Die Moulokin-Mission
»Ihr habt die betreffende Frau gesehen, Mirmib.…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
»Angenommen, er lehnt ab, Skua… was tun wir dann!« September sagte nichts. Sein Gesichtsaus-druck genügte als Antwort.
18
Der Schweber hing neben dem königlichen Floß der Flotte von Poyolavomaar in der Luft. In der Kabine unterhielten sich Trell, Ro-Vijar und Ra-kossa. Die beiden Friedenshüter standen in der Nähe und unterhielten sich halblaut, ohne auf die neugierigen Blicke der sie umgebenden Tran zu achten.
»Freund Calonnin«, sagte Trell müde, »ich sage dir das immer wieder, aber du willst mich einfach nicht verstehen. Ich habe jetzt in dieser Sache keine Wahl mehr. Die Ereignisse haben sich so entwi-ckelt, daß ich die Kontrolle über sie verloren habe.«
»Du hast recht«, erwiderte Ro-Vijar mit ange-spannter Stimme. »Ich verstehe wirklich nicht, weshalb du sagst, du hättest keine Wahl. Warum gebrauchst du nicht deine Lichtwaffe, um aus die-sen drei Außenweltlern Asche zu machen, die du dann über den Ozean verstreuen kannst?«
»Hier geht es jetzt nicht mehr um drei Leute.« Trell saß in dem viel zu wuchtigen Transessel und bewegte nervös die Finger. Sie rieben und kratzten unentwegt aneinander und verkrampften sich dann wieder ineinander.
»Alles, was sie über die Zukunft eures Volkes ge-sagt haben, ist völlig richtig, wenn man bedenkt, wie genau sie ihre Entdeckungen interpretiert ha-ben. Ich neige dazu, mich dieser Interpretation an-zuschließen. Außerdem gefällt mir die Vorstellung gut, daß mein Name in die Geschichte eingehen kann. Der deine übrigens auch.«
»Eure Geschichte ist nicht die meine.«
»Sie wird es aber sein.«
»Das wird sich ja noch erweisen.«
»Keiner von uns wird wegen dieser Entwicklung in Armut versinken, Calonnin. Du wirst immer noch Landgraf von Arsudun sein. Und wenn der Hafen von Brass Monkey sich ausweitet, um zu-sätzlichen Handel aus den restlichen Städten Tran-ky-kys zu bewältigen, dann werden auch Arsudun und du persönlich Nutzen daraus ziehen.«
»Wie viele deiner Jahre wird das dauern?«
»Bald, bald«, meinte Trell.
»Und was ist mit anderen, neuen Häfen?«
»Es könnte einen oder zwei geben«, räumte Trell ein. »Aber Arsudun wird immer der erste bleiben.«
»Was geschieht, wenn ich einmal nicht mehr am Leben bin, interessiert mich wenig, Freund Trell. Mich interessiert nur, was morgen geschehen wird und vielleicht noch am Tage darauf.«
Trell blickte auf eine zweite Gestalt im Raum, die im Schatten stand. »Was ist mit dir, Rakossa von Poyolavomaar? Was willst du?«
Rakossa trat ins Licht. »Wir besitzen genug Reichtum, um uns für alle Zukunft zufrieden zu machen. Wir haben Macht und Rang. Was nach unserem Tode aus unserem Namen wird, interes-siert uns einen K’nith. Uns interessiert nicht ein-mal, was morgen geschieht, nur heute. Was wir wollen? Gerechtigkeit wollen wir! Diese Händler, die es wagen, sich gegen uns zu stellen, und…«
»Ja, ich weiß, ich weiß.« Trell seufzte. Die kindi-sche Sturheit dieser unwissenden Primitiven brach-te ihn zur Verzweiflung. »Calonnin hat mir das von der Konkubine erzählt. Eure Wünsche sind ebenso beschränkt wie Euer Weitblick, Rakossa.«
»Ihr glaubt, wir stünden unter Euch, Außenwelt-ler. Unser Weitblick«, sagte er dann mit einer Stimme, bei der sich Trells Nackenhaare seltsam sträubten, »ist vielleicht gar nicht so beschränkt, wie Ihr glaubt.«
»Und was soll das bedeuten?«
»Wir versuchen, alles vorherzusehen«, erklärte Rakossa geheimnisvoll. »Auf diese Weise haben wir bis zum heutigen Tage überleben können, und das in einem Hofe, der mit Intrigen angefüllt ist und wo überall raffinierte Feinde auf uns lauern. Auch sie halten uns für närrisch und verrückt, glauben, unsere Wünsche verblendeten uns. Aber Hartnäckigkeit ist nicht Blindheit, und wir sind nicht so besessen, daß wir nicht die Möglichkeiten der Zukunft erkennen und nicht alle Möglichkeiten sehen könnten.«
Trells rechte Hand hatte sich langsam auf die Ta-sche in seinem Schutzanzug zugeschoben und das innere Hitzesiegel geöffnet, so daß er die Hand in den Overall schieben konnte, den er darunter trug.
»Zuerst habt Ihr gesagt, Euch interessiere nur der heutige Tag. Jetzt behauptet Ihr, in die Zukunft sehen zu können. Ihr seid nicht konsequent, wenn Ihr schon nicht verrückt seid, Rakossa.«
»Auf diese Weise schützen wir die Wünsche von heute, Außenweltler.«
Trell kam plötzlich ein Gedanke. Während sich seine Hand noch immer auf die Waffe zuschob, blickte er wie benommen zu Ro-Vijar hinüber, der sich jetzt an die Wand gestellt hatte. »Calonnin, was ist…!«
Der erste Pfeil traf den planetarischen Kommissar über der in die Stirn geschobenen Eisbrille. Er prallte von seinem Schädel ab und tötete ihn daher nicht gleich. Die darauf folgenden Pfeile verrichte-ten bessere Arbeit.
Ro-Vijar und Rakossa hatten sich aus der Schuß-linie weggeduckt. Und Ro-Vijar war zur Türe hi-nausgerannt, auf die er sich vorsichtig zubewegt hatte, während Rakossa hinter dem Tisch in De-ckung gegangen war. Trell hatte gerade noch Zeit, einen Schuß abzufeuern. Sein Strahler durchbohrte nur das Kabinendach.
Als die Matrosen, die vor den Fenstern versteckt gewesen waren, ihr Werk getan hatten, kehrten sie wieder an ihre Arbeit zurück. Alle, mit Ausnahme einiger weniger, die ihre Anweisungen von Rakos-sa erhalten hatten.
Die Gesichter der drei Menschen – auch die Frie-denshüter hatte man niedergemacht – waren unter der Vielzahl der Pfeile, die in ihnen steckten, fast unkenntlich.
»Waren so viele notwendig?« erkundigte sich Ro-Vijar und musterte die Leichen etwas verunsichert.
»Ihr selbst, Landgraf von Arsudun, habt uns ge-sagt, Ihr wüßtet nicht genau, wo ihre lebenswichti-gen Organe säßen. Wir gehen kein Risiko ein. War-tet!«
Die Prozession kam zum Stillstand, und ihre schaurige Last besudelte das saubere Deck. Rakos-sa trat neben Trells reglose Gestalt. Er griff durch einen kleinen Wald von Pfeilen und hob den Kopf mit seinen leeren Augen am Haar, starrte ihn mit flammenden, schwarzgelben Augen an.
»Du hältst dich wohl immer noch für soviel klü-ger, als wir das sind, Trell aus dem Himmel?« Er grinste ein blutdürstiges Grinsen. »Seltsam, er gibt keine Antwort. Vielleicht haben wir ihn dazu ve-ranlaßt, seine Meinung zu ändern.« Er ließ den Schädel fallen, und die Matrosen trugen die Leiche weg.
»Bist du sicher, daß du die große Waffe der Au-ßenweltler bedienen kannst?« fragte er Calonnin.
