Das Buch der Bilder

Rainer Maria Rilke · Kapitel 2 von 2 · Teil 2/2

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Das Buch der Bilder

Das Buch der Bilder

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

Goldranken schlingen sich wie schlanke Tiere,

die sich im Glänze ihrer Brünste gatten,

und sanfte Perlen warten in dem Schatten

wilder Gebilde, daß ein Schimmer ihre

stillen Gesichter finde und verliere.

Und das ist Mantel, Strahlenkranz und Land,

und ein Bewegen geht von Rand zu Rand,

wie Korn im Wind und wie ein Fluß im Tale,

so glänzt es wechselnd durch die Rahmenwand.

 

In ihrer Sonne dunkeln drei Ovale:

das große gibt dem Mutterantlitz Raum,

und rechts und links hebt eine mandelschmale

Jungfrauenhand sich aus dem Silbersaum.

Die beiden Hände, seltsam still und braun,

verkünden, daß im köstlichen Ikone

die Königliche wie im Kloster wohne,

die überfließen wird von jenem Sohne,

von jenem Tropfen, drinnen wolkenohne

die niegehofften Himmel blaun.

 

Die Hände zeugen noch dafür;

aber das Antlitz ist wie eine Tür

in warme Dämmerungen aufgegangen,

in die das Lächeln von den Gnadenwangen

mit seinem Lichte irrend sich verlor.

 

Da neigt sich tief der Zar davor und spricht:

Fühltest du nicht, wie sehr wir in dich drangen

mit allem: Fühlen, Fürchten und Verlangen;

wir warten auf dein liebes Angesicht,

das uns vergangen ist; wohin vergangen?

 

Den großen Heiligen vergeht es nicht.

 

Er bebte tief in seinem steifen Kleid,

das strahlend stand. Er wußte nicht, wie weit

er schon von allem war und ihrem Segnen,

wie selig nah in seiner Einsamkeit.

 

Noch sinnt und sinnt der blasse Gossudar.

Und sein Gesicht, das unterm kranken Haar

schon lange tief und wie im Fortgehn war,

verging, wie jenes in dem Goldovale,

in seinem großen goldenen Talar.

 

(Um ihrem Angesichte zu begegnen.)

 

Zwei Goldgewänder schimmerten im Saale

und wurden in dem Glanz der Ampeln klar.

DER SÄNGER SINGT VOR EINEM FÜRSTENKIND

 

DEM ANDENKEN VON PAULA BECKER-MODERSOHN

 

Du blasses Kind, an jedem Abend soll

der Sänger dunkel stehn bei deinen Dingen

und soll dir Sagen, die im Blute klingen,

über die Brücke seiner Stimme bringen

und eine Harfe, seiner Hände voll.

 

Nicht aus der Zeit ist, was er dir erzählt,

gehoben ist es wie aus Wandgeweben;

solche Gestalten hat es nie gegeben;—

und Niegewesenes nennt er das Leben.

Und heute hat er diesen Sang erwählt:

 

Du blondes Kind von Fürsten und aus Frauen,

die einsam warteten im weißen Saal,—

fast alle waren bang, dich aufzubauen,

um aus den Bildern einst auf dich zu schauen:

auf deine Augen mit den ernsten Brauen,

auf deine Hände, hell und schmal.

 

Du hast von ihnen Perlen und Türkisen,

von diesen Frauen, die in Bildern stehn,

als stünden sie allein in Abendwiesen,—

du hast von ihnen Perlen und Türkisen,—

und Ringe mit verdunkelten Devisen

und Seiden, welche welke Düfte wehn.

 

Du trägst die Gemmen ihrer Gürtelbänder ans hohe Fenster in den Glanz der Stunden,

und in die Seide sanfter Brautgewänder

sind deine kleinen Bücher eingebunden,

und drinnen hast du, mächtig über Länder,

ganz groß geschrieben und mit reichen, runden

Buchstaben deinen Namen vorgefunden.

 

Und alles ist, als wär es schon geschehn.

 

Sie haben so, als ob du nicht mehr kämst,

an alle Becher ihren Mund gesetzt,

zu allen Freuden ihr Gefühl gehetzt

und keinem Leide leidlos zugesehn;

so daß du jetzt

stehst und dich schämst.

 

... Du blasses Kind, dein Leben ist auch eines,—

der Sänger kommt dir sagen, daß du bist.

Und daß du mehr bist als ein Traum des Haines,

mehr als die Seligkeit des Sonnenscheines,

den mancher graue Tag vergißt.

Dein Leben ist so unaussprechlich deines,

weil es von vielen überladen ist.

 

Empfindest du, wie die Vergangenheiten

leicht werden, wenn du eine Weile lebst,

wie sie dich sanft auf Wunder vorbereiten,

jedes Gefühl mit Bildern dir begleiten,—

und nur ein Zeichen scheinen ganze Zeiten

für eine Geste, die du schön erhebst.—

 

Das ist der Sinn von allem, was einst war,

daß es nicht bleibt mit seiner ganzen Schwere,

daß es zu unserm Wesen wiederkehre,

in uns verwoben, tief und wunderbar:

So waren diese Frauen elfenbeinern,

von vielen Rosen rötlich angeschienen,

so dunkelten die müden Königsmienen,

so wurden fahle Fürstenmunde steinern und unbewegt von Waisen und von Weinern,

so klangen Knaben an wie Violinen

und starben für der Frauen schweres Haar;

so gingen Jungfraun der Madonna dienen,

denen die Welt verworren war.

