Biblische Balladen I
Josef
Zwölf Buben hat der alte Jack
manch Mädchen fand sich noch dazu.
Am besten kam von allen weg
Jack's Josef - das war ein Filou.
Der petzte seinem Alten immer,
was hintenrum geredet war.
Jacks Lob dafür macht es noch schlimmer. Der Jo war Papas Liebling gar.
Stolz wie ein Pfau zeigte sich Jo
in Daddies neuem Top-Design.
Kangoo bis Reebok trug der Floh,
außen ganz grell, innen gemein.
Jo träumte gern, bei Tag und Nacht
und kam in jedem Traum gut weg.
Die andern hat es aufgebracht.
Er war stets King und sie der Dreck.
Als fette Ernte er sich sah,
'nen prall gefüllten Körnersack.
Die Brüder standen schlechter da,
verneigten sich vor ihm, ganz schlapp.
Noch Schlimmer's seine Träume zeigten: Elf Sterne, Sonne und der Mond
vor ihm sich demutsvoll verbeugten.
Er war es, der ganz oben wohnt.
Weil Jo das Maul nicht wollte halten,
verdarb er sich‘s mit seinem Clan, sogar mit Jack. Die Stirn in Falten
blieb der trotz allem Joies Fan.
Nach scheinbar endlos langer Zeit
erniedrigt und längst grün vor Groll
kam endlich die Gelegenheit
zur Rache, denn das Maß war voll.
Die Brüder waren weit vom Schuss,
nicht überwacht durch Video.
So kam es, wie es kommen muss:
Sie schnappten sich den läst'gen Jo.
Zwei, Drei, die sprachen gleich vom Töten. Der Traum wär' aus und alles gut.
Doch Ruben b'schwor, sich nicht zu röten die Hände mit vergoss'nem Blut.
Er wollt' den Kleinen retten gerne,
ihn seinem Vater wieder bringen.
„Werft ihn nur rein in die Zisterne.
Nichts übereilt in solchen Dingen!“
Den Jo packt Bruderhand und Schrecken. Sie schmeissen ihn nackt in die Grube.
Dann lassen sie sich's Essen schmecken. Was wird nun aus dir, armer Bube?
Zu jeder Schand war'n sie bereit,
Jo war als Bruder gar zu arg. - - „
Wir gehen lieber nicht so weit,
verkaufen ihn für ein paar Mark“,
den Vorschlag dann doch Juda macht.
„Was bringt es uns, wenn Jo verreckt?
Er g'hört zu uns, auch wenn es kracht,
obwohl er voller Bosheit steckt.“
'Ne Karawane zieht vorüber,
aus Ismael, die kriegt ihn mit,
zahlt zwanzig Pfund an seine Brüder:
„Hier bitteschön! So sind wir quitt.“
Doch Ruben hat nichts mitgekriegt.
Er war wohl unterwegs solange.
Der Jo nicht mehr im Loch drin liegt.
Dem Ältesten ist angst und bange:
„Was habt ihr mit dem Knirps gemacht?
Ich bin jetzt dran. An mir bleibt's hängen.“ Darum wird schnell ein Bock geschlacht, ein's Unglücks Spur soll sich aufdrängen.
Dem Vater schickten sie als List
das blutige, zerfetzte Shirt.
Er soll mal prüfen was das ist,
ob es nicht seinem Jo gehört.
Jack fiel voll auf die Buben rein,
erkannte Jo's einst schicke Kluft.
Er flennte, fing gar an zu schrein:
„Mein Jo liegt nicht mal in 'ner Gruft.
Ein wildes Tier hat ihn gefressen,“
so trauerte der alte Jack,
verlernt das Lachen, will nichts essen.
Sein Sonnenschein war plötzlich weg.
Die Menschenhändler mit dem Jo
erreichten unterdes den Nil.
Hier wurden sie besonders froh,
denn sie verdienten an ihm viel.
Trotz allem Dreck und seinen Striemen
bezahlte gut Herr Potifar
für diesen Burschen: „Weg die Riemen!
Die Augen von dem Boy sind klar.
Der wird bei mir herangezogen.
Ich mach mir den zur rechten Hand.
Mein Sachverstand hat nie getrogen.
So wurd ich groß, reich und bekannt.“
Der Chef der Garde stellt sein Haus
bald völlig unter Joie's Walten.
Dem macht das überhaupt nichts aus.
