes Geschrei; aber es war nicht ihre gewöhnliche Stimme, es war mehr ein Angstgeschrei. Zum drittenmale ertönte dieser Angstschrei, und nun brach ihm der Angstschweiß auf der Stirne hervor, und er ritt auf Tod und Leben im schnellsten Galloppe die Anhöhe des ersten Bergrückens hinan, von woher die Stimme seines Weibes ertönt haben mußte; aber keine Spur von Mistreß Bärenhäuter. Er schaute links, er schaute rechts — noch immer nichts; er schaute auf die Erde, that dieses ein zweites Mal, und erblickte mit bangem Entsetzen neben der in Lehm abgedruckten Form seines Weibes Fußtritte. Er stieg beklommen vom Pferde. Es waren Menschen da gewesen, das war klar und augenscheinlich; aber was aus seinem Weibe geworden, das war schwer zu sagen; die Spuren verloren sich im Walde. Nochmals sah er auf diese Spuren, und entdeckte mit Schrecken den breiten Mocassintritt der Indianer; die Mocassins[32] waren deutlich im Lehm zu ersehen. Ein Blick gegen den Wald zu zeigte ihm etwas Grauschwarzes; es war eine Adlerfeder. Kein Zweifel blieb mehr übrig; seine unglückliche Jemmy war von den Indianern aufgehoben und entführt.

[32]: M o c a s s i n s , die sandalenartige Fußbekleidung der Indianer.

Toffel, sagt unser Dokument, liebte sein Weib aufrichtig, trotz ihres keifenden, schlimmen Temperamentes; doch alle diese Liebe vermochte nicht, ihn in Ohnmacht zu bringen, oder auch nur eine Thräne zu vergießen; nein, da er, obwohl ein Abkömmling des deutschen Zebediah Bärenhäuter, doch auch zugleich ein Amerikaner war, und glücklicherweise noch den Kirchgang in seinem Sinne hatte, so trabte er auf Leben und Tod auf die Versammlung zu, sprang so schnell als er nur konnte von seinem Hengste, trat unter seine im Meeting versammelten Nachbarn, und eröffnete ihnen ohne weiteres, wie die Indianer sein Weib auf dem Wege nach der Versammlung aufgehoben und mit sich fortgeführt hätten, und wie er sie wiederhaben müßte, koste es was es wolle, und wie sie mit ihm den Rothhäuten nachsetzen, und sie ihnen abjagen müßten, wenn sie getreue Nachbarn und freie Männer sein wollten; und da sie dieses auch in dem vollen Sinne des Wortes waren, so sah sich unser Toffel in wenigen Stunden an der Spitze von fünfzig Jungens, die ihre Stutzer in der einen Hand, in der andern die Zügel ihrer Gäule, den Raub der neuen Helena männiglich zu rächen sammt und sonders schwuren.

Während wir es nun unserm Toffel und seiner jagdlustigen Schar überlassen, den weibersüchtigen Rothhäuten nachzuspüren — eine Unterhaltung, im Vorbeigehen sei es gesagt, die in der damaligen Zeit gar nicht ungewöhnlich, obgleich nichts weniger als spaßhaft war — wollen wir den ritterlichern und respectablern Weg einschlagen, und zu unserer Dame vorwärts eilen, um bei ihren allfällsigen Nöthen zur Hand zu sein.

Jemmy nun, die starrköpfige Jemmy, war ein hundert Schritte vorausgetrabt, wie wir bereits erwähnt haben. Ein vernünftiges Weib nun würde dies nimmermehr gethan, sondern sich lieber an die Seite ihres Ehemannes gehalten haben, besonders eines so guten Ehemannes, wie Toffel unbezweifelt war, und in so kritischen Zeiten, wo die Wilden noch durch den ganzen heutigen Staat Ohio und bis zur Gränze Pensylvaniens an das Fort Pitt[33] heranschwärmten, maßen die Vereinigten Staaten zu eben der Zeit in einem blutigen Kriege mit ihnen verwickelt waren. Nein, Mistreß Bärenhäuter sollte bei Leibe nicht auf das Plateau allein galloppirt sein, und triumphirend auf ihren armen Toffel hinabgeschaut haben, sich hämisch in ihrem Herzen des Sieges erfreuend, den sie so eben über ihn errungen, dann würde sie nicht das Rauschen in den Blättern gehört, nicht die schwartigen, häßlichen Kupfergesichter gesehen haben, die sie und ihren Grauschimmel so sehr erschreckten, daß letzterer sich bäumte und sie nolens volens aus dem Steigbügel hob und warf. Zwar schrie sie wacker darauf los, aber es war zu spät; die Indianer hatten wahrscheinlich schon zu viel gesehen, um sich durch ihr Schreien die Lust benehmen zu lassen, sie als eine schöne Beute mit sich zu nehmen. Einer derselben hob sie vom Boden auf, während der andere ganz höflich sein Skalpirmesser in eine so gefährliche Nachbarschaft mit ihrem Schwanennacken brachte, das eine Zartfühlendere unfehlbar in Ohnmacht versetzt haben müßte, ihr so Stillschweigen andeutend. Ein dritter dieser Herren hatte einen Gaul vorgeführt, auf dessen Rücken sich ein vierter ohne Mühe schwang, und auf welchen auch sie ohne weitere Umstände von einem fünften gehoben wurde, der, ihre Hände fassend, sie mit dem Vorreiter verband. Zwar gab sie diesem einen sanften Rippenstoß, der ihn bei einem Haare aus dem Sattel gehoben hätte; aber ein vielsagender Wink mit dem Tomahawk machte sie ruhiger, als sie je gewesen. Mistreß Bärenhäuter war keine jener empfindsamen Seelen, die schrie, und jammerte, und winselte, und in Verzweiflung und Ohnmachten fiel; nein, sie war von stärkerem Stoffe gewebt. Als sie sah, daß kein Toffel kam, und jeder Widerstand nur vergeblich sein würde, ergab sie sich in ihr Schicksal, und als ihr Vorreiter das Zeichen zum Aufbruche gab, schlang sie ganz gemüthlich, um ein echt deutsches Wort zu gebrauchen, ihre Arme fester um seinen Rücken — sonst wäre sie ja herabgefallen.

