Die Liebesschmiede
Kapitel 3
Die Straßen waren grau. Alles schien hier in der Stadt grau zu sein. Viel zu groß und viel zu stinkig. Die Straßen grau, die Häuser grau, selbst die Menschen waren grau. Nicht weiß, nicht schwarz, nicht bunt. Alles relativ, alles grau. Kaum Natur. Alles kalt. Er vermisste die Heimat. Die Felder, die selbst im Herbst nach frischer Ernte rochen und den Fluss der immer unbeirrt seines Weges floss. Er würde jetzt viel dafür geben, einfach nur auf der Bank am Fluss zu sitzen, wo die Strömung sich stürmisch durch die Felsen schlug. Wo die Weiden vonn Bill lagen und die Pferde majestätisch über das satte Grün galoppierten. Stattdessen saß er in einem dieser grauen Cafés, mit anderen schnöseligen Studenten zusammen die mit unnützen Wissen um sich schlugen und dadurch versuchten ihren eigenen Selbstwert zu pushen.
"Hey, kommst du heute Abend auch mit? Es soll wohl ein neuer Club aufgemacht haben. Richtig mega und so..."
"Hmm." Sich das Hirn wegsaufen und Mädels abschleppen, das war nichts für ihn. Er würde mitkommen und nach einer Stunde verschwinden. Sie würden es eh nicht merken. Sie hätten sich dann schon ihre Weiber gekrallt und sich an der überteuerten Bar volllaufen lassen. Diese Oberflächlichkeit ekelten ihn an. Wo in diesem verdammten Land und in dieser verdammten Stadt gab es noch Leute, die nicht nur im Hier und Jetzt lebten. Die das Leben als ganzes, als kostbar und sinnvoll erachteten? Er wusste es nicht. Wollte er es überhaupt wissen. War er im Grunde nicht genau so wie die Anderen? Er musste zurück an die Heimat denken. An alles denken was geschehen war, bevor er nach New York gekommen war. Er war genau so wie sie. Vielleicht hatte er sich geändert, aber warum saß er dann hier in dieser grauen Stadt, in diesem grauen Café mit diesen grauen Menschen? Vielleicht war er selber so grau wie sie. Aber im Stillen hoffte er, dass er Farbe bekommen hatte und irgendwann seinen ganzen Mut zusammen reißen würde und Farbe bekennen würde.
Bruce stupste Will an. " Hey Träumer, komm mal wieder in die Realität", flüsterte Will´s Freund, sodass die Anderen es nicht hören konnten.
"Sorry Mann, hab grad viel um die Ohren."
"Du hast immer viel um die Ohren. Wir sind hier mit so geilen Leuten unterwegs und das einzige woran du denkst sind deine scheiß Probleme von zu Hause?! Man ey, du bist in New York mein Freund. New York!!! Hallo klingelt es da bei dir oben? Du bist in der geilste Stadt Amerikas!"
"Ja Mann ich hab´s verstanden."
Will setzte sich ein breites Grinsen auf und beschloss Bruce zur Liebe gut drauf zu sein, oder mindestens so zu tun als wäre er es. Er lachte über die schlechten Witze mit und erzählte selber welche, während langsam und leise seine Gedanken in den Hintergrund rückten.
Der Abend wurde länger als geplant. Und als Will im Bett lag fühlte er sich dreckig, unerfüllt, leer. Immer wieder war es das gleiche. Er nahm sich vor sinnvoller zu leben und doch tat er es nicht. Er hatte nichts schlimmes getan. Nur getanzt und ein bisschen getrunken. Er hatte kein One Night Stand so wie einige seiner anderen Kumpels. Er war noch nicht ein mal richtig angetrunken. Und doch hatte er das Gefühl als hätte er irgendetwas falsch gemacht. Er hasste diese Momente in denen er sich selber anklagte. In denen sein Gewissen so stark war, dass er sich wünschte einfach keins mehr zu haben. Was war nur mit ihm passiert? Was war mit dem lebensfrohen, lustigen und beliebten Will passiert? Durfte er nicht mal mehr Spaß haben. Nicht mal mehr das Leben genießen? Wann hatte er angefangen diese hohen Ansprüche an sich zu stellen? Er wusste es nicht und wollte es auch gar nicht wissen. Seufzend ließ er sich in sein Kissen fallen und wartete auf den Schlaf, aber er wollte einfach nicht kommen. Bis ein grauer Nebel sich um ihn legte und er sich unruhig in den Schlaf wälzte. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf. Aber keine einzige Antwort.