Wartalun
Zwölftes Kapitel
Die Vorbereitungen zum Herbstfest hatte Afra nach mühsamen Anweisungen teilweise in Friedels Hände gelegt, und zum erstenmal bewährte er sich über Erwarten. Er ging so weit, den Wartaheimer Dorfmusikanten in umständlichen Reden, von denen sie kein Wort verstanden, die Grundgesetze einer höheren Musik klarzulegen, und blieb dies Opfer seiner Geisteswelt auch unbedankt, so gelang es ihm doch, wenn seine Geige ihre Tanzweisen anführte, ein ganz neues Leben und einen frohen Schwung in ihre Spielart zu bringen. Helmut traf ihn, als er mit einer verrosteten Kneifzange im unteren Saal Versuche machte, den alten Flügel zu stimmen, der dort seinen betagten Charakter noch zuweilen bei dererlei Festlichkeiten preisgeben mußte.
»Dieser Apparat ist eine Katastrophe«, sagte Friedel. »Er stammt aus einem Zeitalter, in dem die Musik noch in den primitivsten Uranfängen gewesen sein muß. Hör dies! Ist das ein Ton?«
Helmut mußte es verneinen.
»Gib acht, was ich aus diesem Instrument machen werde. Afra bewundert mich seit gestern mit Hingabe. Sie spielt bereits mit einem Finger, daß dir Tränen über die Backen laufen, lauter alte, bewährte Volksweisen.«
Der Saal lag voller Girlanden, Papierlaternen und Fähnchen, in der einen Ecke wurde eine Tribüne errichtet, in der anderen ein Schanktisch. Von der Linde zu den geöffneten Fenstern waren Schnüre gezogen, die die bunten Ampeln tragen sollten.
»Dieser Konstantin muß ein feiner Kerl gewesen sein, Helmut, da sind wir matte Epigonen, weiß Gott. Er hat den fremden und eigenen Arbeitern dies Fest gegeben, damit ihr Lohn nicht gleich wieder in die Schenken springt. Alles auf seine Kosten, und jedem so viel, als er wollte. Dieses Gesindel weiß nicht, was es bedeutet, einen Kater zu ersäufen, sie schleppen ihn mit heim und ihr Geld dazu, lassen ihn verdursten und denken für Wochen nur an Fortpflanzung. Aber diese Einrichtung ist das wenigste, ich habe den Förster examiniert. Junge, ich sage dir, das ist hier ein Leben gewesen, von dem wir uns in unseren kühnsten Phantasien nicht annähernd eine Vorstellung machen. Dieser schartige Buschklepper da drunten sieht mit seinen zwei demolierten Teckeln auf Jahrzehnte zurück, und der Graf hat für sein Leben Verwendung gehabt, Himmel, das glaub'! Jedes Jahr eine andere Frau! Den Winter über war er in der Hauptstadt, und wenn es Frühling wurde, schleppte er sich Jahr für Jahr eine andere unter die Syringen. Einmal — ich sage dir, der Förster kann erzählen, daß einem die Haut einreißt — bekam eine Wind von der Schar ihrer Bettschwestern der Vergangenheit, sie legte sich aufs Ahnen, was die Zukunft betraf, und tunkte sich eines Nachts in den Schloßgraben. Morgens fanden sie sie. Sie schwamm im Hemd an der Oberfläche zwischen den Wasserrosen, und sie fischten sie mit Stangen heraus. Weißt du, mit Stangen ohne Haken, so daß sie immer wieder untertauchte. Der Alte war mit aktiv. Ihre Beine und Arme hingen ins Wasser hinab, und ihre Kehrseite ragte nachdenklich in die Morgenluft ...«
»Schweig«, rief Helmut, »du bist frivol.«
»Ich berichte Tatsachen. Als dann Afra zehn Jahre alt war, soll er es aufgegeben haben, vielleicht auch, weil er alt geworden war. Weißt du, daß der Förster sagt, Afra sei die Tochter des Grafen Konstantin?«
Helmut erbleichte.
»Leutegeschwätz«, stammelte er.
Friedel sah ihn groß und lange an.
»Scheint mir nicht. — Die Frau dieses Gärtners, Garting oder wie er heißt, soll sehr schön gewesen sein. Nicht nur das. Eines Tages ging sie mit irgendeinem Luftikus auf und davon und ließ ihre alternden Verehrer im Vorder- und Hinterhaus samt ihrem Wickelkind im Stich. Aus dem Bündel entwickelte sich Afra. Stammt sowas aus der Hefe des Volks? Sag selbst.«
Helmut fühlte sich durch irgend etwas schmerzlich berührt, ihm war, als zögen Friedels Worte alles in den Alltag, für jenen gab es nur faßbare Tatsachen, mit ihrer Feststellung erledigte er die Dinge, ohne ihr Wesen zu empfinden.