[33]: F o r t P i t t, der frühere Name von Pittsburg.

Die ersten Stunden ihres Rittes war sie ziemlich beklommen, allmälig erlangte sie jedoch ihre frühere Zuversicht und selbst jene Unbeugsamkeit wieder, die sie in ihrem neunzehnjährigen Leben so sehr ausgezeichnet hatte. Zwar konnte sie sich nicht enthalten auszurufen: das große Roß! das große Roß! und dann schienen sich ihre Züge schmerzhaft zu gestalten; dieß war jedoch nur vorübergehend; immer faltete sich auf solche Gewissensregungen ihre Stirn düsterer, ihr Näschen krümmte sich, oder warf sich nach Umständen auch auf; ihre Fäuste ballten sich, und bald erschracken die Indianer vor ihr eben so sehr, wie vor ihnen ihr Eheherr Toffel. Sie glaubten nichts weniger, als daß sie vom Bösen besessen sei, und hatten wirklich eine Scheu vor ihr, die diesen Wilden recht sonderbar ließ. Besonders hatte sie ihrem Vorreiter eine Ehrfurcht eingeflößt, die seine Gefährten oft befürchten ließ, er sei verhext. Die Wahrheit zu gestehen, sie war ein hübsches Weibchen, und obwohl ihre Toilette durch die Tour vom obern Ohio zu den Quellen des Miami in einige Unordnung gerathen war, was sehr begreiflich ist, da die Straße von Pittsburg nach Columbus noch nicht fahrbar, und die Gesellschaft daher nicht mit der Post reisen konnte, es sich deshalb gefallen lassen mußte, incognito, nämlich durch Sümpfe, Wälder, Disteln und Dornen zu passiren, die alle einen Theil der Calico- und Seidengarderobe Jemmy's in Anspruch nahmen. Ungeachtet dieses kleinen Derangements konnte Mistreß Bärenhäuter nach ihrem Eintreffen in dem Miami-Hauptquartier noch immer mit Recht ihren Anspruch als Führerin des bon-ton unter den Schönen der Rothhäute geltend machen. Und wirklich, so trefflich hatte sie ihre Entführer zu menagiren gewußt, daß Tomahawk, ihr Oberhaupt, weit entfernt, skalpirende Gedanken zu hegen, sie geradezu unter den Schutz seiner Mutter als Ehrendame stellte. Diese Ehrendamenschaft nun dürfte allerdings nicht zu verachten gewesen sein, wenn der Sohn Ihrer Hoheit der Prinzessin Mutter, der sie als Palastdame beigegeben war, etwas zu beherrschen gehabt hätte, das der Mühe werth gewesen wäre, sage ein dreißig oder vierzig Millionen loyaler Unterthanen, oder wenigstens eine oder zwei; aber so war der Herrscher der Shawneese[34], der ältere Bruder Tomahawks, bloß eine kleine Espece von Souverain, und der Einfluß der Madame la mère erstreckte sich daher nur über einige hundert Geviertmeilen. Immerhin würde auch dieß nicht so uneben gewesen sein, denn es ist hinlänglich erwiesen, daß ein paarhundert Quadratmeilen, und selbst viel weniger noch, vollkommen ausreichen, einen Legitimen in vollkommenem Glanze zu erhalten, vorausgesetzt, daß die Leute so aufgeklärt und civilisirt seien, ihre Aecker für die Hoheit zu bearbeiten, und in loyaler Ergebung am Hungertuche zu nagen. Aber hier steckte nun der Haken: die Subjekte des indischen Herrschers waren uncivilisirte Wilde, die in ihrer Dummheit weder einen Begriff von dem göttlichen Rechte ihres Herrschers, noch ihrer Unterthanenpflichten hatten, das heißt: für ihn nicht arbeiten wollten, sagend, er könnte dieses selbst thun, maßen er Hände, wie sie selbst, vom großen Geiste dazu empfangen hätte, und daß er selbe rühren könnte, wenn er wollte, und es bleiben lassen — mit andern Worten: verhungern könnte, wenn er nicht wollte. Und, fügten diese unaufgeklärten Menschen hinzu, wenn er verhungerte, so könnten sie leicht einen andern Legitimaten vom Osten herüber haben, wo es ihrer erklecklich gäbe, so daß alle rothen Stämme leicht damit versorgt werden könnten.

[34]: S h a w n e e s e , Indianer, hatten ihren Sitz am großen Miami; gegenwärtig sind bloß

noch einige Familien daselbst, der Rest hat sich über den Missisippi zurückgezogen.

