Wartalun
Sechstes Kapitel
Afra zog in dieser klaren Nacht die hellen Vorhänge von den Fenstern ihres Wohnraumes fort, der Mond war aufgegangen, aber sie sah ihn nicht, als sie sich nun in die kühle Nacht hinausbeugte, die einen Geruch von Heu und Jasmin zu ihr hereintrug. Im stillen Hof hörte sie feine hohe Stimmchen im Dunkeln, drüben auf dem Giebel des Gesindehauses saß eine Eule starr und bewegungslos, als sei sie aus Stein gehauen. Die Schatten der Türme, zwei schwere Teppiche, die sich an der Mauer emporhoben, lagen im Hof.
Afra bewohnte nun wieder die schönen Räume des Schlosses, die ihr der alte Graf seit ihren frühesten Mädchentagen eingeräumt hatte, aber sie waren seit kurzem verändert, und nur wenig erinnerte noch an den Aufenthalt eines jungen Mädchens von noch nicht zwanzig Jahren. Der zierliche Schreibtisch aus alter Zeit, mit seinen geschwungenen goldenen Beinen und seinen winzigen Fächerchen, hatte einem breiten Arbeitstisch Platz gemacht, auf dem die ganze bleiche Nüchternheit des geschäftigen Alltags ausgebreitet lag. Geschäftsbücher und Rechnungen, die Arbeitshefte des Gesindes und Kornproben neben Jagdpatronen. Die geflochtene Reitpeitsche diente als Briefbeschwerer, und ihr feines Ende lag wie ein gewundener Schlangenleib über einer Planzeichnung der neuen Grabenanlagen von Wendalen. Auf alles sah hoch von der Wand, aus einem Kranz von Efeublättern, das stolze und melancholische Lächeln des letzten Grafen von Wartalun hernieder.
Afra kam aus dem Park. Nun nahm sie den breiten Sonnenhut mit raschem Griff von den hellen Haaren, warf ihn in weitem Schwung auf das Ruhebett in die Zimmerecke, daß die blauen Bänder im Drehen flatterten, und ließ sich auf dem lieblosen Holzstuhl nieder. Das Kinn in den Händen, sah sie in das Angesicht des Toten empor, der in ihrem Herzen lebte.
Schaute man vom nüchternen Ernst und der Sachlichkeit der vielerlei Tischgeräte in ihr Angesicht, so erschien das Mädchen wie ein großes verirrtes Kind. In der Nacht, in der vieles beredt wird, was am Tage schweigt, begannen die armen Dinge des Alltags ihre verschwiegene Zwiesprache mit ihrer jugendlichen Herrin. Ein erstauntes Raunen stand auf, schwirrte durch den Raum wie Insekten der Nacht, alles sprach leise durcheinander und blieb unverständlich und fremdartig. Es sang und summte um die Augen und um die Lippen des Mädchens, als käme von ihnen ein verwirrendes Licht. Aus Zahlen und Buchstaben brausten leise fernher die wogenden Kornelderf im Sommerwind, die Pferde schnoben, und ihr Atem dampfte im Frühnebel, die gefällten Baumstämme ächzten im Sinken, und das Wasser plätscherte über das bemooste Mühlrad. Stimmen riefen, heiße Gesichter tauchten auf, von Arbeit gefurcht, und Lachen und Weinen erklang. Nun brach es stürmisch durchs grüne Unterholz des Waldes, schnellte verzweiflungsvoll empor, und über dem feuchten Moos brachen die großen, friedsamen Augen. Die wilden Tauben stellten ihr inbrünstiges Rufen nicht ein, und aus dem sanften Talgrund klang der Kuckuck. Die Abendsonne schlich rot über die Hänge und verwandelte die Kornfelder in ein goldenes Meer ... Nun sang eine Mundharmonika in den Mond hinüber, sie kam aus dem Schatten, in dem noch eben eine Stalltür angeschlagen hatte ...
Afra sah auf. Das war Wirklichkeit, die liebe weinerliche Weise lebte draußen in der Kühle. Sie sah hinaus mit einem traurigen Blick, der eben noch wie um Antwort bittend in den Zügen des alten Mannes gesucht hatte. Worauf hatte sie eine Antwort gewollt? Hatte sie nicht im Grunde zu ihm gesprochen, während alles umher zu ihr sprach? Sie besann sich wie auf einen Traum, und nun wußte sie es wieder: »Du bist allein gewesen. Du bist hart gewesen. Ich habe deine Liebe geliebt, ohne zu würdigen, daß sie mir galt, ich habe sie niemals annehmen können. Laß mir deine Liebe, in ihr bin ich jung und noch immer ein Kind. Unter diesen anderen bin ich früh verdammt, älter zu sein als sie, härter als sie und als ich möchte.« — Sie hatte sicher diese Worte nicht gesagt, aber sie mögen etwas von dem enthalten, was ihr Gesicht ausdrückte.
