Wartalun

Waldemar Bonsels · Kapitel 9 von 17

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Wartalun

Neuntes Kapitel

Afra erwachte in der kommenden Nacht in ihrem Zimmer in Wartalun. In unfaßbarem Entzücken einer ganz neuen Offenbarung richtete sie sich in ihrem Bett empor und lauschte in die helle, singende Nacht hinaus. Ihre Fenster waren weit geöffnet, und draußen schien der Mond. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, denn die ganze Welt draußen im Licht klang wie ein einziger himmlischer Gesang vom Frieden. Es zog in einem beglückenden Reigen durch das Licht zum Himmel und nahm ihre Seele mit sich empor. Afra wagte nicht, sich zu rühren, sie glaubte, daß ein wunderreicher Traum sie gefangenhielte, und fürchtete zu erwachen; ihr war,als hörte ihr Herz zu schlagen auf, als stockte ihr Atem, als würde ihr ganzes Wesen zu einem hingebenden Lauschen an die singende Nacht. Das Mondlicht ruhte und klang; in seligen Silberströmen zog es unsichtbar empor in den Himmel der Sterne Gottes, und es sank aus dem kühlen Blau mit betäubend süßer Wohltat in ihr ergebenes Herz zurück. Nun verlor sich dieser Lobgesang der Erde in einem hochschwingenden silberhellen Aufstieg von verzücktem Jubel, hoch ins Unfaßbare emporwirbelnd, hell und so betörend lieblich, daß Afra glaubte, die dunkle Decke ihres Zimmers müßte zerbersten und ihren Augen den Aufblick in eine Heimat ewigen Lichts eröffnen. Aber als nun der magische Gesang für eine kurze Weile schwieg und dann eine Reihe dunkler, langer und schmerzbebender Töne folgte, wie im Rhythmus eines stolzen und wilden Schluchzens, hob das Mädchen ihre Hände empor, warf stürmisch ihr Angesicht hinein und weinte lautlos und am ganzen Körper bebend die Tränen ihrer ersten Hingabe. —

Eine tiefere Wirkung hat der arme Friedel Gentler in seinem kurzen Leben wohl niemals auf ein Menschenherz ausgeübt als in dieser Nacht, in der er an den offenen Fenstern seines Zimmers seine Geige spielte.

Afra hatte, als das Spiel verstummt war, nun wohl gewußt, um was es sich handeln mußte, auch dachte sie sich, daß es eine Geige war, der sie gelauscht hatte, aber sie hatte auf diesem Instrument vorher noch niemand spielen hören. Sie vergaß diese Eindrücke in ihrem Leben niemals, und die beinahe scheue Achtung, die sie zu Anfang ihrer Bekanntschaft Friedel Gentler entgegenbrachte und die ihm so verhängnisvoll werden sollte, war nur auf das Erlebnis dieser Nacht zurückzuführen. Denn die Persönlichkeit des jungen Mannes berührte Afra wenig, kaum daß sie andere Lebensregungen bei ihm suchte als sein in der Tat nicht unbedeutendes Talent für die Geige. Sehr viel anders war dagegen Afras Wirkung auf diesen gutherzigen und im Grunde haltlosen und vernachlässigten Menschen. Am Abend des Tages, an dem er Afra zum erstenmal gesehen und gesprochen hatte, nachdem er ihren betörenden Liebreiz und den unwiderstehlichen Frohsinn ihrer Kraft empfunden hatte, sagte er abends zu Helmut und sah ihn mit großen, starren Augen lange an:

»Jetzt weiß ich erst, daß ich verkommen bin.«

Aber so gering die Einwirkungen Friedel Gentlers immer gewesen sein mögen, er führte doch zwei mächtige Geister in die Mauern des alten Schlosses ein, zwei Geister, deren Gewalt durch die Jahrtausende Qual und Lust, Erniedrigung und Würde, Auferstehung und Verfall der Menschenkinder in ihr berauschendes Wesen verwoben haben: den Geist der Musik und den Geist des Weins.

