Die Bauern

Georg Trakl · Kapitel 1 von 1

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Die Bauern

Die Bauern

Georg Trakl

 

Inhalt

 

Die Raben

Im Winter

Die Bauern

Im Herbst

Die Ratten

Die junge Magd

 

DIE RABEN

 

Über den schwarzen Winkel hasten

Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.

Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.

O wie sie die braune Stille stören,

In der ein Acker sich verzückt,

Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt, Und manchmal kann man sie keifen hören

Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,

Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug Und schwinden wie ein Leichenzug

In Lüften, die von Wollust zittern.

 

IM WINTER

 

Der Acker leuchtet weiß und kalt.

Der Himmel ist einsam und ungeheuer.

Dohlen kreisen über dem Weiher

Und Jäger steigen nieder vom Wald.

Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt. Ein Feuerschein huscht aus den Hütten.

Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten

Und langsam steigt der graue Mond.

Ein Wild verblutet sanft am Rain

Und Raben plätschern in blutigen Gossen. Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen.

Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.

 

DIE BAUERN

 

Vorm Fenster tönendes Grün und Rot.

Im schwarzverräucherten, niederen Saal

Sitzen die Knechte und Mägde beim Mahl; Und sie schenken den Wein und sie brechen das Brot.

Im tiefen Schweigen der Mittagszeit

Fällt bisweilen ein karges Wort.

Die Äcker flimmern in einem fort

Und der Himmel bleiern und weit.

Fratzenhaft flackert im Herd die Glut

Und ein Schwarm von Fliegen summt.

Die Mägde lauschen blöd und verstummt Und ihre Schläfen hämmert das Blut.

Und manchmal treffen sich Blicke voll Gier, Wenn tierischer Dunst die Stube durchweht. Eintönig spricht ein Knecht das Gebet

Und ein Hahn kräht unter der Tür.

Und wieder ins Feld. Ein Grauen packt

Sie oft im tosenden Ährengebraus

Und klirrend schwingen ein und aus

Die Sensen geisterhaft im Takt.

 

IM HERBST

 

Die Sonnenblumen leuchten am Zaun,

Still sitzen Kranke im Sonnenschein.

Im Acker mühn sich singend die Frau'n,

Die Klosterglocken läuten darein.

Die Vögel sagen dir ferne Mär',

Die Klosterglocken läuten darein.

Vom Hof tönt sanft die Geige her.

Heut keltern sie den braunen Wein.

Da zeigt der Mensch sich froh und lind.

Heut keltern sie den braunen Wein.

Weit offen die Totenkammern sind Und schön bemalt vom Sonnenschein.

 

DIE RATTEN

 

Im Hof scheint weiß der herbstliche Mond. Vom Dachrand fallen phantastische Schatten. Ein Schweigen in leeren Fenstern wohnt; Da tauchen leise herauf die Ratten

Und huschen pfeifend hier und dort

Und ein gräulicher Dunsthauch wittert

Ihnen nach aus dem Abort,

Den geisterhaft der Mondschein durchzittert.

Und sie keifen vor Gier wie toll

Und erfüllen Haus und Scheunen,

Die von Korn und Früchten voll.

Eisige Winde im Dunkel greinen.

 

DIE JUNGE MAGD

 

Ludwig von Ficker zugeeignet

 

1.

Oft am Brunnen, wenn es dämmert,

Sieht man sie verzaubert stehen Wasser schöpfen, wenn es dämmert.

Eimer auf und nieder gehen.

In den Buchen Dohlen flattern

Und sie gleichet einem Schatten.

Ihre gelben Haare flattern

Und im Hofe schrein die Ratten.

Und umschmeichelt von Verfalle

Senkt sie die entzundenen Lider.

Dürres Gras neigt im Verfalle

Sich zu ihren Füßen nieder.

 

2.

Stille schafft sie in der Kammer

Und der Hof liegt längst verödet.

Im Holunder vor der Kammer

Kläglich eine Amsel flötet.

Silbern schaut ihr Bild im Spiegel

Fremd sie an im Zwielichtscheine

Und verdämmert fahl im Spiegel

Und ihr graut vor seiner Reine.

Traumhaft singt ein Knecht im Dunkel

Und sie starrt von Schmerz geschüttelt.

Röte träufelt durch das Dunkel.

Jäh am Tor der Südwind rüttelt.

 

3.

Nächtens übern kahlen Anger

Gaukelt sie in Fieberträumen.

Mürrisch greint der Wind im Anger Und der Mond lauscht aus den Bäumen.

Balde rings die Sterne bleichen

Und ermattet von Beschwerde

Wächsern ihre Wangen bleichen.

Fäulnis wittert aus der Erde.

Traurig rauscht das Rohr im Tümpel

Und sie friert in sich gekauert.

Fern ein Hahn kräht. Übern Tümpel

Hart und grau der Morgen schauert.

 

4.

In der Schmiede dröhnt der Hammer

Und sie huscht am Tor vorüber.

Glührot schwingt der Knecht den Hammer Und sie schaut wie tot hinüber.

Wie im Traum trifft sie ein Lachen;

Und sie taumelt in die Schmiede,

Scheu geduckt vor seinem Lachen,

Wie der Hammer hart und rüde.

Hell versprühn im Raum die Funken

Und mit hilfloser Gebärde

Hascht sie nach den wilden Funken

Und sie stürzt betäubt zur Erde.

 

5.

Schmächtig hingestreckt im Bette

Wacht sie auf voll süßem Bangen

Und sie sieht ihr schmutzig Bette

Ganz von goldnem Licht verhangen,

Die Reseden dort am Fenster

Und den bläulich hellen Himmel.

Manchmal trägt der Wind ans Fenster

Einer Glocke zag Gebimmel.

Schatten gleiten übers Kissen,

Langsam schlägt die Mittagsstunde

Und sie atmet schwer im Kissen

Und ihr Mund gleicht einer Wunde.

 

6.

Abends schweben blutige Linnen,

Wolken über stummen Wäldern,

Die gehüllt in schwarze Linnen.

Spatzen lärmen auf den Feldern.

Und sie liegt ganz weiß im Dunkel.

Unterm Dach verhaucht ein Girren.

Wie ein Aas in Busch und Dunkel

Fliegen ihren Mund umschwirren.

Traumhaft klingt im braunen Weiler

Nach ein Klang von Tanz und Geigen,

Schwebt ihr Antlitz durch den Weiler,

Weht ihr Haar in kahlen Zweigen.

Tag der Veröffentlichung: 27.09.2011

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