Gott kann sein' Segen voll entfalten.
Doch Potifar hat eine Frau,
die er nicht ganz zufrieden stellt.
Die macht den Jo mit Worten blau,
damit er sich zu ihr gesellt.
Jo kriegt es mit der Angst zu tun.
Von der will er die Finger lassen.
Sein Boss würd nicht mehr rasten, ruh'n, bekäme Jo die Frau zu fassen.
Sie, wütend aus verschmähter Liebe,
stellt sich als Opfer dar von ihm.
Jo kriegt nicht nur die falschen Hiebe,
fliegt ins Gefängnis. - Alles hin?
Doch steigt er bald mit Gottes Segen
zum ersten Mann auf in dem Knast.
Die Direktion kann es belegen:
Dem Jo gelingt was er anfasst.
Dort kommen auch nach langen Jahren
die Traumgeschichten wieder hoch.
Zwei in dem Knast haben's erfahren:
Der Jo versteht das Deuten doch.
Dem einen sagt er in Gott's Namen
den Galgen an in kurzer Zeit.
Der andre wird im gleichen Rahmen
wie angesagt vom Knast befreit.
„Denk mal an mich, wenn du bei Hofe
wieder in Amt und Würden bist.
Vergiß mich nicht beim Rumgeschwofe,
wo man von goldnen Tellern isst.“
Doch kommt es anders, wie so oft:
Raus aus den Augen, aus dem Sinn.
Gefangen sitzt, der so gehofft,
noch lange Zeit im Loch dadrin.
An einem heißen Sommermorgen
erwacht Ägyptens Pharao
an einem Traum, der macht ihm Sorgen. Regenten sind halt manchmal so.
Der King läßt gleich die Deuter kommen, die Creme ägypt'scher Wissenschaft,
Sternkundge, Denker, auch die Frommen, weil hier 'ne Wissenslücke klafft.
Dem Herrscher läßt es keine Ruh,
erzählt von Kühen dick und satt,
die weggefressen warn im Nu
von sieben andern, dürr und platt.
Desgleichen auch ein zweiter Traum,
den Pharao möcht gern versteh'n:
Von prallen Ähren. - Man glaubts kaum:
Um die war’s grad so schnell gescheh'n.
Die Koryphä'n sind aufgeschmissen.
Kein Grips reicht an die Deutung ran.
Der Wirt vom Alten könnt was wissen.
Er denkt jetzt endlich doch noch dran.
„O Boss, ich hab was ausgefressen,
ich kenn' ein', der kann helfen wohl.
Der im Gefängnis war vergessen,
befiehl, dass man ihn holen soll.
Als ich im Bau sass vor zwei Jahren,
da träumte mir wie auch dem Bäck'.
Ein Jung-Hebräer, traumerfahren
- der klebt noch immer auf dem Fleck -
er konnt uns sagen, wann wir beiden
emporgehoben werden soll'n.
Ich hoch zu euch, er hoch zum Leiden.
Das hab ich nie vergessen woll'n.
Nu' mach mal fix, schaff her den Jungen. Es ist ja selten ganz zu spät.“
Der Jo kommt frei und wird gezwungen,
dass er zum Haareschneiden geht.
Dann reitet er beim Großmogulen
und dessen Schranzen vor, gekämmt.
Hier kann er um Zuneigung buhlen,
weil er topp auftritt, unverklemmt.
Und nun kommt Joies große Stunde.
Er macht das mit Profi-Profil.
„Nicht ich weiss alles. Gott gibt Kunde
mir seinem Diener, wenn er will.
Die sieben Kühe, sieben Ährchen,
die großer König, du geträumt,
bedeuten sieben gute Jährchen,
von sieben schlechten abgeräumt.
Es eilt, sagt Gott, ich handle schnelle.
Drum rate ich dir, Pharao:
Verpflichte möglichst auf der Stelle
'nen Manager für Heu und Stroh.
Kassiere von den guten Jahren
zwanzig Prozent. Auch's Volk gewinnt.
Der Vorrat, alle wer'ns erfahren,
schafft Rettung. Schnell, die Zeit verrinnt.“
Der Hof ist vollkommen entzückt:
Der Jo muss an die Aufgab' dran.
Das ist ein Kerl von Gott geschickt.
Wer wäre besser als der Mann?
„Du machst den Job, mein Jo für mich.
Sei deines Königs rechte Hand.