»Laß mich in Ruh«, sagte er gereizt, »es ist mir gleichgültig, woher Afra stammt.«
Friedel, der gewohnt war, in Helmuts Verstimmungen Vorwürfe gegen sein Verhalten zu suchen, lenkte ein:
»Sieh mal«, meinte er, »du mußt nicht denken, weil ich oft so leichtfertig spreche, ich sähe deshalb den Dingen nicht auf den Grund. Meinst du, ich erkennte immer nur die Außenseite? Kein Gedanke. Ich fühle genau, was sich hier vollzieht. Es ist etwas wie eine große, heimliche Rache. Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Jetzt sind wir daran, zu erliegen, vielleicht ähnlich, wie es früher die Frauen waren, die hier ihr Schicksal erlitten haben. Mich für mein Teil hat's an der Gurgel ...«
Und indem er fortfuhr auf diese Art zu sprechen, machte er alles durch sein Verständnis um vieles schlimmer als zuvor durch seinen Unverstand.
Helmut verbrachte den Tag in Sorge und tiefer innerer Erregung, die er hinter der Anteilnahme zu verbergen trachtete, die seine Umgebung von ihm forderte. Friedel erschien ihm als ein glücklicher Mensch. Wohl sah er oft mit heimlicher Rührung in das Gesicht des Lumpen, das zuweilen in eine traurige Versunkenheit fiel, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Friedel, der über alles redete, was ihn bewegte, sprach nie über seine Liebe zu Afra. Oft war es Helmut, als sei die Neigung des anderen sein erstes tiefes Lebensgefühl, seine erste Besinnung, die ihn unvorbereitet antraf und in einer Zeit, in der seine Widerstandskraft bereits aus dem Lichtbereich einer mutigen Jugend in die Nachdenklichkeit frühen Alterns gerückt war. Nur abends zuweilen, wenn sie sich beim Wein zusammenfanden, was jetzt häufig geschah, lösten die Geister der schlummernden Sonne im Wein die wehmütigen Hoffnungen Friedels. Er ließ ihn dann sprechen, obgleich er bitter unter den Worten litt, die ihn trafen, und er schämte sich eines Gefühls von Gemeinschaftlichkeit, das er nicht ganz unterdrücken konnte.
Das Fest stand ihm um so mehr bevor, als nicht zu vermeiden war, daß Spiel und Jubel und Tanz bis hinter die halbgeschlossenen Läden des Flügels klingen würden, hinter denen Elsbeth ihre langsame Genesung erlitt. Sie wollte niemand in ihrer Nähe dulden, außer der Pflegerin und der kleinen Iduna, deren frische Wangen langsam im Dämmerlicht des Krankenzimmers zu welken begannen. Helmut hatte ihre Ablehnung auch seiner Gegenwart vielleicht ein wenig allzu rasch und bereitwillig als Äußerung eines bewußten Willens genommen. Sein Schmerz und seine Hoffnung warfen ihn hin und her, und seine Vorstellungen verirrten sich mehr und mehr in grausame Erwartungen. —
Es war die Neige eines herrlichen Spätsommertags, als unter den Klängen der Dorfmusikanten die geschmückten Wagen durch die Sonne in den Schloßhof rollten. Die unteren Räume des Hauses waren ganz verändert. Als die Wagen durch den hohen Torbogen einfuhren, verstummten Gesang und Lachen, und unter den Zweigen der Linde regte es sich farbig, befangen und feierlich. Zu der gewohnten Erhobenheit der Feststimmung kam diesmal die neugierige Scheu und die heimliche Spannung, wie alles sich unter der neuen Herrschaft gestalten möchte. Helmut war erst beruhigt, als er Afra bei sich sah. Sie trat in dem Augenblick in sein Zimmer, als seine Hilflosigkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte.
»Gott sei Dank«, sagte er, »was soll denn dies alles nun werden? Was erwartet man von mir?«
Im Dämmerlicht des Zimmers sah er erst nun, wie das junge Mädchen vor ihm stand. Sie trug ein Kleid aus schwarzem Samt, das die schlanke Fülle ihrer jungen Gestalt von oben bis unten beinahe ohne eine Falte umschloß. Am Hals und an den Armen waren schmale Krausen aus weißen Spitzen angebracht, und eine schwere weichfaltige Schleppe zog sich lang am Boden hin und legte sich nun, da sie sich ihm zuwandte, einschnürend fest um die Knie und ruhte breit neben ihr. Auf dem blonden Haar, dessen helles Kupfer funkelte, hob sich klein und rund ein barettartiger Samthut, von dem eine einzige, ungeheure weiße Straußenfeder tief in ihren Nacken fiel, sie leuchtete über dem goldenen Haar wie ein hinsinkender Zweig von Blüten und ruhte blendend hell mit ihrer breiten Rundung auf dem Nachtgrund des Kleids.
