Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Hermann Löns · Kapitel 7 von 10

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Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Am Steinhuder Meer.

 

 

In den Straßen Hannovers tobt der Herbststurm. Er gießt kübelweise den

Regen an die Fenster, hetzt die Wolken hin und her, spielt wilde Weisen auf den

Telephondrähten und haut den Takt zu seinem Liede so grob auf die

Dachpfannen, daß sie klirrend und klingend und klappernd herabpoltern.

 

Die Menschen schimpfen. Es schimpfen die, die zu Hause bleiben können,

und die, die hinaus müssen, erst recht. Sie halten ihre Hüte fest, balanzieren die

Schirme gegen die Sturmrichtung, und unbeachtet bleiben die hübschen Füßchen

und Strümpfchen heute, denn jeder hat mit sich selbst zu tun.

 

Wir sitzen in der Eisenbahn und lachen in das Wetter hinaus. Wenn wir

städtische Tracht trügen, steife Kragen und enge Stiefel anhätten, dann würden

wir wohl nicht so lachen. Aber so, die Lodenhüte auf den Köpfen, Schmierstiefel

an den Füßen, Loden und Flanellhemd auf dem Leibe, Lodenmantel im

Gepäcknetz, so vorgesehen, freuen wir uns des Sturmes, auch die Damen, die

gleich uns jagdmäßig ausgezogen sind.

 

Heut' wird's am Meere schön sein. Zerpeitschte Grauflut, gehetzte

Schwarzwolken, spritzender Gischt und halbverhülltes Abendrot werden wir

sehen, nicht solchen zahmen Dutzendsonnenuntergang für bessere Touristen.

Wie der Wind draußen mit den Krähen spielt und die Kiebitze in der Luft

herumwirbelt wie weiße Lappen! Und dieser Wechsel von Blauhimmel und

Graugewölk, Sonne und Regenschauern!

 

Wunstorf empfängt uns mit Regengeprassel. Was schert's uns? Vom Fenster

der Meerbahn freuen wir uns des fahlen Regenbogens, der uns noch mehr

Schauer verspricht, Schauer, wie wir sie wollen, aus violettgrauen Wolken

kommend, den Blauhimmel verdeckend, wieder freigebend, dreimaligen

Wechsel bringend in jeder Stunde.

 

Klein-Heidorn! Ja, schau nur, Herr Wirt, heut spring' ich nicht aus dem Wagen

mit Rucksack und Büchse, um in Heide und Moor, in Düne und Stangenholz

dem schwarzen Bock nachzupürschen, dem heimlichen. Heute laß ich die Dünen

winken mit ihren schwarzen Fuhren, wo ich so manche tausend Tritte liegen

habe, wo ich jeden Fleck kenne und jede Stunde, von zwei Uhr morgens bis spät in die Nacht. Vorüber geht's an den bunten Häusern, durch Groß-Heidorn, und

dann winkt das Meer grausilbern zwischen grünen Fuhren vor uns und blauen

Wäldern am Horizont.

 

Steinhude! Die Hüte fest in die Stirn, denn hier im gelben Eichenhain tobt der

Wind wie toll. Das saust und braust und pfeift und flötet und lehrt die gelben

Blätter den Ringelreihtanz und die Aalkörbe an den Lehmwänden der Ställe

lustige Sprünge.

 

Von der Pfahlbauterrasse des Strandhotels grüßen unsere Augen das schöne

Meer. Grau ist die Flut mit Silberstreifen; tief duckt sich das gelbe Rohr unter

des Sturmes rauh tosender Hand; unwillig rauschen die schiefen Pappeln, die des

Sturmgotts Faust schüttelt, daß ihre gelben Blätter angstvoll von dannen flattern.

Sie tanzen über dem schäumenden Wasser, bis es sie hascht und verschluckt.

 

So hab' ich das Meer am liebsten, wenn es braust und brandet, spritzt und

schäumt. Dann passen mir am besten dazu die schwarzgelben Dünen, der düstere

Fuhrenkranz an seinen Ufern, die schwarz und braun gemusterten Bergkuppen

drüben. Es ist ja auch schön am lauen Abend, in sengender Mittagsglut, am

Nebelmorgen, bei sternheller Nacht; aber am allerschönsten ist es im

Herbststurm, wenn es singt und klingt in den Lüften.

 

Blaugrau ist der Himmel. Fahl blinzelt die Sonne durch einen Wolkenriß.

Weiße Wolken, wie Watteflocken, treiben im Graublau nach Osten. Der

Wolkenriß weitet sich, Silberblitze springen über die Wellen, die Dächer da

drüben glühen auf, die schwarzen flatternden Punkte dort unten, zwei Möwen,

blitzen auf zu blendendem Weiß, und die Entenflüge, die die beiden

Fischerboote hoch machten, wie Hunderte von Silberflittern wirbeln sie vor dem

graublauen Himmelsrand herum, bis sie als schwarze Flecken wieder auf dem

Wasser liegen.

 

Jäh wechseln alle Farben. Die Segel vor dem Wilhelmstein, eben waren sie

goldgelb, schwarz sind sie jetzt; schwarz sind die Seiten der Fischerboote, die

eben wie Silber gleißten. Die gelblichgraue Flut wird bläulich, färbt sich in

Silberglanz um und in duffes Grau und wälzt sich jetzt, wo die Sonne hinter

Grauhimmel verschwindet, tot und schwarz nach Osten.

