Die Moulokin-Mission

Alan Dean Foster · Kapitel 4 von 5 · Teil 2/3

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Die Moulokin-Mission

Der Wind heulte kläglich über das Deck…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»Zumindest haben sie nicht von uns verlangt, daß wir umkehren und dorthin zurückfahren, woher wir gekommen sind.«

September blickte erwartungsvoll auf die Mauer, die ihnen den Weg versperrte. Wanten und Stage sangen rings um ihn in der Brise. »Wir sollten hin-einfahren, aber auf der Hut sein.«

»Das wäre also entschieden.« Hunnar rief sein Kommando zu dem Maat, der mittschiffs stand, und der es sofort an das Steuerdeck weitergab. So-fort hallte die Antwort zurück: Ta-hoding glaubt, er würde mit der schmalen Durchfahrt zu Rande kommen.

»Wir kommen«, rief Hunnar zu den Tran auf der Mauer und in den zwei Türmen zurück, »und wir danken für den freundlichen Willkomm.« Letzteres sollte ebenso eine Hoffnung wie seine Sicherheit ausdrücken.

Wie das Schnarchen eines unruhigen Giganten glitten die dicken hölzernen Torflügel auf steiner-nen Bahnen zurück. Ta-hoding rief seine Befehle. Die Slanderscree setzte sich wieder in Bewegung, fuhr unter fast gerefften Segeln auf das Tor zu.

Ethan war zu aufgeregt, um entscheiden zu kö n-nen, ob die ängstlichen Mienen der Wachen auf den Mauern ihrer Neugierde, ihrer Angst oder ihrer nervlichen Anspannung zuzuschreiben waren. Die steinerne Mauer bot eine Überraschung. Sie war viel dicker, als er erwartet hatte, zwischen zehn und zwanzig Meter. Kasematten und Kasernen waren in das mächtige Bauwerk eingelassen.

Ta-hoding manövrierte mit dem ganzen Geschick, das ihm zur Verfügung stand, um das Schiff nach Steuerbord zu drehen, sobald sein Heck die Mauer hinter sich gelassen hatte. Als der Eisklipper sich langsam um die scharfe rechte Biegung herum zu bewegen begann, drang vom vorderen Ausguck ein besorgter Ruf zu ihnen. Auch am Bug waren Rufe zu hören.

Ethan, der beabsichtigt hatte, sich mit Ta-hoding über die navigatorischen Schwierigkeiten zu unter-halten, hörte die Rufe, blieb stehen, und kehrte um. Bis er zum Bug gelangte, war die Slanderscree zum Stillstand gekommen. Ein Blick zeigte ihm den Anlaß der Bestürztheit der Mannschaft.

Jenseits der Biegung des Canyons vor ihnen lag eine zweite Mauer. Sie wirkte ebenso undurch-dringlich und wohlbemannt wie die hinter ihnen. Auch sie war mit einem Doppeltor versehen, und das Tor war geschlossen.

Ein ächzendes Geräusch richtete seine Aufmerk-samkeit wieder heckwärts. In fieberhafter Eile hat-ten die Wachen der ersten Mauer inzwischen das Portal geschlossen, das sie gerade passiert hatten. Sie hatten dazu die steinernen Bahnen gefettet, um die schwerfälligen Tore am Knirschen zu hindern, was die Mannschaft des Eisklippers gewarnt hätte. Jetzt zogen sie dicke, grünrote Kabel über das Tor und befestigten sie an den Türmen. Speere, Lanzen und Bogen bildeten einen drohenden Saum auf der Mauerkrone. Gelbe Augen leuchteten erwartungs-voll hinter ihnen und schimmerten hell in dem schwachen nachmittäglichen Canyonlicht.

»Soviel zur Gastfreundschaft.« September mus-terte den wütenden Sir Hunnar. Der Ritter zeigte seine zusammengebissenen Zähne, musterte die waffenstarrenden Mauern und schätzte instinktiv die Kampfstärke des Gegners ab. »So sehr es mich schmerzt, es zuzugeben, Freund Hunnar, langsam fange ich an, mich deiner Denkweise anzuschlie-ßen. Zuerst Poyolavomaar und jetzt hier. Es scheint, als hätten deine Landsleute wirklich wenig Sinn für Zusammenarbeit.«

»Floß kommt!« rief der Ausguck vom Besanmast, und sie rannten zum Heck. Man drängte sich an der breitesten Stelle des Eisseglers über der Heckkufe an Steuerbord.

Ein winziges Eisfahrzeug zog von hinten auf die Slanderscree zu. Es kam aus einem Dock an der Innenseite der ersten Mauer und sah aus wie ein braunes Blatt, das unsicher über die harte, weiße Fläche auf sie zuwehte. Es war von drei Tran be-setzt: Einer steuerte, einer bediente das einzige Segel des Fahrzeugs, während der letzte am Bug stand und neugierig zu dem Eisrigger herüberblick-te, der über ihm aufragte.

Einer der Matrosen, die an der Reling standen, knurrte: »Sie tragen keine Waffen.«

»Und haben keine Fahne gesetzt«, sagte Hunnar und fügte dann bewundernd hinzu: »Sie haben ge-sagt, sie würden uns durch dieses Tor lassen, und dann würden wir reden. Und reden werden wir, wenn dies auch nicht die Umgebung für eine Ver-handlung ist, wie ich sie mir ausgesucht hätte.« Dann sagte er zu einem seiner Maate gewandt: »Vasen, welche Chance haben wir, die Segel zu wenden und durch dieses Tor zu brechen?«

Der Maat antwortete, als hätte er sich die Frage bereits sorgfältig überlegt. »Bei der Dicke dieser Mauer, Sir Hunnar, würde ich es nicht versuchen wollen. Wir könnten vielleicht die hölzernen Tore durchbrechen, obwohl wir nur wenig Platz haben, um auf Geschwindigkeit zu kommen. Aber die Pika-Pina-Kabel scheinen gut an den Steintürmen befestigt zu sein. Die würden nicht zerreißen, und ich möchte das Risiko nicht eingehen, daß wir ihre Verankerungen aus der Mauer reißen.« Er überleg-te eine Weile und fuhr dann fort:

»Mit Hilfe unserer Armbrüste und der Lichtwaf-fen unserer menschlichen Freunde könnten wir vielleicht die Wachen auf der Mauer überwältigen. Aber dann müßten wir immer noch aufschließen und die Kabel entfernen, die uns den Weg versper-ren.« Er deutete zum Bug und der zweiten Mauer, die canyonaufwärts lag. »Und wie viele Soldaten vielleicht außer Sichtweite hinter jener Mauer war-ten, kann ich nicht abschätzen. Sie könnten uns von hinten angreifen und uns mit schierer Übermacht überwältigen.« Er machte eine enttäuschte Hand-bewegung. »Es wäre klug, zuerst zu verhandeln. Dann können wir dem Abgesandten immer noch die Kehle durchschneiden, ehe wir die Flucht ver-suchen.«

Hunnar antwortete mit einem Knurren. Er haßte es zu warten. Geduld war kein Wesenszug der Tran. Die Menschen hatten ihn deshalb schon oft gescholten. Nun, er konnte ebenso geduldig sein wie jeder haarlose Mensch und würde sich freund-lich und höflich mit diesem Gesandten unterhalten.

Wie Vasen schon gesagt hatte, den Hals konnten sie ihm immer noch durchschneiden.

Schließlich dachte jemand daran, eine Enterleiter auszuwerfen. Sie klapperte an der Schiffswand des Eisklippers hinunter. Das winzige Floß ging längs-seits. Die Leiterkabel mit beiden Händen umfas-send, kletterte der Tran, der am Bug gestanden hatte, auf sie zu und bewegte sich sehr geschickt für einen Zweibeiner, der drei scharfe Chiv anstelle eines flachen Fußes hatte.

Dann stand der Tran an Deck, einem halben Hun-dert feindlicher Blicke gegenüber, und doch mit einem Selbstbewußtsein und einer Würde, die E-than nur bewundern konnte.

Er war so schlank, daß er schon beinahe ausge-mergelt wirkte, und nicht breiter als Ethan selbst, schien dabei aber durchaus gesund. Nachdem er sich mit einem halben Lächeln in der Runde umge-sehen hatte, blieb sein Blick an den drei Menschen hängen. Seine doppelten Augenlider blinzelten, um die Augen vor den vom Wind getragenen Eisparti-keln zu schützen.

