Das Tal der Lieder und andere Schilderungen
Die bunte Stadt am Harz.
Alle Städte den Harz hinauf, den Harz hinab haben ihre Schätze und
Kostbarkeiten; keine aber ist so reich und so bunt wie Wernigerode.
Alles ist da, was das Herz begehrt: lustiges Leben und träumerische Stille,
städtische Eleganz und dörfliche Einfachheit, flutender Fremdenverkehr und
feststehende Eigenart, neue Bauart und alte Architektur; sie ist die Stadt der
bunten Gegensätze, die zu einer stimmungsvollen Einheitlichkeit verschmolzen
sind.
Schon die Lage des Dreistädtegebildes Hasserode-Wernigerode-Nöschenrode
ist eigener Art. Zwischen dem fröhlichen Vorharz und dem ernsten Oberharz
schmiegt sich die Stadt an der Stelle hin, wo die wildverwegene Holtemme und
der stillsinnige Zillierbach ineinanderrinnen, und in beider Flüsse so
verschiedenartig gestaltete Täler dringt die Stadt mit ihren stattlichen
Töchterstädten hoch in die Berge und tief in die Täler vor und drängt immer
mehr nach der bunten Ebene hin.
So liegt sie da, dem Brocken nahe, dem Hügellande und der Getreideebene,
auf der Grenze zwischen Nadelwald und Laubholz, Granit, Schiefer, Kalk,
Sandstein und Lehm, zwischen drei verschiedenartigen Floren- und
Faunengebieten, auf der Scheide dreier Volksstämme, dreier Sprachgebiete,
dreier Temperamente, dreier Baustilarten, und darum ist sie so reich an Reizen,
ist sie so bunt und so schön.
Sie ist eine echte Harzstadt und voll von internationalem Leben; sie ist eine
Acker- und Kleinbürgerstadt, aber mit reichem Gewerbe, kräftigem Handwerk
und blühendem Handel. Kein Stand, kein Beruf drückt den andern in den
Hintergrund, und die große Fremdenkolonie, in der es von alten Namen und
Titeln nur so wimmelt, ist durch unzählige Übergänge mit dem alten Bürgertum
und der Arbeiterschaft zu einer rißlosen Lebensgemeinschaft verschmolzen.
Dürftigkeit ist keine Schande, und der Luxus gilt als Verdienst.
Es ist gleich, zu welcher Jahreszeit man dort ist; immer ist es dort schön.
Klirren die Flüsse durch Ufereis, hüllt der Schnee Berg und Tal, hier drückt der
Winter nicht; denn die Luft ist rein, und der Schnee ist trocken. Jedes Wochenende bringt die Schneeschuhläufer und Rodeler von weit und breit her;
denn zu bequem ist die Stadt zu erreichen von Halle und Magdeburg, Hannover
und Braunschweig, Bremen und Hamburg und Berlin.
Wunderbar schön ist es wintertags dort, wenn die Fichten Schneemützen
tragen und sich demütig vor Sr. Majestät dem Winter beugen, und da die Berge
die bösen Winde abhalten, empfindet man die Kälte nicht gar sehr. Wenn die
Tauwinde blasen, Holtemme und Zillierbach ihr Randeis zerbrechen und in
tollen Sprüngen zu Tale tanzen, wenn die Zeisige und Kreuzschnäbel auf die
Höhen fliehen und auf den Brücken und Stegen die Bergbachstelze wieder
umhertrippelt, dann kommt die hohe Zeit für die bunte Stadt am Harz.
Zwei Jahreszeiten sind dann dort dicht beieinander. Die Gärten protzen mit
ihrem Vorfrühlingsflor, die Bäume blitzen von vielfarbigen Knospen, Amselsang
und Finkengeschmetter erfüllt das Gezweige; aber ein Stündchen bergan, und
der Nachwinter herrscht dort noch. Ernst liegt der Schnee im Schatten, keine
Knospe lüftet die Hüllen, und nur der reisenden Meisen Stimmen bringen Leben
in den verschlafenen Wald, bis auch ihn die Sonne weckt, bis auch dort der
Boden sich mit Blumen schmückt und aus allen Wipfeln lustige Lieder
erschallen.
