Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Albert Daiber · Kapitel 8 von 12

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Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Sechstes Kapitel Im Reiche der Vergessenen

Sechstes Kapitel

 

Im Reiche der Vergessenen

 

Mit gemischten Gefühlen kehrten die Herren von Angola nach Lumata zurück.

Sollten sie auf dem Mars bleiben oder sollten sie gehen? Das war die ernste,

schwerwiegende Frage, die sie in den folgenden Monaten beschäftigte.

„Wenn uns die Marsiten in Angola auch nicht geradezu den Stuhl vor die Tür

gesetzt haben, so haben sie uns doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß

wir unsere sieben Sachen zusammenpacken sollen,“ äußerte sich eines Tages

Piller zu seinem Kollegen Stiller.

„Sie haben recht! Und ich muß Ihnen auch aufrichtig erklären, daß mir dieses

unproduktive Leben, diese an uns geübte weitgehende Gastfreundschaft, für die

wir uns auch nicht im geringsten erkenntlich zu zeigen vermögen, zuwider zu

werden anfängt. Einmal müssen wir doch an das Fortgehen denken, denn bis ans

Ende unserer Tage können wir wohl nicht hier oben sitzen bleiben.“

„Hm, hm, gerne gehe ich von Lumata nicht fort; es wird mir wirklich sehr

schwer! Denke ich nur an unsere Herreise mit allen ihren Beschwerden, so graut

es mir förmlich vor einer Rückkehr. Aber diese muß stattfinden, darüber kann

und darf kein Zweifel bestehen. Es handelt sich nur um den Zeitpunkt. Warten

wir’s noch ab!“ antwortete Piller.

„In ähnlicher Weise wie Sie sprechen sich auch die andern Freunde aus, lieber

Piller. Nur Frommherz macht eine Ausnahme. Der weicht soviel wie möglich

jeder Erörterung aus, die die Rückkehr zum Gegenstand hat.“

„Glaub’s wohl!“ lachte Piller laut auf. „Unser lieber Freund Friedolin ist

überglücklich, hier oben weilen zu dürfen, und bekommt stets

Herzbeklemmungen, wenn wir von einer Heimreise zu reden beginnen. Im

Grunde genommen kann ich es ihm nicht verübeln, wenn er dauernd hierbleiben

möchte. Aber aufhören muß einmal diese Art von Schlaraffenleben, das ist klar.

Darin stimme ich Ihnen also völlig bei, Stiller.“

„So bleiben wir einstweilen noch hier und nützen unsere Zeit möglichst gut aus. Inzwischen sorge ich für die tadellose Ausbesserung unseres Weltenseglers,

für Bereitstellung des geeigneten Proviantes usw. Langsam, aber gründlich

werde ich die Vorbereitungen zu unserer Abreise treffen.“

„Und vergessen Sie mir nicht den feinen goldenen Tropfen! Nehmen Sie nur

gleich, bitte, einen anständigen Vorrat davon mit in die Gondel!“

„Soll geschehen, Sie ewig Durstiger,“ sagte lächelnd Stiller.

In freundlichem, angenehmem Verkehr mit dem liebenswürdigen Marsvolke,

in kleinen und größeren Ausflügen und Reisen verfloß die Zeit nur zu rasch. Auf

einem ihrer Streifzüge waren sie auch weiter hinaus aus der eigentlichen

Bevölkerungszone in die nördliche, kühlere Region des Planeten gelangt. Es

mutete die Forscher ordentlich heimatlich an, als sie hier wohlgepflegte Nadel-

und Laubholzwaldungen neben saftigen, grünen Wiesen und schönen,

dunkelblauen Seen fanden. Hohe Gebirgszüge schoben sich dazwischen, und

ihre mit Schnee bedeckten höheren Gipfel verstärkten noch den Eindruck einer

alpinen Landschaft.

Hier stießen sie auch auf zerstreute, weit auseinander liegende kleine

Kolonien von Marsiten, deren ernstes, wortkarges Wesen und Auftreten

merkwürdig von der heiteren und frohen Lebensauffassung ihrer übrigen Brüder

abstach. Auf ihr Befragen erfuhren die Gelehrten, daß ähnliche kleine Kolonien

auch in der südlichen kühlen Zone des Mars beständen. Die Kolonisten hießen

die „Vergessenen“, weil ihre Namen vorübergehend oder auch dauernd von den

Tafeln der Marsstämme gestrichen worden seien.

„Dann sind es somit Verbrecher, die, von der Gemeinschaft der übrigen

ausgestoßen, hier oben ihre Strafe abzubüßen haben?“ fragte Dubelmeier.