Da heulte Aja draußen auf, und Fenn fiel ein. Langgezogen und erbost und angstvoll. Ein böses, andauerndes Bellen folgte und kam eilig näher. Afra trat ans Fenster und pfiff ihren hohen, kurzen Pfiff, aber die Hunde gaben nicht Ruhe, eher schlugen sie eifriger an, und doch sicherer und weniger angstvoll, als wüßten sie nun, daß man ihre Warnungen beachtete. Da rief Afra mit ihrer klaren Stimme die Namen der Tiere, und sie kamen heran, unter ihr Fenster, blieben dort stehen, die schwarzen gesenkten Köpfe boshaft gegen den Park gerichtet und widerwillig gebannt. Und wenn auch bebend und mit funkelnden Augen, so gehorchten sie doch auch nun, als langsam aus dem Dunkel eines Parkwegs, auf die Holzpforte zu, eine weiße Gestalt nahte. Afra starrte hinüber und fühlte ihr Herz stillstehen ... Es lag daran, daß sie eben noch an ihn gedacht hatte, der draußen im Grund des Parkes schlief. Aber dann fuhr sie mit kurzem Auflachen über ihre Stirn, besann sich und schwang sich über das niedrige Fensterbrett in den Hof hinab, um der fremden Erscheinung entgegenzugehen. Die Hunde folgten ihr knurrend, ein unüberwindbarer Schutz, eines Winks gewärtig, um vorzustürmen, aber dann begann Aja zögernd zu wedeln ... Afra erkannte die junge Gräfin von Wartalun, die Gattin des Mannes, der heute morgen mit ihr über die Wiesen geschritten war.
Sie öffnete die Holzpforte.
»Der Garten ist feucht«, sagte sie ruhig, als sie das dünne Tuch über den Schultern der jungen Frau erkannte.
»Ja, es ist spät geworden«, kam zögernd die Antwort. »Ich danke Ihnen, daß Sie die Hunde beruhigt haben. Sie kennen mich immer noch nicht.«
Es klang wie eine Anklage.
Afra sagte:
»Doch, aber Ihre Erscheinung war ihnen im Nachtlicht fremd. Sie kümmern sich auch nicht um die Tiere.« Sie wollte in ihrer Aufklärung darüber, wie man die Hunde an sich gewöhnen könnte, fortfahren, aber sie ließ es. Aja und Fenn gehören mir, dachte sie. Auch lag ihr nicht daran, der jungen Frau gegenüber, die sich in all der Zeit kaum um sie gekümmert hatte, mehr Worte als nötig zu machen.
»Darf ich für eine Weile zu Ihnen eintreten?« fragte Frau Elsbeth mit einem vernehmlichen Beben in der Stimme.
Afra nickte.
»Wir müssen durch den Hof über die Terrasse«, sagte sie.
Sie schritten nebeneinander dahin, nicht ohne daß die junge Frau sich zuvor durch einen schnellen Blick davon überzeugt hatte, daß die Lichter im Saal erloschen waren.
Als sie ins Haus eintraten, griff Afra hinter die Vorhänge des Fensters, zog eine Kerze hervor und zündete sie an. »Auf den Treppen ist es dunkel«, warf sie ein und löschte das Zündholz sorgfältig. Die Hunde waren draußen geblieben. Im hohen Flur des Schlosses verlor sich der Lichtschein, die Treppengeländer tauchten aus dem Dämmerlicht empor wie Luftbrücken, und während Afra, die voranschritt, langsam Stufe für Stufe nahm, wobei sie das Licht hochhielt, damit die Nachfolgende es leichter haben möchte, ihr zu folgen, dachte sie darüber nach, was der Grund dieses späten Besuchs sein könnte. Darüber kam ihr in den Sinn, was Martin ihr vor kurzem von Gräfin Elsbeth erzählt hatte. Sie war in das Haus eines kleinen Bauern nahe bei Wartaheim gegangen, um ihm eine Geldsumme zu erlassen, die er dem Schloß schuldig war. Sie hatte das Kind der armen Leute aus seiner dürftigen Wiege gehoben und es an ihr Herz gedrückt. Alle sprachen von diesem ungewöhnlichen Vorfall.
