Transatlantische Reiseskizzen und Christophorus Bärenhäuter: Zweites Bändchen

Drittes Capitel, welches da zeigt, wie die zwei rothen Kolben doch eine Vorbedeutung gewesen.

Drittes Capitel,

 

welches da zeigt, wie die zwei rothen Kolben doch eine Vorbedeutung

gewesen.

Es war im Jahre 1796, im Anfang des indianischen Sommers, als Jemmy zum zweitenmale ihren langen Weg antrat. Der Himmel begünstigte diesmal ihr Unternehmen. Sie kehrte auf demselben Wege zurück, den sie, freilich unter lieblichern Auspicien, gekommen war. Sie hatte sich nun an das Wandern in den Wäldern so ziemlich gewöhnt; mit demselben ungebeugten Muthe trat sie wieder in die Wohnungen der zerstreuten Ansiedler im damaligen nordwestlichen Territorium[38], und forderte mit derselben Unerschrockenheit Trank und Speise und Nachtherberge. Keiner wagte sie zu fragen, keiner sie auszuholen; der schmerzhafte Blick der Entsagung und des Muthes schreckte alle zurück, und wenn es ja einer wagte, sie forschend anzublicken, so erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Fest und entschlossen barg sie ihren Schmerz im eigenen Busen, zu stolz, um überflüssiges Mitleid zu erbetteln, zu klug um zum Theegespräche werden zu wollen. Als die Wohnungen aufhörten, nahm sie wieder zu wilden Trauben, Papaws und Kastanien ihre Zuflucht, und wanderte so die vierhundert Meilen zu den Quellen des großen Miami zurück, wo sie sich acht Wochen nach ihrer Flucht eben so kühn und unverzagt präsentirte, als ob sie von einem Morgenbesuche zurückgekehrt wäre.

[38]: Dem heutigen Staate Ohio.

Nie war der Jubel im Hauptquartier der Shawneese größer gewesen, als wie Jemmy in die Hütte der Mutter Tomahawks eintrat. Die ganze Bevölkerung der Wigwams war rege; Tomahawk war außer sich vor Freude. Er war ihr Bewunderer und Verehrer volle fünf Jahre gewesen, und hatte sich, was bei einem Wilden nicht wenig bedeuten will, die ganze Zeit hindurch auch nicht die mindeste Freiheit erlaubt. Sie hatte nicht geringen Einfluß auf das Völkchen sich erworben; sie war die Lehrerin der Weiber, die Schneiderin, Köchin der Männer, das Factotum Aller gewesen; daß die Letztern, wenigstens zum Theil, menschlichen Wesen in ihrem Aeußern und nicht Orang-Outangs ähnlich sahen, war ganz ihr eigenes Werk. Tomahawk tanzte und sprang vor Freuden: »Weiße Männer nicht gut! Rothe Männer gut!« rief er jubelnd, und in seinen Jubel stimmten Mutter, Squaws und Männer sammt und sonders mit ein. Es war mit einem Worte ein Freudenfest für den armen Häuptling, das noch glänzender ausgefallen wäre, hätten er und die Seinigen mehr Feuerwasser gehabt.

