Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Hermann Löns · Kapitel 3 von 10

PDF-Seiten

Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Im Tiergarten bei Kirchrode.

 

Grau ist der Morgen; Nebel verhüllen die Landschaft; ein frostiger Wind pfeift

uns entgegen auf der Plattform der elektrischen Bahn, die uns in sausender Fahrt

an der Kante des herbstlich bunten Stadtforstes Hannovers, der großen, schönen

Eilenriede, vorbeiführt, den Berg hinauf, vorüber an den schmucken Villen von

Kühlshausen, durch Kirchrode hindurch. Hier hat die Fahrt ein Ende.

 

Zur Linken, hinter Obstbäumen, von gelbblättrigem Wein überrankt, winkt

uns schon das Försterhaus; sein grünes Tor, das braune Fachwerk, der lichtblaue

Maueranstrich sehen so einladend gemütlich aus. Und da ist ja auch Herr

Hofjäger Delion, der uns schon erwartet. Wir sollen heute seinen Tiergarten

gründlich kennen lernen, gründlicher als die Leute, die hier Sonntags auf den

weiten Rasenflächen unter den mächtigen Eichen und Kastanien bei Kaffee und

Bier sitzen. Die Warnungstafeln, die große Teile des Waldes für die Besucher

verbieten, für uns sind sie heute nicht da.

 

Ein Pfiff, und da kommen Gretchen und Flick angerast, die feingebaute

Teckelhündin und der scharfe Rüde. Die müssen mit; wer weiß, ob nicht

irgendwo ein Ilk sitzt oder ein Wiesel über den Weg läuft. Aber erst noch ein

bißchen gefrühstückt in dem hellen Saal, dessen Wände Damhirschschaufeln

und Hirschgeweihe schmücken und in dem schon einige bettflüchtige Radler

lustig beim Kaffee sitzen und Ansichtspostkarten in die Welt schicken.

 

Herrlich ist der Blick von hier aus über die Hauptallee und den grünen, mit

gelben Blättern bestreuten Rasen. Wie Schildwachen stehen die beiden

Pyramideneichen da; die hohen Kastanien zaust der Wind und pflückt ihnen die

letzten bunten Blätter ab; in den knorrigen Eichen rätscht der bunte Markwart;

sechs dicke Amseln fahren hastig auf dem Rasen hin und her und stieben davon,

wie beim Eichelsuchen der älteste Hirsch, ein weißer Schaufler, an ihnen

vorübertrollt. Und hier zwischen den Stühlen und Tischen steht ein schwarzer

Schaufler und lauert, daß der Nordostwind ihm Kastanien abschüttelt, und

vertraut nimmt er das Stückchen Zucker, das wir ihm zuwerfen. Ein Flug Meisen

krimmelt und wimmelt im Geäst, ein Kleiber lockt mit lauten Flötentönen, zwei

Eichkätzchen jagen sich in der breitästigen Eiche, gellend lacht der Grünspecht,

und gewaltige Krähenflüge erfüllen die Luft mit Lärm.

Wir gehen am Gatter entlang. Um unsere Stiefel rauscht das welke Laub seine

alte, schöne, beruhigende Melodie, beruhigend, wie das Rauschen des Wassers

am Mühlenwehr. Zur Linken zieht helles und dunkles Damwild langsam hin, die

Geäse am Boden, Eicheln suchend. In diesem Jahre geht es ihnen besonders gut,

in diesem Mastjahre. Der Hirsch, der da steht, äugt uns mißtrauisch an; seitdem

es neulich einmal hier geknallt hat, ist es aus mit seiner Vertrautheit, und durch

das hohe gelbe Gras der Blöße zieht er dem Ellernbruche zu.

 

Ein Trupp Schwanzmeischen überfliegt uns und hängt sich in die

Apfelbäume; ein köstliches Bild, diese mausegroßen langschwänzigen,

feingefärbten Vögelchen, beweglich wie Quecksilber. Aus dem alten Schuppen

schlüpft der Zaunkönig, macht uns einen hübschen Diener und schnurrt fort.

Über uns schlüpfen im Gezweige die Goldhähnchen, mit dünnen Stimmchen

piepend, und an dem Schuppen rutscht der Baumläufer entlang. Die Kleinsten

unserer Vogelwelt haben wir auf einmal im Augenbereich.

 

Wohin wir blicken, Damwild. Hier sitzt ein Alttier im Bett, dort steht ein

anderes mit zwei Kälbern. Die Kleinen trauen dem Frieden nicht; in hellen

Fluchten geht es der Dickung zu; hinterher trollt die Mama. Achtung!

Herausfordernd schreit in dem Fichtenstangenort ein Hirsch. Ein anderer

antwortet. Und da klappert es auch schon; wir hören die Schaufeln aufeinander

prasseln. Langsam pirschen wir uns heran. Da, hinter dem Graben, dicht an dem

großen Innenzaun, wie der Forstort heißt, sind sie. Nur schwach erkennen wir

die schwarzen Kämpen in dem Zwielicht des Fichtenorts, sehen sie wie Schatten

gegeneinander fahren, hören das Geprassel der Schaufeln, das Schnauben der

Tapferen. Und jetzt geht die wilde Jagd weiter in das Dickicht des Waldes; ein

Siegesschrei ertönt; in vollen Fluchten setzt der Abgeschlagene über die

Waldwiese, und der Sieger gesellt sich zu seinem Rudel, das langsam sich am

Grabenborde weiteräst.