So wurden Lauten laut und Mandolinen,

in die ein Unbekannter größer griff,—

in warmen Samt verlief der Dolche Schliff,—

Schicksale bauten sich aus Glück und Glauben,

Abschiede schluchzten auf in Abendlauben,—

und über hundert schwarzen Eisenhauben

schwankte die Feldschlacht wie ein Schiff.

So wurden Städte langsam groß und fielen

in sich zurück wie Wellen eines Meeres,

so drängte sich zu hochbelohnten Zielen

die rasche Vogelkraft des Eisenspeeres,

so schmückten Kinder sich zu Gartenspielen,—

und so geschah Unwichtiges und Schweres

nur, um für dieses tägliche Erleben

dir tausend große Gleichnisse zu geben,

an denen du gewaltig wachsen kannst.

Vergangenheiten sind dir eingepflanzt,

um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.

 

Du blasses Kind, du machst den Sänger reich

mit deinem Schicksal, das sich singen läßt:

So spiegelt sich ein großes Gartenfest

mit vielen Lichtern im erstaunten Teich.

Im dunklen Dichter wiederholt sich still

ein jedes Ding: ein Stern, ein Haus, ein Wald.

Und viele Dinge, die er feiern will,

umstehen deine rührende Gestalt.

 

DIE AUS DEM HAUSE COLONNA

Ihr fremden Männer, die ihr jetzt so still

in Bildern steht, ihr saßet gut zu Pferde,

und ungeduldig gingt ihr durch das Haus;

wie ein schöner Hund, mit derselben Gebärde

ruhn eure Hände jetzt bei euch aus.

 

Euer Gesicht ist so voll von Schauen,

denn die Welt war euch Bild und Bild;

aus Waffen, Fahnen, Früchten und Frauen

quillt euch dieses große Vertrauen,

daß alles ist und daß alles gilt.

 

Aber damals, als ihr noch zu jung

wart, die großen Schlachten zu schlagen,

zu jung, um den päpstlichen Purpur zu tragen,

nicht immer glücklich bei Reiten und Jagen,

Knaben noch, die sich den Frauen versagen,

habt ihr aus jenen Knaben tagen

keine, nicht eine Erinnerung?

 

Wißt ihr nicht mehr, was damals war?

 

Damals war der Altar

mit dem Bilde, auf dem Maria gebar,

in dem einsamen Seitenschiff.

Euch ergriff

eine Blumenranke;

der Gedanke,

daß die Fontäne allein

draußen im Garten in Mondenschein

ihre Wasser warf,

war wie eine Welt.

 

Das Fenster ging bis zu den Füßen auf wie eine Tür;

und es war Park mit Wiesen und Wegen:

seltsam nah und doch so entlegen,

seltsam hell und doch wie verborgen,

und die Brunnen rauschten wie Regen, und es war, als käme kein Morgen

dieser langen Nacht entgegen,

die mit allen Sternen stand.

 

Damals wuchs euch, Knaben, die Hand,

die warm war. (Ihr aber wußtet es nicht.)

Damals breitete euer Gesicht sich aus.

 

DES ZWEITEN BUCHES ZWEITERTEIL

 

FRAGMENTE AUS VERLORENEN TAGEN

 

Wie Vögel, welche sich gewöhnt ans Gehn

und immer schwerer werden, wie im Fallen:

die Erde saugt aus ihren langen Krallen

die mutige Erinnerung von allen

den großen Dingen, welche hoch geschehn,

und macht sie fast zu Blättern, die sich dicht

am Boden halten—

wie Gewächse, die,

kaum aufwärts wachsend, in die Erde kriechen,

in schwarzen Schollen unlebendig licht

und weich und feucht versinken und versiechen,

wie irre Kinder,—wie ein Angesicht

in einem Sarg,—wie frohe Hände, welche

unschlüssig werden, weil im vollen Kelche

sich Dinge spiegeln, die nicht nahe sind,—

wie Hilferufe, die im Abendwind

begegnen vielen dunklen großen Glocken,—

wie Zimmerblumen, die seit Tagen trocken, wie Gassen, die verrufen sind,—wie Locken,

darinnen Edelsteine blind geworden sind,—

wie Morgen im April

vor allen vielen Fenstern des Spitales:

die Kranken drängen sich am Saum des Saales

und schaun: die Gnade eines frühen Strahles

macht alle Gassen frühlinglich und weit;

sie sehen nur die helle Herrlichkeit,

welche die Häuser jung und lachend macht,

und wissen nicht, daß schon die ganze Nacht

ein Sturm die Kleider von den Himmeln reißt,

ein Sturm von Wassern, wo die Welt noch eist

ein Sturm, der jetzt noch durch die Gassen braust

und der den Dingen alle Bürde

von ihren Schultern nimmt,—

daß etwas draußen groß ist und ergrimmt,

daß draußen die Gewalt geht, eine Faust,

die jeden von den Kranken würgen würde

inmitten dieses Glanzes, dem sie glauben.—

... Wie lange Nächte in verwelkten Lauben,

die schon zerrissen sind auf allen Seiten

und viel zu weit, um noch mit einem zweiten,

den man sehr liebt, zusammen drin zu weinen,—

wie nackte Mädchen, kommend über Steine,

wie Trunkene in einem Birkenhaine,—

wie Worte, welche nichts Bestimmtes meinen

und dennoch gehn, ins Ohr hineingehn, weiter

ins Hirn und heimlich auf der Nervenleiter

durch alle Glieder Sprung um Sprung versuchen,

wie Greise, welche ihr Geschlecht verfluchen

und dann versterben, so daß keiner je

abwenden könnte das verhängte Weh,

wie volle Rosen, künstlich aufgezogen

im blauen Treibhaus, wo die Lüfte logen,

und dann vom Übermut in großem Bogen

hinausgestreut in den verwehten Schnee,—

wie eine Erde, die nicht kreisen kann,

weil zuviel Tote ihr Gefühl beschweren,

wie ein erschlagener verscharrter Mann, dem sich die Hände gegen Wurzeln wehren,—

wie eine von den hohen, schlanken, roten

Hochsommerblumen, welche unerlöst

ganz plötzlich stirbt im Lieblingswind der Wiesen,

weil ihre Wurzel unten an Türkisen

im Ohrgehänge einer Toten

stößt....