 

Friedel begann bald Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen, er erkannte, daß die Frauen einander mieden, er empfand das tiefe Zerwürfnis zwischen Helmut und Elsbeth. So nahm er sich in uneingestandenem Mitgefühl Frau Elsbeths auf etwas derbe, aber liebevolle Art an; ihre Beziehungen reichten weit zurück, und über arglose Neckereien hinweg hatte immer ein Verhältnis guter Kameradschaft zwischen ihnen bestanden. Im Grunde floh Friedel vor Afra. Es war sonst gewiß nicht seine Art, ein Gefühl zu unterdrücken, zumal ihm zur beständigen Durchführung einer Absicht die Beherrschung fehlte, aber hier war zu allem Schwanken seines Gefühls zum erstenmal etwas wie Todesfurcht hinzugekommen. Menschen einseitig entwickelter Anlagen und unkluger Intelligenzen haben oft einen an Feigheit grenzenden, sehr sicheren Instinkt für alle Mächte, die ihren Untergang beschleunigen, und meiden sie gewöhnlich dann mit Beharrlichkeit, wenn sich ihre Hingabe anfänglich nicht mit Genüssen, sondern mit Demütigungen oder Opfern verbindet. Trotzdem war diese Entsagung rein äußerlicher Art, im Grunde hing Friedels ganzes Wesen schon nach wenigen Tagen mit schrankenloser Hingebung an Afra. So mochte es vielleicht auch etwas wie Trotz oder Herausforderung gegen sie sein, daß er sich zu Elsbeth hielt, die ihn in ihrer melancholischen Schwerfälligkeit eigentlich langweilte. So kam es denn von selbst, daß aus dieser Selbsttäuschung die grausame Angewohnheit wurde, daß er auf einsamen Spaziergängen zu Elsbeth über Afra sprach.

Sie hatten sich den Weg, der am Ende des Parks in den Wald überging und der nach der Försterei führte, als gemeinsamen Spaziergang erwählt. Der Förster sah ihre regelmäßigen Besuche gern, und seine alte Haushälterin servierte ihnen den Nachmittagskaffee unter den Buchen der Kuckucksburg auf dem moosbewachsenen Waldgrund. Die Jagdhunde kannten sie bald, besonders ein betagter Teckel, den viele ehrenvolle Narben schmückten, hatte sich an Friedels Kindergemüt gewöhnt und ließ es sich gefallen, daß er in seinen späten Tagen noch einen Gefährten seiner altmodischen Interessen bekam.

Friedel ließ es sich anfangs aufrichtig angelegen sein, Elsbeth zu zerstreuen, aber nachdem er einmal gemerkt hatte, daß sie im Grunde nicht fähig war, auf ihn einzugehen, erlahmte seine gute Absicht und wich mehr und mehr seinem Drang, bei ihr Trost und Verständnis zu finden. Er sprach oft und auf bislang nicht gekannte Art von seinem eigenen Leben, er erzählte ihr viel und malte seine Jugend hoffnungsreich und glanzvoll aus, wie es junge Männer oft tun, die ihre besten Aussichten früh verscherzt haben. Zögernd begann auch die junge Frau von sich zu sprechen, und je mehr sie glaubte Teilnahme zu finden, um so mehr ließ sie sich willenlos gehen, und so wurde Afra bald die heimliche Begleiterin der beiden Betrübten. Einmal war es spät geworden, da die junge Frau von Tag zu Tag mit größerer Mühe und immer schwerfälliger dahinschritt, als sie dicht am Park auf jener Bank rasteten, die einst Helmut und Afra bei ihrer ersten Begegnung beherbergt hatte.

»Friedel«, sagte sie da plötzlich mit veränderter Stimme, »könntest du eine Möglichkeit ersinnen, Afra von Wartalun zu entfernen?«

Friedel erschrak. Seine Gedanken waren bei Afra gewesen, die ihm am Morgen zu Pferd begegnet war. Er sagte:

»Darüber müßte ich nachdenken.«

»Helmut ist so eigensinnig. Ich weiß ja, Friedel, im Grunde liebt er sie nicht. Wie ich es bei ihm kenne, daß er sich voreilig in eine Idee verrennt, aus deren Irrtum er stets zurückgekehrt ist.«

»Hat er denn sonst mit Frauen jemals etwas erlebt?«

»Mit Frauen eigentlich nicht, aber mit so mancherlei anderen Dingen ist es ihm so ergangen.«

»Eine Frau ist kein Ding«, meinte Friedel weise, »da liegt es hier wohl doch anders. Von Afra habe ich den Eindruck, daß sie nicht über sich verfügen läßt.«

