Die Moulokin-Mission

Alan Dean Foster · Kapitel 5 von 5 · Teil 2/3

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Die Moulokin-Mission

»Ihr habt die betreffende Frau gesehen, Mirmib.…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Als für die Slanderscree die Zeit gekommen war, den Rückweg nach Arsudun anzutreten, gaben die Moulokinesen endlich ihre Zurückhaltung auf. Sie ließen die Arbeit liegen, drängten sich um den Ha-fen und riefen ihren neuen Freunden und Verbün-deten spontane Wünsche nach, die sichere Reise und guten Wind zum Inhalt hatten. Mit den letzten Rufen der Wache vom äußeren Tor, Rufen, in die sich der Wind mischte, der aus dem Canyon wehte, raste der Eisklipper auf die gefrorene See hinaus.

Anstatt parallel zu den Klippen setzte Ta-hoding den Kurs nordwärts. Sie würden die endlose Druckverwerfung diesmal an einer anderen Stelle überqueren, um eine mögliche Konfrontation mit irgendwelchen Nachzüglern der Streitkräfte von Poyolavomaar zu vermeiden, die vielleicht ihre erste Passage durch jene hoch aufgetürmte Eissper-re bewachten.

Ethan stand auf dem Steuerdeck und sah zu, wie hinter ihnen der Canyon versank, der Moulokin verbarg. Ta-hoding watschelte vergnügt um das große Rad herum, glücklich wie ein junges Hünd-chen. Auch seine Steuerleute wirkten vergnügt, ohne dafür einen besonderen Anlaß zu haben.

Aufgefordert, seine strahlende Miene zu erklären, erwiderte der Kapitän: »Weshalb sollten wir nicht glücklich sein, Freund Ethan? Wir segeln über glat-tes, sauberes Eis, anstatt über unvorhersehbares Felsgestein und Erde. Ich weiß jetzt, wenn ich den Toppgasten Befehl gebe, eine Rahe umzusetzen, wird die Slanderscree genau so reagieren.« Dabei vollführte er eine weit ausholende Bewegung mit dem linken Arm.

»Wir brauchen nicht mehr zu raten, welche Fol-gen unsere Manöver haben. Ich brauche nicht mehr…«

»Unter der Deckslinie!« hallte es vom Ausguck am Hauptmast. »Segel. Fünf Kijat backbord!«

»Muß ein Kauffahrer sein, der zur Stadt will.« Ta-hoding gab sich Mühe, in der ihm angegebenen Richtung etwas zu erkennen. Aber nichts unter-brach den Horizont.

»Unter der Deckslinie!« Der eindringliche Tonfall des Ausgucks ließ ein paar dienstfreie Matrosen zur Reling chivanieren. »Vier weitere Segel bei dem ersten… nein, fünf! Noch mehr!«

»Meinst du, Freund Ethan…« Ein besorgter Ta-hoding ließ den Satz unbeendet. Seine joviale Stimmung war verflogen.

Mit weit gespreiztem Dan schoß Hunnar über eine der Eisrampen vom Hauptdeck herauf. Er ließ Ar-me und Dan sinken, verlangsamte seine Fahrt und bremste, daß die Eissplitter flogen. Dann glitt er ungeduldig auf den Kapitän und Ethan zu.

»Beidrehen, Captain.« Seine Stimme klang grimmig. »Das kann eine ungewöhnlich große Gruppe von Kauffahrern sein, die im Konvoi rei-sen, um sich gegenseitig zu schützen. Aber es ist besser, wir gehen kein Risiko ein.«

Wie um ihren schlimmsten Argwohn zu bestäti-gen, hallte es wieder vom Mastkorb: »Acht, neun… ich zähle wenigstens fünfzehn Segel, vielleicht mehr!«

»Das muß die Flotte von Poyolavomaar sein. Die haben also nicht aufgegeben. Sie haben die ganze Zeit gewartet und gehofft, daß wir zurückkehren. Verdammt!«

»Das Mädchen Teeliam hatte recht.« Hunnars Blick war starr auf den Horizont an der Backbord-seite gerichtet. »Wer sollte auch die Wünsche eines Wahnsinnigen besser kennen als jemand, der ihnen unterworfen war? Beidrehen, Captain.«

Aber Ta-hoding hatte bereits einen Strom von Kommandos ausgestoßen. Als er schließlich geen-det hatte, drehte er sich um und starrte in dieselbe Richtung wie Hunnar und Ethan.

»Schwierig zu sagen, was geschehen kann.« Der vierschrötige Kapitän blickte besorgt. »Wir können nicht nach Steuerbord ausweichen, das würde uns in die Klippen führen. Um gegen die Canyonwinde voranzukommen, brauchen wir den Westwind hin-ter uns. Aber die haben bereits Position bezogen, um ihn selbst zu benutzen. Wir haben keine Wahl, wir müssen auf sie zu fahren und den Westwind auf der Steuerbordseite nehmen – und dann nach Mou-lokin umkehren.« Er blickte zu Hunnar auf. »Es könnte sein, daß wir auf ihre vordersten Flöße sto-ßen, ehe wir wieder nach Westen segeln können.«

»Kümmere du dich um dein Schiff, Freund Cap-tain. Ich übernehme die anderen Sorgen.« Hunnar hob den Arm, glitt auf das Hauptdeck zurück und überlegte bereits, wie die Angreifer abzuwehren waren.

Die wachfreie Mannschaft ergoß sich auf das Deck. Einige der Matrosen schnallten bereits Schwerter und Kürasse um, während ihre doppelten Augenlider noch mit dem Schlaf kämpften.

Ethan starrte immer noch nach vorne, wo jetzt der Bug des Eisklippers langsam einen Bogen be-schrieb – und dann direkt auf die heranrasenden Poyoflöße wies. Inzwischen waren die Gegner be-reits nahe genug gekommen, daß die Toppgasten bereits Markierungen und Wimpel ausmachen konnten. Die schwache Hoffnung, es könne sich bei den Schiffen um eine große Kauffahrerflotte handeln, schwand.

Ein untersetzter Tran in grauem Pelz war auf das Steuerdeck gekommen und stand neben Ethan. Balavere Longax, der höchstgeachtete Krieger von Sofold, wies mit einem klauenbewehrten Finger zur Linken. Die Klaue war stumpf und zerklüftet, ein Fragment von abgewetztem Feldspat an der Spitze eines grauen Astes.

»Infanterie«, knurrte er. »Langsamer als Flöße, aber besser zu manövrieren. Sie versuchen, uns den Weg abzuschneiden, ehe wir den Westwind hinter uns haben.« Er griff nach dem Schwert, das an seiner Hüfte hing, eine Waffe, die viel jünger als er selbst war. Dann drehte er sich um und schrie aufs Hauptdeck: »Bogenschützen, Achtung! Schützt euch mit euren Schilden, Männer und Frauen von Sofold!«

Die Armbrustschützen, ausgerüstet mit den Waf-fen, die Milliken Williams vor mehr als einem Jahr zur Verteidigung Sofolds gegen die Angriffe von Sagyanak dem Tod und der Horde konstruiert hatte, bezogen ihre Posten hoch oben in der Takelage der Slanderscree.

Balavere studierte den Ansturm der Infanterie, die sich jetzt in einem weiten Bogen auf das Floß zu-bewegte. »Wir müssen durch sie hindurch, aber sie werden uns nicht aufhalten.« Er blickte zu Ethan und grinste dann völlig unerwartet. »Ihre Boge n-schützen werden ihr Feuer hier konzentrieren, mein Freund, und versuchen, unsere Steuerleute abzu-schießen. Am besten, du gehst unter Deck.«

»Wenn es dir nichts ausmacht, werde ich hier bleiben.« Sein Selbstvertrauen verblüffte ihn selbst. Das knappe Jahr auf dieser harten Welt hatte ihn beträchtlich verändert. Der Kontakt mit dem Com-monwealth würde die Tran sicher verändern. Aber wenigstens einen Menschen hatte der Kontakt mit den Tran bereits verändert. Er klopfte auf das Schwert, das an seiner Seite hing. Es fühlte sich dort vertraut an, verlieh ihm Zuversicht. Aber dann hob er seinen Handstrahler und überprüfte ihn.

»Die Ladung ist schon ziemlich schwach«, erklär-te er Balavere und kniff die Augen zusammen, um durch Maske und Brille die winzige Skala abzule-sen. »Ich nehme an, daß es bei Skua und Milliken genauso ist. Aber der erste Bogenschütze, der zu nahe kommt, wird eine kräftige Dosis moderne Technik abbekommen.«

»Eure Messer, die mit dem langen Licht kämpfen, habe ich vergessen«, meinte der General. »Gut. Dann bleibt und helft unsere Bewegungsfreiheit schützen.« Er ging auf Ta-hoding zu, um mit ihm zu sprechen.