 

Und mancher Tage Stunden waren so.

Als formte wer mein Abbild irgendwo,

um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.

Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,

und war, als ob ein Regen auf mich fiele,

in welchem alle Dinge sich verwandeln.

 

DIE STIMMEN

 

NEUN BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATT

 

TITELBLATT

 

Die Reichen und Glücklichen haben gut schweigen,

niemand will wissen, was sie sind.

Aber die Dürftigen müssen sich zeigen,

müssen sagen: ich bin blind,

oder: ich bin im Begriff, es zu werden,

oder: es geht mir nicht gut auf Erden,

oder: ich habe ein krankes Kind,

oder: da bin ich zusammengefugt....

 

Und vielleicht, daß das gar nicht genügt.

Und weil alle sonst, wie an Dingen,

an ihnen vorbeigehn, müssen sie singen.

 

Und da hört man noch guten Gesang.

 

Freilich die Menschen sind seltsam; sie hören

lieber Kastraten in Knabenchören.

 

Aber Gott selber kommt und bleibt lang,

wenn ihn diese Beschnittenen stören.

 

DAS LIED DES BETTLERS

 

Ich gehe immer von Tor zu Tor,

verregnet und verbrannt;

auf einmal leg ich mein rechtes Ohr

in meine rechte Hand.

Dann kommt mir meine Stimme vor,

als hätt ich sie nie gekannt.

 

Dann weiß ich nicht sicher, wer da schreit,

ich oder irgendwer.

Ich schreie um eine Kleinigkeit.

Die Dichter schrein um mehr.

 

Und endlich mach ich noch mein Gesicht

mit beiden Augen zu;

wie's dann in der Hand liegt mit seinem Gewicht,

sieht es fast aus wie Ruh.

Damit sie nicht meinen, ich hätte nicht,

wohin ich mein Haupt tu.

DAS LIED DES BLINDEN

 

Ich bin blind, ihr draußen, das ist ein Fluch,

ein Widerwillen, ein Widerspruch,

etwas täglich Schweres.

Ich leg meine Hand auf den Arm der Frau,

meine graue Hand auf ihr graues Grau,

und sie führt mich durch lauter Leeres.

 

Ihr rührt euch und rückt und bildet euch ein,

anders zu klingen als Stein auf Stein,

aber ihr irrt euch: ich allein

lebe und leide und lärme.

In mir ist ein endloses Schrein,

und ich weiß nicht, schreit mir mein

Herz oder meine Gedärme.

 

Erkennt ihr die Lieder? Ihr sanget sie nicht,

nicht ganz in dieser Betonung.

Euch kommt jeden Morgen das neue Licht

warm in die offene Wohnung.

Und ihr habt ein Gefühl von Gesicht zu Gesicht,

und das verleitet zur Schonung.

 

DAS LIED DES TRINKERS

 

Es war nicht in mir. Es ging aus und ein.

Da wollt ich es halten. Da hielt es der Wein.

(Ich weiß nicht mehr, was es war.)

Dann hielt er mir jenes und hielt mir dies,

bis ich mich ganz auf ihn verließ.

Ich Narr.

 

Jetzt bin ich in seinem Spiel, und er streut mich verächtlich herum und verliert mich noch heut

an dieses Vieh, an den Tod.

Wenn der mich, schmutzige Karte, gewinnt,

so kratzt er mit mir seinen grauen Grind

und wirft mich fort in den Kot.

 

DAS LIED DES SELBSTMÖRDERS

 

Also noch einen Augenblick.

Daß sie mir immer wieder den Strick

zerschneiden.

Neulich war ich so gut bereit,

und es war schon ein wenig Ewigkeit

in meinen Eingeweiden.

 

Halten sie mir den Löffel her,

diesen Löffel Leben.

Nein, ich will und ich will nicht mehr,

laßt mich mich übergeben.

 

Ich weiß, das Leben ist gar und gut,

und die Welt ist ein voller Topf,

aber mir geht es nicht ins Blut,

mir steigt es nur zu Kopf.

 

Andere nährt es, mich macht es krank;

begreift, daß man's verschmäht.

Mindestens ein Jahrtausend lang

brauch ich jetzt Diät.

 

DAS LIED DER WITWE

Am Anfang war mir das Leben gut.

Es hielt mich warm, es machte mir Mut.

Daß es das allen Jungen tut,

wie könnt ich das damals wissen.

Ich wußte nicht, was das Leben war—,

auf einmal war es nur Jahr und Jahr,

nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar,

wie mitten entzweigerissen.

 

Das war nicht seine, nicht meine Schuld;

wir hatten beide nichts als Geduld,

aber der Tod hat keine.

Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam),

und ich schaute ihm zu, wie er nahm und nahm:

es war ja gar nicht das Meine.

 

Was war denn das Meine; meines, mein?

War mir nicht selbst mein Elendsein

nur vom Schicksal geliehn?

Das Schicksal will nicht nur das Glück,

es will die Pein und das Schrein zurück,

und es kauft für alt den Ruin.