»Ich habe auf unserer Reise hierher auf mannigfa-che Art versucht, Trell dazu zu veranlassen, daß er es mir zeigte, aber dazu war er zu schlau. Als wir dann aber vor der Mauer den Menschen gegenüber-standen, habe ich ganz scharf hingesehen, wie die Frau die Maschine vorbereitete. Ich bin sicher, daß sie bereit war, Trell zu schützen, die Waffe war also sicherlich feuerbereit. Ich habe mir den Vor-gang so gut es ging gemerkt.«
»Ausgezeichnet. Was wird jetzt geschehen, da wir den Anführer der Außenweltler getötet haben?«
»Er ist nur der Anführer der einen kleinen Stadt, die sie auf unserer Welt unterhalten«, erklärte Ro-Vijar nachdenklich und kratzte sich hinter dem Ohr, wo ihn ein hartnäckiges Insekt schon seit Ta-gen quälte. »Wenn du oder ich sterben sollten, dann würden die Ritter und Adeligen entweder einen unserer Nachkommen oder einen aus ihrer eigenen Mitte auf den Thron erheben. Ich nehme an, daß es bei den Himmelsleuten ganz ähnlich ist. Sie werden einen aus ihrer Mitte auswählen, um Trell zu erset-zen, bis ein neuer Anführer von jenseits des Hi m-mels gesandt werden kann, um seine Stelle einzu-nehmen.
Und wer auch immer dann kommt, wird nichts von dem wissen, was hier geschah. Diejenigen Menschen in der Außenstation, die mich kennen, werden mir glauben, werden meinen Bericht über seinen Tod und seiner Gefährten akzeptieren, da es ja sonst nichts gibt, was sie glauben können.«
»Und du als einziger Zwischenträger zwischen den Himmelsleuten und Tran wirst sicher bleiben?«
»Ja, wahrhaftig, so ist es, Freund Rakossa.« Ro-Vijar hatte inzwischen alle Besorgnis abgelegt. In gewissem Maße kannte er die Kräfte, die die Hi m-melsleute besaßen. Wie aber stand es um die Kräf-te, von denen er nichts wußte?
Trell hatte ebenso geblutet und war ebenso schnell wie jeder Tran gestorben, als die Pfeile ihn durchbohrten. Kein Außenweltler war gekommen, um ihn zu retten oder zu rächen. Wahrscheinlich würde auch keiner kommen. Er fühlte sich jetzt viel, viel besser.
»Ich werde den ganzen Handel unter Kontrolle halten. Wie versprochen, wirst du deine Belohnung für die Arbeit dieses Tages erhalten.«
»Und das Floß. Vergiß das Floß nicht.«
»Ja, das große Eisfloß soll auch dir gehören.« Ro-Vijar lieferte den Eissegler ohne Bedenken aus. Warum auch nicht? Schließlich war da noch der Gleiter der Himmelsleute, der keine Kufen brauc h-te, um schneller als jedes Eisschiff über Eis oder Land zu fahren. Ohne Zweifel gab es auch noch andere Geräte, die er von den menschlichen Händ-lern kaufen oder stehlen konnte. Den Diebstahl konnte man ja auf andere schieben. Die Poyos, zum Beispiel. Alle wußten um ihre gemeinen Verräte-reien. Was brauchte er schon ein Eisschiff, gleich-gültig, wie groß es auch sein mochte?
»Wir werden versuchen, die drei Außenweltler in der Stadt dazu zu bewegen, daß sie sich ergeben«, erklärte er Rakossa. »Sie haben nur die kleinen Lichtwaffen.«
»Haben wir nicht auch drei, ganz abgesehen von der großen auf dem Himmelsfloß?«
»Richtig, Freund Rakossa. Aber wir sind in ihrem Gebrauch unerfahren. Am besten vermeiden wir Schwierigkeiten.«
»Wenn sie sich ergeben, haben wir sechs statt drei. Sie werden sich nach Trell erkundigen. Dann müssen sie sterben.«
»Ganz sicher«, pflichtete Rakossa ihm ruhig bei. »Es ist gut, daß wir einer Meinung sind.«
Ethan lehnte sich gegen die Mauer. Er sah ein paar moulokinesischen Soldaten bei einem Spiel zu, das in tausend verschiedenen Ausprägungen in der ganzen Galaxis bekannt war. Auf der alten Ter-ra hatte man es als Sunka, Kalaha und in einem Dutzend weiterer Inkarnationen gekannt. Ein Sol-dat hatte gerade sieben Steine seines Gegners ein-gesammelt, als das schrecklich vertraute Geräusch zerreißenden Papiers zu hören war.
Auf der anderen Seite des Tores, von seinem ge-genwärtigen Standort aus gesehen, war oben in der Mauerkrone ein Loch zu sehen. Es war ungefähr drei Meter lang und dreieinhalb tief, fast völlig kreisförmig, abgesehen von den gezackten Rändern von ein paar Steinen, die hineinragten. Im Inneren jenes Kreises war alles – Stein, Soldaten und Waf-fen – verschwunden. Oder um es genauer zu sagen, war entweder Teil der zerschmolzenen Überreste geworden, die unten an der Schnittstelle lagen, oder Teil der Aschenw olke, die jetzt canyonabwärts davonschwebte. Nebel wallte auf, als die kalte Luft von Tran-ky-ky das auf Weißglut erhitzte Gestein berührte.
Er hatte den Strahl aus der Kanone nicht gesehen, nicht daß das wichtig gewesen wäre. Ein gehetzter Blick über die Mauer zeigte ihm, daß der Gleiter immer noch vor dem nächsten Poyofloß in der Luft schwebte. September legte ihm die Hand auf die Schulter und starrte in dieselbe Richtung.
»Jungchen, das ist kein Mensch dort an der Kano-ne.«
Während der Gleiter ungeschickt und ruckartig auf sie zukam, konnte Ethan die Beobachtung des Hünen bestätigen. An Bord des Gleiters befanden sich einige Tran, aber kein einziger Mensch im Schutzanzug.
»Ich kann Ro-Vijar erkennen. Er bedient die Ka-none.«
Der Gleiter hielt knapp außerhalb der Reichweite ihrer Handstrahler. Der Landgraf von Arsudun erhob sich hinter der Waffe. »Ich kann keine so hübschen Sätze wie Außenweltler bilden. Ihr wer-det euch alle ergeben: jetzt gleich. Oder – das gelo-be ich – jeder Mann, jede Frau und jedes Junge in ganz Moulokin wird sterben.«
Ethan schrie über das Eis hinüber: »Wo ist der Mensch Trell?«
»Trell ist den Pfad gegangen, der allen Verrätern bestimmt ist, ob sie nun aus dem Himmel kommen oder sonst woher. Er kann euch jetzt nicht mehr helfen.«
Einige Tran chivanierten nach vorne. Sie trugen die drei mit Pfeilen gespickten Leichen und warfen sie geringschätzig aufs Eis. Die Leichen waren nicht so weit entfernt, daß Ethan und die anderen auf der Mauer nicht die schlaffen Gestalten des ehemaligen planetarischen Kommissars von Tran-ky-ky und seinen beiden Friedenshüter hätten er-kennen können.
Hinter ihm erklang eine besorgte Stimme: »Was hat das zu bedeuten, Freund Ethan?«
Er versuchte erst gar nicht, Minister Mirmibs Fra-ge auszuweichen. »Es bedeutet, daß unsere Feinde jetzt Waffen in ihrem Besitz haben, die viel stärker sind als unsere eigenen. Sie haben die Menschen getötet, die jene Waffen gebracht haben. Ich hatte Zweifel, daß der Mensch Trell diese Macht gegen Euch und Euer Volk einsetzen würde. Was jetzt Rakossa und Ro-Vijar angeht, habe ich solche Zweifel nicht.«
»Ich weiß«, überlegte Ethan. »Vielleicht, wenn wir drei uns ausliefern ließen…«
»Ruhig Blut, Jungchen. Mag sein, daß Ro-Vijar hinter dieser Überzeugungsmaschine sitzt, aber das Kommando da draußen hat Rakossa.«
»Teeliam würde sich aufgeben, um die Stadt zu retten. Sie hat das schon einmal versucht.«
»Gebrauch doch deinen Verstand, Junge. Wir ha-ben es ihr bis jetzt nicht erlaubt und werden es ihr aus den gleichen Gründen auch im Augenblick nicht erlauben. Rakossa hat etwas in der Hand, womit man diese ganze Stadt einebnen kann. Er versucht, ein Rudel wütender, verlegener und kampflüsterner Krieger unter Kontrolle zu halten. Glaubst du, er wird zulassen, daß Ro-Vijar, ge-schweige denn sonst jemand, der hier lebt, viel-leicht dem nächsten Kommissar berichtet, was wirklich geschehen ist? Keine Chance. Wir müssen kämpfen.«
»Gebrauch doch du deinen Verstand, Skua.« Die Enttäuschung ließ Ethans Stimme ärgerlicher er-klingen, als es eigentlich seiner Stimmung ent-sprach. »Wir können nicht gegen eine Strahlenka-none kämpfen.«
»Dann tun wir doch so, als würden wir fliehen. Wir ziehen uns zurück, lassen sie vielleicht sogar in die eigentliche Stadt hinein. Wir können uns teilen; einige von uns nehmen Kurs auf den Hauptcanyon und verbergen sich dort im Nebel. Und kommen dann heraus und versuchen, sich die Kanone zu holen. Schließlich müssen die auch einmal ausru-hen. Ein paar tausend würden sterben, aber das ist immer noch besser als die ganze Bevölkerung.«
»Ich habe eine bessere Idee, meine Herren.«
Ethan und September drehten sich um und sahen Williams keuchend die letzten Stufen der Rampe heraufeilen.