»Welche Rechte hat sie denn?«

»Ja, das ist so eine Sache. Helmut sprach mit mir über diese Frage des Rechts. Er hat eine sehr verwickelte und eigentümlich unpraktische Idee davon, aber wie es bei ihm oft ist, er hat im Grunde recht. Sieh mal, Elsbeth, mir fällt ja eigentlich wenig Gescheites ein, und das ist mein Verhängnis dabei, daß ich trotzdem für die Wahrheit einen verflucht entwickelten Sinn habe. Wenn ich mich belügen könnte, wie ich andere belüge, wäre ich voraussichtlich ein sehr glücklicher Mensch. Helmut ist ein Mann von großer Gerechtigkeit.«

»Das ist nicht wahr ...«

»Doch. Hör mal zu: Wahrhaftige Gerechtigkeit gerät mit den praktischen Lebensnotwendigkeiten oft in Konflikt. Die höhere Gerechtigkeit ist sozusagen mit äußeren Daseinsinteressen kaum zu vereinen. Er meint, daß Natur und Anlage den Menschen ihre Rechte vorschreiben und nicht das Gesetz. Er hält es für ungerecht, jemand durch eine zufällige Verfügungsmöglichkeit Befugnisse zu entziehen, die ihm von Natur zustehen. Er meint, es mache sich über kurz oder lang bestraft, und den großen, notwendigen Gesetzen, nach denen alles Lebendige herrscht oder unterliegt, entginge man doch nur vorübergehend und mit schlechtem Gewissen. Er hat diese Weisheit aus Briefen oder Papieren des alten Grafen, wenigstens scheint mir, als habe er sie sich nach dessen letzten Verfügungen zur Pflicht gemacht.«

»Immer Graf Konstantin«, sagte Elsbeth und wehrte mit der Hand etwas ab, das auf sie einzudringen schien. »Sein Vermächtnis ist verhängnisvoll. Er zerstört uns alle aus seinem Grab heraus.«

Friedel sah ganz erschrocken auf:

»Aber Elsbeth! Siehst du am hellen Tage Gespenster?« Es hatte mehr im Ton ihrer Stimme gelegen als in ihren Worten, was ihn so erschreckte. Nun sah er in ihr bleiches Gesicht, aus dem die umschatteten Augen leblos ins Weite starrten. Er nahm rasch das Gespräch wieder auf:

»Das ist es jedenfalls bei Helmut: es geht ihm gegen das Gewissen, Afra etwas vorzuenthalten, was er glaubt ihr zugestehen zu müssen.«

»Weil er in sie verliebt ist.«

»Mag sein. Aber dagegen läßt sich einwenden, daß vielleicht in der Welt nur das wahrhaft gerecht ist, was im Geist der Liebe geschieht oder unterbleibt.«

»Und mein Kind ... sein Sohn — ach, Friedel, wie kannst du solcherlei Irrtümer gutheißen?«

»Er würde dir jedenfalls antworten, daß der Junge selbst für sich zu sorgen hätte und einst sein eigenes Teil und Recht finden würde.«

»Und das nennst du gerecht?«

»Ich weiß nicht. Es kann ja niemand einem andern helfen ...«

Das sah Frau Elsbeth wohl in diesem Augenblick auch schmerzvoll ein, denn sie antwortete traurig:

»Er versündigt sich an seinem Kind. Diese Gerechtigkeitsgefühle ins Blaue hinein sind Entschuldigungen. Die Gerechtigkeit eines Menschen bewährt sich doch wohl in den Grenzen der Pflichten, die sein Leben ihm auferlegt. Weist nicht die Natur ein Kind für lange Jahre auf den Vater an?«

Das ging Friedel zu weit. Er schob sein Herz in den Vordergrund, da seine Gedanken ihn im Stich ließen, und sagte etwas armselig, indem er den Kopf stützte:

»Ich verstehe dich ja ...«

Aber ihn versteh' ich auch, dachte er und empfand, daß das Leben wohl unzulänglich sein müsse und daß nichts vollkommen sein könnte, solange der Kampf um Genuß und Glück die Sinne betäubte.

»Übrigens«, warf er ein und nahm einen Einwand der jungen Frau wieder auf, »von Ehebruch kann nicht die Rede sein.«

»Das hoffst du selbst«, wurde ihm schroff zur Antwort.