 

Das Schicksal war da und erwarb für ein Nichts

jeden Ausdruck meines Gesichts,

bis auf die Art zu gehn.

Das war ein täglicher Ausverkauf,

und als ich leer war, gab es mich auf

und ließ mich offen stehn.

 

DAS LIED DES IDIOTEN

 

Sie hindern mich nicht. Sie lassen mich gehn.

Sie sagen, es könne nichts geschehn.

Wie gut.

Es kann nichts geschehn. Alles kommt und kreist

immerfort um den Heiligen Geist,

um den gewissen Geist (du weißt)—,

wie gut.

 

Nein, man muß wirklich nicht meinen, es sei

irgendeine Gefahr dabei.

Da ist freilich das Blut.

Das Blut ist das Schwerste. Das Blut ist schwer,

manchmal glaub ich, ich kann nicht mehr—.

(Wie gut.)

 

Ah, was ist das für ein schöner Ball;

rot und rund wie ein Überall.

Gut, daß ihr ihn erschuft.

Ob der wohl kommt, wenn man ruft?

 

Wie sich das alles seltsam benimmt,

ineinandertreibt, auseinanderschwimmt:

freundlich, ein wenig unbestimmt;

wie gut.

 

DAS LIED DER WAISE

 

Ich bin niemand und werde auch niemand sein.

Jetzt bin ich ja zum Sein noch zu klein;

aber auch später.

 

Mütter und Väter,

erbarmt euch mein.

 

Zwar es lohnt nicht des Pflegens Müh:

ich werde doch gemäht.

Mich kann keiner brauchen: jetzt ist es zu früh, und morgen ist es zu spät.

 

Ich habe nur dieses eine Kleid,

es wird dünn, und es verbleicht,

aber es hält eine Ewigkeit

auch noch vor Gott vielleicht.

 

Ich habe nur dieses bißchen Haar

(immer dasselbe blieb),

das einmal Eines Liebstes war.

 

Nun hat er nichts mehr lieb.

 

DAS LIED DES ZWERGES

 

Meine Seele ist vielleicht grad und gut;

aber mein Herz, mein verbogenes Blut,

alles das, was mir wehe tut,

kann sie nicht aufrecht tragen.

Sie hat keinen Garten, sie hat kein Bett,

sie hängt an meinem scharfen Skelett

mit entsetztem Flügelschlagen?

 

Aus meinen Händen wird auch nichts mehr.

Wie verkümmert sie sind, sieh her:

zähe hüpfen sie, feucht und schwer,

wie kleine Kröten nach Regen.

Und das andere an mir ist

abgetragen und alt und trist;

warum zögert Gott, auf den Mist

alles das hinzulegen?

 

Ob er mir zürnt für mein Gesicht

mit dem mürrischen Munde?

Es war ja so oft bereit, ganz licht und klar zu werden im Grunde;

aber nichts kam ihm je so dicht

wie die großen Hunde.

Und die Hunde haben das nicht.

 

DAS LIED DES AUSSÄTZIGEN

 

Sieh, ich bin einer, den alles verlassen hat.

Keiner weiß in der Stadt von mir,

Aussatz hat mich befallen.

Und ich schlage mein Klapperwerk,

klopfe mein trauriges Augenmerk

in die Ohren allen,

die nahe Vorübergehn.

Und die es hölzern hören, sehn

erst gar nicht her, und was hier geschehn,

wollen sie nicht erfahren.

 

Soweit der Klang meiner Klapper reicht,

bin ich zuhause; aber vielleicht

machst du meine Klapper so laut,

daß sich keiner in meine Ferne traut,

der mir jetzt aus der Nähe weicht.

So daß ich sehr lange gehen kann,

ohne Mädchen, Frau oder Mann

oder Kind zu entdecken.

 

Tiere will ich nicht schrecken.

 

VON DEN FONTÄNEN

Auf einmal weiß ich viel von den Fontänen,

den unbegreiflichen Bäumen aus Glas.

Ich könnte reden wie von eignen Tränen,

die ich, ergriffen von sehr großen Träumen,

einmal vergeudete und dann vergaß.

 

Vergaß ich denn, daß Himmel Hände reichen

zu vielen Dingen und in das Gedränge?

Sah ich nicht immer Großheit ohnegleichen

im Aufstieg alter Parke vor den weichen

erwartungsvollen Abenden,—in bleichen,

aus fremden Mädchen steigenden Gesängen,

die überfließen aus der Melodie

und wirklich werden und als müßten sie

sich spiegeln in den aufgetanen Teichen?

 

Ich muß mich nur erinnern an das alles,

was an Fontänen und an mir geschah,

dann fühl ich auch die Last des Niederfalles,

in welcher ich die Wasser wiedersah:

und weiß von Zweigen, die sich abwärts wandten,

von Stimmen, die mit kleiner Flamme brannten,

von Teichen, welche nur die Uferkanten

schwachsinnig und verschoben wiederholten,

von Abendhimmeln, welche von verkohlten

westlichen Wäldern ganz entfremdet traten,

sich anders wölbten, dunkelten und taten,

als wär das nicht die Welt, die sie gemeint....

 

Vergaß ich denn, daß Stern bei Stern versteint

und sich verschließt gegen die Nachbargloben?

Daß sich die Welten nur noch wie verweint

im Raum erkennen?—Vielleicht sind wir oben,

in Himmel andrer Wesen eingewoben,

die zu uns aufschaun abends. Vielleicht loben

uns ihre Dichter. Vielleicht beten viele

zu uns empor. Vielleicht sind wir die Ziele von fremden Flüchen, die uns nie erreichen,

Nachbaren eines Gottes, den sie meinen

in unsrer Höhe, wenn sie einsam weinen,

an den sie glauben und den sie verlieren,

und dessen Bildnis, wie ein Schein aus ihren

suchenden Lampen, flüchtig und verweht,

über unsere zerstreuten Gesichter geht....