»Wo zum Teufel hast du gesteckt, Milliken?« knurrte September.
»Wir dachten, es wäre am besten, einen Strahler in Reserve zu halten«, erwiderte Milliken und igno-rierte den unfreundlichen Ton.
»Ich habe mit Eer-Meesach und einigen der hiesi-gen Handwerker an einer Idee gearbeitet, die ich hatte«, fuhr der Lehrer fort. »Und zwar, seit die Flotte von Poyolavomarr ihre Blockade begann.« Es gab Zeiten, wo Williams’ scheue Zurückhaltung wie Gelassenheit wirkte, besonders, wenn seine ganze Umgebung unter dem Eindruck einer unmi t-telbar bevorstehenden Niederlage stand.
»Auf meine bin ich nicht sonderlich stolz«, sagte September. »Laß die deine hören.«
»Hast du die Schlacht von Sofold vergessen? Hast du vergessen, Sir Hunnar?«
»Gut gemeint, Milliken, aber diesmal geht das nicht.« September deutete mit dem Daumen nach hinten, in Richtung auf die wartende Flotte. »In Sofold gab es keine Strahlenkanone. Und Sagyanak reiste auf einem Floß, nicht auf einem Gleiter über dem Eis.«
»Das ist mir bewußt«, erwiderte Williams mit ei-ner leisen Spur des Tadels in der Stimme. »Ich hatte auch nicht daran gedacht, daß wir die Schlacht von Sofold hier wiederholen könnten.«
»Warum erinnerst du uns dann an sie?« fragte E-than verwirrt.
Williams erklärte es ihm.
»Wir haben lange genug gewartet.« Rakossa stand am Bug seines Fahrzeugs und schrie zu Ro-Vijar hinüber, der auf dem Gleiter stand. »Laß sie doch sterben, wenn sie das wünschen, und auch dann, wenn sie es nicht wünschen. Unsere Soldaten wol-len ihre Hitze herauslassen. Wir haben ihnen Mo u-lokin versprochen, und sie sollen es haben. Wenn du jetzt ein schwaches Herz bekommen hast und unsicher bist wie die Außenweltler…«
»Calonnin Ro-Vijar hört seinen Freund Rakossa. Zeit genug ist verstrichen. Es geschehe dein Wil-le.«
Der Landgraf von Arsudun drehte sich um und drängte sich in den zu engen Sitz und wiederholte die Sequenz, die er sich gemerkt hatte, als er die menschliche Frau beobachtete. Ein Knattern ertön-te, und ein dünner, azurblau glühender Strahl sprang aus dem Ende der Waffe. Er traf die linke Seite des massiven hölzernen Tores an der Stelle, wo mächtige Angeln es mit einem steinernen Turm verbanden. Ein gähnendes Loch tat sich im Sockel des Turms auf. Langsam, von einem müden Stö h-nen begleitet, brach der Turm zusammen und riß das halbe Tor mit sich in die Tiefe.
Unter den auf den Flößen versammelten Soldaten erhob sich ein erwartungsvolles Geschrei, als sie sahen, wie das bislang unüberwindliche Tor so leicht zunichte gemacht wurde. Beim Fallen hatte der Turm auch die Pika-Pina-Kabel mit sich geris-sen, und damit den Weg in den inneren Canyon freigelegt.
Ro-Vijar mußte es einige Male versuchen, schließlich aber gelang es ihm, die Waffe so einzu-stellen, daß sie auf die andere Torhälfte und ihren immer noch aufrecht stehenden Stützturm gerichtet war.
»Ich kann die ganze Mauer niederwerfen, wenn du zusehen willst«, rief er zu Rakossa hinüber.
»Nein. Die herunterfallenden Steine würden me i-nen Schiffen mehr Schwierigkeiten bereiten, als die Mauer selbst. Wir vergeuden Zeit. Mach uns nur einen brauchbaren Eingang, den Rest erledigen wir.«
Ro-Vijar, dessen Vertrauen auf seine Beherr-schung der Waffen bei jedem Feuerstoß wuchs, feuerte erneut. Splitter von ungeschmolzenem Stein flogen nach allen Richtungen davon, als der zweite Turm zusammenbrach. Einige weitere Feuerstöße machten das Eis völlig frei. Dann erteilte er dem jungen Mann am Steuer des Gleiters sorgfältige Anweisungen.
Diesmal schob sich das fremdartige Himmelsfloß etwas eleganter nach vorn. Und die Flotte von Poy-olavomaar setzte Segel und schloß sich ihm an.
Ro-Vijar hob den Lauf seiner Waffe und feuerte erneut auf die Mauerkrone. Er riß ein eindrucksvol-les, kreisförmiges Loch in das Gemäuer. Jetzt be-gannen die Schilde und Waffen zu verschwinden, die die Brustwehr säumten.
»Sie geben die Mauer auf!« schrie einer der Offi-ziere auf Rakossas Floß erregt. »Dies wird ein Tag, von dem man noch lange in den Hallen und Taver-nen der Stadt singen wird.«
Rakossa hatte dazu nichts zu sagen. Wie er schon dem Menschen Trell erklärt hatte, hatte er nichts für Geschichte übrig.
Bald würden sie sich in der Stadt befinden. Er be-tete darum, daß Teeliam sich nicht selbst töten würde. Die Vernunft müßte ihr eigentlich raten, das zu tun, oder jemand anderen darum zu bitten, aber in der Vergangenheit hatte sie sich immer hartnä-ckig an das Leben geklammert. Vielleicht würde sie leben bleiben, in der Hoffnung, ihn zu töten, wie sie das so oft versprochen hatte. Die kleine Närrin, diese Närrin. Sie spielte dieses Spiel so schlecht.
Je schneller sie vorankamen, desto weniger Zeit würde sie haben, um nachzudenken, und je weniger Zeit sie zum Nachdenken hatte, desto größer waren seine Chancen, sie lebend vorzufinden. Er hatte nicht den Wunsch, mit einer Leiche zu spielen.
Sein vorderstes Floß segelte glatt durch die Lücke in der Mauer. Weitere flöße drängten sich dicht dahinter, und die Soldaten darauf schickten den sich zurückziehenden Moulokinesen ihre Pfeile nach.
Als die Poyoflöße um die Biegung im Canyon he-rumgefahren waren, waren die letzten Moulokine-sen im Schutz der zweiten Mauer verschwunden. Die Hotte verlangsamte ihre Fahrt und wartete, während Ro-Vijar sich anschickte, auch das zweite Hindernis in Schutt und Asche zu legen.
Er ließ sich Zeit. Kräftige Winde ließen den Glei-ter trotz seiner Stabilisatoren erzittern, und Ro-Vijar wußte nicht, wie man den Orkan kompensier-te. Aber das hatte nichts zu besagen. Sein erster Feuerstoß zog hoch über der Mauer dahin. Wütend knurrend senkte der Landgraf von Arsudun den Lauf. Armbrustbolzen und winzige blaue Blitze aus den Handstrahlern der Menschen tasteten nach dem Gleiter, erreichten ihn aber nicht.
Über ihm war ein dumpfes Poltern zu hören. Ein Sturm würde ihren Einzug in die Stadt zwar dämp-fen, aber nicht verlangsamen. Er blickte neugierig zum Himmel – sah ein paar Wolken, ohne Zweifel Vorboten eines nahenden Sturmes. Wieder war das Poltern zu hören, dann ein drittes Mal. Es war ein eigenartiger Donner, tiefer, aber nicht so weit hal-lend.
Dann wurde der Himmel am Rand enger, und er begann, einen in Panik geratenen Junker anzu-schreien: »Segel wenden, Segel wenden!« In jenem letzten kurzen Augenblick dachte er nicht daran, daß das Schiff aus dem Himmel keine Segel hatte.