»Afra!«
»Das Kleid? Das hat mir Graf Konstantin geschenkt, als ich zum erstenmal an seiner Stelle am heutigen Tag den Leuten ihre Festgeschenke gab. Willst du diese Liste durchsehen, ob es dir so recht ist?«
»Ich danke dir für alle Mühe. Natürlich, natürlich es ist so recht. Aber du? Wie soll ich deinen Anblick ertragen, ohne dich besinnungslos anzubeten? Afra!«
»Willst du dann, bitte, hier unterzeichnen? Danke. Deine Hand zittert ja, Helmut. Sieh, ich muß nun an diese Dinge denken. — Nein, dort unterschreibe nicht, das geht Wendalen an ...«
Er zog die Hand zurück.
Seine Überraschungen dauerten an, als Martin kam und als er später den alten Melchior in seiner Staatstracht sah. Die roten Röcke leuchteten, und die Livreeknöpfe blinkten. Die Kniehosen aus schwarzer Seide, die Schnallenschuhe und die weißen Strümpfe gefielen ihm wohl, es faßte ihn für einen Augenblick ein froher Taumel von Machtbewußtsein und Würde. Auf ganz neue Art bewunderte er Afra, und ihm war, als wüßte er erst nun, welch eine Ungeheuerlichkeit die Gelassenheit gewesen war, in der sie Wendalen als ihr Eigentum anerkannt hatte. Martins Augen glänzten, wenn er zu Afra aufsah. Es kam Helmut bei aller Befangenheit, in die diese Begebnisse ihn brachten, im Augenblick in den Sinn, was er über den Burschen und die Mädchen des Guts gehört hatte. Er verlachte die Leichten alle ...
Nun brachte er die Nachricht, daß die Leute warteten und ob sie mit dem Ständchen zu Ehren des Herrn Grafen beginnen dürften. Das war stets der Anfang; Helmut ordnete nervös an seiner Krawatte. Er stand in seinem einfachen schwarzen Rock so schlicht und abseitig neben Afra, ihm war, als warteten alle nur auf sie.
»Was erwartet man von mir?« fragte er.
Das Mädchen winkte Martin hinaus, dann sagte sie:
»Du mußt ein paar Worte sprechen.«
»Das kann ich nicht, die Leute verstehen mich nicht. Ich mache sie nur befangen und erfreue niemand.«
»Ja«, sagte Afra. »So werde ich es tun.«
Er fühlte, daß sie mit seiner Weigerung gerechnet hatte. Einen Augenblick wallte es heiß in ihm empor, aber als er Afras Hand sah, wie sie leicht geballt, hellbraun und zart und aller Fassung gewiß an ihrer Hüfte ruhte, ergab sich sein ehrfürchtiges Herz gehorsam dem beschwingteren Willen und dem höheren Recht. Hier, wo nun alles um ihn her im Geist des Toten auferstanden war, wagte er der heimlichen Herrlichkeit dieses großen Lebendigen von Wartalun nicht zu trotzen.
Auf dem Vorplatz zur Terrasse waren die Leute, sommerlich geschmückt und in festlichen Kleidern, versammelt. Die Kinder standen im Vordergrund, ihre bunte Schar war durch die Wartaheimer Schuljugend zu einem Chor ergänzt worden, und der Lehrer, der ihnen ihr einfaches Lied eingeübt hatte, stand steil und überragend in seinem Gehrock neben ihnen. Dann kamen die Reihen der Mädchen und Frauen, die Burschen und Männer bildeten den Hintergrund. Zu diesem Feste versammelten sich auch noch ein letztes Mal die fremden Arbeiter, die nur für die Erntezeit angeworben waren und die nun wieder in die Weite mußten. Als Melchior die hohen Glastüren der Veranda öffnete, die zur Terrasse hinausführten, und Helmut neben Afra das Plateau betrat, empfing sie, in verwirrender Inbrunst, der blecherne Jubel der Dorfmusikanten, die Frauen und Mädchen schwenkten ihre Tücher, und die Männer zogen die Hüte und reckten sie in die Luft. Da wandte sich Afra mit einem bezaubernden Lächeln und in vollkommener Anmut zu ihm herab und sagte leichthin und fröhlich:
»Dies alles ist ja im Grunde nur der Leute wegen, laß dich durch so viel Ehre nicht bedrücken, Lieber. Sie denken nur an ihren Wein und sind so froh wie du, daß dies bald ein Ende hat.«
Und das erleichterte Lächeln einer flüchtigen Geborgenheit an ihrer Seite, das ihm auf die Lippen kam, fand unten bei allen, die ihn betrachteten, einen unbewußten Widerhall, als gälte seine Freude ihnen, und etwas wie ein erstes Vertrauen antwortete ihm in den einfachen Herzen. Und doch wußte er, daß Afra hierüber anders dachte, als sie ihn zu denken lehrte. Ihr war jeder der Vorgänge, die stattfanden, von heiliger Wichtigkeit, sie traute ihm nur nicht zu, daß er Anteil daran nehmen konnte. Sie verachtete ihn im Grunde.
