Wartalun
Achtes Kapitel
Es war in diesen Sommertagen, als in Wartalun ein Brief von Friedel Gentler eintraf, einem Studienfreund und Reisegefährten des jungen Grafen. Er meldete sich ziemlich ohne Anfrage im Schlosse an und begründete seinen Überfall in unumwundenem Freimut mit seiner bösen Lebenslage. Es bestand seit Jahren eine Art Freundschaft zwischen den beiden Männern, die vielleicht ihre tieferen Gründe weniger in einer Verwandtschaft ihrer Eigenart oder ihrer Interessengebiete hatte als vielmehr in einer starken Neigung, die der andere zu Helmut gefaßt hatte. Der haltlose Charakter und die leichtfertige Lebensart des jungen Architekten hatten in dem verschlossenen Wert Helmuts und im Ernst seiner Lebensführung eine Art uneingestandener Stütze gefunden, und der junge Gutsherr erwiderte diese Neigung, wenn auch nicht im gleichen Maße, so doch mit jener Dankbarkeit, die innerlich viel beschäftigte Menschen zuweilen an Kameraden bindet, deren freimütiger Frohsinn ihnen in tatenlosen Stunden Aufmunterung oder Erholung gewährt.
Helmut war durch den Brief anfänglich eher überrascht als erfreut. Er las die burschikosen Worte des Freundes wie Klänge aus einer versunkenen Welt, die ihm längst fremd geworden war, und empfand darüber mit heimlichem Schreck, wie sehr die letzte Zeit seines Lebens ihn auf andere Werte und neue Hoffnungen gestellt hatte. Da ihm in den Sinn kam, mit welch argloser Freude Elsbeth die Gegenwart des lustigen Freundes früher stets empfunden hatte, und da er erwartete, ihr Ablenkungen zu verschaffen, vielleicht auch in einer leisen Hoffnung, dem eigenen Zustand ein wenig äußerliche Besserung zu bringen, duldete er das Herannahen dieses Besuchs ohne Einspruch. Gegen seine Gewohnheit teilte er die Neuigkeit erst nach seiner Entschließung seiner Frau mit.
Sie winkte ihm anfänglich nur müde, in jener etwas verstörten Traurigkeit ab, die er ihr seit den letzten Geschehnissen anmerkte.
»Jetzt?« fragte sie zögernd und sah auf ihre Hände nieder. Aber je mehr die Person Gentlers ihr wieder gegenwärtig wurde, um so eifriger trat sie plötzlich für sein Kommen ein.
»Doch«, sagte sie, »es ist eine Abwechslung, es wird auch dich zerstreuen, und ich kann mich ja zurückziehen, soviel ich will; denn Sorgen um das Gutswesen brauch' ich mir ja wahrhaftig nicht zu machen.«
Plötzlich verstand er sie. Ihre ablehnende Stellung war gar zu rasch in Bereitwilligkeit umgeschlagen, als daß nicht eine Hoffnung hinzugekommen sein mußte. Er lächelte bitter. Wie sie Afra unterschätzt, dachte er. Nein, Afra wird einzig über ihn lachen.
So blieb es bei diesem Entschluß, und er ließ im Hause Vorbereitungen treffen, den Gast zu empfangen. Es gab Raum die Fülle, und Helmut ordnete an, daß zwei große Parterrezimmer, die zum Park hinausführten, für den Freund hergerichtet werden sollten. Es kam doch ein kleiner, heimlicher Stolz in ihm auf und die aufrichtige Freude, freigebig bewirten zu können.
Afra weilte immer noch in Wendalen. Wollte sie denn gar nicht zurückkehren? Er hatte erst in diesen Tagen ganz empfinden gelernt, in welche Gefangenschaft und Freiheit er alle tiefere Freude seines Daseins gegeben hatte. Seit Afra fort war, war ihm im Blick auf alle Herrlichkeit, die ihn hier verschwenderisch umgab, zumute, wie einem sein mag, der eine Landschaft im Nebel wiedersieht, die er aus Tagen voll Sonnenschein in seiner Erinnerung trägt. Seine geistige Arbeit ruhte völlig, schon seit jenem ersten Tag, an dem er an Afras Seite die Räume des Schlosses durchwandert hatte.