Dicht zusammengedrängt, wie die flöße auf dem Eis standen, war es unmöglich, sie schnell zu wen-den. Immer noch hallte das Poltern durch den Ca-nyon, manchmal lauter, manchmal wieder etwas leiser, jetzt aber in immer kürzerer Folge. Ro-Vijar sprang über die Seitenverkleidung des Gleiters und landete so hart auf dem Eise, daß ihm ein Chiv brach. Den Wind im Rücken raste er, so schnell die aus dem Canyon wehende Bö ihn treiben wollte, auf die erste Mauer zu.
Hunderte von Metern darüber überwachte Mal-meevyn Eer-Meesach, Zauberer und Berater des Landgrafen von Wannome und Sofold, wie Milli-ken Williams’ Plan in die Tat umgesetzt wurde. Die letzten Pulverladungen wurden in den so mü h-sam in die Klippen gebohrten Löchern ausgelöst. Dann zogen er und seine Helfer sich zurück, als die oberen Sektionen beider Canyonseiten einbrachen.
Basalt- und Granitblöcke, die hundert und mehr Tonnen wogen, polterten majestätisch in den Golf. Sie trafen hart genug auf, um das Eis zu zersplit-tern, wenn sie es auch nicht gleich bis auf den Bo-den der massiv gefrorenen Wasserzunge sprengten.
Ein gigantischer, unregelmäßiger Stein, ein schwarzer Eisberg von bestimmt hundertfünfzig Tonnen Gewicht landete mit einem donnernden Dröhnen auf dem Eis. Er sprang diesmal in die Höhe, rollte weiter und zermalmte die hintere Hälf-te eines Floßes aus Poyolavomaar zu streichholz-großen Stücken. Schreiende Matrosen verließen ihr Fahrzeug in Panik, anstatt auf geordnete Flucht zu sinnen.
Ein paar Flöße, die ganz hinten in der Flotte ge-wesen waren, schafften es, die Segel schnell genug zu wenden und zu fliehen. Dann verkeilten sich zwei Flöße in der Bresche, die der Strahler in die erste Mauer geschlagen hatte, und versperrten da-mit den einzigen Fluchtweg.
Jetzt erhob sich ein anderes Brüllen, als die ma s-sierte Miliz und die Matrosen der Slanderscree durch das Tor der zweiten Mauer chivanierten, um die übriggebliebenen, völlig demoralisierten und verstreuten Poyotruppen, die nicht unter den herab-gestürzten Klippen gestorben waren, in den Kampf zu verwickeln. Sie hatten nur Flucht im Sinn. Sie kletterten über Felsbrocken, zerstörte Flöße und tote Kameraden, trampelten in ihrer Hast alles nie-der. Moulokinesen und Sofoldianer verfolgten sie voll Blutdurst. Pfeile, Armbrüste und Speere wi-chen schnell Schwertern, Äxten und anderen inti-meren Methoden der Zerstörung.
Ethan erkannte ganz vorne in dem Getümmel eine Gestalt: Teeliam Hoh, sie tötete mit mehr Begeiste-rung als jeder Krieger. Er wußte, daß auch Septe m-ber dort draußen sein mußte und auf seinen Schlitt-schuhen neben Sir Hunnar und dem Rest der Tran sein Schwert schwang.
Er teilte ihren Appetit für dieses Massaker nicht. Er dankte den Tran, die ihn geschleppt hatten, und fuhr mit seinen Schlittschuhen zu der Stelle, wo ihm ein metallisches Blitzen unter einem Felsbro-cken angedeutet hatte, daß dort der Gleiter liegen mußte. So wie es aussah, war der mächtige Stein auf das Eis gefallen, einmal aufgesprungen und hatte den Gleiter dann mitschiffs getroffen. Da die Stabilisatoren des Schwebefahrzeugs nicht für ei-nen Aufprall dieser Wucht gebaut waren, hatten sie den Geist aufgegeben, und es war auf das Eis gefal-len. Aus zahlreichen Rissen in den Flanken des Gleiters waren die nackten Drähte zu sehen, und auf dem Eis lagen molekulare Speichermodule wie tote Käfer. Einige kleinere Felsbrocken hatten die Strahlenkanone in Schrott verwandelt. Um sich besser orientieren zu können, kletterte er an der eisigen Flanke des Steines in die Höhe.
Als er dann auf dem Felsbrocken stand, konnte er in den Canyon hineinsehen – der jetzt nicht länger ein glatter, weißer Eisfluß war, sondern eine Land-schaft aus isolierten dunklen Gebilden und dazwi-schen kleineren Steinfragmenten. Sein Blick wan-derte nach oben. Immer noch lösten sich kleinere Steinbrocke n und fielen von den Klippen, die jetzt nicht mehr glatt und regelmäßig, sondern auf ta u-send Meter zu beiden Seiten tief zerklüftet waren. Explosivstoffe gehörten zu den ältesten Waffen von Mensch und Thranx. Sie wurden immer noch gele-gentlich eingesetzt.
Williams hatte auf dem Klippenrand gegenüber Eer-Meesach Position bezogen. Unten schlachteten Ameisen einander inmitten von Kieseln.
Einer der moulokinesischen Chemiker, die ihm geholfen hatten, stand in seiner Nähe. »Ihr habt da etwas Wundersames für uns heraufbeschworen, Zauberer Williams.«
»Ich bin kein Zauberer, und ich habe das Pulver ganz bestimmt weder erfunden noch heraufbe-schworen. Wir haben aus den Ladungen nicht so viel herausbekommen, wie ich gehofft hatte. Wenn wir reinere Nitrate finden können, bin ich sicher, daß wir eine bessere Qualität herstellen können.« Während er das sagte, stellte er Berechnungen an.
Der Moulokinese war von Angst und Ehrfurcht erfüllt. Der Abstand zwischen Wissenschaftlern und den manchmal zerstörerischen Ergebnissen ihrer Wissenschaft ist häufig für das Durch-schnittswesen erschreckender als die Erfindungen selbst.
Williams bemerkte den Ausdruck des Tran. Zu seinem großen Schrecken stellt er fest, daß er sich dabei wohl fühlte.
Es war spät am Nachmittag, und die Temperatur sank mit der Sonne, als die moulokinesischen Kämpfer müde zum Canyon zurückchivanierten. Das Blut war in reichlicher Menge zwischen den beiden Mauern gefroren und verlieh der Eisfläche das Aussehen von Quarz, das mit Vanadinitkristal-len überhäuft ist.
»Es wird viel Zeit und Mühe kosten, um unseren Canyon wieder freizumachen, damit wieder Schiffe gefahrlos darauf fahren können.« Landgraf Lady K’ferr wirkte in Kampfkleidung wirklich prächtig, dachte Ethan.
»Wir werden die beschädigte Außenmauer neu erbauen«, sagte einer ihrer Offiziere, der in der Nähe stand, »höher und stärker als zuvor, und zwar mit denselben Steinen, die unsere Feinde zer-schmettert haben.«
»Das ist wahr. Wir werden die Hilfe unserer Freunde aus Sofold haben.« K’ferr blickte freund-lich auf einige mit Waffen beladene Matrosen der Slanderscree, die jetzt mit ihrer Beute von dem Massaker zurückkehrten. »Ich wünschte nur«, fuhr sie fort und blickte plötzlich betrübt, »daß ich es Eurem Sir Hunnar Redbeard erklären könnte, Freund Ethan. Von allen, die gekämpft haben, war er der Tapferste.«
Ethan blickte in den Canyon, wo jetzt die letzten Nachzügler auftauchten. »Er könnte noch dort draußen sein und gerade den letzten Poyo nieder-machen.«
»Ich fürchte, nein, Jungchen.« September war auf Schlittschuhen herangeglitten. »Ich war mit ihm draußen auf dem Ozen. Ich sah ihn selbst fallen. Er ist nicht wieder aufgestanden.«
Hinter ihnen ertönte ein Schrei. Ethan wünschte, die Tran wären imstande, ohnmächtig zu werden. Dann hätte er den angsterfüllten Blick nicht zu sehen brauchen, den Septembers Worte bei Elfa Kurdagh-Vlata ausgelöst hatten.
September legte seine schwere, blutbesudelte Axt auf das Eis, zog den Strahler aus dem Gürtel und warf ihn Ethan hin. Nachdem der eine kleine Skala überprüft hatte, nickte er und reichte ihn dem Rie-sen zurück.