»Ihre Pfeile beunruhigen mich nicht so sehr«, hör-te Ethan den General sagen. »Sie könnten Schlim-meres tun, wenn dieser Rakossa gut beraten ist. Er selbst ist, glaube ich, unfähig, taktische Feinheiten einzusetzen. Ihre Flöße segeln diszipliniert, also halte den Wind und versuche, uns nicht zu schnell abzuschneiden. Vielleicht versuchen sie, die Steu-erkufe mit Kabeln zu stören.«

»Glaubst du, das ist meine erste Schlacht?«

So besorgt und ängstlich er auch war, wollte Ta-hoding sich doch weder von Balavere noch von sonst jemandem sagen lassen, wie er sein Schiff führen mußte. »Sorge dafür, daß kein Kabel an unser Heck herankommt, und ich bringe uns alle sicher in den Hafen.« Er murmelte einen tranischen Fluch. »Bloß noch ein paar Stunden, dann hätten wir sie leicht abhängen können. Nur…«

Aufs neue unterbrach ihn ein Ruf vom Haupt-mast. »Zehn Schiffe, achtzehn Kijat Backbord!«

Inzwischen hatte sich der Eisklipper gedreht, und der Westwind begann, die Segel zu füllen. Sein Tempo nahm zu, aber man konnte auch schon auf den Decks ihrer Flöße die Matrosen der Haupt-streitmacht von Poyolavomaar erkennen.

»Dann haben sie uns abgeschnitten«, stellte Bala-vere fest.

»Noch nicht.« Ta-hoding brüllte neue Befehle. Über ihnen ächzte es, als litte das Holz Schmerzen. Ethan blickte nach oben: die Rahen waren so weit herumgedreht, daß die Segel jetzt fast parallel zur Kiellinie des Schiffes standen.

»Glaubst, sie werden das aushalten?« Auch Bala-vere blickte jetzt in das Gewebe aus singenden Tauen und Segeln hinauf. Der Vormast ächzte und schien sich ein Stück aus der senkrechten Lage zu biegen.

»Wenn nicht, hätte ich nie den Befehl erteilt«, erwiderte Ta-hoding. »Wenn wir es nicht versuc h-ten, würden wir wahrhaft geradewegs auf diese zehn neuen Flöße prallen.«

Die Slanderscree beschleunigte ihre Fahrt weiter und beschrieb einen scharfen Bogen, der sie zum Canyon zurückführen sollte. Als der Infanterie auf dem Eise und den zehn flankierenden Flößen klar wurde, daß ihr Gegner an ihnen vorbeigleiten, statt mit ihnen kollidieren würde, schickten die Boge n-schützen dem Eisklipper einen Regen von Pfeilen entgegen.

Einer bohrte sich in den Schild aus Hessavarhaut, den man Ethan gegeben hatte. Er starrte ihn eine Sekunde lang an und duckte sich dann hinter die Reling, als ein weiterer Pfeil dicht über ihm vor-beipfiff.

Eine kleine Gruppe der Poyoinfanterie hatte sich einen leichten Vorsprung vor ihren Gefährten ver-schafft. Jetzt chivanierten sie parallel zu dem Eis-segler dahin. Ein paar von ihnen war es sogar ge-lungen, sich unter den Rumpf zu schieben, der ih-nen Sichtschutz bot. Wie von Balavere vermutet, trugen ein paar von ihnen dicke Pika-Pina-Kabel auf dem Rücken.

Hunnar, der müde, aber keineswegs beunruhigt wirkte, erschien auf dem Steuerdeck. »Wir müssen Männer über Bord schicken.« Ein Pfeil landete vor seinen Füßen und blieb zitternd in der Decksplanke stecken. Beide Tran ignorierten ihn. »Unsere Bo-genschützen können sie nicht schnell genug treffen, ehe sie unter uns verschwinden.«

»Wenn wir jemanden aufs Eis schicken, und er zurückfällt, ist er verloren«, konterte Balavere. Er deutete auf die ausschwärmende Poyoinfanterie, die sich in immer größerer Zahl rings um den Eis-klipper sammelte. »Wir können uns nicht zu viele Verluste leisten.«

»Wir können uns auch nicht leisten, daß sie unser Steuer stören!« Der junge Krieger starrte den älte-ren herausfordernd an.

Eine Bewegung vor ihnen beendete die Ausei-nandersetzung für den Augenblick. Trotz der Ge-fahr hob Ethan den Kopf, um über den Bug blicken zu können. Aus dem Canyon strömte eine braun-graue Formation auf sie zu.

»Sieht wie ein Ausfall von der Stadt her aus.« Hunnar stand dicht bei ihm und blickte befriedigt auf den immer breiter werdenden silbernen Fluß, der sich aus der Canyonmündung ergoß. »Unsere neuen Freunde kommen uns zu Hilfe.«

Mit der Flotte von Poyolavoma ar dicht hinter ih-nen, und Infanterie, die sich anschickte, den Ste u-ermechanismus der Slanderscree lahmzulegen, ersparte die Ankunft von Streitkräften aus Moulo-kin Balavere und Hunnar weitere Auseinanderset-zungen. Die Moulokinesen rasten förmlich in die darauf völlig unvorbereiteten Poyotruppen hinein. Da der Canyonwind den Westwind überlagerte, hatten die moulokinesischen Soldaten jetzt den Vorteil von Geschwindigkeit und Manövrierfähig-keit. Ihr Angriff kam genau zum richtigen Zeit-punkt.

Die Hälfte der Infanterie erlag dem ersten An-sturm, worauf die Pfeilspitze aus Moulokin sich teilte, und die Soldaten nach links und rechts abbo-gen und zum Canyon zurückrasten. Einige von ihnen gerieten dabei in das Feuer der Poyoflöße und fielen. Doch die meisten flankierten die Slan-derscree an Backbord und Steuerbord und tausch-ten mit den Matrosen an Bord Siegesrufe.

Der Canyon war jetzt ein vertrauter Schnitt in der Klippenwand geworden. Der Eisklipper verlang-samte seine Fahrt, als ihn die mächtigen Winde erfaßten, die vom Kontinent herabpfiffen und durch den Canyon heulten, aber den Verfolgern ging es ebenso.

Aber die Infanterie von Poyolavomaar machte ih-nen die letzten paar Augenblicke nicht leicht. Durch den Rumpf der Slanderscree vor dem star-ken Gegenwind geschützt, gelang es ihnen, sie zu überholen, aber die Eskorte aus Moulokin und das zielsichere Feuer von Armbrustschützen am Heck des mächtigen Schiffes verhinderten, daß irgendein Kabelträger sich der gefährdeten Steuerkufe mehr als auf ein Dutzend Meter näherte.

Und dann umgaben sie die hoch aufragenden Ca-nyonwände, und sie glitten langsam, dicht gefolgt von der Poyoflotte, landeinwärts dahin. Einmal geriet eines der kleineren Flöße der Verfolger fast in Bogenschußweite. Zu beiden Seiten seines ein-zelnen Mastes war je ein kleines Katapult aufge-baut. Bald schleuderten beide mit flammendem Öl gefüllte Häute nach dem Eisklipper.

Aber die Katapultschützen aus Poyolavomaar hat-ten den kräftigen Gegenwind nicht richtig einkalku-liert. Die gefährlichen feurigen Ölsäcke verfehlten nicht nur das fliehende Schiff, sondern fielen, vom Wind behindert, hinter die Flöße der Verfolger. Die Infanterie, die sich dort formiert hatte, fuhr wie wild auseinander, als die flammenden Säcke auf dem Eis barsten und brennendes Öl nach allen Richtungen verspritzten.

Das zweite Poyoschiff traf auf Eis, das von dem heißen Öl kurzzeitig geschmolzen war, und glitt zur Seite ab, als seine Kufen den Kontakt verloren. Zwei weitere Flöße kollidierten dahinter und hatten einige Mühe, nicht in das dritte zu rutschen.

All dies bereitete den Moulokinesen und Matro-sen großes Vergnügen, die ein paar ausgewählte und besonders fantasiereiche Beleidigungen nach hinten brüllten.