Da trat Afra einen kleinen Schritt vor. — Die Musik brach ab, und die Gesichter wurden bewegungslos ernst.
Und ohne ihre Stimme zu erheben, einfach und klar, als spräche sie zu einem einzelnen, der ihr gehorsam lauschte, begann Afra ihre Worte. Sie sprach von der Arbeit, die zurücklag, und daß sie jedem Dank schuldig sei für seine Treue und seinen Eifer. Sie nannte den Namen des Verwalters von Wartalun und Wendalen, den des Müllers von Annerwehr und den des alten Försters, der sich tief verbeugte, als der seine fiel. Nichts in ihrem Wesen und ihrer Gebärde war herbeilassend oder erbötig, mehr zuzugestehen als diesen kühlen Dank. Helmut sah mit tiefer Bewegung in ihr junges Gesicht, er wurde seiner Ergriffenheit nur mühsam Herr und verstand sein Herz nicht, dem nach Tränen verlangte. Er sah in die jungen und gereiften und in die tiefgefurchten Angesichter unter sich, deren Wangen und Stirnen von der Sommersonne gebräunt waren, von hartem Erwerb gezeichnet oder von der Mühsal des Daseins verzehrt. Alle Augen ruhten ernst auf Afra, der alle vertrauten. Da hörte er:
»Denen, die Wartalun und Wendalen zugehören, teile ich mit, daß Wendalen nach dem Willen des verstorbenen Grafen Konstantin mein Eigentum geworden ist. Wer in meinem Dienst bleiben will, dem steht es frei, ohne daß Änderungen in der Stellung oder im Verdienst von mir vorgesehen sind.«
Es ging eine Bewegung durch die Versammelten. Helmut hörte, wie jemand hinter ihm flüsterte. Er verstand nur »Donnerwetter« und erkannte Friedel, der an der Glastür lehnte. Ihm selber war zu Sinn, als schaukelte der Boden wild, und es faßte sein Herz mit eigensinnigen, kalten Fingern. Ihm war, als müßte er vorstürmen, Afra seine Fäuste in den Rücken rennen und sie die Terrasse hinunterstürzen. Der Geist des Toten, den sie heraufbeschworen hatte, hielt ihn im Bann. Und hatte sie nicht recht? Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Die dort unten wurden für die Erfüllung ihrer Pflichten bedankt, ihm kam kein Dank zu. Plötzlich zog ihn die Kühle einer fernen Ruhe in ihr nahendes Reich empor, machte sein Herz fest und still, und als Afra geendet hatte und zur Seite trat, schritt er auf sie zu, zog ihre Hand an seine Lippen und sagte:
»Vollkommene du, mein Schicksal du. Hab Dank.«
Sie sah ihn an und sagte, als seien sie allein:
»Ich habe es anders vorbringen wollen, aber ich habe es nur so gekonnt.«
Die älteren Leute der Gutsverwaltung kamen herauf, um Helmut und Afra die Hand zu drücken. Ein Kranz von Sommerblumen wurde von den Kindern zur Grabstätte des Verstorbenen gebracht und an der eisernen Pforte niedergelegt. Die Feldarbeiter brachten Helmut, nach alter Sitte, ein schmales Garbenbündel aus Weizen- und Roggenähren, mit Mohn und Kornblumen geschmückt, und sie tranken den ersten Becher Wein, von ihm gereicht, auf der Terrasse. Der Verwalter verteilte die Geldgeschenke, die für rastlose Tage und durcharbeitete Nächte den Leuten zukamen. Dann brach der Schwarm in froher Bewegung auf, um nach dem Festmahl den Tag im Schlosse bei Wein und Tanz zu beschließen. Es war manches von dem unterblieben, was sonst die Feierlichkeiten ausgemacht hatte, so das Vorüberführen der Zuchttiere, das Überreichen von Fischen und Wild, und die Darbietung des besten Geflügels durch die Frauen. Afra hatte es untersagt. Ihr schien, als würde dies weihevolle Tun durch kein Interesse der Herrschaft bedankt, und aus einem sicheren Empfinden dafür, daß mancherlei Einzelheiten für Helmut qualvoll sein mußten, hatte sie nur das Notwendigste zugelassen. Die Abendmahlzeit für die Herrschaften war im oberen Saale serviert. Afra schickte Martin zum Tanz hinunter, aber er wich nicht von ihrer Seite.
