Die Moulokin-Mission
Der Wind heulte kläglich über das Deck…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Ethan erhob sich von seinem Sessel an der langen Tafel in der Messe der Slanderscree, die zugleich als Konferenzsaal diente. »Wir können ihnen Tee-liam nicht ausliefern, und es wäre auch nicht rich-tig, die Moulokinesen für etwas kämpfen und ster-ben zu lassen, mit dem sie nichts zu tun hatten.« Teeliam war nicht anwesend und konnte daher nicht gegen den ersten Teil seiner Erklärung protes-tieren. Man hatte sie trotz ihrer Proteste von der Besprechung ausgeschlossen. Sie sei in dieser Sa-che voreingenommen und außerstande, objektive Vorschläge zu machen, hatte Hunnar ihr mitgeteilt, ein Vorurteil, das so weit ging, daß sie sich sogar selbst zum Tode verurteilen würde.
»Was mich betrifft, so wäre es mir ganz sympa-thisch, mich mit diesem Rakossa und seinem Pack herumzuschlagen.« September lehnte sich in seinen Sessel zurück. Da dieser nicht für sein Gesicht ge-baut war, ächzte er erschreckend. Er rieb sich die mächtige Nase.
»Das weiß ich, Skua. Manchmal handelst du eher wie ein Tran als wie ein Mensch.«
September grinste, und seine Hand wanderte von der Nase zu seiner weißen Mähne und kratzte dort ausgiebig. »Junge, wenn du einmal so viel von der Galaxis gesehen hast wie ich, dann wirst du auch wissen, daß gar nichts so besonders Schmeichelhaf-tes daran ist, der Menschheit anzugehören.«
»Nein, Freund Skua.« September sah überrascht zu Elfa hinüber. Die Tochter des Landgrafen war ihm bisher alles andere als friedfertig vorgeko m-men. Seltsam, daß gerade jetzt eine solche Attitüde zum Vorschein kam.
Aber Elfa hatte keineswegs Beschwichtigungspo-litik im Sinn. »Ethan hat recht, wenn er sagt, daß dies nicht der Kampf der Moulokinesen ist. Wir können nicht von ihnen verlangen, daß sie für uns sterben.«
»Aber hat denn niemand gesehen, wie diese K’ferr-Katze sich aufgeführt hat?« wandte Septe m-ber ein. »Die brennt doch förmlich auf eine Ausei-nandersetzung und auf Blutvergießen.«
»Aber Lady«, sagte Hunnar ungläubig, »du denkst doch nicht etwa daran, Teeliam diesem Un-geheuer auszuliefern?«
»Ganz richtig, edler Ritter. Das denke ich nicht.« Elfas Augen schweiften über den ganzen Tisch. »Aber angenommen, Rakossa und Calonnin wüß-ten nicht, daß die Slanderscree hier ist?«
»Ich will dich ja nicht schulmeistern, Mädchen, aber du hast doch gehört, was dieser Soldat im Thronsaal gesagt hat.« Verglichen mit den Klauen der Tran waren Septembers Nägel eher kurze Stummel, trotzdem kratzte er eine kleine Furche in den Hartholztisch. »Kein Schiff könnte im Eis vor dem Canyon die Chivspuren hinterlassen, die die Slanderscree dort gezogen hat.«
»Kein bekanntes Schiff«, räumte Elfa ein. »Und doch gibt es viele Regionen dieser Welt, von der die Poyos, ebenso wie wir selbst bis vor kurzem auch, nichts wissen. Das gilt auch für das ferne Arsudun. Wie können sie sicher sein, daß die Spu-ren nicht die eines anderen Schiffes sind, zum Bei-spiel von einem großen Lastkahn, den die Moulo-kinesen inzwischen schon lange um seines Holzes willen zerlegt haben?«
»Nicht unmöglich, Mylady«, meinte Ta-hoding. »Aber wie können wir die Angreifer davon über-zeugen, daß es so ist?«
Elfa sah ihn etwas verlegen an. »Das hatte ich noch nicht überlegt. Könnten wir nicht unser Floß verstecken, während Vertreter der Flotte von Poyo-lavomaar den Hafen von Moulokin inspizieren?«
»Dieses Schiff verstecken?« Hunnar stieß ein schrilles Lachen aus.
»Nein, wir wollen uns das schon gründlich über-legen, Hunnar.« September nickte nachdenklich. »Die Lady hat da durchaus einen vernünftigen Vor-schlag gemacht.«
»Was wäre denn«, meinte Ethan nach einem Au-genblick nachdenklichen Schweigens, »wenn wir das Schiff zerlegten? Ja, wenn wir es zerlegten, und die Teile auf das Plateau hinaufschafften. Die Ab-gesandten der Poyos würden nie auf die Idee ko m-men, dort oben nachzusehen.«
»Und mit gutem Grund.« Hunnar gab sich große Mühe, einen spöttischen Gesichtsausdruck zu un-terdrücken. »Ein großartiger Vorschlag, Freund Ethan, nur, daß die ganze Bevölkerung dieser Stadt und unsere eigene Mannschaft ein paar Wochen zu arbeiten hätte, um dies zu bewerkstelligen, selbst wenn die Moulokinesen genügend schwere Ma-schinen besitzen, um die großen Hölzer und Mäste anzuheben. Und wir haben nur vier Tage.«
»Nein, Augenblick mal.« September lehnte sich vor und sprach mit mühsam unter Kontrolle gehal-tener Erregung. »Was der Junge vorschlägt, ist durchaus logisch, wenn auch auf etwas andere Art. Wir müssen die Slanderscree auf das Plateau und ein gutes Stück landeinwärts schaffen, falls die Poyos doch darauf bestehen, dort nachzusehen, und das nehme ich bei diesem Rakossa an. Und da wir es nicht in Stücken schaffen, müssen wir sie eben ganz hinaufbefördern.«
Unter den Tran, die um die Tafel saßen, erhob sich ein erstauntes Murmeln.
»Angenommen, wir segeln sie ans obere Ende des Hauptcanyons, Captain.« Er sah den gespannt zu-hörenden Ta-hoding aufmerksam an. »Ich selbst bin irgendwie neugierig darauf, diese Goldenen Saia kennenzulernen.« Ethan warf ihm einen fra-genden Blick zu. Dann interessierten die geheim-nisvollen Saia Skua doch, dachte er, obwohl der Hüne das ursprünglich weit von sich gewiesen hat-te?
»Bei all den Kräften, die dort wirksam geworden sind, darf man annehmen, daß das Land der Saias sich ziemlich sanft landeinwärts neigt.«
»Angenommen, es wäre so, Freund September, und ich will keineswegs respektlos sein, aber – was dann?« Hunnar wartete, um sich von etwas über-zeugen zu lassen, das er selbst nicht kannte.
»Ich war einmal auf einer Welt«, meinte der Hüne nachdenklich, »die dieser hier ähnlich war. Nur, daß die Meere mit Gras bedeckt waren – eine Art anämisches Pika-Pina, Hunnar, wie es hier ja land-einwärts auch wachsen soll – und dort gab es Se-gelschiffe, ähnlich der Slanderscree. Sie segelten ganz leicht über diese grünen Ozeane, nur auf Rä-dern, und nicht auf Kufen.«
»Rädern?« fragte Hunnar ausdruckslos. »Was sind Räder?«
Ethan saß wie vom Donner gerührt da. Die Tran hatten einen so hohen Stand der Zivilisation er-reicht, daß er eine so grundlegende Erfindung wie das Rad für selbstverständlich gehalten hatte. Jetzt, wo er darüber nachdachte, wurde ihm bewußt, daß er nirgends in Sofold ein Fahrzeug mit Rädern ge-sehen hatte; keinen Karren, keinen Wagen, nichts. Alles bewegte sich auf Chiv oder Kufen. Der Transport auf dem trockenen Lande wurde mit Schlitten vorgenommen, die jedoch nur selten ein-gesetzt wurden. Schließlich brauchten sie keine Räder in einem Land, wo man spielend leicht Eis-pfade bauen konnte, und wo jeder Stadtstaat von gefrorenen Meeren umgeben war.
Schließlich fand er ein Beispiel, das den anderen einleuchten mußte. »So etwas wie die Mühlsteine, Hunnar, die ihr dazu benutzt, aus getrocknetem Pika-Pina Mehl zu machen oder Saft aus seinem Fruchtfleisch. So, wie das…« – und jetzt mußte er den Tranausdruck für das Steuer benutzen, um ihm das Steuerrad der Slanderscree zu verdeutlichen. »Man bringt sie in einem gewissen Abstand von-einander an, mit einer Stange dazwischen, wie die, die die Kufen unseres Schiffes verbindet, und dann tragen sie einen glatt und leicht über ungefrorenes Land.«
»Eine höchst komplizierte Art des Reisens«, meinte Hunnar und zog verwirrt die Brauen zu-sammen, »aber wenn du sagst, daß das Ding funk-tioniert, dann muß es wohl so sein.«
»Es ist eine bewährte Methode«, erwiderte Ethan ohne zu lächeln. Wenigstens begriffen Hunnar und die anderen Tran jetzt.