Balavere gestattete sich ein schiefes Lächeln. »Wenn alle ihre Angriffe sich als so unwirksam erweisen, haben wir keinen Ärger mit ihnen.«

»Klar – ich meine, jetzt ist mir klar, warum die Moulokinesen die Anwesenheit der Poyoflotte nicht gemeldet haben«, sagte Ethan nachdenklich. »Alle neutralen Handelsflöße sind vermutlich ge-kapert oder vertrieben worden und jene zwei Flöße, die Minister Mirmib erwähnte, werden wahrschein-lich nie nach Hause zurückkehren.«

Balaveres Lächeln verschwand bei Ethans Wor-ten. Er studierte die Szene hinter ihnen. Ihre Ve r-folger hatten sich inzwischen wieder voneinander gelöst und glitten hinter ihnen canyonaufwärts. »Sobald wir sicher hinter den Mauern von Moulo-kin sind, Freund Ethan, nehme ich an, daß sie auf-geben werden.«

Ethan sah zufällig zwei Gestalten, die sich am Eingang zur Hauptkabine unterhielten: Teeliam und Elfa. »Das glaube ich nicht, Balavere. Solange dieser Rakossa noch etwas zu sagen hat, werden sie, glaube ich, nie aufgeben. Es kann sein, daß wir noch lange Zeit hier sind.«

17

Die Slanderscree und ihre moulokinesische Es-korte glitten durch das mächtige Tor in der äußeren Mauer. Die Nachricht von ihrer Rückkehr und dem Poyoangriff hatte dazu geführt, daß die ganze Stadt mobilisiert wurde. Die Mauer war dicht bepackt mit bewaffneten Tran. Weitere Soldaten warteten in gelockerter, aber disziplinierter Formation auf dem Eis zwischen den beiden Mauern, während Flöße aus der Stadt Nachschub heranführten.

Ta-hoding brachte den Eisklipper zum Stillstand und ließ den größten Teil der Segel reffen. »Wes-halb halten wir hier?« fragte Ethan.

»Sir Hunnar hat mir den Wunsch übermittelt, sich hier auszuschiffen, Freund Ethan.«

Ethan trat an die Reling – und sah, daß der Ritter und der größte Teil der Mannschaft eiswärts schwärmten. Natürlich, sie wollten bei der Vertei-digung der Mauer mithelfen. Ethan rannte ihnen nach. September war bereits auf dem Eise, er be-wegte sich ohne seine Schlittschuhe ziemlich unsi-cher. Williams blickte auf, als Ethan auf eine der Leitern zuging.

»Kommst du nicht auch mit, Milliken?«

»Nein, Ethan.« Der Lehrer sah ihn nicht an. »Du weißt, daß ich im Kampf nicht viel ausrichten kann.«

»Ich habe dich aber doch schon kämpfen sehen, Milliken. Du machst das recht gut.«

Der Lehrer lächelte dankbar. »Besser wenigstens, einer von uns behält einen teilweise geladenen Strahler. Sicher kann ich damit kämpfen. Aber wenn die Ladung verbraucht ist, würde ich euch behindern. Ich kann nicht mit dem Schwert umge-hen, Ethan.«

Ethan, der nicht entscheiden konnte, ob Williams eine strategische Entscheidung getroffen hatte, oder nur eine Ausrede gebrauchte, meinte: »Wahr-scheinlich hast du recht, Milliken. Wir halten uns besser einen Strahler in Reserve. Vielleicht kannst du und Eer-Meesach dir etwas einfallen lassen, das uns weiterhilft.«

Der Lehrer schien erleichtert. »Wir werden uns natürlich große Mühe geben.« Ethan kletterte über die Reling und stieß gegen den Rumpf des Schiffes. Über ihm ertönte das weiche Poltern der Chiv eines Matrosen. Er wußte, daß sein Freund Williams kein Feigling war. Er hatte völlig recht, wenn er darauf bestand, einen Strahler an Bord zu behalten. Und auf den Umgang mit einem Schwert verstand er sich tatsächlich nicht besonders gut.

Dann hatte er das Eis erreicht und fiel, zur großen Belustigung der umstehenden Moulokinesen, sofort auf sein Hinterteil. Elfa war wenige Augenblicke vor ihm unten eingetroffen. Sie hielt eine Armbrust und hatte Schwert und Köcher um die Hüften ge-schnallt. Sie lächelte bei seinem Sturz, lachte aber nicht.

Inmitten einer Situation, in der ihm jeden Auge n-blick die Kehle durchgeschnitten werden konnte, ertappte Ethan sich dabei, wie er tief in jene topas-farbenen Tranaugen blickte und dabei undenkbare Gedanken dachte. Ausgerechnet hier, schalt er sich, Hunderte von Kilometern vom nächsten Außenpos-ten der Homanxzivilisation entfernt und viele Par-sek von den nächsten zivilisierten Welten.

Doch was für einen besseren Ort gab es eigent-lich, unzivilisierte Gedanken zu denken?

»Danke, Elfa«, sagte er, als sie ihm beim Aufste-hen behilflich war, und dachte zum erstenmal nicht darüber nach, was Sir Hunnar wohl denken würde.

Von der Mauerkrone aus sah er, wie die Flöße der Poyos und ihre Soldaten nun eine gerade Linie über das Eis bildeten. Pfeile flogen von den Reihen der Bogenschützen von Poyolavomaar, die auf dem Eis knieten, und anderen in der Takelage der Flöße. Alle Segel waren gerefft worden, und die Eisanker hielten die Flöße der Angreifer gegen den canyo-nabwärts wehenden Wind.

Es bedurfte keiner besonderen militärischen Kenntnisse, um eine völlig unhaltbare Position zu erkennen. Jene Poyopfeile, die mit genügend Kraft abgeschossen waren, um die Mauerkrone zu errei-chen, waren vom Wind bereits so abgebremst wor-den, daß sie kaum noch Unheil anrichten konnten. Andererseits wurden die Bolzen der Armbrüste und die Pfeile der Moulokinesen vom Wind noch unter-stützt und hatten genügend Kraft, um einen Schild aus Hessarvarhaut zu durchdringen.

Die Offiziere an Bord der Poyoflöße erkannten bald, daß ihre augenblickliche Position ihnen kei-nerlei Chance bot. Sie zogen die Anker ein und ließen die Flöße canyonabwärts und damit aus der Schußweite treiben.

Bald hallte es von den Ausgucktürmen, die sich über die Mauerkrone erhoben: »Herunter! Duckt euch!«

»Das muß bedeuten, daß sie Katapulte einsetzen«, erklärte Elfa. Ethan war sich ihrer Nähe bewußt. Die Tran schwitzten zwar nicht, gaben aber einen kräftigen Körpergeruch ab, der individuell ver-schieden war. Für Elfa galt das in ganz besonderem Maße.

»Hoffentlich treffen sie mit Steinen genauso gut wie mit Ölsäcken.« Sie grinste und legte dabei ihre leicht zugespitzten Fänge frei.

Dieses ka mpflustige, zähnefletschende Lächeln reichte aus, um die verschiedenen absurden Szenen aus seiner Fantasie zu löschen, mit denen diese sich in der letzten halben Stunde beschäftigt hatte. Gleichzeitig wurde ihm bewußt, daß die Spannung, die ihn in der gleichen Zeit umfangen gehalten hatte, weniger auf den bevorstehenden Kampf zu-rückzuführen war, als er dachte. Er lockerte sich etwas.

Vom Wind gedämpft, war aus der Ferne das Ge-räusch eines schweren Aufpralls zu hören, dann noch eines. Ethan riskierte einen Blick über die Mauer. Auf dem Eis unter ihnen lagen ein paar mannsgroße Steinbrocken. Die massive steinerne Mauer war kaum angekratzt. Die Verteidiger schrieen ihre Kriegsrufe hinaus und verspotteten die Angreifer.

Jetzt war ein hörbares Zischen zu vernehme n. Ein etwas kleinerer Steinbrocken segelte über die Mau-er und landete dahinter auf dem Eise. Nach ein paar Minuten erkannte Ethan, daß auch diese neue Atta-cke zum Scheitern verurteilt war. Selbst wenn sie perfekt zielten und ihr Ziel kein einziges Mal ver-fehlten, würden die Poyos ein Dutzend Jahre brau-chen, um die Mauer zu brechen, die viel zu massiv war, um dem Bombardement solch bescheidener Steine zu erliegen. Auch konnte die Poyoflotte keine endlosen Vorräte an solcher Munition mit sich führen, und um neues Material von den massi-ven Basaltklippen zu schneiden, reichte ihr primiti-ves Werkzeug nicht aus.

In dem engen Canyon konnten sie nicht genügend Katapulte einsetzen, um die Verteidiger von der Mauer zu vertreiben. Sie hatten genügend Zeit, um jeden heranfliegenden Stein auszumachen und ihm auszuweichen, wenn wirklich einmal einer auf der Mauerkrone landen sollte.

Als die Moulokinesen mit ihrer eigenen Artillerie aus der Stadt eintrafen und anfingen, Katapulte einzusetzen und ihrerseits – allerdings mit dem Wind im Rücken – Felsbrocken gegen die Angrei-fer zu schleudern, konnte man die Verzweiflung der Poyosoldaten fast körperlich fühlen. Wieder traten sie den Rückzug an, zogen weiter den Cany-on hinunter und machten dann wieder halt. Inzwi-schen wetteiferten die Soldaten aus Moulokin und die Matrosen der Slanderscree darin, wer den An-greifern die schlimmeren Beleidigungen zuschleu-dern konnte.