»Meiner ist auch leer, Skua. Ich weiß nicht, wie es bei Milliken ist, aber ich vermute, er hat ihn beim Bohren der Löcher für die Pulverladungen aufgebraucht.«
»Nun, wollen wir hoffen, daß wir sie auf dem Weg zurück nach Brass Monkey nicht noch einmal brauchen, Jungchen. Wir nehmen Trells Leiche und die der beiden Friedenshüter mit. Ich habe darüber nachgedacht, was wir den Hafenbehörden sagen sollen. Wir brauchen es ja nicht so kompliziert zu machen. Angriff unfreundlicher Eingeborener, no-madische Banditen.« Ethan nickte langsam und studierte die drei Risse an der linken Halsseite des Hünen. Jemand hatte den Schutzanzug mit Material aus der Stadt geflickt. Da September es offenbar vorzog, die Wunde nicht zu erwähnen, ignorierte auch Ethan sie.
»Die werden uns die Geschichte abnehmen, weil sie keine andere Wahl haben, Junge. Ebenso wie sie die Artefakte und die neue Interpretation dieser Welt annehmen werden, die wir ihnen bringen. Der nächste Kommissar, den man hierher schickt, wird keine Vorstellungen von illegalen Geschäften ha-ben, nicht, wenn er damit beauftragt ist, einer Zivi-lisation dabei zu helfen, sich zu organisieren. Aber wir gehen trotzdem auf Nummer Sicher, und sagen es zuerst dem Padre.«
»Sobald die Kirche hier einmal die Hand im Spiel hat, wird die Bürokratie ihre Leute gründlicher überwachen«, pflichtete Ethan ihm bei. »Der arme Trell. Er hat die Umstände für seinen eigenen Mord geschaffen.«
»Tut mir leid, Jungchen. Ich kann ihn nicht be-dauern. Ich habe das, was hier geschah, schon auf zu vielen primitiven Welten gesehen. Er hat den alten Fehler gemacht, zu vergessen, daß primitive Leute genauso raffiniert und verräterisch sein kö n-nen wie Vertreter höchstentwickelter Zivilisatio-nen.«
»Du hast gesagt, der Hafenmeister und die ande-ren werden unsere Geschichte akzeptieren, weil sie nichts haben, mit dem sie sie vergleichen können. Was, wenn Ro-Vijar entkommen ist?« Er wandte sich zur Seite, um damit dem Schauer von Eiskris-tallen zu entgehen, der aus dem Canyo n heraus-wehte, und blickte zu der fernen gefrorenen See hinaus. »Ich habe seine Leiche nicht gerade ge-sucht, aber aufgefallen ist sie mir unter den Toten nicht.«
»Angenommen, er liegt nicht unter einem dieser Felsbrocken, dann müssen wir uns eben mit seine n Lügen auseinandersetzen, sobald wir in Arsudun sind«, sagte September. »Dann steht unser Wort gegen das seine. Ich denke, Xenaxis wird sich auf unsere Seite stellen.«
»Das ist es nicht, was mich beunruhigt, Skua. Ro-Vijar ist raffiniert genug, um sich damit zufrieden-zugeben, daß der Status quo in Arsudun bewahrt wird. Zum Beispiel, indem er irgendeine Geschich-te verbreitet, daß er sich in letzter Minute mit uns verbündet hätte. Mag sein, daß Xenaxis ihm nicht glaubt, aber er verfügt nicht über die Macht, nur auf unser Wort hin einen Eingeborenenführer unter Anklage zu stellen.«
»Das hatte ich nicht bedacht, Junge. Wird schwie-rig sein, etwas zu beweisen, wenn er mit uns über-einstimmt, statt uns zu attackieren. Zerbrechen wir uns darüber doch den Kopf, während wir nach Brass Monkey zurückfahren. Wir haben einen wei-ten Weg vor uns. Vielleicht haben wir Glück und überholen ihn.«
Weit draußen auf dem Eise kamen fünf ziemlich mitgenommen aussehende Flöße zum Stillstand. Donner, diesmal natürlicher, hallte im Nordwesten, und die Kapitäne der fünf Flöße wußten, daß es ziemlich schwierig sein würde, den Weg nach Ha u-se fortzusetzen, wenn der Sturm nicht einen Um-weg um sie machte.
Außerdem waren ihre Mannschaften nicht nur de-zimiert, sondern von den Überlebenden waren viele zu schwer verwundet, als daß sie in der Takelage hätten arbeiten können.
Am Heck eines Floßes hatte sich eine kleine Gruppe von Matrosen und Offizieren versammelt. In der Mitte des Kreises, den sie bildeten, stand eine einzelne Gestalt.
»Ihr könnt mich hier nicht aussetzen«, beharrte der Landgraf von Arsudun, zum erstenmal verängs-tigt, seit sie Moulokin entkommen waren. Er blick-te über die Reling auf das Eis, das von den Zwil-lingsmonden von Tran-ky-ky in gespenstisches Blau-Weiß gehüllt war. »Nicht ohne Nahrung und Waffen.«
»Wir haben dich weit genug mitgenommen, Ro-Vijar von Arsudun.« Rakossa betastete die frische Narbe an seinem rechten Arm. »Vielleicht schaffst du es zurück nach Moulokin und deinen Freunden aus dem Himmel.«
»Das sind nicht meine Freunde! Das weißt du auch!« Die Furcht machte Ro-Vijars Proteste noch eindringlicher. »Habe ich dir nicht geholfen, drei von ihnen zu töten, von denen einer sogar fast mein Freund war?«
»Ah. Dann kannst du dich ja den mitfühlenden Leuten von Moulokin ausliefern und sie um Gnade bitten.« Aus dem Kreis der Matrosen hallte Geläch-ter. Die meisten von ihnen trugen irgendwelche Verbände. Einer von ihnen stieß mit der Speerspit-ze böse nach Ro-Vijar, so daß ihm ein kleiner Blut-faden über die Brust rann.
Ro-Vijar griff nach der Verletzung. Er sah jetzt eher wie ein verstörtes Junges anstatt wie der An-führer eines mächtigen Inselstaates aus, als er über die Reling kletterte und die Pika-Pina-Enterleiter bestieg, die in die Tiefe hing.
»Ich flehe dich an, Rakossa, tue mir, der ich dein Freund war, nicht so etwas an! Ich bitte dich um Gnade.«
»Wir sind gnädig«, sagte Rakossa böse, »indem wir dich nicht auf langsame Art und Weise töten.« Er spuckte dem hinunterkletternden Ro-Vijar nach. »Deinetwegen haben wir den größten Teil unserer Flotte und unsere besten Kämpfer und Kämpferin-nen verloren. Wenn wir nach Hause zurückkehren, werden wir wegen dieser Katastrophe Mühe haben, unseren rechtmäßigen Thron zu behalten.
Aber was das Schlimmste von allem ist, das Schlimmste von allem, jene Frau ist in Sicherheit!« Er zitterte vor Wut, und der Pelz sträubte sich ihm von den Ohren bis zu den Füßen. »Sicher inmitten von Außenweltlern, deren >unwiderstehlicher< Waffe wir vertrauen sollten.«
»Wer konnte den Zauber vorhersehen, den sie einsetzten, um uns unter den Felsen des Canyons zu begraben?«
»Wir sind deiner Ausflüchte müde, Landgraf-der-du-einmal-warst.« Einige Matrosen schoben sich drohend auf die Reling zu. Ro-Vijar hangelte hastig die Leiter hinunter. Als sie wieder an Bord gezogen wurde, stand er zitternd auf dem Eis und starrte zu den ebenso kalten Gesichtern hinauf, die die Reling säumten.
»Ihr könnt mich nicht so verlassen, das könnt ihr nicht! Gebt mir eine Waffe. Einen Speer… selbst ein Messer!«
»Du hast so gut mit Worten gekämpft, Ro-Vijar von Arsudun. Kämpfe auch jetzt mit ihnen.«
»Ihr Brut eines K’nith!« jammerte Ro-Vijar. »Deine Mutter hat sich mit einer Wurzel ge-schwängert! Ich werde euch bis nach Poyolavo-maar folgen und von dort nach Arsudun, und dann stelle ich eine Flotte auf und vernichte deine unsäg-liche Stadt! Du wirst den schrecklicheren Tod ster-ben, als du dir vorstellen kannst!«
Rakossa machte eine angewiderte Geste. »Es gibt keinen Tod, den wir uns nicht vorstellen können.« Er wandte sich zu dem Junker, der neben ihm stand. »Wir sollten den Geschöpfen des Ozeans dieses dumme Geschwätz nicht zumuten.« Er legte die Pfote auf die Lanze des Junkers. »Am besten ist es, ihn jetzt zu töten und die Bewohner des Eises zu verschonen.« Er zog an der Waffe, aber der Junker ließ die Lanze nicht los.