Dich segnet Gott, das sehe ich.
Werd' Vater für Ägyptenland.“
So kommt, was er geträumt schon frühe. Schau an, der Jo hat es gerafft.
Schwimmt ganz weit oben ohne Mühe,
sein Aufstieg ist von Gott geschafft.
Der Jo läßt keinen Reichtum gammeln.
Er selbst wird auch gleich mächtig reich. Um ihn woll'n sich die Promis sammeln.
'ne tolle Frau kriegt er schon gleich.
Die Priestertochter Asenat
vermittelt ihm sein großer Gönner.
Zwei Söhne kommen. - In der Tat
war Jo dabei der gleiche Könner.
Nun gilt es, alle Frucht zu retten.
Nichts darf verderben - ungefragt.
Der Weizen häuft in Körnerstädten,
die neu gebaut, wie Jo es sagt.
Nach sieben Jahren voller Segen
kein Halm mehr grünt, verdorrt das Land. Der Nil bleibt aus, es fällt kein Regen.
Jo teilt das Korn mit viel Verstand.
Die Not ward groß, wie wir erfahren.
Kein Krümel blieb den Leuten mehr.
Das Geld ging aus im Lauf von Jahren.
Wer hungert gibt oft 's Letzte her.
Die von Ägypten brachten alles,
erst 's Geld, dann 's Vieh und auch ihr Land. Zuletzt trat ein der Fall des Falles:
Das Volk selbst kam in's Königs Hand.
Die Menschen wurden ihm ganz eigen.
Verkauften sich mit Leib und Seel.
So darf kein Herrscher je sich zeigen,
wenn es den Menschen fehlt am Mehl.
O Jo, was hast du da verbrochen?
Du schießt erheblich über's Ziel.
Zu dir komm‘n Menschen angekrochen,
und du versklavst, was frei sein will?
Von weit her stellten ein sich Leute,
die wollten alle Korn zum Brot.
Sie gaben Geld und Gold als Beute,
zu überleben diese Not.
Darunter waren auch die Brüder,
die Jo verkauften, dieses Pack.
Sie mussten nach Ägypten nieder.
Mit ihnen trieb er Schabernack.
Jo prüft sie hart und fährt sie an:
„Spione seid ihr, sieht ein Kind,
um auszuforschen, alle Mann,
wo unsre Grenzen offen sind.“
Der Simeon bleibt im Gefängnis,
als Pfand, die andern dürfen heim.
Doch bringt‘s für sie noch mehr Bedrängnis: Der Benjamin muss bei ihn‘n sein,
woll‘n sie beim nächsten Einkaufsbummel den Simeon gern wiederha’m.
Noch schlimmer wird ihr dumpf Gegrummel, find‘ sich all‘s Geld beim Körnerkram. „
In diese Gegend können wir
uns ganz bestimmt niemals mehr trauen. Der Vater wird verzweifeln schier,
gibt uns den Ben nicht mit voll Grauen.
Wir haben unsre Lieferung
vom letzten Mal nicht können zahlen.
Steh‘n wir doch wieder dort herum,
wird uns Ägypters Zorn zerstrahlen.“
So weigern sie sich standhaft feste
noch mal den Weg hinab zu wagen,
ohne den Jüngsten, der das Beste
was Jack geblieben, sozusagen.
Ägypten hält noch auf die Türen.
Von allen Seiten nahen sie,
die Wirtschaft Pharaos zu zieren.
Es hungert Mann und Frau und Vieh.
Der Ruben will als Geiseln geben
zwei seiner eig’nen Söhne dran.
Der Juda bürgt mit seinem Leben.
dass Benni wieder heimkehr’n kann.
„Des Landes Fürst lässt sich nicht trügen. Er sagt, wir müssten es beweisen,
dass wir nicht spionieren, lügen.
Uns bleibt nichts and’res, wenn wir reisen.
Mit Benni ziehen oder lungern.
Wir fordern das bestimmt nicht gern.
Soll’n Mensch und Vieh nicht bald verhungern, dann gib uns halt dein’ Augenstern.“
Nun endlich wird Jack windelweich,
weil alle sehr der Hunger zwackt.
Es zieht mit Benjamin und reich
mit Geld die Bruderschaft bepackt.
Sie sollen mit dem Haufen Knete
nicht nur des Krämers Herz erweichen.
Vom ersten Gang zu Nofretete
war noch die Rechnung zu begleichen.