Da schwieg er und empfand, daß sie einander künftig nichts mehr zu sagen hatten und daß sie schuldig geworden waren an dem, was sie einander als Vertrauen gezeigt hatten. Es mußte ein ähnliches Bewußtsein die Frau an seiner Seite bewegen, etwas wie eine Erkenntnis ihrer völligen Vereinsamung, denn Friedel sah nach einer kleinen Weile, daß Tränen auf ihre gefalteten Hände fielen. Es wallte heiß in ihm empor, ein aufglühendes Bedürfnis nach einer großen, freien Tat der Liebe erhob sein Herz, aber seltsam, aus diesen raschen Feuern tauchte Afras Bild empor, er sah ihr unschuldiges Angesicht unter den blonden Haaren, in denen der Glanz des Morgensonnenscheins leuchtete. Martin hielt ihr das Pferd, Helmut stand neben ihr und lächelte sein trauriges Lächeln voll Hingabe und vergrämten Stolzes; die grünen Büsche rührten sich im Wind ... Was hatte er denn tun wollen?

»Übrigens«, sagte er plötzlich rasch und wußte nicht, weshalb er gegen seinen Willen nun gerade dies sagen mußte, »du fragtest nach Afras Rechten, sie ist doch Besitzerin von Wendalen; Wendalen gehört doch ihr ...«

Da traf ihn ein Blick voller Schmach und Seelenqual, den er nie in seinem Leben hat vergessen können. Er begriff auch später nie, was ihn veranlaßt hatte, gerade in diesem Augenblick ein Geheimnis preiszugeben, das ihm anvertraut worden war. Immer, wenn er wieder daran denken mußte, war ihm zumute, als sei dies seine schlechteste Tat gewesen, und doch wußte er seit diesem Augenblick aus tiefster Seele, daß er Afra liebte.

Er erhob sich und reichte der jungen Frau seinen Arm. Am Rande des Wegs saß hinter einer schräg gestellten Strohwand ein alter Mann und klopfte Steine. Er sang zum eintönigen Takt seines Hammers einen melancholischen Singsang in den Sonnenschein der Welt hinein. Er zog die Kappe, als die beiden vorüberschritten, und sah ihnen nach.

 

Am späten Nachmittag suchte Graf Helmut in seinem Arbeitszimmer nach dem Brief des Toten. Er warf Schubfächer auf und zu, durchwühlte verstaubte Packen alter Schriftstücke und Dokumente, und in Gedanken verloren suchte er endlich in seinen Rocktaschen, ganz mechanisch und mit leblosen Blicken. Als er sich besann, empfand er zum ersten Male mit leisem Schreck die Unordnung, die seit einiger Zeit überall in seinen Sachen herrschte. Es handelte sich gewiß nur um Kleinigkeiten, aber er wußte, daß mancher Verfall mit geringfügigen Erscheinungen einsetzen konnte. Ihn packte plötzlich eine sinnlose Angst, und er begann hastig und beinahe verstört Ordnung zu schaffen. Er war von frühester Kindheit an gewohnt, im Haushalt seiner persönlichen Angelegenheiten eine an Pedanterie streifende Ordnung zu wahren, es herrschte bei ihm eine Geregeltheit, die sich bis auf den Inhalt seiner Taschen erstreckte. Aber je mehr er nun begann, all den kleinen Gerätschaften ihren Platz zu geben, je mehr er sich bemühte, die Geschäftspapiere, die Bankdokumente und die Briefschaften, die er einzusehen hatte, zweckmäßig und praktisch zu verteilen, um so mutloser wurde sein Herz, und er sah endlich ein, daß nur Verantwortlichkeit, eine aufrichtige Beteiligtheit und zwingende Notwendigkeiten solche Arbeit erträglich machen. Er kam sich in seiner sinnlosen Mühe wie ein Kind vor, das einen ernstlich beschäftigten Mann zu spielen versucht.

»Ich habe keine Freude daran, ich nütze niemand damit«, sagte er tonlos und ließ die Hände sinken. Seine Augen suchten draußen die Bäume des Parks, neben ihnen den Ausblick in das weite, geduldige Land, das in diesen Wochen den Menschen seine Früchte überließ. Am Brunnen hörte er die Mägde lachen und Melchiors väterliche Stimme mit ihrem ewigen dummen Ernst.

Er sprang auf und klingelte. Unten wurde es still am Brunnen, als die Glocke im hohen Flur schrillte, er hörte Melchiors geschäftigen Schritt. Gleich darauf stand der Alte neben ihm.

Afra sollte kommen. — Melchior berichtete, sie sei in Annerwehr, am Deich müßte gebaut werden, aber sie würde bereits seit einer Stunde zurückerwartet.