Der Nachmittag des Tages war ihm bei allerhand Erwägungen damit herumgegangen, daß er eine Urkunde verfaßt hatte, die Afra zur Eigentümerin des Vorwerks Wendalen einsetzte. Darüber hatte er zum erstenmal in Erfahrung gebracht, wie groß Wendalen war, welch weite Gebiete von Wald und Wiesen dazugehörten und daß allein die Viehbestände ein kleines Vermögen darstellten. Die ausgedehnten Wiesen, die in linden Abhängen zum Kornland hinaufführten, boten seit Jahren ganzen Generationen von Rinderherden ausgiebige und billige Ernährung, so daß die Unkosten der Zucht in außerordentlich günstigem Verhältnis zu ihren hohen Einkünften standen. Das Herrenhaus, die Beigebäude für das Gesinde und die Tagelöhner, die Ställe und Heuschuppen waren mit einer Summe versichert, deren Höhe ihn einen Augenblick zögern ließ. Nicht aus Habgier oder aus Zweifel an seinem Entschluß, sondern einzig deshalb, weil er sich für kurz bemühte, sich diese Summe, die er in Zahlen las, vorzustellen, gemessen an den Lebensverhältnissen, die er kannte. »Liebe kleine Herrin von Wendalen«, sagte er vor sich hin, und sein Herz zitterte vor Erhobenheit und Freude.
Stolz und traurig setzte er zuletzt seinen Namen unter das Schriftstück, diesen Namen, der nun so viel Gewicht bekommen hatte, wo es galt, über irdisches Gut zu verfügen. Er hatte früher seinen hohen Titel eigentlich so gut wie abgelegt, da er in der bürgerlichen Gesellschaft, in der er Verkehr gepflogen hatte, ohne große Mittel nur geringes Ansehen gehabt hätte, eher beinahe einen kleinen Anflug von Lächerlichkeit. Es kam hinzu, daß seine Frau nicht aus seinem Stande war, sondern eine Lehrerstochter aus der Provinz. Ihre geduldige Liebe hatte seine einsame Jünglingszeit reich gemacht. Er mußte lächeln, konnte aber nicht umhin, sich zuzugestehen, daß seine neue Lebenslage kaum merklich begann, seine Anschauungen zu verändern. Gewiß nur im Unwesentlichen, aber er lernte doch vielerlei verstehen, was er früher bei seinen hochmütigen Standesgenossen verachtet hatte. Aber die innere Unruhe, in die ihn seine großen Besitztümer versetzten, war oft so stark, daß er es neben anderem beinahe wie eine Erleichterung empfand, daß Wendalen nun Eigentum Afras geworden war. Er beschloß, am nächsten Tage in aller Frühe aufs Landratsamt von Cismaren zu fahren, um die Urkunde beglaubigen zu lassen.
Am späten Nachmittag durchschritt er den Garten, er begegnete in den dichtbewachsenen Niederungen seiner Frau, die er im Gespräch mit Afras Vater fand. Helmut hatte diesem einfachen Mann gegenüber stets gegen eine große Befangenheit zu kämpfen, aber heute gelang es ihm über Erwarten, eine Stellung zu dem Alten zu finden. Er sah heimlich zuweilen in dies derbe, gutmütige Bauerngesicht, während gemächlich über die Obsternte, über Weganlagen und Neuanpflanzungen verhandelt wurde. Kam auf Afra die Rede, deren Anweisungen dem Manne einzig als gerechtfertigt und klug galten, lächelte er einfältig und stolz, als ob er sagen wollte: Nicht wahr, das ist einmal ein Prachtmädel. »Ohne Afra«, sagte er einmal und stellte die Gießkanne auf den Kiesweg, »ginge es hier wohl nicht mehr lange gut, Herr Graf. Der Tote hat gewußt, was er an ihr hatte.«
Helmut nickte. Er empfand die Ungehörigkeit solcher Worte vor ihm und mußte an Afras Tadel denken, die ihm vorgeworfen hatte, seine Freundlichkeit gegen die Leute verwischte den Abstand. Auch ihr Vater gehörte zu den »Leuten«, wie unfaßbar ihm das erscheinen konnte. Aber war sie selbst nicht oft von betörendem Liebreiz der Herablassung? Aber dann dachte er an Melchior und jene bösen Augenblicke, in denen ihn der Alte, wie um sein Leben, um Barmherzigkeit angefleht hatte. Den Untergebenen liegt nicht an einer Freundlichkeit, die nicht einzig dazu da zu sein scheint, ihnen Härte verständlich zu machen. Er fühlte, daß er allen gleichgültig war und daß Afra von ihnen geliebt wurde. Herrschen kann niemand lernen, Vertrauen niemand erzwingen, dachte er. Irgend etwas stimmte ihn traurig, er entließ den Alten gleichgültig und empfand, wie er ihn dadurch kränkte.