„Wir kennen nur Gesetzesübertreter, keine andern Missetäter,“ wurde dem

Frager erklärt.

„Nun, schließlich kommt dies ja auf das gleiche heraus,“ antwortete

Dubelmeier. „Worin besteht denn bei euch die Gesetzesübertretung, die die

Strafe der Verbannung in diese Gegenden nach sich zieht?“

„In mangelhafter Erfüllung der allgemeinen Pflichten und Obliegenheiten.“

„Da müßte man bei uns auf der Erde neun Zehntel aller Menschen verbannen,

und wir kämen des Platzes wegen für diese Menge von Verbannten in die größte

Verlegenheit,“ rief Piller voll Erstaunen.

„Wir sind auch nicht auf eurem Planeten,“ antwortete mit überlegenem

Lächeln Varan, der Führer der Reisebegleitung.

„Aber es ist doch grausam, kleinerer Verstöße wegen einen Mitmenschen aus

seiner ihm trauten und gewohnten Umgebung zu reißen,“ warf Hämmerle ein.

„Über die Art der Verstöße gegen unsere Lebensvorschriften zu richten, sind

nur wir allein maßgebend,“ entgegnete Varan ernst.

„Ohne Zweifel!“ gab Stiller zu.

„Aber Verzeihung ist die Krone der Liebe! Verzeiht ihr nicht auch?“ forschte

Frommherz.

„Gewiß! Aber es gibt Vergehen, für die niemals Verzeihung gewährt werden

kann. Sie sind zwar äußerst selten, diese Fälle, aber sie kommen bei uns doch

noch hier und da vor. Die Vergessenen erhalten nach einer gewissen Zeit der

Prüfung meist ihre Namen wieder. Es steht ihnen dann die Rückkehr in die

engere Heimat und der Wiedereintritt in ihren Stamm frei. Aber nur wenige

machen von dieser Erlaubnis Gebrauch. Einmal ausgestoßen, zieht unser Bruder

ohne Namen es für gewöhnlich, vor, da zu bleiben, wo er hingebracht wurde,

und sein Leben in strenger Arbeit dem Wohle der übrigen zu widmen.“

„Worin besteht diese Arbeit?“ fragten die Herren.

„In tadelloser Instandhaltung der hier ihren Ursprung nehmenden Kanäle: eine

ebenso wichtige wie schwierige Aufgabe, von deren gewissenhafter Erfüllung

unsere Gesamtexistenz abhängt.“

„Und wer sorgt für den Unterhalt der Vergessenen?“

„Sie selbst. Sie treiben nebenbei Viehzucht, Ackerbau und dergleichen mehr.

Kommt einmal die Zeit, wo es keine Vergessenen mehr bei uns gibt, so müssen

wir eben selbst diese Arbeiten ausführen. Darüber liegen bereits genaue

Bestimmungen vor, denn unsere Vergessenen vermindern sich mehr und mehr,“

schloß Varan seine Auseinandersetzungen.

„Wunderbar glücklicher Planet, dieser Mars! Sogar die Missetäter hier oben,

wenn man sie nach unseren Begriffen so bezeichnen darf, werden wieder

Wohltäter durch ihre Leistung für das große Ganze,“ rief Stiller voll

Enthusiasmus. „Und doch erfüllt es mich mit einer gewissen, wenn auch höchst

bescheidenen, Genugtuung, daß auf dem Mars dieses Lebensbild voll Glanz und

Licht einen kleinen Schatten hat, daß es auch nicht rein vollkommen ist.“

„Vollkommen oder unvollkommen sind Begriffe, die wir uns selbst unten auf

der Erde geformt haben, und die wir im Sinne ihrer Bedeutung für uns auf die

Zustände hier oben nicht anwenden dürfen,“ antwortete Dubelmeier.

„Sehr richtig!“ bestätigte Frommherz. „Mir persönlich kommt hier oben alles

vollkommen, alles ganz wunderschön vor. Hier habe ich das Paradies gefunden,

von dem man bei uns träumt.“

„Sie Schwärmer!“ erwiderte lachend Piller. „Besser ist die Marswelt

entschieden als die unsere, und unsere Erde die beste der Welten zu nennen, wie

es allgemein geschieht, ist daher nichts als platter Unsinn. Aber, lieber

Frommherz, bald müssen Sie aus Ihrem Paradiese heraus und wieder hinunter

nach Tübingen.“

„Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Piller,“ stotterte Frommherz erbleichend.