Rakossa musterte den verwundeten Soldaten mit ungläubiger Miene. »Wir schenken dir einen ande-ren Speer, Unteroffizier, wenn du dieses Ding auf dem Eis nicht selbst töten willst.« Als der Junker keine Antwort gab, zog Rakossa noch einmal, diesmal kräftiger. Aber der Tran ließ seine Waffe immer noch nicht los.
»Willst du dich ihm anschließen?« Rakossas Stimme klang ungläubig. »Gib uns deine Lanze, Junker, sonst…«
»Gar nichts sonst«, sagte eine leise Stimme. Ra-kossa fuhr herum und musterte den, der die un-glaublichen Worte gesprochen hatte. Natürlich erkannte er den jungen Offizier. Es war einer, der nicht so laut Beifall gerufen hatte wie die anderen, als Rakossa zum erstenmal erklärt hatte, er wolle die entflohenen Außenweltler verfolgen. Und hatte er diesen einen nicht seitdem im Rat gesehen…?
»Ich heiße T’hosjer, Sohn des Thos der Vier Winde, aus einer Familie, die Poyolavomaar viele Generationen lang gedient hat.« Das Mondlicht ließ seine jugendlichen Züge finster wirken und spiegel-te sich in dem schmalen Schwert, das der Offizier jetzt auf die Brust des Landgrafen richtete.
»Das mag sein, T’hosjer, aber von diesem Au-genblick an bist du kein Offizier mehr.« Seine Stimme wurde lauter. »Nicht einmal ein Junker bist du mehr; du bist gar nichts!« Er hob die Pfote, um die Schwertspitze beiseite zu schieben. T’hosjer beugte sich vor und setzte ihm die Schwertspitze auf die Brust. Rakossa erstarrte.
Als er sich im Kreise umsah, sah er die starren Blicke in den Gesichtern der Matrosen und Offizie-re. Keiner sagte ein Wort.
»Was soll das? Seid ihr alle wahnsinnig gewor-den?«
»Nein, Rakossa von Poyolavomaar. Vernünftig sind wir geworden.« T’hosjer deutete mit der freien Pfote auf die kleine, undeutlich sichtbare Gestalt von Ro-Vijar auf dem Eise. »Ihr gebt dem dort unten die Schuld für alles, was geschehen ist. Das ist nicht seine Schuld. Wir von Poyolavomaar wa-ren immer stolz darauf, aus eigenen Kräften Handel oder Krieg führen zu können, ohne daß andere hel-fen oder sich einmischen mußten.
Ihr habt die Hilfe jener gesucht, die nicht einmal Tran sind, habt den Rat eines Mannes angeno m-men, der nicht einmal von den Sieben Spitzen ist. Deshalb liegen mein Bruder T’sunjer und viele Freunde meiner Jugend tot auf den Stufen einer fremden Stadt, die uns nichts Böses getan hat, und Pfeile oder Schwerter haben ihre Herzen durch-bohrt, und Felsen ihre Körper zerschmettert.«
»Du hast ebenso wild wie die anderen gekämpft«, sagte Rakossa anklagend.
»Ich habe für die Stadt der Sieben Spitzen ge-kämpft, für Poyolavomaar, meine Heimat, und für meine Freunde und Gefährten. Ich habe gekämpft, weil die Alternative darin bestand, zu fliehen. Ein Offizier von Poyolavomaar flieht nicht und läßt auch seine Freunde nicht im Stich, ohne zu kämp-fen und zu sterben. Diese Niederlage bringt uns keine Schande, weil wir blind gekämpft haben!« Aus dem Kreise der Soldaten erhob sich ein zu-stimmendes Murmeln.
»Eure Worte haben uns geblendet, und die Macht, die Ihr ererbt habt. Wir hatten Teil an Eurem Wahnsinn. Dies und nicht die Niederlage in der Schlacht ist die Schande, die wir bis zu unserem Tode mit uns tragen werden. Man hat schon lange gesagt, daß Ihr wahnsinnig seid, Rakossa von Poy-olavomaar. Jene, die nicht Eurer Meinung waren, oder sich Euch nur zu kräftig widersetzten, ver-schwanden in den letzten Jahren spurlos.«
»Wir sind euer Landgraf«, sagte Rakossa ärger-lich. »Wir stehen als rechtmäßiger Herrscher und Lehnsherr vor euch!«
»Ihr seid nicht länger Herrscher oder Lehnsherr. Von diesem Augenblick an«, damit wiederholte er spöttisch die Worte, die Rakossa selbst noch vor einem Augenblick gesprochen hatte, »seid Ihr nichts.«
Rakossa musterte den Kreis finster blickender männlicher und weiblicher Soldaten, der ihn um-ringte.
»Tausend Metall-Pled für den Soldaten, der die-sen Verräter tötet!« Keiner bewegte sich von der Stelle. »Zweitausend!« Und dann: »Die Frau, die ihn tötet, soll meine Gefährtin und Mitherrscherin sein!«
Das löste in der Gruppe die ersten Laute aus – ein schrilles Lachen seitens einiger weiblicher Solda-ten. Eine sagte: »Um das Schreckensleben zu le-ben, das du deiner Konkubine Teeliam Hoh aufge-bürdet hast? Ich habe die Gerüchte nicht geglaubt, die man über das hörte, was du ihr antatest. Jetzt denke ich, daß das vielleicht Untertreibungen wa-ren.«
Rakossa konnte immer noch nicht begreifen, was geschah. »Offiziere, fertig machen zum Segelset-zen! Soldaten, Matrosen, auf eure Posten!«
»Über die Reling.« T’hosjer stieß ein wenig kräf-tiger mit dem Schwert zu. Das Blut quoll durch den grauen Pelz. »Geh zu deinem Verbündeten und Freund!«
Benommen kroch Rakossa über die Reling. »Wir werden euch folgen. Wir werden dafür sorgen, daß man euch über heißen Feuern am Bratspieß röstet. Wir werden euren Gefährtinnen und euren Jungen vor euch den Bauch aufschlitzen und sie mit ihren Gedärmen erwürgen!«
T’hosjer lehnte sich über die Reling des Floßes und vergewisserte sich, daß der ehemalige Land-graf von Poyolavomaar das Eis betrat. Dann drehte er sich zu dem Maat um, der Kapitän des Floßes geworden war, und sagte nur ein Wort.
»Nach Hause!«
Als die Offiziere und Matrosen sich aus dem Kreis lösten und Signale mit den vier übrigen Flö-ßen getauscht waren, schob T’hosjer das Schwert wieder in die Scheide, die er an der rechten Hüfte trug.
»Und was ist mit Moulokin?« fragte einer der Matrosen. »Werden sie uns nicht folgen und Rache suchen?«
»Wenn wir unseren Stolz wieder zurückgewonnen haben, werden wir in den Canyon der Schiffsbauer zurückkehren und Frieden mit ihnen schließen, wie wir das schon lange hätten tun müssen. Die Bezie-hungen Poyolavomaars zu seinen Nachbarn werden sich ändern.«
Als die jämmerlichen Überreste der einst großen Flotte Wind aufzunehmen begannen und sich in nordöstlicher Richtung entfernten, trat T’hosjer ans Heck. Zwei Gestalten blieben zurück und schrumpften schnell zu schwarzen Punkten auf dem Eis zusammen.
»Was siehst du, T’hosjer, Captain?« Es war einer der weiblichen Soldaten, die Rakossas Vorschlag verlacht hatte.
»Ich nehme an, sie haben in dem Augenblick an-gefangen, als wir sie verließen«, sagte er zu ihr. Er spähte in die vom Mond erleuchtete Ferne. »Ich glaube Ro-Vijar von Arsudun ist oben, aber man kann das nur schwer erkennen.« Er brummte und wandte sich ab, als aus den zwei streitenden Gestal-ten ein undeutlicher Fleck auf dem blau-weißen Ozean wurde.
Im Canyon von Moulokin bewegten sich einige Gestalten gegen den Wind. Zwischen den Felsbro-cken und den Toten verstreut sammelten sie die persönlichen Habseligkeiten der Soldaten von Moulokin und die Waffen des Feindes, die die sieg-reichen Soldaten nicht bereits an sich genommen hatten.
Eine Gestalt bewegte sich nicht. Sie saß auf einem hölzernen Balken, der vorher Bestandteil eines Floßes gewesen war, und starrte hinaus auf die schimmernde Eissee. Seit die Sonne hinter dem westlichen Rand des Canyons versunken war, hatte sie mit hoher, klagender Stimme ein Lied gesun-gen, das zum Teil ein Knurren, zum Teil ein Reim und zum Teil etwas war, das kein Mensch hätte definieren können.
