Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Hermann Löns · Kapitel 9 von 10

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Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Einsame Heidfahrt.

 

 

Nordwestwind pfiff über das Heidland, veranlaßte die ernsten Fuhren durch

sein ungestümes Kosen zu unwilligem Gebrumm und die starren

Machandelbüsche zu ärgerlichem Kopfschütteln, ließ den Landstraßenstaub sich

in Kringeln drehen und erlaubte es den hunderten von himmelblauen Faltern, die

im Heidekraute hin- und hertaumelten, nicht, fröhlich um die ersten

Doppheideblüten zu tanzen. Ab und zu warf mir der neckische Gesell eine

Handvoll Staub in das Gesicht; aber er entschädigte mich wieder dadurch, daß er

mir gleich darauf den betäubenden, süßen Duft der Lupinen zufächelte, deren

schweres Goldgelb die braune Heide unterbrach. Wie ein Hund die

Schnuckenherde mit heiserem Gebell vor sich hertreibt, so hetzte der Wind graue

Wolken nach Südost, und wenn eine Herde vorüber war, dann leuchtete blauer

Himmel aus dem Grau, und stechend sengte die Sonne herunter. Dann erklang

das Summen der fleißigen Immen lauter, dann tanzten die verschüchterten

Bläulinge lustiger um die rosigen Heideglöckchen, die Sandammer ließ dann

fleißiger ihr müdes Liedchen ertönen, und die Heidlerchen, die unsichtbaren

Sänger der Heide, belebten mit froheren Strophen ihren einförmigen Singsang,

bis eine neue Wolkenherde, einen dicken, schwarzen Widder an der Spitze, sich

vor die Sonne drängte und die Heide wieder ihr trübes Aussehen gewann.

 

Ich fuhr allein, mutterseelenallein, durch die Heide. Gern habe ich im frohen

Bergland lustige Wandergesellschaft; in der Heide hasse ich sie. Die Heide ist

nicht gesellig, und nur dem einsamen Wanderer gegenüber ist sie mitteilsam,

ganz wie der echte Niedersachse. Der ist auch ein schlechter Gesellschafter, ein

uninteressanter Mensch, in bunter Reihe, wo gelacht und geschwatzt und

getändelt wird. Aber im stillen Aug'-in-Aug' mit dem Freunde wird er

mitteilsam, gesprächig; da kramt er aus dem verschlossenen Herzen allerlei

Schätze hervor, wunderschöne Dinge, die niemand vermutete hinter dem kalten

Blauaugenblick, unter den gleichmütigen Zügen.

 

Viel Liebes und Schönes hatte mir die Heide schon gewiesen, wenn ich als

einsamer Wanderer ihr nahte; heute aber wollte ich sie bitten, mir ihre ältesten

Erbstücke, tief versteckt in der Fuhrentruhe, zu zeigen: den Steinhäusern galt

meine Pilgerfahrt. Lange hatte ich mir den Besuch schon vorgenommen, aber

immer hielt eine heilige Scheu mich ab, in großer Gesellschaft die Fahrt zu machen, mit Leuten, die bei den ehrwürdigen Denkmälern Mettwurst und

Kognak hervorholen und die Steinplatten als Fremdenbücher mißbrauchen.

 

Heute aber war ich ganz allein, allein wie der Schäfer, der hinter Bergen seine

Schnucken weidete, allein wie ein grauer Findling auf brauner Heide. Schnell

ließ ich mein Rad dahinsausen über die gelben, glatten Fußwege, in deren

Grasborden blutrote kleine Nelken leuchteten, flog vorüber an den Häusern von

Bleckmar und tauchte unter in Heideeinsamkeit und Waldstille, die die Straße

nach Fallingbostel umgibt, eine Straße, die der Heide echteste Schönheiten

erschließt. Der Wald endet auf des Hügels Kuppe, und Heidberge, baumlos und

kahl, nehmen mit ihrem braungrünen Violett das Auge gefangen. Wie einfach

sind die Mittel der Heide, wie viel schafft sie damit! Diese kahlen Hügel,

gleichmäßig überzogen mit dem braunen Tuche, sie beruhigen die Seele. Es ist

eine köstliche Farbe, das braungrüne Violett, eine Farbe, die das Herz gefangen

nimmt, von der die Augen nicht fort wollen. Kein Haus, kein Mensch weit und

breit, Heidhügel an Heidhügel, einige ganz ernst braun, einer mit schmaler

gelber Binde geschmückt; ein Heidweg ist es, der sich über seine Kuppe zieht.