Trotz der herrschenden Lage ließen die Poyoflöße durch nichts erkennen, daß sie vorhatten, sich zu entfernen. Moulokin stand also eine Belagerung bevor.

»Ich glaube, eine Weile werden sie jetzt nichts versuchen, Jungchen.« Septembers lederne Haut war so gerötet, als vollzöge sich in seinem Inneren ein Sonnenuntergang. Ohne Zweifel hatte die kurze Schlacht ihm Spaß gemacht. Insgeheim argwöhnte Ethan, daß der Riese enttäuscht war, weil es nicht zum Handgemenge gekommen war. Seine riesige Kampfaxt hing in seiner Pranke.

»Die Pfeile von denen sind hier so langsam ange-kommen, daß man sie aus der Luft hätte pflücken können«, meinte er und ließ sich mit dem Rücken zur Wand nieder. »Mit ihren Felsbrocken richteten sie gegen diese Mauer nichts aus, und um mit je-dem Stein hier oben einen Treffer zu erzielen, ver-stehen sie zu wenig von Ballistik.«

»Was, meinst du, werden sie als nächstes versu-chen?«

»Wenn ich die wäre, Junge, und blöd genug, da-mit weiterzumachen, würde ich versuchen, das Tor aufzubrechen. Da sie keine Ramme gegen diesen Wind segeln können, bedeutet das, daß sie von Hand einen Balken oder einen Stamm oder so et-was heranschleppen müssen. Oder sie müssen Öl einsetzen, um sich den Weg freizubrennen.«

»Die Kabel der Moulokinesen halten jedes Floß auf, Skua.«

»Stimmt, Jungchen. Das heißt, sie müßten genü-gend Infanterie durchbringen, um die Mauer zu übernehmen und die Kabel dann selbst zu lösen. Ich glaube nicht, daß sie eine Chance haben. Wir können sie mit Bogen- und Armbrustschützen vor dem Tor wegpicken und können hinter dem Tor fünfzig Soldaten für jeden einzelnen aufstellen, der durchkommt. Es wäre wirklich Selbstmord, das zu versuchen. Was nicht bedeutet, daß sie es nicht doch machen werden. Menschen haben schon ähn-liche Dinge getan.«

»Aber sie können uns hier auf ewige Zeit in Mo u-lokin festhalten.«

»Das stimmt.« Er betastete den goldenen Ring, den er im rechten Ohr trug. »Stört mich aber nicht sehr. Ich mag Moulokin. Es wird uns nur daran hindern, unsere wichtigen Entdeckungen zu dem Padre in Brass Monkey durchzubringen. Viel wich-tiger aber sind die Folgen für den Handel, den sie damit praktisch ja blockieren. Händler und Schiffs-käufer werden eher anderswo hingehen, als sich mit Gewalt einen Weg nach Moulokin freizukämpfen. Rakossas Offiziere wissen das wahrscheinlich, selbst wenn er selber an nichts anderes denken kann, als wie er Teeliam wieder in seine Gewalt bekommt. Ich glaube nicht, daß unsere Freunde, die Moulokinesen, dabei zerbrechen, aber viele Kriege werden von wirtschaftlichen, nicht von militäri-schen Faktoren entschieden.

Was mich betrifft«, damit befingerte er den Schaft seiner mächtigen Axt, »ich hoffe, daß die Poyos am Ende die Geduld verlieren und noch einmal einen Frontalangriff versuchen. Wahrscheinlicher ist freilich, daß sie die Geduld verlieren und sich ein-fach wegstehlen, ein Schiff nach dem anderen, nach Hause, zu ihrem heimischen Herd.

Inzwischen können wir uns ebenso gut von der Gastfreundschaft der Leute hier verwöhnen lassen, bis die Poyos sich entschieden haben, was sie nun machen wollen.« Er legte beide mächtigen Pranken unter seinen Kopf und schloß die Augen. Nach einer Weile ließ er Ethan merken, daß er nicht ein-geschlafen war, indem er ein Auge öffnete.

»Barbaren gegen uns, Barbaren auf unserer Seite, und wir drei angeblich zivilisierten Leute außer-stande, sie in der einen oder anderen Richtung zu beeinflussen. Denk darüber nach, Junge.«

Dann schlief er ein, ohne sich um die Kälte oder den Lärm von tausend fremden Soldaten zu sche-ren, die rings um ihn schnatterten.

»Bei allem Respekt, Mylord, wir können nicht angreifen.« Der Poyo-Offizier fühlte sich unter den finsteren Blicken seines Herrschers nicht wohl und wünschte, er wäre auf seinem eigenen Floß und nicht hier, in der königlichen Kabine.

»Oduine hat recht, Mylord«, sagte ein weiterer der versammelten Kapitäne. »Schon normaler Ge-genwind wäre nachteilig genug. Aber der Wind, der uns hier ins Gesicht weht, würde selbst einen Gott aufhalten! Die können jederzeit, wenn sie Lust haben, einen Ausfall machen und uns eine Menge Schaden zufügen. Und die Reichweite ihrer Waffen ist der unseren überlegen. Und diese seltsamen kleinen Pfeile«, er zeigte dabei einen sofoldiani-schen Armbrustbolzen, »werden mit größerer Wucht abgefeuert, als unsere besten Bogenschützen das können.«

»Ihre Katapulte haben ebenfalls den Wind auf ih-rer Seite, Sire«, fügte ein dritter Offizier hinzu. »Ich gehörte zu der Gruppe, die vor vielen Tagen die Stadt betrat, um dieses verfluchte große Floß zu suchen. Die Mauer vor uns ist einen guten halben Sunttdick und so massiv wie die Klippen links und rechts von uns. Ich wüßte keine Belagerungswaffe, mir der man sie brechen könnte.«

Tonx Ghin Rakossa, Landgraf von Poyolavomaar, flegelte am anderen Ende des dreieckigen Tisches in seinem Sessel und musterte seine Befehlshaber stumm. Er ließ das Schweigen anwachsen, bis die meisten unruhig auf ihren Sitzen herumrutschten.

»Habt ihr mir sonst noch Gutes zu berichten, mei-ne Soldaten?«

Sie sahen einander an, musterten die Wände, ihre Sessel, alles, nur nicht den Landgrafen mit der ge-fährlich sanft klingenden Stimme. Die meisten verachteten ihren erblichen Herrscher, nur wenige teilten seine perversen Träume. Es war schon im-mer von Aufstand und Umsturz geredet worden, immer seit der unberechenbare Rakossa nach dem verdächtig rätselhaften Tod seines älteren Bruders den Thron bestiegen hatte. Aber die Poyos waren ein traditionsbedachtes Volk. Es kam zu keiner Rebellion. Auch jetzt nicht.

Doch niemand konnte den Wohlstand leugnen (so fragwürdig auch die Methoden waren, die dazu geführt hatten), den Rakossa ihrem Stadtstaat ge-bracht hatte. Viele empfanden Schuldgefühle, weil sie mit so brutalen Mitteln erworbenen Reichtum angenommen hatten, aber keiner von ihnen brachte es fertig, abzulehnen, wenn man ihm seinen Anteil anbot.

Nach diesen, mit sanfter Stimme gesprochenen Worten, beugte Rakossa sich jetzt vor und brüllte sie an: »Glaubt ihr, wir sind blind wie der doppel-leibige Gilirun, der sich nur mit seinem Tastsinn auf dem Eis orientiert? Glaubt ihr, daß wir den Wind nicht auch spüren, der uns hart ins Gesicht weht – während wir hier vor der Zuflucht jener unsagbaren Frau und jener Eindringlinge von einer anderen Welt und diesem Rudel fetter Kaufleute stehen?« Er ließ sich wieder zurückfallen, und sei-ne Stimme klang jetzt wie ein eindringliches Schnurren.

»Schließlich war ja nicht ich es, der es nicht ge-schafft hat, die Steuerkufe dieses Eisschiffs mit Kabeln bewegungsunfähig zu machen.«

Einer der Offiziere hob einen Armbrustbolzen in die Höhe. Spitze und Schaft waren braun befleckt. »Mylord, das hat man mir heute morgen aus dem Rücken geschnitten.« Ein Murmeln der Unterstüt-zung erhob sich unter den anderen Kapitänen.

»Wir selbst sind auch verwundet worden, Thos-jer«, sagte Rakossa. Er mußte stets vorsichtig sein, so unwissend und dumm diese Krieger auch waren. Nur von ihnen hing es ab, ob er seine Träume ver-wirklichen konnte. Auch wenn sie keinen Blick für das Wesentliche hatten, konnten sie doch gefähr-lich sein.

