Das Tal der Lieder und andere Schilderungen
Einsame Heidfahrt.
Nordwestwind pfiff über das Heidland, veranlaßte die ernsten Fuhren durch
sein ungestümes Kosen zu unwilligem Gebrumm und die starren
Machandelbüsche zu ärgerlichem Kopfschütteln, ließ den Landstraßenstaub sich
in Kringeln drehen und erlaubte es den hunderten von himmelblauen Faltern, die
im Heidekraute hin- und hertaumelten, nicht, fröhlich um die ersten
Doppheideblüten zu tanzen. Ab und zu warf mir der neckische Gesell eine
Handvoll Staub in das Gesicht; aber er entschädigte mich wieder dadurch, daß er
mir gleich darauf den betäubenden, süßen Duft der Lupinen zufächelte, deren
schweres Goldgelb die braune Heide unterbrach. Wie ein Hund die
Schnuckenherde mit heiserem Gebell vor sich hertreibt, so hetzte der Wind graue
Wolken nach Südost, und wenn eine Herde vorüber war, dann leuchtete blauer
Himmel aus dem Grau, und stechend sengte die Sonne herunter. Dann erklang
das Summen der fleißigen Immen lauter, dann tanzten die verschüchterten
Bläulinge lustiger um die rosigen Heideglöckchen, die Sandammer ließ dann
fleißiger ihr müdes Liedchen ertönen, und die Heidlerchen, die unsichtbaren
Sänger der Heide, belebten mit froheren Strophen ihren einförmigen Singsang,
bis eine neue Wolkenherde, einen dicken, schwarzen Widder an der Spitze, sich
vor die Sonne drängte und die Heide wieder ihr trübes Aussehen gewann.
Ich fuhr allein, mutterseelenallein, durch die Heide. Gern habe ich im frohen
Bergland lustige Wandergesellschaft; in der Heide hasse ich sie. Die Heide ist
nicht gesellig, und nur dem einsamen Wanderer gegenüber ist sie mitteilsam,
ganz wie der echte Niedersachse. Der ist auch ein schlechter Gesellschafter, ein
uninteressanter Mensch, in bunter Reihe, wo gelacht und geschwatzt und
getändelt wird. Aber im stillen Aug'-in-Aug' mit dem Freunde wird er
mitteilsam, gesprächig; da kramt er aus dem verschlossenen Herzen allerlei
Schätze hervor, wunderschöne Dinge, die niemand vermutete hinter dem kalten
Blauaugenblick, unter den gleichmütigen Zügen.
Viel Liebes und Schönes hatte mir die Heide schon gewiesen, wenn ich als
einsamer Wanderer ihr nahte; heute aber wollte ich sie bitten, mir ihre ältesten
Erbstücke, tief versteckt in der Fuhrentruhe, zu zeigen: den Steinhäusern galt
meine Pilgerfahrt. Lange hatte ich mir den Besuch schon vorgenommen, aber
immer hielt eine heilige Scheu mich ab, in großer Gesellschaft die Fahrt zu machen, mit Leuten, die bei den ehrwürdigen Denkmälern Mettwurst und
Kognak hervorholen und die Steinplatten als Fremdenbücher mißbrauchen.
Heute aber war ich ganz allein, allein wie der Schäfer, der hinter Bergen seine
Schnucken weidete, allein wie ein grauer Findling auf brauner Heide. Schnell
ließ ich mein Rad dahinsausen über die gelben, glatten Fußwege, in deren
Grasborden blutrote kleine Nelken leuchteten, flog vorüber an den Häusern von
Bleckmar und tauchte unter in Heideeinsamkeit und Waldstille, die die Straße
nach Fallingbostel umgibt, eine Straße, die der Heide echteste Schönheiten
erschließt. Der Wald endet auf des Hügels Kuppe, und Heidberge, baumlos und
kahl, nehmen mit ihrem braungrünen Violett das Auge gefangen. Wie einfach
sind die Mittel der Heide, wie viel schafft sie damit! Diese kahlen Hügel,
gleichmäßig überzogen mit dem braunen Tuche, sie beruhigen die Seele. Es ist
eine köstliche Farbe, das braungrüne Violett, eine Farbe, die das Herz gefangen
nimmt, von der die Augen nicht fort wollen. Kein Haus, kein Mensch weit und
breit, Heidhügel an Heidhügel, einige ganz ernst braun, einer mit schmaler
gelber Binde geschmückt; ein Heidweg ist es, der sich über seine Kuppe zieht.