»Gehe ich zu rasch?« fragte Afra zurück.
Es kam keine Antwort.
Afra empfand diese Handlung als gut und schön, aber irgend etwas daran beschämte sie, und sie empfand, daß dies Gefühl von Scham nicht allein demütigend für sie selbst war. Es erschien ihr nicht alles rechtlich an dieser Handlung. Sie hatte den Gruß des Bauern am nächsten Tag unerwidert gelassen. Unter dieser neuen Herrschaft werden alle den Respekt verlieren, dachte sie; diese Wohltaten stiften Unordnung, weil sie den Einfachen ihre einzige Würde rauben. Vielleicht kam ihr dieses Urteil daher, weil sie solche Handlungen einer eilfertigen Güte niemals bei ihrem väterlichen Freund gefunden hatte, an dessen großem Herzen sie trotzdem nicht gezweifelt hatte. Auch er war freigebig gewesen, aber ohne sich herbeizulassen und ohne zu demütigen.
An den Wänden tauchten in matten Farben erloschene Angesichter auf. Nun mußten sie die Treppe zum Flügel des Schlosses wieder hinunter. Die Tür schrie grell in ihren Angeln. Die junge Frau zuckte zusammen wie unter einem Aufschrei. Afras ruhige Augen ließen alles gelassen geschehen. Als sie endlich im Stübchen des jungen Mädchens angelangt waren, ließ Gräfin Elsbeth sich schwer auf einen Sessel sinken, der nah am Kamin stand, und sprach wie zu sich selbst leise Worte vor sich hin.
Afra lehnte sich an ihren Schreibtisch. Als nun die junge Frau das Gesicht gegen sie hob, erschrak sie furchtbar. Alles, was jetzt kam, entwickelte sich so unverständlich hastig, so leidenschaftlich schnell und überraschend, daß Afra erst viel später deutlich empfinden lernte, um was es sich gehandelt haben mochte. Sie hörte einen langen weinenden Aufschrei, so klagend, wie sie niemals die Stimme eines Menschen gehört hatte, und verstand von den blassen, zuckenden Lippen der Frau zu ihren Füßen nur abgerissene Worte, aus denen immer wieder die flehentliche Bitte klang:
»Geh fort, geh fort aus diesem Haus!«
Afra konnte sich lange nicht fassen, denn sie empfand unbewußt, daß alle Mittel, deren Macht sie erprobt hatte, diesem Schmerz gegenüber ohne Wirkung bleiben würden.
»Der Tod kommt mit dir zu uns«, hörte sie, »ich flehe dich an, geh fort, ich und das unwissende Kind, das mir an meinem Herzen vertraut. —
Du hast alles zerstört, Afra! Daran bist du vielleicht unschuldig, das weiß allein der barmherzige Gott, der dies Unglück zugelassen hat, aber was kommt, ist gräßlich. Du kannst es hindern, wenn du gehst. Das Kind, um derentwillen ich bitte, soll seine Hände gegen das Herz seines Vaters erheben, und er wird sich dann zu seinem Glück zurückfinden lernen, das du gemordet hast. Bedenke, wie wird er es lieben, wenn es erst einherläuft. Aber morde nicht mein Kind, ermorde mein kleines Kind nicht, das sich nicht wehren kann. — Ich hätte meine Heimat nicht verlassen dürfen, dies Haus ist voll böser Geister, die alles verderben. Nimm von uns, was du willst, ich bin reich — aber geh noch in dieser Nacht.«
»Stehen Sie auf!« rief Afra.
»Gehen Sie fort!« flehte es zu ihren Knien. »Er darf Sie niemals wiedersehen. Er greift im Schlaf nach Ihnen und stammelt von seinem Verlangen, indem ich das Leben seines Kindes pochen fühle. Ich habe nicht gewußt, daß solche Marter auf der Erde möglich ist, als ich von meiner Mutter fortging! Oh, glauben Sie etwa, ich könnte nicht sterben? Leicht, leicht! Ich habe verlernt zu leben, der Tod ist süßer als jeder Schlaf für mein zertretenes Wesen. Aber das Kind —«
Afra ergriff ein Zorn, wie sie ihn nie gekannt hatte. Sie bebte am ganzen Körper, und alles in ihr drängte sie übermächtig dazu, diesen Mund mit Gewalt zu schließen, der so unerhörte Dinge in ihr Leben hineinstöhnte. Sie hatte nur den einen Wunsch, diese furchtbare Demütigung, die geschah, möchte ein Ende finden.
