Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars
Sechstes Kapitel Im Reiche der Vergessenen
Sechstes Kapitel
Im Reiche der Vergessenen
Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück.
Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die ernste,
schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten beschäftigte.
„Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür
gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß
wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,“ äußerte sich eines Tages
Piller zu seinem Kollegen Stiller.
„Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir dieses
unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende Gastfreundschaft, für die
wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu zeigen vermögen, zuwider zu
werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das Fortgehen denken, denn bis ans
Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier oben sitzen bleiben.“
„Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr
schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so graut
es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden, darüber kann
und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den Zeitpunkt. Warten
wir’s noch ab!“ antwortete Piller.
„In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus, lieber
Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie möglich
jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.“
„Glaub’s wohl!“ lachte Piller laut auf. „Unser lieber Freund Friedolin ist
überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets
Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im
Grunde genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben
möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist klar.
Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.“
„So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres Weltenseglers,
für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam, aber gründlich
werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.“
„Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur
gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!“
„Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,“ sagte lächelnd Stiller.
In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke,
in kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch. Auf
einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der eigentlichen
Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten gelangt. Es
mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier wohlgepflegte Nadel-
und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen und schönen,
dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich dazwischen, und
ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch den Eindruck einer
alpinen Landschaft.
Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine
Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten
merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen Brüder
abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche kleine Kolonien
auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die Kolonisten hießen
die „Vergessenen“, weil ihre Namen vorübergehend oder auch dauernd von den
Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.
„Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen
ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?“ fragte Dubelmeier.
„Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,“ wurde dem
Frager erklärt.
„Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,“ antwortete
Dubelmeier. „Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die
Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?“
„In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.“
„Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen,
und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die größte
Verlegenheit,“ rief Piller voll Erstaunen.
„Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,“ antwortete mit überlegenem
Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.
„Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus
seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,“ warf Hämmerle ein.
„Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind
nur wir allein maßgebend,“ entgegnete Varan ernst.
„Ohne Zweifel!“ gab Stiller zu.
„Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?“ forschte
Frommherz.
„Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden
kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns doch
noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen Zeit der
Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr in die
engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur wenige
machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht unser Bruder
ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er hingebracht wurde,
und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen zu widmen.“
„Worin besteht diese Arbeit?“ fragten die Herren.
„In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle: eine
ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter Erfüllung
unsere Gesamtexistenz abhängt.“
„Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?“
„Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr.
Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen
wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue
Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,“
schloß Varan seine Auseinandersetzungen.
„Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben,
wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder
Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,“ rief Stiller voll
Enthusiasmus. „Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch höchst
bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll Glanz und
Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein vollkommen ist.“
„Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf
der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf die
Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,“ antwortete Dubelmeier.
„Sehr richtig!“ bestätigte Frommherz. „Mir persönlich kommt hier oben alles
vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies gefunden,
von dem man bei uns träumt.“
„Sie Schwärmer!“ erwiderte lachend Piller. „Besser ist die Marswelt
entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen, wie
es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber, lieber
Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder hinunter
nach Tübingen.“
„Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,“ stotterte Frommherz erbleichend.
„Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende,
nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!“ Professor Piller mußte sich
nach diesen Worten heftig schneuzen.
„Aber die entsetzliche Reise!“ jammerte Frommherz. „Haben Sie denn schon
so vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?“
„Lieber Frommherz, es m u ß sein,“ entgegnete Stiller. „Wir sind nun bald
zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen. Übrigens
wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer Abreise
rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns richtete,
enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl und auch
unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar bald.
Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch anstrengender
für uns werden als die Herfahrt, aber — es muß sein!“
„Aber — aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?“
„Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen, und
wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle, Sie
leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich uns
der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird, denn
wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit unseres
Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,“ entschied Stiller.
Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe
Antwort, ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle
verlauten; er verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust.
In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn
Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit seine
schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige
Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas
abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei
diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des
Bergsteigers wieder geweckt.
„Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars
jenem prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der
Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine außerordentlich
schöne Aussicht haben,“ sprach Dubelmeier zu seinen Gefährten.
