Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars
Achtes Kapitel Ein Abtrünniger
Achtes Kapitel
Ein Abtrünniger
Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war
es niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem
Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen Tages
hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, das
Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, entdeckte
man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, fand ihn aber
nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische seines Zimmers
lag. „An meine Freunde und Gefährten!“ lautete die Adresse.
Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. „Wir haben es leider
mit einem Abtrünnigen zu tun,“ erklärte er den besorgten Genossen. „Hören Sie,
was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, und
beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.“
Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen
Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten Reisegenossen
um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit den Seinen
zurück und ließ die Herren allein.
„Zum Kuckuck, dacht’ ich mir’s doch so halb und halb, daß Frommherz
fahnenflüchtig werden würde!“ begann Piller zornig. „Lesen Sie einmal die
Epistel vor, Stiller!“
„Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte
Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach der
Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe ich
deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu
verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch nicht.
Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in ahnender
Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in enge,
unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut habe? Nein, es kann
nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in Angola das Bleiben hier
oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von diesem Anerbieten Gebrauch
machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.
Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann
wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und verzeiht
mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es kann Euch somit
keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne mich, nach der Heimat
zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies ist mein innigster,
aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt mir mein liebes
Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich mich hier oben
überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr zur Erde mit ihrer
Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich zu suchen. Ihr
würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in dem ich so lange
bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In treuem Gedenken bin und
bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.“
In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem
Stiller den Brief vorgelesen hatte.
„Der elende Drückeberger!“ hob Dubelmeier zu knurren an. „Jetzt fällt es mir
wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so
sonderbar benommen hat.“
„Blamiert sind wir, heillos blamiert!“ schrie Piller. „Wie stehen wir nun da?
Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?“
„Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer
gewiß,“ riet Hämmerle.
„Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,“ fügte Thudium bei.
„Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir
bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!“ fügte Brummhuber
bei.
„Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,“ bat Stiller die
aufgeregten Gefährten. „Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung über
das Benehmen Frommherz’ und teile es. Aber wir haben durchaus kein Recht,
ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig mitgegangen und
mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen handeln sollen. Mag
er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen verantworten! Nehmen
wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und unserer persönlichen
Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz’ hier oben nicht das geringste
anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, wofür man uns nahm und
hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also allein, ohne ihn! Ja, ich rate
sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern,
leichten Herzens von hier fort?“
„Nein, gewiß nicht!“ ertönte es fünfstimmig.
„Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig
begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den
Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.“
„Das fehlte noch!“ wetterte Piller.
„Warum nicht?“
„Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!“
„Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von
Frommherz’ Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer
Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch
bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden
der Vergessenen verbannt werden könnte.“
„Was ihm ganz recht geschehen würde!“ warf hier Brummhuber ein.
„Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen
Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später
mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten
auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so
lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit ihm
zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.“
„Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl — der Beste von uns!“
Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .
„O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen
prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich
von ihnen etwas gelernt habe.“
„Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, Stiller!“
rief begeistert Hämmerle.
„Lassen wir das!“ wehrte Stiller ab. „Und nun will ich mit Eran Rücksprache
nehmen.“ Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen Laut
der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den Bericht
Stillers.
„Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, die
Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem gewissen
Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt nicht das
Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und Weise erblicke, wie
er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur hier und zieh mit deinen
Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.“
„Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.“
„Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn
persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder
einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art
nachgedacht.“
„Worin soll sie bestehen?“ fragte neugierig geworden Stiller.
„Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja als
Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und Denker
geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache lesen, um
uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu brauchen wir
aber ein Wörterbuch.“
„Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm gestellte
Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.“
Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von
dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem
die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.
Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter
genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen
Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der
siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.
Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu
begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen,
der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen
Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der Weltensegler
in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages schaukelte.
„Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der
Trennung durch weitere Worte!“ sprach Eran, einen der Schwaben nach dem
andern umarmend. „Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt
glücklich in eurer Heimat an.“
Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen
Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und stolz,
begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich der Ballon
zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die Menge
machte ihm Platz.
„Lebt wohl, Freunde!“ rief er mit lauter Stimme. „Nochmals: verzeiht mir, daß
ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt, mir mein
teures Schwabenland!“
Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer
rascherem Fluge entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten
und schwebte bald im dunkeln, kalten Weltenraum.