Fest und bestimmt jedoch, als der Entschluß Jemima's war, ließ es ihre Klugheit nicht zu, dem verliebten Wilden sein Spiel allzu leicht zu machen; nein, sie erholte sich lange Zeit Rathes, ehe sie ihm auch nur die entfernteste Hoffnung machte. Zwanzig Tage war sie bereits mit Tomahawks Mutter eingeschlossen, während welcher Zeit der arme Häuptling sie nur zweimal zu sehen bekam. Endlich am ein und zwanzigsten Morgen wurde er in die Gegenwart der Souverainin seines Herzens berufen. Er kam, wo möglich noch bunter herausstaffirt, als bei seiner ersten Bewerbung; stammelnd trug er ihr seine Wünsche vor. Jemima hörte ihn ernst, wie ein Oberrichter, an; nachdem er seine Rede geendigt hatte, wies sie schweigend auf den Tisch hin, auf welchem ein vollständiger Anzug von amerikanischer Kleidung lag. Tomahawk kehrte jauchzend in seine Hütte zurück, und erschien nach einer halben Stunde, ein ganz anderer Mensch, vor seiner Gebieterin. Er sah wirklich nicht uneben aus; ein wohlgestalteter Junge von kräftig schlankem Wuchse — Toffel war nichts dagegen; — zudem Häuptling von mehrern hundert Familien, hatte er seit seiner Bekanntschaft so viele Proben von Anhänglichkeit, Ehrfurcht und Lenksamkeit gegeben, die ihn zu einem gar nicht verwerflichen Ehemanne in den Augen Jemmy's qualificiren mochten. Sie reichte ihm nun gnädigst ihre Hand; es galt eine fernere Probe. Bereits standen auf Geheiß seiner Mutter zwei Pferde vor der Hütte; sie befahl Tomahawk, selbe zu satteln. Er gehorchte schnell und schweigend. Sie bestieg das eine, und winkte ihm bedeutsam, ein gleiches zu thun und ihr zu folgen. Der Wilde staunte, starrte, folgte jedoch unwillkürlich seiner geliebten Herrin, die das Wigwam verließ, und in der Richtung nach Süden forttrabte; einige Male erkühnte er sich zu fragen, aber sie winkte, zeigte bedeutsam hinab in die Ferne, und er schwieg und folgte. Der Friede war während ihrer Gefangenschaft wieder hergestellt, und ihre Reise hatte für sie wenigstens Ein Gutes zur Folge gehabt. Sie hatte vernommen, daß beiläufig vierzig Meilen in südlicher Richtung von den Quellen des Miami eine amerikanische Niederlassung entstanden; nach dieser ging nun ihre Reise. Als sie in derselben angelangt war, fragte sie sogleich nach dem Friedensrichter. Das Staunen des werthen Squire war nicht gering, als er plötzlich ein junges, hübsches Weib — Jemmy hatte sich in den zwanzig Tagen ihrer Zurückgezogenheit wieder abgerundet — und einen kräftig blühenden Wilden, wie ein Gentleman gekleidet, in seine Stube treten sah. Jemmy jedoch ließ ihm nicht lange Zeit zur Verwunderung, sondern wandte sich ohne weitere Umschweife zu ihrem Begleiter und sprach: Tomahawk! du hast während der fünf Jahre meiner Bekanntschaft mit dir so viel gesunden Menschenverstand an den Tag gelegt, daß ich alle Hoffnung habe, aus dir einen Mann zu bilden, und so habe ich mich denn entschlossen, aus dir einen Mann zu machen.

Tomahawk wußte nicht, ob er wache oder träume, und so ging es dem Squire; aber das ausdrückliche Verlangen, sie, Jemima O' Dougherty, ehelich mit Tomahawk, dem Häuptling der Shawneese, zu verbinden, und zwei blanke Silberdollars beseitigten alle Zweifel, und der Friedensrichter sprach die Eheformel über sie aus, und vereinte ihre Hände. Der Segen war bereits gesprochen, und noch immer begriff der arme Wilde nicht, was das Ganze zu bedeuten habe; als aber Jemmy seine Hand faßte, und ihm eröffnete, sie sei nun sein Weib und er ihr Mann, da war ihm, als wäre er so eben aus den Wolken gefallen. Er tanzte im Zimmer herum, er sprang, er jubelte, er lachte, er weinte, Alles vor Freude. Der Friedensrichter selbst war nicht weniger überrascht, und zwar so sehr, daß er ein treffliches Abendessen den Beiden zum Besten gab, sie bei ihm zu übernachten nöthigte, und Jemmy selbst die zwei Thaler zurückgab, wie seine Bücher noch heutiges Tages ausweisen. Und gewiß mußte es für den guten Mann und die Ansiedler nicht von geringer Bedeutung sein, den unbändigen Tomahawk, der im letzten Kriege so viel Unheil durch seine Excursionen angerichtet hatte, unter einer, allem Anscheine nach, so entschlossenen, muthigen Direction zu wissen.