 

DER LESENDE

 

Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,

mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.

Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:

mein Buch war schwer.

Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,

die dunkel werden von Nachdenklichkeit,

und um mein Lesen staute sich die Zeit.—

Auf einmal sind die Seiten überschienen,

und statt der bangen Wortverworrenheit

steht: Abend, Abend ... überall auf ihnen;

ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen

die langen Zeilen, und die Worte rollen

von ihren Fäden fort, wohin sie wollen....

Da weiß ich es: über den übervollen

glänzenden Gärten sind die Himmel weit;

die Sonne hat noch einmal kommen sollen.—

Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:

Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,

dunkel auf langen Wegen gehn die Leute,

und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,

hört man das Wenige, das noch geschieht.

 

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe, wird nichts befremdlich sein und alles groß.

Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,

und hier und dort ist alles grenzenlos;

nur daß ich mich noch mehr damit verwebe,

wenn meine Blicke an die Dinge passen

und an die ernste Einfachheit der Massen,—

da wächst die Erde über sich hinaus.

Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:

der erste Stern ist wie das letzte Haus.

 

DER SCHAUENDE

 

Ich sehe den Bäumen die Stürme an,

die aus laugewordenen Tagen

an meine ängstlichen Fenster schlagen,

und höre die Fernen Dinge sagen,

die ich nicht ohne Freund ertragen,

nicht ohne Schwester lieben kann.

 

Da geht der Sturm, ein Umgestalter,

geht durch den Wald und durch die Zeit,

und alles ist wie ohne Alter:

die Landschaft, wie ein Vers im Psalter,

ist Ernst und Wucht und Ewigkeit.

 

Wie ist das klein, womit wir ringen,

was mit uns ringt, wie ist das groß;

ließen wir, ähnlicher den Dingen,

uns so vom großen Sturm bezwingen,—

wir würden weit und namenlos.

 

Was wir besiegen, ist das Kleine,

und der Erfolg selbst macht uns klein.

Das Ewige und Ungemeine

will nicht von uns gebogen sein.

Das ist der Engel, der den Ringern

des Alten Testaments erschien:

Wenn seiner Widersacher Sehnen

im Kampfe sich metallen dehnen,

fühlt er sie unter seinen Fingern

wie Saiten tiefer Melodien.

 

Wen dieser Engel überwand,

welcher so oft auf Kampf verzichtet,

der geht gerecht und aufgerichtet

und groß aus jener harten Hand,

die sich, wie formend, an ihn schmiegte.

Die Siege laden ihn nicht ein.

Sein Wachstum ist: Der Tiefbesiegte

von immer Größerem zu sein.

 

AUS EINER STURMNACHT

 

ACHT BLÄTTER MIT EINEM TITELBLATT

 

TITELBLATT

 

Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,

wie wird sie auf einmal weit,—

als bliebe sie sonst zusammengelegt

in die kleinlichen Falten der Zeit.

Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nicht

und beginnt nicht mitten im Wald

und nicht an meinem Angesicht und nicht mit deiner Gestalt.

Die Lampen stammeln und wissen nicht:

Lügen wir Licht?

Ist die Nacht die einzige Wirklichkeit

seit Jahrtausenden....

 

In solchen Nächten kannst du in den Gassen

Zukünftigen begegnen, schmalen blassen

Gesichtern, die dich nicht erkennen

und dich schweigend vorüberlassen.

Aber wenn sie zu reden begännen,

wärst du ein Lange vergangener,

wie du da stehst,

langeverwest.

Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,

obwohl sie die Kommenden sind.

Zukunft beginnt noch nicht.

Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeit

und können, wie unter Wasser, nicht schauen;

und ertragen sie's doch eine Weile,

sehn sie wie unter den Wellen: die Eile

von Fischen und das Tauchen von Tauen.

 

In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.

Und durch die bösen Träume der Wächter

gehn mit leisem Gelächter

die Verächter ihrer Gewalt.

Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,

mit ihren langen Strafen behangen.

Wald!

In solchen Nächten ist auf einmal Feuer

in einer Oper. Wie ein Ungeheuer

beginnt der Riesenraum mit seinen Rängen

Tausende, die sich in ihm drängen,

zu kauen.

Männer und Frauen

staun sich in den Gängen,

und wie sich alle aneinander hängen,

bricht das Gemäuer, und es reißt sie mit.

Und niemand weiß mehr, wer ganz unten litt;

während ihm einer schon das Herz zertritt,

sind seine Ohren noch ganz voll von Klängen,

die dazu hingehn....

 

In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,

fangen die Herzen in den Sarkophagen

vergangner Fürsten wieder an zu gehn:

und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagen

gegen die Kapseln, welche widerstehn,

daß sie die goldnen Schalen weitertragen

durch Dunkel und Damaste, die zerfallen.

Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.

Die Glocken, die sich in die Türme krallen,

hängen wie Vögel, bebend stehn die Türen,

und an den Trägern zittert jedes Glied:

als trügen seinen gründenden Granit

blinde Schildkröten, die sich rühren.

In solchen Nächten wissen die Unheilbaren:

Wir waren....

Und sie denken unter den Kranken

einen einfachen guten Gedanken

weiter, dort, wo er abbrach.

Doch von den Söhnen, die sie gelassen,

geht der jüngste vielleicht in den einsamsten Gassen;

denn gerade diese Nächte

sind ihm, als ob er zum erstenmal dächte:

Lange lag es über ihm bleiern,

aber jetzt wird sich alles entschleiern,—

und: daß er das feiern wird,

fühlt er....

