Wartalun
Vierzehntes Kapitel
Von Woche zu Woche wurden die Nächte von Wartalun länger. Draußen peitschten die Stürme, in denen der Winter nahte, das Gezweig der nassen Bäume, sie fegten mit Regenschauern über das ebene Land und spielten ihre Weisen einer hellen pfeifenden Melancholie in den Erkern und Winkeln des Schlosses.
Melchior mußte schon früh, sobald die Dämmerung hereinbrach, die Kronleuchter des Saals im Schloß entzünden. Die seufzende Erde mit ihren grauen Schleiern, die durch die blaue Sterbestunde des Tags wehten, wurde durch die Damastvorhänge der Fenster aus dem goldhellen Bereich der Kerzen verbannt, und die klingende Herrschaft der Gläser und Saiten begann. Die fließenden und beschwingten Geister der Vergangenheit, deren Mächte entfesselt wurden, walteten im schwermütigen Verein mit Engeln und Dämonen in Wartalun. Die verengte Welt seiner Menschen erweiterte sich in diesen beseligenden und gefahrvollen Gluten ins unbegrenzte Reich der Träume empor, alle Beziehung zur Umwelt verwischte sich, die Wirklichkeit wurde zur unwahrscheinlichen Bedrängnis, und Hexen, Kobolde und unterirdische Gesellen der Nacht wurden die Gefährten der Vereinsamten. Engel stiegen hernieder, um dem ewigen Vater im Himmel das Seine zu bewahren, und Tote erhoben sich aus ihren Grabstätten, um dem Haß und der Liebe Gestalt zu schaffen, dem Grauen, der Reue und der Verzweiflung. —
Melchior trug ein Bündel Kerzen und legte sie mit Gepolter auf eine geschnitzte Truhe im Saalwinkel.
»Martin!« rief er.
Da es still blieb, redete er mit den Bildern an der Wand:
»In der letzten Nacht sind achtzig Kerzen verbrannt. In den letzten vier Wochen ist mehr Geld dahingegangen, als sonst in einem Jahr. Werdet ihr mich hier noch in Ruhe sterben sehen?«
Idunas Figürchen erschien weiß und zierlich im Kerzenschimmer im hohen dunklen Rahmen der Tür.
»Der Prophet steigt auf dem Dachboden herum, um die Äolsharfe zu beäugen«, schnatterte sie. »Nein, hat der Kerl mich erschreckt; das bissigste Gespenst ist mir lieber als dieser Heilige.«
»Gespenster beißen nicht«, belehrte sie Melchior apathisch und ohne Teilnahme.
Wo Herr Friedel wäre.
Melchior machte das Geräusch des Schnarchens nach und stellte einen Stuhl auf den Tisch, um Kerzen in den Kronleuchter stecken zu können.
»Ach, wenn es Afra nicht gäbe«, seufzte Iduna, »ich wäre längst von dannen. Wenn man sie reiten sieht, erholt sich das Blut. Aber ich kann die Herrin nicht mehr verstehen. Heute in der Morgendämmerung saß sie auf einem Schemel im Zimmer des Propheten und sah zu ihm auf, während er zeichnete. Einen Ast! Was rechte Maler sind, die tun sich in Farben um und suchen Bilder zustande zu bringen, solche, wie sie hier und dort hängen, oder Landschaften, Wasserfälle und Kapellen, die an Seeufern unter Bäumen liegen. Als ob man das nicht wüßte ... dieser Narr.«
»Er hat mit Kohle auf Papier das Gesicht eines Mannes gezeichnet«, sagte Melchior. »Kein Gesicht sieht so aus, und es erscheint, als sei es nicht fertig. Er hat es mit einer Nadel an die Tapete gesteckt. Dieses Gesicht ist lebendig, ich muß daran denken, es geht mit mir umher, redet und schaut.«
Iduna kicherte. Sie dachte an etwas anderes:
»Herr Friedel weiß über ihn Bescheid. Hör ihn reden.«
»Das höre ich den ganzen Tag und die halbe Nacht.«
Auf der Treppe klang Afras Schritt, und Iduna verschwand. Melchior stieg umständlich vom Tisch.