»Wir müssen nachher alle noch einmal hinuntergehen«, sagte Afra, »es ist ein lustiger Anblick, und man sieht die Leute unbefangener als sonst.«
Sie wandte sich an Friedel:
»Aber deine Geige laß bei uns hier oben.«
»Doch«, gab er stolz und glücklich zur Antwort.
Friedel liebte in dieser Zeit und für jede künftige seine Geige zärtlicher als je. Er dankte ihr die kurzen Tage seines Daseins, in denen Afra in ihm einen Menschen von besonderem Wert gesehen hatte, er dankte es ihr, daß Afra ihm lauschte, daß sie ihn anhörte und ihn in ihrer Nähe litt, indem sie sich für kurze Augenblicke seinem Spiel anvertraute. Sie hörte durch seine Geige seinen Kummer und das traurige Bekenntnis seiner in den Staub sinkenden, tatenlosen Jugend.
Helmut schlief am kommenden Morgen nicht. Es war sehr spät geworden, ihm war, als er an das geöffnete Fenster seines Zimmers trat, als zeigte sich schon ein matter blauer Schein des nahenden Tages am Himmel. Spiel, Gesang und Tanz lagen ihm noch in den Ohren, eine schmerzhafte Aufgewühltheit seiner Sinne ließ ihn keine Ruhe finden, obgleich der Wein ihn beherrschte. Wenn er die Augen schloß, wogten die hellen Bilder der verflossenen Nacht an ihm vorüber, die drehenden Paare, die goldenen Trompeten, die alles in so aufdringlicher Herrschsucht überschmetterten, und die hellen Stimmen der Geigen, die diese schwerfälligen Laute ablösten und emporzuziehen trachteten. Er hörte wieder Friedels helles Lachen, der sich zuletzt unter die Tanzenden gemischt hatte und sich mit Martin um die kleine Iduna stritt, die zu dieser Feier seit langem zum erstenmal wieder Stunden der Freiheit durchkostete. So mußte es Elsbeth um vieles besser gehen. — Er lehnte sich müde an das Fensterkreuz, wie wollte dies alles enden?
»Was tue ich mit meinem Leben?« —
»Bitte schön, bitte schön«, sagte Martin wieder und verbeugte sich, »ich trete alles an Sie ab, was zu Ihnen will.« Er sah sie wieder zu dreien bei der Musiktribüne stehen, Friedel die Hände in den Taschen. —
Fern von den Feldern herüber klang durch die davonziehende Nacht Gesang, derbes Lachen und Grölen. Unten war alles still geworden, die erloschenen Lampen bewegten sich mit leisem Rascheln im Windzug unter der Linde. Die Saaltüren standen auf, es war noch Licht unten.
Durch alle Bilder, die ihn bedrängten, schritt Afras Gestalt. Zuweilen hatte er geglaubt, unter der Einwirkung des Weins in ihrem Gesicht einen feinen Zug beseligter Hingabe an die Daseinsfreude dieser Stunden gespürt zu haben. Er haßte sie in ihrer Gelassenheit, so sehr er sie darin bewunderte, und sein Verlangen ging darauf aus, sie ein einziges Mal nur in leidender Preisgabe den Mächten unterworfen zu sehen, denen er erlag. — Wenn ich ihr gewaltsam einen schamlosen Streich spielte, so schamlos und armselig, wie meine Not mich macht ...
Unten wurde die Verandatür aufgestoßen.
»Nein, nein«, hörte er angstvoll rufen, »laß mich! Ich will selbst sehen ...«
Er erkannte die Stimme nicht.
Jetzt rief Melchior, etwas barsch, hinter der fliehenden Gestalt her, die über die Terrasse nieder in den Garten eilte.