Vielleicht hatte ihn nur der Gedanke verstimmt, daß jeder nächste Augenblick ihn mit Elsbeth allein finden könnte. Seit jener verhängnisvollen Nacht vermied er jede Zusammenkunft, die zu einer Aussprache hätte führen können, und schlief allein. Er bemühte sich, in ihrer voreiligen Handlung einen Vertrauensbruch zu sehen, und redete sich gewaltsam in die Berechtigung seiner Härte hinein. Die Ungerechtigkeit dieser Stellung wurde ihm durch einen tiefen notwendigen Zwang seines ganzen Wesens erträglich. Eigentlich dachte er wenig darüber nach, er floh vor sich selbst, sobald das stille Leidensbild seiner jungen Frau vor ihm auftauchte. Mochte sie für sich einstehen; litt denn er selbst weniger? Alles zurückliegende Glück füllte sein Herz mit Wärme und Dankbarkeit einer schönen Erinnerung, nun aber mußte es zu Ende sein. Die grausame Unerbittlichkeit seiner neuen Liebe machte ihn hart und blind; in seiner Hingabe an diese Liebe und in ihrer ausschließenden Macht fand er seinen Freispruch und seine Kraft zur Härte. Es kam ein unbestimmtes Empfinden hinzu, daß diese Wochen einer vorgerückten mütterlichen Erwartung nicht die Zeit seien, auf eine Klärung der neuen Art der Beziehung zu dringen, er verschob alles auf spätere Tage, ohne Hoffnung und ohne Glauben, aber doch in der vagen Erkenntnis, daß die Zeit die Entscheidung von selbst bringen mußte.
Und doch war er sich dunkel eines tiefen Irrtums bewußt, eines heimlichen Frevels am gerechten Gang des Weltwesens, aber er tröstete sich mit jenem Glauben an die Unzulänglichkeit alles Irdischen, der schwachen Naturen und denen, die nicht an das Recht ihrer Liebe zu glauben vermögen, ihr armes Gleichgewicht verleihen kann.
Wie weit und einsam die Sonne an diesen Sommertagen ihren großen Himmelsbogen zog. Langsam wechselte mit den ruhigen Stunden ihr Schein in den hohen Räumen des Schlosses, nun leuchtete der Saal, und im Hof lag noch die abwartende Kühle, die der Garten hinübersandte, nun sanken die hellgoldenen Flecke durch die Lindenzweige auf den Brunnenrand, die Dächer des Flügels strahlten die Mittagshitze aus, und alles schien in Schlaf zu versinken. Nur von den Scheunen herüber, die außerhalb der starken Ringmauer lagen, klangen zuweilen die Rufe von Männern oder Frauen, das Knattern der Leiterwagen und die wohltuenden Stimmen der Haustiere. Mit der herabsinkenden Dämmerung erwachten die melancholischen Töne, die mit der kommenden Nacht der ländlichen Einsamkeit zu entstehen scheinen: ein rasch unterbrochener trauriger Gesang, der sich wie eine Klage erhob und am dunklen Herzen der Erde zur Ruhe ging, von irgendwoher die sanftmütige Heiterkeit einer Ziehharmonika, gedämpft von den Blättern der Linde und auch in ihrer fröhlichsten Weise noch von eigenartiger Traurigkeit, von einer Traurigkeit, die dem Seufzen der ermüdeten Kreaturen zu entstammen schien und die sich in keine Gewißheit von Licht oder Freude zu erheben vermochte. Fern aus dem Moor herüber antworteten zuweilen fremdartige Vogelrufe oder der Chor der Frösche, die ihre Gefährten in den Schloßgräben riefen. Es gab auch viele Eulen in Wartalun, die zu späterer Stunde der Dämmerung aufbrachen und oft in ihrem lautlosen Flug aus den Obstgärten auftauchten, um im Mondschein auf den schwarzen Zinnen der Ringmauer zu sitzen oder auf dem Giebel der Scheunen. Einen herrlichen Anblick bot der Vollmond, wenn er rot und groß aus dem Dunst des Moors emportauchte. Diese rötliche Stunde am Himmel, die den Wald noch in blauen Schleiern fand, brachte das Wesen einer Herrschaft in die Welt, der keine Gewalt zu vergleichen war, und die Erde gab eine schwermütige Antwort voll tiefer Ergebenheit. Das waren die girrenden und lockenden Wohlklänge, deren Wesen kein irdischer Name nennt, die aus dem warmen Schatten emporstiegen, nicht Klage und nicht Jubel, nicht als Blätterflüstern erkennbar und nicht als Mädchenseufzen — und doch hätten sie beides sein können.