Eine Stimme, die müde und eine Spur gereizt klang, rief ihr zwischen ein paar Steinbrocken, die die Energiewaffe der Himmelsleute aus der äußeren Mauer gerissen hatte, etwas zu.
»Bei allem Respekt, Mylady Elfa, flehe ich Euch an, Erbarmen mit einem verwundeten Soldaten zu haben und dieses schreckliche Jaulen einzustellen.«
Ihr Kopf fuhr herum, und ihre Augen bemühten sich, die Nacht zu durchdringen.
»Wer… wer ruft die Tochter des Landgrafen?«
»Und gib uns Hilfe«, fügte die Stimme hinzu, oh-ne auf ihre Frage einzugehen. Zwei Gestalten hink-ten hinter einem mächtigen Felsbrocken hervor. Eine von ihne n sank sofort wieder zusammen und blieb sitzen. Die andere Gestalt fiel über die erste, rollte zur Seite und blieb keuchend auf dem Eis liegen.
»Ich habe ein gebrochenes Bein und einen zerris-senen Dan, und dieser Soldat von Moulokin ist schwer verletzt. Ic h hab’ ihm den Bauch, so gut ich konnte, zusammengenäht, aber ich bin weder eine Näherin noch ein Arzt.«
»Hunnar? Hunnar Redbeard?« Sie glitt von dem Fragment des Hauptmastes und chivanierte auf die zwei Gestalten zu.
Tonx Ghin Rakossa starb nicht so schnell und auch nicht so leicht. Jene gleichen Mächte, die den Dämonen in ihm Kraft verliehen, ließen nicht zu, daß er unterging.
Er hüllte sich in den viel zu kleinen Mantel und beugte sich gegen den heulenden Wind. Verflucht sollte dieser aussatzgeplagte Ro-Vijar sein, wegen des Schadens, den er ihm zugefügt hatte, ehe er starb! Rakossas Dan waren zu sehr zerrissen, um dem Wind Widerstand zu leisten, und sein linker Arm hing ihm nutzlos von der Schulter.
Aber der ehemalige Landgraf von Arsudun war viel schlimmer dran. Rakossa erwärmte sich an der Erinnerung daran, wie Ro-Vijars Hals unter seinen Fingern zerbrochen war. Der Arsuduner war am Ende schwach gewesen, schwach von der Ve r-weichlichung, die die Luxusgüter aus dem Himmel ihm eingetragen hatten.
Wenn wir nach Poyolavomaar zurückkehren und den Thron wieder beanspruchen, dachte er giftig, werden wir ein für allemal mit diesen Außenwelt-lern Schluß machen.
Seine Rückkehr in den Stadtstaat würde bei Thos-jer und den anderen Verrätern große Verwirrung hervorrufen. Wie er sich schon auf diese Konfron-tation freute! Seine Verbündeten blieben sicher bei Hof, und seine Abkunft als Landgraf war nicht anzugreifen. Er würde sich mit seinem Anspruch durchsetzen, und allein schon seine Präsenz würde die Verräter zu Lügnern stempeln. Viele der ge-meinen Soldaten, die die Schlacht überlebt hatten, würden plötzlich – schon um ihren Kopf zu retten – nachdenken, ob sie Thosjer wirklich glauben soll-ten. Und dann würde ihm das Vergnügen zuteil werden, zuzusehen, wie diese Verräter langsam auf kleinem Feuer rösteten, bis ihr Pelz schwarz wurde und ihre bloße Haut Blasen zog.
Aber zuerst mußte er hinkommen.
Die Wände des Plateaus kamen langsam näher, obwohl er mühsam zu Fuß reiste. Der Abstand, der zwischen ihm und dem rachsüchtigen Mo ulokin lag, bot ihm Sicherheit, und es bestand wenig Aus-sicht, daß ihm so weit von der Stadt Soldaten be-gegnen würden. Im Windschatten der Klippen soll-te er Schutz vor den Nachtwinden finden, und wahrscheinlich auch einige verstreute Pika-Pina-Pflanzen oder andere Vegetation, die ihm zur Na h-rung dienen konnte.
Bald sollten hier Handelsschiffe vorbeikommen. Er würde eines anrufen, das Moulokin verließ. Er zweifelte nicht, daß es ihm gelingen würde, sich als Überlebenden der Schlacht auszugeben, denn Wor-te waren stets seine wirksamste Waffe gewesen. Er trug zwar keine moulokinesische Kleidung, aber indem er sich Ro-Vijars Umhang angeeignet hatte, konnte er auch vermeiden, daß man in ihm einen gefährlichen Poyo sah. Und so wie er die Bruder-schaft der Eisleute kannte, würde man ihn vermut-lich freundlich behandeln und in den Heimathafen des betreffenden Kauffahrers bringen.
Und dort würde es ihm ohne Zweifel binnen kur-zer Zeit gelingen, ein Floß zu kaufen, zu stehlen, oder es sich sonst wie zu verschaffen. Und dann würde er die Reise nach Poyolavomaar antreten, wo die Rache seiner harrte.
Etwas bewegte sich südlich von ihm auf dem Eis. Er erstarrte, bis er sah, daß es sich nicht um einen wandernden Fleischfresser, sondern um ein Schiff handelte, noch dazu ein winzi ges. Es war für einen Kauffahrer zu klein, vermutlich gehörte es Leuten, die die Klippen nach eßbaren Pflanzen oder Tieren absuchten. Gewöhnlichen Sammlern und Jägern, die jetzt wieder unbehindert ihrem Gewerbe außer-halb der sicheren Stadt nachgehen konnte n. In Ro-Vijars Umhang gehüllt, würde man ihn nicht sofort als Feind erkennen. Wenn sie nicht aus Moulokin stammten, konnte er seinen ersten Plan in die Tat umsetzen. Waren es Moulokinesen, würde er ihnen eine schreckliche Geschichte von Schiffbruch und Leid erzählen.
Jedenfalls würde er ihr Vertrauen lange genug be-sitzen, um ihnen dann den Garaus zu machen, und das trotz seines einen unbrauchbaren Arms. Auf die Weise würde er sogar noch viel schneller als ur-sprünglich angenommen über ein Floß verfügen. Vielleicht gelang es sogar, Poyolavomaar vor den Verrätern zu erreichen. Wie befriedigend es doch wäre, im Hafen zu stehen und Thosjer bei seiner Ankunft zu begrüßen.
Das kleine Floß rückte näher. Er ließ sich auf das Eis sinken. Die sollten ruhig glauben, daß er schwer verletzt wäre, dann kamen sie gar nicht erst auf die Idee, ihn zu beargwöhnen. Steinerne Chiv bremsten und kamen zum Stillstand. Das Geräusch von jemandem, der auf das Eis trat, war zu hören. Langsame Chivaniergeräusche drangen an sein Ohr und verstummten dann. Er wartete geduldig, aber jetzt war kein Laut mehr zu hören. Nur der allge-genwärtige Wind, der kläglich über das Eis wehte und jammerte wie ein altes Klageweib.
Am besten zeigte er ihnen jetzt, daß er noch lebte. Er sprach mit schwächlich krächzender Stimme: »Gesegnet sind die, die in Zeiten der Not Verwun-deten helfen.«
Wieder hörte er das schleifende Geräusch, das über das Eis gleitende Chiv verursachen, aber es kam nicht auf ihn zu. Es schien viel eher, als würde er langsam umkreist.
»Gesegnet sind diejenigen, die Gerechtigkeit ver-teilen, um die Beharrlichen zu belohnen.«
Die Stimme kam ihm irgendwie bekannt vor, ob-wohl der Wind sie etwas verzerrte. Er wälzte sich zur Seite und sehnte sich nach einem Schwert. Als er dann den erhofften Retter erblickte, traten ihm die großen gelben Augen noch weiter hervor.
»DU?!«
Zum erstenmal seit Tagen hallten wieder Schreie über den Ozean. Sie brachen selten ab, wurden nur allmählich schwächer. Es dauerte drei Tage, bis sie ganz verstummten.
Niemand stellte Teeliam Hoh Fragen, als sie ihr winziges Floß viele Tage nach der Großen Schlacht in den Hafen von Moulokin segelte, und niemand wagte es, sie nach der Ursache jener schrecklichen Zufriedenheit zu befragen, die aus ihren Augen leuchtete. Sie wurde ein hoch geachtetes Mitglied des Hofes der Lady K’ferr und lebte ein langes und erfülltes Leben in Moulokin. Sie hatte viele ange-nehme Affären und Begegnungen, obwohl sie nie eine feste Bindung einging, da ihr Liebreiz verblaß-te, wenn ein Mann ihr nahe genug kam, um das zu sehen, was für immer in ihren Augen eingebrannt blieb.