Ein Wall graugrüner Fuhren rahmt dieses Heidebild ein und blaue Hügel, die am
Himmelsrande mit grauen Wolken verschmelzen.
Nach stundenlanger Rast im spärlich blühenden Heidekraute riß ich mich los,
flog bergauf, talab und stellte mein Rad in Nordbostel ein. Dem Wirtshause
gegenüber führt ein breiter Weg nach Süden, von Hängebirken beschattet; den
schlug ich ein. In der Grasheide, die wie ein riesiges Löwenfell sich an weißen
Buchweizen anschließt, zirpten die Grillen. Mitten in der kahlen Heide weidete
der Schäfer, das Knüttzeug in den Händen, die grauen Schnucken. Über dem
notreifen Roggen rüttelte ein Sperber, und ein Hase, von den Schnucken
hochgemacht, flüchtete in den hohen Brahm, der mit der grasigen, grünen Farbe
seiner hohen Büsche ganz absonderlich von dem Heidebraun abstach und im
Verein mit den toten Gestalten der Wacholderbüsche die Landschaft belebte.
Hohe Tannen und breitästige Eichen zeigten einen Bauernhof an, hinter dessen
Zaun kein Menschenlaut erschallte. Es war die Zeit der Heuernte. Ein zweiter
Hof, Homanns Hof, blieb links liegen, und dann suchte ich mich durch
prächtigen Tannenhochwald hindurch, bis sandige, hügelige Heide, übersät mit
Feuersteinen, bestanden mit ästigen Kiefern, auf deren Wipfelsprosse der
Baumzier mit schmetterndem Sange sich niederließ, mich wieder in ihre braunen
Arme schloß.
An dem Schienenstrang entlang, der zur Abfuhr von Grubenhölzern die Heide
unbarmherzig zerreißt, führt der Weg zu den uralten Grabstätten unbekannter Häuptlinge, Helden eines Volkes, von dem kein Zeichen, keine Überlieferung
auf unsere Zeit gekommen ist. Als steinerne Rätsel nahen die fünf grauen
Grabkammern aus dem Fuhrenwäldchen; keine verwischte Rune meldet dem
Forscher, welcher Stamm hier seine Großen beisetzte. Unverstand hat die
Grabkammern durchwühlt, Gleichgültigkeit den Boden mit Papier und
Flaschenscherben besät, Dummheit schrieb ihre albernen Namen auf die
ehrwürdigen Steinplatten. Aber der Wind fegt das häßliche Papier fort, er
schüttet trockene Nadeln auf die scheußlichen Scherben, und mitleidiger Regen
leckt an den Steinen, bis die Namen, die unfromme Tröpfe an die grauen Flächen
schmierten, verschwunden sind.
Auf dem grauen Steine, der abseits gefallen ist, saß ich und sann. Über mir
summten die Fuhren ihre gleichmäßigen Weisen, goldene Sonnenflecke zuckten
auf dem Boden, blitzende Fliegen schossen an mir vorbei. Ein Stückchen spitzen
Feuersteines fesselte meine Augen. Ich wollte ihn aufnehmen, da zischte es
warnend: ein breiter Kopf mit rotfunkelnden Katzenaugen richtete sich empor
aus dem warmen, sonnenbeschienenen grauen Sande, und zwei nadelscharfe
Giftzähne in weit aufgerissenem, rotem Rachen hackten nach meinen Fingern.
Schon erhob ich den Stock zum tödlichen Schlage – und ließ ihn sinken. In
diesem Walde breche ich keinen Ast, töte ich kein lebend Wesen. Wer weiß, wer
die Schlange ist? Wer weiß, wer der einsame Kolkrabe ist, der hoch in der Luft
seine Adlerkreise zieht und sein rauhes »Rauk, rauk« über die Heide krächzt?
Grabwächter scheinen sie mir zu sein, der Königsrabe und die todbringende
Otter mit den Karfunkelaugen, Wächter an heiliger Stätte.
Eine schwarze Wolke mit gelben, Hagel kündenden Rändern legt sich vor die
Sonne. Verschwunden sind die blanken Fliegen, verklungen des einsamen
Finken Schmettergesang, und die Schatzwächterin, die Schlange mit dem
Zickzackband, kriecht fröstelnd unter den Grabstein. Mit dem Stocke scharre ich
den spitzen Stein zu mir heran; es ist eine Lanzenspitze, künstlich
zurechtgeschlagen aus dem stahlharten Feuerstein, mit dem die Heide besät ist.