Bei einem solchen Raisonniren unraisonnabler Menschen sehen unsere geehrten Leser wohl ein, daß Mistreß Bärenhäuter, trotz ihrer ehrenvollen Anstellung bei Madame la mère nicht viel zum voraus hatte. Immerhin war es jedoch tröstlich für sie, daß die Prinzessin Mutter und ihr Herr Sohn sehr herablassend, ja huldreich gegen sie gestimmt, und, was mehr sagen will, so populär bei ihren Subjekten waren. Zwar gab es eine Aussicht, und das eine glänzende dazu: Tomahawk nämlich, ihr Entführer, war noch jung und unverehelicht, und für einen indianischen Häuptling gar nicht übel anzuschauen; aber dann war ja sie verheirathet, und selbst wenn sie es nicht gewesen wäre, wie konnte sie sich es einfallen lassen, sich so hoch zu versteigen? Zwar hatte sie ein Beispiel an einem noch Höhergeborenen, der sich zu einer schlichten Republikanerin herabgelassen, und noch dazu den Korb erhalten hatte; aber das war in Baltimore, und hier war sie mitten unter den Wilden. Jammern und Wehklagen aber, das sah sie wohl ein, würden das Uebel nur ärger gemacht, und wahrscheinlich irgend einen zartfühlenden Wilden bewogen haben, ihr mitleidig das Messer in die Brust zu stoßen, und dieß wollte sie doch auch nicht. Trotz und Unbeugsamkeit ließen sich noch weniger in Anwendung bringen; die Wilden waren keine Toffel. Zudem lag in ihrer Situation etwas so Besonderes, ihre irischen Nerven so lebhaft Kitzelndes, das nicht fehlen konnte, ihre Lebensgeister aufzuregen und anzuspornen, und so ihre Gedanken von ihrer unangenehmen Lage ab-, und auf Verbesserung derselben zuzulenken; nicht, als ob sie sich tiefen Meditationen überlassen und zur Philosophin geworden wäre, die, von Prinzipien ausgehend, a priori sich über ihr Mißgeschick getröstet hätte; nein, es war natürlicher Trieb der Selbsterhaltung, der sie zwang, sich in ihre Lage zu finden, und bald fand sie sich ganz gut darein. Sie hatte ein treffliches Mittel, das beste in einem ähnlichen Falle, nämlich Beschäftigung. Glücklicherweise war sie an diese gewohnt, da ihr Toffel wenig Zeit gelassen hatte, Romane zu lesen, oder die quarterlies zu studiren, und sie wartete nur auf Gelegenheit, ihre Regsamkeit an den Tag zu legen. Diese blieb natürlich nicht lange aus, und bald hatte ihr offenes Köpfchen es heraus, sich nicht nur mit Grazie die lange Weile vom Halse zu schaffen, sondern sich auch den Unterthanen des indianischen Herrschers wichtig zu machen. Besagte Unterthanen waren nämlich, gleich so manchen andern Unterthanen, jämmerlich unwissend, so unwissend, daß unsere Mistreß Bärenhäuter etwas choquirt darüber war. Aber es kam nun darauf an, aus dieser Unwissenheit Vortheil zu ziehen, und sie säumte nicht die Gelegenheit zu ergreifen. Mit einer Miene, in der ein Zug von Spott und Keckheit, so wie natürlicher Ueberlegenheit nicht zu verkennen war, ergriff sie den nächsten Morgen nach ihrer Ankunft den mit Wildpret gefüllten Kessel, und bereitete ungeheißen und ohne alle andern Beistand das Mahl selbst. Die Indianer kreuzten ihre Schenkel um den Kessel. »Whoo! rief der Häuptling, was haben wir da?« Sein Lebelang hatte er kein so köstliches déjeûner à la fourchette, würden wir sagen, gegessen, wären Gabeln vorhanden gewesen. Die Mutter deutete schweigend auf die Ehrendame, die zur Belohnung eine Rippe erhielt; Jemmy sah so stolz darein, als ob sie auf dem großen Rosse gesessen wäre. Nicht lange, so brachen die Wilden zu einem neuen Kriegszug auf; in vierzehn Tagen waren sie wieder zurück, mit aller möglichen Beute beladen: Weiberröcken und Röckchen, Spencers, Hüten und Hauben, Schnürbrüsten und Leibchen. Dem Bruder des Häuptlings, unserm Tomahawk, war eine ganze Familiengarderobe als sein Antheil anheimgefallen; den Morgen nach seiner Rückkehr erschien er in einer Robe von linsey woolsey rother Farbe, mit grünseidenem Hute, und darüber ein Häubchen einer Wöchnerin; der Häuptling selbst, etwas kleinerer Gestalt, in einem Röckchen à l'enfant, mit pappelgrünem Spencer und einem Capuchon aus Louis-Quinze Zeiten. Jemmy hatte kaum ihre Augen auf ihre metamorphosirten Gebieter geworfen, als sie den Squaws winkte, ihr in den Wald zu folgen. Sie war noch nicht weit gegangen, als sie einen Ueberfluß wilder Hanfstauden fand, mit denen sie ihre Gefährtinnen belud und nach Hause zurückkehrte. Die Weiber mußten nun Hanf brechen; dann wurden sie im Spinnen unterrichtet, und in wenigen Wochen waren die Weiberröcke in Jagdröcke verwandelt, verziert mit Calico-und Seidenbändern. Ein paar Wochen später brachen die Männer neuerdings zu einem Zuge auf, auf welchem der ältere Bruder getödtet, und Tomahawk verwundet wurde. Jemmy legte, gleich andern loyalen Unterthanen, Trauer an, verband die Wunden des Uebergebliebenen, und als der junge Häuptling hergestellt war, präsentirte sie ihm einen neuen Anzug, den sie während seines Krankenlagers für ihn verfertigt hatte. Sie that dieses mit so vieler Grazie, meinte der Indianer, daß er von selbiger Stunde ihr Verehrer und getreuer Paladin ward. Als er sich den nächsten Morgen angekleidet, versichert unser Dokument, fühlte er sich so angenehm überrascht, daß er zum erstenmale jene ihm zur Gewohnheit gewordene Ehrfurcht auf die Seite setzte, die ihn bisher abgehalten hatte, sich Mistreß Bärenhäuter etwas deutlicher zu erklären. Er machte ihr seine Aufwartung. Die ganze Residenz war in Aufruhr; die rothen Damen waren in Verzweiflung. Ein solcher Staat, das ahnten sie wohl, war nicht ihrerwegen producirt; es galt der stolzen Amerikanerin, die natürlich solchem Glanze nicht widerstehen konnte. Und wirklich, weder London, noch Paris, noch Newyork konnten sich je rühmen, eine solche Verschwendung von Herrlichkeiten in einer Person geschaut zu haben, als Tomahawk seiner Getreuen an diesem Tage vor Augen zu legen geruhte. Aber er war auch volle drei Stunden gesessen, seine Schenkel kreuzweis in einander geflochten, seinen Taschenspiegel in der linken Hand, und mit freudeblitzenden Augen seine unwiderstehlichen Reize betrachtend. Drei breite Silberspangen umzirkelten kunstvoll seine Nase, von der noch obendrein ein spanischer Dollar herabhing; zwei andere hingen in jedem Ohrläppchen, mit einem sechsten war pfiffiglich die Unterlippe verziert; sein Haar strotzte von zahllosen gefärbten Stachelschweinfedern, und vom Scheitelbüschel flatterten drei Buffaloeschwänze; ein Halsband von nicht weniger als fünfzig Alligatorszähnen umwand seinen Nacken, eine Trophäe, die er von den Chikasaws erbeutet, und darüber war ein kleinerer von ungemein großen Glasperlen mit Chinabeeren sichtbar. Die unteren Theile seines Körpers waren eben so wenig vergessen: seine Schenkel waren bis zu den Knöcheln mit runden Stücken von Erz und Blech und Schellen ausstaffirt, die bei jedem Schritte eine gewaltige Musik machten. Seine übrige Toilette bestand in einem englischen dreieckigten Hute, einer amerikanischen Soldatenjacke, roth aufgeschlagen, und dem oberwähnten Calico-Jagdhemde. Als er, im Gefühle seiner Vollkommenheiten, sich der Residenz seiner Mutter näherte, hob er seine Füße hoch und tanzte zweimal im Kreise herum, um seine Ohren an der selbstgeschaffenen Musik zu laben; nochmals übersah er, vor der Thür angelangt, im Taschenspiegel seine Person von Kopf zu den Füßen, und dann trat er ein.