»Wir brauchen«, begann Williams, der bereits im Kopf Konstruktionszeichnungen ausarbeitete und die Belastungen kalkulierte, »zusätzliche Achsen unter dem Schiff. Die Duralum-Kufen reichen zwar, um die Masse des Eisseglers zu stützen, aber ich habe nicht soviel Zutrauen zu steinernen oder hölzernen Rädern, und etwas Besseres können die Moulokinesen nicht bauen. Aber sie haben Holz von guter Qualität. Vielleicht kann man es mit Me-tall verstärken, wenn die Arbeit dieser Saia so gut ist, wie behauptet wird.«
»Warum nicht Räder aus Metall machen?« fragte ein Schiffsmaat.
»Angenommen, daß diese Saia wirklich keine Götter sind, wäre es schon eine große Leistung, wenn sie auch nur ein Rad dieser Größe in vier Tagen herstellten«, wies ihn Ta-hoding etwas brummig zurecht. Der Kapitän des Eisklippers war zwar gewöhnlich recht höflich und sanft, wenn er zu seinen Vorgesetzten oder zu den drei Menschen sprach, konnte aber ziemlich ungehalten werden, wenn er fand, daß ein Mitglied seiner Mannschaft etwas Dummes getan oder gesagt hatte.
»Mit Rädern aus Stein oder Holz«, fuhr der Leh-rer fort, und rechnete die ganze Zeit, »würden wir zusätzliche Achsen für zusätzliche Räder benöti-gen.«
»Es gibt hier genug große Bäume«, pflichtete September ihm bei. »Es ist bestimmt viel leichter, sie zu fällen und zuzurichten, als das Schiff zu zer-legen. Natürlich«, und jetzt dämpfte seine Vernunft die Erregung, die in ihm aufgestiegen war, »alles unter der Voraussetzung, daß die Moulokinesen bereit sind, sie für uns zu machen. Aber das nehme ich an. Ich bin sicher, daß die meisten von ihnen es vorziehen würden, etwas mehr zu arbeiten, anstatt gleich zu kämpfen. Mit einer Säge vergießt man gewöhnlich weniger Blut als mit einem Speer.«
»Das ist ein wahres Wort, das wahrscheinlich auch außerhalb meiner eigenen Welt Geltung be-sitzt, Freund September.« Hunnar musterte den Hünen ernst. »Aber es gibt Leute, die deine und meine Ansicht zum Kämpfen nicht teilen.« Er sah sich an der Tafel um. »Und dann ist da auch noch die Frage, ob die Saia, wer auch immer sie sein mögen, uns Genehmigung geben, durch ihr Land zu reisen. Unter all diesen Voraussetzungen würde ich meinen persönlichen Wunsch, Poyoblut zu ver-gießen, zurückstellen.«
Auch K’ferr Shri-Vehm mußte überzeugt werden. Es bedurfte aller Überredungskunst seitens des Ministers Mirmib, ihr die blutige Lösung auszure-den. Als das geschehen war, wurden die Befehle erteilt, und die Orgie der Arbeit konnte beginnen.
Die fleißigen Moulokinesen sahen das ungeheure Vorhaben als eine Art Herausforderung an ihre Geschicklichkeit an. Als der erste Abend heran-rückte, wurden Lichter herausgebracht, damit man weiterarbeiten konnte. Die Werft stank nach altem Öl. Aus der Ferne sah es aus, als ruhe die Slan-derscree in einem See aus Feuer.
Mächtige Bäume, die man bereits gefällt hatte und zum Einsatz als Masten an anderen Flößen bereithielt, standen als Achsen zur Verfügung. Me-tallbolzen, die die Saia gemacht hatten, wurden herangeschleppt, um die mit Pika-Pina-Kabel ans Schiff gebundenen Achsen zu befestigen. Vier zu-sätzliche Achsen wurden zwischen den vorne und hinten angebrachten Paaren von Duralumkufen unter dem bewegungslosen Eissegler montiert.
Stunden und Tage verstrichen. Die mit Metall be-schlagenen und verstärkten Räder wurden an die vier neuen Achsen geschraubt. Dann entfernte man die Kufen, zuerst das vordere Paar, dann die zwei Paar, die achtern angebracht waren. Räder, die et-was größer waren, als die acht bereits an den Ac h-sen befestigten, wurden auf die Schäfte der Kufen montiert. Schließlich wurde die Kufe, die zum Steuern diente, durch ein Steuerrad ersetzt.
Wie erwartet zeigte ein kurzes Experiment, daß der so entstandene Zwitter auf dem Eis etwa so manövrierfähig war wie ein gut geschmierter Schweizer Käse. Jedenfalls war es unmöglich, ihn gegen die gleichmäßigen kräftigen Winde canyo-naufwärts zu bewegen, die vom Plateau herunter-wehten. Die Räder würden einfach leer durchdre-hen, und der Eissegler würde mit der nächsten Klippe kollidieren.
Sieben der größten Flöße im Hafen – und die Moulokinesen bauten durchaus in beachtlicher Größe – wurden dazu abkommandiert, die hilflose Slanderscree canyonaufwärts an den Eisrand zu schleppen. Zum Land der Goldenen Saia. Und dort konnte dann ihre langsame Reise landeinwärts be-ginnen.
Doch Mirmib konnte Ethan und den anderen nicht mit Gewißheit versprechen, daß sie die heißen Re-gionen sicher würden passieren dürfen. Ein Abge-sandter, den man in aller Eile abgeschickt hatte, um sich eine solche Bestätigung zu holen, war er-schöpft zurückgekehrt und hatte berichtet, daß die Saia es vorgezogen hätten, sich zu der Frage nicht zu äußern. Sie hatten weder das sichere Geleit ga-rantiert noch widersprochen.
Da aber keine Ablehnung vorlag, beschloß man, so zu handeln wie ursprünglich geplant.
»Sie verfügen über seltsame Kräfte und stehen regelmäßig mit den Geistern des Inneren in Ver-bindung«, teilte Mirmib ernst den Reisenden mit. »Ihr handelt klug daran, behutsam mit ihnen umzu-gehen und um jeden Preis Konflikte zu vermeiden. Außerdem könnte es sein, daß sie euch zusätzliche Informationen über die Zustände liefern, die ihr landeinwärts erwarten müßt. Obwohl ihnen diese Regionen noch weniger sympathisch sind als uns.«
Es war Nacht, als Mirmib ihnen diese Ratschläge erteilte. Sie standen auf dem langen Dock, das pa-rallel zu dem fast fertig gestellten Eissegler verlief. Ethan und Hunnar standen alleine inmitten einer geschäftigen Schar von Handwerkern.
Die abmontierten Duralumkufen wurden gerade vorsichtig mit Winden verladen. Hoffentlich fanden sie in weiter Ferne wieder einen leicht abschüssi-gen Canyon. Ethan bemerkte, wie er schauderte. Die Kälte von minus sechzig Grad machte selbst einem Schutzanzug zu schaffen. Wenn sie einen solchen Canyon fanden, würden sie die Duralum-kufen wieder ausladen, die Räder abmontieren und sich ein neues Ziel suchen, vielleicht das ferne Yealleat. Wie Ta-hoding schon erklärt hatte, waren die Sterne die wichtigste Orientierungshilfe eines Eiskapitäns von Tran, und die Sterne blieben über dem Land dieselben wie über dem Eise.
Am nächsten Morgen verluden sie die letzten Vorräte, als ein kleines Floß in den Hafen gerast kam. Es hing gefährlich nach Backbord über, weil die Mannschaft die Segel zum Bersten gesetzt hatte und jedes Quäntchen Wind ausnützte. Ein einzelner Offizier entstieg ihm und hetzte die Leiter hinauf, obwohl ihm über dem linken Auge Blut aus einer Wunde quoll. Die vier Matrosen, die erschöpft auf dem Deck des kleinen Floßes lagen, wirkten ebenso mitgenommen.
»Die Poyos haben nicht gewartet«, erklärte der Offizier der schnell wachsenden Gruppe von Zuhö-rern, die sich um ihn drängten. »Heute ist der vierte Tag, und sie haben vor zwei Hoid angegriffen, oh-ne Zweifel, weil sie hofften, uns zu überraschen.« Der blutende Offizier gestattete sich ein spöttisches Lächeln. »Das haben sie nicht, obwohl sie stärker sind, als wir dachten.« Er erkannte Hunnar unter den versammelten Tran.
»Es wäre gut für alle, wenn Ihr Euch sobald wie möglich auf den Weg machtet.« Sein Blick wander-te zu den sieben Schleppflößen und den Trossen, die zwischen ihnen und dem Eisklipper gespannt waren. »Ich muß zu meinem Posten zurück. Unsere Wärme ist bei unseren neuen Brüdern. Geht mit dem Wind.« Damit kletterte er wieder über die Reling, ehe jemand Gelegenheit hatte, ihm Fragen zu stellen.