Es war Iduna. Sie trug noch ihr weißes Kleid vom Fest, im Lichtschein, der mit ihr aus dem Saal brach, erkannte er deutlich, daß sie den Blumenkranz noch in den Haaren trug, mit dem sie getanzt hatte.
Dann hörte er ihre geängstigte Stimme im Hof, sie rief nach Martin.
Er lächelte, aber er fühlte, daß er dies Lächeln herbeizwang. Es hatte ihn eine düstere Unruhe gepackt, die ihn plötzlich so heftig schüttelte, daß er Kraft brauchte, um nicht ins Ungewisse davonzueilen. Er umklammerte das Fensterkreuz. »Da ist es ja, was ich die ganze Nacht erwartet habe ... töricht, töricht bin ich«, sagte er.
Es wurde unten an ein Fenster geschlagen, so daß schon beim zweitenmal die Scheibe zerbrach. Dann hörte er Martin fluchen. Nein, so ging auch im Rausch niemand vor, den sein Herz zu späten Lustbarkeiten trieb. Martins Stimme verstummte sofort, als ihm ein heftiges Flüstern die Kunde brachte, um dererwillen er geweckt worden war.
Helmuts Herz schlug dumpf und langsam, er fühlte es an den Schläfen und im Halse.
Da wurde nach Afra gerufen. Nun wußte er, daß ein Unglück geschehen sein mußte. Er nahm seinen Rock und suchte nach seinem Hut. Waren es nicht doch der Wein und sein krankes Blut, die ihm eine Gefahr vortäuschten? Noch zögerte er, da sah er Martin, nur notdürftig bekleidet, einen Stallknecht, Iduna und Melchior mit Laternen in den Park eilen.
Da wußte er, wen sie suchten. Er wußte es so deutlich, als sagte ihm jemand klar und laut den Namen und das Ereignis: »Elsbeth ist fort.« Und er antwortete dieser Stimme:
»Sie ist tot.«
Er entsann sich später aller kommenden Ereignisse, bis zum entscheidenden, nur noch undeutlich. Ihm war, als habe eine sinnlose Gewalt ihn durch verworrene Träume gerissen, und doch blieben ihm Einzelheiten so lebendig in der Seele, daß er sie bis ins kleinste nennen konnte, aber der Zusammenhang fehlte, es war, als sei in jener Nacht das Licht beständiger Vernunft in ihm erloschen.
Nun waren sie in Elsbeths Zimmer. Stand nicht dort schwankend Friedel an der Tür und lachte in einer gedankenlosen Ergriffenheit, die er nicht meistern konnte, weil der Wein ihn schaukelte? Aber Afra war ja neben ihm. Nein, es fand sich im Zimmer keine Spur und kein Anzeichen, kein Brief, kein Abschiedsgruß, nichts ... von hier aus ging der Weg in die Finsternis.
»Wo sollen wir suchen?«
»Im Park ... im Wald ...« Das war Martin, der erzählte, es sei alles vergeblich gewesen. Sein Haar hing in dunklen Büscheln um die nasse Stirn. Iduna jammerte, sie kniete vor Elsbeths Bett.
»Ach, wäre ich bei ihr geblieben.«
Afras Mund war herb und zornig geschlossen. Sie hatte ihr Kleid gewechselt, bereit, zu handeln. Wach und gesund stand sie da und schien sich auf ihre Aufgabe zu besinnen.
Da schrie Friedel plötzlich in einem Anfall von blindem Entsetzen:
»Jetzt will ich fort! Zeigt mir den Weg! Sieht denn niemand die Vögel um die Türme fliegen! Dort! Dort! Hier ist die Hölle losgelassen, Dämonen hausen hier, heulen ihren Hohn über uns und versperren die Wege ins Leben ... nackte Teufel ...«
Martin hielt ihn.
»Aber schließlich«, jammerte er fort, »wenn diese Frau sich zu Grabe gebracht hat, so tat sie's mit Musik ... laß mich los, Flegel!«
»Hinaus mit ihm!« brüllte Helmut.
Friedel wandte sich ihm zu, bleich vom Wein und von plötzlich aufsteigender Wut:
»Du matter Hund! Du Jammerlappen, du stopfst der Hölle doch den Rachen nicht mit deinem Reichtum und mit deinen Phrasen ... drehst dich mit ... bis es zu Ende ist ... um Afras blassen Schoß ... he? Immer herum, aber der Schoß, der wartet, ist aus Erde ... schwarz! Aber ich ... ich finde hinaus ... an den Tag, in die Sonne! Verwest allein.«
Die Tür schlug hinter ihm zu. Afra zitterte wie im Fieber.
»Wir müssen Leute wecken, alle müssen suchen! Dieser Narr ...« stammelte Helmut.