»Ich bin ein Mensch wie du«, rief sie, ohne zu verstehen weshalb, und versuchte die schwere Frau zu ihren Füßen aufzurichten, deren Haar sich gelöst hatte und deren Augen mit dem beinahe tierischen Ausdruck eines sinnlosen Schmerzes zu ihr aufstarrten.
»Oh, laß deinen Stolz«, schrie die Verzweifelte auf, »dein Stolz wird eines Tages gebrochen werden wie der meine. Du wirst bitten und knien lernen wie ich, wenn sich in deinem Leben erfüllt hat, wozu es gut ist. Was soll ich tun, damit dein kalter Sinn mich begreift? Du bist noch du selbst, du hast noch keinen Schritt ins Leben gemacht. Das sind Torheiten, glaub mir, in denen wir leben, bevor wir zu sterben beginnen. Aber du bist ein Weib, höre mich: Er hat mich mit seiner Gier gepeinigt, die dich meinte. Er ist nicht schlecht ...«, und ohne daß Afra geantwortet hatte, schrie sie ihr ins Gesicht: »Schweig, er ist gut! Er leidet. Du weißt nicht, was das heißt. Leiden kenne ich nun! Die Finsternis ist ein einziger wütender Schmerz, und das Leben nichts als ein Abgrund von solcher Finsternis. Ich versinke!« schrie sie gellend. »Rette mich, halte mich!«
Da sprang Afra auf und zurück, die Farbe des Todes in ihrem Gesicht, das wie unter einem furchtbaren Traum zerrissen erschien. In einem Grauen, das sie beinahe betäubte, ergriff sie den Klingelzug an der Tür und riß ihn wieder und wieder nieder, so daß die Glocke durch das stille Haus gellte wie eine Kinderstimme, die sich in Todesfurcht überschreit. Dann stieß sie die Tür auf, um der Errettung, die sie gerufen hatte, den Weg zu bereiten, und lauschte mit weißem Gesicht in die Finsternis der ruhigen Halle hinaus. Es war ganz still geworden. Sie stand wie eine Bildsäule am Ausgang des Zimmers, immer noch den Glockenzug in der gekrampften Hand, und schaute starr auf die junge Frau nieder, die am Boden lag, ohne noch ein Lebenszeichen von sich zu geben. Ihr Angesicht ruhte auf dem willenlosen Arm, und über den Fußboden flutete ihr dunkles Haar. Das verlieh der Haltung etwas grausam Gewaltsames, als wäre sie von rohen Fäusten niedergerissen worden ...
Da endlich klang oben im Haus eine rufende Stimme, es war Melchior. Im Flügel des Herrn konnte man den Klang der Glocke kaum vernommen haben. Aber ehe der Alte noch die Treppe niedergestolpert war, hörte sie Martins Fäuste an die Läden des Fensters schlagen, die sie bei ihrem Eintritt geschlossen hatte.
»Afra«, brüllte er draußen, »ist der Teufel los?! Soll ich die Läden einschlagen?«
Sie wollte antworten, aber sie brachte keinen Laut hervor.
»Allbarmherziger Gott ...« hörte sie neben sich. Da stand Melchior im Rahmen der Tür.
»Teufel auch«, klang es draußen wieder keuchend, und dann krachte der Laden unter Martins Fäusten. Unter diesem Beweis einer natürlichen Kraft kehrte Afras Besinnung zurück. Ihre Bewegung erlöste sich in einem maßlosen Zorn, den sie nicht verstand.
»Rasch«, schrie sie Melchior an, »die Kammerzofe der gnädigen Frau, Iduna, soll kommen.«
»Hier ist ein Mord geschehen«, heulte Melchior.
»Esel! Schweig! Komm erst her und hilf mir die Kranke auf das Bett legen. Worauf wartest du?!«
»Ich werde den Herrn Grafen ... o Afra, Afra, was hast du getan!«
»Gehorche! Hund du, tu, was ich sage!« Afra sprang zum Tisch und riß die Peitsche von den Blättern.