»Ist es wahr? Ihr kommt wahrhaft von einer ande-ren Welt als dieser?«

»So ist es«, erwiderte Ethan. »Aber wir ziehen es vor, wenn man uns nicht als Fremde betrachtet. Es ist uns viel lieber, wenn man Freunde in uns sieht, wenn es auch so scheint, als würdet Ihr anders empfinden.«

»Im Gegenteil, Ausländer. Wir wünschen dassel-be. Ich heiße Polos Mirmib, Königlicher Ratgeber und Hüter des Tores.«

»Welchen Tores?« Hunnars Ton ließ das, was er sagte, als viel mehr als eine bloße Frage erscheinen. »Das Tor, durch das man uns sichere Passage gebo-ten hat, oder jenes, das man benutzt hat, um uns einzusperren?«

»Das Tor von Moulokin natürlich«, erwiderte Mirmib, den Hunnars Feindseligkeit nicht zu be-eindrucken schien und der seinen Andeutungen diplomatisch auswich. »Das ist ein Tor, das nicht aus Stein oder Holz gemacht ist, sondern in erster Linie ein Tor des Geistes.«

Aus Hunnars Nähe hallte es aggressiv aus dem Munde von Suaxus-dal-Jagger: »Ich hörte, daß die Moulokinesen als Schiffsbauer berühmt sind, nicht als Philosophen.«

Mirmib lächelte. »Solche Formulierungen sind eine persönliche Eigenheit von mir. Schreibt me i-nem Volk als Ganzem solches Wortspiel nicht zu. Es sind zum größten Teil ehrliche, schwerfällige, nicht besonders fantasiebegabte Leute, die sich vom Leben nichts mehr wünschen als ordentliche Arbeit am Tage, eine herzhafte Mahlzeit und ein warmes Feuer am Abend, und die Liebe ihrer Ge-fährtinnen zwischen den Tagen.«

Und dann wurde die Stimme etwas schärfer: »Für Außenseiter, seien es nun Tran oder andere, mögen diese Dinge simpel und bäuerlich erscheinen. Doch uns bereitet es Freude, unkompliziert zu sein.« Jetzt verschwand die Schärfe wieder. »Und es bereitet uns auch Freude, Gäste zu haben, Besucher, die uns von den fremden Orten berichten, zu denen wir aus Moulokin nur selten ziehen.«

»Weil Ihr Angst habt?« forderte ihn eine Stimme aus der Takelage heraus. Ein Maat brachte den Matrosen mit einem Wink zum Schweigen.

Mirmib hatte nicht nur die Diktion sondern auch die Selbstkontrolle des Diplomaten. Er wurde nicht ärgerlich, obwohl er dazu alles Recht gehabt hätte. »Wir reisen nicht, weil wir in den Berichten der Reisenden alles hören, was wir von fernen Gege n-den zu wissen wünschen. Da nichts von dem, was man uns berichtet, dem schönen Moulokin überle-gen scheint, sehen wir keinen Grund, es zu verlas-sen. Besser hier zu bleiben, und es anderen zu über-lassen, die schwere Last des Reisens auf sich zu nehmen.«

Sein Blick wanderte zu Ethan. »Als Reisende von einem Ort, der uns so fern ist, daß ich es gar nicht begreifen kann, müßt Ihr uns noch viel erregendere Dinge zu berichten haben.« Ethan setzte zur Ant-wort an, aber Mirmib hob die Hand und hinderte ihn daran.

»Aber ehe dies geschehen kann, ehe wir euch frei als Gäste und Freunde begrüßen können, müssen wir sicherstellen, daß jene einfache Lebensweise, die ich euch geschildert habe, vor gewalttätiger Störung gesichert ist. Damit das zweite Tor geöff-net werden kann, um euch zu unserem Zuhause, meinem Zuhause, zuzulassen, möchte ich euch bitten, daß ihr eure Waffen hier vor mich legt, da-mit wir sie einsammeln und für euch sicher aufbe-wahren können, bis ihr wieder abreist.«

Er fügte noch einige Worte hinzu, aber die wilden Schreie der Matrosen übertönten sie.

12

Schließlich trat Balavere Longax vor. Sein An-blick beruhigte die Mannschaft. »Wo ich erzogen wurde und ein langes Leben lebte, wird kein Tran auch nur das Haus eines Nachbarn betreten, ohne zumindest ein Messer zu behalten.«

»Dann müßt ihr aber euren Nachbarn mißtrauisch gegenüberstehen.« Mirmib schien ganz ruhig, zog aber seine Forderung nicht zurück.

»Angenommen«, meinte Hunnar pragmatisch, »wir weigern uns?«

Mirmib zeigte das Äquivalent eines Achselzu-ckens. »Was dann geschehen könnte, würde ich tief bedauern. Ihr seid hier zwischen Mauern gefangen, die selbst dieses wunderbare Schiff nicht brechen kann. Binnen Sekunden kann ich, oder andere, wenn ich nicht mehr dazu imstande wäre, eine gro-ße Zahl wartender Soldaten gegen euch aufrufen. Vielleicht seid ihr dann immer noch imstande zu entfliehen, obwohl ich es nicht glaube. Jedenfalls würden viele sterben, von meinem Volk und dem euren. Ich würde es vorziehen, nicht von so una n-genehmen Dingen zu sprechen. Als Hüter des To-res verpfände ich meine Wärme zum Versprechen: Keinem von euch wird ein Leid geschehen und ihr sollt willkommen sein wie bewährte Freunde.«

Jetzt klang seine Stimme fast bittend. »Offe n-sichtlich erscheint euch diese Sitte fremd, doch wir bestehen bei Fremden stets darauf. Bei künftigen Besuchen in Moulokin wird solches nicht gefor-dert. Doch ihr seid ein unbekannter, und diesem Schiffe nach zu schließen, mächtiger Faktor. Mein Volk ist insular und argwöhnisch. Diese Forderung hat uns in der Vergangenheit schon oft geschützt, wenn lügnerische, eifersüchtige Besucher uns be-rauben wollten. Bitte, ich flehe euch an, seid zu dieser Geste des guten Willens bereit! Wir wün-schen eure Freundschaft, nicht euer Blut.«

Hunnar schien antworten zu wollen, aber Ethan legte hastig die Hand auf den Arm des Ritters und spürte die angespannten Muskelstränge unter dem Pelz. »Jetzt ist die Zeit, etwas zu riskieren, Freund Hunnar. Wenn sie wirklich den Kampf wollten, was sollten sie dann einen einzelnen, unbewaffne-ten Vertreter schicken, um uns von ihren Absichten zu verständigen? Das wäre unklug gehandelt. Sie hätten uns sofort nach dem Passieren des ersten Tores angreifen können.«

»Warum angreifen, wenn sie die Slanderscree ja auch ohne Kampf gewinnen können?« protestierte der Ritter. »Es ist etwas Unerhörtes. Eine fremde Stadt zu betreten ist schon schwierig genug. Aber das ohne Waffen tun, heißt unser aller Tod als Dank für solche Dummheit herausfordern.« Er knurrte den Menschen an. »Nein, das kommt nicht in Frage!«

Ethans Stimme klang besorgt: »Hunnar, diese ganze lange Reise, die wir gemeinsam unterno m-men haben, von Sofold nach Arsudun nach hier – auch sie war unerhört. Und doch haben wir sie vollbracht. Diese Idee einer Konföderation der Stadtstaaten von Tran war auch unerhört, und jetzt sind wir hier und versuchen eben das in die Tat umzusetzen. Jeden Tag tust du, tut Balavere und der Rest der Mannschaft Dinge, die sich niemand aus eurem Volk je vorstellen könnte.

Jetzt ist die Zeit für Kühnheit, die Zeit, ein Risiko einzugehen, nicht die Zeit, in primitiven Aberglau-ben zurückzufallen und in Sitten, die dem Tode geweiht sind.« Er hielt inne und merkte, daß Bala-vere, Elfa und die übrigen ihn anstarrten, und eini-ge davon ohne jede Zuneigung. Doch er wandte den Blick nicht von Hunnar.

In dem lastenden Schweigen war Mirmibs Stim-me zu hören: »Ich verstehe nicht alles, worauf ihr euch bezieht, Außenweltler, aber ich kann euch in dem, was ihr sagt, nur recht geben. Ich bin über-zeugt, daß wir Freunde sein werden.«

»Fest gesprochen, aber nicht gut.« Hunnar schüt-telte Ethans Hand ab und drehte sich zu Mirmib herum. »Auch wenn dies nur ein Vorwand für Ve r-rat ist, so wisset, daß meine Gefährten und ich durch die Hölle selbst gegangen und zurückgekehrt sind, nachdem wir das Innere der Welt angespuckt haben. Selbst unbewaffnet würden wir nicht wie K’niths zum Schlachten gehen.«

»Ihr sprecht zuviel vom Schlachten.« Mirmib blickte traurig. »Da wir viel zu beschützen haben, ist uns von Moulokin das Töten nicht fremd. Aber wir lieben es weniger, als Außenseiter das anschei-nend tun.«

»Wo wollt Ihr sie haben?«

Mirmib blickte zu Elfa hinüber. Sie hatte ihr Schwert gezogen, war bereit, es auszuliefern. Die Stimme des Diplomaten wurde ehrerbietig.

»Hier genügt es, edle Lady.« Er verbeugte sich und deutete vor sich auf das Deck. Matrosen und Ritter zogen vorüber, legten Bogen, Armbrüste, Schwerter, Äxte und Waffen jeder Art ab. Ta-hoding lud Mirmib ein, die Kabinen und die Lager-räume unter Deck auf zusätzliche Waffen zu unter-suchen. Der Moulokinese lehnte höflich ab und vertraute auf Hunnars Wort, daß das ganze Arsenal der Mannschaft jetzt zu seinen Füßen lag.