Das junge Mädchen faßte sich. Es schien, als gäbe ihr plötzlich ein Gedanke Zuversicht, aber es mußte ein böser Gedanke sein, denn ihre Augen waren groß vor Grauen.
»Helmut, kannst du mich verstehen? Hörst du wohl, was ich sage? Nicht wahr, wir müssen sie finden, vielleicht ist es noch möglich, sie von einem schlimmen Vorhaben abzuhalten.«
»Sprich doch!«
»Ja, aber faß dich, Helmut, denn ich werde sie finden.«
»Sag wie, sag wie!«
»Aja und Fenn.«
»Die Hunde!?« Helmut stöhnte auf, so daß Iduna mit wildem Weinen emporfuhr. »Nein, nein, nicht die Hunde, nicht die Wölfe ... sie werden sie finden!«
»Es muß sein«, sagte Afra fest. »Wenn du willst, geh' ich allein. Wir dürfen keine Minute mehr verlieren.«
Da sie Helmut zureden mußte, konnte sie nicht sogleich selbst fort, so trat sie ans Fenster und rief Martin. Da es still blieb, pfiff sie ihren hellen, kurzen Pfiff, den er kannte, der schon in ihren frühsten Kindertagen ihr Signal gewesen war und auf den es nach einer alten Vereinbarung ihres Spiels für keinen von ihnen ein Halten gab.
Martin stürmte die Treppen empor.
»Junge, hör, ich will >Aja<. Tu sie an die Leine und bring sie hier herauf. Flieg!«
Martin verstand sofort.
Um Helmut abzulenken und um die Minuten des Wartens zu verkürzen, sagte sie zu ihm:
»>Fenn< ist nicht zu brauchen, er ist ein rechter, lieber Dummkopf, wohl wachsam, weißt du, aber nicht für wichtige Zwecke zu verwenden. — Besinn dich, wir werden sie gesund finden.«
»Sie ist tot. Sie atmet nicht mehr. Ich weiß, daß sie nicht mehr atmet.«
»Helmut, sprich nicht so.«
»Sie ist tot.«
Vom Treppenhaus herauf erscholl gleich darauf ein frohes, erregtes Bellen. Afra nahm den Hund an sich und schickte die anderen hinaus. Das Tier sah sie abwartend an mit seinen klugen Augen, deren warmes, braunes Lebenslicht das Mädchen rührte. Sie strich der Hündin über den dunklen Kopf.
»Es ist eine schwere Aufgabe, >Aja<, mein Hund, dir wird sie leicht werden. Sieh hier!« Und sie ließ das Tier an das Bett der verschwundenen Frau, gab ihr ein Tuch und hielt ihr die roten Schuhe unter die Schnauze, die sie am Lager fand. Dann ließ sie das Tier eine Weile los, und mit dem kurzen, traditionellen »Such, Aja!« öffnete sie die Tür, und als das Tier den Ausgang nahm, mit Bewußtsein, die schwarze Nase am Boden, befestigte sie ihn wieder und ließ ihn voran.
Ihre Hände zitterten nicht mehr, sie war gefaßt, aber ihr ernstes Gesicht sah tieftraurig aus.
Helmut, an ihrer Seite, sah die Dinge dieses heraufdämmernden Tags wie nebelhafte Erscheinungen einer Welt, die keinen Widerhall in seiner Seele fand, aus der er nicht stammte und mit der er keinen Zusammenhang zu haben glaubte. Aus blauen Wolken, die den Erdboden belagerten, hob sich bedrohlich und matt schimmernd Wartalun. Die Schatten in den Mauerwinkeln waren Öffnungen, die zu Abgründen führten, das Tor gähnte in ungewisses Grau hinein. Sie mußten hindurch. Und in allen Regionen, durch die er hindurchschritt, war Afra. Und der Hund, die Schnauze am Boden, den am Halse durch die Leine eingeschnürten Kopf vorgereckt, so daß er den Arm des Mädchens mit sich zog und sie ein wenig gewaltsam und immer in etwas schräger Haltung Schritt für Schritt mitmußte. Bald zögernd und ungewiß, dann in trippelnder Hast über schmale Waldwege dahin, bis plötzlich jemand sagte:
»Kehr um, Helmut ... der Hund will ins Moor.«
»Ich bleibe bei dir, Afra«, sagte er.
