Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Albert Daiber · Kapitel 10 von 12

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Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Achtes Kapitel Ein Abtrünniger

Achtes Kapitel

 

 

Ein Abtrünniger

 

Während des Essens und der allgemein herrschenden bewegten Stimmung war

es niemand besonders aufgefallen, daß Frommherz verschwand. Als nach dem

Schlusse des Mahles, das sich bis in die ersten Morgenstunden des neuen Tages

hineingezogen hatte, die Erdensöhne aufstanden und im Begriffe waren, das

Haus Erans, das sie zwei Jahre lang beherbergt hatte, zu verlassen, entdeckte

man das Fehlen des Freundes. Man suchte ihn überall im Hause, fand ihn aber

nicht. Dagegen entdeckte man einen Brief, der auf dem Tische seines Zimmers

lag. „An meine Freunde und Gefährten!“ lautete die Adresse.

Stiller öffnete das Schreiben und überflog dessen Inhalt. „Wir haben es leider

mit einem Abtrünnigen zu tun,“ erklärte er den besorgten Genossen. „Hören Sie,

was Frommherz schreibt. Aber setzen wir uns zunächst wieder, und

beratschlagen wir nachher, was zu tun ist.“

Die Herren entsprachen der Bitte, und Stiller ersuchte Eran und die übrigen

Marsiten unter Hinweis auf das Fehlen des siebenten und letzten Reisegenossen

um einen kurzen Augenblick Geduld. Eran zog sich sofort mit den Seinen

zurück und ließ die Herren allein.

„Zum Kuckuck, dacht’ ich mir’s doch so halb und halb, daß Frommherz

fahnenflüchtig werden würde!“ begann Piller zornig. „Lesen Sie einmal die

Epistel vor, Stiller!“

„Verzeiht mir, teure Freunde und Gefährten, daß ich Euch eine schmerzhafte

Enttäuschung bereite. Ich kann es nicht über mich bringen, mit Euch nach der

Erde und nach unserer alten Heimat zurückzukehren. Aufs schwerste habe ich

deshalb mit mir gekämpft und gerungen. Ich vermag den Mars nicht zu

verlassen, es würde mein sicherer Tod sein, und den wollt Ihr doch auch nicht.

Hier oben habe ich alles verwirklicht gefunden, was ich unten in ahnender

Sehnsucht geträumt. Und nun soll ich ein Eden verlassen und in enge,

unaufrichtige Verhältnisse und Lebensanschauungen wieder zurückkehren, nachdem ich so lange das reine Licht der Wahrheit geschaut habe? Nein, es kann

nicht sein! Hat uns nicht der ehrwürdige Anan selbst in Angola das Bleiben hier

oben freigestellt? Gut, so will wenigstens ich von diesem Anerbieten Gebrauch

machen und Euch allein heimwärts ziehen lassen.

Wohl weiß ich, daß ich Euch durch meinen Entschluß kränke, aber ich kann

wirklich nicht anders handeln. Richtet nicht zu strenge über mich und verzeiht

mir, wenn möglich, in Liebe! Freiwillig bleibe ich hier oben. Es kann Euch somit

keine Verantwortung dafür treffen, daß Ihr allein, ohne mich, nach der Heimat

zurückkehrt. Möget Ihr sie glücklich erreichen! Dies ist mein innigster,

aufrichtigster Wunsch. Grüßt mir mein Tübingen, grüßt mir mein liebes

Schwabenland und meine Verwandten dort! Sagt ihnen, daß ich mich hier oben

überglücklich, wie im Paradiese fühle und deshalb nicht mehr zur Erde mit ihrer

Qual zurückgekehrt sei. Macht keine Anstrengungen, mich zu suchen. Ihr

würdet mich doch nicht in meinem sichern Versteck finden, in dem ich so lange

bleiben werde, bis Ihr abgefahren seid. Lebt wohl! In treuem Gedenken bin und

bleibe ich Euer Friedolin Frommherz.“

In finsterem Schweigen verharrten die Herren einen Augenblick, nachdem

Stiller den Brief vorgelesen hatte.