Ethan überlegte, daß die Moulokinesen, wenn Mirmib auch darauf bestand, daß sie ein simples Arbeitervolk wären, kultiviert genug waren, um eine unbeugsame und wirksame Prozedur dafür entwickelt zu haben, wie mit potentiell gefährli-chen Fremden umzugehen war. Er hatte Zweifel an der Behauptung des Diplomaten, daß seinen Mit-bürgern auch das Töten nicht fremd war. Wahr-scheinlich hatte Mirmib in der Vergangenheit diese Ablieferung der Waffen schon oft überwacht.

Während Stahl- und Beinwaffen auf den immer größer werdenden Haufen polterten, schob Hunnar sich neben Ethan und flüsterte ihm zu: »Die Kon-föderation, die du vorschlägst, und dein eigenes Leben können leicht mit dem Dampfen deines Blu-tes auf den Straßen dieser Stadt enden, Sir Ethan.«

»Selbst in meinem Beruf kommt man manchmal an einen Punkt, wo man dem anderen vertrauen muß, Hunnar.«

»Du sagst viel von Vertrauen, Sir Ethan«, meinte Hunnar, »und doch stelle ich fest, daß weder du noch deine Begleiter vorgetreten sind, um eure Lichtwaffen auf den Haufen vor uns zu legen.«

»Solange dieser Bursche sie nicht als Waffen er-kennt, besteht keine Notwendigkeit zur Übertrei-bung.« Ethans Erklärung klang ihm selbst nicht ganz plausibel, und so fügte er hinzu: »In meinem Beruf hat es sich auch häufig als nützlich erwiesen, noch eine Karte im Ärmel zu behalten.«

»Ich wollte, wir hätten noch hundert solcher Kar-ten«, pflichtete Hunnar ihm bei und benutzte dabei eine Analogie, die er überhaupt nicht begriff. »Es ist interessant festzustellen, daß du die Wahrheit nicht als etwas Absolutes betrachtest, sondern als einen Begriff, dessen Definition sich je nach Lage ändert.«

»Ich wollte nicht…«, begann Ethan zu argume n-tieren, aber Hunnar, der sich große Mühe gab, sein Vergnügen über diese Offenbarung menschlicher Moral zu verbergen, ließ ihn stehen, ehe der Ha n-delsvertreter fortfahren konnte.

Polos Mirmib studierte die imposante Waffe n-sammlung, als das letzte Schwert auf den Haufen gelegt wurde. Schneiden und Spitzen funkelten im schwachen Licht des Canyons.

»Für Leute, die nur Freundschaft bringen wollen, reist ihr wohlbewaffnet.«

Elfa antwortete schlagfertig: »Wir haben auch viel, für das es sich zu töten lohnt.«

»Wohlgesprochen, Mylady.« Mirmib verneigte sich bewundernd.

»Was nun?« Septembers Ungeduld ließ ihn ner-vös erscheinen, was er nicht war. »Schieben wir das Ganze einfach über die Reling? Oder kommt jetzt jemand, um das Ganze abzuholen?«

»Keines von beiden.« Mirmib zeigte dem Hünen sein breitestes Lächeln, zu dem er fähig war, ohne die Zähne zu zeigen. »Eure Bereitschaft, einem Brauch zu gehorchen, der euch eine schwere Zu-mutung ist, ist genügender Beweis eurer guten Ab-sichten.« Er deutete desinteressiert auf das Arsenal. »Ihr könnt euch jetzt eure Waffen zurückholen. Euer Verhalten hat uns gezeigt, was wir wissen wollten.« Während die Mannschaft den Diplomaten verblüfft anstarrte, drehte er sich um und ging zur Reling. Eine leichte Bö der unablässigen arktischen Winde von Tran-ky-ky ließ ihn stolpern, und Ethan wunderte sich erneut über die Gebrechlichkeit des Mannes. Aber wie viele Geschöpfe eines großen Charakters trug Mirmib sein Eisen und seinen Stahl innerlich.

Er rief den beiden Tran, die in dem winzigen Floß unten warteten, etwas zu. Ethan konnte nur ein paar Satzfetzen auffangen. Der Akzent, der hier benutzt wurde, war ihm fremd.

Einer der Tran blies ein paar unreine Töne auf ei-nem Horn. Ein Horn an der ersten Mauer antworte-te dem kläglichen Jammern mit einem jubilieren-den Stoß. Ein weiteres Hörn ertönte an der zweiten Mauer, und dann schlossen sich noch ein paar an, bis die ganze Schlucht wie ein Konzert von Thranx bei der Paarungsfeier klang.

Als der letzte Ton sich in den Mauern verkrochen hatte, konnte Ethan die Jubelrufe der moulokinesi-schen Soldaten an den Mauerkronen ausmachen. Das kleine Floß entfernte sich aus dem Schatten der Slanderscree und bezog vor ihrem Bug Warteposi-tion.

»Wo ist euer Kapitän?« fragte Mirmib. Hunnar, der gerade dabei war, sein Schwert in die Scheide zurückzuschieben, wies mit der anderen Hand zu dem hohen Steuerdeck. Ta-hoding stand dort und starrte neugierig auf sie herunter. »Ich werde zu ihm gehen und ihm den Weg zu unserer Stadt wei-sen.«

Ethan und ein paar andere folgten Hunnar und Mirmib zum Steuer. Während Ta-hoding Anwei-sungen entgegennahm und sich mit Mirmib beriet, zog Hunnar Ethan beiseite.

»Sieh doch, die haben die Kabel von den Toren entfernt, wir könnten jetzt das Tor durchbrechen und entkommen.«

Ethan musterte seinen massiven, haarigen Freund. »Ist das dein Wunsch?«

»Nein. Du klagst mich mit deiner Frage an, Freund Ethan.«

Diesmal ließ Hunnar den anderen stehen, wenn auch aus einem anderen Grund.

Ta-hoding ließ die notwendigen Segel setzen. Langsam schob sich der Eissegler auf das zweite Tor zu und manövrierte vorsichtig durch die enge Biegung im Canyon. Als sie sich ächzend durch das Tor bewegten, studierten die Soldaten auf den Mauern das Schiff und seine Besatzung gespannt. Im Gegensatz zur Durchfahrt der Slanderscree durch das erste Tor freilich drängten die Soldaten einander immer wieder zur Seite und schnatterten aufgeregt miteinander. Ihre Waffen hingen ihnen locker in den Pfoten oder lagen vergessen an Ma u-ern und Felsen. Ein paar riefen sogar der Mann-schaft des Eisklippers Fragen und Grüße zu.

Der Canyon veränderte seine Form nicht, als sie Mirmibs Floß über das Eis folgten. Basaltmauern türmten sich rings um sie immer noch höher. Bald beschrieb der Canyon einen weiteren Bogen nach Osten und verlief wieder landeinwärts. Die sie be-grenzenden Mauern schienen jetzt etwas niedriger, und hin und wieder erschienen jetzt in den bislang senkrechten Klippen Kamine und Schrunden, in denen man vielleicht nach oben klettern konnte.

Jetzt, da sie wieder dem Plateau-Inneren zuge-wandt waren, konnte Ethan über dem Bug die dich-ten Wolken sehen, die sie draußen vom Eisozean aus so seltsam gefunden hatten. Sie schwebten über einem Punkt und wichen dem Wind nur widerstre-bend. Jetzt wußte er, weshalb sie ihm ursprünglich so vertraut erschienen waren.

Ähnliche Wolken klammerten sich besitzergrei-fend ans Hochland von Sofold, die Heimat von Hunnar und Elfa. Jenes dichte Grau war eine Auf-wallung von Dampf, nicht Rauch. Aus Vulkanspal-ten und Kaminen herausgepreßt, erneuerte sich dieser Dampf ebenso schnell, wie der Wind ihn wegblies. Das erklärt die Illusion der >verharren-den< Wolken.

Vulkanische Hitze lieferte Sofold die Energie für seine Eisenschmelzen und zugleich den Grundstock für den größten Teil seines Wohlstands. Moulokin verfügte also neben seinem Ruf in der Kunst des Schiffbaus und seiner strategisch unübertroffenen Lage auch über diese wichtige Hilfsquelle.

Er trat neben den Diplomaten Mirmib. »Ja, es stimmt, dort sind Schmieden«, gab der hagere Tran zu, »aber sie gehören weder uns noch bedienen wir sie.« Auf Ethans überraschten Blick erklärte er: »Wir haben mit den Leuten, die die Gießereien und Schmieden betreiben, eine Vereinbarung.«

»Sind das keine Moulokinesen?«

»Nein.« Der Ausdruck seines Gesichtes bei die-sem Wort war für Ethan unerklärlich.