»Gehorchst du?«
»Dir? Nie. Nie mehr! Der Graf soll kommen ...«
Ehe ein zweites Unheil geschah, wurde Afra durch das Klirren der Fensterscheibe aus ihrem Rausch von Zorn und Todesangst gerissen. Martin öffnete sich in bäuerischer Gelassenheit und in unbekümmertem Vertrauen auf das erwiesene Übergewicht seiner Fäuste das Fenster nun selbst und stand plötzlich neben Afra, oder vielmehr zwischen Melchior und ihr, denn er erkannte, daß sich der Zorn seiner jungen Herrin zunächst gegen den Alten richtete. Und so war auch Afra in diesem Augenblick nichts wichtiger als die Niederlage dieses eigensinnigen Widersachers.
»Wirf ihn hinaus!« rief sie. »Sofort!«
Melchior erhob sich drohend, ganz verstört im Eigensinn einer vermeintlichen Treue, aber Martin hatte Afras bleiches Gesicht gesehen, und ihn bewegte nur ein einziger Gedanke. Es mochte ein alter Grimm gegen Melchior hinzukommen, jedenfalls sagte er mit einer Bewegung, die nicht falsch zu verstehen war:
»Du hast gehört ... also geh lieber selbst.«
»Du junger Bursche wagst ...«
Da war er draußen, und die Tür war zugeschlossen, und die Finsternis verschlang die Versicherungen von Würde, die der Alte draußen keuchte.
Afra lachte krampfhaft auf.
»Verflucht«, sagte Martin, »das ist ja wahrhaftig die neue Gnädige. Ich habe mir gleich gedacht, daß es nicht gut geht.«
»Komm, hilf«, sagte Afra, die sich endlich gefaßt hatte. Sie trugen die ohnmächtige Frau schwer und langsam ins Nebenzimmer und legten sie auf das Bett des jungen Mädchens.
»Tot ist sie nicht«, sagte Martin.
»Schweig doch!« rief Afra heftig, aber in dem beinahe vertraulichen Ton, in den sie Martin gegenüber stets verfiel. Von frühester Kindheit an war eine bewährte Kameradschaft zwischen ihnen gewesen, die auch mit sich brachte, daß Martin sich mehr als alle anderen vor Afra erlauben durfte.
»Junge, Junge«, sagte er ratlos, »das passiert nicht alle Tage. Was soll ich denn jetzt tun?«
Afra stand vor dem Spiegel und ordnete ihr Haar.
»Mach drüben die Lichter an.«
Er gehorchte. Dann kam er zurück.
»Du wirst jedenfalls zum Arzt müssen, Martin, geh, schirr >Husar< an, oder willst du reiten?«
»Da ist mir schon der Wagen lieber.«
»Natürlich. Also tu, was du willst, nur eil dich.«
»Was ist denn hier nur geschehen?« fragte der Bursche. Afra wandte sich um, da sie hörte, daß er an seiner Hand saugte.
»Blutest du?«
»Das ist das wenigste«, sagte er, »aber dir geht es schlecht. Du siehst wie Kreide aus.«
»Komm her«, sagte Afra, zog ihn am Ärmel zum Tisch, goß Wasser über seine blutenden Finger und zerriß ein Taschentuch zu zwei Streifen.
»Deine Hände zittern«, sagte er.
»Halt still«, gab sie zurück.
Sie half ihm mit ihrem ernsten Gesicht, das einen Ausdruck von kindlicher Geschäftigkeit bekam. Dann gab sie ihm einen gelinden Stoß, und als die Tür sich nun öffnete, stand sie wieder vor dem Spiegel und steckte ihr Haar, das im Kerzenschein in seltsam bösen und unschuldigen Lichtern flimmerte. Sie sah im Glas, daß Melchior mit einer Miene von eiserner Dummheit halb im Rahmen der Tür stand und die Klinke hielt.
»Ah, Melchior«, sagte sie leise, ohne den Kopf zu wenden, »morgen gehst du, hast du verstanden? Mittags bist du über alle Berge und läßt dich nie mehr in Wartalun sehen.«
Er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, stand Graf Helmut hinter ihr.
»Was bedeutet dies alles?« sagte er mit erhobener Stimme, die jedoch merklich zitterte. »Wo ist meine Frau?«
Da stolperte Melchior vor ihn hin.
»Herr ... ich bin im Dienst in diesem Haus ergraut. Lassen Sie nicht zu, daß mir Unrecht geschieht.«
Afra wandte sich langsam völlig um und sah Helmut abwartend an, mit fest geschlossenen Lippen und kalten Augen, in einem eigenen Trotz der Erwartung, der doch im Grunde Sicherheit war.