Ta-hoding eilte bereits zum Steuerdeck. Kräne und Trossen wurden schnell entfernt. Die Maate der Slanderscree und die Hafenlotsen von Moulo-kin postierten sich an den Bug. Segel begannen sich zu blähen, ein Aufblühen von Blaugrün und Blau, Blumen der Geschwindigkeit.
Die Nachricht vom Angriff der Poyos verbreitete sich schnell unter der Mannschaft des Eisseglers und der Schleppfahrzeuge. Die Moulokinesen be-eilten sich mit ihren letzten Vorbereitungen. Sie wollten so schnell wie möglich zurückkehren, um bei der Verteidigung ihrer Stadt mitzuhelfen.
Pfeilförmig um den Bug der Slanderscree verteilt, tauschten die sieben Schleppflöße Signale und An-weisungen. Matrosen, die jeweils achtern bereit standen, kümmerten sich jetzt um die Brassen, wo die dicken Trossen für den Eisklipper befestigt waren. Bis jetzt war noch nie ein Pika-Pina-Kabel gerissen, aber man hatte sie bis jetzt auch noch nie dazu eingesetzt, einen Gegenstand zu bewegen, der so schwer wie die Slanderscree war. Wenn eines riß, würde das fliegende Kabel angesichts der Spannung zwischen dem Schiff und dem Schlepper vermutlich ein paar unvorsichtigen Matrosen den Kopf abreißen. Die Tran, die an den Kabelbrassen standen, waren alle Freiwillige.
Ethan aber machte sich eher Sorgen über die Auswirkung der Winde auf den Eissegler, wenn sie sich auf dem Plateau befanden. Selbst mit gerefften Segeln war es durchaus möglich, daß sie gegen eine Canyonwand geschleudert wurden, wenn die Winde sie richtig in den Griff bekamen.
Ein Floß nach dem anderen setzte Segel und be-zog Position, um die sanften Brisen aufzufangen, die durch den geschützten Canyon von Moulokin wehten. Die Trossen spannten sich, summten. Und dann setzte sich der Eisklipper schwerfällig in Be-wegung, glitt lautlos aus dem Trockendock.
Ta-hoding stand dauernd mit einer Reihe von Maaten in Verbindung, die über die ganze Länge des Schiffes verteilt waren. Die ganze Zeit hallten Rufe, flogen von den Schleppflößen zum Eisklip-per, von dort wieder zurück, während alle Betrof-fenen sich bemühten, gleiche Spannung auf allen Trossen zu erzeugen. Es schien unmöglich, aber die Moulokinesen erwiesen sich als ebenso geschickte Steuerleute, wie sie Schiffsbauer waren. Die Tros-sen sangen und dröhnten, verkündeten ungleichmä-ßigen Druck, aber keine riß – nicht einmal bei dem gefährlichsten Manöver, als die sieben Schlepp-fahrzeuge in den Hauptcanyon einbogen und die mächtigen Winde aus dem Inneren sie und ihre ungeheure Last erfaßten.
Ethan rannte nach Backbord und stellte zu seiner großen Erleichterung fest, daß die zweite Mauer, die die Einfahrt in den Canyon versperrte, keinerlei Anzeichen kriegerischer Aktivität erkennen ließ. Das bedeutete, daß die Poyos sich immer noch außerhalb des ersten Walles befanden. Bis jetzt schien die Zuversicht, die K’ferr von Moulokin gezeigt hatte, durchaus berechtigt.
Mächtige Mauern aus dunklem Gestein zogen immer näher, der Korridor einer uralten Katastro-phe. Manchmal sehnte Ethan sich nach mehr Ge-schwindigkeit, denn er hatte den Eindruck, als be-wegten sie sich unendlich langsam. Aber die Reise, auf der sie sich befanden, konnte nicht beschleunigt werden. Nicht, wenn sieben Schiffe so wie eines manövrieren mußten.
Am fünften Tage begannen die allgegenwärtigen Wände zu schrumpfen. Kleine Seitencanyons be-gannen die Klippenränder zu unterbrechen. Einige waren ganz glatt und verschwanden auf dem Pla-teau, während andere in Stufen abfielen, so wie die Topographie von Moulokin. Die leichten, aus den Canyons wehenden Zephire machten das Manöv-rieren noch schwieriger.
Bald fuhren sie zwischen Klippenwänden, die höchstens noch zwanzig Meter hoch waren. Die Toppgasten auf den Masten der Slanderscree konn-ten über sie hinausblicken und das darunterliegende Terrain studieren. Doch sie berichteten nur von gelber, vom Wind gepeitschter, unwirtlicher Wüste.
Am kalten Morgen des elften Tages, als der Ca-nyon aufgehört hatte, ein Canyon zu sein, und nur noch ein Eisstrom war, den sanft abfallende Ufer säumten, fuhren sie in ein Gebiet ein, in dem Wol-ken von Dampf und Nebel die Sicht fast völlig versperrten. Als sie sich dem Ufer näherten, konn-ten die Mannschaften der Flöße dicke, hoch aufra-gende Bäume ausmachen, deren Gipfel sich im Dunst verloren, Bäume mit Stämmen, die dicker waren als selbst die mächtigsten Riesen im Seiten-canyon von Moulokin.
Es dauert nicht lange, bis von dem Floß an der Spitze der pfeilförmigen Formation ein Ruf nach hinten hallte. Sie hatten das Ende des gefrorenen Flusses erreicht, die Trossen wurden gelöst und auf der Slanderscree aufgerollt. Schließlich war auch das letzte Schleppfloß abgekoppelt, und alle sieben hatten sich vorsichtig flußabwärts vom Eisklipper entfernt.
Der hier wehende Wind war unregelmäßig, un-schlüssig. Ta-hoding ließ schnell Segel setzen, während das mächtige Floß langsam, aber ziellos auf dem Eis herumglitt. Befehle wurden erteilt, Rahen aufgerichtet. Ein Geräusch, das für die Oh-ren der Tranmatrosen neu war, drang durch die Nebel: ein tiefes, eindrucksvolles Poltern. Der Eis-klipper bewegte sich jetzt auf Land.
Und blieb stehen.
Die Toppgasten vorne meldeten, daß die ersten zwei Radpaare jetzt auf einem sanft geneigten Strand aus Kies und grasbedecktem Felsgestein ruhten. Ta-hoding überlegte. Offenbar mußten sie mehr Segel setzen. Dennoch hatte er immer noch gewisse Vorbehalte, auf nacktem Boden zu segeln. Williams, der nahe bei ihm auf dem Steuerdeck stand, gab sich große Mühe, ihn zu beruhigen.
Doch der schwerfällige Kapitän blieb skeptisch. »Ich hätte viel lieber gutes, solides Eis unter mei-nen Kufen als«, er sprach es wie ein obszönes Schimpfwort aus, »nackten Boden. Trotzdem, wir müssen mehr Wind aufnehmen.«
Weitere Segel wurden gesetzt. Die gleichmäßigs-te, stärkste Brise kam aus dem Norden. Ta-hoding befahl, die Segel entsprechend umzusetzen. Frische Pika-Pina-Bahnen blähten sich ebenso prall wie der Bauch des Kapitäns. Ein unglaubliches ächzendes und stöhnendes Geräusch wurde unter dem Rumpf des Schiffes laut und erschreckte die darauf nicht vorbereiteten Matrosen, die es gewöhnt waren, fast lautlos über glattes Eis zu gleiten. Das mahlende Geräusch, das die massiven Räder und der Steinbo-den erzeugten, war für sie beunruhigend neu. Man mußte dabei die ganze Zeit an brechende Schiffs-planken denken.
Aber so unästhetisch es auch sein mochte, das dritte, vierte, fünfte und schließlich auch sechste Räderpaar bewegte sich landeinwärts, schließlich gefolgt von dem einzelnen Steuerrad.
Die Moulokinesen auf den Flößen stießen be-scheidene und zurückhaltende Beifallsrufe aus, als die Slanderscree schwerfällig aber beständig berg-auf zu rollen begann.
Ta-hoding schöpfte jetzt langsam Vertrauen und ließ ein paar weitere kleine Segel setzen. Die Ge-schwindigkeit des Schiffes nahm zu. Vom vorders-ten Schleppschiff wurde ihnen ein Abschiedsgruß nachgerufen. Ethan und Hunnar erwiderten Minis-ter Mirmibs Winken.
»Ob wir sie wohl wiedersehen?« fragte Hunnar.