Damals ließ Josef unerkannt
zurück die Zahlung ihnen stecken.
Sie fanden’s Geld, kaum aus dem Land.
Es packte sie ein kalter Schrecken.
Und wieder jagt der Große Bruder
den selben Schock in sie hinein.
Er lässt sie spüren, wer am Ruder,
wer mächtig ist, wer armes Schwein.
Der Jo spielt wieder mit den Seinen.
Er scheucht sie hin – her, raus und rein.
Sie müssen zittern vor ihm, weinen.
Er kocht sie weich, demütig, klein.
Den Bruder Benjamin, das Fohlen
stellt Phar'os rechte Hand bewusst
so hin, als hätte er gestohlen.
Davon hat der nie was gewusst.
In dieser Not stellen sich alle
als Söhne eines Mannes dar.
Sie kleben zwar in Josefs Falle,
doch fall’n sie nicht aus’nander gar.
Dann endlich läßt er sich erkennen.
Die Brüder können‘s glauben kaum.
Der, den sie 'Hoher Herr' nur nennen,
soll Josef sein, der mit dem Traum?
Der, vor dem sie auf Knie’n rumrutschen, sollt' ihrer family entstammen?
Sie müssen jetzt als Bruder knutschen,
den, der sie fertig macht’ zusammen?
Erst ganz allmählich legt der Schock sich. Sie sehen ein: Es ist ganz gut,
dass hier im reichen Land so richtig
eine Oase sich auftut.
Der Gott der Väter wollt bei Zeiten,
eh noch ein Mensch ums Leben ringt,
den Platz hier sichern und bereiten,
der jetzt dem Stamm die Rettung bringt.
Die Brüder lassen sich erweichen
und fallen Josef um den Hals.
Jetzt müssen sie bei Jack erreichen,
dass er das all‘s glaubt ebenfalls.
Israel kann erst gar nicht glauben,
was ihm die Kinder da erzähl’n.
Es will ihm den Verstand fast rauben.
Warum tut man ihn so sehr quäl’n?
Die ganze Wucht, die mitgebracht,
Klamotten, Karren, Mensch und Tier,
sein kaltes Herz erwärmt die Pracht:
Vielleicht ist doch kein Trug das hier?
Dann reist der alte Jack im Wagen
hin nach Ägypten ins Asyl.
Wird Wirtschaftsflüchtling, alt an Tagen.
Sein Jo lebt! - Er kriegt fast zuviel.
Dort unterwegs redet dem Alten
sein Gott gut zu in einer Nacht.
„Du brauchst nicht’s fürchten. Ich werd’ halten, auf deinem Weg die gute Wacht.
Wie ich versprochen hab’ das Glück,
mach ich ein großes Volk aus dir.
Einmal Ägypten und zurück,
’s wird alles gut, vertraue mir.“
Der Jo sorgt für die große Sippe.
Sein Können nützt er,
seine Macht. Er bringt sie an die Futterkrippe. Sie leben, dass die Schwarte kracht.
Der Jack, die Buben, ihre Frauen,
die Kinder, 's Vieh, die ganze Chosen,
sie zieh‘n hinab zum Hütten bauen,
‚paar hundert’ Jahr im Landstrich Gosen.
Was haben wir zweitausendfünfzehn
mit dieser Dichtung noch zu schaffen?
Was sollte uns der Josef angehn,
wo zwischen uns Abgründe klaffen?
Wir sind tatsächlich sehr weit weg.
Wir träumen selten, was uns blüht.
Doch hat es heute auch noch Zweck,
dass man sich um die andern müht.
Wer aber schafft das denn allein,
erträgt Enttäuschung, Frust und Tränen,
was niemals ausbleibt? Das macht klein,
und müde, doch ist‘s zu erwähnen.
Ich brauche einen Auftraggeber,
der mich versorgt mit neuen Kräften.
Ich brauche Menschen, Launeheber,
die nehmen teil an den Geschäften.
Dann mag ich laufen, rennen, hasten,
kann helfen, tragen, stützen, tun.
In der Gemeinschaft darf ich rasten,
mal Neues hören, sogar ruhn.
So kommen auch die kleinen Gaben
zusammen, was uns vorwärts treibt, weil alle was zu bringen haben
und niemand eine Insel bleibt.
Sie haben Biblische Balladen I zu Ende gelesen
Alfred Mignon