Die Liebesschmiede
Kapitel 2
Kim stand in Missoula in der Southgate Mall. Das Ticket war teuer gewesen. Aber es würde sich lohnen. Sie trug ihre Gitarre auf dem Rücken. Sie wurde langsam schwer und sie beschloss, dass sie sich hier neben dem Eingang hinstellen würde. Ihre Mutter hatte nur den Kopf geschüttelt, als Kim ihr von dieser Idee erzählt hatte. "Du arbeitest doch bei Matthew und er bezahlt nicht schlecht." Kim wusste, dass ihre Mutter Recht hatte, aber sie tat das hier nicht nur um des Geldes Willen, sondern auch um sich selbst etwas zu beweisen. Nämlich dass sie gut war und sie mit ihrer Musik Geld machen konnte.
Kim baute langsam alles auf. Sie setzte sich auf eine kleine Mauer. Es würde anstrengend werden so lange zu stehen. Sie fing an ihre Saiten zu stimmen während sie die Leute beobachtete. Es waren viele. Die meisten recht schick angezogen. Für Montana Verhältnisse hätte man schon fast stilisch sagen können. Kim grinste. Sie war froh nicht in einer Großstadt aufgewachsen zu sein. Der ganze Tummelt und Trubel schon um diese Uhrzeit (es war gerade mal erst 10 Uhr), machte sie sogar mit ihren 18 Jahren nervös. Wie wäre es erst gewesen wenn sie in solchen Verhältnissen als Kind herangewachsen wäre? Nein, es war gut so wie es gewesen war. Auch wenn sie keine Bilderbuchkindheit gehabt hatte.
Kim fing an leise an ihren Saiten zu zupfen. Die ruhige Melodie schien für einen kurzen Moment das ganze Einkaufszentrum zu erfüllen und die gestressten Menschen zu bezaubern. Doch dann gingen sie wieder weiter. Das Gesicht starr auf den Boden gerichtet, so als wollten sie sich selbst einreden, dass Ruhe und Harmonie nicht in diesem hektischen Treiben des Einkaufszentrum zu finden sei. Kim war zunehements enttäuscht.
Jedoch wollte sie noch nicht so schnell aufgeben. Sie war schon immer eine Kämpfernatur gewesen. Sie würde die Menschen hier vom Hocker hauen und ihnen eine Oase der Ruhe schaffen. Das war ihr Ziel. Ihre Mission für diesen Tag, hier in Missoula. Wenn sie besser gelaunt gewesen wäre hätte sie vielleicht über diesen Wortwitz schmunzeln müssen, aber hier in dieser Unruhe wollte sie sich nicht so recht freuen.
Aber sie hatte sich vorgenommen heute anderen eine Freude zu machen und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Geld fürs College zu verdienen.
Also stimmte sie eins ihrer erstem Lieder an, welches sie selbst geschrieben hatte. Ihre melodische Stimme hatte anfangs die gleich Wirkung auf die Menschen wie auch schon zuvor ihre Gitarrenklänge. Das Kaufhaus war für einige Sekunden wie verzaubert. Dann löste sich auch dieser Zauber wieder. Die Menschen gingen weiter. Diesmal schauten einige vom Boden auf und nickten ihr anerkennend zu. Ein Mann bleib einpaar Minuten stehen und legte dann einen fünf Dollar Schein in ihren Gitarrenkoffer.
Es war der erste Geldschein den Kim mit Musik verdient hatte und sie freute sich wie ein kleines Kind.
Nach und nach blieben Leute bei ihr stehen. Es war nicht der reine Enthusiasmus, aber es geschah hin und wieder, dass jemanden ein Lächeln über das Gesicht huschte. Und das begeisterte Kim. Sie konnte anderen Menschen ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Es war ein großartiges Gefühl.
Und wenn die Leute lächelten, dann gaben sie meist auch ein paar Dollar. Und wenn andere Leute sahen, dass jemand der Straßenmusikerin Geld gab, dann dachten sie sich:Oh die geben ihr Geld, dann muss sie wahrscheinlich gut sein. Sie blieben stehen und wenn Kim es schaffte auch ihnen ein Lächeln zu entlocken, dann war sie auch meist um ein paar Dollar reicher. Kim hatte das schnell durchschaut und es fiel ihr nicht besonders schwer sympatisch und ein wenig anders zu sein, sodass die Leute freigiebig wurden. Es wurde Mittag und Kim erlaubte sich eine Pause. Sie verdrückte eine Hamburger, den sie sich von ihrem selbst erspielten Geld kaufte. Es war ein so große Befriedigung, dass sie nicht mehr aufhören konnte zu grinsen. Sie hatte schon ziemlich viel Geld verdient. Sie hatte das Geld für die Zugtickets schon nach einer Stunde zusammen gehabt, und alles was sie danach verdient hatte würde sie aufs Sparbuch legen und für das Studium aufbewahren. Außer dem Geld für den Hamburger, der sich gerade in ihrem Magen versetzte.
Nach ihrer Mittagspause setzte sie ihr Konzert
fort. Ein älterer Herr applaudierte sogar und sagte: "Das ist Musik, nicht dieses laute Computergeplämper." Als ihn einige entrüstet ansahen sagte er nur schnippisch:"Was?", legte Kim einen 20 Dollar Schein in den Gitarrenkoffer und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht stimmte sie das nächste Lied an. Eigentlich war ihr bei diesem Lied nie nach grinsen zumute, aber heute war ihr Tag und deshalb erlaubte sie sich die Lebensfreude.