Blumen und Vogellieder, das ist es, was dem Fremden, und sei er noch so sehr
Asphaltmensch, zu allererst in Wernigerode auffällt. Die Ebene, das Hügelland
und die Berge, sie alle schicken ihre Blumen bis mitten in die drei Orte hinein,
und die drei Städte schieben ihre Anlagen und Gärten hoch in die Berge, überall
zwischen die Hügel und tief in die Ebene hinab.
Wo hört die Stadt auf, wo endet der Garten, und wo fängt das Gebirge an und
beginnt die wilde Flora? Darauf gibt es keine Antwort. An den
Schieferböschungen mitten in der Stadt wuchert ungestört, entzückende
Stilleben bildend, allerlei buntes, wildes Gekräut, und wohin man sieht, über und
unter der Stadt, vertragen sich die feierlichen Gartensträucher auf das beste mit
den wilden Gebüschen, und mit feinem Takte läßt die Stadtverwaltung dem
wilden Geblüm an den Böschungen nicht nur seinen Platz, sondern pflanzt
besonders schöne Wildblumen an jenen Stellen der Anlagen an, die weniger
streng gehalten sind. Auch die Gartenbesitzer freuen sich, wenn Wildrose,
Weißdorn und Brombeere und allerlei wilde Blumen auf ihrem Rechte bestehen,
und wer Augen hat, zu sehen, der hat seine helle Freude bei jedem Schritt und
Tritt.
Und nun erst die Vogelwelt. Auch bei ihr gibt es keine Grenzen zwischen
Stadt und Umgebung. Hier schilpt der Hausspatz, und drüben läutet der Kuckuck, dort zwitschern die Schwalben, und hier schnurrt der Grünspecht hin,
wiehernd lachend; auf jedem dritten Baume plaudert ein Girlitz oder Stieglitz
oder Grünfink, in allen Büschen schwatzen Zaunkönig und Braunelle und
Grasmücke, und Fink, Meise, Gartenrötel, Trauerfliegenschnäpper, Amsel und
Singdrossel sind überall zu finden. Im Mühlentale schluchzt abends die
Nachtigall, mitten im belebten Konzertgarten schlüpft der Häher durch die
Zweige, über den Dächern kreist der Bussard, und wenn der Abend hereinbricht,
lassen die Vögel der Nacht ihre Stimme erschallen; der Waldkauz lacht im Baß,
das Käuzchen kichert im Diskant, und unheimlich schnarcht die Turmeule.
Wer die Tierwelt liebt, braucht nicht weit zu gehen hier. In den Gartenstraßen
watscheln die schwarzgelben Salamander bedachtsam dahin, in den klaren
Flußläufen stehn die Forellen, jagen die Jungen auf Schmerlen und Groppen,
und ein bunteres Schmetterlingsgeflatter, wie hier, hat keine Stadt, und keine so
viel lustiges Gesumme und Gebrumme über den Blumen. Außerdem, da ist
kaum ein Haus, wo nicht unter dem Fenster ein Käfig hängt, und wo man geht
und steht, zwitschert und pfeift und schlägt es, gleich als ob das Volk von
lustigem Gesange noch nicht genug hätte.
Das aber ist es, was den Fremden am meisten freut, der heitere Zug, der hier
alles beherrscht, der sich in dem bunten Wechsel des Bodens, in dem fesselnden
Zusammenfluß von Natur und Stadtleben, in der Blumen Farbenpracht, in dem
frohen Tierleben ausspricht und in den Gesichtern der Menschen. Sie haben eine
bekömmliche Philosophie, die Leute hier, und die ist: nicht zu philosophieren. Es
ist zuviel Schönes und Liebes und Lustiges zu sehen, daß sie gar nicht daran
denken, zu denken; denn wer denkt, der lebt nur halb. Hier aber lebt man ganz.
Bestelle dir zum Sonntag früh den Wagen, Fremdling, denn sonst bekommst du
keinen; denn der Wernigeröder und der Hasseröder und der Nöschenröder läßt
dir keinen übrig. In aller Frühe donnern sie aus allen Toren, die Wagen, bunt von
frohen Gesichtern, hellen Blusen und farbigen Hüten, und mit Klingklang und
Singsang, mit grünen Zweigen besteckt, donnern sie abends wieder zurück.