»Die Frage ist nicht ob, sondern wann«, meinte Ethan erstaunlich zuversichtlich. »Sofold und Mo u-lokin gehören jetzt derselben Konföderation an, der Union des Eises, vergiß das nicht.«
Hunnar sah ihn verlegen an. »Neue Gedanken schlagen auf meiner Welt nur langsam Wurzeln, Freund Ethan. Es fällt mir immer noch schwer, die Bedeutung so vieler neuer, fremdartiger Dinge zu begreife n, die sich alle seit eurer Ankunft in Sofold vor so kurzer Zeit ereignet haben. Ich nehme an, die Ereignisse werden sich für mich und ganz Tran noch viel schneller ändern, wenn wir einmal Kon-takt mit euren Leuten, mit den Leuten der anderen Welten haben werden.«
»Ja, das werden sie wohl, Hunnar«, gestand E-than. Die Worte des Ritters lösten in ihm Gefühle aus, die miteinander in Konflikt standen. Hatten sie den richtigen Kurs gewählt, indem sie versuchten, diese Leute in die galaktische Gemeinschaft zu treiben? Auf ihre Art waren die Tran ja einigerma-ßen mit ihrem Platz im Universum zufrieden. Wer konnte vorhersagen, welchen Einfluß einige der weniger wohlmeinenden Elemente der Homanx-Zivilisation auf dieses stolze, selbstbewußte Volk haben würden? Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen würden solche Elemente ebenso sicher ihren Weg nach Tran-ky-ky finden, wie es immer Parasiten gab, die einen Wirtskörper dann befielen, wenn dieser nicht auf der Hut war.
Und welche Rechtfertigung hatten sie eigentlich bis jetzt für das, was sie getan hatten? Die Gefahr, daß eine Ecke einer riesigen Welt kommerziell ein wenig ausgebeutet wurde? Natürlich würde diese Ausbeutung, wenn man ihr nicht Einhalt gebot, am Ende die Hoffnungen dieser ganzen Welt ersticken, und dennoch…
Und dann dachte er an die Morde, an all das Schreckliche, das er von nomadischen Horden von Tran-ky-ky gehört hatte. Von den Raubzügen, mit denen sie unschuldige Stadtbewohner heimsuchten, von ganzen Städten, die ausgelöscht wurden, und von der sich immer wieder ausbreitenden Herr-schaft nackter Barbarei. Er dachte an die Grausam-keiten, die die erblichen Herrscher verübten, die für ihre Machtposition einfach nicht reif waren, Tran-führer von der Art eines Tonx Ghin Rakossa von Poyolavomaar oder eines Calonnin Ro-Vijar von Arsudun.
Nein, wenn man die Dinge in Relation zueinander brachte, neigte sich die Waage zugunsten ihrer Intervention. Er, Ethan Frome Fortune, sprach sich von Schuld frei. Sie handelten hier nicht als Kon-taktberater der Vereinigten Kirche, nicht als Minis-ter des Commonwealth, nein, nur weil sie diejeni-gen waren, denen unerwartet die Chance zuteil geworden war, ETWAS ZU TUN.
Ein Handelsvertreter tat das – er. Ein Lehrer, der so sanft und bedacht war, wie er das je an einem Menschen erlebt hatte. Ein Hüne, der mehr als ein Kabinettsminister und weniger als ein Heiliger war. Diese drei hatten es auf sich genommen, den Tran zu helfen, und jetzt hatten die Tran es auf sich ge-nommen, sich selbst zu helfen. Wenn noch eine Anzahl weiterer Gespräche stattfa nd, wie das, in dem Moulokin und Sofold sich vereint hatten, wür-den ihre persönlichen Entscheidungen gerechtfer-tigt werden. Solch hochtrabende Gedanken hielten ihm die brutale fremde Kälte fern, die außerhalb seines Schutzanzuges herrschte, hielten ihn davon ab, über eine andere, durchaus reale Möglichkeit nachzudenken – daß er nämlich auf dieser fernen, unbekannten, durch und durch unwirtlichen Welt für eine verlorene Sache sterben könnte.
14
Der Eisfluß war schon lange hinter ihnen ver-schwunden, und die Matrosen der Slanderscree wurden nicht müde, den dichten Nebel zu besta u-nen. Nicht, daß sie mit dem Phänomen unvertraut gewesen wären; die Bergkämme, die ihre Heima t-insel Sofold beherrschten, trugen zahlreiche Schmelzen. Aber nicht so viele wie hier. Wohin auch ihr Blick schweifte, überall rannen kochende Tümpel und Ströme die Hänge herunter. Die Me n-ge an frei fließendem Wasser war den Tran so fremd, wie ein Fluß aus flüssigem Sauerstoff dies auf Terra gewesen wäre.
Zur Erleichterung aller stieg das Gelände, das sich als das geringste ihrer Probleme erwies, weiterhin leicht an, glatte Erde und Kies, die nur gelegentlich von einem Bach unterbrochen wurden. Die breites-te Vulkanspalte, die sie überqueren mußten, war weniger als einen Meter breit. Es gab keine Schluchten oder Nebencanyons.
Wie als Ausgleich für die unerwartet regelmäßige Topographie fanden sich Hindernisse in Gestalt gelegentlicher Bäume, die zu massiv waren, als daß der sich langsam nach vorne schiebende Segler sie hätte zu Boden drücken können. Sie wuchsen so dicht, daß das Schiff wenigstens zweimal täglich zum Anhalten gezwungen war. Dann mußte ein Arbeitstrupp über Bord gehen und das Hindernis fällen. Der Rumpf lag hoch genug, um auch über den breitesten Baumstumpf hinwegzugleiten.
Und dann fuhren sie über eine Art der Bodenbe-deckung – oder wälzten sie nieder – die den Tran aus Sofold ebenso fremd war wie das laufende, dampfende Wasser: Büsche und kleine Bäume, Farne und Bromeliaden bedeckten die Oberfläche überall, wo sich genügend Erdreich angesammelt hatte, um ausreichendes Wurzelwachstum zu er-möglichen. Das waren die fremdartigen Pflanzen, die Minister Mirmib Ethan gegenüber erwähnt hat-te, als sie in den Hafen von Moulokin eingefahren waren.
Vegetation dieser Art konnte hier einzig und al-lein wegen der Hitze und Feuchtigkeit existieren, die die vulkanischen Quellen lieferten. Ethan und Williams diskutierten ausführlich über die Herkunft der grotesk anomalen, tropischen Vegetation, ins-besondere, ob sie nun wegen der in dieser Region existierenden Umstände hier entstanden war, oder ob es sich um Überreste der Flora eines wärmeren Klimas aus der fernen Vergangenheit Tran-ky-kys handelte.
Die großen Räder pflügten sich durch verfaulte, umgestürzte Stämme und verscheuchten Scharen winziger krieche nder Tiere und schleuderten Frag-mente von Pilzen in die Höhe. Zwölf Räder hinder-ten das Floß daran, in gelegentlich weicheren Regi-onen steckenzubleiben.
Williams versuchte abzuschätzen, welche Höhe sie inzwischen erreicht hatten, stellte aber fest, daß Dampf und Nebel ihm genaue Berechnungen un-möglich machten. Seine Vermutungen hinsichtlich der linearen Entfernung, die sie zurückgelegt hat-ten, waren präziser. Der Nebel machte die übliche Navigation unmöglich. Ta-hoding sorgte einfach dafür, daß sie auf Ostkurs blieben, und hoffte da-bei, daß sie sich immer noch im Hauptcanyon be-fanden.
An manchen Stellen, wo das Terrain flacher war, fanden sie nicht nur Büsche und Farne, sondern auch Beeren und die ersten Blumen, die Ethan auf Tran-ky-ky gesehen hatte. Obwohl die Blüten die Tran faszinierten, fand Ethan sie zwar hübsch, aber nicht ungewöhnlich. Williams zermarterte sich den Kopf, wie sie wohl befruchtet wurden, und in Ge-sprächen mit dem Tranzauberer Eer-Meesach ver-suchte er derartige Begriffe zu erklären.
»Die Hitze macht dieses Wachstum möglich«, er-klärte der Lehrer dem alten Tran.
»Das behauptest du schon die ganze Zeit. Erzähle mir mehr von dieser Pollenbefruchtung. Du hast mir immer noch nicht genau erklärt, was eine Biene ist?«
Während dieses Gesprächs entfernte der Zauberer die letzten Überreste seiner Kleidung. Man hatte sich angewöhnt, an Bord nackt zu gehen, ein Brauch, dem sich männliche und weibliche Mann-schaftsmitglieder in gleicher Weise anschlossen. Dabei ging es nicht um die Frage der Schamhaftig-keit, sondern des Überlebens.
Tatsächlich war die Temperatur inzwischen bis zu einem Punkt angestiegen, daß die drei Menschen sich ohne Schutzanzug bewegen konnten, denen eine mehr als überfällige Lüftung zuteil wurde. In Unterkleidung herumzulaufen, war für Ethan und seine Gefährten höchst vergnüglich, aber für die Mannschaft begann die Hitze ein Problem zu wer-den. Einige von Ta-hodings Matrosen begannen unter etwas zu leiden, was ihnen völlig neu war: durch Hitze hervorgerufene Erschöpfung. Ta-hoding stellte sein kühlendes Keuchen und Hecheln nur ein, wenn er sprechen mußte, und reduzierte seine Befehle auf das Minimum. Da ein Matrose nach dem anderen seine Arbeitszeit einschränken mußte, wurde die Arbeit immer wieder neu einge-teilt, bis die Slanderscree mi t einer gefährlich klei-nen Mannschaft operierte. Wenn sie nicht bald eine Zone kühleren Klimas erreichten, würden ihnen nicht mehr genug aktive Matrosen zur Verfügung stehen, um das Schiff richtig unter Kontrolle zu halten.