Wir sind leider ganz im Dunkeln über den Erfolg so vieler Kraftanstrengungen; nur so viel ist notorisch geworden, daß der hohe Bewerber die Residenz seiner Mama weit weniger zufrieden mit sich selbst verließ, als er dieses bei seinem Eintritte gewesen. Unsere Autorität fügt bei dieser Gelegenheit hinzu, daß Jemmy seit jener Stunde eine eben so vollkommene Herrschaft über den indianischen Regenten genoß, als sie je in Bezug auf Toffel in Ausübung brachte; auch soll sie diese Oberherrlichkeit gar nicht lange schlummern gelassen haben, wozu sie wahrscheinlich ihre Ursachen gehabt haben mochte, maßen sie manchen ziemlich starken Versuchungen zu widerstehen hatte. Aber, fügt unser Dokument hinzu, sie widerstand heroisch; wie konnte sie auch anders? sie, deren Sinn nach einer so ganz verschiedenen Richtung zielte. Ja, ihr Blick war wirklich unverrückt zur aufgehenden Sonne gerichtet, in die Weltgegend, wo ihr lieber Toffel hauste; sie hatte ihre Gefangenschaft mit heldenmüthiger, wahrhaft irischer Standhaftigkeit volle fünf Jahre ertragen; nunmehr jedoch begann sie jeden Tag mehr und mehr das Bittere ihrer Lage zu fühlen. Während der ersten zwölf Monden war sie so ziemlich durch die Neuheit ihrer Situation rege erhalten worden, Vieles hatte auch der Stimulus der Selbsterhaltung beigetragen; in den folgenden Jahren fühlte sie sich vielleicht ein bischen durch die Aufmerksamkeiten des Indianers geschmeichelt; aber mit einem Wilden zu kokettiren, war doch nur ein armseliger Zeitvertreib, und konnte unmöglich für die Länge dauern. So erwachte denn ihre Sehnsucht nach der Heimath mit jedem Tage stärker und stärker. Auf eine Flucht im ersten Jahre zu denken, wäre Wahnsinn gewesen; man hatte sie mit Argusaugen während des Sommers bewacht, denn ihre Geschicklichkeit in Allem machte sie den Wilden unentbehrlich; und im Winter zu entfliehen: wo sollte sie Lebensmittel, wo ein Lager finden? Ihre Hieherreise hatte zwanzig Tage gedauert: sie mußte in einer ungeheuern Entfernung von Hause sein, und im Falle auch nur das mindeste von ihrem Vorhaben offenbar geworden wäre, wahrlich, ihr Loos wäre schrecklich ausgefallen.