 

Das ganze Meer lebt von fremdem Geflügel. Wohin man sieht, schaukeln

Hunderte von Enten auf den Wellen, wiegen sich Sägetaucher auf der Flut,

schweben Möwen und Seeschwalben dahin. In der Rohrbucht reviert ein

Fischadler, im Wellenfluge auf und ab schwebend, und mit heiseren Lauten

streicht ein Flug Wildgänse zur Rechten vorüber und fällt hinten am Ufer ein. Die vier weißen Punkte dort, sie sind zu groß für Möwen. Das Pirschglas sagt

uns, was das ist. Vier Schwäne sind es, Wanderer vom Norden, die hier auf der

Südlandsfahrt einen Rasttag machen. Wie große weiße Blumen liegen sie auf der

schwarzen Flut. Und das, was da silbern in der Rohrbucht auftaucht und

verschwindet, wieder da ist und wieder in die Welle sinkt, das ist ein

Haubentaucher, ein seltener Gast auf unseren Gewässern. Augenweide überall.

 

Katzenpfoten laufen über die Flut. Der Wind bringt Regen. Noch ist alles grau

und blau und goldig, doch die Sturmhexen reiten schon herbei. Schwarz flattern

die Lumpen um die Hagedissen, ihr Strupphaar fliegt im Wind, ihre Besen

zerfetzen die Wolken. Zu Dutzenden jagen die Unholdinnen vorüber, fassen sich

an zu häßlichem Reigen, bilden Kreise und Kränze, lassen los und fegen dahin,

daß die Rockfetzen fliegen und die Schmutzlappen flattern. Mit ihren Besen

hauen sie in die Flut, daß sie schäumt und geifert, und sie fegen die Wellen, daß

sie umkippen. Gellend klingt ihr böses Lachen aus der Luft.

 

Des Sturmgotts Lied übertönt ihr Gekreisch, sein dröhnender Baß. Das braust

und brandet, bullert und bölkt, daß die Bohlen unter unsern Füßen zittern, daß

die Wände hinter uns ächzen und die Scheiben hinter uns klirren. Schon flattert

des Gottes violettgrauer Mantel über uns, hastiger wandern die Wellen, tiefer

bückt sich das Rohr, unwilliger schütteln die Pappeln die Köpfe. Immer mehr

Katzenpfoten kräuseln die Flut, die Sonne wird ein fahler Fleck, näher kommt

der Regensturm. Und nun platzen die Böen, schütten muldenweise das Wasser

hinab, verhüllen die Ferne, verschlucken den Wilhelmstein, decken die Berge zu

mit grauen Schleiern und die Dünen und den Strand da drüben, überschütten

Nähe und Weite mit demselben gleichmäßigen Grau, in dem nur eine

schwarzschwingige Möwe jauchzend umhertaumelt. Und es prasselt und klatscht

und schlägt und stiebt schräg auf die Wellen, und die jagen dahin, wie mit Ruten

gepeitscht, und das brüllt und heult und bullert in der Luft und pfeift und

kreischt und schreit, und wie ein Geisterschwarm stiebt ein Möwenflug heran

und wirft sich in der Rohrbucht ins Wasser.

 

Zwei schwarze Streifen liegen weit vor uns. Das sind die Fischerboote. Wie

zwei Einbäume aus der Urzeit, so sehen sie aus. Sie haben ja auch die alte Form

treulich bewahrt, die Fischer, von der Zeit her, wo ihre Ahnen mit Flintsteinen

und Feuerbrand die Eichstämme aushöhlten. Rund um das Meer liegen die

Gräber, voll von Urnen und Opfermessern; der Wind pustet die Scherben frei,

und der Regen wäscht die Brocken los aus den Dünen.

 

Der Sturm läßt nach; aus dem dicken Grau wird ein lichtes Grau. Schon taucht

wie ein Schatten der Wilhelmstein wieder auf aus den grauen Schleiern; ihm folgen die Berge, die Dünen und der ferne Strand, bis sie klar und scharf am

Himmelsrand stehen. Goldig wird es im Westen, immer goldiger. Durch graue

Wolkenballen reißt sich die Sonne ein Loch und malt Flammen in die

schwarzblaue Bucht. Goldrote Flammen brechen unter der schweren Wolke

hervor; wie zerflossen glüht darin die Sonne; blaugrüne Striche ziehen sich über

den Himmel, und auf allen Wolken erblühen Rosen.

 

Der Vorzeit Ungeheuer schwimmen durch das blaugrüne Himmelsmeer,

Riesenhaie und Drachen, Einhörner und Tiger, Schlangen und Eidechsen,

mißgestaltet und furchtbar, alle nach Osten, in die graue Nacht hinein. Von Osten

aber kommt es schwirrend und flatternd, sausend und brausend, dicht über dem

Wasserspiegel, Hunderte und Aberhunderte, und fällt in das Rohr: der Sprehen

frohes Volk, und da schwatzt und lärmt und plaudert es. Und wieder ein Zug und

noch einer und immer wieder einer.

 

Zum Meere streicht ein Zug Gänse, sich kreuzend mit Entenflügen, die

klingend und sausend das Meer verlassen, hoch über uns fortstreichend zur

Leine. Wohin man blickt, zieht es schwarz durch die Luft, mit hastigen

Flügelschlägen, mit Sausen und Brausen, immer vom Meere fort. Ein Reiher nur

klaftert dem Meere zu, einsam und allein.

 

Längst ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden. Tiefer tönt sich der

Himmel; hier und da blinzelt ein Stern. Das Schwirren über uns hört auf; nur der

Sturm pfeift und flötet noch, und mit neuen Regenböen zieht die Nacht über

Meer und Land. Im molligen Stübchen des Strandhotels lassen wir die Gläser

zusammenklingen, dankbaren Herzens des Kampfes gedenkend, des

Dreireckenstreites zwischen Sturm und Sonne und Flut, dessen unsere Augen

sich freuten am Strande des Steinhuder Meers.