Ein Wall graugrüner Fuhren rahmt dieses Heidebild ein und blaue Hügel, die am

Himmelsrande mit grauen Wolken verschmelzen.

 

Nach stundenlanger Rast im spärlich blühenden Heidekraute riß ich mich los,

flog bergauf, talab und stellte mein Rad in Nordbostel ein. Dem Wirtshause

gegenüber führt ein breiter Weg nach Süden, von Hängebirken beschattet; den

schlug ich ein. In der Grasheide, die wie ein riesiges Löwenfell sich an weißen

Buchweizen anschließt, zirpten die Grillen. Mitten in der kahlen Heide weidete

der Schäfer, das Knüttzeug in den Händen, die grauen Schnucken. Über dem

notreifen Roggen rüttelte ein Sperber, und ein Hase, von den Schnucken

hochgemacht, flüchtete in den hohen Brahm, der mit der grasigen, grünen Farbe

seiner hohen Büsche ganz absonderlich von dem Heidebraun abstach und im

Verein mit den toten Gestalten der Wacholderbüsche die Landschaft belebte.

Hohe Tannen und breitästige Eichen zeigten einen Bauernhof an, hinter dessen

Zaun kein Menschenlaut erschallte. Es war die Zeit der Heuernte. Ein zweiter

Hof, Homanns Hof, blieb links liegen, und dann suchte ich mich durch

prächtigen Tannenhochwald hindurch, bis sandige, hügelige Heide, übersät mit

Feuersteinen, bestanden mit ästigen Kiefern, auf deren Wipfelsprosse der

Baumzier mit schmetterndem Sange sich niederließ, mich wieder in ihre braunen

Arme schloß.

 

An dem Schienenstrang entlang, der zur Abfuhr von Grubenhölzern die Heide

unbarmherzig zerreißt, führt der Weg zu den uralten Grabstätten unbekannter Häuptlinge, Helden eines Volkes, von dem kein Zeichen, keine Überlieferung

auf unsere Zeit gekommen ist. Als steinerne Rätsel nahen die fünf grauen

Grabkammern aus dem Fuhrenwäldchen; keine verwischte Rune meldet dem

Forscher, welcher Stamm hier seine Großen beisetzte. Unverstand hat die

Grabkammern durchwühlt, Gleichgültigkeit den Boden mit Papier und

Flaschenscherben besät, Dummheit schrieb ihre albernen Namen auf die

ehrwürdigen Steinplatten. Aber der Wind fegt das häßliche Papier fort, er

schüttet trockene Nadeln auf die scheußlichen Scherben, und mitleidiger Regen

leckt an den Steinen, bis die Namen, die unfromme Tröpfe an die grauen Flächen

schmierten, verschwunden sind.

 

Auf dem grauen Steine, der abseits gefallen ist, saß ich und sann. Über mir

summten die Fuhren ihre gleichmäßigen Weisen, goldene Sonnenflecke zuckten

auf dem Boden, blitzende Fliegen schossen an mir vorbei. Ein Stückchen spitzen

Feuersteines fesselte meine Augen. Ich wollte ihn aufnehmen, da zischte es

warnend: ein breiter Kopf mit rotfunkelnden Katzenaugen richtete sich empor

aus dem warmen, sonnenbeschienenen grauen Sande, und zwei nadelscharfe

Giftzähne in weit aufgerissenem, rotem Rachen hackten nach meinen Fingern.

Schon erhob ich den Stock zum tödlichen Schlage – und ließ ihn sinken. In

diesem Walde breche ich keinen Ast, töte ich kein lebend Wesen. Wer weiß, wer

die Schlange ist? Wer weiß, wer der einsame Kolkrabe ist, der hoch in der Luft

seine Adlerkreise zieht und sein rauhes »Rauk, rauk« über die Heide krächzt?

Grabwächter scheinen sie mir zu sein, der Königsrabe und die todbringende

Otter mit den Karfunkelaugen, Wächter an heiliger Stätte.

 

Eine schwarze Wolke mit gelben, Hagel kündenden Rändern legt sich vor die

Sonne. Verschwunden sind die blanken Fliegen, verklungen des einsamen

Finken Schmettergesang, und die Schatzwächterin, die Schlange mit dem

Zickzackband, kriecht fröstelnd unter den Grabstein. Mit dem Stocke scharre ich

den spitzen Stein zu mir heran; es ist eine Lanzenspitze, künstlich

zurechtgeschlagen aus dem stahlharten Feuerstein, mit dem die Heide besät ist.

