Das Tal der Lieder und andere Schilderungen
Die Hubertusjagd.
Auf die Dächer Hannovers fällt aus blauem Himmel der Sonnenschein, macht
aus den schwarzen Telephondrähten goldene und läßt blankes Silber aus allen
Fenstern strahlen.
Novembersonne machte die Augen froh. Sie ist so selten. Der düsterste Monat
ist es, der trübste, an dem man am allermeisten das Licht nötig hat.
Heute aber ist die Sonne mehr als je am Platze. Wäre heute der Himmel grau,
fiele es naß von oben, pfiffe Nordostwind, dann würden viele Gesichter nicht so
froh sein und viele Augen nicht so blank; denn heute ist der große Tag von
Isernhagen.
Das wäre noch schöner, wenn es heute geregnet hätte! Das denken die
Gastgeber, die Herren von der Reitschule, die eingeladen haben zur Parforcejagd
auf den Schwarzkittel, und ihre Gäste denken ebenso. Ohne Sonne keine richtige
Hubertusjagd.
Aber so ist es recht. Das richtige, leichtsinnige Wetter, wie geschaffen für
einen flotten Ritt durch dick und dünn, über Feld und Falge, über Wiesen und
Weiden. Bei solchem Wetter nehmen sich Gräben und Hecken leichter, da ist
man verwegener und denkt nicht so viel an seine lieben Knochen.
Wohin man sieht in der Stadt, Jagdwagen, die nach der Nordstadt zu fahren,
Reiter und Reiterinnen, die dahin ihre Rosse lenken, alles nach dem Heidrande
zu, an dem das große, viergemeindige Dorf liegt. Alle Straßenbahnwagen sind
überfüllt, und ein Strom von Radlern füllt die Landstraßen, die dahin führen.
Dort aber ist schon lange alles bunt von Menschen. Das historische Gasthaus
von Heimberg in der Hohenhorster Bauernschaft ist das Stelldichein. Ein
Fichtenbruchgewinde schmückt die Einfahrt, darin hängt ein buntes Schild, und
daraus ruft es: »Vivat St. Hubertus!«
Wie das durcheinander wimmelt! Landleute, Stadtvolk, Dorfkinder, hier und
da eine bunte Reiteruniform, dort die grünen Röcke der Schüler der Forstschule,
das Blau und Weiß der Königsulanenkapelle und überall dazwischen wie roter
Mohn in einem Felde, bunt von Blumen, die roten Röcke. Alles, was
Pferdeverstand hat, ist heute hier. Und auch, was keinen hat; alles das, was man auf der Bult sieht an ihren großen Tagen, Tribüne, Sattelplatz und Stehplatz. Nur
das Volk der Buchmacher fehlt.
Denn es ist nichts zu verdienen heut'. Es ist der allerehrlichste Sport heute;
nichts ist zu gewinnen hier als ein Bruch vom Fichtenzweig. Diesen Sport
wenigstens hat das Geld noch nicht verdorben.
Hufegetrappel und Rädergerassel in einem fort, Wagen an Wagen, gefüllt mit
lachenden Leuten. Sie freuen sich alle über das Wetter, das schöne Wetter, das
alles lustig macht, die Dorfhunde, die auf allen Höfen kläffen, die Hähne, die auf
jedem Hofe krähen, die Tauben, die flügelklatschend über die Dächer taumeln,
die Krähen, die sich quarrend in der Luft stechen. Und wieder Wagengedonner
und immer wieder, und immer noch flutet es heran von Hannover, zu Wagen, zu
Rad, zu Roß, zu Fuß, ohne Ende.
Die Musik spielt: »Ich schieß' den Hirsch im wilden Forst.« Die lachenden
Augen werden noch heller. Dann ein donnerndes Hoch aus der Wirtschaft. Das
sind die Gemeindevorsteher und die Jagdvorstände der Dörfer rund um
Isernhagen, denen der Grund und Boden gehört, über die die Reitschule ihre
Jagden reitet. Nach altem Brauch hat der Kommandeur der Reitschule den
Vertretern der Bauernschaften gedankt für ihr Entgegenkommen; in ihrem
Namen dankt Hofbesitzer Gosewisch aus Kaltenweide.
Vom Nachbarhof klingt der Hals der Meute. Neunzehn Koppeln der
Schwarzweißgelben vergehen da fast vor Ungeduld. Nicht lange mehr, dann
haben sie Arbeit.
Die Glocke schlägt eins. Ein Horn ertönt; »Gute Fahrt!« ruft es. Wimmelnde
Bewegung kommt in die Menge. Alles stürzt in die Wagen, und eine lange,
bunte Wagenkette zieht sich vorwärts; daneben schiebt sich der bunte Troß der
Radler und Fußgänger.
Da sind die Wietzewiesen. Fahl liegen sie da, umrahmt von schwarzen
Fuhrenmauern, zerschnitten von weißblitzenden Gräben, gefleckt von dunklen
Weidenbüschen und weißdurchwirkten Birkenhorsten; Krähen spektakeln über
ihnen, und ein Bussard schraubt sich höher, geärgert durch das Leben hier unten.
Jetzt wird die Sache mulmig, jetzt geht das Hüppen los. Hei, Röckchen
zusammen und hoppla he! Das allein lohnt sich schon. Denn so viele nette
Füßchen sieht man da und so viele hübschbestrumpfte Mädchen, und ab und zu
ein weißes Hosenspitzchen.