»Gehen Sie hinaus«, sagte der junge Herr zu Melchior.
Afra schob Martin hinter dem Alten her, der fassungslos gehorchte. Ehe sie die Tür ganz geschlossen hatte, fuhr es Graf Helmut unbeherrscht und in großer Erregtheit heraus:
»Afra, das geht zu weit. Ich bestimme in diesem Haus. Laß mich mein Vertrauen nicht bereuen. Hüte dich, leg mir nicht als Schwäche aus, was Gerechtigkeit war, zwing mich nicht zu Handlungen, die mich schänden.«
»Zwinge du niemand dazu!« rief sie hell und beinahe völlig am Ende ihres Halts. Oh, wäre nur jemand hier gewesen, dessen Arme stark gewesen wären, sie hätte sich mit wildem Aufweinen hineingestürzt. Er hatte sie niemals so gesehen. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, den Zustand anderer zu erkennen, sah er, daß etwas ganz Ungewöhnliches geschehen sein mußte, denn er wußte, daß Afras gelassene Natur nicht durch kleinliche Dinge in Aufruhr zu bringen war, und er empfand diesen Aufruhr ihrer Seele wie einen hellen heißen Wind. Dabei war er in aller Not seiner Zweifel gezwungen, zu sehen, wie wunderschön sie war in der heimlichen Glut dieser leidenschaftlichen Flammen, die sie erhoben. Ihr Anblick bannte ihn auch dann noch, als sie herzlos und böse fortfuhr:
»Wenn du in diesem Hause bestimmst, und mit der Gerechtigkeit, die du vorgibst, so bewahre mich, dich und deine Frau vor solchen Auftritten, wie hier eben einer stattgefunden hat ... ich bitte dich«, fügte sie hinzu, da sein Schreck sie bestürzt machte.
Er starrte sie an.
»Was ist denn geschehen? Aus Melchiors Gestammel bin ich nicht klug geworden. Afra, sag rasch!«
Sie wies auf die geöffnete Tür zum Nebenzimmer.
»Dort liegt deine Frau ...«
Er machte ein paar haltlose Schritte auf die Tür zu, ergriff aber dann schwankend die Lehne eines Stuhls, und die Hand an der Stirn, blieb er mit einem tiefen Seufzer stehen, der alles wie mit Traurigkeit erfüllte. Er ahnte, was geschehen sein mußte, ihn verlangte plötzlich nicht mehr danach, Einzelheiten zu wissen. Am Abend hatte Elsbeth ihm leidenschaftliche und schwermütige Andeutungen von ihrem Vorhaben gemacht, die er nun verstand. Er schämte sich heiß vor Afra, ihm war, als müßte er ihr etwas abbitten und nicht jener Frau, die dicht neben ihnen in ein Vorgefühl ihres ewigen Vergessens versunken war.
Er fragte Afra, nur indem er mit dem Kopfe eine Bewegung auf die Tür zu machte, wobei er sie ansah.
»Sie ist ohnmächtig«, sagte Afra, »und liegt auf meinem Bett.« Ihr war plötzlich frei und leicht zumut. »Martin ist zum Arzt gefahren, ich glaube aber nicht, daß deine Frau anders krank ist als hier.« Sie wies auf ihr Herz und lächelte traurig, als wollte sie irgend etwas hinzufügen, was ihrem Fühlen nah, aber ihrem Erkennen fern lag.
Betone nur dein eigenes Herz nicht, dachte er bitter, und wußte doch, daß er ihr Unrecht tat. Wie deutlich empfand er plötzlich, daß ein junges und starkes Herz der Härte bedurfte, um sein Gutes für große und eigene Stunden zu bewahren. Wie konnte Afra dies alles in Wahrheit nahegehen? Er sah sie an, und etwas von der Beruhigung, die die unbewußte Natur für empfindsame Gemüter haben kann, ging von ihr auf ihn über, das füllte sein Herz mit Dankbarkeit und stimmte ihn milde.
»Willst du nicht hineingehen?« fragte Afra. Und da er sich nicht rührte, fügte sie hinzu:
»Es war schrecklich. Deine Frau leidet sehr.«
»Sprich doch nicht ...«
»Soll ich nicht sprechen? Ich fühl mich schuldig ...«
»Nein«, sagte er, »das ist nicht wahr, du fühlst dich nicht schuldig. Das kannst du nicht. Das kann niemand, der nicht wahrhaft Liebe erlitten hat.«