„Bitterer Ernst, mein Freund! Die schönen Marstage gehen nun bald zu Ende,

nicht nur für Sie, nein, auch für uns, leider, leider!“ Professor Piller mußte sich

nach diesen Worten heftig schneuzen.

„Aber die entsetzliche Reise!“ jammerte Frommherz. „Haben Sie denn schon

so vollständig die ungeheuren Mühseligkeiten unserer Herreise vergessen?“

„Lieber Frommherz, es m u ß sein,“ entgegnete Stiller. „Wir sind nun bald

zwei Jahre Gäste hier, und auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen. Übrigens

wissen Sie auch ganz genau, daß die Marsbewohner mit unserer Abreise

rechnen. Ich glaube, die Worte, die damals Anan in Angola an uns richtete,

enthielten deutlich genug den Wink zum Fortgehen. Unser Ehrgefühl und auch

unsere Dankbarkeit erfordern, daß wir den Mars verlassen und zwar bald.

Gewiß, die Rückreise ist mühselig, sie wird möglicherweise noch anstrengender

für uns werden als die Herfahrt, aber — es muß sein!“

„Aber — aber könnte nicht ich wenigstens zurückbleiben?“

„Es geht nicht! Es ist nicht gut möglich! Wir sind miteinander gekommen, und

wir müssen daher auch wieder miteinander gehen. Das ist klar. Wir alle, Sie

leider ausgenommen, sind darüber einig, daß wir gehen müssen, obgleich uns

der Abschied von diesem herrlichen Planeten wahrlich schwer genug wird, denn

wir haben ohne Zweifel auf ihm die schönste und an Genuß reinste Zeit unseres

Lebens zugebracht. Einen Drückeberger darf es nicht geben,“ entschied Stiller.

Etwas beschämt über diese wie eine Zurechtweisung klingende herbe

Antwort, ließ Frommherz nichts mehr über die ihn bewegenden Gefühle

verlauten; er verschloß sie von jetzt ab fest in seiner Brust.

In dem landschaftlichen Bilde, das sich hier den Augen bot, fiel Herrn

Dubelmeier ein stattlicher Berg auf, der isoliert in stolzer Einsamkeit seine

schneebedeckten Gipfel gen Himmel streckte. Der ganze pyramidenartige

Aufbau des Berges verriet seinen vulkanischen Ursprung. Von seiner etwas

abgestumpften Spitze aus mußte man eine großartige Fernsicht genießen. Bei

diesem Gedanken war in Herrn Dubelmeier die alte Leidenschaft des

Bergsteigers wieder geweckt.

„Wie wäre es, wenn wir zum Schlusse unseres Aufenthaltes auf dem Mars

jenem prächtigen Berge da drüben einen Besuch abstatten würden? Bei der

Beschaffenheit der Marsatmosphäre dürften wir dort oben eine außerordentlich

schöne Aussicht haben,“ sprach Dubelmeier zu seinen Gefährten.

„Ich komme mit,“ entschied Stiller kurz entschlossen.

„Ich auch!“ erklärte Piller. „Wie heißt der Berg, Varan?“

„Der Berg des Schweigens.“

„Ein merkwürdiger Name!“ meinte Stiller. „Wer kommt sonst noch mit?“

Aber die vier übrigen Schwabensöhne konnten sich zu der Tour nicht

entschließen. Eine gewisse Mattigkeit und Abspannung hielt sie davon zurück.

Man kam überein, daß sie hier die Rückkehr der drei Freunde abwarten sollten.

Varan sorgte für alle Bedürfnisse der kleinen Karawane und vergaß auch nicht

die passenden Kleidungsstücke und die sonstigen erforderlichen Gegenstände. In

Begleitung von drei Marsiten reisten die Herren ab. Ein Motorboot brachte sie

auf einem der Kanäle rasch bis zum Fuß des Berges, der sich beim

Näherkommen immer mehr als ein Riese entpuppte. Dubelmeier schätzte seine

Höhe über der Talsohle auf ungefähr dreitausend Meter.

Steil fiel er von allen Seiten ab, und es war nur in langen Zickzacklinien

möglich, zu ihm emporzuklimmen. Es war dies ein beschwerliches Stück Arbeit.

Bei jedem Schritt sank der Fuß bis über den Knöchel in den schwarzen Sand des

verwitterten Lavafeldes ein. Stunden vergingen in ermüdendem Steigen, bis die

Herren endlich in die Nähe der Schneegrenze gelangten. Hier wurde Halt

gemacht. Einige Stunden der Ruhe sollten die gesunkenen Kräfte der Bergsteiger

wieder heben. Erst jetzt konnten die Herren erkennen, wie hoch sie schon

gekommen waren, denn bei dem mühsamen Stampfen durch den lockern Boden

hatten sie keine Zeit gehabt, Umschau zu halten.