»Unsere Soldaten hätten das Steuer dieses Floßes manövrierunfähig gemacht, Mylord«, sagte T’hosjer erregt, »hätten es gegen die Klippen rasen lassen. Vierzig Männer hätten einen Zehntag ge-braucht, es wieder herzurichten… wenn die nicht gewesen wären!« Damit knickte er den Bolzen ärgerlich entzwei.

»Das ist die Wahrheit, Sire, wenn das nicht gewe-sen wäre – und dies!« Ein Unteroffizier, der die Türe in die Kabine bewachte, schob sich durch die Versammelten. Er sah den Landgrafen an, stieg auf einen der Stühle und ließ sein rechtes Bein auf den Tisch herniederkrachen. Die dreifachen Chiv bohr-ten sich in das Hartholz.

Eine schwarze Linie, die nur ein paar Millimeter breit war, zog sich unter dem pelzbedeckten Knie bis nach hinten. »Das haben die Außenweltler ge-tan.«

Einige der anderen Kapitäne beugten sich vor und untersuchten die bemerkenswert symmetrische Wunde. Pelz und Haut waren weggebrannt.

»Sie haben fremdartige Waffen, die Stücke der Sonne verschießen«, sagte der Unteroffizier. »Sie sind lang und dünn und durchschneiden den dicks-ten Schild. Unter meinem Kommando stand eine Frau, sie hieß Zoueadaa. Eine tüchtige Kämpferin, die sich vor nichts fürchtete. Sie ist fast nahe genug heranchivaniert, um ihr Kabel um die Kufe zu wer-fen. Ich selbst sah, was dann geschah, weil ich dicht hinter ihr war.

Einer der Außenweltler richtete ein winziges Stück Metall auf sie. Es gab einen Blitz, blau, statt rot, und ein Feuer, das einen Augenblick lang heller als die Sonne war.« Ein Murmeln erhob sich unter den Offizieren. »Das Feuer fuhr durch Zoeadaas Schild, ihren Kriegsmantel darunter, ihre Brust, kam aus ihrem Rücken wieder heraus, und traf das Eis, das zu einer Pfütze schmolz.

Nach dem heutigen Kampf ging ich auf den Oze-an hinaus, um ihr Schwert und ihren Panzer zu holen und für ihre Familie eine Schnauzenlocke abzuschneiden.« Er hob die rechte Pfote und schob eine Klaue vor. »Wenn dieser Finger lang genug wäre, hätte ich ihn durch ihren Körper schieben können, durch das Loch, das die Lichtlanze ge-macht hat. Ich selbst war heute morgen unvorsich-tig und habe das abbekommen.« Er fuhr mit der Handfläche verbittert über die schwarze Linie an seinem Bein.

»Das ist keine saubere Art zu kämpfen, gegen ei-ne Waffe, bei der das eigene Bein wie bratendes Fleisch riecht.« Er zog sein Bein vom Tisch und stieg vom Stuhl herunter. »Können wir gegen jene kämpfen, die den Zauber der Sonne gegen uns ein-setzen?«

Einige der Kapitäne brummten verärgert. Rakossa ließ sie eine Weile sich ausschimpfen und sagte dann leise: »Idioten.«

Alle Gespräche verstummten, aber die rebelli-schen Blicke, die um den Tisch gingen, waren kaum zu erkennen. Rakossa stand auf. »Habt ihr gewußt, daß ihr alles Narren und Idioten seid? Eure Mütter gaben Wasser!« Er hob die Rechte. »Ehe ihr dummes Zeug wie Junge plappert, werden wir euch etwas anderes sagen. Wir haben diese Schlacht bereits gewonnen.«

Überraschte Blicke richteten sich auf ihn. Alle, selbst diejenigen, die ihn unterstützten, wußten, daß der Landgraf nicht im Vollbesitz seiner Sinne war. Sie fragten sich, ob er nicht in das Reich derer ein-getreten war, denen man immer recht gibt, die aber sonst tot sind, eine Entwicklung, die viele begrüßt hätten.

Das war nicht der Fall. »Wir haben gewonnen, weil diese widerlichen Geschöpfe hierher zurück-gekehrt sind, wo wir sie erwartet haben. Wir wuß-ten nicht, ob sie das tun würden. Wir konnten nicht dieses riesenhafte Land umkreisen, um herauszu-finden, wo sie es vielleicht verlassen und zum Eise zurückkehren würden. Wir hatten gedacht, sie wür-den vielleicht durch den Himmel davonfliegen, denn Calonnin Ro-Vijar sagt, daß die Außenweltler das können. Aber er hat uns auch versichert, daß sie das höchstwahrscheinlich nicht tun würden.«

Diese Feststellung führte zu einer Frage des Offi-ziers, der zuerst gesprochen hatte. »Wo ist der tap-fere Landgraf von Arsudun?«

»Ja«, rief ein anderer, »wohin ist er gegangen, jetzt da wir mit Blut statt mit Worten kämpfen müssen?«

»Wenigstens habt ihr Verstand genug zu bemer-ken, daß unser hochgeschätzter Freund und Ve r-bündeter nicht zugegen ist. Und jetzt strengt euren winzigen Verstand noch ein wenig mehr an. Wohin kann er wohl gegangen sein? Überlegt doch!« Er kostete die Verblüffung aus, die er in ihren Gesich-tern las. »Denkt an das, was wir gerade sagten, daß die Außenweltler durch die Luft fliegen.«

Schließlich sagte jemand mit betroffener Stimme: »Er ist weggegangen, um auch für uns Außenwelt-ler Hilfe zu holen.«

»Wenigstens ein vernünftiger Mann unter euch.« Rakossa merkte sich den Sprecher, um ihn zu be-fördern, vorausgesetzt, er fuhr fort, gegenüber sei-nem König weiterhin die gebührende Demut an den Tag zu legen.

»Ro-Vijar hat Verbündete unter den Außenwelt-lern, ebenso wie jenes verfluchte Weib. Als uns klar wurde, daß das Eisfloß und seine Ladung nicht in der Stadt der Händler war, schickten wir Ro-Vijar auf seinen eigenen Vorschlag in sein Land zurück. Er versichert uns, daß er uns die Hilfe der Außenweltler verschaffen kann. Wenn er zurück-kehrt, wird er so schreckliche Waffen mitbringen, daß die armseligen Lichtlanzen der Außenweltler auf jenem Floß wie ein hölzernes Schwert neben einem aus Stahl erscheinen werden!«

Er setzte sich und wartete, bis seine Offiziere die-se Nachricht verdaut hatten. »Inzwischen«, fuhr er dann fort, »können die Händler und ihre Außen-weltler nicht herauskommen. Wenn sie es wagen, uns auf dem offenen Eis anzugreifen, werden wir uns soweit zurückziehen, bis sie ihren Windvorteil verlieren, und sie dann trotz ihrer fremdartigen Waffen auf dem Meer in Stücke schneiden. Wenn sie wieder verschwinden, wird man sie finden, wenn der Landgraf von Arsudun mit seiner Hilfe zurückkehrt. Sie können uns nicht entkommen!« Seine Pranke krachte auf den Tisch.

»Und dann werden wir nicht nur das große Eis-schiff besitzen, sondern alle Reichtümer dieser aufgeblähten Händlerstadt, die wir zuerst ausleeren und dann bis auf das Eis niederbrennen werden.«

Hochrufe hallten durch die Kabine. Rakossa lehn-te sich zurück, lächelte innerlich. Jetzt hatte er sie wieder. Sich die Loyalität solcher Bauernflegel zu bewahren, war eine unerfreuliche Aufgabe, aber eine, die große Männer wie er stets über sich erge-hen lassen mußten.

Ja, das Floß mit seinen schönen hohen Kufen aus dem Metall der Außenweltler würde ihm gehören. Und dann würde er die geheimnisvollen Kurzpfeil-Bogen seiner Mannschaft nehmen, ebenso wie ihr Blut. Seine Soldaten, die für verantwortliche Bür-ger viel zu nachdenklich geworden waren, würden jetzt Gelegenheit bekommen, ihre müßigen Speku-lationen zu vergessen, und sich in dem Reichtum von Moulokin und in dem Fleisch seiner Weiber ertränken zu können. Sein Ruhm und der Ruhm von Poyolavomaar würden sich ein Stück weiter über diesen Teil der Welt verbreiten.