Und hast du keinen Wagen bekommen, es schadet nichts. Drehe dich dreimal
um deine Achse und gehe dahin, wo deine Nase dich hinweist; es ist völlig
gleich, ob du diesen oder jenen Weg einschlägst, ob du zum Christianental oder
nach der Steinernen Renne, zur Himmelspforte oder zur Sennhütte hingelangst:
überall ist es schön, überall sind Blumen, ist Wald, sind blühende Abhänge,
heimliche Schluchten, lachende Matten, und überall lustiges Volk, die Hände
voll von Primeln, Wiesenröschen und Teufelskrallen. Aber suchst du Einsamkeit,
nach hundert Schritten hast du sie. Willst du im lichten Laubwalde wandeln, gehe in den Schloßberg; liebst du das dämmrige Tannicht, es ist überall; ziehst
du den sonnendurchglühten Kiefernwald vor, er ist nicht weit, und Aussicht
kannst du haben, soviel du willst, und hungern und dürsten brauchst du
nirgendwo, denn überall zeigen dir die Handweiser, wo eine gastliche Stätte
Speise und Trank bietet.
Nimm dir nur nicht vor, planmäßig Wernigerode und seine Umgebung kennen
zu lernen; es hat gar keinen Zweck, denn dafür reichen deine vier Wochen Ferien
nicht. Bist du schon auf dem Hartenberge gewesen und in dem märchenhaften
alten Marmorsteinbruche? Warst du an den Teichen, wo der Drosselrohrsänger
singt? Hast du die Sauen bei der Körnung gesehen? Sahst du abends das Rotwild
an den steilen Hängen umherziehen? Erspare es dir vorläufig, nach Ilsenburg
oder dem Fallstein, nach Elbingerode oder Rübeland zu pilgern oder zu fahren,
laß den Huy und den Elm winken und den Brocken brummen, und sieh dich erst
in der Nähe um, aber ganz in der Nähe, in der nächsten Nähe.
Setz dich vor das Hotel da unter das Sonnensegel und sperre deine Augen auf,
dann hast du vorläufig genug und übergenug. Da ist das Rathaus mit seinem
Fachwerk und seinen stolzen Spitztürmen, die rechts und links neben der Treppe
stehen wie Wacholder neben einem Heideweg, der bergan läuft. Ist es nicht fein,
wie Thomas Hildeborg es verstanden hat, Holz- und Steinarchitektur zu
wirkungsvollster Einheit zu verschmelzen? Das muß ein ganzer Kerl gewesen
sein, sonst hätte er nicht über die Tür geschrieben: »Einer acht's, der andere
verlacht's, der dritte betracht's; was macht's?« Und war es nicht ein reizender
Zug vom Grafen Heinrich, dieses Haus, das ihm als Spielhaus gehörte, samt dem
Weinkeller und allen Gerechtsamen der Stadt zu schenken? Überhaupt die
Fürsten von Stolberg-Wernigerode, das ist wieder ein Vorzug der Stadt. Es sind
keine regierenden Fürsten mehr, aber den großen Zug behielten sie von der Zeit
bei. Mit Ausnahme des bißchen Park um das Schloß kannst du in allen ihren
Anlagen und Wäldern, von hier bis zur Brockenkuppe, frei schweifen; kaum,
daß dir ein Förster oder Wärter eine Warnung gibt, wenn du quer über den Rasen
läufst oder gar zu große Sträuße von den blühenden Büschen schneidest. Sieh,
du hast Glück, das Fürstenpaar fährt vorbei im funkelnden, flimmernden
Viererzuge. Achte darauf, wie die Leute grüßen! So gar nicht unterwürfig,
trotzdem der Hof ein guter Abnehmer für so viele Leute ist. Zuneigung liegt in
den Augen, aber nicht Knechttum.