Während die Marsiten einen Imbiß herrichteten, betrachteten die drei

Schwaben das zu ihren Füßen sich ausbreitende parkartige Panorama, das sich

im Lichte der untergehenden Sonne golden spiegelte. Kein Laut, kein Ton, der

die Anwesenheit noch anderer belebter Wesen verraten hätte, ließ sich

vernehmen, nicht einmal das Rauschen eines talwärts strebenden Baches. Alles

schien an diesem Berge in die starren Fesseln völliger Stille geschlagen zu sein,

und der Berg trug daher seinen Namen mit Recht. Auch die Erdensöhne waren

schweigsam. Still mit den eigenen Gedanken beschäftigt, starrte jeder der

Männer vor sich hin.

„Ich besinne mich vergeblich, mit welcher Landschaft auf der Erde ich das

Panorama da unten vergleichen soll,“ unterbrach Stiller das Schweigen.

„Mich erinnert es in etwas an den Vulkan Villa rica im südlichen Chile. Hier

wie dort ragt ein gleicher Bergkegel aus der Ebene hervor. Ganz ähnlich ist der

Ausblick auf dunkelgrüne Waldungen und hellglitzernde Seen und

Wasserstraßen.

Dazu kommt noch hier wie dort die durchsichtige Luft, die satte Bläue des

Himmels und die geheimnisvolle Stille der Natur,“ entgegnete der vielgereiste

Dubelmeier.

„Das kann ich nicht beurteilen. Aber ein Bild voll tiefen Friedens, voll

wohltuender Anmut und Schönheit bleibt das Marsland auch von hoher Warte aus. Von wo aus man es auch betrachten mag, überall tritt es uns wie eine hehre

Offenbarung entgegen,“ rief Stiller begeistert.

Bei diesen Worten seines Kollegen schneuzte sich Piller wieder einmal sehr

kräftig.

„Recht haben Sie, Stiller! Doch hier kommt Speise und Trank, gute Mittel

gegen — na, sagen wir Gemütsattacken.“ Damit ergriff Piller eine Flasche,

schenkte sich von dem edlen Marsweine ein und trank das Glas mit einem

Schluck leer.

Die Nacht war herangekommen. Phobos und Deimos zogen ihre stille,

leuchtende Bahn, als die Karawane aufbrach, um auf dem festgefrorenen Schnee

langsam den Weg zur Spitze des Berges emporzuklettern. Tiefe Rubintinten am

östlichen Himmel kündigten den Aufgang der Sonne an, als Schwabens Söhne

endlich glücklich den Gipfel des Berges erreicht hatten. Einem Glutballe gleich

stieg bald darauf die Sonne empor und warf ihre Strahlen über Berge und Täler.

Ein Rundblick von überwältigender Großartigkeit lohnte die Männer für ihre

Anstrengungen des Aufstiegs.

Der Berg des Schweigens überragte die übrigen Höhenzüge ganz bedeutend.

Er war die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre. Weithin

schweiften die Blicke völlig frei und unbehindert. Selbst die fernsten

Gegenstände schienen, dank der dünnen, klaren Luft, dem Auge greifbar nahe

gerückt. In weiter, weiter Ferne nach Norden zu konnten die drei Gelehrten mit

Hilfe der scharfen Marsteleskope, die sie mit sich führten, eine weiße,

bogenförmige Linie erkennen. Diese grenzte scharf und deutlich den bläulich

schimmernden Horizont ab. Die Herren wußten zunächst nicht, wofür sie diese

eigenartige Linie, die ein erstarrtes Eismeer einschloß, halten sollten.

„Das ist ja der Nordpol des Mars!“ entfuhr es plötzlich den Lippen Stillers.

Eine große Erregung bemächtigte sich der Beobachter: der Hauch der

Unendlichkeit wehte ihnen hier entgegen. Ein solches Ergebnis der Fernsicht

hatten sie nicht erwartet. Immer und immer wieder betrachteten sie die deutlich

wahrnehmbare Abrundung.

„Kein, Zweifel, es ist der Nordpol. Wie wunderbar, daß unsere Augen auf

einem andern Planeten das schauen dürfen, was auf der Erde bis jetzt, allen

Versuchen zum Trotz, niemandem gelang!“ sprach Herr Stiller. „Wie wird dieses

Bild erst bei Nacht sein!“

„Wie meinen Sie das?“ forschte Dubelmeier.

„Nun, ich denke an die feurigen elektro-magnetischen Polausströmungen,“

erwiderte Stiller.

