Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Hermann Löns · Kapitel 2 von 10

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Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Die bunte Stadt am Harz.

 

Alle Städte den Harz hinauf, den Harz hinab haben ihre Schätze und

Kostbarkeiten; keine aber ist so reich und so bunt wie Wernigerode.

 

Alles ist da, was das Herz begehrt: lustiges Leben und träumerische Stille,

städtische Eleganz und dörfliche Einfachheit, flutender Fremdenverkehr und

feststehende Eigenart, neue Bauart und alte Architektur; sie ist die Stadt der

bunten Gegensätze, die zu einer stimmungsvollen Einheitlichkeit verschmolzen

sind.

 

Schon die Lage des Dreistädtegebildes Hasserode-Wernigerode-Nöschenrode

ist eigener Art. Zwischen dem fröhlichen Vorharz und dem ernsten Oberharz

schmiegt sich die Stadt an der Stelle hin, wo die wildverwegene Holtemme und

der stillsinnige Zillierbach ineinanderrinnen, und in beider Flüsse so

verschiedenartig gestaltete Täler dringt die Stadt mit ihren stattlichen

Töchterstädten hoch in die Berge und tief in die Täler vor und drängt immer

mehr nach der bunten Ebene hin.

 

So liegt sie da, dem Brocken nahe, dem Hügellande und der Getreideebene,

auf der Grenze zwischen Nadelwald und Laubholz, Granit, Schiefer, Kalk,

Sandstein und Lehm, zwischen drei verschiedenartigen Floren- und

Faunengebieten, auf der Scheide dreier Volksstämme, dreier Sprachgebiete,

dreier Temperamente, dreier Baustilarten, und darum ist sie so reich an Reizen,

ist sie so bunt und so schön.

 

Sie ist eine echte Harzstadt und voll von internationalem Leben; sie ist eine

Acker- und Kleinbürgerstadt, aber mit reichem Gewerbe, kräftigem Handwerk

und blühendem Handel. Kein Stand, kein Beruf drückt den andern in den

Hintergrund, und die große Fremdenkolonie, in der es von alten Namen und

Titeln nur so wimmelt, ist durch unzählige Übergänge mit dem alten Bürgertum

und der Arbeiterschaft zu einer rißlosen Lebensgemeinschaft verschmolzen.

Dürftigkeit ist keine Schande, und der Luxus gilt als Verdienst.

 

Es ist gleich, zu welcher Jahreszeit man dort ist; immer ist es dort schön.

Klirren die Flüsse durch Ufereis, hüllt der Schnee Berg und Tal, hier drückt der

Winter nicht; denn die Luft ist rein, und der Schnee ist trocken. Jedes Wochenende bringt die Schneeschuhläufer und Rodeler von weit und breit her;

denn zu bequem ist die Stadt zu erreichen von Halle und Magdeburg, Hannover

und Braunschweig, Bremen und Hamburg und Berlin.

 

Wunderbar schön ist es wintertags dort, wenn die Fichten Schneemützen

tragen und sich demütig vor Sr. Majestät dem Winter beugen, und da die Berge

die bösen Winde abhalten, empfindet man die Kälte nicht gar sehr. Wenn die

Tauwinde blasen, Holtemme und Zillierbach ihr Randeis zerbrechen und in

tollen Sprüngen zu Tale tanzen, wenn die Zeisige und Kreuzschnäbel auf die

Höhen fliehen und auf den Brücken und Stegen die Bergbachstelze wieder

umhertrippelt, dann kommt die hohe Zeit für die bunte Stadt am Harz.

 

Zwei Jahreszeiten sind dann dort dicht beieinander. Die Gärten protzen mit

ihrem Vorfrühlingsflor, die Bäume blitzen von vielfarbigen Knospen, Amselsang

und Finkengeschmetter erfüllt das Gezweige; aber ein Stündchen bergan, und

der Nachwinter herrscht dort noch. Ernst liegt der Schnee im Schatten, keine

Knospe lüftet die Hüllen, und nur der reisenden Meisen Stimmen bringen Leben

in den verschlafenen Wald, bis auch ihn die Sonne weckt, bis auch dort der

Boden sich mit Blumen schmückt und aus allen Wipfeln lustige Lieder

erschallen.