»Afra«, sagte er, als das junge Mädchen eintrat, »ich brauchte ein wenig Geld.«
»Gut, der Verwalter wird dir geben.«
»Er sagt, er habe nichts mehr zu seiner Verfügung.«
»So warte bis morgen ... Nun?«
»Der Wein geht zu Ende.«
»Können vier Menschen in zwei Monaten einen Keller leeren?«
»Es wird schon seit vielen Monaten getrunken, Herr Friedel trinkt allein ...«
»Schweig. Das war keine Frage.«
»Martin ist die Erlaubnis gegeben, so viel zu trinken, als er will.«
»Dir nicht auch, Melchior?«
»Ich trinke nicht, Afra ... Afra!«
»Was ist denn, Melchior?« Sie trat auf ihn zu und beugte ihr blasses Gesicht über den Alten. »Stimmt es einmal wieder nicht? Müssen wir den Herrn fragen?«
»Er schläft in Gott«, stammelte der Diener.
Das Mädchen sah ihn forschend an.
»Du hast Schatten unter deinen Augen, Afra, du siehst krank und traurig aus. Ich kann nichts tun?«
»Nein, laß doch. Es muß gehen, wie es will ... ich ...«
Sie sah sich um, als suchte sie jemand.
»Es ist niemand da«, sagte Melchior.
Afra lehnte sich an die Tür. »Ich weiß«, sagte sie besonnen und mit traurigem Nachdruck. Sie erschien schlank und groß, wie sie in verlorener Befangenheit in dem hohen dämmerigen Saal stand, ratlos, wie nach einem zögernden Schritt ins Ungewisse. Die Verblichenen der Bilder sahen auf sie nieder.
»Melchior«, sagte sie plötzlich, »weißt du, was der Sessel dort bedeutet?«
Der alte Diener nickte.
»So was darf man nicht tun«, sagte er feierlich. »Die Toten soll niemand zum Gespött machen, wer von uns könnte ertragen, zu denken, daß Überlebende ihr Spiel mit unserem Andenken trieben? Sie haben den Sessel an den Tisch gerückt, damit nachts der Geist des Toten mit ihnen zechen soll, sie geben ihm Rotwein, hat mir Martin gesagt. — Iduna geht nachts zu Herrn Gentler ...«
»Schweig. Iduna kann tun, was sie will. Tue ich nicht genug, wenn ich ihnen die Felder pflüge?! Für die Sauberkeit ihrer Stuben mögen sie selbst sorgen.«
»Sie treffen sich im Zimmer der gnädigen Frau«, fuhr Melchior eigensinnig fort, mit einem verborgenen Jammern in der gebrechlichen Stimme, »und dort ist es noch alles beim alten.«
»Morgen werden die Zimmer geleert und umgeräumt.«
»Der Herr Graf will es nicht.«
»Ich will es«, rief Afra.
»So sprich, ich bitte dich, mit dem Herrn.«
Afra fuhr steil empor.
»Ich rühre diese Dinge mit meinen Worten nicht mehr an. Ich schicke Martin mit Feldarbeitern, wenn morgen noch ein Stuhl dort auf seinem Platz steht. Gesindel!«
Melchior atmete auf.
»O Afra, so hast du lange nicht mehr gesprochen. Warum läßt du so viel im Schloß geschehen?«
»Ich, Melchior — ich?«
»Ja, du, Afra. Du bist die Herrin. Du hast deine Augen abgewandt und machst doch gemeinsame Sache mit den anderen. Seit der Fremde im Hause ist, läßt du mit bösen Augen die anderen verderben. Ich bin ein alter Mann, ich habe nichts mehr zu verlieren als die Zeit bis zu meinem Tode, die man sicherlich in Monaten sagen kann, aber ich seh' die Ereignisse ohne Mißgunst und ohne Habgier. Dann erscheinen sie oft in einfachen Gestalten, die sich verstehen lassen. Du hast niemand, der Fremde ...«
»Steck deine Kerzen auf«, sagte Afra und ging hinaus.
Friedels langgewordenes Haar fiel ihm tief in die Stirn, als er seine braune Geige stimmte. Der Saal strahlte. Die alten Goldrahmen der Bilder blinkten auf, und die Angesichter der dargestellten Herren und Frauen sahen aufgerichtet, wie erneuert, mit belebten Zügen in den Glanz der großen blühenden Kronen. In den Wandteppichen blitzte es hier und da von einem auffunkelnden Goldfaden, und die dickfaltigen Damaste vor den hohen Fenstern wirkten nicht als Verkleidungen der Wege in die freie Nacht, sondern als schwerer Zierat an undurchbrochenen Wänden.