„Der elende Drückeberger!“ hob Dubelmeier zu knurren an. „Jetzt fällt es mir

wie Schuppen von den Augen, warum er sich in den letzten Wochen so

sonderbar benommen hat.“

„Blamiert sind wir, heillos blamiert!“ schrie Piller. „Wie stehen wir nun da?

Wo bleibt unsere gerühmte Ehrenhaftigkeit?“

„Beauftragen wir Eran, Frommherz zu suchen! Der findet den Ausreißer

gewiß,“ riet Hämmerle.

„Diesem Vorschlage möchte ich beistimmen,“ fügte Thudium bei.

„Es geht doch nicht an, daß wir Frommherz hier zurücklassen. Entweder wir

bleiben alle, oder wir gehen alle zusammen. Das ist klar!“ fügte Brummhuber

bei.

„Meine lieben Freunde, schenken Sie mir ein wenig Gehör,“ bat Stiller die

aufgeregten Gefährten. „Ich begreife und billige ja völlig Ihre Entrüstung über

das Benehmen Frommherz’ und teile es. Aber wir haben durchaus kein Recht,

ihm unsern Willen aufzuzwingen. Er ist seinerzeit freiwillig mitgegangen und

mag freiwillig zurückbleiben. Aber er hätte klar und offen handeln sollen. Mag

er diese Handlungsweise vor seinem eigenen Gewissen verantworten! Nehmen

wir die Sache, wie sie einmal ist. Unserm Andenken und unserer persönlichen

Ehrenhaftigkeit kann das Bleiben Frommherz’ hier oben nicht das geringste

anhaben. Im Gegenteil! Wir stehen immer als das da, wofür man uns nahm und

hielt. Frommherz dürfte in dieser Beziehung bei den strengen Moralbegriffen der Marsiten nicht gut wegkommen. Ziehen wir also allein, ohne ihn! Ja, ich rate

sogar zur Nachsicht und Milde. Seien wir aufrichtig! Ziehen wir vielleicht gern,

leichten Herzens von hier fort?“

„Nein, gewiß nicht!“ ertönte es fünfstimmig.

„Nun wohl! So wollen wir die Lage, in die sich unser Frommherz freiwillig

begeben, wenigstens zum Guten zu wenden suchen: wir empfehlen den

Zurückbleibenden der Güte und Nachsicht unseres lieben, ehrwürdigen Eran.“

„Das fehlte noch!“ wetterte Piller.

„Warum nicht?“

„Ich verstehe Sie einfach nicht, Stiller!“

„Nun, so lassen Sie mich ruhig fortfahren. Während des Lesens von

Frommherz’ Brief ist mir der Gedanke gekommen, daß unser Freund nach unsrer

Abreise zur Strafe für sein eigenmächtiges Zurückbleiben und den dadurch

bewiesenen Mangel an Gemeinschaftsgefühl möglicherweise nach den Gefilden

der Vergessenen verbannt werden könnte.“

„Was ihm ganz recht geschehen würde!“ warf hier Brummhuber ein.

„Nein, das wollen wir ihm eben zu ersparen suchen. Möge er unter ähnlichen

Bedingungen wie bisher hier weiter leben! Dieses Bewußtsein läßt uns später

mit reineren Gefühlen an den Freund zurückdenken und wirft keinen Schatten

auf die Erinnerung an unsere schöne Aufenthaltszeit hier oben. Nun wohl, so

lassen Sie mich, bitte, gewähren! Ich rede nachher mit Eran und suche mit ihm

zusammen das Unangenehme möglichst gut zu ordnen.“

„Stiller, Sie beschämen uns, Sie sind ein braver Kerl — der Beste von uns!“

Piller schneuzte sich sehr kräftig nach diesen Worten . . .

„O nein, mein Lieber! Ich war nur nicht umsonst hier oben unter diesen

prächtigen, hoch denkenden und handelnden Menschen. Sie sehen nur, daß ich

von ihnen etwas gelernt habe.“

„Wenn einer oben zu bleiben wirklich würdig wäre, so wären Sie es, Stiller!“

rief begeistert Hämmerle.