Endlich im fünften Sommer nach ihrer Entführung bot sich die erwünschte Gelegenheit dar. Die Männer waren zur Herbstjagd aufgebrochen, ihre Weiber begleiteten sie; bloß die Alten und Schwächlichen waren zurückgeblieben. Fünf Jahre scheinbarer Zufriedenheit hatten das Mißtrauen der Wilden eingeschüchtert, und ihre Wachsamkeit gemindert. Die Bevölkerung, hatte sie gehört, war während dieser Zeit stark näher gerückt; sie hoffte, wenn auch nicht die erste, doch gewiß die zweite Woche auf Landsleute zu stoßen. Sie entschloß sich zur Flucht, und führte ihren Entschluß auch unverzüglich aus. Ein Bündel mit Lebensmitteln war Alles, was sie mitnahm; sie hatte lange vierhundert Meilen vom großen Miami zu dem obern Ohio, aber ihre Seele war dem Riesenunternehmen gewachsen. Sie liebte ihren Toffel; sie liebte ihn nun mehr, als jemals, den geduldigen, ausdauernden, und doch so vernünftigen Jungen. Sie hatte unglaubliche Mühseligkeiten auszustehen; war nahe daran, in den Sümpfen bei Franklin zu ersticken, in großer Gefahr, im Sciota zu ertrinken, und mehrere Tage in der Wildniß zwischen Columbus und New-Lancaster[35] verirrt, und nahe daran, von Panthern und Bären aufgefressen zu werden; aber sie überwand glücklich Sümpfe, Flüsse und Wildniß. Die ersten fünf Tage lebte sie von ihrem mitgenommenen Vorrath von gedörrtem Wildpret, dann ließ sie sich Papaws, Kastanien und wilde Trauben schmecken, und kehrte endlich, nach unseligen Leiden, am zehnten Tage zum erstenmale in einem Blockhause ein. Doch auch da verließ sie ihr unbezwingbarer irischer Geist nicht, und sie trat vor die Hinterwäldler mit eben der freien Stirne, als ob sie an der Spitze der Shawneese gekommen wäre, verlangte Lebensmittel in eben dem festen und zuversichtlichen Tone, als ob Haus und Hof ihr eigen gewesen wären. Und die Hinterwäldler, diese derbe Race? Je nun, so wenig sie gewohnt sein mochten, sich auf diese Weise begrüßt zu sehen, die Art war neu: sie starrten, wie leicht zu erachten; doch gaben sie, was sie hatten, und, was das Merkwürdigste an der ganzen Geschichte ist, sie gaben, ohne zu fragen. Wer nun weiß, daß dieser unser souveraine Staat Ohio durch den Stamm der Yankees bevölkert ist, wird dieß kaum glauben können, und wir selbst würden Mühe haben, hätten wir nicht schwarz auf weiß vor unsern Augen.

[35]: C o l u m b u s , N e w - L a n c a s t e r , ersteres die Hauptstadt von Ohio, letzteres eine

Countystadt.

Nach einer langen, müden Fahrt von vollen vier Wochen kam unsere liebe Jemmy endlich in die Nähe des Ohio, und die lieblichen Bergesrücken, die ihre glückliche Heimath bargen, traten allmälig aus dem blauen Dunkel hervor. Sie verdoppelte ihre Schritte, sie langte auf den ersten Hügeln an. Zum erstenmale in ihrem Leben schlug ihr Herz lauter; sie konnte nicht vorwärts; sie setzte sich, über die Vergangenheit nachzudenken; das große Roß kam ihr in den Sinn. »Das unglückliche große Roß,« murmelte sie, die Faust ballend, und auf sprang sie, und fort lief sie, als wollte sie es dem Unheilbringer entgelten lassen. Nun war sie auf dem Vorsprunge angelangt, wo sie vor fünf Jahren abgesattelt und zur Gefangenen gemacht worden war. »Das verwünschte große Roß!« wisperte sie nochmals, und dann rannte sie die Schlangenwindungen hinab. Da lag er nun vor ihr, der prachtvolle Ohiostrom, sich in zwei ungeheuern Streifen fortbewegend: die Gewässer des Alleghany, klar und krystallen, gleich dem Bergquelle, und die des Monongehala, trüb und schlammig, gleich einem mürrischen Ehemanne, dem ein zartes und munteres Weib angefesselt ist. Nun stand sie an der letzten sanften Anhöhe, von wo aus sie die ganze Herrlichkeit übersehen konnte, die sie als Herrin erkannte; da lag die prächtige Thalweite, der üppigste aller Bottoms, auf zwei Seiten von dem Vorgebirge eingeschlossen; da stand die steinerne Scheune: das Dach und die Jalousien waren frisch angestrichen. Ihre Augen funkelten vor Freude; Toffel war noch immer der gute, getreue, treuherzige Hauswirth. Dorthin erstreckte sich der alte Obstgarten, beinahe unter der Last von Aepfeln und Birnen zusammenbrechend; auf der andern Seite lag der neuangelegte; auch dieser bog sich unter den Früchten, und doch war es nicht länger als sechs Jahre, daß ihn Toffel gepflanzt hatte. Sie selbst hatte mitgeholfen im Frühjahre nach ihrer Verehelichung, — Himmel, welch eine lange Zeit! Sie schaute, sie traute kaum mehr ihren Augen, sie schaute wieder, — Gott! es war keine Täuschung, es war Toffel, ihr lieber Toffel, der just aus dem Hause kam; hinter ihm her ein kleiner flachshaariger Schelm, der sich fest an seinen Rockschoß anhielt. Ja, in seinen ledernen Inexpressibles, blauen Strümpfen mit rothen Zwickeln, und Schuhen und Schnallen von so erklecklicher Größe, daß sie sie von ihrem Observatorium aus wahrnehmen konnte; — sie vermochte es nicht länger auszuhalten, ihr Herz war zu voll; aber zugleich erwachte auch ihr ganzes Selbstgefühl, das Bewußtsein der schlummernden Autorität kehrte zurück. Nein, ein weibisch furchtsames, zagendes Wesen durfte sie ihren Mann nicht merken lassen; er würde sie als ausgeartet betrachtet haben. Festen Schrittes trat sie von der Anhöhe herab, ging den Weg hinab, schritt durch die eingezäunte Gasse, die Wiese, eilte durch den Gemüsegarten, und stand mit einemmale vor — Toffel.

»Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« rief dieser, in der Angst seines Herzens die legale Formel gebrauchend, mittelst welcher ehrsame Deutsche von undenklichen Zeiten her die zahllosen Gespenster, Hexen, Nixen und Elfen, und alle die Wesen bannen, mit denen sie, oder vielmehr ihre Gehirne, von Alters her geplagt sind.