Er befahl, sie hinaufzubitten, sobald sie gekommen sei. Die Tür schloß sich aufrührerisch vorsichtig, und er war wieder allein.

Irgendwie erinnerte ihn der Vorfall an den Brief, den er suchte, und er begann von neuem die Papiere zu durchwühlen. Überall begegnete ihm der Tote. War nicht auch Melchiors Art, zu kommen und zu gehen, sich zu verneigen und die Tür zu schließen, noch von jenem Geist beseelt? Er konnte diesen Schatten nicht anders bannen, als indem er den Geist selbst heraufbeschwor. Die letzten Worte des Verstorbenen waren ihm ein gefährlicher Trost geworden, eine zerstörerische Bestätigung seiner tatlosen Ergebenheit.

Endlich fand er ihn. Er lag abseits von allem Durchsuchten unter dem bronzenen Leuchter, der eine gewundene Schlange darstellte, die sich zornig erhob und auf ihrem geneigten Hals eine zackige Krone trug, in die die Kerze eingelassen wurde. Er besann sich nun, daß er das Schreiben in der letzten Nacht dort geborgen hatte.

»Es hieße Sünde tun, eure alten Rechte, die in dieser Zeit nicht mehr gelten, sichern zu wollen. Ihr sollt eure besten Güter wahren, denn die zeitlichen könnt ihr nicht halten. Euer Kampf um sie wird euch herabwürdigen, denn das Beste unseres Wesens hat mit dem Wirken der Zeit nichts gemein, und ihr könnt ihre Waffen nicht führen.«

Er ließ den Brief sinken. Hatte er nicht bei seiner ersten Begegnung mit Afra ihr diese Worte und alle anderen als die vergrübelte Weisheit eines Sonderlings hingestellt? War es denn etwas anderes? Waren seine Gefühlsgewißheiten damals noch frei gewesen, ohne diesen düsteren Bann, in den Wartalun zu schlagen schien? Oder machte seine Liebe zu Afra ihn zu einem Narren, der aus diesen greisenhaften Bekenntnissen Entschuldigungen für seine Frevel an seinem Weibe und an seinem Kinde zog?

Er las aufs neue und kam an jene Stelle, die ihn Tag für Tag beschäftigte:

»So bleibt Wartalun in den Händen meines Geschlechts, aber es sei denen gesagt, die es zu eigen haben sollen, daß es keinen ererbten Besitz in der Welt gibt, der vor Gott Gültigkeit hat, und Gott erkenne ich in der Kraft des Lebendigen.«

Im Grunde war dieses Schreiben nichts anderes als ein geheimes Vermächtnis des Schlosses an Afra. Die Liebe des Grafen Konstantin zu Afra, die er auch in der Stunde seines letzten Abschieds noch verbarg, durchglühte diese Worte mit einem bösen, heimlichen Willen. Beinahe flammte ein zorniger Hohn hindurch und etwas wie ein Haß gegen die Linie seines Hauses, der Wartalun zufallen sollte. Überall zwischen den Zeilen brannten Verheißungen und dunkle Prophezeiungen und Afras Name — —

Er erschrak furchtbar, als plötzlich das junge Mädchen neben ihm stand. Sie lachte über seinen Schreck:

»Aber das habe ich nicht gewollt, wirklich nicht! Wie düster ist es hier. Erlaubst du, daß ich die Vorhänge zurückziehe? Du hast Angst vor dem Licht.«

Sie trat ans Fenster, und er sah sie im Abendlicht in ihrer ganzen blühenden Kraft vor sich stehen. Sie lehnte sich ans Fenstersims, streichelte die bronzene Schlange erwartungsvoll mit der tanzenden Spitze ihrer Reitpeitsche und schaute lächelnd auf ihn nieder. Ein sinnlos betörender Duft kam von ihr zu ihm, etwas wie das Heimweh des Sommers nach dem Frühling, die liebliche Fülle ihrer warmen Mädchenschaft atmete gebieterisch in einer unschuldigen Sorglosigkeit den süßen Hauch lebendigen Daseins, als spräche Gottes Freude am Erschaffenen ihr unsterbliches Wort des Wohlgefallens an der erstandenen Erde.

Haltlos tastete Helmut auf dem Schreibtisch umher, ergriff zitternd einen beschriebenen Bogen, der die Siegel des Amts von Cismaren trug, und in einer leidenschaftlichen Gebärde der Hingabe, die etwas von dem Krampf eines berauschten Gehorsams gegen die heiße Wirkung des Mädchens hatte, schlug er ihr das Papier entgegen, daß es hörbar in der Luft flatterte.