Tomahawk und sein Weib kehrten den folgenden Tag in ihre Heimath zurück, und vom Tage der Rückkehr begannen auch seine Honigmonde. Mistreß Tomahawk nämlich war kaum in ihre neue Wohnung installirt, als sie auch ausfand, daß die erbärmliche Hütte viel zu klein und enge und unsauber für sie beide sei. Und wirklich, sie war eher einer Bärenhöhle, als einer menschlichen Wohnung zu vergleichen. Tomahawk und seine Leute hatten nun Bäume zu fällen, wozu sie sich nur gegen ein gewisses Honorar von Whiskyflaschen, die Jemmy für die zwei Dollars mitzunehmen für gut befunden hatte, herbeiließen. Mehrere von ihren Landsleuten waren von der Niederlassung heraufgekommen, und halfen das Gebäude aufzimmern. Tomahawk sprang freilich, als er vierzehn Tage hindurch die Axt handhaben mußte, jedoch nicht mehr vor Freuden; er schnitt Gesichter; aber all sein Springen und Gesichterschneiden half zu nichts: er mußte daran und darauf. In vier Wochen schlief er im bequemen Wohnhause, so bequem, so wohnlich, wie Toffels. Tomahawk hatte nun ganze vier Wochen Ruhe, aber das Frühjahr meldete sich an, und das Kornfeld war offenbar zu klein, ja es hatte nicht einmal eine Umzäunung, und Schweine und Pferde fraßen den größten Theil der Saat, ehe sie noch in den Samen schießen konnte. Mistreß Tomahawk bedurfte eines größern, und ihre wilde Ehehälfte hatte daher ein paartausend Bäume zu ringeln und umzuhauen, und einige Dutzend Aecker zu umzäunen. Ihr Freund, der Friedensrichter, hatte bei dieser Zeit wahrgenommen, daß sie eine wackere junge Frau und treffliche Haushälterin, unternehmend, thätig war, die es wohl verdiente, auf allen Wegen ermuthigt zu werden. Er war Amerikaner im ganzen Sinne des Wortes, der half, wo es etwas half; er sandte ihr sofort einige Hundert Aepfel- und Pfirsichbäume, die sie pflanzte und pflanzen ließ. Wiederum hatte Tomahawk einige Wochen Ruhe; aber es war böse Wirthschaft, und zwar seit undenklichen Zeiten, mit den Fuchs-, Hirsch-, Biber-und Bärenfellen getrieben worden. Tomahawk war ein berühmter Schütze und Jäger, aber er verhandelte den Preis wochenlangen Jagens nicht selten für einige Gallons Whisky. Gleich den übrigen seiner rothen Brüder, hatte er die schwache Seite, einen Schluck, oder vielmehr deren viele zu thun, wenn es Gelegenheit dazu gab. So groß war jedoch die Furcht vor seiner Ehehälfte, daß er die Branntweinflaschen pfiffiglich in hohle Bäume versteckte. Mistreß Tomahawk fand jedoch den Sünder bald aus, und um künftig allen Versuchungen vorzubeugen, befahl sie ausdrücklich, daß alle Felle heimgebracht, und ihrer Disposition überlassen werden sollten. Nun nahm sie den Fellhandel auf sich. In kurzer Zeit wackelten mehrere Kühe durch das ellenhohe Gras an den Miamiufern, und Tomahawk kostete zum erstenmale in seinem Leben Kaffee und Wälschkornkuchen. Aber es kam noch schlimmer. Ein junger Tomahawk erblickte das Licht der Welt, und die alten Squaws zögerten nicht, ausgerüstet mit Bärenfett und Kuhmist, ihre Aufwartung zu machen, willens, den neuen Stammhalter feierlich in ihre religiöse und politische Gemeinschaft einzuweihen. Allein Jemmy sah so bitterböse darein, und ergriff, als dieses nicht helfen wollte, ihren Scepter, den Besen, so wacker, daß Alt und Jung heulend zum Hause hinausstürzte, gleich als ob sie vom wilden Jäger verfolgt würden. Als sie von ihrem Kindbette sich erholt hatte, befahl sie wieder Tomahawk, zwei Rosse zu satteln. Natürlich gehorchte er ohne zu mucksen, und nahm ohne Widerrede seinen Sohn auf den Arm. Auch dieses Mal ging ihre Reise auf die erwähnte Niederlassung, aber nicht dem Hause des Friedensrichters, sondern des Predigers zu. Tomahawk ließ sich Alles ruhig gefallen; als er aber den Prediger seinen Sohn mit Wasser begießen sah, verging ihm alle Geduld. Er sprang nicht bloß, er tobte, er wüthete, er nannte Mistreß Tomahawk — stellen Sie sich nur vor, schöne Leserinnen, der Ungezogene! — eine Hexe, eine Teufelin, eine Medizin[39]. Jemmy, ohne ein Wort zu verlieren, runzelte ihre Stirne, warf ihr Näschen auf, und der junge Tomahawk ward getauft, wie andere Christenkinder.

