Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Hermann Löns · Kapitel 6 von 10

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Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Der Waldgraben.

 

Es ist einer von den Gräben, die die Eilenriede abgrenzen.

 

Steil sind seine Ufer, stellenweise dicht bewachsen, dann wieder kahl und

bloß.

 

Je nachdem viel oder wenig Regen fällt, ist der Wasserstand hoch oder

niedrig; manchmal läuft das Wasser, wie ein quicker Bach, und zu andern Zeiten

schleicht es so langsam dahin, daß es aussieht, als stehe es still. Zu Zeiten kann

ein kleiner Junge bequem hinüberspringen; dann aber wieder muß ein gewandter

Mann sich sehr anstrengen, um von einem Ufer zum andern zu kommen.

 

Wenn die Märzensonne durch das Astwerk der Bäume und Büsche auf den

Bord des Grabens fällt, dann regt sich hier zuerst im ganzen Walde das blühende

Leben. Des Huflattichs Sonnenscheibe strahlt dann in heller Glut, und des

Leberblümchens treublickende Blüte leuchtet aus dem schwermütigen Geranke

des Efeus heraus, bis lustige Lungenblumen, zwiefach gefärbt, sich aus dem

harten Blattwerk hervordrängen, um die behäbigen, in dichte Pelze vermummten

Hummeln anzulocken.

 

Eines Tages aber werden die Hummeln ihnen untreu; denn in Menge erscheint

der bunte Lerchensporn zwischen dem leichtsinnigen Geflatter der Windröschen;

auch reißt eines Weidenbusches süßduftendes Blütenwerk die summende

Kundschaft an sich; wie denn auch die gespenstige Schuppenwurz, deren nackte

Blumen sich wie Kinderhändchen aus dem faulen Vorjahrslaube strecken, an

unheimliche Märchen erinnernd, von allerlei Volk mit verderbtem Geschmacke

besucht wird.

 

Es gibt unendlich viel zu sehen an dem Graben. Da ist ein

Traubenkirschenbusch, dessen grüne Wellen jetzt noch in sanfter Flut

hinabfallen, aber im Mai dann schäumen sie von weißen Blüten und sprühen

betäubenden Duft umher. Ein Hasel steht da, der im März Gold auf die

Efeuwände des Grabens streut, und der später mit seinem Wiederbilde das

dunkle Wasser erleuchtet. Ein junger Ahorn weist herrlich geformte Knospen

vor, Vorwürfe für einen Goldschmied, und eine seltsam verzerrte Hainbuche

lehnt sich über die Flut und freut sich ihrer smaragdenen Pracht.

Mitte Mai ist es am allerschönsten dort. Dann strahlen aus dem Efeu die

glühenden Kettenblumen, und die Taubnessel prahlt neben ihnen. Dann rudern

langsam große grüne Frösche durch das laue Wasser und überschreien den

Laubfrosch, der im hellen neuen Kleide, so blank wie ein Stück Metall, auf dem

größten Blatte der Brombeerranke klebt und lustig seinen Maigesang anstimmt,

während über ihm der Zaunkönig aus voller Brust sein lautes Lied

herausschmettert.

 

Zu jeder Zeit ist buntes Leben an dem Graben. Zierliche Bergbachstelzen

schwenken sich über das Wasser und schnappen, an dem Ufer entlang trippelnd,

die Mücken fort. Der Eisvogel, der einsame Fischer, lauert von der Wurzel der

Esche auf Wasserjungferlarven, und sein märchenhaftes Kleid blitzt und

schimmert im Sonnenlicht. Wo das Ufer herabgesunken ist und eine Landzunge

bildet, da tränken sich Amsel und Graudrossel, da baden Fink und Goldammer,

da sucht das Rotkehlchen Gewürm, da nimmt der Star ein Bad.

 

Auch andere Tiere lassen sich da sehen. Dicke, große Wühlmäuse huschen

scheu aus dem Efeu und plumpsen in das Wasser; eine fuchsrote Ratte hastet

über das Laub und sucht nach jungen Vögeln, bis das Raubwiesel ihr mit einem

Satze in das Genick springt und sich von ihr unter die Wurzeln der Erle

schleppen läßt, wo der grimme Kampf ein Ende findet, der Kampf, in dem das

Wiesel Sieger bleibt.

 

Scheint die Sonne auf das Wasser, dann fahren langbeinige, dünnleibige

Wanzen darüber hin in merkwürdigen Zuckungen, oder blitzblanke kleine Käfer

drehen sich dort im Kreise, bis ein plumpsender Fall sie verjagt. Die

Wasserspitzmaus ist es. Jetzt rennt sie, einem Quecksilberklumpen ähnelnd, auf

der Sohle des Grabens entlang, taucht als schwarzer Klumpen empor, zieht lange

blitzende Streifen durch das Wasser, huscht auf das Ufer, hastet zwitschernd an

ihm entlang und verschwindet plumpsend wieder in dem Wasser.