»Was wirst du jetzt tun, Freund Ethan?« Hunnar schwankte ungeschickt auf seinen Krücken, als die Slanderscree sich etwas nach Backbord neigte.
Sie hatten Moulokin vor einigen Tagen verlassen und versprochen, zurückzukehren und bei der ers-ten sich bietenden Gelegenheit das Bündnis zwi-schen Sofold und der Canyonstadt auch formell zu bekräftigen. Unterdessen würden die Moulokinesen ausziehen, um das Wort von der Union des Eises und der Konföderation aller Tran unter den umlie-genden Stadtstaaten und Dörfern zu verbreiten.
»Ich habe ja immer noch meinen Beruf«, meinte Ethan etwas betrübt. »Zumindest glaube ich, daß ich auch noch einen Job habe. Freilich bin ich am nächsten Haltepunkt schon etwas überfällig.«
Skua September stand neben ihm und hatte sich die Kapuze des Schutzanzuges nach hinten gescho-ben, um den Wind von minus fünfundzwanzig Grad zu genießen, der ihm ins Gesicht blies. Er hatte einen Fuß auf die Reling gestellt, klammerte sich mit der mächtigen Pranke an die Pika-Pina-Wanten und blickte über den Eisozean hinaus. Bis sie Brass Monkey erreichten, hatten sie noch viele Satch zu reisen.
»Du willst also wirklich zu deinem Gewerbe zu-rückkehren, Jungchen?«
»Darauf verstehe ich mich am besten. Wenn ich Glück habe, befördert man mich in ein paar Jahren ins Management.«
September gab einen unhöflichen Laut von sich.
»M’nedschmen, was ist das, Freund Ethan?« Hunnar musterte ihn neugierig.
»Ich würde andere bei der Arbeit überwachen, die ich jetzt tue, ihnen Anweisungen geben. Wenn der nächste Kommissar hier eintrifft und anfängt, sich ein Netz von Tran aufzubauen, die als Vertreter des Commonwealth für Tran-ky-ky tätig sein sollen, wird er ähnliche Jobs vergeben. Du wärest ein gu-ter Kandidat für einen dieser wichtigen Posten, Hunnar.«
»Er ist kein Kandidat für irgendeinen Posten«, sagte Elfa Kurdagh-Vlata und legte besitzergrei-fend die Pfote auf die Schulter des Ritters. Mit sei-nem gebrochenen Bein konnte Hunnar ihr nicht ausweichen – nicht daß er das gewollt hätte. »Nach dem Tode meines Vaters soll er mein Herrscher-Gefährte in Wannome sein.«
»Nun, das ist ja auch eine ganz gute Management-Position«, räumte Ethan lächelnd ein. Sie konnten das Lächeln durch die Maske seines Schutzanzuges sehen. Dann tat er es September gleich und schob sie in den Nacken, stöhnte freilich auf, als die kalte Luft ihn voll ins Gesicht traf.
Der Schock verging schnell. Der Wind wehte höchstens mit zehn oder fünfzehn Kilometern pro Stunde. In Verbindung mit der angenehmen Tem-peratur war das die reinste Tropenbrise. Er sah zu, wie die weiße See unter den Duralumkufen des Eisklippers dahinzog. Vielleicht würde er den Schutzanzug ganz ablegen und die Kleider darunter auch, und im Schutze der Mittelkabine ein Sonne n-bad nehmen. Er dachte über andere Möglichkeiten nach. Wie mochte es wohl der fernen, wohlhaben-den Colette du Kane ergehen? Er hatte inzwischen fast genügend Selbstbewußtsein aufgebaut, um mit jener massiv gebauten Frau als Gleichberechtigter reden zu können. Eine Möglichkeit, die er immer-hin in Betracht ziehen sollte.
Besonders dann, wenn er inzwischen seinen Job verloren hatte.
»Wirst du wiederkommen, Sir Ethan?« fragte Hunnar voll Hoffnung.
»Ich möchte gerne.«
»Ich auch, Jungchen.«
Die beiden Menschen überließen Hunnar und El-fa, die im Augenblick offenkundig an Gesellschaft nicht interessiert waren, sich selbst und schlender-ten über das Deck.
»Wir haben hier viele Freunde gewonnen, Skua.«
»Oh, das ist nicht der einzige Grund, daß ich hier-her zurückkehren möchte, Junge.« Der Hüne grins-te jenes wissende Grinsen, das ihn wie einen Mann erscheinen ließ, der halb Teufel, halb Prophet war. »Ich habe über das Commonwealth verstreut Freunde, auf mehr Welten, als ich mich erinnern kann. Einige von ihnen sollte ich sogar besuchen.
Da ist zum Beispiel dieses Mädchen auf Alaspin, eine Archäologin, die sich einbildet, sie hätte etwas gefunden. Die will schon seit ein paar Jahren, daß ich zu ihr komme und ihr bei irgendwelchen Aus-grabungen helfe. Und nachdem ich bis jetzt erst einmal auf Alaspin war, denke ich, ich könnte dort mal vorbeischauen und sie aufsuchen.«
»Warum möchtest du dann hierher zurückkehren, wenn es nicht wegen der Freunde ist?«
»Warum ich das möchte, Jungchen?« Septembers Lächeln wurde breiter. »Du hast doch die Schnitze-reien und Inschriften und Mosaiken in der Berg-stadt gesehen und hast auch unseren Schulmeister-freund Milliken gehört, wie er seine Hypothesen über eine andere Ökologie aufstellte, in der die vorherrschende Farbe Grün statt Weiß ist.
Ja, ich möchte schon zurückkommen. In zehnta u-send Jahren vielleicht, wenn diese Welt sich wieder ihrem Stern nähert, und der Zyklus von Kalt auf Warm umschaltet. Ich möchte wieder über diese Ozeane segeln, nur diesmal in einem richtigen Boot obwohl die Slanderscree durchaus ihre Meriten hat.« Er betätschelte die hölzerne Reling liebevoll.
»Denk doch einmal an diese Schnitzereien, Jung-chen. In zehntausend Jahren wird es hier sehr hübsch sein. Denn wenn diese gefrorenen Samen schnell auftauen, dann gibt es hier ein paar hundert Milliarden Blumen, die alle gleichzeitig blühen.«
Zum Autor:
1946 in New York City geboren, wuchs Alan Dean Fester in Los Angeles in Kalifornien auf. Nachdem er einen Bachelor’s Degree in politischen Wissenschaften und einen Master of Fine Arts in Filmwissenschaft von der UCLA in den Jahren 1968/1969 erhalten hatte, war er zwei Jahre lang als Public Relations Texter in einer kleinen Firma in Studio City in Kalifornien tätig.
Seine Schriftstellerlaufbahn bega nn 1968, als Au-gust Derleth einen langen Brief Fosters kaufte und ihn als Kurzgeschichte in seinem alle zwei Jahre erscheinenden Arkham Collector Magazine veröf-fentlichte. Verkäufe von Kurzgeschichten an ande-re Magazine schlossen sich an. Sein erster Versuch eines Romans, Das Tar-Aiym Krang, wurde von Ballantine Books 1972 veröffentlicht (HEYNE-BUCH Nr. 3640).
Foster hat längere Reisen in Asien und auf den Inseln im Pazifik unternommen. Zu seinen Hobbys neben den Reisen zählen klassische Musik und Rockmusik, alte Filme, Baskettball, Bodysurfing und Karate. Er hat Kurse über das Schreiben von Drehbüchern, Literatur und Filmgeschichte an der UCLA und dem Los Angeles City College abgehal-ten.
Im Augenblick wohnt er mit seiner Frau Joann, drei Katzen, drei Hunden, zweihundert Hauspflan-zen, verschiedenen ihm zugelaufenen Koyoten und Waschbären und dem verhexten Stuhl des nichts-würdigen Dr. John Dee in Big Bear La-ke/Kalifornien und kann sich vor Aufträgen, Ro-mane nach Filmen zu schreiben, kaum retten. Auf Alien (HEYNE-BUCH Nr. 3722) folgte The Black Hole, folgte Clasch of the Titans, folgte…
Sie haben Die Moulokin-Mission zu Ende gelesen
Alan Dean Foster