Und wirklich können wir es dem guten Toffel nicht ganz so übel deuten, wenn ihm der Blocksberg einfiel. Fünf Jahre Abwesenheit und Aufenthalt unter den wilden Freibeutern hatten mit der heillosen Reise eben nicht sehr beigetragen, ihre Gestalt in die Schönheitslinie abzurunden, oder ihrem Anzuge einen besondern Reiz zu verleihen. Selbst er, der allerunmodischste unter seinen Nachbarn, konnte es kaum begreifen, wie dieß seine Jemmy, die Führerin des guten Geschmacks in Allem, sein könne. Das Plötzliche ihres Erscheinens nun gab ihrer etwas fleischlosen Form einen so über- oder unterirdischen Ausdruck, daß wir uns gar nicht wundern, wenn Toffels vier Gehirnkammern plötzlich in Aufruhr geriethen, und ihm der Blocksberg einfiel, von dem ihm sein seliger Vater so oft erzählt hatte. Jemima, schien es, fühlte sich nicht absonderlich bei diesem Stutzen, Staunen, Ausrufungen und Schrecken geschmeichelt, und bemerkte in einem Tone so sanft, wie es ihr nur immer möglich war: Wohl, Toffel, bist du verrückt? Kennst du mich nicht mehr? mich, deine Jemmy?

Toffel öffnete seine Augen so weit er konnte, und allmälig, als er die krumme Nase, das funkelnde Auge, das unverhohlen keck, wie immer, blitzte, und nur ganz wenig ins Grüne zu schillern schien, als er, sagt unser Dokument, diese Merkmale so deutlich wieder sah, dann, und erst dann fing er zu glauben an. Schließlich machte er auch die Erfahrung, daß sie noch immer aus Fleisch und Beinen bestand, und nun wurde seine Freude wirklich groß, denn auch er hatte sie von Herzen geliebt. Er umhalste sie, drückte einen Buß auf ihre Wangen, umhalste sie wieder, und vergoß selbst zwei Freudenthränen, eine in jedem Auge. Jemmy nun war nicht weniger gerührt; sie liebte wie wir bereits erwähnt, ihren Mann, trotz ihres irischen Temperamentes; ihr gesunder Menschenverstand ließ sie auch begreifen, daß Toffel allerdings einige Ursache hatte, mit ihr nicht ganz so zufrieden zu sein, da sein häusliches Glück durch ihren Trotz so sehr erschüttert worden war. Sie war daher selbst ein wenig überrascht, als er sie nun so plötzlich, so unerwartet gleichsam mit Liebkosungen überschüttete. Eine Zeitlang ertrug sie diese auch mit wahrer christlicher Geduld, so wenig sie sonst an derlei unfruktuösen Zärtlichkeitsverschwendungen Gefallen fand, da sie denn doch mehr das Reelle liebte.

Mein Gott! rief er aus, mein Schatz! — er hatte sein Englisch, wie es schien, beinahe rein vergessen — und wieder schlang er seine langen Arme um sie herum.

Jemmy nun war wirklich herzensfroh, ihren Toffel in so excellenter Laune zu sehen. Doch zuviel ist ungesund, sagt das Sprichwort, und unserer Jemmy war es, allem Anscheine nach, ziemlich zuviel; ihr schien Toffel in seinen Liebkosungen unerschöpflich zu sein, so daß sie bereits die Geduld zu verlieren, und sich nach Toffel dem jüngern zu sehnen begann, auch zu wissen verlangte, wie es mit dem Hauswesen stünde; und indem sie sich sothanermaßen äußerte, wand sie sich von ihm los, und schritt auf die Hausthüre zu. Toffel fing sie bei einem ihrer Rockschöße, und vertrat ihr den Weg.

Mein Schatz, sprach er, warte noch ein wenig, bis ich dir gesagt habe — —

Gesagt habe? fiel sie ungeduldig ein, was giebt's da zu sagen? Ich will meinen Buben sehen und wie du gewirthschaftet hast; ich hoffe, Alles ist in Ordnung, wo nicht, so — —

Ihr Auge fiel prüfend auf den armen Toffel, dem nichts weniger als wohl zu sein schien.

Mein Herz! fuhr er fort, meine Frau! Habe nur ein klein wenig Geduld.

Ich will keine Geduld haben, versetzte sie. Warum willst du nicht ins Haus? Und mit diesen Worten schritt sie näher der Thüre zu. Toffel, in äußerster Verwirrung, vertrat ihr nochmals den Weg, ihre beiden Hände erfassend.

Nun, bei Jasus [36] und allen Gewalten! schrie sie erstaunt über ein so sonderbares Benehmen. Beinahe sollte ich glauben, es sei nicht Alles richtig, und du sähest mich nicht gerne.

[36]: B y J a s u s ! Bei Jesus! eine irische Betheurung.

Dich nicht gerne sehen, mein Herz, mein Schatz? Ja, ja, du sollst wieder meine Frau sein, versetzte der gute Junge.

Wieder deine Frau sein? Wieder deine Frau sein? wiederholte sie, und ihre Augen blitzten und ihr Näschen krümmte sich. Wieder seine Frau sein! murmelte sie, und riß sich mit Gewalt von ihm los, rannte die Stiegen hinan, stürzte auf die Thüre los, hob die Klinke, öffnete, und erblickte — erblickte, sich auf einem Armsessel wiegend, Dorothea Heumacher, die hübscheste Blondine der ganzen Niederlassung, weiland ihre Rivalin, und nun die glückliche Usurpatorin ihrer ehelichen Gerechtsame.