Friedel Gentler war gekommen. Sein unbesorgtes Lachen füllte die feierliche Stille der Schloßräume und des Parks. Er wollte anfangs alles auf einmal, reiten, fischen, jagen, und dabei das ganze Anwesen auf einen besseren Stand der Verwaltung bringen. »Du verstehst ja nichts«, sagte er zu Helmut, »und darüber vernachlässigst du noch deine Frau.« Helmut ließ den Sturm von Plänen, Hoffnungen und Ermahnungen ziemlich gelassen über sich ergehen, weil er den Freund zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß es dabei blieb. Weit besorgter machte ihn die innere und äußere Verfassung, in der der junge Mann sich befand und die er vergeblich zu verbergen suchte. Es war bald zu einer Aussprache gekommen, und Helmut hatte ausgeholfen, mit Geldmitteln, die quälende Verpflichtungen aus der Welt brachten, mit Aufmunterung und Trost und sogar mit Wäsche. Nun war Friedel obenauf, glaubte einmal wieder das bösartige Leben überwältigt zu haben und verspottete seinen Wohltäter. Er hatte eine liebenswürdige und harmlose Art, sein Selbstbewußtsein zu behaupten, und schon die äußere Stellung, die er bei seinen Reden einzunehmen pflegte, duldete keinen Widerspruch. Wenn er, die Hände so tief in den Taschen, daß die Hose zwei hohe Gebirge bildete, die Brust eingesunken und den Kopf vorgestreckt, von unten herauf und doch gewissermaßen von oben herunter, auf Helmut einredete, so schien sein Übergewicht auf allen Gebieten erwiesen. Es war auch gewiß nicht zu bestreiten, daß er bei einer etwas saloppen Sprachgewandtheit manch guten Einfall hatte, nur fehlte ihm jedwede Kraft, seine Einsichten durch Handlungen nützlich zu machen. Einmal war es, bei aller Langmut des jungen Schloßherrn, zu einer kleinen Differenz gekommen, die zwar nicht von tieferer Nachwirkung gewesen war, wohl aber die Stellung des voreiligen Beurteilers, Helmut gegenüber, endgültig verschob. Es hatte sich um Elsbeth gehandelt, deren Lage den gutmütigen Friedel empörte:
»Du verstehst das Leben nicht«, sagte er überlegen, »sieh mich an, ich nehme das Leben, wie es ist, ohne viel zu grübeln.«
Helmut errötete tief, nach einer Weile sagte er ruhig:
»Ob du das Leben nimmst, wie es ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmst du an, was man dir zum Leben gibt.«
Friedel sah ganz bestürzt auf:
»Was willst du damit sagen?«
»Ich will damit sagen, daß ich deine Achtung vor Angelegenheiten meines Lebens fordere, wenn du es teilst. Die Dinge sind nicht dort zu Ende, wo du aufhörst, sie zu erkennen. Blamiere dich, soviel du willst, versuche aber nicht, mir klarzumachen, daß deine Purzelbäume im Land der Erkenntnis Offenbarungen sind, die die Menschheit erretten.«
»Donnerwetter«, sagte Friedel ganz verdutzt, »du bist wahrhaftig noch der alte. — Du solltest aber nicht vergessen, daß ich das im Grunde weiß. Ist es nicht richtig, daß ich mit allem Innerlichen, sozusagen mit meinen Herzensangelegenheiten, immer zu dir gekommen bin? Sag selbst ...«
Helmut mußte wider Willen lächeln.