 

Wo die Esche ihr krummes Wurzelwerk aus dem Ufer reckt, da gähnt ein

schwarzes Loch. Ab und zu verschläft der Iltis den Tag dort, neben sich

unglückliche Frösche und Kröten, denen er das Kreuz zerbiß und die sich nun so

hinquälen müssen, bis er sie gänzlich tötet und hinunterschlingt. Auch der

Baummarder schleicht nächtlicher Weile hier entlang, die Waldmaus belauernd

und nach der Brut von Rotkehlchen und Zaunkönig schnüffelnd, und mit viel

Geraschel sticht hier der Zaunigel nach fettem Gewürm.

 

Unweit des Ufers steht ein Rotbuchenstumpf, breit und bequem. Wer ihn als

Sitz erwählt und sich recht still verhält, der kann allerlei erspähen, Lustspiele,

idyllische Szenen und ergreifende Trauerspiele, schlimmer als die der menschlichen Gemeinschaft. Hinter dem dichten Efeugeflechte zittern der

jungen Goldammern hungrige Stimmchen hervor. Vorsichtig lockend naht sich

die Mutter, ein Räupchen im Schnabel haltend. Da zickzackt ein Schatten über

den Graben; ein Todesschrei erschrillt; fort stiebt der Sperber mit dem

Goldammerweibchen in den Fängen, und eine Viertelstunde später greift er den

Hahn, und die verwaisten Vögelchen zerfleischt in der Nacht die häßliche Ratte.

 

Ein Lustspiel ist es aber oder eine Posse, wenn die eifersüchtigen

Blaumeisenhähne, fest ineinander gekrallt, als bunter Federball aus dem

Haselbusch herabwirbeln und in das Wasser hineinfallen und naß und schwarz

sich schnell von dannen machen, verfolgt von dem gellenden Gelächter des

Zaunkönigs und dem spöttischen Gekicher der Bergbachstelze, oder wenn die

Waldmaus, in den Genuß eines fetten Käfers vertieft, nicht bemerkt, daß der

dicke Frosch immer näher an ihre zuckende Schwanzspitze heranrudert. Auf

einmal schnappt er zu, die Maus quietscht auf und fährt in das Efeulaub, und mit

einem dummen Gesicht glotzt der Frosch hinterdrein und wischt sich ärgerlich

das breite Maul. Auch ist es zum Lachen, wenn die nackte schwarze Schnecke,

nachdem sie die höchste Spitze des Schaftheuhalmes erklommen hat, darüber

noch hinaus will und sich streckt und reckt und dreht und windet eine halbe

Stunde lang, um endlich ihren Plan aufzugeben und langsam den Rückweg

einzuschlagen.

 

Idylle sind es, wenn Rotbrüstchen, Zaunkönig und Bachstelze ihre flügge Brut

in das Leben einführen. Das schnurrt und burrt durcheinander, schwankt

unglücklich auf dünnem Ast, flattert plump in das Laub, klettert mühsam wieder

empor, bis schließlich alle Geschwister müde und matt eng aneinandergepreßt

auf einem Aste sitzen, wie Kinder auf einer Bank, dumm und ängstlich hin und

her kucken und unaufhörlich nach Futter piepsen. Wenn aber erst die

Wasserspitzmaus ihren Jungen das Schwimmen und das Tauchen und die

Käferjagd zu Wasser und zu Lande beibringt, dann staunt sogar der Zaunkönig

über das Gewimmel, trotz seiner acht Kinder, die doch auch allerlei Leben

verursachen.

 

Großen Lärm aber gibt es, fällt es dem Häher ein, sich hier sehen zu lassen.

Und wenn er auch vorgibt, er wolle sich Würzelchen aus dem Ufer hacken für

sein Nest, oder einen Schnabel voll Wasser mitnehmen, man kennt ihn zu gut,

den bunten Heimtücker, und von allen Seiten wirft man ihm Schimpfworte an

den dicken Kopf, bis er wütend abzieht. Kommt aber das liederliche

Kuckucksweibchen angeschlüpft, um ihr Ei in die Obhut von Bachstelze oder

Rotkehlchen zu geben, dann ist das Gekeife noch ärger, und schließlich setzt es auch Hiebe; aber alljährlich kommt hinter der Efeuwand ein junger Gauch hoch,

und alles, was von kleinem Vogelvolk am Graben wohnt, fühlt sich verpflichtet,

den Immerhungrig und Nimmersatt vollzustopfen.