Sie nahm es bestürzt mit großen, wachsamen Augen, die ihn beinahe warnend musterten, und ohne zu sprechen.

»Lies«, rief er bebend.

Sie sah ihn immer noch an, änderte plötzlich ihre Haltung, so daß sie weniger leichtfertig war, zog ihren Fuß zurück und glättete mit einer unbewußten Bewegung der Hand ihr Kleid über dem Knie. Dann lehnte sie sich etwas ins Licht zurück und begann langsam zu lesen.

Helmuts Herz pochte schmerzhaft. Er empfand, daß diese Art der Darbietung wie ein Raubanfall an eine Gegenleistung scheinen mußte. Er schämte sich tief, aber irgendein leidender Zorn hinderte ihn an jeder gütigen Gelassenheit. Man stirbt nicht liebenswürdig, dachte er. Glaubst du, ich schenkte dir irdische Güter, meinst du, die Äcker bekümmern mich, oder die Herden?! Was mich bekümmert, ist der Tod ...

»Hallo!« Afra war aufgesprungen und stand kerzengerade vor ihm. Ihre Augen leuchteten wildherzig und froh:

»Also Wendalen ist jetzt mein Eigentum?!«

»Ja«, sagte er schwankend und ohne Fassung, »es bedarf allerdings ... noch einer Formalität ... Du mußt mit mir nach Cismaren ...«

»Das macht ja nichts. Also ... vielen Dank!«

»Bitte«, sagte er.

Es ist wahr, dachte er und sah bleich vor sich nieder, das Sterben ist keine Heldentat, niemand erkennt es an. Und dann würgte ihn etwas an der Kehle, die eiskalten Hände eines widerwärtigen Gespenstes, das mit dem Erdrosseln beharrlich eine herzlose Pflicht ausführte: Ich bin allein! Oh, wenn er hätte sprechen können, von sich, wie es um ihn stand, wie sein Herz beschaffen war und wo sein tiefstes Leid brannte.

»Wenn ich es nehme, so tue ich es, weil ich dich liebhabe und weil ich nun frei vor dir dastehe und du nicht mehr darunter leidest, daß ich nicht auch äußerlich deinesgleichen bin.«

Nicht einen Augenblick hoffte er, sie möchte die Liebe meinen, die er ersehnte, aber doch erlösten ihn ihre Worte, sie machten ihm das Schwerste leichter, da sie ihm seine Bitterkeit nahmen. Er wollte etwas sagen, aber er konnte nicht sprechen. Sie ließ ihn ruhig gewähren, wie man einem Kranken Zeit läßt, bis er endlich sagen konnte:

»Mein Leben ist in deine Hand gegeben, Afra.«

Darauf antwortete Afra ihm nicht, so daß es ihm klar wurde, daß er in seinem Wort wohl zu weit gegangen sein mußte, denn er konnte sich nicht denken, daß eine Schuld bei Afra lag. Sie senkte den Blick nicht, es schien ihr wohl Mühe zu kosten, aber sie gab nicht einen Schein von Beschämung zu. Die unerbittliche Sicherheit, mit der sie den Platz einnahm, den er ihr einräumen mußte, tröstete ihn und gab ihm Halt. Erst viel später wußte er, daß er zusammengebrochen wäre, wenn Afra auch nur im kleinsten eingestanden hätte, daß er mehr als seine Pflicht getan hatte.

Aber er hatte sich niemals so allein gefühlt wie nun, da Afra die Tür hinter sich schloß. Ein grenzenloses Heimweh überfiel ihn jählings, als müßte er sich aufmachen und davoneilen, um die einfache und arme Lebensweise aufs neue zu beginnen, die er verlassen hatte. Er dachte an Elsbeth und an sein Kind, alles drängte ihn zu einer Rückkehr, ihm war, als läge alle Heimat, die es für ihn noch geben könnte, in einer Umkehr.

Da hörte er Afras Lachen im Hof, und sein Herz verwandelte sich. Er sah sie unten mit Friedel stehen, der sich kokett beim Reden drehte; und Afras Gesicht, voll komischer Weisheit und neckisch überlegen, spiegelte seine Scherze wider.

Da warf er sich in den Sessel, atmete mühsam und sagte sich:

Schließlich ist es kaum der vierte Teil meines Vermögens, den ich verschenkt habe.