 

In solchen Nächten sind alle die Städte gleich,

alle beflaggt.

Und an den Fahnen vom Sturm gepackt

und wie an Haaren hinausgerissen

in irgendein Land mit ungewissen

Umrissen und Flüssen.

In allen Gärten ist dann ein Teich,

an jedem Teiche dasselbe Haus,

in jedem Hause dasselbe Licht;

und alle Menschen sehn ähnlich aus

und halten die Hände vorm Gesicht.

 

In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,

greifen sich leise ins wachsende Haar,

dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche

in diesen langen Tagen treiben,

als wollten sie über der Oberfläche

des Todes bleiben.

Ihre Gebärde geht durch das Haus,

als wenn überall Spiegel hingen;

und sie geben—mit diesem Graben

in ihren Haaren—Kräfte aus,

die sie in Jahren gesammelt haben,

welche vergingen.

 

In solchen Nächten wächst mein Schwesterlein,

das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.

Viel solche Nächte waren schon seither:

Sie muß schon schön sein. Bald wird irgendwer

sie frein.

 

DIE BLINDE

 

Der Fremde:

Du bist nicht bang, davon zu sprechen?

Die Blinde:

Nein.

Es ist so ferne. Das war eine andre.

Die damals sah, die laut und schauend lebte,

die starb.

Der Fremde:

Und hatte einen schweren Tod?

Die Blinde:

Sterben ist Grausamkeit an Ahnungslosen.

Stark muß man sein, sogar wenn Fremdes stirbt.

Der Fremde:

Sie war dir fremd?

Die Blinde:

—Oder: sie ists geworden.

Der Tod entfremdet selbst dem Kind die Mutter.—

Doch es war schrecklich in den ersten Tagen.

Am ganzen Leibe war ich wund. Die Welt,

die in den Dingen blüht und reift,

war mit den Wurzeln aus mir ausgerissen,

mit meinem Herzen (schien mir), und ich lag

wie aufgewühlte Erde offen da und trank

den kalten Regen meiner Tränen,

der aus den toten Augen unaufhörlich

und leise strömte, wie aus leeren Himmeln,

wenn Gott gestorben ist, die Wolken fallen.

Und mein Gehör war groß und allem offen.

Ich hörte Dinge, die nicht hörbar sind:

die Zeit, die über meine Haare floß,

die Stille, die in zarten Gläsern klang,

und fühlte: nah bei meinen Händen ging

der Atem einer großen weißen Rose.

Und immer wieder dacht ich: Nacht und: Nacht

und glaubte einen hellen Streif zu sehn,

der wachsen würde wie ein Tag;

und glaubte auf den Morgen zuzugehn,

der längst in meinen Händen lag.

Die Mutter weckt ich, wenn der Schlaf mir schwer

hinunterfiel vom dunklen Gesicht,

der Mutter rief ich: "Du, komm her!

Mach Licht!"

Und horchte. Lange, lange blieb es still,

und meine Kissen fühlte ich verneinen,—

dann wars, als säh ich etwas scheinen:

das war der Mutter wehes Weinen,

an das ich nicht mehr denken will.

Mach Licht! Mach Licht! Ich schrie es oft im Traum:

Der Raum ist eingefallen. Nimm den Raum

mir vom Gesicht und von der Brust.

Du mußt ihn heben, hochheben,

mußt ihn wieder den Sternen geben;

ich kann nicht leben so, mit dem Himmel auf mir.

Aber Sprech ich zu dir, Mutter?

Oder zu wem denn? Wer ist denn dahinter?

Wer ist denn hinter dem Vorhang?—Winter?

Mutter: Sturm? Mutter: Nacht? Sag!

Oder: Tag?... Tag!

Ohne mich! Wie kann es denn ohne mich Tag sein?

Fehl ich denn nirgends?

Fragt denn niemand nach mir?

Sind wir denn ganz vergessen?

Wir?... Aber du bist ja dort;

du hast ja noch alles, nicht?

Um dein Gesicht sind noch alle Dinge bemüht,

ihm wohlzutun.

Wenn deine Augen ruhn

und wenn sie noch so müd waren,

sie können wieder steigen.

... Meine schweigen.

Meine Blumen werden die Farbe verlieren.

Meine Spiegel werden zufrieren.

In meinen Büchern werden die Zeilen verwachsen.

Meine Vögel werden in den Gassen

herumflattern und sich an fremden Fenstern verwunden.

Nichts ist mehr mit mir verbunden.

Ich bin von allem verlassen.—

Ich bin eine Insel.

Der Fremde:

Und ich bin über das Meer gekommen.

Die Blinde:

Wie? Auf die Insel?... Hergekommen?

Der Fremde:

Ich bin noch im Kahne.

Ich habe ihn leise angelegt—

an dich. Er ist bewegt:

seine Fahne weht landein.

Die Blinde:

Ich bin eine Insel und allein.

Ich bin reich.—

Zuerst, als die alten Wege noch waren

in meinen Nerven, ausgefahren

von vielem Gebrauch:

da litt ich auch.

Alles ging mir aus dem Herzen fort,

ich wußte erst nicht wohin;

aber dann fand ich sie alle dort,

alle Gefühle, das, was ich bin,

stand versammelt und drängte und schrie

an den vermauerten Augen, die sich nicht rührten.

Alle meine verführten Gefühle....

Ich weiß nicht, ob sie Jahre so standen,

aber ich weiß von den Wochen,

da sie alle zurückkamen gebrochen

und niemanden erkannten.