»Ja«, sagte er, »es soll auch künftig kein Gebot ergehen, daß die Ablagerung von Schutt bei mir untersagt ist, aber tritt dabei nicht auf die Beete.«
Friedel lachte.
»Weißt du, wenn ich solche Scherze machen könnte wie du, täte ich es häufiger.« Aber dann wurde er plötzlich traurig und sein Gesicht, dies unstreitig hübsche Gesicht eines gealterten Knaben, verzog sich voll trotziger Bekümmernis.
»Es ist wahr«, meinte er, »ich bin ein Lump, einfach ein Lump. Aus mir wird nichts mehr. Die Zeit ist verpaßt. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt und habe es zu nichts gebracht, bei all meinen Anlagen. Ich habe keine Hände zum Zugreifen, bin gewissermaßen ein Mensch ohne Schubladen, nichts bleibt bei mir, ich kann nichts bewahren.«
»So bewahre dir dein gutes Herz«, sagte Helmut, und es kam etwas von jener tiefen, leidenden Güte in seine Augen, die den Freund überwunden hatte, so oft sie ihm begegnet war und so lange er zurückdenken konnte. —
Als am anderen Tage Helmut, Elsbeth und ihr Gast auf der Terrasse, die zum Garten hinunterführte, vereint beim Nachmittagskaffee saßen, sagte Friedel:
»Ihr lebt hier in einem merkwürdigen Halbschlummer der Erwartung, man hat stets das Gefühl, als käme noch irgend etwas.«
Das Schweigen, das eintrat, bedrückte ihn weiter nicht, und er fuhr fort, große Pläne zum Ausbau und zur Erweiterung der Vorteile zu entwerfen, die man aus einem Landgut dieser Art ziehen könnte. Eigentlich war Helmut seinen Fragen über den Wert Wartaluns und über die Art seiner Betätigung ausgewichen. Wohl hatten sie weite Ritte miteinander gemacht, und der junge Gutsherr hatte, keineswegs ohne ein wenig Stolz und mit sichtlichem Wohlbehagen, über dies und jenes geplaudert, aber da Afras Name nur beiläufig gefallen war, konnte sich der Freund immer noch keine rechte Vorstellung von Helmuts Art der Verwaltung seines Guts machen.
»Man kann sich doch nicht so ohne weiteres auf die Leute verlassen«, hatte er einmal gesagt. »Du tust dich nicht genügend um.«
Heute war eine eigene Belebtheit im Schlosse ihm aufgefallen. Er wußte nicht recht, wie sie entstanden war und was sie bedeutete. Aus dem alten Melchior, der sich durchaus nicht auf seine jovialen Späße verstand, war nichts herauszubringen, und Elsbeths kleiner Iduna hatte er die Harmlosigkeit gleich anfangs durch einen zu großen Ernst geraubt, mit dem er seine Eroberungen einzuleiten pflegte. Nun sah sie in jeder arglosen Frage einen erneuten Versuch heroischer Würdigung ihrer Vorzüge, was ihr ungewohnt war, und so weit war Friedel noch nicht vorgedrungen, daß sich alles in der Vertrauensseligkeit der erhofften Liebelei auflöste.