 

Hier, auf der Bank vor der Waldwiese, wollen wir rasten. Vor uns dehnt sich

die weite Wiese mit ihren gelben Mehlhalmen und braunen Disteln und ihren

wunderbar getönten Baumgruppen. Hier ist ein herrliches Plätzchen. Über uns

fächeln die Fichten mit grünen Ästen, in denen die Goldhähnchen piepen; vor

uns zieht ein kapitaler Schaufler außer Schußweite an dem düsteren

Fichtenmantel hin, der im weiten Bogen, dem Gatter folgend, die Wildwiese

einrahmt. Gegenüber in den Fichten ertönt der Schrei des schwarzen Schauflers,

der dort verschwand, und bald klappert und prasselt es auch dort wieder; und

auch hinter uns, zur Rechten in dem jüngeren Eichenort, ist ein Duell.

 

Da unten fliegt ein Sperber, dort, hinter dem Zaun, über der Breiten Wiese. Wer kann quäken? Schnell die Faust geballt, den Mund darauf; jammervoll

ertönt Lampes Schwanengesang. »Geh weg, geh weg!« Über uns schnurrt es.

Stillgesessen! Ach, nichts; ein Dutzend Häher haben Lust auf Hasenbraten. Wie

sie neugierig die Hollen sträuben, die bunten Gesellen! Sie trauen so recht dem

Frieden nicht; die drei regungslosen Gestalten auf der grauen Lattenbank

kommen ihnen verdächtig vor. Pulver seid ihr nicht wert, ihr Spitzbuben! Fort

mit euch! Ein Wink mit der Hand, – rätsch, ätsch! – mit Schreckensgeschrei

stiebt die Rotte von dannen. Der Sperber aber hat das Quäken nicht vernommen;

er war zu weit und über dem Winde.

 

Hier muß man im Vorfrühling sitzen, abends um die Uhlenflucht, wenn in den

Dickungen die Rotkehlchen ticken, im Sool vor uns die Frösche plärren, auf der

Breiten Wiese die Bekassinen meckern, von allen Wipfeln die Drosseln flöten, in

den Birken die Finken schlagen. Wenn dann über Hannover die Sonne

rotglühend untertaucht, der Schnepfen-Stern über die kahlen Bäume blinzelt und

der Kauz im raumen Stangenholze heult, dann geht es hier »wiwiwi« und

»moark, moark«; dann kommt er gestrichen, der Vogel mit dem langen Gesicht,

die Waldschnepfe, und dann knallt es dort unten im Wietzenholze, im Misburger

Wald, bei Ahlten und Müllingen, im Gaim, im Erben- und Bokmerholz und an

der Seelhorst. Und dann – aber Flinte an die Backe! Domms! Wir sitzen hier und

schwelgen in seligen Murkeerinnerungen, und Flick macht unterdes die

Feistschnepfe hoch. Na, die ist doch noch besser als der Strauchdieb von

Sperber.

 

Wo eine ist, sind auch mehrere. Darum fort, am Gatter entlang, dort liegt die

Schnepfe gern. Wieder rauscht das braune Laub unter den Pirschschuhen. Ein

Spießer und einige Alttiere schrecken aus ihren Betten auf und trollen der

Dickung zu, uns lange nachäugend aus sicherer Entfernung. Dichte Schwärme

einer frostharten Mückenart tanzen am Zaune über dem Grenzgraben, ab und zu

zickzackt eine Wintermotte vor uns her. Klack! sagt es alle Augenblicke, wenn

eine Eichel fällt. Klatschend stiebt ein Flug Ringeltauben aus der Blitzeiche, und

breitklafternd schwebt ein Bussard über die Wiese. Hier, in dem Stammloch der

dicken Eiche mit den trockenen Ästen, von denen die Kugel schon manche

Krähe, manchen Raubvogel herabwarf, nistet alljährlich die Hohltaube.

 

Ein lärmender Schwarm Saatkrähen und Dohlen wimmelt über uns. Noch

schauen wir ihnen nach, da geht es »klack! klack!« vor uns. Mit reißendem

Zickzackflug stiebt wieder eine Feiste dahin. Schade, daß sie der ersten nicht

Gesellschaft leistet! Ein alter Spruch sagt: »Wenn der Hund die Mäuse steht und

der Jäger beert – ist die Jagd keinen Dreier wert.« Aber viel Wert hat es auch nicht, den Krähen nachzuäugen, wenn man die Feistschnepfe sucht. Na, dümmer

werden wir davon auch nicht. Wieder stößt Gretchen etwas hoch. Mit lautem

Gegocker steigt ein Fasan hoch, wunderschön schußgerecht. Aber da kennen sie

den Hofjäger schlecht! Die Fasanen schießen, die vom Andertschen

Interessentenholze hierhin verstrichen sind, weil die Fabrikanlagen dort den

Waldfrieden störten! Im Leben nicht! Die werden gehegt und gepflegt, damit sie

im Tiergarten Standwild werden. Erst Heger, dann Jäger!