Er hatte die Absicht der Frage weiter nachzuge-hen, als die Slanderscree in diesem Augenblick hart nach Steuerbord abtrieb. Sie fuhren jetzt in eine Seitenschlucht. Die Matrosen betätigten sich an ihren Rahen und Segeln, aber jetzt aus einem völlig neuen Grund. Jetzt, da der Eissegler südwärts fuhr und nicht mehr landeinwärts, war der Wind vom Plateau fast verschwunden, kaum daß das Schiff in den Seitencanyo n eingefahren war.

Er verminderte sich zu einer sanften, fast erdähn-lichen Brise. Vorsichtig öffnete Ethan die Maske seines Schutzanzugs einen Spalt, schloß sie aber gleich wieder. Vor ihnen war kein Paradies. Moch-te sein, daß der Wind sich gelegt hatte, aber wenn es außerhalb seiner Schutzkleidung wärmer als minus fünfzehn Grad war, hatten ihn die Hautzellen seines Gesichts belegen. Moulokin war ganz be-stimmt kein tranisches Shangri-la.

Der Canyon beschrieb einige Biegungen und Wendungen. Zehn Minuten später öffnete er sich zu einem weiten, natürlichen Amphitheater. Die dunklen Klippen bogen sich nach Osten und Wes-ten, ehe sie sich im Süden wieder schlossen. Sie fuhren durch eine von Klippen umgebene Schüssel, die wenigstens ein Dutzend Mal weiter als die Mündung des Canyons war.

Vor ihnen lag Moulokin und wirkte sehr real.

Am südlichen Ende des Canyons waren die Klip-pen zerbröckelt und vom Wind erodiert worden und schoben sich in einigen Stufen nach oben, so daß man den Eindruck mehrerer Etagen hatte. Der größte Teil der Stadt war auf diesen verschiedenen Ebenen gebaut, so daß Moulokin wie eine Terras-senstadt wirkte.

Einige tausend Dächer glänzten in der Sonne. Eispfade waren mit schwarzen Punkten wie Scho-koladesplittern bedeckt, die die weißen Straßen hinauf- und hinunterschossen. Weit vom Rande des Hafens entfernt, auf der obersten Etage, mit einer dreißig Meter hohen Felswand dahinter, war eine wuchtig wirkende Festung zu sehen.

Jetzt hatte die Slanderscree genügend Platz zum Manövrieren. Der Eishafen, der sie umgab, enthielt mit Leichtigkeit ebenso viele Schiffe wie der von Wannome. Im Westen schoben sich Docks wie braune Würmer auf das Eis hinaus. Eiskanäle und seltsame Gebäude beherrschten den Westrand des Hafens und zogen sich bis zu den Klippen hinauf.

»Unsere Werften«, erklärte Mirmib mit einem Anflug von Stolz in der Stimme.

»Ich beginne zu begreifen, warum diese Stadt nie erobert wurde«, polterte September. »Wenige Sol-daten konnten diese zwei Mauern, die wir passiert haben, gegen eine ganze Armee halten. Und so, wie der Wind den Canyon hinunterbläst, hätten es An-greifer auch verdammt schwer, canyonaufwärts zu kreuzen und zugleich zu kämpfen.«

Während der Eissegler sich, von Mirmib und Ta-hoding gesteuert, auf ein langes, verlassenes Dock zuschob, wanderte Ethans Aufmerksamkeit nach Südosten. Zwischen der Stadt und der westlichen Canyonwand wichen die Klippen einem sanft an-steigenden Seitencanyon, der mit dem dichtesten Wald aus koniferenähnlichen Bäumen gefüllt war, die sie bis jetzt auf dieser Welt vorgefunden hatten. Ohne Zweifel wuchsen sie hier deshalb zu solcher Höhe, weil der Canyon sie vor den gleichmäßigen Winden schützte, die das übrige Tran-ky-ky peitschten. Hier konnten sie heranwachsen, ohne daß Winde von Orkanstärke sie losrissen, hier fa n-den die Samen Schutz im Erdreich und konnten Wurzeln schlagen, von denen dann später die Erde nicht weggerissen wurde. In diesem wichtigen Ge-hölz lag Moulokins größter Reichtum.

Während sie in das Dock manövrierten, sah Ethan Mirmib einen Augenblick unbeschäftigt stehen und erkundigte sich bei ihm erneut danach, wer die fernen, von Dampf verhüllten Schmelzen betrieb.

Dem Diplomaten schien die Frage ungelegen, und so versuchte er, Ethans Aufmerksamkeit auf die Lagerhallen und Häuser zu lenken, die sich an die Klippen schmiegten, die ihrerseits den Hafen bilde-ten.

»Gibt es einen Grund, weshalb Ihr es mir nicht sagen könnt?«

»Keinen geschriebenen. Sie bewahren ihre Eige n-ständigkeit und…« Mirmib hielt inne, und sein Ausdruck wurde plötzlich ehrfürchtig. »Ihr seid Freunde: es gibt keinen Grund, weshalb ihr nicht von den Saia wissen sollt.«

»Den Saia?«

»Das Volk der Goldenen Saia, Abkömmlinge der Feuer, die sie hüten. Sie wissen von Dingen, die gewöhnlichen Leuten verborgen sind. Es sind keine gewöhnlichen Leute.«

»Ihr verehrt sie, betrachtet sie als Götter?« dräng-te Ethan. Wenn er gehofft hatte, bei Mirmib eine Reaktion auszulösen, die ihn weiterbrachte, so war ihm das mißlungen.

»Ich habe nichts dergleichen gesagt. Nein, es sind keine Götter. Sie sind nur anders. Sie zu kennen, heißt sie zu respektieren. Das ist eine Tradition, die so alt ist wie Moulokin selbst. Wir sind auf unsere Unabhängigkeit stolz.« Einen winzigen Augenblick lang entdeckte Ethan an Mirmib eine Andeutung des übertriebenen Partikularismus, der die hervor-stechende Eigenschaft von ganz Tran zu sein schien.

»Aber wir halten die Vereinbarungen ein, die sie treffen.«

»Aus Furcht? Warum ihnen nicht einfach die Gießereien wegnehmen? Oder zumindest selbst Vereinbarungen treffen?«

»Das ist keine Frage der Angst, mein Freund. Ihr wißt nichts von den Goldenen Saia. Wir fürchten sie nicht, aber wir halten sie in hohem Respekt. Und wir würden nichts gewinnen, selbst wenn wir ihnen die Gießereien entreißen würden, weil wir die Bergwerke und Schmelzanlagen nicht so gut betreiben könnten wie sie noch solch komplizierte Metallteile für unsere Häuser und Flöße schaffen.

Wo sie leben und spielen, wäre es für einen der unseren der Tod, zu arbeiten. Es ist schon schwie-rig genug, auch nur kurz zu ihnen zu gehen, um Handel mit ihnen zu treiben.«

»Dann ist es dort, wo sie leben, wärmer?«

»Unglaublich warm«, sagte Mirmib feierlich. Na-türlich konnte das, was für einen Tran unerträglich heiß war, für einen Menschen oder einen Thranx wunderbar angenehm sein.

Aber, wenn dies der Fall war, was war dann das Volk der Goldenen Saia?

»Bei den Saia gibt es Pflanzen und Tiere, die ei-nen neugierigen Reisenden interessieren würden, wenn er nicht an Hitze stürbe. Sie wachsen sonst nirgendwo.«

»Was für Pflanzen?« Ethan und Mirmib blickten nach links. Milliken Williams war neben sie getre-ten, der kleine Lehrer, der sich eine Weile gescheut hatte, sie zu unterbrechen, in dem aber schließlich die Neugier die Oberhand gewonnen hatte.

»Ich werde sie euch nicht schildern. Ich kann sie euch nicht schildern. Sie sind Stücke eines Traums.« Mirmib blickte nachdenklich. »Ich bin nur zweimal in meinem Leben an der Mündung des Hauptcanyons gewesen und verspüre keine Begier-de, wieder dorthin zu gehen. Als ich aber das Ge-spräch mit ihnen beendet hatte, obwohl sie sich mit uns am Rand ihres Landes und der Region des Feu-ers trafen, war ich so erschöpft und geschwächt, daß ich beide Male jeweils zwei Tage bewußtlos lag, bis mein Körper sich wieder erholt hatte.«

»Entwässerung?« murmelte Williams.

»Und jetzt, wenn es euch nichts ausmacht, würde ich lieber nicht mehr von ihnen sprechen.« Er deu-tete auf eine Gruppe von Tran, die sich über den Eispfad des Docks auf das Schiff zu bewegte und sie anstarrte. »Die offizielle Begrüßung muß in Angriff genommen werden. Man braucht mich.«

Mirmib verließ sie und begab sich zu Ta-hoding, Hunnar, Elfa und September. Während dem mo u-lokinesischen Protokoll in der Art und Weise Ge-nüge getan wurde, wie solche Dinge stets abliefen – also mit unerträglicher Langsamkeit –, verbrach-ten Williams und Ethan ein paar entspannte Au-genblicke damit, zwei jungen Moulokinesen zuzu-sehen, die vergnügt zwischen den Kufen der ge-schäftigen Eisflöße im Hafen hin- und herchiva-nierten, ohne sich das geringste um die Zurufe der besorgten Erwachsenen oder der wütenden Matro-sen zu kümmern.