Und dann gab es da etwas noch viel Wichtigeres, das er gewinnen würde. Viel lebensnotwendiger als die Eroberung und die Plünderung der Stadt, wich-tiger als der Gewinn des größten Eisschiffes auf ganz Tran-ky-ky, mehr als die Macht und das Pres-tige, die die herannahende Vernichtung ihm brin-gen würden. Seine Augen verengten sich, und seine doppelten Lider schlossen sich beinahe und verlie-hen dem Landgrafen von Poyolavomaar einen gla-sigen, schläfrigen Blick. Er würde die Konkubine Teeliam wiederhaben.

Sollten seine Offiziere und Männer die Reichtü-mer der Stadt gewinnen. Ihn drängte es nach einem Besitz, der viel kleiner war. Er konnte in dem Wis-sen nicht weiterleben, daß etwas, das ihm gehörte, ihn verschmähte.

Das erregte Summen der Gespräche rings um ihn wurde zu einem Dröhnen, während er sich zum tausendsten Mal ausmalte, was er mit ihr machen würde, wenn seine Pfoten wieder ihre Haut berühr-ten.

Das würde das letzte Mal sein, daß sie ihm ent-kommen war.

Einer von Mirmibs Helfern zeigte Ethan und Skua die Umgebung von Moulokin. Sie befanden sich jetzt am äußeren südwestlichen Stadtrand, wo dich-te Koniferenwälder in den Nebencanyon hinein und von dort aus landeinwärts führten. Wenn sie sich umsahen, konnten sie kleine Flöße erkennen, die in dem schlüsselförmigen Hafen hin- und herhusch-ten. Rauch kräuselte sich aus steinernen Schloten. Sanfte Brisen ließen die fernen Geräusche aus den Werften und der Stadt ineinander übergehen. Die Blockadeflotte von Poyolavomaar und die Mög-lichkeit eines gewaltsamen Todes schienen weit von ihnen entfernt.

»Diese Bäume«, erklärte der Beamte stolz, »gehö-ren zu den ältesten und größten im Canyon. Wir fällen sie nicht einfach, sondern bewahren sie für besondere Vorhaben auf, zum Beispiel, wenn es gilt, den Hauptmast eines besonders großen Floßes herzustellen. Sie dienen auch dazu, die seltenen, kräftigen Winde zu brechen, die von dem Plateau über der Stadt gelegentlich herabwehen.«

Der Beamte ließ die Arme sinken und verlang-samte sein Tempo auf dem Eispfad, damit die bei-den Menschen, die sich neben ihm bergauf quälten, nicht zu weit zurückblieben. Aber sie sollten die Sägewerke, die noch ein Stück canyonaufwärts lagen, nie zu Gesicht bekommen.

Ein Ruf hallte hinter ihnen. Ein ängstlich blicken-der, junger Tran chivanierte hinter ihnen den Berg herauf. Er kam plötzlich zum Stillstand, die Zunge hing ihm heraus, und er keuchte wie ein müder Läufer. Während des ganzen Monologes, der nun folgte, gestikulierte er wild mit den Armen, deutete gewöhnlich in die Richtung des Hafens.

»Mehr – mehr Himmelsleute sind gekommen.« Ethan und September tauschten Blicke, sagten aber nichts. »Sie sagen…« Er sah die beiden Menschen argwöhnisch an und holte Atem, »sie sagen, daß ihr Abtrünnige eures eigenen Volkes seid, Böse, die zu uns gekommen sind, um hier böse Taten zu ver-richten. Daß die Tran von Poyolavomaar allen Tran nur einen Dienst erweisen, indem sie versuchen, euch festzunehmen, und daß wir von Moulokin euch unverzüglich ausliefern sollen.«

»Ich verstehe.« September sah den Boten mit der daunigen Mähne an. »Was sagen Mirmib und die Lady K’ferr dazu?«

Der junge Mann grinste auf sehr tranische Art. »Viele Dinge, die man in Gegenwart Junger nicht wiederholen sollte. Sie glauben euch. Alle, die wir in Moulokin leben, glauben euch. Wer sich den verräterischen Poyos anschließt, muß ein Lügner sein, gleichgültig, über wie viel Macht er verfügt, oder woher er kommt. Ein schnelleres Floß oder ein stärkeres Schwert machen die Worte eines Fremden nicht zur Wahrheit.«

»Ich denke«, meinte September und lächelte, »ihr Leute werdet euch als nützlicher Zuzug zum Com-monwealth erweisen. Habt Ihr zufällig diese neuen Himmelsleute selbst gesehen?«

»Ja.«

»War einer von ihnen nur ein Stückchen kleiner als ich, ein sehr selbstzufrieden wirkender Mann?«

»Ich weiß nichts von den Verhaltensweisen von euch Außenweltlern«, antwortete der Bote ehrlich. »Man hat mich nur geschickt, um euch zu infor-mieren. Aber es waren drei Himmelsleute, und der eine, den Ihr beschreibt, gibt den beiden anderen Befehle. Sie sind in einem höchst wundersamen und magischen Fahrzeug gekommen. Es hat über-haupt keine Kufen«, murmelte er erstaunt, »schwebt aber in Höhe meiner Brust über dem Eis.«

»Ein Gleiter«, erklärte Ethan und fügte dann hin-zu, »damit können sie, wenn sie wollen, über die Mauer hinweg. Aber drei?«

»Trell würde Arsudun niemals ohne eine Art Leibwache verlassen«, meinte September. »Wahr-scheinlich Friedenswächter. Sie werden vom Kommissar widerspruchslos Befehle annehmen, sofern wir nicht vernünftig mit ihnen reden können. Und wenn Trell ihnen gesagt hat, daß wir gefährli-che Verbrecher oder dergleichen sind, werden wir keine Chance bekommen, uns ihnen zu nähern. Aber ein Gleiter macht mir keine Angst. Trell kann sich das auch denken. Wir wollen sehen, was sie sonst noch mitgebracht haben.«

Trell hatte tatsächlich viel mehr als einen Gleiter gebracht. Ethan und Skua standen auf der Mauer, die den Canyon sperrte. In der Ferne konnten sie die gerefften Segel und die Mäste der Poyoflotte erkennen. Wesentlich näher, zwei Meter über dem Eis, schwebte ein rechteckiges Gebilde aus Metall, mit gekrümmtem Bug. Das hintere Drittel des Ge-genstandes war unregelmäßig und bestand aus demselben Metall, wie die restliche Karosserie, das wie stumpfes Antimon aussah, nur daß die Höcker und Unregelmäßigkeiten an der Oberfläche es eher wie ein krankes Tier wirken ließen. Die vorderen zwei Drittel waren normalerweise von einer Kuppel aus Metall und Glasalum bedeckt, die im Auge n-blick eingezogen war. Ein gleichmäßiges, sanftes Brummen ging von dem Gleiter aus.

Ein Mann im Schutzanzug saß am Steuer. Trell stand hinter ihm. Etwas links davon, und noch ein Stück weit hinten, saß eine dritte Gestalt in einem flexiblen Sitz. Der Sitz war an einem Gegenstand befestigt, der aus einer dünnen, nach vorne zulau-fenden, zweieinhalb Meter langen Röhre bestand, die in einem Gewebe aus undurchsichtiger Kera-mik, Glasalum und gesponnenem Metall ruhte. Ethan empfand tiefe Niedergeschlagenheit. Bei der abstrakten Skulptur handelte es sich um eine Strah-lenkanone. Eine von bescheidener Größe, aber im-merhin durchaus imstande, jede Befestigung auf Tran-ky-ky in einen Haufen geschmolzenen Fels-gesteins zu verwandeln.

Die Bedienungsperson saß gelockert auf dem Sitz, fuhr sich mit der Hand durch ihr langes, rotes Haar und wartete auf Instruktionen des Kommissars.