„So bleiben wir so lange hier!“ entschied Piller. „Aber sehen sie einmal,

meine Freunde, was ist denn da unten?“

Stiller und Dubelmeier drehten sich um. Etwa zweihundert Meter unter ihnen

lag, hell beschienen vom Lichte des Tages, im Krater des früheren Vulkans ein

See von heller, smaragdgrüner Farbe. Blühende Blumen umsäumten seine Ufer.

„Blumen und Wasser, Eis und Schnee, merkwürdige Kontraste! Wie verträgt

sich das?“ fragte Piller. „Wir scheinen ja hier oben von einem Wunder ins andere

zu fallen!“

„Auf dem Mars hat das Merkwürdige überhaupt kein Ende!“ entgegnete

Stiller lächelnd. „Doch untersuchen wir die Sache, und steigen wir hinab in den

Krater, der nebenbei noch ein ausgezeichneter Lagerplatz sein dürfte!“

Bald waren die Herren unten am See. Da, wo der Schnee aufhörte und der

Pflanzenwuchs einsetzte, fühlte sich der Boden warm an, ein Beweis, daß der

Vulkan noch nicht gänzlich erloschen war. Das Wasser des Sees war gleichfalls

warm und zeigte eine Temperatur von dreißig Grad Celsius. Das wunderbar

klare, nahezu durchsichtige Wasser von etwas salzigem Geschmack ließ den

Boden des tiefen Sees deutlich erkennen, der wie mit einem tiefroten Teppich

bedeckt erschien.

„Das sieht ja aus, als ob ein schwerer mineralischer Farbstoff hier

hineingeschüttet worden wäre,“ äußerte sich Piller zu seinem Kollegen Stiller.

„Es scheint Eisenoxyd zu sein, das sich auf dem Boden des Sees

niedergeschlagen hat. Wahrscheinlich war das Wasser einst stark eisenhaltig,“

entgegnete Stiller.

„Das mag sein. Dadurch ist auch das Fehlen jeglichen Tierlebens in dem

Wasser erklärlich.“

Die Herren betrachteten nun die in Fülle am Uferrande wachsenden blühenden

Pflanzen. Es war ein bunter, duftender Blumenteppich, der einen anmutigen

Eindruck auf die Erdensöhne machte. Alle möglichen Arten von Pflanzen waren

vertreten, die mit denen der alpinen Regionen der Erde verwandt waren.

Mit Behagen genossen die Herren die Stunden des Tages hoch oben im Krater

und bedauerten nur, daß die andern Freunde nicht auch anwesend waren. Als der

Abend gekommen war, stiegen sie, wohl eingehüllt in ihre Pelze, wieder hinauf

zur Spitze. Tiefes Dunkel lag bereits über dem Marsland, als die Forscher den

Rand des Kraters erreichten. Die Marsmonde waren noch nicht aufgegangen.

Aber in der Richtung des Nordpoles, den die Freunde diesen Morgen gesehen,

begann es aufzublitzen, zuerst langsam, dann immer stärker. Schließlich fuhren

feurige Strahlen empor, bildeten über dem polaren Horizonte einen Halbkreis

und verschwanden wieder. Ein herrlicher Wechsel der Farben vom blendenden

Rotgold bis zum leuchtenden Saphirblau, verbunden mit dem Wachsen und

Schwinden der zuckenden Strahlen, erzeugten ein Bild von vollendeter

Schönheit.

„Diese glänzende Naturerscheinung ist ein würdiger Abschluß unserer

Expedition nach dem Berge des Schweigens,“ sprach Stiller zu seinen Freunden,

als das Polarlicht durch die inzwischen emporgestiegenen helleuchtenden Monde

des Mars mehr und mehr zurückgedrängt wurde.

„Ja, hier oben auf dem Mars ist alles lichtvoll, voll freundlicher Helle, selbst

die Nacht. Welch zauberhaft schöne Reflexe bringt das Licht der Monde da

unten hervor!“

Mit diesen Worten wies Piller hinunter auf den stillen Kratersee, auf dessen

Wasser die zitternden Strahlen der beiden Monde tausendfach gebrochen

tanzten. Es war, als ob mit Leuchtkraft begabte Wesen aus der Tiefe des Berges

emporgestiegen wären und nun an der Oberfläche des Wassers ihr neckisches

Spiel trieben.

Im Mondschein traten die drei wackeren Schwaben, um eine wertvolle

Marserinnerung reicher, einige Stunden später den Abstieg an, um vereint mit

ihren vier Kollegen wieder nach Lumata zurückzukehren.