 

Dann wuchs der Weg zu den Augen zu.

Ich weiß ihn nicht mehr.

Jetzt geht alles in mir umher,

sicher und sorglos; wie Genesende

gehn die Gefühle, genießend das Gehn,

durch meines Leibes dunkles Haus.

Einige sind Lesende

über Erinnerungen;

aber die jungen

sehn alle hinaus.

Denn wo sie hintreten an meinen Rand,

ist mein Gewand von Glas.

Meine Stirne sieht, meine Hand las

Gedichte in anderen Händen.

Mein Fuß spricht mit den Steinen, die er betritt,

meine Stimme nimmt jeder Vogel mit

aus den täglichen Wänden.

Ich muß nichts mehr entbehren jetzt,

alle Farben sind übersetzt

in Geräusch und Geruch.

Und sie klingen unendlich schön

als Töne.

Was soll mir ein Buch?

In den Bäumen blättert der Wind;

und ich weiß, was dorten für Worte sind,

und wiederhole sie manchmal leis.

Und der Tod, der Augen wie Blumen bricht,

findet meine Augen nicht....

Der Fremde (leise):

Ich weiß.

 

REQUIEM

 

CLARA WESTHOFF GEWIDMET

 

Seit einer Stunde ist um ein Ding mehr

auf Erden. Mehr um einen Kranz.

Vor einer Weile war das leichtes Laub ... Ich wand's:

und jetzt ist dieser Efeu seltsam schwer

und so von Dunkel voll, als tränke er

aus meinen Dingen zukünftige Nächte.

Jetzt graut mir fast vor dieser nächsten Nacht,

allein mit diesem Kranz, den ich gemacht,

nicht ahnend, daß da etwas wird,

wenn sich die Ranken ründen um den Reifen;

ganz nur bedürftig, dieses zu begreifen:

daß etwas nicht mehr sein kann. Wie verirrt

in nie betretene Gedanken, darinnen wunderliche Dinge stehn,

die ich schon einmal gesehen haben muß....

 

... Flußabwärts treiben die Blumen, welche die

Kinder gerissen haben im Spiel; aus den offenen

Fingern fiel eine und eine, bis daß der Strauß nicht

mehr zu erkennen war. Bis der Rest, den sie nach

Haus gebracht, gerade gut zum Verbrennen war.

Dann konnte man ja die ganze Nacht, wenn einen

alle schlafen meinen, um die gebrochenen Blumen

weinen.

Gretel, von allem Anbeginn

war dir bestimmt, sehr zeitig zu sterben,

blond zu sterben.

Lange schon, eh dir zu leben bestimmt war.

 

Darum stellte der Herr eine Schwester vor dich

und dann einen Bruder,

damit vor dir wären zwei Nahe, zwei Reine,

welche das Sterben dir zeigten,

das deine:

dein Sterben.

Deine Geschwister wurden erfunden,

nur, damit du dich dran, gewöhntest

und dich an zweien Sterbestunden

mit der dritten versöhntest,

die dir seit Jahrtausenden droht.

Für deinen Tod

sind Leben erstanden;

Hände, welche Blüten banden,

Blicke, welche die Rosen rot

und die Menschen mächtig empfanden,

hat man gebildet und wieder vernichtet

und hat zweimal das Sterben gedichtet,

eh es, gegen dich selbst gerichtet,

aus der verloschenen Bühne trat.

 

... Nahte es dir schrecklich, geliebte Gespielin?

war es dein Feind?

Hast du dich ihm ans Herz geweint?

Hat es dich aus den heißen Kissen

in die flackernde Nacht gerissen,

in der niemand schlief im ganzen Haus...?

Wie sah es aus?

Du mußt es wissen....

Du bist dazu in die Heimat gereist.

_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

 

Du weißt,

wie die Mandeln blühn, und daß Seen blau sind.

Viele Dinge, die nur im Gefühle der Frau sind,

welche die erste Liebe erfuhr,

weißt du. Dir flüsterte die Natur

in des Südens spätdämmernden Tagen

so unendliche Schönheit ein,

wie sonst nur selige Lippen sie sagen

seliger Menschen, die zu zwein

eine Welt haben und eine Stimme—

leiser hast du das alles gespürt,—

(o wie hat das unendlich Grimme

deine unendliche Demut berührt).

Deine Briefe kamen von Süden,

warm noch von Sonne, aber verwaist,—

endlich bist du selbst deinen müden

bittenden Briefen nachgereist;

denn du warst nicht gerne im Glänze,

jede Farbe lag auf dir wie Schuld,

und du lebtest in Ungeduld,

denn du wußtest: Das ist nicht das Ganze.

Leben ist nur ein Teil ... Wovon?

Leben ist nur ein Ton ... Worin?

Leben hat Sinn nur verbunden mit vielen

Kreisen des weithin wachsenden Raumes,—

Leben ist so nur der Traum eines Traumes,

aber Wachsein ist anderswo.

So ließest du's los.

Groß ließest du's los.

Und wir kannten dich klein.

Dein war so wenig: ein Lächeln, ein kleines,

ein bißchen melancholisch schon immer,

sehr sanftes Haar und ein kleines Zimmer,

das dir seit dem Tode der Schwester weit war.

Als ob alles andere nur dein Kleid war,

so scheint es mir jetzt, du stilles Gespiel.

Aber sehr viel

warst du. Und wir wußten's manchmal,

wenn du am Abend kamst in den Saal;

wußten manchmal: jetzt müßte man beten;

eine Menge ist eingetreten,

eine Menge, welche dir nachgeht,

weil du den Weg weißt.