Die Nähe des Gleiters erübrigte den Einsatz von Verstärkern. »Ethan Frome Fortune, Skua Septe m-ber, Milliken Williams!«

Ethan erkannte Trells Stimme sofort. »Wo ist Milliken?«

»Mit dem Zauberer irgendwohin verschwunden. Laß nur, Jungchen.« September brüllte nach unten: »Wir sind hier, Treu!«

»Sie befassen sich«, begann der Kommissar ge-schäftsmäßig, »mit nicht autorisierten, unzulässigen und illegalen diplomatischen Aktivitäten gegenüber den Eingeborenen dieser statuslosen Welt der Klas-se V.«

»Wir versuchen, ihnen dabei zu helfen, etwas zu bilden, das einer planetarischen Regierung ähnelt«, schrie Ethan zurück, »damit sie den Sprung in die Klasse II machen können. Das ist etwas Gutes. Sie haben das selbst gesagt, Trell.«

»Sie haben keine amtliche Erlaubnis dazu«, erwi-derte Trell zuckersüß. »Als planetarischer Kom-missar kann ich Ihre Besorgnis nachempfinden. Aber ich kann unerlaubte Aktivitäten solch delika-ter Natur nicht billigen.«

»Wir sind bereit, mit Ihnen zusammenzuarbei-ten«, konterte September. »Erteilen Sie uns die Genehmigung.«

»Ich bin nicht befugt, das zu tun, Mr. September. Ich bin nur Verwalter. Für die Regierungspolitik bin ich nicht zuständig. Wenn Sie mit mir nach Arsudun zurückkehren, bin ich Ihnen gerne beim Ausfüllen der entsprechenden Formulare behilflich und werde den Antrag in die richtigen Kanäle lei-ten.«

»Das würde Jahre dauern.« Ethan versuchte gar nicht erst, seinen Sarkasmus zu unterdrücken. »Sie wissen, wie die Bürokratie arbeitet. Wir sind weder anerkannte Diplomaten noch Missionare, bloß Pri-vatbürger. Wir würden die Genehmigung nie be-kommen.«

»Darüber habe ich nicht zu befinden. Aber Sie müssen die offiziellen Kanäle benutzen! Als plane-tarischer Kommissar bin ich befugt, dem Gesetz Geltung zu verschaffen. Und kein Gesetz erlaubt es Amateuren, sich in Eingeborenenangelegenheiten einzumischen.«

»Sie nennen es Einmischung. Wir nennen es et-was anderes.«

»Das ist offenkundig, Mr. September. Aber…« – und damit trat er auf die wartende Kanone zu – »was für Lügen auch immer Sie Ihren eingebore-nen Verbündeten aufgebunden haben mögen, es wird Ihnen beim Widerstand gegen moderne Waf-fen nichts nützen. Ich ersuche Sie zum letzten Mal, friedlich nach Arsudun zurückzukehren…«

»Wo man uns vielleicht die Bäuche aufschlitzt – rein zufällig natürlich«, unterbrach ihn September.

»… um dort Ihre Aktivitäten durch die entspre-chenden Behörden weiter verfolgen zu lassen.«

»Und wenn wir das nicht tun?«

Trell brachte es fertig, betrübt zu blicken. »Wenn ich mich gezwungen sehen sollte, moderne Waffen gegen primitive Eingeborene einzusetzen, wird das sehr unangenehme Folgen für Sie haben.«

»Er will damit sagen«, murmelte September, »daß er, wenn wir und die Moulokinesen Widerstand leisten, die ganze Stadt in Stücke schießen und uns die Schuld aufladen kann. Wenn wir mit ihm zu-rückkehren, weißt du ja, was passieren wird. Wenn er uns nicht sofort tötet, schafft er uns einfach auf das nächste Schiff, welches das System verläßt. Das wäre das Ende eines jeglichen Versuches, die Tran zu organisieren und aus ihrem selbstzerstöre-rischen Feudalismus herauszuführen. Du weißt, wie weit ein offizieller Antrag kommen würde.«

»Was sagt ihr, Freunde?« Sie blickten sich um und sahen Hunnar erwartungsvoll hinter ihnen ste-hen. Ethan ging von der Symbosprache, die er und September gesprochen hatten, auf Iranisch über und wiederholte dem Ritter und Mirmib, der herü-berchivaniert war, den größten Teil ihres Ge-sprächs.

Hunnar schlug die Armbrust an, die er aus der Waffenkammer der Slanderscree geholt hatte. »Was geschieht, wenn ich dem Menschenhäuptling einen Bolzen durch die Brust schieße? Wird er nicht genauso schnell sterben wie jeder Tran?«

»Ganz genauso schnell«, gab September zu. »A-ber wir würden alle drei gleichzeitig töten müssen.« Er blickte zur Mauer hinüber. »Fast unmöglich. Wenn einer von ihnen überlebt, entfernen sie sich aus unserer Schußweite und vernichten die ganze Stadt, oder – schlimmer noch – kehren nach Brass Monkey zurück und berichten, was hier geschehen ist. Dann würde Moulokin als gesetzlose Stadt an-geprangert werden, und Ro-Vijar und Rakossa würden als die größten Führer von ganz Tran-ky-ky in die Geschichte eingehen. Zu riskant, höchstens als letzte Zuflucht. Es ist wie wenn man über eine Bodenspalte springt – da geht nur alles oder nichts.

Außerdem ist Trell nicht blöd. Er weiß, daß wir ein paar Strahler haben. Wahrscheinlich hat der Gleiter im Augenblick ein Strahlenschild einge-schaltet. Alles, was wir auf sie feuerten, würde auf das Eis abgelenkt werden.«

»Wir haben eine ganz andere Waffe, Skua.« E-thans Blick wanderte zwischen Mann und Tran hin und her. »Die neue Geschichte einer ganzen Ras-se.«

September lachte spöttisch. »Ich bin gar nicht si-cher, ob Trell der Typ von Mensch ist, für den das einen großen Unterschied macht, Jungchen.«

»Du solltest nicht zu schnell urteilen, Skua. Du hast selbst einmal gesagt, daß du gewöhnt bist, mit Extremfällen umzugehen. Laß mich zuerst versu-chen, ihm das zu verkaufen. Ehe wir uns auf den Standpunkt Alles oder Nichts stellen.« September blickte unschlüssig.

»Mag sein, daß ich unrecht habe, aber ich denke, er könnte die Sorte von gebildetem Funktionär sein, die solange gerne stehlen, als das mit quasilegalen Mitteln geht. Zwischen professionellen Mördern und unmoralischen Opportunisten gibt es einen Unterschied.«

»Du verstehst dich auf große Worte, Junge.«

»Das ist auch mein Geschäft. Laß mich zumindest versuchen, mit ihm zu reden. Wenn er mich igno-riert, nun…« – er zuckte die Achseln und blickte auf Hunnars schußbereite Armbrust – »dann kön-nen wir immer noch etwas vordergründigere Me-thoden einsetzen.«

»Warum ihn nicht einfach umbringen«, meinte Hunnar ungerührt, »wenn er herkommt, um zu verhandeln?«

»Zunächst einmal, Hunnar, machen wir so etwas nicht, das paßt nicht zu uns«, erwiderte September streng. »Zum zweiten wird Trell alleine kommen. Das klingt vielleicht paradox, aber er ist sicherer, solange seine Leibwache hinten bleibt, bei dem Gleiter und der Kanone. Wenn wir ihn töten, haben wir verloren.«

»Dann sind wir also alle einer Meinung. Freund Ethan, versuche es mit Worten.« Hunnars Ton ließ keinen Zweifel daran, was er von Ethans Chancen hielt.

Er zeigte sich am Rande der Mauer. »Treffen wir uns am Tor? Wir haben Ihnen eine Menge zu sa-gen, was Sie nicht wissen.«

»Einverstanden«, lautete die Antwort, »sofern ich ein paar Leibwächter mitbringen kann!«

September entgleisten die Gesichtszüge. Wenn Trell so verrückt war, Gleiter und Kanone unbe-wacht zurückzulassen…

Das war er nicht. Als die mächtigen hölzernen Tore einen Spalt weit geöffnet wurden, traten Trell, zwei riesige Tran und Calonnin Ro-Vijar ein. Letz-terer sah wie eine große, graue Cheshire-Katze aus.

Trell hatte sich gründlich vorbereitet. Er trug Schlittschuhe, ähnlich denen, die Ethan und seine Freunde sich beschafft hatten.

»Ihr habt also die ganze Zeit mit Trell gemeinsa-me Sache gemacht«, sagte Ethan.

»Bei was denn?« Trell blickte so unschuldig wie der Mann, der behauptet, seine Garrotte wäre ein Taschentuch. »Als Landgraf von Arsudun interes-siert sich Ro-Vijar ganz natürlich für alles, was die Völker seiner Welt betrifft.«

»Wie zum Beispiel persönliche Profite?«

»Wir sind hier alle Geschäftsleute und Händler.« Ethans beabsichtigte Beleidigung prallte von Ro-Vijar ab. »Als Händler wäre ich sehr dankbar, wenn sich das alles in Ruhe erledigen ließe, ohne daß jemand zu sterben braucht. Ihr sollt tun, was euer Anführer fordert, und mit ihm zu eurer Station zurückkehren.«

»Das würde vielleicht die Dinge zwischen den Außenweltlern regeln.« Hunnar lehnte sich gegen die Mauer und prüfte die Schneide seines Schwerts. »Nachdem die Menschen sich entfernt haben, wür-den noch viele Dinge bleiben, die zwischen den Leuten geregelt werden müssen.«

»Es sei, wie Ihr wünscht.« Ro-Vijar machte eine unauffällige Geste in Richtung auf den Ritter, und Hunnars Muskel spannten sich.