 

Im Wasser selbst geht es auch nicht immer friedlich zu; denn gar streitbare

Gesellen, schwer gepanzerte, trefflich gerüstete Stichlinge mit scharlachnem

Brustlatz, mutige Gesellen, herrschen da unten. Wehe der armen Kaulquappe,

die sich vom Strande in das tiefe Wasser wagt: ein Dutzend der Raubritter stoßen

darauf zu, zerren das hilflose Tier hin und her und reißen es in ein Dutzend

Fetzen. Auch ein Regenwurm, der aus Unvorsichtigkeit in das Wasser gerät,

muß unter den Bissen der winzigen Fische sterben, und wenn er sich noch so

sehr krümmt. Kaulquappe und Wurm rächt dann wieder die Wasserspitzmaus,

die Stichlinge in die Bucht treibend und ihnen das Genick zerbeißend.

 

Außer den Stichlingen leben noch andere Fische in dem Graben: die graue

Schmerle, die sich gern in den Blechtöpfen versteckt, die auf dem Grunde des

Grabens rosten, und der buntgestreifte Schlammpeitzger, der sich im modernden

Laube verbirgt. Wer gute Augen hat, findet im Mai an den überspülten Steinen

auch ein fingerlanges Fischchen hängen, das Bachneunauge, dessen

wurmähnliche Larven im Sande der Grabensohle eingebohrt leben. Auch eine

Quappe oder ein Gründling verirrt sich wohl aus der Wietze in den Graben.

 

Stets sind einige Taufrösche dort zu finden, die faul an dem Ufer sitzen, oder

eine Erdkröte, die langsam unter dem Efeu herkriecht, und auch die flinke

Kreuzkröte läßt dort ihr Geschnarre hören. Früher, als noch nicht jedes Tierchen

für das Aquarium oder Terrarium fortgefangen wurde, kamen auch

Waldeidechsen und Blindschleichen hier vor, und sogar die Ringelnatter betrieb

dort die Froschjagd mit großem Eifer.

 

Außer Goldammer, Zaunkönig und Rotkehlchen brüten an dem buschigen

Ufer noch die drei kleinen Laubsänger, ferner der Sumpfrohrsänger, und einige

Male hat sogar der Eisvogel dort seine Nesthöhle in die Wand getrieben und

seine Jungen glücklich hochgebracht. In diesem Jahre baute ein

Schwanzmeisenpaar sein kugeliges Nestchen in die Zwille der Birke, die unweit

des Grabenbordes steht. Nicht weit davon hat ein Sumpfmeisenpaar ein Nestloch

in der Erde gefunden, einen Nistkasten hat die Kohlmeise besetzt, und weiter

zurück brütet die zierliche Blaumeise in einem Spalt derselben Eiche, in deren

Wasserreisergewirr eine Schwarzdrossel ihr Nest anlegte. Zehn Schritte weiter

hat ein Baumläuferpärchen eine passende Stammritze für sein Nest gefunden,

und die Singdrossel beginnt sich in dem dichten Weißdorn einzurichten, in dem

im vorigen Jahre der Mönch brütete und unter dem der Hase so gern liegt.

Da hier selten ein Mensch geht, äsen sich die Rehe gern den Graben entlang.

Jagt sie ein Hund, so überfliehen sie einige Male den Graben, bis der Hund ihre

Fährte verliert, und der starke Bock flüchtet sogar in den Graben hinein, watet

eine Strecke in dem Wasser entlang und bringt so die Hunde in Verwirrung.

 

So ist hier immer allerlei Leben vom frühen Morgen an, den Tag hindurch,

und auch des Nachts lebt und webt es dort. Im Frühling schwirren

Eulenschmetterlinge um die Weidenschäfchen, im Sommer sausen große

Schwärmer über die Geißblattblüten und fallen der großen, fuchsroten

Fledermaus zum Opfer, die ab und zu aus den Wipfeln herunterfährt; denn das

Gebiet über dem Graben ist eigentlich das Reich der Wasserfledermaus, die

unablässig dicht über dem Wasser hin- und herstreicht und die Mücken

fortschnappt. Mit Vorliebe jagen auch Waldkauz und Ohreule hier; denn irgend

eine Maus oder Ratte erwischen sie stets.

 

Wintertags erscheint vom Wietzenholze oder aus dem Ahltener Walde auch

der Fuchs hier; aber ehe es dämmerig wird, schnürt er wieder in die großen

Wälder zurück, denn gar zu unheimlich ist es ihm so dicht bei der Stadt. Ab und

zu verspätet er sich aber doch einmal und versteckt sich in dem

Jungfichtenhorste in der Dickung oder nimmt weiterhin einen alten

Kaninchenbau an.

 

Den Fuchs wird nun nicht so leicht ein Waldwanderer gewahren, es sei denn,

er sei schon bei dem ersten Drosselpfiffe draußen. Das andere Leben ist aber

tagtäglich dort zu beobachten für den, der dafür Augen und Ohren hat und der

leise zu gehen versteht.