Elsbeth flößte ihm eine fremde Ehrfurcht ein, wie arglose Männer des geistigen Mittelstandes sie oft vor einem geheimen Schmerz fühlen, dessen Art und Ursprung sie nicht kennen. Er führte es auf ihren Zustand zurück und verletzte häufig durch sein bemerkbares Zartgefühl. Trotz allem war er gerne gesehen, selbst Helmut suchte seine Gesellschaft, freilich nicht einzig aus Gründen einer persönlichen Sympathie.
»Ach, Gräfin«, seufzte Friedel, und schob den Strohhut gegen die schrägen Sonnenstrahlen, »jetzt hast du es gut, nur bleibe ich bei der Behauptung, daß du fröhlicher sein könntest. Ich werde der Pate des Thronfolgers, das mußt du mir versprechen. Es sichert meine Existenz.«
Melchior servierte mit weißen Handschuhen und veralteten Gewohnheiten den Kaffee. Auf dem Geländer der Terrasse saß ein weißer Kater in der Sonne und säuberte seine weiche Pfote in umständlicher Anmut. Im Efeu hörte man die Sperlinge, ein Duft von Heu und trockenen Sommerblumen kam im lauen Windzug von den Wiesen herüber. Da seufzte Friedel schwer auf, und es brach ihm aus der entlegensten Tiefe seines Herzens das Bekenntnis:
»Es ist doch eigentlich was ganz Feines, so ein Schloß.«
Helmuts Lachen verdutzte ihn.
»Was denn ...« meinte er, »etwa nicht?«
Da riß ein beherzter Hufschlag von der Landstraße her die Drei aus ihrem gemächlichen Einerlei. Jetzt klang er auf den Steinen des Hofs, und mit einem derben Niedersprung wurde ein so gewaltiger Fluch ausgestoßen, als gälte es, Wartalun dem Erdboden gleichzumachen. Helmut, der erbleicht war, ließ sich mit einem Lächeln der Erleichterung in den Korbsessel sinken, als er diese Stimme hörte, und gleich darauf tauchte Martins stürmischer Gassenbubenkopf am Gitterzaun auf. Er sah flott und kräftig aus, wie er über den Gartenweg auf die Terrasse zuschritt, im wohlgepflegten Reitanzug, mit helledernen Stiefeln und dunklem Hut.
Es war nur ihr Diener, ihr Bote, und doch schlug dem jungen Gutsherrn das Herz zum Zerspringen, er rang mit ganzer Kraft um seine Gelassenheit, es wurde ihm um so schwerer, als Elsbeth ihre Bestürzung nicht verbarg.
Martin riß den Hut herunter, viel zu munter, als daß es sonderlich respektvoll erschien, und sagte froh:
»Heute abend kommt Fräulein Afra zurück. Ich soll bestens grüßen.«
Dann sah er Friedel Gentler und verbeugte sich noch einmal, ohne sein Erstaunen zu verbergen.
Der Graf entließ ihn so herzlich, wie Friedel ihn nie vor einem Angestellten gesehen hatte. Erstaunt sah er umher. Der weiße Kater hatte sich mit Martins Ansturm eilig davongemacht, überhaupt schien alles verändert.
»Das ist deine Verwalterin, von der du mir erzählt hast, nicht wahr?« fragte er Helmut. »Ist denn das so ein Ereignis, wenn die kommt?«
»Ein Ereignis? — Ich muß es wissen.«
»Na, dann weißt du's ja jetzt«, gab Friedel etwas unsicher zurück, denn die Antwort hatte kühl und abweisend geklungen.
Elsbeth schickte ohne ein Wort zur Sache Melchior nach Iduna, an deren Arm sie nach einem leidenden Gruß die Herren verließ. Helmut kämpfte seinen Zorn nieder. Beinahe boshaft gesinnt, dachte er: Als hätte ich jahrelang nicht gesehen, wer du bist, wie erbärmlich, wie würdelos macht dich dein Schmerz.
»Die mußt du mir aber mal vorstellen«, sagte Friedel, als sie allein waren, durch Unbestimmtes angeregt, das in der Luft lag.
»Das kommt ja von selbst«, gab Helmut zurück, »heute abend wird es sich nicht mehr machen.«
Er ging kurz darauf, examinierte Martin und befahl sein Pferd, um Afra entgegenzureiten.