[39]: M e d i z i n werden von den Indianern Aerzte, Hexenmeister, Zauberer, überhaupt alle

diejenigen genannt, die sie wegen ihrer Kenntnisse in Verbindung mit über- oder unterirdischen Wesen wähnen.

Als einige Jahre später die Shawneese-Indianer mit der Regierung der Staaten in Unterhandlungen wegen Abtretung ihrer Ländereien traten, war die Farm Tomahawks zu mehrern hundert Ackern blühender Fruchtgärten und herrlicher Wiesen und Felder angewachsen. Mistreß Tomahawk wies natürlich jede Zumuthung, ihr Land abzutreten, mit Standhaftigkeit zurück, und vertheidigte ihre und ihres Mannes Rechte, wobei ihr der Friedensrichter hülfreiche Hand bot, so wacker, daß die Commissaire noch froh waren, mit einigen tausend Ackern davon zu kommen. Schwerer hielt es, dieselbe Ausnahme mehrern Indianerfamilien auszuwirken; doch auch dies gelang ihr, und einige zwanzig dankbare Familien segnen noch heute ihr Andenken. Und ihr Wohlstand und ihre Zufriedenheit nahmen mit jedem Jahre zu; sie sandte ihre Kinder in die Schule der Missionaire an den Maumeefällen, wo sie zu Christen und Bürgern gebildet wurden, und sie lebt nun, das sichtbare verehrte und werkthätige Oberhaupt ihrer rothen Mitbürger und Mitbürgerinnen.

Der Reisende, den sein Weg über die Haide zwischen Columbus und Dayton nordwärts führt, wird unter und zunächst den Quellen des Miami ein gewaltiges, aus gehauenen Baumstämmen aufgezimmertes Wohnhaus mit Scheunen und Ställen finden, umringt von üppigen Waizen- und Wälschkornfeldern, und auf den Wiesen an die sechzig der schönsten Melkkühe, mit Kälbern, Pferden und Füllen, nicht zu gedenken der Fruchtgärten, die unter der Last von Aepfeln, Birnen und Pfirsichen zu brechen drohen. Um das Haus herum tummeln sich ein halbes Dutzend Jungens und Mädchen von hellrother Gesichtsfarbe, und herausgeputzt, als wären sie so eben aus Stubbs Laden zu Philadelphia gekommen. Am Sonntage lesen sie ihre Bibel, oder satteln sich ihre Pferde, und begleiten Mistreß Tomahawk zur Kirche; dem Häuptlinge, der ziemlich behaglich und comfortabel aussieht, lesen und erklären sie die Zeitungen, und der alte Tomahawk rühmt sich, daß seine Buben bessere Mediciner geworden sind, als die der Weißen. Und er ist noch stark in Zweifel, ob seine zwei ältesten Söhne Advokaten oder Doktoren werden sollen. Zweimal jedes Jahr macht Mistreß Tomahawk eine Tour nach Cincinnati auf ihrem sechsspännigen Wagen, der, mit Butter, Ahorn-Zucker, Käse, Mehl und Früchten beladen, einen Zug darbietet, den kein Gouverneur aufweisen kann. Sie hat stets zwei ihrer Söhne als Vorreiter bei sich. Und sie ist eben so sehr das Schrecken der Marktinspectoren allda geworden, als sie das Orakel und der Liebling aller Marktweiber — und Männer ist.