Friedel fiel es auf.
»Liebe Kinder«, sagte er und sah Afra an, »bedenkt, wo wir uns hier befinden. Wenn man sich vorstellen könnte, die Nacht draußen über der Welt sei Erde, so ist dieser Saal in ihr wie ein von innen erleuchteter Sarg.«
Der Prophet, der neben Afra ihm gegenübersaß, sah Friedel mit aufleuchtenden Augen an.
»Das ist ein gewaltiges Bild«, sagte er.
»Wieso?« meinte Friedel geschmeichelt, »mir kam das nur so in den Sinn, ganz zufällig.«
»Ja«, sagte der Fremde, »wenn Sie nachgedacht hätten, würde es Ihnen wohl nicht eingefallen sein.«
Friedel lachte, zugleich amüsiert und beleidigt. Dann beugte er sich wieder über seine Geige.
»Mein Liebchen«, sagte er, »meine einzige Freude.«
»Willst du sie nicht Iduna nennen?« fragte Afra.
Friedel sah bitterböse auf. Ihre Augen verhinderten den Ausbruch seines Zorns.
»Höhne nicht«, bat er heiser und riß den Bogen wild über alle vier Saiten zugleich, aber der Mißklang ging erlöst in ein fernes, helles Klagen über, und es wurde ein Lied daraus.
Helmut faltete die mageren Hände, Afra sah in das finstere Angesicht des Fremden, den sie im Schloß auf Friedels Beschluß hin den Propheten nannten. Die Musik verdüsterte sein großes, etwas ungefüges und so gar nicht schönes Menschenangesicht. Seine umschatteten Augen, von Schwermut dunkel, lagen grüblerisch versunken im Rausch der Töne. Afra konnte keinen Blick von ihm wenden. Der rote Wein vor ihm im Glas funkelte wie fließende Rubinen um das Wappenschild von Wartalun, das Doppelkreuz und die gereizten Pfauen, die einen Ring zerrten. Das Mädchen wußte, im Wappen stand das große Wort: »Wer hat, dem wird gegeben.« Es war in feinen Goldlettern in die Gläser graviert.
Mitternacht war längst vorüber. So gingen nun seit Wochen ihre Nächte dahin. Afra gestand sich ein, daß sie diese wüsten Stunden nur um des fremden Mannes willen erlitt, der sich auf seine ruhige Art zu diesen Gelagen einfand, der am meisten trank, sich doch niemals zu beteiligen schien und nur ganz selten sprach. Anfänglich hatte es sie tief beunruhigt, daß er so überzeugt und hingebend trinken konnte, weil sie befürchtete, es möchte seinem Körper, der ihr schwach erschien, schaden, aber da sie niemals eine Wirkung durch den Wein bei ihm beobachtet hatte, die ihr auch nur leisen Unwillen erregte, ließ sie geschehen, was er wollte. Hatte nicht auch Graf Konstantin den Wein geliebt? Man erzählte unerhörte Wunder seiner feuchten Taten. Und sie hatte jeden verstehen gelernt, der sein vom Tag zerspaltenes Herz in den goldenen Müdigkeiten und mattäugigen Ahnungen neu vereinte, in denen die Geister des Weins es zur Ruhe betteten. War nicht der Winter traurig und lang? Bis wieder Frühling geworden war, bis wieder die weißen Wolken im Blau über die blühenden Bäume zogen, die Buchfinken schmetterten und der Wald vom Kuckuck klang bis spät in die duftende Dämmerung ...
Helmut fuhr empor und schüttelte den zurückgeworfenen Kopf. Afra sah in seinen Blicken das trübe Wanken des Weins, und sie kannte diese schwächliche Schwerfälligkeit seiner Lippen beim Sprechen aus mancher Nacht. Wie hatte sie es nur ertragen gelernt? Sie nahm ihr Glas.
»Wie lange«, sagte er breit und roh, »braucht eine Leiche, bis sie im Moor verwest? Ich will es jetzt wissen.«
Der Fremde, der Paule hieß, Benvenuto Paule, hob seinen Kopf und sah Helmut an, ohne zu sprechen. Afra fühlte sich tief verletzt.