Glatt, wie geschliffen, sind seine Ränder; ein Kunstwerk ist er, das wir heute mit

unserer großen Technik kaum nachbilden können. Wer fand den Stein vor

Jahrtausenden auf einsamer Heide, wer formte ihn zu schneidender Speerspitze

mit dem Steinhammer, wer führte ihn auf der Pirsch gegen Ur und Bär und focht

mit ihm im blutigen Kampfe, wo Steinbeile auf Birkenschilden dröhnten und

runde Steine, aus Lederschlingen geworfen, Schädel zerbrachen?

 

Schon wollte ich den Stein in die Tasche stecken, da breitete sich schwarze

Finsternis über den Himmel; ein Blitz zuckte schwefelgelb über die Heide, und grell knatternder Donner polterte wiederhallend durch die Stille. Erschrocken

legte ich die Waffe an ihren Platz und deckte dürre Nadeln darüber. Ein Heulen

ging durch die Luft, wie das Wutgebrüll eines Riesen; der Wind schüttelte die

Fuhren, daß sie knirschten und schrillten, und eine Staubwolke, mit Spreu und

Reisig gemischt, tanzte durch den Wald. Dann ließ der Wind nach; er holte

Atem. Noch ein Donnerschlag, und nun ging es hernieder, Hagel und Regen,

gepeitscht vom wütenden Sturme, daß der Waldboden schnell sich bedeckte mit

grünen Fuhrenzweigspitzen und trockenem Geäst.

 

»Rauk, rauk« erklang es da freudig durch den Sturm; der Rabe war

herabgeflogen und umflatterte einen Mann, der über die Heide gekommen war

und zu dem einsamsten der fünf einsamen Gräber ging. Der Regen peitschte sein

braunes, hartes Gesicht, zauste ihm die graublonden Haarsträhnen und den

wirren Graubart und ließ die Marderschwänze an dem Schnuckenmantel des

einsamen Heidegängers lustig tanzen, der sich bei jedem Schritte bückte und die

Papierknäuel auflas, die den Boden befleckten, und sie in der Busenfalte des

grauen Mantels barg. Mit einem Baststrick war der Mantel gegürtet, in dem

Strick hing die Steinaxt aus dunkelgrünem Nephrit mit dem Griff aus

Hirschhorn. Einäugig war der Alte; ein furchtbarer Hieb, vom rechten Schlaf bis

zum linken Ohr, hatte das Auge zerstört und das Antlitz verwüstet. Die rechte

Brust zeigte tiefe Narben, und an der Rechten fehlten zwei Finger. Mühsam

bückte er sich und hob die Scherben und Fetzen auf, die ein Geschlecht ohne

Scheu und Scham um die Gräber seiner Vorfahren gestreut hat. Mit schweren

Schritten ging er in die Heide und vergrub dort die Fetzen und Scherben. Dann

kehrte er zurück zu dem einsamen Fürstengrabe, zu dem Grabe seines Herrn,

nahm den großen Schild vom Rücken, die Steinaxt aus dem Gurt und saß nieder

auf einer grauen Steinplatte. Hoch schwang er den Hammer und ließ ihn

dröhnend auf den Schild fallen; siebenmal erklang es dumpf, und dann sang der

Alte ein altes Lied, eine Totenklage für seinen Herrn. Seltsam waren die Worte,

unerhört die Weise, wie Sturmgeheul die Stimme des alten Speerträgers, und

jeder Strophe Endreim waren sieben dumpfe Steinhammerschläge auf den

breiten Schild aus Birkenrinde und Wisenthaut.

 

Wie betäubt saß ich unter der Tanne bei dem Grabe. Ich wollte fort, aber des

singenden Alten Einauge blitzte mich drohend an. Ein dröhnender

Hammerschlag endete das gewaltige Heldenlied, ein Schlag, so erschütternd, daß

ich die Augen schloß. Als ich sie öffnete, war der greise Mann verschwunden; in

der Ferne grummelte das abziehende Gewitter; aus blauem Himmel lachte die

Sonne hernieder auf das alte Grab, um das frische Fuhrenbrüche an Stelle der

Fetzen und Scherben lagen, die jetzt alle verschwunden waren. Auf meinen Knieen aber glitzerte die steinerne Speerspitze, ein Geschenk des Alten für den

einsamen Heidewanderer.