"The frozen lake" erzählte die Geschichte von ihr und einen Jungen mit dem sie auf die Highschool gegangen war. Will! Es war nie zu einer Liebesgeschichte geworden. Immer hatte etwas nicht gepasst. Immer hatten sie oder Will Ausreden gehabt. Nie hatten sie sich eingestehen können was sie für einander empfunden haben. Und jetzt war der Kontakt völlig verloren gegangen. Er studierte in New York und sie kam aus ihrer Heimatstadt nicht heraus. Der Kontakt war eingefroren.
Mit Bildern der Natur male sie ihre Gefühle in diesem Lied. Ihr Angst und Wut und vor allem die Traurigkeit die aus ihrer Ungewissheit resultierte. Die Ungewissheit was gewesen wäre, wenn sie und Will wirklich versucht hätten ein Paar zu sein. Eine Junge Frau wippte mitfühlend mit und man konnte in ihren traurigen Augen sehen, dass sie ähnliches erlebt hatte. Es tat Mallory unglaublich gut zu wissen, dass sie in die Herzen der Leute reden konnte und sogar aus ihren eigenen Herzen sprechen konnte. Völlig in Trance versank Mallory in ihrer Musik. "Aber Schätzchen, der Beigeton passt doch überhaupt nicht zu dem von deiner Chinohose."
Eine altbekannte Stimme ließ Kim aufschrecken. Sie griff einen falschen Akkord und verpasste ihren Einsatz. Was machte SIE hier? Wenn Kimm hier keine öffentliche Demütigung erleben wollte, müsste sie jetzt ganz schnell ihre Sachen packen und schleunigst verschwinden.
Hastig beendete sie das Lied und wandte, der großen und für ihr Alter, viel zu dür geratenen Blondine den Rücken zu. Sie durfte sie nicht erkennen. Nicht heute und nicht hier. Sie hatte Kim schon viel zu oft verletzt.
Mit der Gitarre auf den Rücken flüchtet sie den Ausgang entgegen. Jeder Meter den sie Der Tür näher kam, war wie das Ausatmen aus den Tiefsten aus ihrer Seele. Sie wollte dieser Frau nie wieder in die Augen schauen. Sie würde Kim nie wieder demütigen. "Kim!" Die viel zu hohe und übertrieben gespielt freudige Frauenstimme bewirkten in Kims Nacken das aufstehen jedes einzelnen Haares.
Geh, weiter!, sagte Kim sie. Aber das Klackern der vermutlich überteuerten Designerschuhe sagten ihr, dass sie keine Chance hatte diesem Biest zu entkommen. Warum? Warum gerade heute? Kim drehte sich langsam um. Ein Stoßgebet ging zum Himmel auf. "Mrs. Walter!" Auch sie setzte eine übertrieben freundliche Stimme auf und lächelte.
"Was machen Sie denn hier?"
"Shoppen, was den sonst. Obwohl ich sagen muss, dass die Boutiquen hier zu wünschen übrig lasse!" Sie verdrehte ihre großen, extravagant geschminkten, blauen Augen. "Aber für deine Preisklasse ist hier sicherlich einiges dabei!" Am Liebsten hätte Kim dieser überheblichen Frau ordentlich in ihr perfekt operiert Gesicht geboxt, aber sie war nicht so erzogen worden. Stattdessen nickte sie höfflich und sagte: "Ich muss jetzt los. Mein Zug fährt gleich."
"Ach, Schätzchen ich kann dich doch mitnehmen. Dann kannst du dir das Geld für das Ticket sparen. Ich bin zwar noch nie mit dem Zug gefahren, aber ich hab gehört, dass die Tickets sehr teuer sein sollen."
Ich bin kein Almosenprojekt, dachte Kim wütend. "Nein, danke ich mag Zug fahren", sagte Kim bestimmt. "Kimberly, Süße, du kannst wirklich bei mit mitfahren. Ich weiß doch wie sehr du und deine Mutter jeden Pfennig braucht."
"Ich heiße Kim!" Jetzt trieb sie es wirklich auf die Spitze. Womit nahm sie sich das Recht Kim einen anderen Namen zu geben. "Wirklich? Oh, ich dachte du hättest Kim nur als Spitznamen." Dabei sprach sie Kim mit so einer Verachtung aus, dass man denken könnte dass sie über einen liberalen Demokraten sprechen würde. Eine andere Blondine erreichte die beiden Frauen. "Und hast du die Schuhe doch abgegeben?", fragte Olivia. "Ja, auf deinen Geschmack kann man sich schließlich immer verlassen."
Kim sah, dass dies eine Chance sein konnte um dem blonden Monster zu entkommen. Sie ergriff die Möglichkeit und versuchte unbemerkt davon zu schleichen.
"Kimy! Warte!" Oliva´s aufgesetzt freundliche Stimme zwang Kim wieder zum Stehenbleiben.
"Ich heiße Kim!" Jetzt hatte Kim wirklich alle Geduld verloren. Was bildete sich diese Frau ein? Sie war nicht ihre Mutter und war somit auch nicht dazu berechtigt ihr einen Namen zu geben! "Abigail, das ist Kim. Kim das ist Abigail!" Mit übertrieben Gesten stellte Oliva die beiden Frauen einander vor, die ungefähr im gleichen Alter waren.
"Kim ist eine alte Schulfreundin oder so von Will", sagte die ältere Blondine an die Jüngere gewandt.
Oder so? Kim musst sich zusammen reißen um nicht laut auf dieses Biest ein zuschreien. Sie waren mehr als nur Schulfreunde gewesen, aber sie war einer der Gründe warum es nie zu mehr kommen konnte.
"Und Kim