Doch es gab nur wenige solcher Fahrzeuge. Wie es schon die Legenden behauptet hatten, war Mo u-lokin ein Zentrum des Schiffsbaus, nicht des Ha n-dels. Der Handel vollzog sich hier in einigen hefti-gen Aufwallungen, nicht eine m beständigen Fluß.

Williams hob langsam die Gesichtsmaske, damit seine Haut sich an die fast windlose Kälte gewöh-nen konnte. In Abwesenheit der sonst allgegenwär-tigen, blendenden, eisigen Weiße nahm er auch seine protoidoptischen Kontaktlinsen heraus und vertauschte die Schutzkombination, die er norma-lerweise trug, mit Normallinsen aus einem kleinen schwarzen Etui. Er mußte ohnehin Kontaktlinsen tragen, und das ersparte ihm die Mühe, ständig die üblichen Schutzbrillen aufzusetzen, die die anderen unter den Anzugsmasken angelegt hatten.

Ein paar verlorene Schneeflocken fielen auf seine dunkle Haut. »Ethan, woran erinnert dich dieser Canyon?«

Ethan sah sich im Hafen um. Vor ihnen lag Mo u-lokin, hinter ihnen die Mündung des Canyons. Zu beiden Seiten chivanierten Bewohner von Hohlen Eispfade in den Klippenwänden herunter, und schienen dabei überhaupt nicht auf die jähen Ab-hänge zu achten. Ein blauer Himmel und dicke, wollgraue Wolken über dem Landesinneren ver-vollständigten das Bild. Nichts bot eine Antwort auf die Frage des Lehrers – sah man einmal von der terrassenartigen Anlage der Stadt selbst ab.

»Wahrscheinlich ein paar alte Flußcanyons, die ich gesehen habe, in denen das Wasserniveau dras-tisch abgesunken war.«

»Ja, sicher. Nur, daß das nicht ganz stimmt.« Wil-liams’ Stimme klang seltsam eindringlich. »Ir-gendwie genügt das nicht.« Sein Blick wanderte zum Ausgang des Canyons hinüber. Er stützte die Ellbogen auf die Reling, das Kinn auf die Hände, ging aber nicht näher auf das ein, was er gemeint hatte.

Ethan zuckte die Achseln. Williams pflegte sich stets für andere Dinge zu interessieren als er und September. Dann hallte wie auf Stichwort eine vertraute, laute Stimme vom Hauptdeck zu ihm. Er trat an den Rand des Steuerdecks und blickte nach unten, wo der Hüne ihm zuwinkte.

»Komm runter, Jungchen! Der Landgraf erweist uns die Ehre einer Audienz. Es scheint, daß wir Gelegenheit bekommen sollen, den zweiten Staat in die Union des Eises einzubringen.«

Ethan ließ Williams allein an der Reling und in die Betrachtung alter Geologie versunken stehen und schloß sich der Gruppe an, die sich am Dock versammelte.

Moulokin hatte große Ähnlichkeit mit Wannome, nur daß es stufenartig anstieg, statt glatt wie Hun-nars Heimat. Eispfad-Kehren führten von einer Etage der Stadt zur nächsten.

Wie erwartet, kamen die Tran in Scharen heraus, um die Neuankömmlinge zu mustern. Schwarze Pupillen weiteten sich in gelben Augen, wenn die Menschen vorübergingen, die jetzt in ihren brau-nen, glänzenden Schutzanzügen noch fremder wirkten, als sie das ohnehin schon waren.

»Sagt mir, Mirmib«, fragte Ethan den Diploma-ten, der sie führte, »Euch und Eurem Volk geht es hier gut. Offenbar gilt für die Goldenen Saia am Canyonende das gleiche.« Er deutete zögernd auf die Klippen, die sie umgaben.

»Aber was ist mit all dem Land hier, hinter den Saia? Der mit Wald bewachsene Canyon zu unserer Rechten sieht aus, als führte er bis an den Rand des Plateaus. Es gibt dort keine Klippen, die die Be-siedlung des Landesinneren verhindern würden. Wer lebt auf all dem Land?«

Mirmib musterte ihn überrascht, und seine bu-schigen Brauen hoben sich. »Nun, niemand, Freund Ethan. Genauer gesagt, niemand, soweit in Moulo-kin bekannt ist. Und Moulokin…« – und damit deutete er auf die Stadt – »war hier, so lange es Aufzeichnungen gibt, die man lesen kann, und Le-genden, die überliefert wurden.«

»Dann könnt Ihr also nicht sicher sein, ob nicht jemand im Landesinneren lebt?« Er lächelte, als ein paar faszinierte junge Moulokinesen sich hinter ihm drängten und ihn anstarrten, als entstamme er einem Alptraum. »Ist jemals jemand dort gewe-sen?«

Mirmib antwortete mit sanfter Stimme: »Freund Ethan, Ihr befragt mich deshalb, weil Ihr andere sucht, die sich Eurer Idee anschließen sollen.« E-than nickte und fügte dann ein »ja« hinzu, als ihm klar wurde, daß Mirmib die Geste nicht kennen konnte. »Ihr werdet dort niemanden finden. Ja, wir sind über den Rand des Canyons hinausgestiegen. Dort oben gibt es keine natürlichen Eispfade, kei-nen Eisozean.« Er hob einen Fuß vom Eis, um sei-ne geschärften Chivklauen zu zeigen.

»Wie sollten wir uns dort bewegen, um das Land zu erforschen? Wir könnten Eis schmelzen, und es neu gefrieren lassen, damit sich Eispfade bilden, wie wir das in der Stadt tun. Aber landeinwärts größere Strecken zu reisen, würde mehr Mühe er-fordern, als es wert ist.«

»Aber Ihr sagtet, es seien Leute aus Eurer Stadt dort oben gewesen?«

»Ja. Trotz der Schwierigkeiten. Sie berichten von ebenem, kahlem Land mit wenig Vegetation und ohne Wild. Es gibt dort nichts zu essen, nur eine flachwachsende, dünne Pflanzenart, bei weitem nicht so nahrhaft wie das Pika-Pina, das wir vor unseren eigenen oberen Canyons ernten. Auch Bäume, die zu schneiden sich lohnen würde, gibt es dort nicht. Sie sind verkrüppelt und weit verstreut. Und es gibt nur wenig Eis, das man schmelzen kann, um Trinkwasser zu gewinnen, geschweige denn, um es auszubreiten und Eispfade zu schaf-fen.« Seine Stimme wurde leiser, und er wandte den Blick ab.

»Außerdem gibt es Geister, die das Land heims u-chen. Sie nähern sich am Geist jener, die sich dort-hin wagen, und es heißt, die Gedanken schmelzen wie Trinkwasser, je weiter man sich von Moulokin entfernt. Genug.«

Sie hatten inzwischen die Burg erreicht. Ethan schob die Visionen des inneren Kontinents beiseite, die seine beträchtliche Fantasie ihm vorgegaukelt hatte. Sie würden jetzt gleich einem neuen Land-grafen gegenübertreten, und es stand nur zu hoffen, daß sie diesmal mehr Glück hatten als in Poyola-vomaar.

Der Rauch und die Entfernung hatten im Hafen den Blick auf die Burg etwas verschleiert. Aus der Nähe betrachtet, fand Ethan sie von unerwartet bescheidenen Ausmaßen. Sie war bei weitem nicht so großartig angelegt wie das steinerne Massiv in Poyolavomaar, ja nicht einmal wie die Burg von Elfas Vater im fernen Wannome. Ihre Anordnung hoch über der Stadt täuschte eine Größe vor, die sie nicht aufwies. Auch war sie viel breiter als tief angelegt, ein langes Rechteck aus behauenem Fels-gestein.

Sie war so flach, daß die dreißig Meter hohe Klippe, die am Rand des Plateaus anstieg und die hintere Begrenzung bildete, so aussah, als würde sie die Burg beim ersten kräftigen Windstoß zer-drücken.

Die Wachen, die sie am Eingang erwarteten, wirkten viel solider als der Bau, den sie verteidig-ten. Ein hohes Haupttor bot ihnen den Zugang zu einem engen Hof, von dem aus sie das Innenge-bäude betraten. Erst nachdem sie eine beträchtliche Entfernung zurückgelegt hatten und die Fenster schon lange Fackeln gewichen waren, begriffen Ethan und seine Begleiter, daß der größte Teil der Burg aus dem Klippenmassiv herausgehauen war.

Sie hatten sich gerade erst mit dieser Überra-schung abgefunden, als Mirmib sie in einen Raum wies, den nur das Fehlen jeglichen Schmuckes aus-zeichnete. Ein paar Pelze bedeckten die Wände, und das Licht von Fackeln ließ das Ganze noch exotischer erscheinen. Hunnar, Elfa und Ta-hoding blickten unbeeindruckt. Als Mirmib sie davon in-formierte, daß sie im Thronsaal standen, konnten die Tran das zunächst kaum glauben.