Und du hast ihn wissen gemußt

und hast ihn gewußt

gestern....

Jüngste der Schwestern.

 

Sieh her,

dieser Kranz ist so schwer.

Und sie werden ihn auf dich legen,

diesen schweren Kranz.

Kann's dein Sarg aushalten?

Wenn er bricht

unter dem schwarzen Gewicht,

kriecht in die Falten

von deinem Kleid

Efeu.

Weit rankt er hinauf,

rings rankt er dich um,

und der Saft, der sich in seinen Ranken bewegt,

regt dich auf mit seinem Geräusch;

so keusch bist du.

Aber du bist nicht mehr zu.

Langgedehnt bist du und laß.

Deines Leibes Türen sind angelehnt,

und naß

tritt der Efeu ein....

_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

 

Wie Reihn

von Nonnen,

die sich fuhren

an schwarzem Seil,

weil es dunkel ist in dir, du Bronnen.

In den leeren Gängen

deines Blutes drängen sie zu deinem Herzen;

wo sonst deine sanften Schmerzen

sich begegneten mit bleichen Freuden und Erinnerungen,

wandeln sie wie im Gebet

in das Herz, das, ganz verklungen,

dunkel, allen offen steht.

Aber dieser Kranz ist schwer

nur im Licht,

nur unter Lebenden, hier bei mir;

und sein Gewicht

ist nicht mehr,

wenn ich ihn zu dir legen werde.

Die Erde ist voller Gleichgewicht,

deine Erde.

Er ist schwer von meinen Augen, die daran hängen,

schwer von den Gängen,

die ich um ihn getan;

Ängste aller, welche ihn sahn,

haften daran.

Nimm ihn zu dir, denn er ist dein,

seit er ganz fertig ist.

Nimm ihn von mir.

Laß mich allein! Er ist wie ein Gast....

Fast schäm ich mich seiner.

Hast du auch Furcht, Gretel?

 

Du kannst nicht mehr gehn?

Kannst nicht mehr bei mir in der Stube stehn?

Tun dir die Füße weh?

So bleib, wo jetzt alle beisammen sind,

man wird ihn dir morgen bringen, mein Kind,

durch die entlaubte Allee.

Man wird ihn dir bringen, warte getrost,—

man bringt dir morgen noch mehr.

 

Wenn es auch morgen tobt und tost,

das schadet den Blumen nicht sehr.

Man wird sie dir bringen. Du hast das Recht,

sie sicher zu haben, mein Kind,

und wenn sie auch morgen schwarz und schlecht

und lange vergangen sind.

Sei deshalb nicht bange. Du wirst nicht mehr

unterscheiden, was steigt oder sinkt;

die Farben sind zu, und die Töne sind leer,

und du wirst auch gar nicht mehr wissen, wer

dir alle die Blumen bringt.

 

Jetzt weißt du das andre, das uns verstößt,

sooft wir's im Dunkel erfaßt;

von dem, was du sehntest, bist du erlöst

zu etwas, was du hast.

Unter uns warst du von kleiner Gestalt,

vielleicht bist du jetzt ein erwachsener Wald

mit Winden und Stimmen im Laub.—

Glaub mir, Gespiel, dir geschah nicht Gewalt:

dein Tod war schon alt,

als dein Leben begann;

drum griff er es an,

damit es ihn nicht überlebte.

 

Schwebte etwas um mich?

Trat Nachtwind herein?

Ich bebte nicht.

Ich bin stark und allein.—

Was hab ich heute geschafft?

 

... Efeulaub holt' ich am Abend und wand's

und bog es zusammen, bis es ganz gehorchte.

Noch glänzt es mit schwarzem Glanz.

Und meine Kraft

kreist in dem Kranz.

 

SCHLUSSSTÜCK

 

Der Tod ist groß.

Wir sind die Seinen

lachenden Munds.

Wenn wir uns mitten im Leben meinen,

wagt er zu weinen

mitten in uns.

INHALT

 

DES ERSTEN BUCHES ERSTER TEIL

 

Eingang

Aus einem April

Mondnacht

Ritter

Mädchenmelancholie

Von den Mädchen I

II

Das Lied der Bildsäule

Der Wahnsinn

Die Liebende

Die Braut

Die Stille

Musik

Die Engel

Der Schutzengel

Martyrinnen

Die Heilige

Kindheit

Aus einer Kindheit

Der Knabe

Die Konfirmanden

Das Abendmahl

 

DES ERSTEN BUCHES ZWEITER TEIL

 

Initiale

Zum Einschlafen zu sagen

Menschen bei Nacht

Der Nachbar

Pont du Carrousel

Der Einsame

Die Aschanti

Der Letzte

Bangnis

Klage

Einsamkeit

Herbsttag

Erinnerung

Ende des Herbstes

Herbst

Am Rande der Nacht

Gebet

Fortschritt

Vorgefühl

Sturm

Abend in Skåne

Abend

Ernste Stunde

Strophen

Sturmnacht

 

DES ZWEITEN BUCHES ERSTER TEIL

 

Initiale

Verkündigung

Die heiligen drei Könige

In der Certosa

Das Jüngste Gericht

Karl der Zwölfte von Schweden reitet in der Ukraine

Der Sohn (und: So wurden wir verträumte Geiger)

Die Zaren

Der Sänger singt vor einem Fürstenkind

Die aus dem Hause Colonna

 

DES ZWEITEN BUCHES ZWEITER TEIL

 

Fragmente aus verlorenen Tagen

Die Stimmen

Von den Fontänen

Der Lesende

Der Schauende

Aus einer Sturmnacht

Die Blinde

Requiem

Schlußstück

 

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