Der eingefleischteste Legitimat, den je die Gnade Gottes, oder, was dasselbe ist, die Bajonette seiner Herren Gebrüder, in sein verlorenes Dominium wieder einsetzten, kann unmöglich mit größerer Verachtung und Abscheu auf die plebejischen Eindringlinge herabblicken, die sein göttliches Recht usurpirt haben, als unsere de jure Mistreß Bärenhäuter auf die de facto that, und, das Maß der Unbilden zu füllen, so war diese Usurpatorin eine Deutsche! — Es würde eine psychologischere Feder erfordern, als die, so unser Dokument geschrieben, die Symptome der verschiedenen Leidenschaften auch nur oberflächlich anzudeuten, die auf dem Gesichte unserer Heldin so stark hervorbrachen. Hohn, Wuth, Rache waren die geringsten; ihre Augen sprühten so fürchterlich, daß es, eine Yankeephrase zu gebrauchen, in der Stube zu rauchen anfing; ihre Fäuste ballten sich, ihre Zähne knirschten, und, gleich der Katze, die ihr Territorium von dem Erzfeinde ihres Geschlechtes besetzt und eingenommen sieht, schickte sie sich an, auf diesen Feind loszustürzen; was bei dem Umstande, daß sie seit einem Monate ihre Nägel nicht beschnitten, leicht sehr bedenkliche Folgen für die holden Gesichtszüge der besagten Dorothea Heumacher hätte haben können.

Toffel gewahrte mit gerechtem Entsetzen die schrecklichen Symptome, und warf sich in ganzer Länge und Breite zwischen die beiden kriegführenden Mächte. Der Schrecken hatte ihm plötzlich wieder sein Englisch gegeben: Bray! rief er, [37] dont fighd wid each oder! ( Pray dont fight with each other! )

[37]: Um's Himmelswillen, balgt euch nicht!

Und wirklich, die Vermittlung war nicht überflüssig, und immer blieb es noch unentschieden, ob sie auch angenommen werden würde. Aber gerade als Jemmy auf ihre Gegnerin heranrückte, oder vielmehr stürzte, öffnete sich die Thür, und herein zappelte der junge Toffel mit einer ganzen Schar junger Bärenhäuter. Fünf Jahre waren verflossen, seit sie ihren Buben in ihren Armen gehabt: Hader, Streit und Feindin vergessend, sprang sie auf ihr Kind los, um es in ihre Arme zu fassen. Der Bube erschrak, schrie laut auf, riß sich mit Gewalt von ihr los, und rannte zu seiner Stiefmutter. Die arme Jemmy stand, als ob ein Zuber kalten Wassers über sie ausgegossen worden wäre; Wuth und Rache waren vergessen, namenloser Schmerz erfaßte sie; ihre Kraft verließ, sie; sie taumelte der Thüre zu, faßte zitternd die Klinke, und war im Begriffe zu sinken. Das arme Weib litt nun wirklich schrecklich; sie war ein Fremdling ihrem eigenen Kinde geworden, ein Fremdling in ihrem Hause, in der ganzen weiten Welt. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie sich erholte; endlich jedoch erholte sie sich. Seelen, wie die ihrige, sind nicht leicht gebeugt. »Wie geht es dem Vater?« fragte sie kurz.

Todt, erwiederte Toffel.

Und der Mutter?

Todt, war dieselbe Antwort.

Und den Schwestern und Brüdern?

Sind zerstreut in der weiten Welt.

So sind sie denn alle hin! murmelte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Ich habe, sprach Toffel leiser, ein ganzes langes Jahr auf dich gewartet, und dich in allen Zeitungen, deutschen und englischen, auskündigen lassen, und als du nicht kamst, setzte er noch leiser hinzu, so nahm ich Dora.

So behalte sie, erwiederte Jemmy mit fester Stimme und einem unbeschreiblichen Blick der tiefsten Verachtung; dann lief sie nochmals auf ihren Buben los, faßte ihn, trotz alles Sträubens, und küßte ihn heftig. Und nun, sprach sie zu ihrer Rivalin gewendet, wenn du es je wagst, diesem meinem Buben etwas zu Leide zu thun, oder deinen deutschen Rachen auf seinen Mund zu legen, so — —

Mit diesen Worten, die wir ihrer Zierlichkeit wegen zum Theil mit Stillschweigen zu übergehen für gut finden, öffnete sie die Thüre.

Halt! halt! um Gotteswillen, halt! rief Toffel mit einer Stimme, die genugsam bewies, daß er beinahe so viel gelitten habe, wie seine weiland Frau. Er hatte sie immer, trotz ihres bissig starren, zänkisch-herrschsüchtigen Wesens geliebt, herzlich geliebt, ja vielleicht aus eben dieser Ursache geliebt, da sie zur Würze seines Lebens, zum ewigen Stachel seiner phlegmatischen Deutschheit so trefflich geeignet war. Oft hatte er an Jemmy zurückgedacht; denn die Willigkeit der gutmüthigen, phlegmatischen Dora hatte sein träges Vegetiren nur noch träger gemacht; er war nun einmal ein Deutscher, die bekanntermaßen nie glücklicher sind, als wenn sie wie die Schafe geschoren und wie die Hunde getreten werden. Oft würde er einen blaugewirkten Strumpf, und selbst zwei gegeben haben, wenn er sich dadurch hätte einen sanften Rippenstoß von Jemmy erwerben können. Wirklich hatte er auch keine Mühe gespart; war der Spur der Indianer mehrere hundert Meilen nachgejagt, hatte sie auch bereits mit seinen Nachbarn erjagt, aber es zeigte sich ungeschickter Weise, daß es nicht Indianer, sondern Yankee-Uebersiedler waren. Auch auf Zeitungsankündigungen hatte er so manchen Dollar verwendet; unglücklicherweise zirkulirten diese jedoch im Osten, während Jemmy im Westen als Ehrendame figurirte, und noch unglücklicher hielt Herr Caspar Ledermaul nach einem Jahre solchen Cirkulirens und Wartens eine gewichtige Rede über den schönen Text: Melius est nubere quam uri, einen Text, den er gar zierlich und erbaulich ins Deutsche verdeutschte. Toffel hatte bereits lange über dieses nämliche Thema nachgedacht, als ihm so auf einmal die Augen geöffnet wurden; und so ergab er sich denn in sein Geschick, und nahm ein Weib, und zwar ein gutes Weib, ein liebes Weib; aber die Hauptsache für unsern Deutschen, die Würze, die Kniffe, die Tritte, das Scheeren fehlte.