Als von vorne der schwache Ruf ertönte, ignorier-ten Ta-hoding und die anderen ihn zuerst und dach-ten, es handle sich wieder nur um den enttäuschten, frustrierten Fluch eines überhitzten Matrosen. Aber als dann ein zweiter Ruf ertönte: »Steuerdeck A-hoi!« wurde ihnen klar, daß es sich hier ganz ent-schieden nicht um die Stimme eines von Hitze ge-quälten Maates handelte.
Ein Mittschiffsmaat gab mit heraushängender Zunge die Nachricht weiter. Trotz des Feuchtig-keitsmangels klang seine Stimme erstaunt. »Cap-tain, Bugsprietausguck meldet Leute Backbord.«
Ta-hoding ließ sämtliche Segel reffen. Murrende Matrosen in der Takelage mühten sich erschöpft ab, dem Befehl nachzukommen. Auch Ethan hatte die Meldung gehört. Bald hatte sich über der ersten Achse, genau über dem backbordseitigen Rad, eine kleine Gruppe gesammelt.
Unten standen drei der Goldenen Saia und blick-ten mit beiläufigem Interesse auf die Gesichter an der Reling, die zu ihnen hinunterstarrten. Auch Ethan starrte sie an, ohne dabei an seine guten Ma-nieren zu denken. Er war nicht weniger fasziniert als Ta-hoding, Hunnar, oder irgendeiner der ande-ren Tran.
Es erinnerte ihn an ihr erstes Zusammentreffen mit Hunnar und seiner Streife, kurz nach der Bruchlandung ihres Rettungsbootes auf Tran-ky-ky. Hunnar hatte geglaubt, Ethan und die anderen Menschen seien irgendeine seltsame, haarlose Va-riante der Trannorm. Und hier, wo sie keinerlei Recht auf Existenz hatten, gab es eben diese Vari-anten, an die Hunnar damals gedacht hatte. Denn wenn die drei Zweibeiner dort unten auch den Tran in vieler Hinsicht glichen, waren die Unterschiede doch auffällig und bedeutsam.
Alle drei waren Männer und wie die Mitglieder der Mannschaft der Slanderscree gebaut. Aber an-stelle des längeren, stahlgrauen Pelzes, den Hunnar und seine Landsleute trugen, waren die Saia in kurzhaarigen, dünnen Pelz gehüllt, der so spärlich war, daß man an manchen Stellen die bloße Haut sehen konnte.
Und dieses dünnere Pelzkleid war buttergelb statt grau, mit einzelnen braunen oder bernsteinfarbenen Flecken.
Als einer seinen Speer hob und sich dann darauf stützte, atmeten die Tran an der Reling fast gleich-zeitig erstaunt auf. Diese Kreaturen hatten keine Dan! Die den Wind auffangende Membrane, die alle anderen Tran zwischen der Hüfte und dem Handgelenk trugen, fehlte völlig. Ein solcher Schock ließ die nächste Entdeckung fast bedeu-tungslos erscheinen. Die Saia trugen Sandalen an den Füßen. Für normale Tran war das wegen ihrer Chiv unmöglich. Statt der langen, kräftigen Schlitt-schuhklauen zeigten die drei Eingeborenen dort unten Klauen an ihren Füßen, die nicht länger wa-ren als die an ihren Händen.
Ihre gelb-schwarzen Katzenaugen waren iden-tisch, ebenso wie die zugespitzten, nervös zucke n-den Ohren. Aber das Fehlen der Chiv und der Dan, im Verein mit dem kurzen, hellen Pelz, schien auf eine Abart der Tran hinzudeuten, die sich vom Durchschnitt ebenso stark unterschied wie ein Ne-andertaler von einem Cro-Magnon-Menschen.
»Wirklich erstaunlich, Freund Ethan.« Der Ha n-delsvertreter sah den Lehrer etwas unsicher an, der neben ihm stand. Williams überlegte einen Auge n-blick lang und wurde dann verlegen. Er hatte ganz gewohnheitsmäßig tranisch gesprochen und hatte daher bei der Anrede Ethans ganz automatisch die verehrende Anrede benutzt.
»Es scheint sich um eine spezialisierte Variante unbestimmten Alters zu handeln«, fuhr er hastig fort, »die an das Leben in dieser heißen Region angepaßt ist. Vielleicht ist dies der einzige Stamm auf Tran-ky-ky, der so modifiziert ist.«
Die Gespräche an Bord der Slanderscree ver-stummten, als einer der drei laut, aber nicht beson-ders deutlich, sagte: »Seid gegrüßt!« Der Akzent unterschied sich radikal von allen Akzenten, die Ethan bis jetzt gehört hatte. Die Worte klangen weniger guttural und waren dem Terranglo ähnli-cher als der Symbosprache, als das bei dem übli-chen Tranisch der Fall war.
Die Moulokinesen hatten nicht übertrieben, als sie auf die Besonderheiten der Saia hinwiesen, sagte er sich, während er sich anschickte, über eine Enter-leiter hinunterzuklettern, um dem Triumvirat gege-nüberzutreten, das sie geduldig erwartete. Insge-heim belustigte ihn die Ansicht der Moulokinesen, daß diese Leute vielleicht über mystische Kräfte oder spezielles Wissen verfügen könnten. Sie wa-ren weniger haarig und auf dem Eis weniger be-weglich, das war alles.
Trotzdem fühlte Ethan sich wohler, als sein Fuß den Boden berührte, und er sich herumdrehen und ihnen ins Auge sehen konnte. Sir Hunnar und Elfa, die ihm folgten, fühlten sich weniger wohl, aber das lag an dem festen Boden und nicht an der Ge-genwart der Saia.
Hunnar ging auf die drei zu und bewegte sich wie ein schwerfälliges Neugeborenes auf dem Gras. Seine scharfen Chiv zerdrückten es, so daß er sie mit grünem Saft besudelte. Ihm war das Ganze unheimlich, aber er gab sich größte Mühe, sich davon nichts anmerken zu lassen. Als die drei nichts unternahmen, drehte er sich um und sah er-wartungsvoll Ethan an.
Der sagte ganz langsam, um verstanden zu wer-den: »Unser Atem ist eure Wärme.« Das war der traditionelle Trangruß, kam den drei Fremden aber offenbar höchst amüsant vor. Sie murmelten mi t-einander wie Leute, die sich auf einer Party einen Witz erzählen.
»Wir kommen von einem fernen Ort«, fuhr Ethan mit fester Stimme fort, ohne auf die Belustigung einzugehen, die er offenbar erzeugt hatte. »Wir kommen mit dem Segen der Moulokinesen, unserer guten Freunde. Sie sagen, ihr wäret ihre Freunde und hoffen, daß ihr diese Freundschaft auch auf uns ausdehnen werdet.«
Die drei Saia starrten Ethan aus ihren schwarzen Pupillen an, die etwas schmaler schienen als die der normalen Tran, aber das lag vermutlich nur an E-thans Fantasie.
Schließlich wandte sich der in der Mitte seinem Gefährten zur Rechten zu und sagte, so daß alle es hören konnten: »Was für ein seltsames Wesen das doch ist. So klein und mit weniger Haaren als selbst wir.«
»Ja, und da sind noch zwei weitere.« Der zweite Saia deutete auf Williams und September, die noch an der Reling standen. »Und wie verschieden sie sind! Der da…« – damit mußte er September mei-nen – »hat die richtige Größe, aber er ist genauso haarlos. Der andere ist sogar noch kleiner als der eine, der zu uns spricht, aber seine Bedeckung ist dunkelbraun, statt golden oder grau.«
Jetzt trat der dritte Saia vor. »Wir heißen euch als Freunde unserer Freunde in Moulokin willkom-men«, sagte er zu Ethan und Hunnar und blickte dann mißbilligend auf seine Gefährten. »Habt ihr keine Manieren?« Er legte die mit goldenem Pelz bedeckten Pfoten auf Ethans Schultern, atmete ihm aber nicht ins Gesicht, wie das sonst üblich war.
»In vieler Hinsicht«, sagte er dann, ließ die Pfoten sinken und musterte Ethan neugierig, »ähnelt uns der hier mehr als unsere Eisbrüder.«
Plötzlich wurde Ethan bewußt, wie wahr das doch war. Ohne Dan und Chiv und mit einer Hautfarbe, die dem Gold näherkam als dem Grau, glichen er und September den Saia tatsächlich. Auf den ersten Blick hätte ein oberflächlicher Beobachter anne h-men können, daß Saia und Menschen verwandt wären, statt Saia und Tran. Nicht, daß die Saia et-was anderes gewesen wären als eine Gewächshaus-version der Bewohner dieses Planeten. Ihre Augen und Ohren bewiesen das ebenso wie die Extremitä-ten.