Glatt, wie geschliffen, sind seine Ränder; ein Kunstwerk ist er, das wir heute mit
unserer großen Technik kaum nachbilden können. Wer fand den Stein vor
Jahrtausenden auf einsamer Heide, wer formte ihn zu schneidender Speerspitze
mit dem Steinhammer, wer führte ihn auf der Pirsch gegen Ur und Bär und focht
mit ihm im blutigen Kampfe, wo Steinbeile auf Birkenschilden dröhnten und
runde Steine, aus Lederschlingen geworfen, Schädel zerbrachen?
Schon wollte ich den Stein in die Tasche stecken, da breitete sich schwarze
Finsternis über den Himmel; ein Blitz zuckte schwefelgelb über die Heide, und grell knatternder Donner polterte wiederhallend durch die Stille. Erschrocken
legte ich die Waffe an ihren Platz und deckte dürre Nadeln darüber. Ein Heulen
ging durch die Luft, wie das Wutgebrüll eines Riesen; der Wind schüttelte die
Fuhren, daß sie knirschten und schrillten, und eine Staubwolke, mit Spreu und
Reisig gemischt, tanzte durch den Wald. Dann ließ der Wind nach; er holte
Atem. Noch ein Donnerschlag, und nun ging es hernieder, Hagel und Regen,
gepeitscht vom wütenden Sturme, daß der Waldboden schnell sich bedeckte mit
grünen Fuhrenzweigspitzen und trockenem Geäst.
»Rauk, rauk« erklang es da freudig durch den Sturm; der Rabe war
herabgeflogen und umflatterte einen Mann, der über die Heide gekommen war
und zu dem einsamsten der fünf einsamen Gräber ging. Der Regen peitschte sein
braunes, hartes Gesicht, zauste ihm die graublonden Haarsträhnen und den
wirren Graubart und ließ die Marderschwänze an dem Schnuckenmantel des
einsamen Heidegängers lustig tanzen, der sich bei jedem Schritte bückte und die
Papierknäuel auflas, die den Boden befleckten, und sie in der Busenfalte des
grauen Mantels barg. Mit einem Baststrick war der Mantel gegürtet, in dem
Strick hing die Steinaxt aus dunkelgrünem Nephrit mit dem Griff aus
Hirschhorn. Einäugig war der Alte; ein furchtbarer Hieb, vom rechten Schlaf bis
zum linken Ohr, hatte das Auge zerstört und das Antlitz verwüstet. Die rechte
Brust zeigte tiefe Narben, und an der Rechten fehlten zwei Finger. Mühsam
bückte er sich und hob die Scherben und Fetzen auf, die ein Geschlecht ohne
Scheu und Scham um die Gräber seiner Vorfahren gestreut hat. Mit schweren
Schritten ging er in die Heide und vergrub dort die Fetzen und Scherben. Dann
kehrte er zurück zu dem einsamen Fürstengrabe, zu dem Grabe seines Herrn,
nahm den großen Schild vom Rücken, die Steinaxt aus dem Gurt und saß nieder
auf einer grauen Steinplatte. Hoch schwang er den Hammer und ließ ihn
dröhnend auf den Schild fallen; siebenmal erklang es dumpf, und dann sang der
Alte ein altes Lied, eine Totenklage für seinen Herrn. Seltsam waren die Worte,
unerhört die Weise, wie Sturmgeheul die Stimme des alten Speerträgers, und
jeder Strophe Endreim waren sieben dumpfe Steinhammerschläge auf den
breiten Schild aus Birkenrinde und Wisenthaut.
Wie betäubt saß ich unter der Tanne bei dem Grabe. Ich wollte fort, aber des
singenden Alten Einauge blitzte mich drohend an. Ein dröhnender
Hammerschlag endete das gewaltige Heldenlied, ein Schlag, so erschütternd, daß
ich die Augen schloß. Als ich sie öffnete, war der greise Mann verschwunden; in
der Ferne grummelte das abziehende Gewitter; aus blauem Himmel lachte die
Sonne hernieder auf das alte Grab, um das frische Fuhrenbrüche an Stelle der
Fetzen und Scherben lagen, die jetzt alle verschwunden waren. Auf meinen Knieen aber glitzerte die steinerne Speerspitze, ein Geschenk des Alten für den
einsamen Heidewanderer.