Die Luft war blau. Es wehte ein kühler, vom Schlaf der Welt befangener Wind über die Ebene, in der Weiden und Heide wuchsen und niedriges Schilf, das dünne, scharfe Halme hatte, die mit feinem Laut um die Schuhe schlugen. Ein Kiebitz rief, der Weg verlor sich in flachen Tümpeln und überwachsenen schmalen Gräben, deren Wasser schwarz und bewegungslos war, wie geschliffene Platten aus dunklem Metall.
Hatten sie nicht eben im Wald ein Liebespaar aufgestöbert? »O mein Gott, vergib mir, daß ich nicht weiß, ob es Glück oder Enttäuschung war, was ich empfand, als ich in den Büschen lebendiges Menschenwesen wahrnahm.« Dann stand ein Bursche mit trotzigem, dummem Ausdruck im niedrigen Gezweig und rückte an seinem farbigen Hemd, durch dessen Spalt die braune, gesunde Brust sah, und im Waldlaub am Boden verbarg sich ein Mädchen hinter ihrem Rock.
»Schert euch heim«, hatte Afra freundlich gesagt.
Er wußte, daß er darüber nachgedacht hatte, ob sie verstand, was hier vor sich gegangen war. »Aja« zog ungeduldig an ihrer Leine. Ja, das Tier, dachte er, es geht seiner Pflicht nach und läßt sich nicht beirren, es ist beständig darauf bedacht, das eine zu tun, was gefordert wird, treu, verschlossen gegen alles andere. Das können die Menschen nicht.
Aber nun waren sie draußen, im Morgenblau, in den dünnen Schleiern der kühlen Luft und in feuchter Stille. Ab und zu fühlte er Afras Hand unter seinem Arm:
»Nicht dort! Gib acht!«
Da fuhr er zusammen, und sein Blut erstarrte. Es klang vom Boden herauf ein dumpfes, beinahe leises Heulen, das etwas von der Stimme eines Menschen hatte und die Morgenluft mit einer schaurigen Klage anfüllte. Es war der Hund. Den Kopf weit vorgestreckt und den Körper angstvoll geduckt, stand er am Rand des Moors und stieß ohne Aufhör diese furchtbaren Laute aus.
Afra kannte aus ihren Kindertagen dieses verhängnisvolle Ansagen der Tiere. Einmal hatten die Jagdhunde im Forst beim Fuchstreiben die Leiche eines polnischen Arbeiters gefunden, der an einem Eichast hing. Er hatte sich aus Liebesgram oder Daseinssorge entleibt, und Afra entsann sich der Stimmen der Hunde, die sich nicht in die Nähe des Verschiedenen wagten und deren Klang ihr ein unvergeßliches Anzeichen der letzten, großen Verkündung geworden war. Sie hatte nun hier schon seit einiger Zeit Fußtapfen im weichen Moorboden gesehen, ohne es Helmut zu sagen, und sie wußte, daß der Hund auf der Fährte war, die sie suchten. Die Schritte führten unter ihren Augen in die schwarze Stille. Hier war ein tiefer Eindruck, dort, dicht davor, ein tieferer, und jener letzte am Rand des Moorwassers war nicht mehr als Eindruck eines Menschenfußes kenntlich, sondern es war ein rundliches, mit Wasser angefülltes Loch. Die Abstände der Fußtapfen voneinander ließen auf einen Gang in wankenden Sprüngen schließen, der in tiefer Finsternis ausgeführt war und ins Ziellose des Verderbens führte.
Die Klage des Hundes dauerte an. Aus der Ferne, jenseits des Moors, wo niedrige Hütten mit Strohdächern standen, antwortete ein aufgeschrecktes Bellen und verstummte. Da sah Afra an einem verkümmerten Strauch, halb hinuntergerissen in das unbewegte Wasser, ein dünnes Tuch, das wie ein Schleier aussah. Sie nahm Helmuts Arm und wies auf dieses Tuch.
Er wandte sich mit einer so schmerzvollen Gebärde des Grauens ab, daß Afra um seine Sinne fürchtete. Seine Lippen waren fahl, und die Art, in der er seinen Mund halbgeöffnet ließ, war von einer Haltlosigkeit, die keine Beschreibung zuläßt und die wie ein Hohn auf die großen Beschwichtigungen des Todes wirkte.
Da Afra fühlte, daß ihre Füße einzusinken begannen, trat sie langsam zurück über den schwankenden Boden und zog Helmut mit, bis sie festeres Land erreicht hatten.
»Ich habe nasse Füße bekommen«, sagte Helmut.
Afra sah rasch und mit groß geöffneten Augen zu ihm auf.
»Ja«, sagte sie dann vorsichtig und leichthin, im Tonfall, in dem man ein Kind beruhigt, »es ist Zeit, daß wir umkehren.«