»Wir kommen«, begann Ethan seine inzwischen bereits vertraute Geschichte, »von einer anderen Welt als dieser.« Die sofortige Reaktion des redse-ligen Saia war alles andere als vertraut.
»Das ist offensichtlich.« So als spräche er über etwas ganz Selbstverständliches, lehnte er sich auf seinen Speer und rieb an der feingewebten Weste, die er trug. »Von welchem Stern, und wie weit entfernt?«
Wenn Ethan jetzt sprachlos war, dann nicht, weil ihm die Worte fehlten. Und als seine Gedanken dann aufhörten, sich im Kreise zu drehen, kam er auf die Idee, auf den aufwallenden Dampf zu zei-gen. »Euer Land mußte stets so wie jetzt sein. Wie kommt es, daß ihr von anderen Sternen wißt, wo ihr doch nicht einmal den Himmel sehen könnt? Und wie kommt ihr auf die Idee, daß dort draußen auch Leute leben?«
»Legenden.« Der Saia veränderte seine Haltung etwas. »Wir haben viele Legenden. Sie sind unser Erbe. Wir haben großen Respekt vor diesen Lege n-den.«
An diesen Leuten war tatsächlich etwas, das auf verschwundene Größe deutete, dachte Ethan. Sie hielten sich anders als die durchschnittlichen Tran, so, als wären sie sich bewußt, etwas Besonderes zu sein, etwas Einmaliges, das weit über bloße physi-sche Unterschiede hinausging.
Hatte es auf Tran-ky-ky einmal eine hohe Zivili-sation gegeben? Und wenn dem so war, waren die-se Saia dann vielleicht Überreste einer solchen Zivilisation? Oder waren sie vielleicht einfach nur Empfänger von Wissen, das andere Leute ihnen übergeben hatten, Leute, die es jetzt entweder nicht mehr gab, oder die von einer anderen Welt stamm-ten? Wurden Hunnar und seine Leute – und alle anderen Tran – dadurch nicht zu degenerierten Abkömmlingen einer höheren Spezies, anstatt der Gipfel der Entwicklung auf Tran zu sein?
Aber das unterschiedliche Aussehen und Auftre-ten waren kein hinreichender Beweis für Überle-genheit. Hunnar und seine Gefährten betrachteten das Fehlen von langem Pelz, Dan und Chiv als Verbildungen, nicht als Beweis einer weiter fortge-schrittenen Entwicklung. Und wie stand es um die Kleidung dieser Saia? Einfache Westen und Röcke, eine gut geformte, aber doch primitiv aussehende Axt aus Metall an der Hüfte, Speere – nichts, was auf das Wissen um fortgeschrittene Technik hin-deutete. Sie schienen in ihren Errungenschaften, wenn nicht ihrer Haltung ebenso barbarisch zu sein wie alle anderen Tran.
Nur – Ethan bemühte sich um die richtige ge-dankliche Formulierung – psychologisch schienen sie fortgeschrittener. Sie waren offen und freund-lich, nicht so mißtrauisch und argwöhnisch wie andere Tran. Viele primitive Völker kultivierten den Eindruck, mehr zu wissen, als tatsächlich der Fall war. Das war ohne Zweifel zu ihrem Vorteil, besonders wenn sie zahlenmäßig schwach waren. Der Anspruch auf übernatürliche Fähigkeiten, oder die Abkunft von mächtigen Ahnen half zweifellos, kriegerischer eingestellte Verwandte wie die Mou-lokinesen zu beeindrucken und bei ihnen so etwas wie Angst oder Ehrfurcht zu erzeugen. Eine Schutzfarbe kann ebenso verbaler Natur sein, erin-nerte er sich, das beeinträchtigte ihre Wirksamkeit keineswegs.
Nicht daß sie schwach und hilflos gewesen wären. Die Axt und die Speere mit den Metallspitzen sa-hen durchaus wirkungsvoll, wenn nicht gar fort-schrittlich aus. Zumindest was ihre Fähigkeiten in der Metallbearbeitung anging, hatten die Mouloki-nesen nicht übertrieben.
»Wohin führt euer Weg, Fremde?« erkundigte sich der mittlere Saia, nachdem einige Versuche, ein oder zwei Sterne des Commonwealth zu identi-fizieren, auf unüberwindliche semantische Schwie-rigkeiten gestoßen waren.
Ethan deutete nach Südwesten. »Ins Landesinnere und weiter. Um zu forschen und, wie wir hoffen, einen weiteren Canyon zu finden, der diesem hier ähnlich ist.«
»Kennt ihr einen solchen Ort?« Hunnars Frage klang wohl härter, fordernder, als er das beabsich-tigt hatte. Neben diesen selbstsicheren, gelockerten Leuten kam er sich schwerfällig vor.
»Nein, wir kennen keinen.« Die Stimme des mitt-leren Saia klang, als wolle er sich dafür entschuldi-gen.
»Wir können nur wenige Kijat über die Grenzen unseres Landes hinaus reisen. Die Kälte wirkt schneller auf uns, als die Hitze unsere dickpelzigen Brüder aus dem Eis beeinträchtigt.« Ethan regist-rierte, daß sie dieselben Maßeinheiten wie andere Tran benutzten.
»Wir sind nicht imstande, anderswo als hier zu wohnen. Wir wissen durch eigenen Augenschein nichts vom Landesinneren. Doch unsere Legenden sagen uns, daß es verwunschen ist.« Auf einen fra-genden Blick von Elfa hin, fügte er hinzu: »Böse Geister der vor langer Zeit Verstorbenen, die unrein gestorben sind. Wußtet ihr das nicht?« Er blickte erstaunt von einem seiner Begleiter zum anderen und sah dann wieder die Besucher an. »Wohin, glaubt ihr denn, gehen die Geister der Toten?«
»Unsere Legenden«, erklärte Elfa entschieden, »besagen, daß sie ins Land der Toten gehen, wo sie in ewigem Frieden leben. Ein Ort des Gesanges und der sanften Winde.«
»Vielleicht ist das wahr.« Ob der Saia das wirk-lich glaubte oder nur höflich war, konnte Ethan nicht sagen. »Doch wenn dem so ist, so gilt es nur, wenn jener Friede nicht von den Lebenden gestört wird. Deshalb würden wir selbst dann nicht ins Innere ziehen, wenn wir dazu imstande wären.« Er sah sie warnend an.
»Wenn man sie stört, ist die Rache der Toten un-vorstellbar.« Er hob den Speer und deutete damit landeinwärts. »Geht jenen Weg in das Land der unreinen Toten, wo die Geister in zielloser Wut leben. Vielleicht richten sie ihren Zorn auf euch, die Lebenden, vielleicht auch nicht. Wir werden euch nicht aufhalten. Das würden wir auch dann nicht tun, wenn wir es könnten. Aber wir werden als Freunde euer Hinscheiden beklagen. Es wird ihnen nicht gefallen«, schloß er dann bedeutsam, »daß man sie stört. Jeder Tran kann seinen Tod selbst wählen. Was uns betrifft, so bietet uns der Tag Licht, und wir müssen jagen. Lebt wohl!« Er lächelte Ethan an, so wie Tran lächeln. »Lebe wohl, pelzloser Freund. Unsere Legenden lügen nicht.«
Als sie das Schiff wieder bestiegen hatten, um-ringten sie erregte Matrosen und Ritter, die das Gespräch nicht hatten mitanhören können. Als E-than seinen kurzen Bericht beendet hatte, tanzte Williams wie ein von einer Vision Besessener her-um – was er in gewissem Sinne ja auch war. »Wir müssen ihnen folgen! Ich muß ihr Dorf sehen, muß lernen, wie sie sich einem Klima angepaßt haben, das sich radikal vom Rest dieser Welt unterschei-det. Wir müssen ihre Legenden aufzeichnen, sie interpretieren…«
»Wir müssen«, unterbrach ihn September mit ei-ner Stimme, die erkennen ließ, daß er nicht vorhat-te, sich auf lange Diskussionen einzulassen, »land-einwärts gehen und so schnell wie möglich einen Weg von diesem Plateau herunterfinden, Milliken. Dies ist keine wissenschaftliche Expedition.«
»Aber eine Entdeckung dieser Größenordnung!« jammerte Williams. Und dann klang seine Stimme plötzlich fest. »Ich muß in aller Form protestieren, Skua.« Er stemmte die Hände in die Hüften und funkelte den Hünen kampflustig an.