So war nun die Lage unsers Toffels beschaffen, des Mannes zweier Weiber, zwischen denen er nun gewaltig zu schwanken schien. Zu der einen zog ihn Achtung, Gewohnheit, Neigung, zur andern ein gewisser Kitzel, oder vielmehr das Bedürfniß, gekitzelt zu werden. Zuletzt rief er aus: Halt! ich bitte dich; wir wollen zum Squire gehen, und was der und Pfarrer Ledermaul sagen, das wollen wir thun, und wie es immer ausfalle, ich will dir sechshundert Silberdollars und mein schönstes großes Roß geben. Laß uns hören, was das Gesetz Gottes und des Menschen sagt.

Auch darin bewies sich Toffel als ein ehrlicher, guter Deutscher, der nie selbst dachte und handelte, sondern diese Mühe der göttlichen und menschlichen Obrigkeit, wie er meinte, auf die Schultern zu laden für's Beste erachtete.

Jemmy nun zuckte, das Gesetz, oder vielmehr das, was aus der Auslegung des Gesetzes folgt, ein Prozeß, war Musik für ihre Ohren, so wie es die lieblichste Musik für Irinnen ist. Sie hielt inne; vielleicht möchte sie sich auch wirklich haben erweichen lassen, aber in diesem entscheidenden Augenblicke kam ihre Rivalin, die sich in die Nebenstube retirirt hatte, wieder in Vorschein, ihr jüngstes Kind im Arme und zwei gewichtige Strümpfe in der Hand haltend.

Nimm sie, sprach das gute Weib, wir haben noch sechs übrig, wir haben Ueberfluß. Nimm sie, und Jeremias Hawthorn ist noch ledig; sei glücklich, gute Jemmy.

Die sanfte, beinahe demüthig bittende Dora war wirklich rührend anzuschauen, als sie, Thränen im Auge, die halbwilde Irin anflehte, ihre sechshundert Silberdollars anzunehmen. Jedes andere Herz mußte erweichen, ausgenommen das, an welches die Bitte gerichtet war; die Erscheinung der Glücklichen schien sie in frische Wuth zu versetzen. Einen Blick der tiefsten Verachtung ihr zuwerfend, trat sie an Toffel heran, schüttelte ihm die Hand, bot ihm ein Lebewohl, und verließ die Stube.

Renn', lauf', lieber Toffel, was du kannst! bat, beschwor ihn Dora. Lauf', um's Himmelswillen! sie möchte sich sonst ein Leid anthun.

Toffel war seiner selbst unbewußt da gestanden; es war, als ob das Ganze ihm ein Traum gewesen; die Stimme seines Weibes rief ihn in die Wirklichkeit zurück. »Denk nur, Toffel!« bat sie nochmals, ihre Hände faltend. Und Toffel lief aus Leibeskräften der Armen nach; sie war jedoch schon weit vorausgeeilt. Seine langen Schritte verdoppelnd, hatte er sie beinahe eingeholt, als sie sich umwandte, und ihm befahl, umzukehren. Einem kräftig ausgesprochenen Befehle kann ein deutsches Blut nie widerstehen, und so kehrte denn Toffel um, und ging zu seinem Weibe. Einige Minuten starrte er ihr noch nach, bis sie in den Windungen des Berges verschwunden war, und dann schüttelte er seinen Kopf und dachte — was? können wir unmöglich sagen.

Jemmy lief nun wie ein gescheutes Reh den Berg hinan; wieder war sie auf dem fatalen Vorsprunge angekommen, wo ihr irdisches Glück einen so schrecklichen Stoß, sie konnte es sich nicht verhehlen, durch ihre eigene Schuld erlitten. Noch einmal überblickte sie ihre vorige friedlich-ruhige Heimath; da lag sie mit Allem, was ihr werth und theuer war: das substantielle Wohnhaus mit seinen beiden Toffeln; dort weideten ihre Kühe und Kälber, und ein halbes Dutzend der größten Rosse, die sie je gesehen; da stand die Ciderpresse; — und Allem, Allem sollte sie nun entsagen: ihrer Butter und ihrem Käse, ihrer Wohnung und ihrem Throne. Der Gedanke schnitt in's Innerste ihres Herzens; sie weinte bitterlich. Allein stand sie da, verlassen auf der weiten Gotteswelt; Vater und Mutter todt, Brüder und Schwestern in der weiten Welt; ihre Bekannten und Freundinnen würden lachen und spotten der Jemima, der indianischen Squaw. Ihr ungebeugter Sinn empörte sich bei diesem Gedanken; allmälig wurde ihr Gemüth ruhiger, ihre Miene zuversichtlicher. Ein Entschluß schien in ihr aufzukeimen, der mit jeder Sekunde an Stärke zunahm. Als wollte sie der Möglichkeit einer Gesinnungsänderung entwischen, sprang sie vom Boden, rannte dem Walde zu, und drang tiefer und tiefer ein.