 

Jetzt sind wir auf dem Horne, wie dieser Forstort heißt. Hierdurch führt von

der Haltestelle die Hauptallee über die Breite Wiese, hier strömt es im Sommer

bunt heran von fröhlichen Menschen. Aber heute ist es still. Die Sonne brennt

durch die Wolken und läßt die bunten Blätter rechts und links vom Wege

leuchten und erwärmt Tausende von Blattwespen, die verfroren im Laube saßen.

Überall blitzen die blanken Flügel der Spätlinge in der Luft; unsere Hüte, unsere

Joppen, unsere Gesichter, alles wimmelt von ihnen, und erbost schnappen Flick

und Gretchen nach dem lästigen Geschmeiß.

 

Dort liegt der Fang. Dorthin, in dieses System grauer Lattenzäune, wird das

Wild getrieben, wenn ein Stück lebend abgegeben werden soll, erst in den

großen Vorraum in dem Fichtenstangenort, dann in die Blendung dahinter, von

dort in die beiden durch Fall- und Schiebetüren geschiedenen Kammern, und aus

dem letzten Gelaß, dem Ausfang, führt eine Zaungasse, der Lauf, in den Kasten.

Hier liegt auch die Wildscheune, hier stehen die Raufen für die Fütterung und

eine Salzlecke; und dort steht ein Denkstein an der Stelle, wo der Herzog von

Cumberland seinen ersten Schaufler streckte, und die vielästige runde Eiche da

mit den vier Pfählen bezeichnet den Platz, wo König Ernst August bei einer

Lappjagd zwölf Schaufler erlegte.

 

Manch frohes waidmännisches Bild hat seit 1679, wo Herzog Johann

Friedrich den Tiergarten anlegte, der schöne Wald gesehen. Glänzende Jagdfeste

werden heute hier nicht mehr abgehalten, und niemand bedauert das weniger, als

der Hüter dieses Waldes, dem sein Wild an das Herz gewachsen ist, wie den

Hannoveranern ihr schöner Tiergarten, der ihnen an schönen Sommersonntagen

Erquickung bietet nach der Last arbeitsvoller Wochen.

 

Wenn dann an hellen, klaren Tagen die Sonne auf der Breiten Wiese brütet,

dann lebt und webt es im Tiergarten von fröhlichem Volk. Von zwei Richtungen

flutet es heran: von der Haltestelle her in breiten Massen, ein Gewimmel duftiger

Waschkleider, bunter Hüte und strahlender Sonnenschirme, und vom Torwege,

wo das Rad und der Weg vom Kirchröder Turm her für Zuzug sorgt. Aber dann

bin ich nicht gern dort. Lieber sind mir die taufrischen Morgen im Frühling, wenn aus dem braunen nassen Laube die weißen Windröschen, die blauen

Leberblümchen und die bunten Lungenblumen hervorbrechen, die Finken wie

toll schlagen und der Specht an den spitzen Zacken der wipfeldürren

Samenbuche trommelt, und die warmen Maimorgen, wenn die Pfauenaugen über

die Wege flattern, wenn unter dem lichten Buchgrün, in dem der Wildtäuber so

zärtlich ruckt, die gelbe Waldnessel goldne Flecke bildet und die weiße

Waldmiere den Boden mit hellen Beeten schmückt, dann bin ich liebend gern im

schönen Tiergarten.

 

Und dann kommen die Tage, wo der Wald mit dunkelgrünem Schatten die

Frühlingsblumen unter sich tot macht und es auf den Wiesen und auf den Rainen

an zu blühen und zu prangen fängt, wenn auf dem breiten Wiesengelände

purpurne Knabenkräuter mit dunklen Blumentrauben im hellgrünen Grase

prunken und goldgelb der Trollblume gelbe Kugel leuchtet; dann fliehe ich zu

gern in aller Herrgottsfrüh auf dem Rade hinaus und verbummle in des

Tiergartens Waldheimlichkeit ein paar köstlichreiche Stunden.

 

Und ist der Winter im Lande, bedeckt er mit weißem Leilicht das Moos und

das Fallaub und das Dürrholz, dann patsche ich gern durch den Schnee. Der

weiße Leithund weist mir dann die Fährten und Spuren von Damwild und Hase,

Fuchs und Marder, Wiesel und Eichkater; Häher und Krähe, Meise und

Zaunkönig erzählen mir alte Geschichten und plaudern von deutscher

Waldschönheit.

 

Ob der Frühling mait, ob der Sommer lacht, ob der Spätherbst nebelt oder der

Winter starrt, immer ist er mir lieb, immer hab' ich ihn gern, den schönen alten

Tiergarten oben am Berg.