September wog mindestens doppelt so viel als der winzige Lehrer. Ohne auf die Kampfeslust des an-deren einzugehen – ohne Zweifel ein Produkt eines Jahres auf Tran-ky-ky –, antwortete September humorlos:
»Okay, nachdem du das jetzt losgeworden bist, fahren wir weiter.« Als es dann freilich so aussah, als würde der steigende Blutdruck des Lehrers ihm mehr schaden, als September das je zuwege brin-gen konnte, fügte der Hüne tröstend hinzu: »Milli-ken, ich bin bestimmt genauso neugierig wie du, was diese Leute angeht, aber schließlich gibt es eine ganze Menge mehr Leute, denen wir versu-chen müssen zu helfen, erinnerst du dich nicht?«
»Das ist wahr, Freund Williams«, fügte Sir Hun-nar hinzu. »Wir sollten weiterziehen.« Der Lehrer wandte sich in seiner Verzweiflung zu Ethan, der nur ein Achselzucken für ihn übrig hatte.
»Die haben recht, Milliken. Weißt du, wir…«
»Barbaren. Ich bin von lauter Barbaren umgeben. Wo ist Eer-Meesach?« Er rannte davon und suchte das einzige Wesen, das er hier als intellektuell e-benbürtig anerkannte, rannte zu der Kabine im zweiten Stock hinauf, als wäre ein Stavanzer hinter ihm her.
Ethan lächelte, als er dem Lehrer nachblickte, der die steile Rampe neben dem breiteren Eispfad hin-aufeilte. Als sie auf dieser Welt abgestürzt waren, waren die Muskeln des Kleinen wahrscheinlich der Anstrengung, eine solche Rampe zu besteigen, überhaupt nicht gewachsen gewesen, geschweige denn in diesem Tempo. Tran-ky-ky hatte vielleicht ihre Kreditsalden nicht verändert, aber andere Ak-tiva hatten sie ohne Zweifel ausgebaut.
Diese Gedanken kamen ihm, weil ihn die wallen-den Nebel und das saftige Grün, das sie hier um-gab, an Länder und Welten erinnerten, die mensch-lichem Leben freundlicher gegenüberstanden. Die-ser Ort hier war zu freundlich. Dabei brauchte man nur ein paar tausend Meter weit in irgendeine Rich-tung zu gehen, und die Temperatur würde um fast hundert Grad sinken.
»Unser Freund stellt uns mit dir auf eine Stufe, Hunnar.« September sah den Ritter erwartungsvoll an. »Dann laß uns weiterziehen. Oder fürchtest du diese Geister und Nachtmahre, die die Saia so zu lieben scheinen?«
Hunnar sah ihn beleidigt an. »Wir werden uns mit allem auseinandersetzen, was sich uns in den Weg stellt, Freund Skua, sei es nun Rakossa von Poyo-lavomaar oder die Geister meiner Väter.«
»Jene, die durch die Hölle gezogen sind, lassen sich nicht von den Geschichten von Jägern abhal-ten, die die Hitze weich gemacht hat«, sagte Elfa mit bewunderungswürdige m Selbstvertrauen. Dann senkte sie die Stimme, so daß nur die sie verstehen konnten, die unmittelbar bei ihr standen. »Dennoch wäre es wohl gut, wenn man der Mannschaft nichts davon sagte.«
Ethan und die anderen waren sofort einverstan-den. Wenn auch Elfa und Hunnar und ein paar der gebildeteren Tran durchaus mit abergläubischen Gerüchten fertig werden konnten, galt das keines-wegs für die durchschnittlichen Matrosen. Man brauchte ihnen bloß zu sagen, daß sie nach Ansicht der Saia im Begriffe waren, in das La nd der Toten einzuziehen und der Geisterwelt gegenüberzutreten – dann wäre es durchaus möglich, daß die Slan-derscree plötzlich in die falsche Richtung fuhr. Ob Mensch oder Tran, es ist leichter gegen einen Sturm zu kämpfen als gegen die Ängste, die in den Tiefen des Bewußtseins wohnen.
Es wurden die Segel gesetzt, und der Eissegler polterte wieder bergauf. Zwei Tage später began-nen sich die Nebel zu lichten. Einmal dachte Ethan, er sähe einen Kreis sorgfältig gebauter, hölzerner Häuser. Nicht daß sie besonders auffällig gewesen wären, aber sie unterschieden sich radikal von den vertrauten Steinbauten mit den kräftigen Balken, die alle anderen Tran sich zur Wohnung gewählt hatten. Er verschwieg dem immer noch schmollen-den Williams seine Entdeckung und die Feststel-lung, die sich daran angeschlossen hatte.
Der Nebel wurde nicht allmählich dünner. Viel-mehr erreichten sie einen Punkt, wo er einfach auf-hörte, eine leicht wogende Wand aus Dampf. Von nun an sahen sie keine Anzeichen der Goldenen Saia mehr. Eines Tages würde Ethan zurückkehren und sich die geheimnisvollen Legenden eines ver-gessenen Volkes anhören. Das nahm er sich fest vor. Er war nicht ehrlich genug, um zuzugeben, daß er, sobald er wieder im bequemen Schoß der Commonwealth-Zivilisation eingezogen war, ver-mutlich die Reisepläne vergessen und die Tran-ky-ky nur in seiner Erinnerung bewahren würde.
Für den Augenblick richtete er seine Aufmerk-samkeit nach draußen. Sie mußten hier eine Konfö-deration ausweiten, eine Union des Eises schmi e-den, und hatten nicht ein Leben lang Zeit, um es zu tun.
Das Gras wurde gelb und spärlich. Bäume wichen Büschen, und Farne und Blumen verschwanden hinter ihnen. Die Slanderscree hatte eine hochgele-gene, weite Ebene erreicht. Während sie über nack-ten Kies und spärliche Gräser dahinpolterten, be-gann der Wind sich zu erheben, ein alter Vertrauter, gleichsam aus dem Urlaub zurück. Bald wehte er wieder mit vertrauter Stärke. Die Tran schienen das zu genießen.
Die Mannschaft hatte die fremde Umgebung ohne größere Blessuren überstanden, wenn auch Eer-Meesach immer noch einige Patienten hatte. Die Temperatur fiel, und die Menschen hatten schon lange wieder ihre Schutzanzüge angelegt und die Tran ihre schweren Hessavarpelze.
Sie empfingen keine Besuche der Geister der To-ten oder sonstiger Fabelgestalten. Dafür war die Stimmung der Matrosen mit Rückkehr angenehmer klimatischer Bedingungen wieder gestiegen.
Das Land stieg langsam an, und im Norden und Osten zeigten sich ziemlich steile Berge. Nach ei-ner kurzen Diskussion mit Ta-hoding wurde der Beschluß gefaßt, Südkurs einzuschlagen. Am Ende würden sie den westlichen Rand des Plateaus errei-chen und dort einen Weg nach unten suchen. Im gleichen Maße wie der Wind zunahm, stieg auch ihre Geschwindigkeit. Nicht lange, und sie fuhren mit nicht gerade atemberaubendem, aber durchaus respektablem Tempo dahin. Es dauerte nicht lange, bis alle an Bord sich an den gezähmten Donner der zwölf mächtigen Räder gewöhnt hatten. Sie sahen sich immer noch von gelblichem Gras umgeben, das sich offenbar große Mühe gab, in dem spärli-chen Boden verwurzelt zu bleiben. Der Chefkoch des Floßes machte eines Abends den Versuch, eine Mahlzeit daraus zu bereiten, und wenn auch alle zugaben, daß es eßbar war, drängte doch niemand danach, größere Mengen zu ernten. Es erwies sich als zäh, geschmacklos und schwer verdaulich.
Tagelang sahen sie nichts, das einem Baum ähnel-te. Weit voneinander entfernte meterhohe Büsche, die entfernt an Weiden erinnerten, kamen ihnen noch am nächsten. Ihre dicht ineinander verwobe-nen Äste und Zweige hatten die Konsistenz von Draht. Ethan wollte sich mit Hilfe seines Strahlers eine Probe abschneiden, und diesmal erhob Willi-ams Einspruch. Er sah den isoliert stehenden, nicht gerade eindrucksvollen Klumpen Vegetation an und sagte: »Alles, das in dieser Verlassenheit über-leben kann, verdient es, ungestört zu bleiben.« Worauf Ethan seinen Strahler wieder einsteckte.
Der Wind wehte gleichmäßig und berechenbar. Das verschaffte den Matrosen Zeit, die sie brauch-ten. Sie lernten schnell, aber ein Schiff von der Größe der Slanderscree auf Land zu bewegen, un-terschied sich doch radikal von der Arbeit, dies auf dem Eise zu tun.
Ethan verbrachte viel Zeit damit, die Parade fer-ner Berge zu betrachten. Er dachte dabei an die Goldenen Saia. Theoretisch betrachtet war es durchaus möglich, daß die Geister der Hingeschie-denen auf irgendeine unglaubliche und unvorstell-bare Art hier verweilten – daß sie sich aber wie Touristen versammelten, schien ihm undenkbar. Und wenn dem doch so sein sollte, weshalb dann gerade eine so unattraktive Region wie diese wäh-len? Freilich, die Saia hatten erklärt, sie liebten ihre Abgeschiedenheit, und dieses weite Plateau bot ihnen diese ohne Zweifel, aber…
Er hielt mitten im Gedanken inne. Endlose Tage der langweiligen Landschaft hatten ihn förmlich eingelullt und dazu verführt, sich alle möglichen Fantasiebilder vorzugaukeln. Hier draußen war nichts, außer weit verstreuten Drahtbürsten und kargem Gras.