Der barbarische Prunk des Thronsaal von Elfas Vater in Wannome mit seinen strahlend bunten Bannern und den alles beherrschenden Stavan-zerhauern fehlte hier völlig. Ebenso auch das Prot-zige des Thronsaals von Tonx Ghin Rakossa von Poyolavomaar.

Hier hatte man eher das Gefühl von Intimität, nicht von Übermacht. Sah man von den Pelzen und Fackeln ab, so zeigte nur der Boden Farbe. Er war mit einem verrückten Muster von Pentagrammen, Dreiecken und anderen geometrischen Gebilden bedeckt, von denen jedes aus einem anderen Holz gemacht war. Die Intarsien reichten von einem dunklen, fast weltraumähnlichen Schwarz, über die dunkleren Schattierungen von Braun bis zu einem kräftig gemaserten Quadrat, das fast gelb war.

Der Thron selbst ähnelte eher einem tranischen Lehnsessel als einem eindrucksvollen Staatssitz. Ethan, der seine Impressionen des Saals in ein paar Sekunden aufgenommen hatte, ließ jetzt seine Aufmerksamkeit zu der Gestalt auf dem Sessel wandern. Sie hob beide Pfoten und schob die Ka-puze zurück, die ihr Gesicht verdunkelt hatte, und erhob sich gleichzeitig, um sie zu begrüßen. Fein gewebte Tücher lagen über unerwarteten Kurven.

September, den Rang noch nie beeindruckt hatte, gab eine lobende Bemerkung von sich. Eigentlich gab es keinen Grund für Ethans Überraschung, sagte er sich. Auch im Commonwealth fand man genügend Frauen in Machtpositionen, und niemand empfand dabei etwas Besonderes. Alles andere wäre eher ungewöhnlich erschienen. Aber in vielen primitiven Gesellschaften, besonders solchen von eher feudaler Ausrichtung, war dies in der Regel nicht der Fall. Aber war nicht auch die Anführerin der Horde, bei deren Niederwerfung er und Sep-tember und William Hunnars Volk geholfen hatten, eine Frau gewesen, die abstoßende Sagyanak der Tod? Und würde nicht eines Tages Elfa den Titel des Landgrafen von Sofold erben?

Der Landgraf von Moulokin verließ den Thron und kam auf sie zu, um mit jedem den Atemgruß zu tauschen. Mirmib übernahm die Vorstellung. Als der Landgraf zu den beiden Menschen kam, zögerte sie weder noch scheute sie zurück.

Der Landgraf (Landgräfin? fragte sich Ethan) hieß K’ferr Shri-Vehm. Sie hatte den typischen breiten Bau aller Tran, war aber schlanker als die beiden anderen weiblichen Tran im Raum, Elfa und Teeliam. Vielleicht neigten die Moulokinesen zu ungewöhnlicher Schlankheit. Falls Landgraf und Hüter des Tores dafür typisch waren, war dem so. Ihre Schlankheit ließ sie, abgesehen von ihrer Grö-ße, fast menschlich erscheinen. Sie war fast so groß wie Hunnar oder Skua September. September könnte sie auf eine bizarr fremdartige Weise leicht attraktiv finden, aber auf Ethan wirkte sie nur ein-schüchternd. Ihr Dan würde ihn völlig einhüllen.

Ihr Lächeln bei der Begrüßung schien echt. Trotz ihrer Schönheit, die sich in den bewundernden Bli-cken von Hunnar, Ta-ho-ding und Balavere spie-gelte, schien das weder Teeliam noch Elfa zu stö-ren. Das war vielleicht auf K’ferrs Auro von Auto-rität zurückzuführen. Sie schien in erster Linie Landgraf, und erst in zweiter Linie männlich oder weiblich. Und das, obwohl sie mit Ausnahme Tee-liams der jüngste Tran im Saal war.

Aus Gründen, die er nie ga nz begriff, kam es E-than zu, die Geschichte ihres zufälligen Eintreffens und ihrer Bauchlandung auf Tran-ky-ky zu erzäh-len, von der Anwesenheit einer Homanx-Außenstation auf Arsudun und ihren verschiedenen Abenteuern und der Entscheidung, die sie schließ-lich getroffen hatten, daß es für alle Tran am besten wäre, eine gemeinsame Regierung vieler Stadtstaa-ten zu bilden, die schließlich den Antrag zur Auf-nahme in das Homanx-Commonwealth stellen konnte.

K’ferr hörte sich diese neuen Ideen und Vorstel-lungen ruhig an und lauschte mit nach vorne ge-richteten spitzen Ohren. Gelegentlich bemerkte man an ihr eine kleine Geste der Zustimmung oder Ablehnung, oder sie murmelte Mirmib, der zu ihrer Rechten stand, halblaut etwas zu. Sonst sagte sie zu niemandem etwas, bis Ethan zu der Stelle kam, wo sie von Rakossa von Poyolavomaar zuerst begrüßt und anschließend verraten und gefangen geno m-men wurden. Ehe Ethan schließen konnte, erhob K’ferr sich und begann zwischen ihrem Thron und den versammelten Besuchern hin- und herzugehen. Ihre Chiv klapperten auf dem hölzernen Boden, so daß ihre Schritte wie die einer nervösen Stepptä n-zerin klangen. Ethan studierte den hölzernen Boden und fragte sich, ob die Chivspuren nach jeder Au-dienz auspoliert wurden, oder ob man den Saal einfach nur wenig benutzte.

Als Ethan die Lügen berichtete, die Ro-Vijar dazu benutzt hatte, um den labilen Rakossa auf seine Seite zu ziehen, zählte K’ferr mit ihrer weichen Stimme eine Liste von alten Klagen auf, die Mou-lokin gegen Poyolavomaar vorzubringen hatte.

»Aber Moulokin ist in Poyolavomaar eine Lege n-de«, sagte Hunnar.

»Und in Moulokin ist ihre Verlogenheit sprich-wörtlich! – Stimmt«, fuhr sie dann wütend fort, »wir haben keinen Kontakt mit ihnen. Aber sie haben mit vielen Völkern Kontakt, die mit uns Handel treiben. Obwohl sie auch nicht annähernd der Geschicklichkeit unserer Schiffszimmerleute nahe kommen, bemühen sie sich aus Eifersucht darum, andere davon abzuhalten, unsere flöße zu kaufen. Ihre Handelsleute sind als arrogant be-kannt, und sie setzen viele unter Druck, die gerne mit uns Geschäfte machen würden. Sie sind vor Macht fett geworden, weil sie bei jeder Gelegenheit betrügen. Und doch sagt man uns immer wieder, daß andere Angst haben, nicht mit ihnen Handel zu treiben. Die Bosheit und die Unbestä ndigkeit ihres Landgrafen ist uns wohlbekannt.« Teeliam Hoh murmelte eine Bemerkung, die keiner genau hören konnte, aber Ethan ahnte ihren Inhalt.

»Dieser Rakossa ist ob der Steuern berühmt und berüchtigt, die er seinem Volk abpreßt. Aber…«, fuhr sie etwas gelockert fort und senkte dabei die Stimme, »ihr seid hier, und nicht in Poyolavo-maar.«

»Und wissen Euch dafür Dank, Mylady«, fügte Hunnar hinzu.

K’ferr glitt in ihren Sessel zurück, brachte es ir-gendwie zuwege, etwas ungemein Sinnliches aus dieser Bewegung zu machen, und stützte sich dann auf den linken Arm. Die Klauen an ihrer rechten Pfote kamen zum Vorschein, verschwanden und tauchten wieder auf, eine nervöse Tranangewohn-heit, die Ethan sofort erkannte.