„Ich komme mit,“ entschied Stiller kurz entschlossen.
„Ich auch!“ erklärte Piller. „Wie heißt der Berg, Varan?“
„Der Berg des Schweigens.“
„Ein merkwürdiger Name!“ meinte Stiller. „Wer kommt sonst noch mit?“
Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht
entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon zurück.
Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde abwarten sollten.
Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane und vergaß auch nicht
die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen erforderlichen Gegenstände. In
Begleitung von drei Marsiten reisten die Herren ab. Ein Motorboot brachte sie
auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß des Berges, der sich beim
Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte. Dubelmeier schätzte seine
Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend Meter.
Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien
möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück Arbeit.
Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den schwarzen Sand des
verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in ermüdendem Steigen, bis die
Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze gelangten. Hier wurde Halt
gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die gesunkenen Kräfte der Bergsteiger
wieder heben. Erst jetzt konnten die Herren erkennen, wie hoch sie schon
gekommen waren, denn bei dem mühsamen Stampfen durch den lockern Boden
hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu halten.
Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei
Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich
im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton, der
die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich
vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches. Alles
schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille geschlagen zu sein,
und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch die Erdensöhne waren
schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken beschäftigt, starrte jeder der
Männer vor sich hin.
„Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das
Panorama da unten vergleichen soll,“ unterbrach Stiller das Schweigen.
„Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile. Hier
wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz ähnlich ist der
Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen und
Wasserstraßen.
Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des
Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,“ entgegnete der vielgereiste
Dubelmeier.
„Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll
wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine hehre
Offenbarung entgegen,“ rief Stiller begeistert.
Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr
kräftig.
„Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel
gegen — na, sagen wir Gemütsattacken.“ Damit ergriff Piller eine Flasche,
schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem
Schluck leer.
Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille,
leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen Schnee
langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe Rubintinten am
östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als Schwabens Söhne
endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten. Einem Glutballe gleich
stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre Strahlen über Berge und Täler.
Ein Rundblick von überwältigender Großartigkeit lohnte die Männer für ihre
Anstrengungen des Aufstiegs.
Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend.
Er war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin
schweiften die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten
Gegenstände schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe
gerückt. In weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit
Hilfe der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße,
bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich
schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese
eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten.
„Das ist ja der Nordpol des Mars!“ entfuhr es plötzlich den Lippen Stillers.
Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der
Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht
hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die deutlich
wahrnehmbare Abrundung.
„Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf
einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen
Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!“ sprach Herr Stiller. „Wie wird dieses
Bild erst bei Nacht sein!“
„Wie meinen Sie das?“ forschte Dubelmeier.
„Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,“
erwiderte Stiller.
„So bleiben wir so lange hier!“ entschied Piller. „Aber sehen sie einmal,
meine Freunde, was ist denn da unten?“
Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen
lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans ein
See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine Ufer.
„Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt
sich das?“ fragte Piller. „Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins andere
zu fallen!“
„Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!“ entgegnete
Stiller lächelnd. „Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den
Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!“
Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der
Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der
Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war gleichfalls
warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das wunderbar
klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack ließ den
Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem tiefroten Teppich
bedeckt erschien.
„Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier
hineingeschüttet worden wäre,“ äußerte sich Piller zu seinem Kollegen Stiller.
„Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees
niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark eisenhaltig,“
entgegnete Stiller.
„Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem
Wasser erklärlich.“
Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden
Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen
Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren
vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.
Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater
und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als der
Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder hinauf
zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die Forscher den
Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht aufgegangen.
Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen Morgen gesehen,
begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker. Schließlich fuhren
feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren Horizonte einen Halbkreis
und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel der Farben vom blendenden
Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden mit dem Wachsen und
Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild von vollendeter
Schönheit.
„Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer
Expedition nach dem Berge des Schweigens,“ sprach Stiller zu seinen Freunden,
als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen helleuchtenden Monde
des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.
„Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle, selbst
die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der Monde da
unten hervor!“
Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf dessen
Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach gebrochen
tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der Tiefe des Berges
emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers ihr neckisches
Spiel trieben.
Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle
Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint mit
ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.