 

Blumen und Vogellieder, das ist es, was dem Fremden, und sei er noch so sehr

Asphaltmensch, zu allererst in Wernigerode auffällt. Die Ebene, das Hügelland

und die Berge, sie alle schicken ihre Blumen bis mitten in die drei Orte hinein,

und die drei Städte schieben ihre Anlagen und Gärten hoch in die Berge, überall

zwischen die Hügel und tief in die Ebene hinab.

 

Wo hört die Stadt auf, wo endet der Garten, und wo fängt das Gebirge an und

beginnt die wilde Flora? Darauf gibt es keine Antwort. An den

Schieferböschungen mitten in der Stadt wuchert ungestört, entzückende

Stilleben bildend, allerlei buntes, wildes Gekräut, und wohin man sieht, über und

unter der Stadt, vertragen sich die feierlichen Gartensträucher auf das beste mit

den wilden Gebüschen, und mit feinem Takte läßt die Stadtverwaltung dem

wilden Geblüm an den Böschungen nicht nur seinen Platz, sondern pflanzt

besonders schöne Wildblumen an jenen Stellen der Anlagen an, die weniger

streng gehalten sind. Auch die Gartenbesitzer freuen sich, wenn Wildrose,

Weißdorn und Brombeere und allerlei wilde Blumen auf ihrem Rechte bestehen,

und wer Augen hat, zu sehen, der hat seine helle Freude bei jedem Schritt und

Tritt.

 

Und nun erst die Vogelwelt. Auch bei ihr gibt es keine Grenzen zwischen

Stadt und Umgebung. Hier schilpt der Hausspatz, und drüben läutet der Kuckuck, dort zwitschern die Schwalben, und hier schnurrt der Grünspecht hin,

wiehernd lachend; auf jedem dritten Baume plaudert ein Girlitz oder Stieglitz

oder Grünfink, in allen Büschen schwatzen Zaunkönig und Braunelle und

Grasmücke, und Fink, Meise, Gartenrötel, Trauerfliegenschnäpper, Amsel und

Singdrossel sind überall zu finden. Im Mühlentale schluchzt abends die

Nachtigall, mitten im belebten Konzertgarten schlüpft der Häher durch die

Zweige, über den Dächern kreist der Bussard, und wenn der Abend hereinbricht,

lassen die Vögel der Nacht ihre Stimme erschallen; der Waldkauz lacht im Baß,

das Käuzchen kichert im Diskant, und unheimlich schnarcht die Turmeule.

 

Wer die Tierwelt liebt, braucht nicht weit zu gehen hier. In den Gartenstraßen

watscheln die schwarzgelben Salamander bedachtsam dahin, in den klaren

Flußläufen stehn die Forellen, jagen die Jungen auf Schmerlen und Groppen,

und ein bunteres Schmetterlingsgeflatter, wie hier, hat keine Stadt, und keine so

viel lustiges Gesumme und Gebrumme über den Blumen. Außerdem, da ist

kaum ein Haus, wo nicht unter dem Fenster ein Käfig hängt, und wo man geht

und steht, zwitschert und pfeift und schlägt es, gleich als ob das Volk von

lustigem Gesange noch nicht genug hätte.

 

Das aber ist es, was den Fremden am meisten freut, der heitere Zug, der hier

alles beherrscht, der sich in dem bunten Wechsel des Bodens, in dem fesselnden

Zusammenfluß von Natur und Stadtleben, in der Blumen Farbenpracht, in dem

frohen Tierleben ausspricht und in den Gesichtern der Menschen. Sie haben eine

bekömmliche Philosophie, die Leute hier, und die ist: nicht zu philosophieren. Es

ist zuviel Schönes und Liebes und Lustiges zu sehen, daß sie gar nicht daran

denken, zu denken; denn wer denkt, der lebt nur halb. Hier aber lebt man ganz.

Bestelle dir zum Sonntag früh den Wagen, Fremdling, denn sonst bekommst du

keinen; denn der Wernigeröder und der Hasseröder und der Nöschenröder läßt

dir keinen übrig. In aller Frühe donnern sie aus allen Toren, die Wagen, bunt von

frohen Gesichtern, hellen Blusen und farbigen Hüten, und mit Klingklang und

Singsang, mit grünen Zweigen besteckt, donnern sie abends wieder zurück.

