Die schöne Stadt

Georg Trakl · Kapitel 1 von 1

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Die schöne Stadt

Die schöne Stadt

Georg Trakl

 

Inhalt

 

Verfall

Musik im Mirabell

Frauensegen

Die schöne Stadt

In einem verlassenen Zimmer

Der Gewitterabend

Geistliches Lied

 

VERFALL

 

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,

Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen, Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten Träum ich nach ihren helleren Geschicken Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken. So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern. Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen. Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern, Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

 

MUSIK IM MIRABELL

 

Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn

Im klaren Blau, die weißen, zarten.

Bedächtig stille Menschen gehn

Am Abend durch den alten Garten.

Der Ahnen Marmor ist ergraut.

Ein Vogelzug streift in die Weiten.

Ein Faun mit toten Augen schaut

Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.

Das Laub fällt rot vom alten Baum

Und kreist herein durchs offne Fenster.

Ein Feuerschein glüht auf im Raum

Und malet trübe Angstgespenster.

Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.

Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.

Die Magd löscht eine Lampe aus,

Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.

FRAUENSEGEN

 

Schreitest unter deinen Frau'n

Und du lächelst oft beklommen:

Sind so bange Tage kommen.

Weiß verblüht der Mohn am Zaun.

Wie dein Leib so schön geschwellt

Golden reift der Wein am Hügel.

Ferne glänzt des Weihers Spiegel

Und die Sense klirrt im Feld.

In den Büschen rollt der Tau,

Rot die Blätter niederfließen.

Seine liebe Frau zu grüßen

Naht ein Mohr dir braun und rauh.

 

DIE SCHÖNE STADT

 

Alte Plätze sonnig schweigen.

Tief in Blau und Gold versponnen

Traumhaft hasten sanfte Nonnen

Unter schwüler Buchen Schweigen.

Aus den braun erhellten Kirchen

Schaun des Todes reine Bilder,

Großer Fürsten schöne Schilder.

Kronen schimmern in den Kirchen. Rösser tauchen aus dem Brunnen.

Blütenkrallen drohn aus Bäumen.

Knaben spielen wirr von Träumen

Abends leise dort am Brunnen.

Mädchen stehen an den Toren,

Schauen scheu ins farbige Leben.

Ihre feuchten Lippen beben

Und sie warten an den Toren.

Zitternd flattern Glockenklänge,

Marschtakt hallt und Wacherufen.

Fremde lauschen auf den Stufen.

Hoch im Blau sind Orgelklänge.

Helle Instrumente singen.

Durch der Gärten Blätterrahmen

Schwirrt das Lachen schöner Damen.

Leise junge Mütter singen.

Heimlich haucht an blumigen Fenstern

Duft von Weihrauch, Teer und Flieder.

Silbern flimmern müde Lider

Durch die Blumen an den Fenstern.

 

IN EINEM VERLASSENEN ZIMMER

 

Fenster, bunte Blumenbeeten,

Eine Orgel spielt herein.

Schatten tanzen an Tapeten,

Wunderlich ein toller Reihn.

Lichterloh die Büsche wehen

Und ein Schwarm von Mücken schwingt,

Fern im Acker Sensen mähen

Und ein altes Wasser singt.

Wessen Atem kommt mich kosen?

Schwalben irre Zeichen ziehn.

Leise fließt im Grenzenlosen

Dort das goldne Waldland hin.

Flammen flackern in den Beeten.

Wirr verzückt der tolle Reihn

An den gelblichen Tapeten.

Jemand schaut zur Tür herein.

Weihrauch duftet süß und Birne

Und es dämmern Glas und Truh.

Langsam beugt die heiße Stirne

Sich den weißen Sternen zu.

 

DER GEWITTERABEND

 

O die roten Abendstunden!

Flimmernd schwankt am offenen Fenster Weinlaub wirr ins Blau gewunden,

Drinnen nisten Angstgespenster.

Staub tanzt im Gestank der Gossen.

Klirrend stößt der Wind in Scheiben.

Einen Zug von wilden Rossen

Blitze grelle Wolken treiben.

Laut zerspringt der Weiherspiegel.

Möven schrein am Fensterrahmen.

Feuerreiter sprengt vom Hügel

Und zerschellt im Tann zu Flammen.

Kranke kreischen im Spitale.

Bläulich schwirrt der Nacht Gefieder.

Glitzernd braust mit einem Male

Regen auf die Dächer nieder.

 

GEISTLICHES LIED

 

Zeichen, seltne Stickerei'n

Malt ein flatternd Blumenbeet.

Gottes blauer Odem weht

In den Gartensaal herein,

Heiter ein.

Ragt ein Kreuz im wilden Wein.

Hör' im Dorf sich viele freun,

Gärtner an der Mauer mäht,

Leise eine Orgel geht,

Mischet Klang und goldenen Schein,

Klang und Schein.

Liebe segnet Brot und Wein.

Mädchen kommen auch herein

Und der Hahn zum letzten kräht.

Sacht ein morsches Gitter geht

Und in Rosen Kranz und Reihn,

Rosenreihn

Ruht Maria weiß und fein.

Bettler dort am alten Stein

Scheint verstorben im Gebet,

Sanft ein Hirt vom Hügel geht

Und ein Engel singt im Hain,

Nah im Hain

Kinder in den Schlaf hinein.

Tag der Veröffentlichung: 27.09.2011

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