»Ich gehe!«
»Bleibe doch«, sagte Friedel, »bis die Kerzen niedergebrannt sind. Es wird dunkel, wenn du gehst, es wird entsetzlich. Du weißt nicht, welche Geister dein Hiersein im Bann hält.«
»So schweigt von solchen Dingen!« Sie sah auf den Fremden. Es schien ihn nicht berührt zu haben, daß sie fort wollte. Er trank sein Glas leer und stellte es ruhig hin.
Martin, in seiner roten Livree, trat hinzu und füllte es neu. Es war Helmuts Wunsch, daß die Diener des Nachts in ihren Staatsröcken einhergehen mußten. Er hatte Afra vergebens gebeten, nie anders als in ihrem schwarzen Kleid aus Samt zu kommen, mit ihrer schimmernden Feder und der Goldkette, die er selbst ihr aus den Schmuckschätzen des Hauses geschenkt hatte. Sie hatte es nie getan, aber heute verspürte sie eine heimliche Lust dazu, es trieb sie ein Verlangen nach Preisgabe und Verschwendung. Ihre Hände und ihr Herz waren vom Halten und Leiten ermüdet, alles umher glitt dahin und hinab. Waren dies nicht die Menschen ihres Lebens? Es machte einsam, stärker als sie zu sein. Und für wen blieb sie es?
In seiner merkwürdigen Gleichgültigkeit gegen Wert und Beschaffenheit anderer Menschen, die in seiner Nähe weilten, erhob Paule seine Hand, und mit einer versunkenen Hingabe der Begeisterung, die feierlich wirkte, sagte er plötzlich laut die Verse:
»Daß uns ein Gott verführte, in Liebe gemahnend,
eng im Geringen das Abbild des Großen zu sehn;
die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehn,
immer im Aufbruch, im Schlaf nur die Heimat ahnend.
Ewige Seele du, zitterndes Wissen von Gott,
einsamer Abglanz der makellos wirkenden Kraft;
die dir kein Mühn das Glück der Gemeinschaft schafft,
eh' nicht dein Glanz aus der sinkenden Schale bricht.«
»Nein, so ein Prophet«, sagte Friedel verlegen. »Soll ich spielen?«
Der Fremde sah ihn an: »Das wäre schön«, meinte er.
Afra war, als blutete ihr Herz in einem breiten Strom, der es entleerte und schmerzhaft leicht und demütig werden ließ. Niemals hatte sie aus dem Mund eines Mannes Verse gehört, die ins Herz sanken wie der Wein ins Blut. Sie nahm mit zitternder Hand ihr Glas, und ihr schönes blasses Gesicht bekam einen Ausdruck von unbändigem Stolz. »Die wir nicht wissen, woher wir kommen und gehen ...«
Helmut, der wie jeden Abend viel und schnell getrunken hatte, erhob sich plötzlich krampfhaft. Er mußte sich am Tischrand stützen, tat es mit der einen Hand und schaukelte mit der anderen sein schönes goldenes Weinglas von Wartalun:
»Wir tappen in dem blassen Schimmer nackter Frauenleiber in unser dunkles Heimatland ...«, schrie er, »wer will sagen, er habe ergriffen, was er gesucht hat? Im Sturz des brennenden Bluts erblindet unsere Sehnsucht für kurze Zeit, dann schimmert es wieder bleich empor, nicht sie, nicht Eine, nein, es ... es ... greift es doch! Wer hat es gegriffen?!«
Afra war aufgesprungen, aber sie vermochte nicht zu fliehen. Im Grauen vor dem, was ihre Sinne erschauten, rief es sie wie bei ihrem Namen. Sie starrte in Paules Züge voll zergrübelter Hingabe.
»Gelobt sei deine Treue«, seufzte Friedel mit tiefer Andacht seinem Wein zu. Dann stand er auf und stützte Helmut.
»Denk nicht so vielerlei, Bruder auf der Fahrt zum Orkus, das Denken macht aus dem besten Kopf ein Sieb.« Er setzte ihn unsanft auf seinen Stuhl nieder.