 

Und hast du keinen Wagen bekommen, es schadet nichts. Drehe dich dreimal

um deine Achse und gehe dahin, wo deine Nase dich hinweist; es ist völlig

gleich, ob du diesen oder jenen Weg einschlägst, ob du zum Christianental oder

nach der Steinernen Renne, zur Himmelspforte oder zur Sennhütte hingelangst:

überall ist es schön, überall sind Blumen, ist Wald, sind blühende Abhänge,

heimliche Schluchten, lachende Matten, und überall lustiges Volk, die Hände

voll von Primeln, Wiesenröschen und Teufelskrallen. Aber suchst du Einsamkeit,

nach hundert Schritten hast du sie. Willst du im lichten Laubwalde wandeln, gehe in den Schloßberg; liebst du das dämmrige Tannicht, es ist überall; ziehst

du den sonnendurchglühten Kiefernwald vor, er ist nicht weit, und Aussicht

kannst du haben, soviel du willst, und hungern und dürsten brauchst du

nirgendwo, denn überall zeigen dir die Handweiser, wo eine gastliche Stätte

Speise und Trank bietet.

 

Nimm dir nur nicht vor, planmäßig Wernigerode und seine Umgebung kennen

zu lernen; es hat gar keinen Zweck, denn dafür reichen deine vier Wochen Ferien

nicht. Bist du schon auf dem Hartenberge gewesen und in dem märchenhaften

alten Marmorsteinbruche? Warst du an den Teichen, wo der Drosselrohrsänger

singt? Hast du die Sauen bei der Körnung gesehen? Sahst du abends das Rotwild

an den steilen Hängen umherziehen? Erspare es dir vorläufig, nach Ilsenburg

oder dem Fallstein, nach Elbingerode oder Rübeland zu pilgern oder zu fahren,

laß den Huy und den Elm winken und den Brocken brummen, und sieh dich erst

in der Nähe um, aber ganz in der Nähe, in der nächsten Nähe.

 

Setz dich vor das Hotel da unter das Sonnensegel und sperre deine Augen auf,

dann hast du vorläufig genug und übergenug. Da ist das Rathaus mit seinem

Fachwerk und seinen stolzen Spitztürmen, die rechts und links neben der Treppe

stehen wie Wacholder neben einem Heideweg, der bergan läuft. Ist es nicht fein,

wie Thomas Hildeborg es verstanden hat, Holz- und Steinarchitektur zu

wirkungsvollster Einheit zu verschmelzen? Das muß ein ganzer Kerl gewesen

sein, sonst hätte er nicht über die Tür geschrieben: »Einer acht's, der andere

verlacht's, der dritte betracht's; was macht's?« Und war es nicht ein reizender

Zug vom Grafen Heinrich, dieses Haus, das ihm als Spielhaus gehörte, samt dem

Weinkeller und allen Gerechtsamen der Stadt zu schenken? Überhaupt die

Fürsten von Stolberg-Wernigerode, das ist wieder ein Vorzug der Stadt. Es sind

keine regierenden Fürsten mehr, aber den großen Zug behielten sie von der Zeit

bei. Mit Ausnahme des bißchen Park um das Schloß kannst du in allen ihren

Anlagen und Wäldern, von hier bis zur Brockenkuppe, frei schweifen; kaum,

daß dir ein Förster oder Wärter eine Warnung gibt, wenn du quer über den Rasen

läufst oder gar zu große Sträuße von den blühenden Büschen schneidest. Sieh,

du hast Glück, das Fürstenpaar fährt vorbei im funkelnden, flimmernden

Viererzuge. Achte darauf, wie die Leute grüßen! So gar nicht unterwürfig,

trotzdem der Hof ein guter Abnehmer für so viele Leute ist. Zuneigung liegt in

den Augen, aber nicht Knechttum.

 

Nun aber wird es dir zu laut und zu voll hier. Brockenfahrer kommen in hellen

Haufen an und von allen Sorten, in Rindsleder und Chevreaux, in Loden und

Tennisflanell, ganze Bündel Brockenblumen in den Händen. Es ist verboten, sie abzureißen, und doch pflückt jeder Brockenfahrer sie; denn die Beamten sagen