„Lassen wir das!“ wehrte Stiller ab. „Und nun will ich mit Eran Rücksprache

nehmen.“ Ohne das geringste Zeichen des Erstaunens zu zeigen oder einen Laut

der Verwunderung hören zu lassen, vernahm der ehrwürdige Alte den Bericht

Stillers.

„Auch ich finde, daß du wohl daran tust, deinen Bruder nicht zu zwingen, die

Rückreise mit euch anzutreten. Ein jeder Mensch hat bis zu einem gewissen

Grade das Recht der Selbstbestimmung. Aber dieses Recht schließt nicht das

Unrecht eures flüchtigen Bruders aus, das ich in der Art und Weise erblicke, wie

er sein Hierbleiben durchsetzen will. Laß ihn aber nur hier und zieh mit deinen

Brüdern hinab auf die Erde! Wir werden mit Friedolin nicht allzu scharf ins Gericht gehen.“

„Darüber möchte ich eben beruhigt werden, ehrwürdiger Eran.“

„Sei deshalb ohne Sorge! Taucht er nach eurer Abreise auf, so werde ich ihn

persönlich nach Angola bringen und bei Anan Fürsprache für den Sünder

einlegen. Aber eine kleine Strafe muß sein. Ich habe bereits über ihre Art

nachgedacht.“

„Worin soll sie bestehen?“ fragte neugierig geworden Stiller.

„Friedolin soll uns ein Wörterbuch eurer Sprache schreiben. Ihr habt uns ja als

Andenken einige Werke eurer hervorragendsten heimischen Dichter und Denker

geschenkt. Nun gut, wir wollen diese Werke in der Originalsprache lesen, um

uns ein klares Bild von euren Meistern machen zu können. Dazu brauchen wir

aber ein Wörterbuch.“

„Diese Strafe lasse ich mir gefallen. Freund Friedolin wird die ihm gestellte

Aufgabe zu eurer Zufriedenheit lösen, davon bin ich überzeugt.“

Damit war der Fall Frommherz erledigt. Stiller setzte seine Gefährten von

dem Ergebnis der Besprechung in Kenntnis, und die Herren priesen von neuem

die Güte und Nachsicht Erans, des wackern Patriarchen.

Nach der Zeitrechnung der Erde, die Stiller auch auf dem Mars unter

genauester Berücksichtigung der Unterschiede in den täglichen

Umdrehungszeiten von Mars und Erde weitergeführt hatte, war heute der

siebente März herangekommen und mit ihm die Stunde der Abfahrt.

Eran hatte darauf bestanden, die sechs Erdensöhne zum Weltensegler zu

begleiten. Auch Lumatas erwachsene Bevölkerung zog mit. Ernstes Schweigen,

der Ausdruck ehrlichen Schmerzes über die Trennung, herrschte in der ganzen

Schar. So schritten sie wortlos dahin zu der Wiese, auf der sich der Weltensegler

in der klaren und reinen Luft des heraufziehenden Tages schaukelte.

„Nehmen wir kurz und rasch Abschied, vergrößern wir nicht das Weh der

Trennung durch weitere Worte!“ sprach Eran, einen der Schwaben nach dem

andern umarmend. „Möge ein gutes Geschick eure Heimreise begleiten! Kommt

glücklich in eurer Heimat an.“

Ein Händedruck noch, ein Winken von allen Seiten, und die kühnen

Weltensegler stiegen in die Gondel. Die Taue wurden gelöst, langsam und stolz,

begrüßt von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, begann sich der Ballon

zu heben. Da kam eilenden Laufes Friedolin Frommherz daher. Die Menge

machte ihm Platz.

„Lebt wohl, Freunde!“ rief er mit lauter Stimme. „Nochmals: verzeiht mir, daß

ich bleibe und nicht mit euch zurückkehre! Reist glücklich und grüßt, mir mein

teures Schwabenland!“

Aber die Herren in der Gondel hörten nur noch schwach, was ihnen Frommherz nachrief. Zu antworten vermochten sie nicht mehr. In immer

rascherem Fluge entfernte sich der Weltensegler von dem wunderbaren Planeten

und schwebte bald im dunkeln, kalten Weltenraum.