Nichts.
»Enormes Eisfloß? Was für ein enormes Eisfloß? Wahrhaft, Eure Fantasie ist sehr unterhaltsam, mei-ne Gäste!«
K’ferr Shri-Vehm, Landgraf von Moulokin, sah ihre Besucher bedauernd an. »Ihr stellt sinnlose Forderungen an mich und mein Volk, Ihr greift uns am ersten Tor an, und jetzt stelle ich fest, daß diese Handlungen nur den Träumen wandernder Geister entspringen. Eure Information ist falsch, Besu-cher.«
»Versucht nicht, uns hinzuhalten.« Die Stimme klang nervös, gereizt, gefährlich. »Wo habt Ihr sie versteckt?«
Rakossa von Poyolavomaar sah sich unstet in dem bescheidenen Thronsaal um, als wäre die Slanderscree in einer Ecke oder hinter einer Truhe versteckt.
K’ferr gab das Tranäquivalent eines kurzen La-chens von sich. » Versteckt? Mylord Rakossa? Ein solch großes Schiff, wie Ihr beschreibt, verborgen? Wo sollten wir ein solches Fahrzeug verstecken?«
»Ihr könntet es zerlegt und die einzelnen Teile ir-gendwohin gebracht haben.«
»In weniger als vier Tagen? Ich muß sagen, My-lord, Eure Vorstellungskraft ist groß.«
Ein Offizier der Flotte von Poyolavomaar wählte sich diesen Augenblick aus, um den Saal zu betre-ten. »Das Schiff, das wir suchen, ist nirgends im Hafen, Sire. Es ist nirgends zu finden noch gibt es, wie einige argwöhnten, in den Klippen eine Höhle, die groß genug wäre, um auch nur Teile eines solch großen Floßes zu verbergen. Wir sind auch weit in den Hauptcanyon eingedrungen und haben keine Spur davon gesehen.« Was er sagte, entsprach der Wahrheit; was er nicht wußte, war, daß die Moulo-kinesen mit Fackeln die Spuren eingeschmolzen hatten, die die Slanderscree hinterlassen hatte.
»Ich glaube nicht, Sire, daß…«
»Was du glaubst, interessiert uns nicht!« schrie Rakossa wütend.
»Habt Ihr das große Floß nicht gesehen, das wir selbst bauen?« fuhr K’ferr fort. »Das ist es, was die Spuren außerhalb unseres Canyons hinterlassen hat, die Euch so zu beschäftigen scheinen.«
»Das haben wir gesehen«, sagte eine andere Stimme. Calonnin Ro-Vijar trat vor. »Hölzerne Kufen dieser Größe tragen kein Fahrzeug eines Ausmaßes, das notwendig wäre, um ihren Bau zu rechtfertigen.«
»Unser Beruf als Stadtstaat, und zwar ein Beruf, für den wir zu Recht berühmt sind, ist der Floß-bau.« Mirmib sah Ro-Vijar herablassend an. »Was Ihr sagt, mag richtig sein, aber wir untersuchen oft neue Floßformen und Größen. Wir lernen dabei viel Wertvolles für unser Gewerbe, selbst, wenn sich das eine oder andere Experiment als undurch-führbar erweist. Ist dieses Arsudun, aus dem Ihr kommt, auch auf den Bau von Flößen speziali-siert?«
»Nein, aber…«
»Dann solltet Ihr über Dinge, mit denen Ihr nicht vertraut seid, nicht urteilen.«
Ro-Vijar wollte etwas darauf sagen, zögerte dann. Als er dann weitersprach, klang seine Stimme ent-schuldigend. »Es ist offensichtlich, daß wir einen Fehler gemacht haben, diese Leute zu beleidigen und anzuklagen, Lord Rakossa. Es wird am besten sein, wenn wir unsere Suche andernorts fortset-zen.«
»Die Spuren führen hierher!« Rakossa warf mit Armen und Worten um sich, ohne sich darum zu kümmern, wen sie trafen. »Sie sind irgendwo hier, verzaubert oder sonst wie.«
»Glaubt Ihr, sie haben sich in die Lüfte erhoben und sind so davongesegelt, mein guter Freund?« fragte Ro-Vijar. Die scherzhafte Bemerkung ließ im Landgrafen von Arsudun plötzlich einen schrecklichen Gedanken aufkommen. Einen Au-genblick lang dachte er, die Menschen hätten sich irgendwie eines ihrer mächtigen Himmelsflöße beschafft und es hier hergebracht. Der menschliche Kommissar Jobius Trell hatte ihm gesagt, daß die Himmelsleute Fahrzeuge besaßen, die imstande waren, selbst ein so massives Objekt, wie den ver-schwundenen Eisklipper, durch die Lüfte zu trans-portieren. Er hatte zwar noch nie ein solches Gerät gesehen, war aber geneigt, alles zu glauben, was Trell ihm über die technologischen Fähigkeiten der Menschen sagte. Ohne Zweifel hatte Trell ihn in vielen Dingen belogen, aber nicht in diesem Punkt.
Aber wenn er diesen Idioten Rakossa jetzt nicht aus dem Thronsaal schaffte, ehe es Ärger gab, wür-den sie wertvolle Zeit in nutzlosem Kampf verge u-den.
»Es ist irgendwo hier.« Rakossa ging, ohne Rück-sicht auf die Gebote der Höflichkeit, auf und ab. »Und sie ist auch hier.«
»Sie?« fragte Mirmib verblüfft.
»Die Konkubine, die uns verhext hat. Wir wollen sie. Sie ist hier. Wir fühlen das!« Er trat ein paar drohende Schritte auf den Thron zu. »Wo hast du sie versteckt, Weib?«
Zwei kräftig gebaute Wächter, die selbst für Tran groß waren, traten zwischen den Thron und den wütenden Landgrafen. Jeder hielt eine schwere Kampfaxt vor sich. Der eine ließ seine Waffe über dem Boden hin- und herschwingen, ein Pendel des Todes.
»Mein Freund und Landgraf«, sagte Ro-Vijar ernst und trat vor, sorgsam darauf bedacht, den überempfindlichen Rakossa nicht zu berühren, »wir haben bereits ausführliche Erklärungen gehört. Diese guten Leute haben nie das Schiff oder die Frau, die wir suchen, gesehen oder von ihnen ge-hört.«
»Noch einmal sage ich, daß das die Wahrheit ist.« K’ferr beugte sich vor. »Angesichts Eurer feindse-ligen Handlungen uns gegenüber glaube ich, daß wir zu Euch außergewöhnlich höflich und geduldig gewesen sind. Ehe es zu Beleidigungen kommt, die unwiderrufbar sind, schlage ich vor, daß Ihr Mo u-lokin jetzt verlaßt.«
»Das scheint mir auch am besten, edle Lady.« Ro-Vijar tastete vorsichtig nach dem linken Arm des erregten Rakossa. Der Landgraf von Poyolavomaar reagierte nicht wütend darauf. Er drehte sich um und schien Ro-Vijar zum erstenmal seit dem Betre-ten des Thronsaals klar zu sehen. Dann schüttelte er die Hand des anderen ab, wirbelte herum und stelz-te, vor sich hinmurmelnd, hinaus.
»Vergebt diesen schlimmen Fehler, Mylady, und Minister Mirmib.« Ro-Vijar machte eine unterwür-fige Geste. »Es war für uns eine Angelegenheit großer Wichtigkeit, und wir haben hastig statt über-legt gehandelt. Ich bin überzeugt, daß Ihr es ehrlich meint.«
»Euer Unwissen entschuldigt Euch.« K’ferr wies auf den Ausgang des Thronsaals. »Die Handlungen Eures Kollegen erklären viel. Möge Eure Suche andernorts mehr Nutzen bringen.«
»Möge Eure Wärme in all den Tagen Eures Le-bens gleich bleiben. Seid versichert, daß wir jene, die wir suchen, schließlich finden werden.« Damit machte Ro-Vijar mit dem Poyo-Offizier kehrt und verließ den Saal.
Als einige Minuten verstrichen waren, wandte K’ferr sich zu Mirmib und sagte: »Was, glaubt Ihr, werden sie jetzt tun?«
»Wenn es auf diesen Ro-Vijar ankäme, würden sie aufgeben und nach Hause segeln.« Der Minister rieb sich hinter dem Ohr und sah sie nachdenklich an. »Es mag auch sein, daß der Ruhigere der beiden in Wahrheit der Gefährlichere ist. Der andere ist so von Haß oder Liebe für diese Teeliam-Frau ver-blendet, daß er nicht klar zu denken vermag. Falls er das je konnte.«