nicht gern etwas. Man ist fast zu liebenswürdig auf stolberg-wernigerödischem

Gebiet; etwas mehr Strenge könnte nicht schaden, denn allzu viel Pöbel fährt

Sonntags durch den Harz und verschandelt das Land mit Papier und

Flaschenscherben. Aber du willst weiter. Geh, wo es dir paßt. Sieh dir das

gotische Haus an und freue dich über das reiche Schnitzwerk und die hübschen

jungen Mädchen in Weiß, Rosa und Vergißmeinnichtblau, die an den Tischen

zwischen den Lorbeerbäumen sitzen, oder geh durch die Anlagen am Bahnhofe

und lache den bunten Blumen zu, und vergiß das Schlachthaus nicht, dieses

wunderschöne Schlachthaus, das ganz gut ein Ferienheim oder so etwas

ähnliches sein könnte, und sieh zu, daß du die alten Türme findest, den stolzen,

patrizierhaften am Westentore und den andern, der da irgendwo herumsteht und

mit der Luke in seinem Bauche so unglaublich lustig aussieht, als müsse er

darüber lachen, daß in seinem Erdgeschosse jetzt Borstentiere schlachtreif

gemacht werden. Mensch, du glaubst gar nicht, was es hier alles zu sehen gibt!

 

Das Wasser zum Beispiel! Überall ist Wasser, breit und schmal und noch

schmäler, fadendünn aus einer Röhre über die Böschung in die Gosse rieselnd,

aber alles so blank, daß man es trinken kann. Und das viele Wasser, das gibt

Brücken und Stege und Geländer und Böschungen und Winkel aller Art, ein

Stück Klein-Venedig neben dem andern. Hier besonders, wo die Jungen

barbeinig herumwaten, ist es besonders nett; darum heißt die Straße auch die

schöne Ecke. Aber sieh dich hier vor, Verehrtester, hier wohnen scheußlich viel

hübsche Mädchen, und leicht holst du dir einen hoffnungslosen Knacks unter der

Weste; denn sie sind alle schon versagt, längst versagt. In einer so hübschen

Stadt mit so viel Blumen und Vogelsang warten die Mädchen nicht lange auf den

einen. Dieses Völkchen hier geht schnell und arbeitet schnell, und es lacht und

liebt auch schnell, und küssen tut es schrecklich gern. Heute abend, wenn es

schummert, geh einmal über die Straße: überall steht eine mit einem, vor jeder

Haustür.

 

Doch du bist ein ernster Mann mit einer Glatze und mangelhaften Aussichten

in Punkto Liebe; also mache lieber ernsthafte Studien. Die Straßennamen sind zu

diesem Behufe sehr zu empfehlen: da ist eine Pinte und eine Freiheit; und auch

die Flur- und Forstnamen, die haben Saft und Kraft: Pulvergarten, Galgenberg,

Flutrenne, Armeleuteberg, Kalte Tal, Fenstermacherberg, Verbranntes Eichental,

Zwölfmorgental, Auerhahn- und Hasenwinkel und Papenanneken. Da aber mußt

du nicht hingehen, sonst wird dir betrübt um die Rippen. Da sitzen sie, jung und

alt, und haben Körbe voll Kuchen und Kannen und Tassen, und da wird Kaffee

gekocht und gelacht und gesungen, und Pfänderspiele werden gemacht, mit Küssen natürlich. Doch sind hierzu Pfänderspiele nicht immer nötig; es geht

auch so. Da platzt du auch schon auf so ein Pärchen und ziehst dich wehmutsvoll

zurück. Aber du siehst ja noch nicht ganz baufällig aus, alter Freund, und so

wundere dich nicht, wenn dich alle Naselang ein paar hübsche Fräulein nach der

Uhr oder nach dem Wege fragen: das sind Ferienkolonistinnen aus

irgendwelchen Großstädten, denen das einschichtige Leben hier langweilig ist

und die so'n bißchen Sonntagnachmittagsanschluß suchen; denn was der Mensch

gewohnt ist, das entbehrt er ungern.

 

Wenn du klug bist, so sträube dich nicht; man kann hier nicht gut allein sein.

Die Bäume blühen, die Vögel singen, blauweiß grüßt der Brocken über den

Wald, von unten her lacht das bunte Land herauf, Automobile sausen, braune

Kühe kommen mit Klingklang und frohem Gebrumm heim, jedes Kind hat die

Faust voll Blumen; es ist wahrhaftig ein Tag, um eine kleine Dummheit zu

wagen.

 

Sei kein Frosch, alter Junge, steige mit den Mädeln zur Harburg hinauf, lasse

dir eine dicke Flasche kalt stellen und ein niedliches Abendessen nebst

Sonnenuntergang servieren, und freue dich, daß du noch drei Wochen weilen

darfst in der bunten Stadt am Harz.