»Schildert mir Eure Idee, diesen Plan, den Ihr für unsere Welt habt, Ausländermensch. Diese – wie hast du es genannt, Mirmib? – diese Konföderation, die Ihr eine Union des Eises nennt.« Sie blickte scharf zu Hunnar hinüber. »Ich habe nie von die-sem Sofold gehört noch kenne ich jemanden, der das hätte. Und doch unterstützt Ihr diesen Vor-schlag, den ein paar wenige Angehörige einer fremden Rasse gemacht haben. Ihr könnt für Eure Stadt sprechen und mir versichern, daß Ihr den Frieden halten werdet, falls wir am Ende zusti m-men sollten, Teil dieser Vereinigung zu werden?«

Plötzlich mit der Realität einer sich verwirkli-chenden Idee konfrontiert, sahen Hunnar und Elfa Ethan fragend an. Der schwieg. Schließlich antwor-tete Hunnar: »Wir hatten nicht bedacht, daß wir so bald unseren Staat auf diesen Vorschlag würden verpflichten müssen, Mylady.«

»Ihr seid also im Prinzip bereit, zuzustimmen, a-ber nicht, was Euch selbst angeht.«

»Das habe ich nicht gesagt«, verbesserte Hunnar sich schnell. »Es ist nur so, daß ich…« Er hielt inne und richtete sich so eindrucksvoll auf, wie er konn-te. »Ich bin ein Ritter. Ich habe nicht die Voll-macht, Verträge zu schließen.«

»Aber ich.«

K’ferrs lieblose Augen wanderten zu Elfa hin-über. »Und Ihr seid ebenfalls ein Ritter dieses fer-nen Landes Sofold?«

»Ich bin die Elfa Kurdagh-Vlata, Tochter des Torsk Kurdagh-Vlata, Landgraf von Sofold. Eines Tages werde ich Landgraf sein, sobald die Ritter und Edlen von Sofold mich bestätigt haben. Ich gebe meine Wärme zum Pfand für den Fall, daß Sofold jemals feindselige Handlungen gegen unse-re Freunde in der Union begehen sollte, das Volk von Moulokin. Wir werden uns für immer in Frie-den vereinen, zum Nutzen nicht nur von zwei klei-nen Stadtstaaten, sondern zum Nutzen der Leute von ganz Tran-ky-ky.« Jetzt wurde ihr bewußt, daß alle sie anstarrten, und so fuhr sie, etwas weniger hochtrabend, fort, »indem wir das tun, ahmen wir nur nach, was uns Freunde, die in einem größeren Universum als dem unseren leben, schon vorge-macht haben.«

K’ferr trat vor und ergriff Elfas Handgelenke mit beiden Pfoten. Elfa tat es ihr gleich, und sie tausch-ten den Atem, was die anderen zu kurzen, aber erregten Beifallsrufen veranlaßte. Das alles war für Ethan etwas schnell gegangen. Er war die kompli-zierten Vorgänge der Bürokratie des Commo n-wealth gewöhnt. Die informelle Art der auf Tran üblichen Regierungsform hatte aufs neue ihren Wert gezeigt.

Dabei fühlte das Ganze sich keineswegs wie ein kritischer Augenblick in der Geschichte einer ga n-zen Welt an.

13

»Da wäre Jinadas, das dreiundvierzig Satch süd-westlich von Moulokin liegt«, erklärte Mirmib den jetzt entspannten Besuchern. »Es ist durchaus mö g-lich, daß sie bereit sind, sich dieser Vereinigung anzuschließen. Besonders dann, wenn wir Abge-sandte mit euch schicken, um ihnen zu versichern, daß wir von eurem Vorhaben überzeugt sind. Und in Yealleat haben wir Freunde, das ist ein sehr mächtiger Staat, der gute hundert Satch im Westen liegt.«

»Wir vergessen uns, Polos.« K’ferr Shri-Vehm blickte würdevoll, und doch merkte man ihr gleich-zeitig an, daß sie mit sich zufrieden war. »Ihr müßt jetzt alle ein paar Tage bleiben. Ein Ereignis dieser Bedeutung und Größe kann nicht angemessen voll-zogen werden, ohne daß man ein Fest feiert.« To-pasfarbene Augen flackerten im Fackellicht. »Wir Moulokinesen ergreifen jede Gelegenheit, um ein Fest zu feiern.«

»Ich weiß nicht«, sagte Ethan besorgt. »Es wäre vielleicht eine gute Idee, wenn wir uns beeilten, und…«

»Wir bleiben gerne eine Weile«, unterbrach ihn September und warf Ethan einen warnenden Blick zu. »Nach den letzten paar Monaten können wir schon ein paar Feste vertragen. Oder, Jungchen?«

»Skua, meinst du nicht, wir sollten…«

»Das wäre also entschieden.«

»Gut.« Mirmib schlang die Finger in einer Geste ineinander, die ein hohes Maß an Befriedigung ausdrückte. »Die Vorbereitungen werden beginnen. Inzwischen würde ich mir gerne euer wunderbares Schiff betrachten.« Er richtete die nächste Frage an Elfa.

»Wie konntet ihr ein solch ungeheuer großes Floß bauen?«

»Das wurde nur durch das Spezialmetall möglich, das unsere menschlichen Freunde Dur’lom nennen, und von dem Sir Ethan behauptet, daß man es uns in reichlicher Menge und zu anständigen Preisen liefern kann.«

Der Diplomat ließ den Blick zu Ethan wandern. »Ist das die Wahrheit, Ausländer Ethan?«

»Der Handel ist der Lebenssaft des Commo n-wealth, Freund Mirmib.« Als Ethan die Worte sprach, wünschte er, er hätte etwas weniger Abge-droschenes gesagt als jenen alten Regierungsapho-rismus. Er verstand sich besser auf konkrete Fälle als auf Gemeinplätze. Er dachte über Polos Mir-mibs Titel nach. Er hatte sich Hüter des Tores ge-nannt, aber seine Anwesenheit bei diesem Ge-spräch als einziger Berater K’ferrs deutete auf eine wesentlich mächtigere Position. War er vielleicht der Premierminister? Oder ihr Vater, ihr Prinzge-mahl? Angesichts der bestehenden Zweifel hielt Ethan es für das beste, nicht durch eine Frage ge-gen die guten Manieren zu verstoßen. Wenigstens nicht, solange die neue tranische Konföderation nicht wenigstens ein paar Minuten lang existiert hatte.

»Ich bin sicher, daß sich etwas arrangieren läßt«, fügte er hinzu.

»Es verspricht Überfluß für die Völker von Mo u-lokin und Sofold«, pflichtete Lady K’ferr ihm bei. »Und für unsere Freunde in Yealleat und Jinadas auch, wenn die sich ebenfalls anschließen, wie ich das vermute.« Die Leichtigkeit, mit der sie das sagte, und ihr strahlender Ausdruck lullten Ethan völlig ein, so daß ihre nächsten Worte ihn doppelt so stark erschütterten, als wenn er sie erwartet hät-te. »Da ist nur eines, eine offenkundige Belanglo-sigkeit, der alle natürlich beipflichten sollten. Die verräterischen Bewohner des widerlichen Poyola-vomaar müssen natürlich ausgeschlossen bleiben.«

Ethans Herz setzte einen Schlag lang aus. Hunnar schüttelte den wolligen Kopf und sah den Handels-vertreter mit vielsagendem Schweigen an. Sein schiefgezogener Mund und der Ausdruck in seinen Augen sagten ebenso deutlich, wie Worte das ver-mocht hätten: »Siehst du jetzt? Gleichgültig, wie freundlich oder hilfsbereit diese Leute von Moulo-kin uns gegenüber sind, es wird immer Haß unter den Tran geben, Haß, den eine bloße Idee nicht aus der Welt schaffen kann.«

»Einzelheiten der Konföderation können später ausgearbeitet werden, Mylady.« Das war ein ver-zweifelter Versuch, einem Streitgespräch aus dem Wege zu gehen, das jetzt vielleicht alles wieder zunichte machen würde. »Für den Augenblick soll-ten wir zu unserem Schiff zurückkehren und uns angemessen auf den Besuch von Sir Mirmib vorbe-reiten.«

Entweder fühlte K’ferr, was er empfand, oder es war ihm tatsächlich gelungen, sie von dem Thema Poyolavomaar abzulenken. »Ihr braucht Euch nicht mit besonderen Vorbereitungen für uns zu belasten, denn ich komme auch.« Und als sie dann seinen Ausdruck mißverstand und glaubte, das wäre ihm nicht recht, fügte sie hinzu: »Aber wenn Ihr auszu-ruhen wünscht und Eure Mannschaft warnen wollt, dann verstehe ich das völlig. Wir warten, bis Ihr uns sagt, daß Ihr bereit seid.«

Sie machten die formellen Abschiedsgesten und schickten sich an, den Raum zu verlassen, als ein moulokinesischer Soldat hereingerannt kam.

Allein schon die Tatsache, daß er rannte, deutete auf die Wichtigkeit seiner Botschaft, denn die Tran hatten eine tiefe Abneigung extremer Situationen. Ihre scharfen, langen Chiv waren hervorragend für das Chivanieren über das Eis geeignet. Laufen war für sie schwierig und gefährlich, aber dieser Soldat kam in eindrucksvollem Tempo in den Raum ge-klappert.

Während die Besucher sich zurückhielten und höflich den Anschein erweckten, als ignorierten sie die besorgten Worte des Soldaten, gab Ethan sich doch große Mühe, zu hören, was der Mann zu sa-gen hatte. Nicht nur die Art der Fortbewegung des Soldaten, sondern auch sein ganzes Wesen und die Hast seiner Worte deuteten auf Nachrichten von äußerster Dringlichkeit hin.

Wie das bei allen Tran der Fall war, die sie bis jetzt beobachtet hatten, warf sich auch der ke u-chende Soldat nicht vor seiner Herrscherin nieder oder vollführte irgendwelche anderen zeitraubende Unterwerfungsgesten. Er trat einfach vor den Thron und begann zu reden und hielt lediglich einige Ma-le inne, um Atem zu holen.