»Fürst von Wartalun«, sagte er, »denk an dein verschenktes Königreich.«
Paule wandte sich an Afra. Er nahm ihr Armgelenk mit einem sonderbaren Lächeln:
»Es sind immer die Hoffnung und der Tod«, sagte er. »Sie dürfen nicht in Trauer versinken, Afra. Alles wird einst gut sein.«
»Prophet, predige laut«, rief der Lump. »Steck dich nicht hinter die Frauenzimmer und intrigiere nicht gegen mich. Du ißt unser Brot und trinkst unseren Wein!«
Paule sah Friedel an.
»Dir habe ich nichts zu sagen«, antwortete er ruhig.
»Du bist ein Feigling, ein Schleicher, ein Lebensspion; innerlich lachst du, während uns das Herz verdirbt und davonfließt. Du bist hinterlistig und verrucht, du balsamierst dein behaartes Maul mit heiligem Öl und beraubst uns mit deinen Eulenaugen!«
Friedel hielt inne, als er Afras Gesicht sah; Paule schwieg. Friedel, bald Helmut, bald Afra zugewandt, stammelte: »Er verteidigt sich nicht, ist das ein Ungeheuer, nein, so hört doch.«
»Warum schweigen Sie?« sagte Afra, zu Paule hingebeugt.
»Trinken Sie nicht mehr«, antwortete er ihr.
»Martin, schenk mir ein!« rief sie.
Martin kam, ein rotes, funkelndes Etwas, aus dem Hintergrund, sie fühlte ihn in ihrer Nähe, er beugte sich nieder, und sie hörte den leisen, gläsernen Gesang des Weins in ihrem Kelch. Sie trank ihr Glas auf einen Zug aus.
»Ach Afra«, klang es neben ihr. Für einen raschen Augenblick sah sie seinen stürmischen Lockenkopf. Bruder meiner Kindertage, dachte sie zärtlich. Sie ritt als Mädchen über den stillen Moosgrund der Forsten von Wartaheim, die Sonne schien durch die Zweige, Rotkehlchen sangen, der grüne Waldweg zog sich, ein lichter Laubengang, in geheimnisvolle Waldestiefe hin ...
Das Bild versank.
»Sie sprachen damals von ein paar Tagen ...«, sagte Afra zu Paule mit einer Stimme, von der Schmerz und Stolz ausgingen wie Kälte, »nun sind Sie schon Wochen hier, ohne daß jemand Sie gebeten hat.«
»Bravo!« schrie Friedel. »O verflucht, das war herrlich. Afra! Dein Glas!«
Von den Sternen der Kerzen, aus dem trüben Lichthimmel herab sank eine böse heiße Stille. Der Fremde ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken und schwieg. Helmut starrte über seine Fäuste, die auf dem Tisch lagen, in Afras Gesicht. Er hatte schon eine lange Weile so gesessen und sie angesehen, bald sie und bald den Fremden, mit einem wehen Ausdruck qualvoller Hellsichtigkeit. Nun stöhnte er plötzlich in dieser Stille, in der Friedel hochaufgerichtet dastand und Afra sein Glas hinreckte, aus tiefstem Herzensgrund auf, mit einem tierischen Klagelaut in der Kehle, und schrie das Mädchen heiser an:
»Ist es wahr? Ist es wahr? Afra, erbarme dich meiner! Sag die Wahrheit. Dann kommt ... die große ... Ruhe ... endlich.«
»Ja«, sagte Afra, »es ist wahr.« Sie ahnte nur dunkel, worauf sie antwortete.
»Verfluchte Nacht, verfluchte Nacht«, rief Friedel. »Wer versteht noch die Fratzen Gottes und die Engelspfoten des Teufels. Ihr hättet mich fortlassen sollen ... gleich, eh' Elsbeth starb ...«
Paule hatte sich aufgerichtet. Er warf einen Blick auf Helmut, dann schob er Afra sein Weinglas hin, wies auf die goldene Inschrift und sah sie an. Sie las wider Willen die Worte von Wartalun:
»Wer hat, dem wird gegeben.«
Er wartete mit geneigtem Haupt, indem er ihre Augen suchte, bis sie ihn ansah; darauf stand er auf und verließ den Saal, der in halber Dämmerung lag, weil ein Teil der Kerzen niedergebrannt und erloschen war.
Was wird dir gegeben, dachte Afra, und erglühte in einem Schauer. Ihr war, als habe die Inschrift des Glases von Paule gesprochen und als nähme er ihre Worte mit sich fort in seine geheimnisvolle Welt voll unbestimmbaren Glaubens.