»Es hat nichts zu sagen«, meinte Trell hastig. Er deutete auf Ethans Hüfte. »Falls Sie sich das ge-fragt haben sollten – der Gleit hat kein Strahlungs-schild. Das ist auf dieser Welt überflüssig. Aber wir sind gerade außerhalb der Schußweite Ihrer Hand-strahler. Sie reichen nicht einmal ein Zehntel so weit wie jene Kanone.

Ich würde es zwar ungemein bedauern, Sie zu tö-ten, falls Sie sich weigern sollten, friedlich mit mir zurückzukehren, und weiterhin diesen illegalen Aktivitäten nachzugehen, aber ich würde das mit dem größten Bedauern dennoch tun. Was war es also, das Sie mir sagen wollten?« Seine Stimme klang ungeduldig. Im Schatten der Mauer war es kalt, und sein Schutzanzug paßte nicht richtig.

Ethan gab Sir Hunnar ein Zeichen. Der Ritter ging an die Tür eines Raumes, der in den Sockel der Mauer eingelassen war. Einige Matrosen der Slan-derscree kamen heraus. Sie trugen Säcke aus Pika-Pina-Fasern. Vorsichtig wurden die Säcke ausge-leert und ihr Inhalt vor Trell auf dem Eis ausgebrei-tet. Messer, Teller, Reliefarbeiten, alle möglichen Reste aus der vergrabenen Metropole, die sie land-einwärts entdeckt hatten.

Ethan wünschte sich, Williams wäre zugegen, um eine wissenschaftlichere und verständlichere Erklä-rung zu liefern. Da dies aber nicht der Fall war, versuchte er sich an eine Analyse dessen, was sie entdeckt hatten. Sein Bericht führte bei Ro-Vijar und seinem Leibwächter zu einer viel auffälligeren Reaktion als bei Trell.

Das bedeutete nicht, daß der Kommissar nicht einschätzen konnte, welche Bedeutung die vor ihm ausgelegten Artefakte hatten. Er kniete nieder und untersuchte ein fremdartiges Werkzeug aus feins-tem Stahl, feiner als er je welchen gesehen hatte. »Ich gebe zu, daß ich dergleichen nie zuvor gese-hen habe. Das bedeutet, daß diese Moulokinesen hervorragende Handwerker sind.«

»Das glauben Sie doch selbst nicht, Trell. Man braucht kein Experte zu sein, um sagen zu können, wie alt dieses Zeug ist. Mit Hilfe des Commo n-wealth würden die Tran ihre Leistungen und ihr kulturelles Erbe von einem Warmzyklus bis zum nächsten bewahren können.«

»Diese Goldenen Saia, von denen Sie spra-chen…«

Und Ethan fuhr begeistert fort: »Warmwetterver-sion der Tran, die wir rings um uns sehen, Leute, die in einer vulkanisch heißen Region aus der ver-gangenen warmen Periode überlebt haben. Dort haben auch Pflanzen und Tiere aus jener Epoche überlebt. Ein lebender Beweis dessen, was ich Ih-nen gesagt habe, Trell. Die Tran leben während der warmen Zyklen in großen gesellschaftlichen Orga-nisationen auf den Kontinenten. Sie brauchen ihnen bloß eine Kommunikationstechnologie zu geben, und schon haben Sie es mit einer echten planetari-schen Regierung zu tun. Nur die Perioden der schrecklichen Kälte zwingen sie in Stadtstaaten, die miteinander um bewohnbares Territorium wettei-fern.

Verstehen Sie denn nicht, Trell? Für die Tran hier steht viel mehr auf dem Spiel als eine assoziierte Mitgliedschaft im Commonwealth. Sie werden in ein paar tausend Jahren den vollen Status haben und ihn behalten, sobald man ihnen ein kulturelles Fundament gesichert hat, das nicht jedes Mal, wenn die Zivilisation in Gang kommt, von einer neuen Eiszeit zerstört wird.« Er hielt inne und fuhr dann mit mehr Ernst fort, als er sich je für fähig gehalten hätte.

»Wenn Sie uns mit nach Arsudun nehmen und uns mit dem nächsten Schiff, das vorbeikommt, abschieben und alles das vergessen, verurteilen Sie eine ganze Rasse, Hunderte Millionen vernunftbe-gabter Wesen, zu einer Existenz periodischer Kriegsund Hungersnöte und großen Sterbens. Und alles das kann vermieden werden. Sie persönlich wären dafür verantwortlich, ihnen ihr angestamm-tes Erbe zu versagen.«

»Zumindest ist die Wahl für Sie einfach, Trell«, sagte September. »Ein paar Credits auf Ihrem per-sönlichen Konto und dagegen die Zukunft einer ganzen Welt. Wenn Sie sich freilich für ersteres entscheiden, wären Sie ganz bestimmt nicht der erste, der das täte.«

Ethan konnte sehen, daß der Kommissar unter seinem Schutzanzug schwitzte. Es war eine Sache, aus den Handelsbeziehungen eines streitsüchtigen, primitiven Volkes ein wenig illegal Profit abzusah-nen, und eine völlig andere, das auf Kosten der Zukunft einer ganzen Zivilisation zu tun. Trell war gerade moralisch genug, gerade zivilisiert genug, genauer gesagt, eben genug planetarischer Kom-missar, um sich durch das Problem vor ein wirkli-ches Dilemma gestellt zu sehen.

Ethan, der seine Unsicherheit fühlte, suchte ver-zweifelt nach irgendeiner zusätzlichen semanti-schen Waffe, die er gegen Trell gebrauchen konnte. »Sie würden immer noch die Leitung haben, immer noch Kommissar sein. Sie könnten sogar den zuläs-sigen Prozentsatz nehmen – wenn auch einen viel kleineren – und damit an dem lokalen Handel betei-ligt sein. Denken Sie doch, welchen Aufschwung dieser Handel nehmen wird, sobald die Tran sich einmal planetenweit organisieren. Hier in Moulokin haben wir sie schon auf diesen Weg gebracht.

Und wenn das als Anreiz noch nicht genügt, dann denken Sie doch an den Ruhm, den Sie auch mit ein paar gestohlenen Credits nicht kaufen können. Sie würden in die Geschichtsbücher der Kirche als der Kommissar eingehen, der die zyklische Natur der Zivilisation dieser Welt erkannt und die ersten Schritte getan hat, um einer aus klimatischen Grün-den verarmten Rasse zu helfen. Wie viel ist denn eine Fußnote in der Unsterblichkeit wert, Trell?« Er verstummte. Nach diesem Appell an Trells Moral und anschließend sein Ego hatte Ethan sein Pulver verschossen.

»Ich kann nicht – ich bin nicht sicher…« Trells salbungsvoller Ton war gleichzeitig mit seinem Selbstbewußtsein verschwunden. Er war hereinge-kommen und hatte erwartet, Bitten oder Schmä-hungen zu hören. Statt dessen hatte man ihn mit Artefakten und jetzt sogar mit einer neuen Weltge-schichte konfrontiert. Er war völlig durcheinander, brauchte Zeit, um wieder mit sich ins reine zu kommen.

»Ich muß darüber nachdenken, sorgfältig darüber nachdenken. Wir…« Er hielt inne und drehte sich abrupt zu Ro-Vijar herum. »Laß uns gehen und miteinander reden, Freund Landgraf!« Ro-Vijar gab mit einer einfachen Geste zu verstehen, daß er verstanden hatte, und begleitete Trell zu der Öff-nung im Tor.

Der Kommissar sah wieder Ethan an. »Sie be-kommen in weniger als einer Stunde Antwort.«

»Alles, was wir erbitten, ist nur, daß Sie über das Offensichtliche nachdenken«, sagte Ethan. »Wir geben Ihnen um dieselbe Zeit unsere Antwort.« Trell schien diesen letzten Satz nicht gehört zu haben, er war so in Gedanken versunken, daß ihn nichts, was von draußen kam, davon abbringen konnte.

»Was, glaubst du, wird er tun, Freund Ethan?« fragte Hunnar, als die hölzernen Tore sich hinter den vier Männern wieder schlossen.

»Ich weiß nicht. Wirklich, ich weiß es nicht. Normalerweise merke ich es, wenn ich einen Kun-den an der Leine habe – wenn ich jemanden von irgend etwas überzeugt habe –, aber Trell ist zu benommen, als daß ich was aus ihm hätte machen können. Skua?«

»Ich weiß es auch nicht, Jungchen. Trell versucht zu entscheiden, ob die Unsterblichkeit die Vergnü-gungen der Gegenwart wert ist. Das ist ein altes menschliches Dilemma: lebt man für den Tag, oder arbeitet man für einen Platz im Himmel. Das Prob-lem ist, daß wir nicht mit der Drohung der Hölle kontern können. In einer Stunde wissen wir Be-scheid.«

Weiter: Teil 3 von 3