»Mylady – vor dem ersten Tor… Ein Schiff. Und dahinter, in der Nähe der Canyonmündung viele Schiffe!«

»Bewahre deine Wärme, Soldat«, sagte Mirmib ruhig. »Nun, wie viel heißt >viele<?«

»Zwanzig bis dreißig, Minister«, stieß der er-schöpfte Bote hervor und ignorierte Mirmibs Rat, sich zu beruhigen. »Alle bis zur Reling mit bewaff-neten Soldaten angefüllt.«

Ethans Flüstern unterbrach das Gespräch zwi-schen Hunnar und September.

»Was ist, Jungchen?«

»Hört zu!« Er wies unauffällig auf den Thron. El-fa, Teeliam und die anderen hörten zu reden auf und gaben sich Mühe, möglichst viel zu hören.

»Sie sagen, sie kommen aus Poyolavomaar«, fuhr der Soldat fort.

»Man braucht bloß vom Teufel zu reden.« Sep-tember wirkte atypisch erregt.

»Sie sagen, sie wissen, daß…« – er sah sich im Saal um, bis sein Blick auf Ethan und seine Gefähr-ten fiel – »sie hier sind.«

»Wie können sie das wissen?« K’ferrs Nacken-haare hatten sich gesträubt.

»Aus der Tiefe und Schärfe der Spuren, die die Kufen ihres Schiffes im Eis hinterlassen haben, Mylady.« Mirmib nickte weise. »Sie verlangen, daß ihnen diese Besucher, ihr großes Floß und die Frau unter ihnen, die Teeliam Hoh heißt, ausgelie-fert werden. Wenn das geschehen ist, werden sie uns in Frieden verlassen. Andernfalls drohen sie, die Stadt zu erobern.« Bei diesen Worten klang die Stimme des Soldaten trotz seiner offensichtlichen Ermüdung ungläubig.

K’ferr stand abrupt auf und fuhr mit den Klauen über die linke Armlehne ihres Sessels. »Solche Arroganz! So vor unser Tor zu kommen und kraft Waffengewalt zu verlangen, daß wir einen Besu-cher ausliefern. Nicht einmal einen verletzten K’nith würde ich solchen Kindern ausliefern!«

Der Soldat bewunderte die Haltung seiner Herr-scherin. »Es scheint unglaublich, Mylady. Er be-harrt darauf, daß er uns vernichten wird, wenn wir seinem Wunsch nicht nachkommen.«

»Er? Wer ist er?«

»Ihr Landgraf, Tonz Ghin Rakossa, führt sie, My-lady.«

»Ist es ihm genehm, uns wenigstens Zeit zum Ü-berlegen seines großzügigen Angebots zu lassen?« fragte sie sarkastisch.

»Vier Tage, Mylady.«

»Soviel Zeit? Warum läßt er uns soviel Zeit?«

Der Soldat schien ihre Frage wörtlich zu verste-hen und erklärte: »Es ist ihnen bewußt, das hat uns ihr Abgesandter am Tor gesagt, daß das eine schwierige Entscheidung für uns sein wird, da sie gegen die traditionellen Gesetze der Gastfreund-schaft verstößt. Man will uns Zeit lassen, damit wir überlegen können. Aber man hat uns klargemacht, daß keines unserer Schiffe zum Handel herein- oder hinausfahren kann, solange ihre Flotte die Canyon-Einfahrt blockiert.«

»Oder zur Flucht«, fügte Mirmib ungerührt hinzu. »Sag, Soldat, wie heißt du, und was ist dein Be-ruf?«

»Cortundi, Minister. Ich bin Lederschmied von Beruf.«

»Was würdest du tun, Cortundi?«

Der einfache Soldat sah zuerst die Herrscherin und dann den Minister an. Seine Pfoten spannten sich, als wollten sie graben. »Ich wünsche nur, zum ersten Tor zurückzukehren, Mylady, Sir. Ich nehme an, man braucht mich dort.«

»Eine Belagerung würde lange dauern, Cortundi.«

Der Soldat/Handwerker lächelte, daß man seine perlweißen Fänge sehen konnte. »Vielleicht gibt es dann bessere Häute zu gerben, Sir.«

»Ein angenehmer Gedanke.« K’ferr erwiderte sein pantherhaftes Grinsen. »Warte draußen, Cor-tundi.« Der Soldat drehte sich um und ging hinaus.

»Mein Fehler, ich alleine trage die Schuld.« Ethan hörte das bedrückte Wimmern und wandte den Kopf, um zu sehen, woher es kam – von einer nie-dergeschlagenen Teeliam, die dicht bei der Wand stand. Das Licht der Fackeln ließ den Pelz auf ih-rem Kopf und den Schultern silbern schimmern.

»Ich hätte nicht mit euch kommen sollen, als ich euch zur Flucht verhalf«, fuhr sie fort. »Ich hätte mir den Tod geben und das verhindern sollen. Ra-kossa ist wahnsinnig.«

»Er ist in der Tat wahnsinnig«, sagte K’ferr, »wenn er meint, er könnte Moulokin erobern. Er kann die Stadt nicht erreichen, nein, nicht einmal die erste Mauer brechen. In Wahrheit wird er nicht von Vernunft, sondern von Wahnsinn getrieben.« Ethan verzichtete darauf, zu erwähnen, daß einige der erfolgreichsten Feldherren Terras sowohl in der Antike als auch in der Moderne als wahnsinnig gegolten hatten.

»Er sucht mich«, fuhr Teeliam traurig fort. »Er kann den Gedanken nicht ertragen, daß ich ihm am Ende vielleicht doch entkommen bin. Ich würde mich selbst hier töten, nur, daß ihn das noch wü-tender machen würde, weil ihm damit die Freuden der Foltern entgehen, die er sich ohne Zweifel in den letzten Tagen für mich ausgedacht hat.« Ihr Pelz zuckte nervös und ließ erkennen, daß sich die Muskeln darunter gespannt hatten.

»Komme, was wolle, ich muß zu ihm, das ist nö-tig.« Ihr Blick hob sich und wanderte von den Au-gen der Menschen zu denen der Tran. »Wenn ich das tue, zieht er vielleicht ab.«

»Ich verstehe nicht«, sagte K’ferr langsam und entnahm aus etwas, das hinter Teeliams Augen lauerte, mehr als aus ihren Worte n. »Der Soldat hat gesagt, daß Rakossa auch Mannschaft und Schiff verlangt.«

»Ja, die will er haben, aber er wird mit mir zufrie-den sein.«

»Er vielleicht«, räumte Ethan ein, und es klang hoffnungsloser, als er beabsichtigt hatte, »aber nicht Calonnin Ro-Vijar.« Er warf Mirmib und K’ferr eine kurze Erklärung zu: »Ro-Vijar ist der Landgraf des fernen Arsudun, ein Verbündeter Rakossas im Geiste.«

»Es ist nicht richtig, daß eine ganze Stadt um ei-ner Person willen einen Krieg riskiert.« Teeliams Stimme klang resigniert. »Ich werde erdulden, was immer Rakossa sich für mich ausgekocht hat.« Sie zeigte das Tranäquivalent eines resignierten Ac h-selzuckens. »Es kann nicht schlimmer sein als das, was ich schon früher erduldet habe.«

»Wir werden Euch nicht an den Wahnsinnigen ausliefern«, sagte Hunnar entschieden. »Sofold opfert nicht die Unschuld um der Zweckmäßigkeit willen. Außerdem würde das, wie Ethan schon sagte, Rakossa vielleicht ohnehin nicht befriedigen. Natürlich«, meinte er dann und wandte sich zum Thron, »ist dies keine Entscheidung, die uns zu-stünde.«

K’ferr hatte den Thron verlassen und schritt wie-der erregt auf und ab. Fast abwesend sagte sie: »Es ist Zeitvergeudung, darüber zu diskutieren. Wir würden nie so etwas in Betracht ziehen und auch nicht zulassen, daß sie es tut, selbst wenn es Euer Wunsch wäre. Es gibt wichtigere Dinge zu bespre-chen.« Sie sah ihren Minister an.

»Die Poyos fordern uns also hier heraus, vor un-seren Toren, in unserem Canyon, auf unserem Eis. Ein weiterer Beweis für den Wahnsinn dieses Ra-kossa. Arroganz verdünnt die Vernunft, so wie Vouli ein starkes Getränk verdünnt. Wenn sie wahrhaft närrisch genug sind, das Tor anzugreifen, werden wir ihnen eine Begrüßung zuteil werden lassen, die sie nicht überleben.«

»Wenn Ihr entschlossen seid, zu kämpfen, sollten wir am besten auch unsere Leute kampfbereit ma-chen«, sagte Ethan. »Mit Eurer Erlaubnis und tiefst empfundenem Dank, Mylady, werden wir zu unse-rem floß zurückkehren.«

»Gestatten wir ihnen, das erste Tor zu betreten, und locken wir sie dann in die Falle, oder halten wir sie am ersten mit Pfeilen und Speeren auf?« Die mitfühlende Landgräfin war jetzt nur noch an einer Diskussion über lebensverkürzende Methoden interessiert. Mirmib war noch geistesgegenwärtig genug, die Besucher zu entlassen.

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