Nun aber wird es dir zu laut und zu voll hier. Brockenfahrer kommen in hellen
Haufen an und von allen Sorten, in Rindsleder und Chevreaux, in Loden und
Tennisflanell, ganze Bündel Brockenblumen in den Händen. Es ist verboten, sie abzureißen, und doch pflückt jeder Brockenfahrer sie; denn die Beamten sagen
nicht gern etwas. Man ist fast zu liebenswürdig auf stolberg-wernigerödischem
Gebiet; etwas mehr Strenge könnte nicht schaden, denn allzu viel Pöbel fährt
Sonntags durch den Harz und verschandelt das Land mit Papier und
Flaschenscherben. Aber du willst weiter. Geh, wo es dir paßt. Sieh dir das
gotische Haus an und freue dich über das reiche Schnitzwerk und die hübschen
jungen Mädchen in Weiß, Rosa und Vergißmeinnichtblau, die an den Tischen
zwischen den Lorbeerbäumen sitzen, oder geh durch die Anlagen am Bahnhofe
und lache den bunten Blumen zu, und vergiß das Schlachthaus nicht, dieses
wunderschöne Schlachthaus, das ganz gut ein Ferienheim oder so etwas
ähnliches sein könnte, und sieh zu, daß du die alten Türme findest, den stolzen,
patrizierhaften am Westentore und den andern, der da irgendwo herumsteht und
mit der Luke in seinem Bauche so unglaublich lustig aussieht, als müsse er
darüber lachen, daß in seinem Erdgeschosse jetzt Borstentiere schlachtreif
gemacht werden. Mensch, du glaubst gar nicht, was es hier alles zu sehen gibt!
Das Wasser zum Beispiel! Überall ist Wasser, breit und schmal und noch
schmäler, fadendünn aus einer Röhre über die Böschung in die Gosse rieselnd,
aber alles so blank, daß man es trinken kann. Und das viele Wasser, das gibt
Brücken und Stege und Geländer und Böschungen und Winkel aller Art, ein
Stück Klein-Venedig neben dem andern. Hier besonders, wo die Jungen
barbeinig herumwaten, ist es besonders nett; darum heißt die Straße auch die
schöne Ecke. Aber sieh dich hier vor, Verehrtester, hier wohnen scheußlich viel
hübsche Mädchen, und leicht holst du dir einen hoffnungslosen Knacks unter der
Weste; denn sie sind alle schon versagt, längst versagt. In einer so hübschen
Stadt mit so viel Blumen und Vogelsang warten die Mädchen nicht lange auf den
einen. Dieses Völkchen hier geht schnell und arbeitet schnell, und es lacht und
liebt auch schnell, und küssen tut es schrecklich gern. Heute abend, wenn es
schummert, geh einmal über die Straße: überall steht eine mit einem, vor jeder
Haustür.
Doch du bist ein ernster Mann mit einer Glatze und mangelhaften Aussichten
in Punkto Liebe; also mache lieber ernsthafte Studien. Die Straßennamen sind zu
diesem Behufe sehr zu empfehlen: da ist eine Pinte und eine Freiheit; und auch
die Flur- und Forstnamen, die haben Saft und Kraft: Pulvergarten, Galgenberg,
Flutrenne, Armeleuteberg, Kalte Tal, Fenstermacherberg, Verbranntes Eichental,
Zwölfmorgental, Auerhahn- und Hasenwinkel und Papenanneken. Da aber mußt
du nicht hingehen, sonst wird dir betrübt um die Rippen. Da sitzen sie, jung und
alt, und haben Körbe voll Kuchen und Kannen und Tassen, und da wird Kaffee
gekocht und gelacht und gesungen, und Pfänderspiele werden gemacht, mit Küssen natürlich. Doch sind hierzu Pfänderspiele nicht immer nötig; es geht
auch so. Da platzt du auch schon auf so ein Pärchen und ziehst dich wehmutsvoll
zurück. Aber du siehst ja noch nicht ganz baufällig aus, alter Freund, und so
wundere dich nicht, wenn dich alle Naselang ein paar hübsche Fräulein nach der
Uhr oder nach dem Wege fragen: das sind Ferienkolonistinnen aus
irgendwelchen Großstädten, denen das einschichtige Leben hier langweilig ist
und die so'n bißchen Sonntagnachmittagsanschluß suchen; denn was der Mensch
gewohnt ist, das entbehrt er ungern.
Wenn du klug bist, so sträube dich nicht; man kann hier nicht gut allein sein.
Die Bäume blühen, die Vögel singen, blauweiß grüßt der Brocken über den
Wald, von unten her lacht das bunte Land herauf, Automobile sausen, braune
Kühe kommen mit Klingklang und frohem Gebrumm heim, jedes Kind hat die
Faust voll Blumen; es ist wahrhaftig ein Tag, um eine kleine Dummheit zu
wagen.
Sei kein Frosch, alter Junge, steige mit den Mädeln zur Harburg hinauf, lasse
dir eine dicke Flasche kalt stellen und ein niedliches Abendessen nebst
Sonnenuntergang servieren, und freue dich, daß du noch drei Wochen weilen
darfst in der bunten Stadt am Harz.