Und nicht nur solche gefährliche Dinge sieht man, auch lustige. Da sitzt ein dicker Herr bis an die Kniescheiben in der Mudde, dort lotsen der Papa und zwei
Söhne die umfangreiche Mama über einen sehr wackligen Steg, hier kugelt ein
Radler vom Sattel in den Pump, da wird ein Wagen halali. Er verlor ein Rad.
Doch das sieht man nur so beiwege. Weiter, weiter, bis dahin, wo die bunte,
glitzernde, flimmernde, glimmernde, schimmernde Wagenburg sich staut vor
dem dunklen Holz, da stockt der Menschenstrom.
Ein Schrei aus tausend Kehlen hallt über die Wiesen: »Der Kujel!« Alle Hälse
drehen sich, alle Gläser fahren herum. Da trollt der Basse aus dem Busch, wird
flüchtiger, verschwindet, taucht wieder auf, jetzt schon hochflüchtig, taucht
wieder in den Büschen unter.
Drei rote Punkte tauchen auf, tanzen über die gelben, glitzernden Wiesen, als
triebe der Wind Mohnblumenblätter dahin. Ein Ruf, ein tausendstimmiger: »Die
Sau,« und ein tausendstimmiges Lachen; es war ein Krummer, der in rasender
Flucht vor den Lanceuren dahinfährt.
Aber das ist er! Auch nicht! Ein schwarzes Reh. Dann ein graues, vier, fünf,
ein ganzer Sprung. Und jetzt flirren schwarzweiße Punkte vor den drei
rotröckigen Reitern auf, zehn, zwölf, fünfzehn Birkhühner streichen auf die
Wagenburg zu, drehen ab und sausen nach Kaltenweide hin.
Weiße Flecke vor den drei Reitern, kaum sichtbar: die Hunde. Dann ist alles
verschwunden, da, wo der Basse das Holz annahm. Jetzt heißt's warten. Die Luft
über dem Bruch flirrt und flimmert, die Sonne sticht, unter allen Hüten rieselt es
naß herab.
Tausend Gesichter machen eine Wendung nach rechts. Da kommt es den
Damm entlang, eine lange, bunte, flimmernde Masse, Blau, Braun, Rot, Weiß,
Schwarz, Grün, Feuerrot. Aber Feuerrot am meisten: das Feld! Und darauf
wimmelt eine schwarzweißgelbe Masse, wedelnd, hechelnd, zerrend: die Meute.
Immer näher kommt der bunte Troß. Bunte Uniformen, schwarze
Samtkappen, braune Gesichter, glatte Pferdehälse, leuchtende Lackstiefel,
schimmernde Reithosen und große blaue, grüne, rote, schwarze, feuerrote
Flecken. Aber letztere am meisten.
Hunderte von Hufen lassen den anmoorigen Boden dröhnen, hunderte von
Sätteln knirren und knarren, hunderte von Nüstern schnaufen und schnauben.
Wie ein langer, bunter, vielhundertgliedriger Tausendfuß kommt es heran und
donnert vorbei.
Und jetzt löst sich von ihm eine krimmelnde, wimmelnde, weiße Masse ab; die Meute wird zur Fährte gelegt. Wie ein einziges Ding hält sie die Fährte,
taucht hier auf, verschwindet da, kommt wieder zu Blick und ist wieder weg.
Hinter ihr her stiebt das bunte Feld in einem schimmernden Regen, den die Hufe
emporwerfen.
In die Wagenburg kommt Leben. Es geht dem Felde nach. Radler und
Fußgänger hinterdrein über Gräben und Pfützen, mitten durch das halbgefrorene
Bruch, mit hochgenommenen Röckchen, gierigen Augen, roten Gesichtern.
Von Westen kommt die Jagd heran. Voran der Schwarzkittel, von den
Lanceuren gedrückt in das freie Galoppterrain. Noch ist sie hochflüchtig, die
Sau; aber jetzt wird sie kürzer, immer kürzer, und jetzt ist ein Hund an ihr, jetzt
noch einer. Ein gellendes Gejaule; sie wehrt die Hunde ab und wird wieder
flüchtig.
Aber nur für eine kurze Frist. Drei, vier, fünf, sechs Hunde sind ihr am Pürzel,
jetzt einer am Gehör, und fort ist sie, gedeckt von der Meute, verschwunden in
dem schwarzweißgelben Gewimmel.
Und da jagt es heran, ein Haufen bunter Flecken, und mit ihm verschwindet
die Meute wieder, in diesem vielfarbigen Gewirr von bunten Röcken, wehenden
Pferdeschwänzen, nickenden Pferdehälsen, weißen Hosen, blitzenden Stiefeln.
Einer steigt ab, hastig, daß ihm keiner zuvorkommt; er hebt den Bassen aus
mit geübter Faust und hält ihn, bis der Chef kommt und dem Schwarzkittel den
Fang gibt mit sicherer Hand.
Ein Horn erklingt; von jeder rechten Hand schlüpft der weiße Handschuh:
»Ha-la-li« ruft das Horn des Oberpikörs über das Bruch. Dann rollt sich der
bunte Klumpen auf und zieht als bunte Schlange nach Isernhagen. Hinter ihm
her donnern die Wagen, strömen die Zuschauer, und zu allerletzt, hinkend, halb
getragen, die beim faulen Sprung den Boden küßten.
Hinter den Fuhren stirbt die Sonne den Flammentod. Der große Tag von
Isernhagen ist vorbei.